"You were standing in the wake of devastation,
And you were waiting on the edge of the unknown.
And with the cataclysm raining down,
Insides crying, "Save me now",
You were there, impossibly alone..."
– Linkin Park, 'Iridescent'.
Einige Abende später machte sich Hermine wieder auf den Weg in den Krankenflügel. Letztendlich hatte sie nachgegeben und ein Treffen des, wie sie sie in ihrem Kopf zu nennen begonnen hatte, Team Snape einberufen. Phineas befand sich im Kerker und beobachtete momentan Snape, da er heute nicht gerufen zu werden schien. Hermine machte es sich mit einer Tasse Tee in Madam Pomfreys Büro gemütlich, als sich Dilys in ihrem gewohnten Rahmen zu ihnen gesellte.
„Also, was beschäftigt Sie heute Abend?", fragte die Schwester ruhig. „Ich weiß, es ist nicht Ihr Studium – welches im Übrigen sehr gut läuft."
Sie lächelte trotz ihrer Sorgen. „Danke, aber nein, das ist nicht der Grund warum ich mit Ihnen beiden reden möchte. Ich mache mir Sorgen um Professor Snape. Mehr als gewöhnlich, meine ich."
„Ist Ihnen noch etwas Neues aufgefallen?"
„Nicht… etwas Neues an sich", lenkte sie ein, „aber die gewöhnlichen Dinge scheinen sich zu verschlechtern. Im Unterricht zum Beispiel blafft er inzwischen jeden an, nicht nur die Leute, die ihn am meisten nerven – sogar seine Slytherins, was er sonst noch nie getan hat. Seine Wut wird immer schlimmer…"
„Er blafft auch Sie an?", fragte Dilys geschwind.
Hermine biss sich auf die Lippe und lächelte reuevoll. „Nun, um fair zu bleiben, im Unterricht macht er das immer oder er ignoriert mich komplett. Außerhalb des Unterrichts… manchmal, ja. Morgens…" Sie zögerte und schielte hinüber zu Madam Pomfrey. „Wissen Sie von…"
„Dem Joggen? Ja, ich weiß, dass Sie letztes Jahr angefangen haben mit ihm zu laufen, und ich bin davon ausgegangen Sie würden so lange weitermachen, wie er es erlauben wird. Keine Sorge, Hermine, Sie machen nichts falsch. Ich denke, es tut Ihnen beiden gut."
„Also, jedenfalls", fuhr sie hastig fort – sie hoffte, die Heilerin wusste nicht alles – „er verhält sich jetzt auch morgens anders. Soweit ich das beurteilen kann ist er noch nie ein Morgenmensch gewesen, aber jetzt ist es keine Frage mehr, ob man gesprächig ist oder nicht. Manchmal glaube ich, ist er gar nicht mehr fähig zu reden. Er hat immer müde ausgesehen, aber jetzt sieht er gefährlich erschöpft aus. Ich versuche nicht sonderlich oft mit ihm zu reden, aber wenn ich es tue, dann scheint er mich gar nicht mehr zu hören und wenn ich mich dann solange wiederhole bis er es tut, blafft er mich an."
Doch nicht nur das, an manchen Morgen schien er vollkommen neben der Spur zu sein. Sie hatte ihn jetzt viel öfters stolpern sehen, als er versuchte sein Gleichgewicht auf Bodenwurzeln oder Steinen zu halten, auf einem Weg, den er eigentlich blind hätte laufen können sollen. Manchmal rutschte er im Matsch aus, etwas, was ihn nicht hätte aufhalten sollen und seinen Schritten mangelte es an ihrem gewohnt leichten Rhythmus. Und in letzter Zeit überließ er ihr oftmals die Führung und folgte ihr nur noch, anstatt anders herum. Er schien seine Umgebung kaum noch wahrzunehmen, was ihm so gar nicht ähnlich sah.
Madam Pomfrey nickte ernst und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, umklammerte ihre Tasse mit beiden Händen. „Seine letzte Nachuntersuchung war am Dienstag und er zeigte deutlich mehr Anzeichen von Stress. Er hat wieder an Gewicht verloren, sein Blutdruck ist gefährlich hoch, seine Muskelschwäche wird schlimmer und seine Reflexe sind bei Weitem nicht mehr dort, wo sie einmal waren. Einige seiner anderen Probleme scheinen sich zu verbessern – er scheint endlich das Trinken aufgegeben zu haben – aber ja, im Allgemeinen wird es schlimmer. Dilys, was haben Sie und Phineas in letzter Zeit mitbekommen?"
„Nichts Gutes", antwortete das Porträt leise. „Uns ist aufgefallen, dass er nicht mehr wirklich isst – er versucht es, aber er scheint keinen Appetit mehr zu haben und für gewöhnlich stochert er nur noch in seinem Essen herum. Er nimmt viel mehr Medikamente ein, Zaubertränke und Muggel-Tabletten…"
„Ich denke, er nimmt auch den Beruhigungstrank", sagte Hermine. „Ich habe ihn in letzter Zeit an ihm gerochen. Zuerst dachte ich, es sei nur seine Kleidung und dass er ihn nur gebraut hätte, aber unser Lager ist voll und ich kann es auch morgens in seinem Atem riechen. Kann man es überhaupt derartig einsetzen?"
„Das kann man, theoretisch, aber man sollte es nicht", seufzte Madam Pomfrey. „Und er weiß das genauso gut wie ich. Wenn er wirklich dermaßen gestresst ist, dann wird er langsam verzweifelt. Was sonst noch, Dilys? Ich weiß, Sie versuchen, ihn so viel möglich zu beobachten."
„Wir denken, seine Schlaflosigkeit nimmt zu", antwortete das Gemälde. „Es ist schwer zu sagen, da es ganz offensichtlich immer dunkel ist und er liegt auch im Bett, aber wir haben beobachtet, wenn er wirklich schläft, dann rollt er sich irgendwann auf die Seite zusammen und das scheint er jetzt nicht mehr zu machen, also denken wir, ist er den Großteil der Nacht wach. Die wenigen Male, wo wir ihn mit Sicherheit haben schlafen sehen, ist er maximal eine Stunde später aus irgendwelchen ziemlich schlimmen Albträumen aufgewacht."
„Okklumentik sollte eigentlich beinahe alle Albträume blockieren", bemerkte Hermine besorgt. „Für jemand, der so stark ist, muss das, was durchdringt, wirklich schrecklich sein…"
„Inzwischen macht er sich nicht einmal mehr die Mühe, überhaupt ins Bett zu gehen. Meistens sitzt er nachts wach, arbeitet oder braut oder liest oder dreht kontinuierlich seine Runden durch das Schloss. Ich denke, er hat seit Wochen nicht einmal vernünftig durchgeschlafen und seine Nerven liegen offensichtlich blank."
„Hängt das irgendwie mit dem zusammen, über das Sie nicht reden dürfen?", fragte Hermine zögernd.
„Wie kommen Sie darauf?"
„Nun, er wird nicht öfters als sonst gerufen und in den Zeitungen steht auch nichts Neues drin und Ron hat nichts von seinen Brüdern gehört, also glaube ich nicht, dass es irgendeine Wendung im Krieg gegeben hat", antwortete sie logisch, bevor sie erneut zögerte. „Außerdem, das ist jetzt vielleicht etwas verworren, aber Harry hat mir erzählt, dass Hagrid ihm gesagt hätte, er hätte Professor Snape und den Schulleiter nach Rons Vergiftung streiten gehört. Hagrid hat nicht viel gehört, aber es ging darum, dass Professor Snape etwas nicht tun wollte und für selbstverständlich angesehen wurde. Ich weiß es nicht."
Dilys starrte mit einem abwesenden Blick durch sie hindurch und Hermine widerstand dem Verlangen zu fluchen. „Sie können noch nicht einmal sagen, ob es stimmt."
„Wenn Sie sich gestritten haben, dann war es nicht im Schloss – gut, anscheinend nicht, wenn Hagrid sie gehört hat. Ich kann dazu nichts sagen. Aber ich weiß, dass es eine… Unterredung gegeben hat."
„Können Sie uns denn überhaupt etwas sagen?", flehte Hermine. „Ich mache mir wirklich große Sorgen um ihn."
„Ich weiß, meine Liebe, und mir tut es wirklich leid, dass ich nicht mehr machen kann. Der arme Severus braucht jemanden der es auch weiß, aber ich bin durch die Verzauberungen an mein Schweigen gebunden und ich kann es nicht brechen. Ich kann Ihnen körperlich nicht sagen um was Albus ihn gebeten hat."
„Hat es irgendwas mit Draco zu tun?", fragte sie. „Können Sie… nicken oder irgendetwas, wenn ich richtig geraten habe?"
„Ich kann Ihnen nicht helfen, Hermine. Glauben Sie mir, ich will es, aber ich kann nicht. Der Schulleiter wird es keinem erzählen, also wenn Sie Severus nicht irgendwie dazu überreden können, werden Sie es bis es passiert, nicht erfahren können."
„Und er wird Ihnen nichts erzählen." Die neue Stimme gehörte Phineas.
„Sie sollten ihn beobachten."
„Er ist an seinem Schreibtisch eingeschlafen", antwortete der Slytherin etwas grimmig. „Oder, was wahrscheinlicher ist, hat vor Erschöpfung das Bewusstsein verloren. Ich hielt es für besser, ihn alleine zu lassen – außerdem wollte ich das hier gerne hören. Bitte, fahren Sie doch fort, Miss Granger, und versuchen Sie es zu entschlüsseln und es aus Severus heraus zu winden. Selbst jemand so Dickköpfiges kann das nicht auf ewig durchalten."
„Wollen Sie wetten?", seufzte sie. „Soweit ich weiß, hat er sich fast vierzig Jahre lang geweigert, sich zu öffnen. Er vertraut niemanden von uns."
„Das denke ich nicht", sagte Madam Pomfrey unerwartet. „Er denkt lediglich, Sie können nichts tun, um ihm zu helfen. Er scheint Ihnen zu vertrauen Hermine – ganz sicher mehr als mir", fügte sie in einem seltsamen Ton hinzu. „Nach beinahe drei Jahrzehnten sollte man denken, dass er mehr Vertrauen zu mir hat, aber bittschön. Ich wünschte, ich wüsste warum."
Hermine blinzelte. „Ich dachte, Sie wüssten es bereits, oder ich hätte was gesagt – ich habe es bereits vor einer ganzen Weile herausgefunden. Ich denke, es ist, weil Sie eine Heilerin sind. Es ist Ihre Aufgabe, sich um ihn zu sorgen, also geht er davon aus, dass das alles ist. Ich habe mich dafür entschieden, also scheint er meiner Motivation mehr zu vertrauen, zumindest glaube ich das."
„Pah! Das klingt ganz nach ihm. Wenn er nicht so aussehen würde, als wenn er jederzeit zusammenklappen würde, dann würde ich ihn eigenhändig erwürgen. Wie kann jemand, der so klug ist, nur so dumm sein? Ich weiß es wirklich nicht", sagte die Heilerin mit solch einer Verzweiflung, dass Hermine ein Kichern nicht unterdrücken konnte, erwidert nur durch Dilys Lachen und selbst Phineas lächelte etwas.
Hermine schielte kurz auf ihren Aufsatz, als sie ihn zurückbekam. Neben der widerwillig geschriebenen 93 in der oberen Ecke standen vier Worte. Komme Sie zu mir. Ironisch lächelte sie. Selbst jetzt noch riefen diese Worte in der Handschrift ihres Lehrers ein panisches Flattern in ihr hervor, als sie automatisch begann sich darüber Gedanken zu machen, was mit ihrem Aufsatz nicht stimmen könnte. Sie wusste, egal, was Snape mit ihr bereden wollte, hatte nichts mit ihren Hausaufgaben zu tun, da er ansonsten alles was er ihr mitteilen wollte, in einer Notiz am Ende verewigt hätte, aber dennoch.
Nachdem die Stunde vorbei war, schlang sie ihre Tasche über ihre Schulter und ging nach vorne zu seinem Schreibtisch, während sich die Klasse langsam leerte, die Schüler mit jedem weiteren Schritt aus diesem unheimlichen Klassenzimmer weniger kleinlaut wurden, bis der Korridor von Lärm erfüllt war. „Sie wollten mich sehen, Sir?"
Ohne von seiner Korrektur aufzublicken, nickte er, griff mit seiner freien Hand nach einem Pergament und reichte es ihr. „Lesen Sie das."
Sie nahm das Pergament entgegen und überflog es flüchtig. Es war eine Auflistung von Ausgangsstoffen und eine Herstellungsanweisung, geschrieben in Snapes enger, krakeliger und in diesem Fall, beinahe unleserlichen Handschrift.
Sie verlagerte ihr Gewicht auf ihre Fersen, las es noch ein paar Mal durch, und runzelte ihre Stirn. Es war eine der kompliziertesten Anweisungen, die sie jemals gelesen hatte, noch schwieriger als der Vielsafttrank oder irgendein anderer Trank, den sie bisher in ihrer UTZe-Klasse gebraut hatte.
„Können Sie es brauen?", fragte Snape den Aufsatz, an dem er gerade arbeitete, mit einer abwesenden Stimme.
„Was ist das für ein Trank, Sir?"
„Wolfsbann, wie Sie bereits richtig erraten haben", antwortete er lakonisch, blickte schließlich durch den Vorhang seiner strähnigen schwarzen Haare zu ihr auf, seine dunklen Augen waren wie immer unleserlich. „Beantworten Sie die Frage, Miss Granger."
Mit eingefangener Unterlippe schaute sie wieder hinunter auf das Pergament in Ihrer Hand. „Ich weiß es nicht, Sir. Vielleicht, wenn Sie mich bei der Herstellung begleiten und mir helfen, wenn ich steckenbleibe."
„Nicht unbeaufsichtigt?"
„Ich würde es nur ungern riskieren, Sir. Es ist schwieriger als alles, was ich bisher gebraut habe, Sir."
Er nickte und lehnte sich seufzend zurück. „Dann müssen wir die Zeit finden, damit die Sie einen Probelauf bekommen können. Gott weiß, wann."
„Warum, Sir?", fragte sie zaghaft, sich bereits sicher, die Antwort gar nicht wissen zu wollen und mit einem Gefühl, dass sie es bereits wusste und er musterte sie mit einem trostlosen Blick, der sich, um die Wahrheit zu sagen, nicht sonderlich von denen unterschied, die sie in letzter Zeit immer zu sehen bekommen hatte.
„Weil sonst noch jemand im Orden dazu fähig sein muss, es zu brauen und ich traue sonst niemanden zu, einen Trank aus dem ersten Jahr zu brauen, ganz zu schweigen von dem hier."
Wenn man etwas schielte, dann war das sogar ein wirklich nettes Kompliment, aber Hermine war viel mehr am ersten Teil des Satzes interessiert, trotz der Tatsache, dass sie bereits seit sechs Jahren auch nur die kleinste Anerkennung von Snape zu bekommen versuchte. „Falls Ihnen etwas zustoßen sollte, Sir?", fragte sie und versuchte einen Riss in seinen Worten zu finden, um ihn dazu zu bringen, sich etwas zu öffnen.
„Wenn mir etwas zustößt", korrigierte er geradewegs mit einem dunklen Blick.
„Sir?", hinterfragte sie und hoffte inbrünstig, dass sie sich irrte.
„Stellen Sie sich nicht dumm, Miss Granger. Sie sind nicht naiv. Die Chancen, dass ich in den nächsten sechs Monaten tot sein werde, stehen ziemlich gut." Sie konnte ihr nach Luft schnappen nicht aufhalten und er verdrehte doch wirklich seine Augen. „Ihr Melodrama ist sowohl unnötig als auch unangebracht."
„Aber… woher wissen Sie das, Sir?", fragte sie schwach. „Ist- ist etwas passiert?"
Kopfschüttelnd zuckte er mit den Schultern, sein Gesichtsausdruck eine Maske der Gleichgültigkeit. „Ich habe aufgehört, mir selbst etwas vorzumachen. Abgesehen von so ziemlich allen Dingen, wissen Sie vermutlich auch, dass diese Position verflucht ist. So oder so werde ich am Ende des Schuljahres verschwunden sein, und die Chancen stehen günstig für mich, getötet zu werden, anstatt auf meine Art zu verschwinden oder einfach meinen früheren Posten wieder aufzunehmen. Selbst ohne das… kommen Sie, Miss Granger. Sie sind für Ihre Intelligenz berühmt, selbst mit Ihrer erst begrenzten Erfahrung in der Kunst des Heilens, müssen Sie doch wissen, wie viel ein menschlicher Körper aushalten kann. Ich kann das nicht für immer durchhalten. Früher oder später werde ich meine Grenzen erreichen und wahrscheinlicher ist früher als später. Und selbstverständlich könnte ich auch erwischt und als Verräter dem Dunklen Lord gegenüber entlarvt werden." Er legte seine Fingerspitzen aneinander und musterte sie nachdenklich. „Was auch immer passieren mag, der Orden wird einen Ersatzbrauer benötigen. Sie sind mehr als fähig, sämtliche Heiltränke zu brauen, aber der Wolfsbann ist wichtig."
Hermine starrte ihn mit taubem Entsetzen an. Das Schlimmste daran war, dass es ihm egal zu sein schien. Er redete über seinen unausweichlichen Tod so ruhig, als ob er gerade das Wetter diskutieren würde. Was zum Teufel versuchte er ihr da gerade zu sagen? Sie wusste, das Zeug darüber seine Grenzen zu erreichen, war schwachsinnig, und sie war nicht überzeugt, dass der Fluch, der auf diesen Posten lag, ihn umbringen würde. Nein, hier ging es um das, zu was Dumbledore ihn gezwungen hatte. Diese trostlose Resignation in seinen Augen sagte ihr klar und deutlich, dass er entschieden hatte, er würde es nicht überleben. Er hatte aufgegeben und das brachte ihn wahrscheinlich um. Gleichzeitig war er aber auch ein Realist und er hasste Voldemort eindeutig mit jeder Faser seines Körpers. Wenn er aufgegeben hatte, dann hieß das, seine Überlebenschancen lagen wirklich irgendwo bei null.
Seufzend bedachte er sie mit einem verzweifelten Blick. „Sehen Sie mich nicht so an, Mädchen. Ich sage Ihnen nichts, was Sie nicht bereits wissen. Es ist wohl kaum meine Schuld, wenn Sie sich bisher geweigert haben, es sich auch einzugestehen."
„… so sollte es aber nicht sein", wisperte sie, krallte ihre Hände in den Stoff ihrer Robe und versuchte das Zittern aufzuhalten, während ihre Augen brannten. Sein Blick war ruhig und akzeptierend. Er begegnete der Aussicht auf einen wahrscheinlich unangenehmen und anhaltenden Tod mit mehr Mut, als sie es konnte.
Snape zuckte wieder mit den Schultern und seine Stimme war jetzt etwas weicher. „Menschen sterben in Kriegen. Besser ich als viele andere. Mit etwas Glück, werde ich mit intakter Tarnung sterben und kann Ihnen somit vielleicht noch etwas Zeit verschaffen. Es gibt schlimmere Zwecke."
„Macht es Ihnen denn gar nichts aus?", fragte sie mit belegter Stimme. Sie wusste, Sie sollte diese Gelegenheit nutzen und nach dem wahren Grund fragen, aber sie wusste, sie konnte diese Worte jetzt einfach nicht über ihre Lippen bringen.
Etwas Namenloses regte sich in den Tiefen seiner Augen, aber sie wusste nicht, was es war. Er schirmte wieder seine Gedanken ab. „Ich habe meinem Leben nie einen hohen Stellewert eingeräumt, Miss Granger. Der Welt wird es sicherlich nicht schlechter gehen, wenn Severus Snape nicht länger auf ihr weilt. Auf viele Weise vermutlich sogar das genaue Gegenteil. Ich werde nicht vermisst werden."
„Doch, werden Sie", flüsterte sie sehr leise, wagte es, direkt seinen Blick zu treffen. Er blinzelte, so unvorbereitet getroffen und für einen Moment, der nicht länger als eine Sekunde anhielt, wirkte er erschreckend verletzlich, bevor die Schilde wieder einmal alles dicht machten.
„Törichte Gryffindor", knurrte er mit einem finsteren Blick. „Es ändert rein gar nichts. Das ist die Realität. Und jetzt nehmen Sie diese Anweisungen mit und arbeiten Sie sie durch. Ich werde versuchen einen Zeitraum zu finden, wo ich Ihnen dabei helfen kann, ihn herzustellen. Und wenn Sie jetzt anfangen wollen zu weinen", fügte er warnend hinzu, „dann warten Sie damit, bis Sie mein Klassenzimmer verlassen haben oder ich kann für meine nächsten Handlungen keine Verantwortung übernehmen. Sie können dann jetzt gehen."
Um seiner letzten Anweisung zu folgen, rannte sie im vollen Lauf aus dem Klassenzimmer, die erste Träne fiel nicht, bis sie die Türschwelle überschritten hatte.
Nachdem Granger verschwunden war, versuchte Severus sich mit geringem Erfolg, auf die Arbeit vor sich zu konzentrieren. Es war immer dieselbe alte Geschichte… er würde die Dinge wieder irgendwie in den Griff kriegen, all seine verwirrten Gedanken und Gefühlen sortieren und fände so etwas wie Stabilität und dann tat oder sagte sie etwas – unglaublich Unschuldiges – und ruinierte damit alle seine Versuche, so etwas wie annähernde Kontrolle zu bewahren. Da hatte echter Schmerz in ihren Augen gelegen, als sie an seinen Tod dachte und die leichte Gesichtsregung, als sie sich von ihm abgewandt hatte, hatte alles in ihm wieder aufgewirbelt. Es hatte keine längst toten Hoffnungen oder etwas Ähnliches wiederbelebt, dafür hatte er bereits mit allem zu sehr abgeschlossen. Es führte nur zu weiteren Kopfschmerzen und zog seine bereits schon schlechte Stimmung noch weiter hinunter.
Etwas später wurde er von seinem Kampf mit den Aufsätzen der Drittklässler durch ein Klopfen an seiner Tür gestört und er schaute auf. Er arbeitete noch immer in seinem Klassenzimmer, weil es einfacher war und weil es über den Kerkern um einiges wärmer als dort unten war. Sein Kreislauf war so oder so schon erschöpft und er brauchte alle Wärme, die er kriegen konnte.
Der Besucher stellte sich als Minerva heraus und er musterte seine Kollegin argwöhnisch. Seit ihrem Streit im Oktober, hatten sie nicht mehr privat miteinander geredet. Er konnte mit einem Blick erkennen, dass sie noch immer etwas wütend auf ihn war, aber das war nicht Neues. Seit er elf Jahre alt war, war sie wütend auf ihn gewesen. Viel schlimmer als die Wut in ihren Augen, war diese befremdliche Sanftmut, die er seit den letzten Wochen im vorherigen Krieg nicht mehr gesehen hatte. Damals war er halb tot gewesen und die schreckliche Zeit danach, wo er kaum bei Verstand gewesen war.
Stattdessen gab er vor, es nicht bemerkt zu haben – es löste ein schreckliches Unbehagen in ihm aus –, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und fragte mit hochgezogener Augenbraue sarkastisch: „Was haben die kleinen Quälgeister jetzt schon wieder getan?"
„Ich bin nicht hier, um über die Schüler zu reden", antwortete sie flüsternd mit einem unterdrückten Seufzen. Natürlich sind Sie das nicht.
„Dann glaube ich nicht, dass wir etwas zu bereden haben", entgegnete er kurz angebunden und wandte sich wieder seinen Aufsätzen zu.
„Oh, hören Sie schon auf damit, Severus. Sie müssen sich nicht die ganze Zeit so aufführen. Hören Sie auf so zu tun, als ob sie arbeiten würden, und reden Sie mit mir." Sie schloss die Tür und durchquerte den Raum zu seinem Schreibtisch, zauberte sich selbst einen Ohrensessel herbei und setzte sich, bevor sie ihn mit einem besorgten Blick musterte. „Sie sehen grauenhaft aus."
„Danke. Ich bin froh, diese Unterhaltung mit Ihnen geführt zu haben. Auf Wiedersehen."
„Ich meine es ernst. Seit dem letzten Krieg haben Sie nicht mehr so schlecht ausgesehen", sagte sie ihm, wiederholte nur seine früheren Gedanken. „Ganz offensichtlich scheint etwas nicht zu stimmen."
Er bedachte sie mit einem apathischen Blick. Ein kleiner Teil in ihm wollte verächtlich lachen – im Grunde stimmte eine ganze Menge nicht - und ein anderer Teil in ihm wollte boshaft fragen, wie um alles in der Welt sie darauf kam, dass es sie etwas anging, aber am aller meisten wollte er einfach nicht mehr darüber reden und alleine gelassen werden. Er fühlte sich schon schlecht genug. „Das sind so einige Dinge", antwortete er müde. „Und keines davon gehen Sie wirklich etwas an."
„Fauchen Sie jetzt nicht so herum, Severus", tadelte sie ihn sanft. „Ich mache mir Sorgen."
Haben Sie zuvor auch noch nie getan. Er besaß viel zu viele Erinnerung, wie er trostlos mitansehen musste, wie sie ihre kostbaren Gryffindors verteidigt und seinen rückratslosen Hauslehrer niedergestarrt hatte, während er ergeben auf seine Bestrafung gewartet hatte. Er verspürte kaum noch irgendwelche Bitterkeit. Es war bereits viel zu lange her und im Moment hatte er weitaus dringendere Probleme, um die er sich sorgen musste. Diesmal jedoch hielt er seine scharfe Erwiderung zurück und antwortete leise: „Keine Sorge, ich tue nur das, was von mir erwartet wird. So wie ich es immer getan habe, nicht wahr?"
Minerva seufzte. „Sie sind kein Werkzeug, welches man einfach so benutzen kann. Ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie so fühlen, aber ich mache mir Sorgen um Sie, nicht nur um Ihre Arbeit. Werden Sie mir nicht einmal jetzt sagen, was los ist? Albus wird es noch immer nicht erzählen, aber ich weiß, er hat Sie um etwas wirklich Schwieriges gebeten…"
„Das kann man so sagen, ja", murmelte er mit einem Kopfschütteln. Da kam ihm in den Sinn, dass sie vermutlich verletzt darüber war, so ausgeschlossen zu werden. Sie kam als beste Freundin von Dumbledore ihm wahrscheinlich am nächsten und sie haben sich bereits eine sehr lange Zeit gegenseitiges Vertrauen geschenkt. Sie würde nicht erfreut darüber sein, dass er sich weigerte, ihr zu erzählen, was los war. Willkommen im Klub.
„Warum vertrauen Sie ihm nicht, Severus?", flüsterte sie. „Ich weiß, Sie wurden hier als Schüler wirklich… ziemlich schlecht behandelt und seither versuche ich, es wieder gutzumachen, wissen Sie. Genau wie er. Aber es scheint keinen Unterschied zu machen. Ist da noch etwas, von dem ich nichts weiß?"
Er mied ihren Blick. Es gab keinen Grund, ihre Illusionen zu zerstören. Ihr würde es gut gehen, Dumbledore warf sie nicht den Wölfen zum Fraß vor, aber das konnte er nicht von sich behaupten. Er vertraute dem alten Mann nicht, weil der alte Mann ihm nicht vertraute und weil er wusste, dass es dem Schulleiter vollkommen egal war, ob er starb oder nicht. Er empfand es dann vielleicht als etwas umständlich. Sein Leben hatte kein Gewicht, keinen Wert in den Augen seines Herrn. Außerdem war Dumbledore ein hinterhältiger, manipulativer, alter Heuchler und nicht einmal annähernd der schneeweiße Heilige für den ihn alle hielten… aber kein anderer wusste das und niemand würde ihm glauben. Er würde die Verantwortung auf sich nehmen. Besser der Orden hasste ihn, ihr schwarzes Schaf, welches sie noch nie gemocht hatten, als ihren Anführer, den sie alle liebten, dem sie vertrauten und an den sie alle glaubten.
„Ich habe meine Gründe", antwortete er nach einer Weile ruhig. „Genug jetzt, Minerva. Sie sind nicht meine Mutter. Ich… schätze Ihre Sorge wirklich … aber Sie können mir dabei nicht helfen. Niemand kann das. Würde ich denke, Sie könnten es, dann hätte ich Sie bereits gefragt", gestand er ehrlich. Stolz konnte er sich nicht mehr leisten.
„Reden Sie zumindest mit mir darüber. Sie sehen wirklich grauenhaft aus und das scheint Ihnen wirklich zuzusetzen…"
Ein erschöpftes Kopfschütteln. „Reden wird nicht helfen. So bin ich nicht, und das wissen Sie, und Reden hat noch nie etwas gelöst. Ein geteiltes Problem ist kein halbes Problem, es ist ein verdoppeltes Problem. Es gibt keinen Grund, warum wir uns beide darüber den Kopf zerbrechen müssten. Ich werde schon überleben." Aber Dumbledore wird es nicht. Und ich denke, ich will es auch nicht. Er schluckte und traf gleichgültig ihren Blick, hielt ihn, bis sie sich seufzend abwenden musste.
„Nun, ich habe es versucht. In Ihrem eigenen Interesse, Severus, sind Sie einfach viel zu dickköpfig. Es ist nicht gut für Sie so alleine zu sein."
Als ob ich eine Wahl hätte. Wenn niemand mit einem Zeit verbringen wollte, dann gewöhnte man sich daran, alleine zu sein. So funktionierte das Leben nun einmal. Antwortend zuckte er mit den Schultern, konzentrierte sich wieder auf seine Korrekturen und nach einem weiteren Moment stand sie seufzend auf, ließ ihren Stuhl verschwinden und ließ sich selbst aus dem Büro.
In dieser Nacht war Schlaf eine noch entferntere Unmöglichkeit als für gewöhnlich. Severus verließ leise seine Gemächer und wanderte durch das dunkle Schloss – die meisten Schüler hatten wirklich keine Ahnung, dass die Lehrer nachts nur selten über die Flure patrouillierten, besonders in Friedenszeiten, und meistens war es reiner Zufall, wenn er sie erwischte als eine gezielte Suche. Er mochte es nachts herumzulaufen. Seine Zeit als Schüler war elendig gewesen, er hasste seine Arbeit, besonders im Moment, aber Hogwarst war für ihn ein Ort, der einem Zuhause am nächsten kam. Er würde es niemals zugeben, aber er liebte dieses Schloss.
Ohne ein wirkliches Ziel ging er langsam durch die schattigen Flure, lauschte in die Stille hinein. Die Porträts und Geister kannten bereits seine Gewohnheiten und obwohl er manchmal aus dem Augenwinkel Bewegungen sehen konnte, ließen sie ihn in Ruhe und versuchten kein Gespräch anzufangen, es sei denn er war es, der eines suchte. Ausnahmsweise schienen mal alle Schüler in ihren Betten zu sein und wanderten nicht herum. Es regnete, bemerkte er abwesend, als er an einem Fenster vorbeiging und er hielt einen Moment inne, um den Tropfen dabei zuzusehen, wie sie die Scheibe hinunterliefen, bevor er sich plötzlich umdrehte und mit schnellen Schritten zu einer der Stätten seiner Jugend lief.
Gott, aber er war seit Jahren nicht mehr hier oben gewesen. Severus sah sich um, als er mit einem reuevollen Kopfschütteln auf den Astronomieturm hinaus in den Regen trat. Andere Jugendliche waren vielleicht hier hinauf geschlichen, um herumzuknutschen, aber er hatte etwas anderes im Sinn gehabt. Sehr wohl wissen, wie töricht es war, ging er bis zu dem Punkt, wo das Geländer die Außenwand traf und er kletterte auf die Brüstung, hielt sich an dem Stein der Turmspitze fest und drehte sich herum. Er griff nach oben, bekam die Dachkante des Mauerturms zu fassen und sprang hoch, um sich auf die Dachziegel zu ziehen, überaus zufrieden mit sich selbst, dass er es noch schaffte. Zweckmäßig krabbelte er weiter die nassen Ziegel hinauf, bis er ganz oben auf der Spitze angekommen war, dort atmete er einmal tief durch, und musste trotz allem grinsen. Seit seiner Zeit als Schüler war er nicht mehr hier oben gewesen… Gott, das war inzwischen zwanzig Jahre her.
„Ich werde wirklich alt", sagte er sich trocken, verlagerte sein Gewicht, um seine Roben aus den Weg zu ziehen, und kniete sich auf die Dachspitze, stützte sich mit einer Hand leicht auf den Ziegeln ab und sah sich um. Es gab nicht viel zu sehen. Der Regen und die Wolken versteckten den Mond und die Sterne und heute Nacht brannte nirgends im Schloss Licht. Selbst Hogsmeade versank in der Dunkelheit. Es war auch egal. Er konnte sich noch an die Aussicht tagsüber erinnern, als er sich getraut hatte, sich direkt auf die Spitze, auf den höchsten Punkt zu stellen und es ihm vorkam, als wenn er bis zum Ende der Welt sehen könnte, das gesamte Schloss lag unter seinen Füßen ausgebreitet und die fernen Moore schienen sich endlos zu erstrecken. Mit geschlossenen Augen legte er seinen Kopf in den Nacken und ließ den Regen über sein Gesicht fegen, als er begann, sich durch seine gesamte Kleidung zu saugen und er den zerrenden Wind spürte. Höhen hatten ihn nie verschreckt und wenn er jetzt fallen sollte, dann wüsste er jetzt, wie er fliegen konnte. Ob er es nun tat oder nicht… er lächelte halb, leckte den Regen von seiner Unterlippe. Nein, er war nicht der suizide Typ. Manchmal war es wirklich verführerisch und einiges würde damit sicherlich einfacher werden, aber sein Pflichtgefühl war stärker als das.
Die Welt hier oben war eine andere, klarer und zugleich auch viel entfernter. Er hatte hier oben schon immer leichter nachdenken können. Das letzte Mal, als er hier oben war, war, als er herausgefunden hatte, dass Lily letztendlich zugestimmt hatte, mit Potter auszugehen, und er hatte mit seiner gesamten Körperlänge auf dem schrägen Dach gelegen, nur durch seine Arme gehalten, die er um die Spitze geschlungen hatte, während er über alles nachgedacht und in seinem Kopf geordnet hatte. Auch jetzt musste er sich über so einiges Gedanken machen, aber das hier war wichtiger als seine Jugendängste.
Seine Gedanken wandten sich erst seinen beiden Herren zu. Seltsamerweise war es Dumbledore, den er weniger mochte und widerwilliger diente. Das hätte vermutlich niemanden aus dem Orden überrascht, aber er wusste, sie würden den Grund nicht verstehen. Er folgte Dumbledore nur, weil sie zufälligerweise auf derselben Seite standen. Er hatte kein Vertrauen in den alten Mann, hatte er nie gehabt, und er wusste, er war einer der wenigen Menschen, die den manipulativen, rücksichtslosen und manchmal auch einfach nur gemeinen Mistkerl hinter der freudig funkelenden Fassade des alten Mannes sah. Voldemort hingegen… langsam rollte er seinen nassen Ärmel hoch, um auf das Dunkle Mal zu blicken, deutlich und schwarz stach es gegen seine blasse Haut hervor, und begann unter den Regentropfen zu glitzern.
Das war es, was niemand an einem Doppelagenten verstand. Egal welche Seite auch gewann, Severus würde verlieren. Voldemort war die erste Person in seinem Leben gewesen, die ihn mit so etwas wie Wertschätzung behandelt hatte, der Erste, der ihm die Chance gab, sich zu beweisen. Seine Aufnahme und Markierung war entsetzlich, aber im Anschluss war er stolz gewesen. Man hatte ihn sanft, langsam, aber sicher immer tiefer geführt und es war viel Zeit vergangen, bevor er überhaupt zögern und sich fragen konnte, ob es wirklich das war, was er gewollt hatte.
Es waren selbstverständlich alles Lügen gewesen. Er hatte Voldemort niemals etwas bedeutet, genauso wenig, wie den anderen Todessern. Aber, oh, er hatte gewusst, welche Lügen er erzählen musste. Der Mann, den Severus kannte, war begnadet, charismatisch, eine anziehende Person, der fähig war einen nervösen jungen Mann mit nur einem Blick einzuschätzen und dementsprechend hatte er seine Herangehensweise angepasst. Diejenigen, die Macht wollten, durften sie schmecken; denjenigen mit abweichenden Geschmäckern wurden Möglichkeiten geboten, von denen sie nur geträumt hatten. Denjenige, denen es um Rache ging, wurde mitfühlend zugehört und zugestimmt. Diejenige, die wie Severus waren, die an etwas teilhaben wollten, was größer als sie war, hieß man willkommen und begegnete man mit Wertschätzung, obwohl sie nicht einmal eine wichtige Position einnahmen.
Es hatte nicht angehalten. Nichts tat es je laut seiner Erfahrung. Seine Aufgaben wurden immer dunkler und blutiger und die Bestrafungen wurden immer schwerer. Voldemort begann sich zu verändern, weniger menschlich, weniger einfühlend, viel gefährlicher und wankelmütiger. Severus hatte sich letztendlich eingestanden, dass er sich geirrt hatte und schicksalsergeben hatte er dabei zugesehen, wie diejenigen, die einst denselben Eid geschworen hatten, jetzt versuchten davonzulaufen. Er hatte gesehen, was mit ihnen passiert war und so hatte er den Kopf eingezogen. Sein Drang rauszukommen, war nicht so groß wie das Risiko… bis er von Lilys Bedrohung erfahren hatte.
Das war noch immer die schlimmste Erinnerung. Das Wissen, dass er unwissend seine einzige Freundin verraten hatte – es war egal, dass sie ihn nicht mehr mochte. Wenn Severus einmal jemanden zu seinem Freund erklärt hatte, dann blieben sie das auch in seinen Augen, egal, wie sie das sahen – es verfolgte ihn noch immer. Er hatte Voldemort angefleht, sie zu verschonen, und mit Scham erinnerte er sich, wie gleichgültig ihm das Schicksal ihres Mannes oder Sohnes gewesen war. Er hatte gesagt, er würde versuchen sie nicht zu töten. Er war zumindest ehrlich gewesen. Wenn er nur den Anstand gehabt hätte zu lügen, ihm versprochen hätte, sie am leben zu lassen, weil es nur das Kind war, welches er wollte, dann hätte Severus ihm ohne zu zögern geglaubt.
Das war die Wahrheit seines seltsamen Dilemmas, welches auf der Rasierklinge vor ihm lag, auf der er täglich wandeln musste. Auf seine Weise war Voldemort der gnädigere Meister. Er hatte Severus in die Irre geleitet, um ihn zu sich zu führen, aber soweit Severus wusste, hatte er ihn nie angelogen. Es hatte nie irgendwelche emotionalen Erpressungen gegeben. Keine Irreführung, keine Manipulation, einfach nur Schwarz und Weiß. Loyalität wurde fair belohnt und Fähigkeiten wurden geschätzt und gefördert. Keine Heuchelei, kein Zögern. Es war ein abscheulicher Kontrast zu dem Leben, welches er unter Dumbledore geführt hatte. Trotz seiner Folterungen, trotz der schrecklichen Dinge, zu denen er gezwungen worden war… mochte er Voldemort lieber als Dumbledore. Zumindest war der Anführer der Todesser ehrlich über das, was er tat und konnte seine schlimmeren Auswüchse mit seinem Wahnsinn entschuldigen.
Es war vielleicht Lily gewesen, warum er die Seiten gewechselt hatte, aber Dumbledore hatte sein Versprechen gebrochen und sie war gestorben. Nichts hatte ihn an sein Versprechen gebunden. Ehrlich gesagt hätte er zu den Todessern zurückkehren können, um dort wieder geschätzt und willkommen aufgenommen zu werden. Wenn er es getan hätte, dann wäre der Krieg jetzt schon vorbei. Anders als Dumbledore hörte Voldemort ihm zu und zog seinen Nutzen aus seinen Informationen. Wenn Severus ihm loyal folgen würde, dann wäre der Orden inzwischen verloren. Gott alleine wusste, er hatte genug Gründe es auch wirklich zu tun, nach all den Jahren dieser schändlichen Behandlung. Aber trotzt all dieser Dinge besaß Severus noch ein Gewissen und in seinem Herzen wusste er, dass Voldemort sich irrte. Er hatte nur diesen letzten Schubser gebraucht, um etwas dagegen zu tun und zu erkennen, dass er Voldemort niemals vergeben konnte, ihm falsche Tatsachen als wahr verkauft zu haben, dafür, dass er sich so geborgen und gewollt gefühlt hatte, nur damit man ihm das dann wieder entreißen konnte.
Zugegeben, bemerkte er trocken, als er den Regen aus seinen Augen blinzelte, war es jetzt um einiges einfacher, wo ihr Meister zu einer halben Schlange mutiert war und absolut den Verstand verloren hatte. So gradlinig war es nicht immer gewesen.
Keiner seiner Meister hatte einen wirklichen Anspruch auf seine Seele. Voldemort hatte sein Vertrauen als er achtzehn Jahre alt war verraten, und Dumbledore hatte es während seines elften Lebensjahrs verraten.
Keiner von ihnen hatte ihn jemals gut genug verstanden, um seine Loyalität einzufordern, und sie hätten es tun können. Es war nicht wirklich schwer. Alles, was sie hätten tun müssen, war ihn wie ein menschliches Wesen zu behandeln und dass ihnen nicht egal war, was mit ihm geschah und er wäre einem von ihnen über zerbrochenes Glas bis in die Hölle gefolgt. Er schnaubte, leise lachend. Ohne irgendwelche Absichten war ein siebzehnjähriges Mädchen darin erfolgreich, woran die zwei mächtigsten und gefährlichsten Zauberer in der Welt gescheitert waren.
Es war an der Zeit sich nicht länger zu belügen und ernsthaft über Hermine Granger nachzudenken. Seufzend wischte Severus sich den Regen aus dem Gesicht und verlagerte seine Position auf dem Dach. Langsam und vorsichtig stand er auf, platzierte seine beiden Füße jeweils auf den gegenüberliegenden Seiten der Spitze und ließ den Wind an seinen jetzt durchnässten Kleidern zerren. Dadurch wurde er vermutlich wieder krank, aber die Kälte lüftete seine Gedanken und er hatte Regen schon immer gemocht.
Auf gewisse Weise war es sogar lustig. Nach Lilys Tod hatte er sich komplett verschlossen, wortwörtlich als auch im übertragenen Sinne. Er war nie sonderlich emotional gewesen, aber das hatte ihn zerstört und er hatte sich von der Welt zurückgezogen. Er hatte jahrelang an diesem dunklen, ruhigen, kalten Ort in seinem Inneren verharrte, hatte jeden und alles gemieden, und nur noch in seinem Vakuum existiert. Und dann irgendwie komplett unschuldig und dem absolut ignorant gegenüber, hatte Hermine irgendwie einen Weg um, durch und unter seine Verteidigungen gefunden. Sie hatte sich durch seine Schilde gearbeitet, bevor er überhaupt verstand, was vor sich ging. Er hatte noch immer keine Ahnung, was verdammt noch mal passiert war, aber das bedeutete nicht, dass es nicht auch stimmte. Vor gut einem Jahr hatte er das Risiko erkannt, dass er Gefahr lief sich da tiefer in etwas zu verwickeln, als er wirklich wollte, dass sie für ihn ein echtes und ernsthaftes Risiko darstellte, aber er schätzte, schon da war es bereits zu spät gewesen.
Severus wusste nicht, wie er es nennen sollte. Das einzige, womit er es vergleichen konnte, war seine todgeweihte, besessene, hoffnungslose Abhängigkeit zu Lily, und es war jetzt lange genug her, um sich eingestehen zu können, dass es nur auf Verlangen und Verzweiflung beruht hatte. Es hatte nie jemanden in seinem Leben gegeben und da war er noch jünger gewesen, nicht in der Lage, ganz alleine zu überleben. Das war anders und er konnte es nicht verstehen. Er schätzte, es musste eine Art Liebe sein, denn ganz sicherlich konnte nichts anderes so schmerzhaft oder verwirrend sein, aber woher sollte er das wissen? Er war sich nicht einmal sicher, ob er jemals wirklich verliebt gewesen war, und ganz sicher hatte sich noch nie jemand in ihn verliebt.
Jetzt, wo er es aus einem anderen Blickwinkel betrachten konnte, war es ziemlich egal. Selbst wenn es keinen Krieg gäbe, keinen unmittelbaren Tod, der an seine Tür klopfte – also, wenn es keinen Krieg gäbe, dann hätte er sie nie so kennengelernt und von daher, wäre es eh irrelevant – wenn die Dinge anders wären, selbst dann würde er es nicht wagen diesbezüglich etwas zu sagen oder zu tun. Was wäre schon der Punkt? Selbst als ignoranter Teenager hatte er gewusst, wann er hoffnungslos überfordert gewesen war. Hübsche, intelligente junge Frauen endeten nicht bei hässlichen, kalten und geschädigten Mistkerlen wie ihm. So funktionierte die Welt einfach nicht.
Doch das ignorierte er einfach, es war wichtig, sich einzugestehen, welchen Halt sie über ihn hatte. Um ehrlich zu sein, ohne ihre standhafte Präsenz am Rande seines Lebens, hätte er schon längst aufgegeben und wäre inzwischen zusammengebrochen, wäre davongelaufen oder hätte einfach versucht aufzuhören, noch weiter zu überleben. Welchen Grund er zuvor auch immer gehabt haben mochte, sie war der wahre Grund, warum er überhaupt noch versuchte zu kämpfen. Und genau aus diesem einzigen Grund war sie wichtig. Und verdammt, sie verwirrte ihn mehr als es jemals irgendwer getan hatte, und sie suchte vielleicht seine Träume auf eine Art und Weise heim, die ihn störten, und ihre Gegenwart schmerzte manchmal etwas, aber ihre Freundschaft war das Beste in seinem Leben und sie schien sich wahrhaftig etwas um ihn zu sorgen. Zumindest einer würde um seinen Tod trauern.
Kurz dachte er wieder an Lily. An die Lily, die er an ihrem ersten Tag getroffen hatte, das hübsche, kleine, lachende Mädchen, als er ihr stolz das Bisschen Magie gezeigt hatte, was er bereits gelernt hatte. Ihre Augen hatten vor Aufregung und Freude gestrahlt. Er erinnerte sich noch daran, wie glücklich er war, als er verstand, dass er sie so glücklich machte, was er zuvor noch niemals erlebt hatte. Er dachte an ihr erstes Mal in der Winkelgasse. Er war nur zweimal zuvor dort gewesen, mit seiner Mutter, und damals hatte er sich solch eine Mühe gegeben alles zu kennen, hatte vor ihr und ihrer Familie geprahlt, mit sich selbst so zufrieden.
Doch das war der springende Punkt. Seit ihrem ersten Treffen hatte er immer versucht, es ihr recht zu machen, sie zu beeindrucken. Er konnte sich nicht daran erinnern, sich jemals erlaubt zu haben, sich in ihrer Gegenwart zu entspannen, jedes Mal war er auf der Hut nicht etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Sie war eindeutig diejenige, die die Führung übernommen hatte und jetzt wo er darauf zurückblicke, erkannte er, wie sie es auch ausgenutzt hatte. Ihre Freundschaft war qualvoll verdreht und ungleichmäßig gewesen und auf lange Sicht hatte es ihm vermutlich mehr Schaden als alles andere zugefügt. Von jemandem dermaßen abhängig zu sein, ohne etwas im Gegenzug zu bekommen…
Trotzdem konnte er sich noch genau an jedes Detail ihres Gesichtes erinnern, bis hin zu den Sommersprossen über ihren Mundwinkel. Es war so klar und deutlich vor seinem inneren Auge, wie es jetzt auch Hermines Gesichtszüge waren. Er könnte sie beide mit einer fotografischen Genauigkeit zeichnen und hatte es auch mehr als einmal getan.
Severus überlegte eine Weile, versuchte seine damaligen Gefühlen mit denen von jetzt zu vergleichen. Seine seltsame Freundschaft mit einer Schülerin war sicherlich genauso verwirrend, wie es bei Lily der Fall gewesen war, aber es war weniger schmerzhaft, zumindest meistens. Es war gleichberechtigter – ironisch, wenn man bedachte, welche Grenzen zwischen ihnen lagen – und er stand jetzt nicht unter solch einem Druck. Es war einfacher, aber noch viel wichtiger, es war schöner. Er musste zugeben, eine Freundschaft mit Lily war sehr schwere Arbeit gewesen.
Unausweichlich führten ihn seine Erinnerungen zu dem Vorfall an dem See zurück, der den Rest seines Lebens verändert hatte. Er hatte Jahre gebraucht, um den Zwischenfall an diesem Nachmittag mit einem gewissen Grade an Klarheit zu verarbeiten. Jetzt versuchte er sich behutsam vorzustellen, was passiert wäre, wenn Hermine an Lilys Stelle gestanden hätte. Wenn er unter diesen Umständen so etwas zu ihr gesagt hätte. Sie konnte nachtragend sein, wenn sie verletzt war, ja, aber er konnte sie sich nicht vorstellen, egal, was er auch zu ihr sagen mochte, wie sie sich der Schikane und Grausamkeit der Rumtreiber anschließen würde. Sie wäre losgegangen und hätte einen Lehrer gesucht oder jemand, der das unterband und hätte ihn dann unter vier Augen verflucht oder ihm viel wahrscheinlicher in die Eier getreten. An diesem Tag hatte Lily ihm ein für allemal sein Herz gebrochen und selbst heute noch, war er überzeugt, dass er sich davon noch nicht erholt hatte. Seither hatte er es nie wieder gewagt, jemanden voll und ganz zu vertrauten. Nicht, dass es jetzt noch etwas ändern würde. Was auch immer sie getan oder gesagt hatte, egal, wie sehr sich gegen jeden seiner verzweifelten Versuche, es wieder gut zu machen, gesträubt hatte, seine Gefühle hatten sich nicht verändert. Die Qual ihres Todes schlummerte noch immer in ihm. Manchmal vermisste er sie sogar, obwohl das Gefühl jetzt nicht mehr so stark oder regelmäßig war, wie früher. Langsam schloss er seine Augen und fragte sich, ob er noch immer in sie verliebt war oder nicht. Da war er sich nie ganz sicher gewesen. Vermutlich bedeutete es, er war es nicht mehr, da er sich in Bezug auf Hermine weitaus sicherer war, auch wenn ihn diese Erkenntnis nicht wirklich glücklich machte. Er überlegte, einen weiteren Versuch mit seinem Patronus zu starten und entschied, dass es sinnlos war. Es war keine wirklich verlässliche Methode um Gefühle zu bestimmen und es dabei zu beobachten, wie es versuchte gleich zwei Formen anzunehmen, war ziemlich deprimierend. Nostalgie war gut und schön, aber Lily war schlechthin tot und ihre Erinnerungen verursachten mehr Schmerz als Freude. Hermine lebte und aus Gründen, die er nicht nachvollziehen konnte, mochte sie ihn, obwohl sie jeden Grund hatte, es nicht zu tun und durch sie fühlte er sich, was seine Person betraf, besser als jemals zuvor. Ungeachtet all seiner Verwirrung und Sorgen und Zweifel, mochte er sie, ohne, dass ihm etwas dabei im Weg stand. Das war gut genug für ihn.
Es hatte aufgehört zu regnen. Severus blickte hinauf zu den Wolken über seinem Kopf, setzte sich dann vorsichtig hin und rutschte das Dach hinunter, drehte sich geschickt, um nach der Dachkante zu greifen, ganz so, als ob er es erst letzte Woche zuletzt getan hätte. Er ließ sich einen Moment hängen und fiel dann auf festen Steinboden. Dann zog er seinen Zauberstab, begann sich zu trocknen und fühlte sich jetzt etwas besser. Die Situation war vielleicht absolut hoffnungslos, aber jetzt wusste er zumindest, auf was er sich einrichten musste und die geringe Wahrscheinlichkeit, es überhaupt zu überleben, war schon gewissermaßen eine Erleichterung – keinen Grund mehr, sich den Konsequenzen zu stellen. Er strich sein nasses Haar aus dem Gesicht und kehrte ins Innere des Schlosses zurück, schloss die Tür hinter sich und ging die Wendeltreppe hinunter, endlich müde genug, um zu schlafen.
Hermine saß tief in einem Buch über Hautausschläge und den Nutzen von innerlicher und äußerlicher Behandlung versunken an Madam Pomfreys Schreibtisch, als Snape auftauchte, um mit der Heilerin zu reden. Es war ziemlich spät, ungefähr die Zeit, wo sie ihre Studien niederlegte und in ihr Bett ging, aber noch nicht übermäßig, um das Nachspiel eines Rufes Voldemorts zu rechtfertigen, und er schien nicht verletzt zu sein, oder zumindest nicht allzu schwer. Sie beobachtete ihn, als er leise – zu leise für sie, um es zu verstehen – mit der Heilerin redete. Er zitterte und Blut befleckte seine Hemdärmel und sein Blick wirkte irgendwie eigenartig, aber er humpelte nicht oder so.
Schließlich wandte er sich ab, beendete die leise Unterhaltung und ging langsam durch den Krankenflügel. Hermine ging hinüber zur Tür, um zu sehen, wie er sich während des Gehens seine Robe auszog und sie auf das Bett schmiss, bevor er in dem kleinen Badezimmer im Krankenflügel verschwand und die Tür hinter sich schloss.
„Schläft er heute Nacht hier?", fragte sie etwas überrascht. Ihres Wissens nach tat er das nur, wenn er hier das Bewusstsein verlor und ansonsten ging er immer, sobald er wieder bei Sinnen war, hinunter in seine eigenen Gemächer.
Madam Pomfrey nickte. „Ich würde Ihnen den medizinischen Grund nennen, aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass es einen gibt. Er hat es in letzter Zeit ziemlich schwer, wie Sie auch schon mitbekommen haben, und ich glaube, er will einfach nur nicht alleine sein. Seitdem er hier Schüler war, habe ich ihn nicht mehr so gesehen." Seufzend schielte sie besorgt zu der verschlossenen Tür hinüber.
„Er ist nicht verletzt, oder?"
„Nicht so weit ich es beurteilen kann, nein. Ich denke, er musste heute Abend einige unangenehme Dinge machen, aber es schien ihn diesmal härter getroffen zu haben. Er befindet sich in einer recht seltsamen Stimmung."
„Das wäre dann mal was anderes", antwortete sie verschmitzt. Die Heilerin versuchte sie tadelnd anzusehen, aber scheiterte und unterdrückte ein leises Lachen.
„Ich denke, er weiß nicht, dass Sie hier sind. Wenn Sie noch gerne das Kapitel beenden wollen, dann sollten Sie das jetzt tun und es ist so oder so an der Zeit ins Bett zu gehen. Es ist schon recht spät. Sie können alleine rausgehen. Wenn er sich hingelegt hat, werde ich mich auch hinlegen."
Nickend kehrte sie in das Büro zurück.
Drei Kapitel später ermahnte Hermine sich schließlich, jetzt aufzuhören, sehr wohl wissend, wenn sie weitermachte, dann würde sie bis zum Morgengrauen durcharbeiten – sie hatte es vorher schon einige Male getan, wenn sie die Zeit aus den Augen verloren hatte. Sie stellte das Buch zurück in das kleine Regal, welches extra für sie freigeräumt worden war, und schlich zur Tür und schaute sich in dem jetzt ruhigen und dunklen Krankenflügel um.
„Er schläft", flüsterte Dilys von der Wand. „Gehen Sie und sehen Sie nach, wenn Sie wollen. Er hat sich mit etwas betäubt – kein Schlaftrank, aber er hat definitiv ein Sedativum zu sich genommen, denn er ist auf der Stelle eingeschlafen und für einen Schlaflosen wie ihn, ist das schon ziemlich ungewöhnlich, ganz besonders zur Zeit. Er wird vor morgen früh nicht aufwachen, was ihm mal richtig gut tun wird."
Die Versuchung war einfach zu groß, als dass sie widerstehen könnte und so schlich sie sich durch den Raum zu dem schlafenden Mann. Schwaches Licht flackerte unter den zugezogenen Vorhängen hervor, genau wie das stetige Glühen einer Lampe von der anderen Seite. Snape war unter seiner Decke zu einem überraschenden zusammengedrungen Ball zusammengerollt und obwohl er offenbar tief und fest schlief, schien es kein friedlicher Schlaf zu sein. Er zitterte stoßweise, die beinahe schon permanten Furchen auf seiner Stirn waren jetzt noch deutlicher, als im wachen Zustand. Seine Augen bewegten sich ruhelos hinter seinen geschlossenen Lidern und die Hand, die sichtbar war, zuckte immer wieder. Das durfte eigentlich nicht sein, wenn er sediert war, aber sie wusste genug über seine Instinkte, um sich sicher zu sein. Wenn er nicht etwas genommen hätte, dann wäre er inzwischen bereits aufgewacht und hätte sie angegriffen.
Sie hatte noch nie jemanden gesehen, der so besorgt im Schlaf aussah. Selbst bewusstlos wirkte er gestresst, müde und unglücklich und ganz offensichtlich stand er selbst jetzt noch unter großer Anspannung. Sie beobachtete ihn einige Minuten und konnte dann nur mit dem Kopf schütteln und ging dann zur anderen Seite des Raumes, wo sie zum Porträt aufblickte.
„Wenn meine Katze jetzt hier wäre und nicht bei meinen Eltern, dann würde ich Krumm zum Schlafen zu ihm schicken", murmelte sie und konnte bei dem dabei entstehenden Bild, ein Lächeln nicht ganz unterdrücken.
Krummbein war die perfekte Gesellschaft im Bett. Er war warm, schnarchte nicht oder lief herum und sein Schnurren war beinahe übernatürlich gut darin, Albträume abzuhalten und beim Ein- und Durchschlafen zu helfen. Bei den beiden Gelegenheiten, wo er Snape getroffen hatte, schien er ihn zu mögen – zumindest wusste sie nur von diesen beiden Begegnungen. Und ihrer Meinung nach brauchte Snape dringender als jeder andere eine vernünftige Umarmung.
Dilys grinste. „Also, das ist mal ein Bild. Im Grunde mag er sogar Tiere, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er zusammen mit einer Katze in einem Bett schläft. Jedenfalls sollten Sie für die Zukunft heute Abend nicht vergessen – wie jemand schläft, kann Ihnen überraschend viel über diese Person verraten. Poppy kann Ihnen morgen noch mehr darüber erzählen oder wann auch immer Sie zu einer weiteren Stunde hierher kommen. Sie hat es sich zum Hobby gemacht, Schüler aufgrund ihrer Schlafpostion in Kategorien einzuteilen. Ich bin wirklich froh, Severus heute Abend hier oben zu sehen, da Phineas Sie gerne unten im Kerker sehen möchte."
„Warum? Da kann es nicht noch etwas geben, was ich sehen muss, um dafür in Schwierigkeiten zu geraten", antwortete sie leicht säuerlich und konnte sich noch allzu gut an ihr letztes Jahr erinnern.
„Ich weiß es nicht, Hermine. Er ist viel öfters dort unten, als ich es bin und daher sieht er mehr. Wenn Sie nicht gehen, dann wird er Sie morgen den ganzen Tag über verfolgen, wissen Sie."
Seufzend gab sie ungnädig nach und schaute noch einmal kurz zu ihrem bewusstlosen Lehrer hinunter. „Wird es ihm gut gehen?"
„Ich weiß es nicht. Mit ihm ist es eigentlich ein schlechtes Zeichen, wenn er um Hilfe bittet, selbst wenn er es so indirekt wie heute Abend getan hat. Wenn Severus so verzweifelt ist, dass er trotz all seiner Unabhängigkeit, sich an jemand anderen wendet, dann geht es ihm wirklich schlecht."
„Sie dürfen mir noch immer nicht sagen, was er machen soll, oder?"
Traurig schüttelte das Porträt den Kopf. „Nein. Und glauben Sie mir, Hermine, in diesem Fall ist Ignoranz hundertprozentig ein Segen. Sie wollen es wirklich nicht wissen. Ich wünschte, ich wüsste es nicht. Wenn Sie können, versuchen Sie nicht darüber nachzudenken und gehen Sie jetzt und finden Sie heraus, was der andere dickköpfige und nervige Slytherin in Ihrem Leben heute Abend von Ihnen möchte."
