25. Aufwachen
„...Nein...Geht weg..."
„..."
„...Halt...Nein..."
„...Bitte..."
„...Ich..."
„...Viserion..."
„...Nein...Nein...Nein...Bitte..."
Milde gelangten die Töne dieses verzagt klingenden Liedes in Jorahs schläfrigen Verstand, zupften an seinem Bewusstsein, streiften immer wieder seinen müden Geist und konnten ihn dennoch nicht aus den dumpfen Tiefen ziehen. Erst ein heftiger Stoß in die Rippen verscheuchte den Schlaf und öffnete seine Augen, denen perfekte Dunkelheit anfangs die Sicht verwehrte. Doch die unsteten Bewegungen neben ihm und das leise Stöhnen genügten, um ihn verstehen zu lassen.
„...Nein...Rhae-...", richtete die Verzweiflung erneut ihr Flehen an die Finsternis.
Flüchtig strich sich Jorah übers Gesicht und wollte so den immer noch an ihm haftenden Schlaf vertreiben. Vorsichtig tastete er nach dem kleinen Körper, der ganz in seiner Nähe sein musste, fand aber zunächst nur zerwühlte Laken, welche sich leicht klamm anfühlten. Als sich seine Augen an die mondlose Nacht gewöhnt hatten, entdeckte er endlich das helle Schimmern zu seiner Rechten und umfasste verschwitzte Arme, die er sanft vom ständigen um sich Schlagen abzuhalten versuchte.
„...Nicht...Bitte...", klagte sie erneut, gefangen in einem ihrer düsteren Träume.
„Daenerys, ...schhh...schhh.", surrte Jorah mit vom Schlaf noch heiserer Stimme.
Während ihres energischen Kampfs gegen die Schrecken der Nacht hatte sich offensichtlich das dünne Betttuch um ihren Leib gewickelt, sodass Jorah nun zunächst die in sich verdrehte Seide von ihren Schultern löste.
„...NEIN..."
Zusammen mit dem jähen Aufschrei fuhr auch Daenerys' Hand in die Höhe, der Jorah nur im letzten Moment ausweichen konnte. In einer geschmeidigen Bewegung lehnte er sich über sie, drückte ihre Gliedmaßen mit seinem Gewicht an ihren geplagten Leib und begann zärtlich über ihr Gesicht zu streicheln, nachdem er es von verworrenen Haarsträhnen befreit hatte. Wo ihre Arme lediglich mit einem leichten Schweißfilm überzogen waren, war ihr Gesicht und Nacken regelrecht nass.
„Es ist nur ein Traum...schhh...schhh.", wieder und wieder wisperte er ihr tröstend ins Ohr, was sie jedoch nur mit kläglichen Lauten und verzerrten Worten bedachte.
Getrieben von einem nicht fassbaren Grauen stemmte Daenerys mal ihre Hacken in die Matratze und drückte ihren Rücken durch, mal fiel sie in sich zusammen und wurde zu einem kleinen Bündel kaum zu ertragenden Elends. Seine Versuche sie an sich zu drücken machten ihre wild umher fliegenden Händen zunichte, die immer wieder seinem Griff entglitten. Dabei stand es gar nicht in Jorahs Absicht sie aufzuwecken, zumal ihm dies ohnehin selten möglich war. Beruhigend auf sie einzureden vertrieb oftmals ihre Pein und ließ ihr wenigstens den benötigten Schlaf. Denn einmal erwacht, gelang es ihr so gut wie nie, wieder gänzlich zur Ruhe zu kommen.
Drei, vielleicht vier Nächte, nach ihrer ersten geteilten Nacht, entbehrten jeden Alptraum, doch dann begannen die Traumbilder sie erneut zu quälen und verwehrten ihnen seitdem die Annehmlichkeit der Zweisamkeit. Aber nicht jedes Mal wurde er von den Auswirkungen ihres Leidens geweckt, welches auch nicht immer diese Ausmaße annahm. Manchmal erzählte sie am Morgen nur von den durchlebten Geschichten, manchmal konnte sie sich auch nur an ein beklemmendes Gefühl erinnern und manchmal sagte sie überhaupt nichts. Dann waren es ihre müden Augen und das verblassende Entsetzten darin, welches ihm die Wahrheit zuraunte. Seit langem war es aber nicht mehr dermaßen schlimm gewesen, dass die Situation die Erinnerung an die Nächte nach seiner Rückkehr hervorrief.
Weder die Kraft mit der sie sich unter ihm wand, noch ihr Gemurmel war durch Jorahs Beruhigungsversuche schwächer geworden und so überraschte es ihn auch wenig seinen Namen von ihren Lippen zu vernehmen.
„...Jorah..."
„Ich bin hier. Ganz ruhig. Schlaf. … Schlaf.", wisperte er in ihr verklebtes Haar und ließ seinen Daumen über die tiefen Falten zwischen ihren immer noch fest geschlossenen Augen gleiten.
Seine Machtlosigkeit angesichts ihres Seelenschmerzes war für Jorah wie ein Schlag ins Gesicht. Schmerzen, die es stets in ihren Geist schafften, ganz gleich wie sorgenfrei der vorausgegangene Tag auch erschien, wie viel beruhigenden Kräutertee sie auch trank oder … wie süß ihr Zusammensein vor dem Einschlafen auch gewesen war. Doch mussten sie sich überhaupt in ihren Kopf schleichen, waren sie nicht vielmehr bereits da und warteten nur darauf, dass sie ihre Augen schloss?
Im Halbdunkeln war seine Sicht nur von geringem Nutzen und so musste sich Jorah auf seine anderen Sinne verlassen, die ihm das Geschehen in einer besonders einprägsamen Art näher brachten.
Verklebte Haut drückte sich an seine und löste sich wieder mit einem unangenehmen Ziehen. Angewinkelte Knie und Ellbogen prallten von Zeit zu Zeit grob gegen seinen Leib. Heißer Atem, der flehende Laute mit sich trug, wallte gegen Jorahs Gesicht. Ein Flehen, das er so gerne erhören würde, welches er aber nicht fähig war in Erlösung umzuwandeln.
Abrupt entwand sich ein weinerliches Klagen aus ihrer Kehle, das in Jorahs Ohren brannte und im Gegensatz zu dem eisigen Gefühl in seinem Inneren stand. Nie zuvor hatte er etwas derartig leidvoll klingendes von ihr gehört und er wollte es auch nie wieder hören.
Als sich ihre Miene noch mehr verzog und sie begann viel zu hektisch nach Luft zu schnappen, schlug die vertraute Angst mit unnachgiebiger Härte zu.
Einige Male streichelte Jorah noch über ihre erhitzten Wangen, doch dann legten sich seine Hände um ihre Oberarme und übten behutsam Druck aus, indes er sie lauter als zuvor anflehte: „Daernerys, wach auf! … Daenerys! … Du musst jetzt aufwachen!"
„...Jorah...", stieß sie hervor, ließ ein Wimmern erklingen und erzeugte mit dem Ton ihrer darauffolgenden Worte eine Gänsehaut auf Jorahs Armen.
„...Verzeih...Jorah...Verzeih...Verzeih..."
Eben noch warf Daenerys ihren Kopf von einer Seite zur anderen, da fuhr sie auch schon ruckartig aus dem Schlaf auf und Jorah, der das Zucken hinter ihren geschlossenen Lidern bemerkt hatte, konnte sich gerade noch rechtzeitig wegdrehen.
„Nein. … Nein.", würgte sie stoßweise hervor und krümmte sich inmitten des großen Bettes nach vorn.
Sie war nicht mehr, als ein grauer Schemen in einem schwarzen Meer, der auf den Wellen, welche die Dunkelheit geschlagen hatte, bedrohlich hin und her wankte. Mit forschen Handbewegungen warf Jorah das nassgeschwitzte Betttuch beiseite und wollte sich soeben zu ihr setzten, da richtete sich Daenerys plötzlich auf, wühlte sich aus der Seide, die ihre Beine gefangen hielt, und stieg ungelenk aus dem Bett. Verunsichert von ihren übereilten Regungen rief Jorah ihr nach und verließ dann ebenso ihre Schlafstätte, als ihm klar wurde was sie zweifellos zu tun gedachte.
Hektisch drehte sie ihren Kopf mal in die eine und dann wieder in die andere Richtung, warf das zerknitterte Laken aufs Bett zurück, tastete über die Sitzfläche eines in der Nähe stehenden Hockers und fegte dann Jorahs Kleider von der schweren Truhen, wo er sie am Abend abgelegt hatte.
„Wo ist meine Robe? … Ich muss zu ihnen.", japste Daenerys, immer noch außer Atem.
Ihr die Hand hinhaltend ging Jorah auf sie zu. Aber ehe er sie erreichen konnte, entwischte sie aus seiner Reichweite. Augenscheinlich hatte sie nun ihre Gewänder entdeckt, eilte auf den Stoffhaufen zu und mühte sich in der Finsternis des Raums mit dem verdrehten Kleid ab. Für einen Augenblick beobachtete Jorah ihre fahrigen Gesten, welche vom blaugrauen Schein der Dunkelheit, der auch ihre wilden Haare und die sanften Rundungen ihres Körpers nachzeichnete, nur schwach beleuchtet wurden. Doch dann konnte er das verzweifelte Ziehen und Zerren nicht mehr mit anblicken und überquerte den dicken Teppich, nahm den Samt an sich, zog die Ärmel auf die richtige Seite und löste den verhedderten Knoten in den Schnürren des Mieders. Kaum kamen seine Finger zum Stillstand fasste sie nach dem Kleid, um es ihm zu entwinden. Aber Jorah lockerte seinen Griff nicht und sagte stattdessen: „Du hattest einen schlechten Traum, Daenerys. Du- "
„Und deswegen muss ich jetzt zu ihnen.", warf sie ein und zog an dem Gewand.
Jorah wusste genau welcher Traum sie gequält hatte und sie in die Nacht rief. Nur würde er sie nicht gehen lassen.
„Es war ein Traum. Es ist nicht die Wirklichkeit."
„Wenn es aber diesmal wahr ist? Ich... ich muss jetzt zu ihnen."
Zweifellos sprach aus ihr immer noch der Schrecken des Alptraums, der keinen Platz für Vernunft lassen wollte, was Jorah auch an ihrer brüchigen Stimme erkannte.
„Geh nicht.", bat er, schob seine Hand in ihr Haar und fühlte auch dort den Beweis der Heftigkeit ihres Wehrens gegen die unliebsamen Geschichten des Schlafs.
„Nicht mitten in der Nacht, Daenerys."
„Aber, aber..."
Wie überzeugt sie vor kurzem auch noch geklungen haben mochte, jetzt zerbrach ihre Gewissheit scheinbar und das leichte Rucken des Samtkleids sagte Jorah, dass sie von dem Gewand abgelassen hat. Die Schatten auf ihrem Antlitz verhüllten hingegen jede Regung und somit berichteten kurze, heftige Seufzer von dem Aufwallen der Gefühle, welche der Traum ihr als unwillkommenes Geschenk hinterlassen hatte.
Ohne sich weiter darum zu kümmern ließ Jorah den Stoff zu Boden fallen und nahm Daenerys in seine Arme. Die Stirn gegen sein Brustbein gelegt, murmelte sie kaum hörbar, als hätte sie Angst jedes zu laut gesprochene Wort könnte die Nacht hören und doch noch wahr werden lassen: „Sie waren ganz alleine und dann … dann hörte ich diese Rufe und sie … sie, sie sind einfach..."
Heiße Tränen liefen jetzt über Jorahs nackte Haut, die ihm den erkalteten Schweiß des zuvor überhitzten Körpers, dicht an seinem, nur noch bewusster machten.
„Ich weiß, mein Herz. Es war nur ein Traum. … Nur ein Traum."
Beschwichtigend strich Jorah über ihren Rücken und wartete noch einen Augenblick, bis er sie von sich schob. Weit aufgerissene Augen, die im Grau der Nacht keine Farbe hatten, erklärten ihm, dass es für sie mehr, als nur ein weiterer, schmerzlicher Traum war. Und ebenso verstand Jorah, dass diese Nacht zu Ende, und an Schlaf nicht mehr zu denken war.
Gewiss beherrschten ihn jetzt vor allem die Sorgen, welche er über ihre Tortur empfand. Jederzeit wenn sie wieder so verletzlich und gebrochen erschien, fragte sich Jorah warum gerade sie das durchstehen muss. Große Verantwortung und Einfluss forderten Opfer, ja natürlich, und Macht gab nicht nur, sie nahm auch und von ungeschützten Herzen nahm sie solange, bis von diesen nichts mehr übrig blieb. War es bei ihr so? Würde sie an der Last dessen, was sie so sehr wollte, zerbrechen? An der Last, die es bedeutet stets Stärke zu zeigen, ganz gleich wie enorm der Schmerz auch war? Ihr Wille und ihre Kraft hatten sie weit geführt. Nur konnte Jorah nicht leugnen, dass sich, wie auch schon früher, Gedanken an ein ungewolltes Erbe in seinen Kopf schlichen. Ein Erbe, dass sie nicht ablehnen oder ignorieren konnte, denn es würde sie auch nie ignorieren. Aber Jorah war davon überzeugt, dass dieser, so oft beschriebene, Wahnsinn des Hauses Targaryens wenig mit weitergereichten Eigenschaften von Eltern an deren Nachkommen zu tun hatte. Er musste davon überzeugt sein. Viel wahrscheinlicher ist es doch, dass die Last der Krone, sowie spitzzüngig zugeflüsterte Gedanken manipulierender Menschen das Los der einstigen Mitglieder der Targaryen-Dynastie gelenkt und sie absichtlich in die Fänge des Irrsinn getrieben haben. War es nicht auch so bei ihrem Vater gewesen, der durch die Gefangennahme während des Aufstands von Dämmertal endgültig zum Irren König geworden war?
Doch musste Jorah sich ebenso eingestehen, dass dem ehemaligen König von Westeros schon lange vor jenem Zwischenfall ein äußerst fragwürdiger Charakter nachgesagt wurde. Von Eigenheiten wie Misstrauen, Grausamkeit und Wutausbrüchen hatte man zu seiner Zeit berichtet, die mit vorausschreitendem Alter umso schlimmer geworden sind.
„Wenn meine Drachen ausgewachsen sind, holen wir uns zurück was mir gestohlen wurde und zerstören die, die mir Unrecht getan haben. Wir werden Armeen niedermetzeln und Feuer auf Städte regnen lassen. Schickt uns fort und ihr brennt als Erste."
Jorah wusste nicht warum ihm ihre längst verklungenen Worte des Zorns und der Verzweiflung ungebeten in den Sinn kamen. Oder vielmehr wollte er dies auch nicht hinterfragen. Nicht jetzt, nicht wenn Kummer und Reue ihr Auftreten beherrschten.
Ungeachtet ihres trübseligen Gesichtsausdrucks raubte Daenerys' Anblick Jorah ein ums andere Mal den Atem, vertrieb alle unansehnlichen Gedanken der Vergangenheit und Zukunft. Allein der Umstand, dass sie vor ihm stand, gänzlich entkleidet, als wäre es so selbstverständlich wie der Sonnenaufgang, und seinen Trost einforderte, ließ ihm zeitweise immer noch seinen Verstand anzweifeln.
Als Jorah sah wie ein Schaudern sie durchlief, nahm er ihr Kinn in die Hand, ließ seinen Mittelfinger über die seidige Haut darunter gleiten und betrachtete dann ihre sich teilenden Lippen, als er sich ihr näherte. Kurz und schwach trafen sie aufeinander. Nur ein kleines Zeichen, dass keiner von ihnen allein war, dass sie einander hatten, ganz gleich, was auch geschah.
„Geh wieder ins Bett, Daenerys."
„Und du?"
Ihre Frage kam als ein raues Krächzen hervor, was Jorah zusätzlich in seinem Vorhaben bestärkte.
„Ich bin sofort bei dir.", versprach er, ging dann einige Schritte durch den Raum zu der schmalen Anrichte auf der ein Tablett mit drei Silberkrügen bereitstand und vernahm zufrieden das Rascheln der Laken hinter sich.
Wenigstens hatte sie diesmal ohne größere Diskussionen seinem Wunsch nachgegeben, dachte Jorah und erinnerte sich an das erste Mal, als sie diesen Traum in seiner Gegenwart hatte. Damals hatte er ihren Begehren nachgegeben und mit ihr zusammen die Pyramide verlassen. Doch beim vierten, fünften oder sechsten Auftreten der dunklen Erzählung, hatte er sie dann von der Täuschung ihrer Träume überzeugen können.
Gierig leerte Daenerys den Becher mit Wasser, welchen Jorah ihr gebracht hatte, in einem einzigen Zug und reichte ihm das kühle Metall, das er auf den Beistelltisch platzierte, direkt neben seinem Dothrakiarmband, den porösen Stoffbändern, die Jorah üblicherweise als Schutz vor dem scharfkantigen Metall seiner Armschienen um die Handgelenke band, und dem Buch über die Geschichte der Ghiscari, in dem er seit drei Nächten las und welches bisher lediglich eine weitere Verherrlichung der Sklavenkultur zu sein schien.
Unter Daenerys' wachsamen Blick setzte er sich zu ihr ans verzierte Kopfende des Bettes, um routiniert und ohne Worte die Position einzunehmen in welcher sie einen Großteil ihrer letzten Nächte verbracht hatten. Oberflächlich ordnete Jorah die glatte, im Tageslicht mitternachtsblau schillernde Seide, die sich jetzt tiefschwarz von Daenerys' Haut abhob, zog den kleinen, weichen Körper in seinen Schoß, wickelte ihn in dem dünnen Betttuch ein und drückte sie dann an sich. Kurzzeitig war Daenerys noch damit beschäftigt sich bequemer hinzusetzten, wobei sie sich auf Jorahs Oberschenkel aufstützte und ein Stück dichter an ihn heran rutschte. Eine flüchtige Berührung, die dem Ritter das Gesicht verziehen ließ und ob er es nun wollte oder nicht, ein leises Glimmen durch sein Blut trieb. So konnte Jorah das leise Stöhnen auch nicht vom Entkommen abhalten, woraufhin Daenerys ihn über ihre Schulter hinweg fragend anblickte. Doch Jorah schüttelte den Kopf, schob ihre langen Haare, die seine Brustwarzen kitzelten beiseite, küsste die pulsierende Stelle an ihrem Hals und genoss das Gefühl ihrer Wärme an seiner Haut.
Die hohen Trennwände durch die man eventuell auf die Außenterrasse hätte sehen können waren geschlossen und so sickerte das kalte Licht der Nacht nur blass durch die gleichermaßen hohen Fenster gegenüber des Bettes. Ab und an wehte ein abklingendes Schluchzen durch das Zwielicht, das Jorahs Arme daran erinnerte nochmals nachdrücklicher um den anschmiegsamen Körper zu fassen. Ruhig und kräftig schlug sein Herz und Jorah hoffte, dass auch ihres mit jedem vorbeiziehenden Atemzug friedlicher schlagen würde, dass sie Linderung verspürte und sich von dem Abdruck des Traums losreißen konnte.
„Jorah!...", forderte Daenerys, sprach aber nicht weiter.
Das musste sie auch nicht, ahnte er doch was sie erbat. Sanft nahm er eine Hand von ihrer Seite und schob diese über ihre Haut. Irgendwann hatte sie ihm zwischen Kissen und zerwühlten Laken zugeflüstert, dass sie eine ganz bestimmte seiner Berührungen außerordentlich genoss und durch diese Entspannung fand. Erstaunt hatte er sie bei ihrem Geständnis angelächelt, ihr aber sogleich den vorgebrachten Wunsch erfüllt. Und so beschrieben Jorahs Finger auch jetzt wieder enge Kreise und weite Schlaufen über die zarte Haut Daenerys' Arme, dem sodann ein erleichtertes Seufzen folgte.
„Verzeih, dass ich dir jedes Mal den Schlaf raube, mein Bär."
„Es gibt nichts zu verzeihen, Daenerys. Wie kann ich schlafen, während du dich neben mir in Qualen windest?"
Weniger als ein Hauch Licht wanderte jetzt über ihr mattes Lächeln, als sie den Kopf hob und Jorah ansah.
„Und dennoch, das hier ist schön, nicht wahr?", meinte Daenerys und erzeugte mit ihren Fingern, die über seinen Bart strichen ein leises Kratzen, „Auf die Träume könnte ich natürlich verzichten, aber mir scheint es, dass wir sonst wenig Zeit nur für uns haben."
Der unterschwellig vorwurfsvolle Ton in Daenerys' Stimme zog Jorahs Augenbrauen hoch und legte ein Schmunzeln auf seine Lippen, welche er jetzt in ihr Haar drückte.
„Nun ja, nie würde ich es ja auch nicht nennen. Es sei denn du bezeichnest jede Nacht und fast jeden Morgen als nie und nicht zu ve- "
„Jorah!", rief Daenerys empört oder versuchte es zumindest, ehe sein Name in einem verhaltenen Kichern unterging.
Bei diesem herrlichen, fiel zu selten vernehmbaren Klang, blieb Jorah keine Wahl. Er musste einfach die winzige Lachfalte über ihrem rechten Mundwinkel küssen, ihren Nacken umfassen und ihr einen langen Kuss stehlen.
Ganz gleich wie gut sie einander auch zu kennen geglaubt haben und wie wahrhaftig dies auch gewesen sein mag, hatte sie doch stets der Anstand ihrer Ränge und einfach die Tatsache, dass sie sich nie so nah gewesen waren, zumindest nicht körperlich, daran gehindert ihr ungezwungenes und freimütiges Wesen zu zeigen. Somit entzückte es Jorah auch immer wieder zu sehen wie sich Röte in ihre Wangen schlich, wenn er ihr mit einer nie zuvor offenbarten Leichtigkeit begegnete, welche sie von ihrem sonst so würdevollen Ritter nicht erwartet hätte.
Schatten verdeckten jetzt die, wie Jorah wusste, von seinen Küssen geröteten Lippen, doch konnten sie nicht das Gefühl verdunkeln, das ihm befiel, als sie sich erneut an ihn schmiegte und die flache Hand auf seine Brust legte.
„Ich weiß was du meinst, Daenerys und du hast recht. Das hier ist schön, sehr schön sogar. Aber ich würde dich lieber aus Träumen aufwachen sehen, die dir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern und nicht diesen Schmerz hinterlassen."
Schmerz, der sich zum Glück nur noch nachts zeigte, wenn keine Barriere sie vor der Finsternis schützt, wenn ihr Geist den vergangenen Schrecken ausgeliefert ist und wenn er sie nicht erreichen kann, wenn jeder Ruf, jeder Kuss, jedes Streicheln einfach im Nichts versickerte. Doch mit dem Licht der Sonne auf ihrem Gesicht und, so sagte sie jedenfalls, mit ihm an ihrer Seite blieb die Dunkelheit genau dort. In der Dunkelheit.
Trotz der unverfrorenen Antwort auf ihre Bemerkung, wusste Jorah auf was sie anspielte. Ihre Tage mögen hell sein, seit vor drei Wochen das Unmögliche möglich geworden war, jedoch waren diese genauso erfüllt von Pflichten wie eh und je. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ein ganz bestimmtes Drängen das Ende dieser herbeisehnte. Es war kaum zu begreifen wie sehr und zugleich wie wenig sich sein Leben in den letzten Wochen verändert hatte. Es war kaum zu glauben wie glücklich er war, kaum zu glauben, dass er dazu noch fähig war und es war kaum zu glauben, dass dies alles aus solch großem Leid heraus entstanden ist, aus seiner Verbannung, aus seinen Verfehlungen, aus ihrer Qual.
So haben sich ihre Tage kaum verändert. Immer noch holte sie seinen Rat ein, stritt mit ihm über zu treffende Entschlüsse und immer noch stand er wachend neben ihr im Audienzsaal oder durchwanderte die Stadt auf der Suche nach hilfreichen Informationen für seine Königin. All diese Dinge, welche für ihn zuvor zwar auch stets mit der Freude in ihrer Nähe zu sein und ihr zu dienen verbunden gewesen waren, trieben jetzt jedoch in einem unbeschreiblichen Rausch, ausgelöst von verstohlenen Blicken, unwillkürlichen und doch bewusst geführten Berührungen und zarten Worten der Zuneigung.
Ihre Nächte hingegen... Ihre Nächte strahlten heller, als es das Licht der Sonne je könnte. Es waren Momente, gemacht aus purem Glück, aus unendlich heißen Flammen, aus grell blendenden Blitzen. Ungetrübte Lust brannte dann in ihren Venen, glühende Leidenschaft ersetzte die Luft in ihren Lungen, verbunden durch das unauslöschliche Verlangen den Herzschlag des anderen zum eigenen zu machen. Noch nie hatte er etwas derartiges empfunden, eine solche Hingabe, eine solch verzerrende Begierde nach einem anderen Menschen. Noch nie.
Im selben Augenblick erschreckte ihn diese Intensität aber auch. Wie könnte ein Feuer, dass so heiß und unnachgiebig brannte, Bestand haben? Wie könnte es nicht in seiner rücksichtslosen Wucht diejenigen verschlingen, welche sich in die Mitte der Flammen gewagt haben? Doch diese müßigen Gedanken währten nie länger als einen Wimpernschlag und dann flehte Jorah, dass diese Nächte nie enden. Wenn sie zuvor schon sein Leben gewesen war, der Grund hinter all seinem Streben, um an sich selbst, um an das Leben zu glauben, dann war es nun schlicht die Ermangelung an treffenden Worten, um zu beschreiben, zu was sie für ihn geworden war.
Eingewoben in der Stille des dunklen Raums, der wohligen Empfindung Daenerys', dicht an ihn geschmiegt und dem anhaltenden Säuseln des zurückkehrenden Schlafs, fielen Jorahs Lider herab, was auch das unbequeme Stechen in seinem Rücken nicht verhindern konnte, als er an den kunstvollen Verzierungen des hölzernen Bettrahmens herabsank und sich so eine besonders erhabene Schnitzerei in Jorahs rechtes Schulterblatt bohrte. Doch dann bemerkte er die Bewegung in seinen Armen, welche den warmen Leib von ihm lösen wollte. Eilig hinderte Jorah Daenerys am Entkommen und setzte sich wieder auf.
„Ich habe dich geweckt.", stellte sie betrübt fest.
„Nein, ich habe nicht geschlafen."
„Aber fast.", murmelte Daenerys und schob energisch Jorahs Arme von sich.
Für einen Moment kämpfte sie mit der dünnen Decke, in die Jorah sie gehüllt hatte, doch alsbald befreite sie sich aus dem seidenen Griff, rutschte auf ihre Seite des Bettes und sah aus hellwachen Augen zu ihm auf.
„Leg dich zu mir und sag jetzt nicht du wärst nicht müde. Du kannst auch vorgeben wach zu bleiben, wenn du dich hinlegst."
Wie, um ihre Worte zu bestätigen, rang Jorah erfolglos ein Gähnen nieder, das sie dazu veranlasste nach seiner Hand zu greifen.
„Komm, mein Bär."
Die weiche Matratze unter ihnen leitete seine Bewegungen zu Daenerys und ließ sie leicht schwanken, als Jorah sich um sie wickelte. Wie üblich in dieser Haltung, legte Daenerys ihren Kopf auf Jorahs Bizeps und hauchte einen flüchtigen Kuss auf die Narbe über seinem Herzen.
Nicht im Stande die Müdigkeit aus der Stimme zu verbannen, brummte Jorah schläfrig: „Hast du dich denn schon von dem Traum erholt?"
„Mhm."
Also nicht, dachte Jorah augenblicklich nach ihrer Antwort, die sie einige Tonlagen zu hoch angesetzt hatte.
„Verlief der Traum diesmal anders, als sonst?", wollte Jorah wissen und dachte an die Augenblicke, kurz vor ihrem Erwachen, als sie nach ihm gerufen hatte.
„Nein.", antwortete Daenerys sofort.
Das taten sie meist nie. Weder dieser, noch der andere. Denn es waren stets nur jene zwei, die sie heimsuchten und er konnte nicht nur von ihren im Schlaf ausgestoßenen Hilferufen sagen, um welchen Traum es sich heute gehandelt hatte, auch die Art und Weise wie sie sich jetzt verhielt unterschied sich maßgeblich von dem anderen nächtlichen Wahnbild, indessen Folge sie ihm keinen einzigen Augenblick mehr losgelassen hätte.
Bislang hatte er ihr wenig über diesen anderen Traum entlocken können, vor allem, da sie danach die meiste Zeit vollkommen in Tränen aufgelöst war. Jorah wusste nur soviel, dass sie dann von seinem Tot träumte und so absurd es auch war, der Gedanke, dass er in ihren Träumen auf diese Weise anzutreffen ist, betrübte ihn über die Tatsache ihres Leidens hinaus. Wollte er sie doch nicht so in den Schlaf begleiten.
Wohingegen die Erzählung, die sie heute erträumt hatte, eher unruhige Furcht und wie sie ihm schon vor langer Zeit berichtet hatte, Schamgefühle in ihr erzeugte. In Jorah hinterließ dieser Alptraum jedoch nur Abscheu und tiefschürfenden Hass. Und dennoch, wann immer sie den Schrecken der heutigen Nacht durchlebte, hatte er nie seinen Namen von ihr gehört und wenn sie seinen Tot erträumte, beanspruchte dieser zumeist den gesamten Traum für sich. Aber heute schien sich der eine in den anderen geschoben zu haben, auch wenn sie es abstritt. Einen winzigen Moment schloss Jorah die Augen und ließ sich kurz von der drückenden Müdigkeit umgarnen. Was auch immer sie daran hinderte von dem wahren Verlauf ihres Traums zu berichten, er würde sie nicht weiter drängen.
Jäh von einer langsam über seine Haut kriechenden Empfindung aus den Gedanken gerissen, blickte Jorah zu der über die Innenseite seines Oberarms fließenden Träne hinab, die sich aus dem Rand der wunderschönen Augen gestohlen hatte, welche ihn nicht ansehen wollten.
„Er war wieder bei ihnen. Hat mit ihnen geredet. Hat sie angefasst und ich konnte ihnen auch noch so eindringlich zurufen, sie haben mich einfach nicht erhört…", wehte ihr warmer Atem gegen Jorahs Brust, wohin auch die geweiteten Pupillen inmitten der schimmernden Seen blickten.
Auch wenn sie ihm diesen Traum bereits ein Dutzend mal erzählt hatte, quälten sie offenbar die unausgesprochenen Empfindungen und so, erleichterte über ihr gebrochenes Schweigen, schob Jorah die Müdigkeit beiseite und hörte dem Schwall bitter ausgestoßener Worte geduldig zu.
„Diese abscheuliche Selbstsicherheit mit der er sich in ihrer Nähe bewegt hat, als wären sie nur irgendwelches Getier… und dieses arrogante Grinsen, als sie sich meinem Einfluss entzogen haben... Sie haben mich mit solcher Verachtung angesehen und dann haben sie auf seinem Befehl hin..."
„Daenerys, du weißt, dass dies nie passieren wird. Niemals. Von dem was du mir erzählt hast, ist ein solcher Ausgang unmöglich. Diese Kreaturen lassen sich nicht so einfach beeinflussen und schon gar nicht von ihm."
„Ich weiß, Jorah.", fauchte sie unerwartet heftig und sah ihm dann doch in die Augen, zog ihre Hand unter der Decke hervor, legte sie auf seine Wange und seufzte nochmal, wesentlich ruhiger diesmal: „Ich weiß."
„Es ist nur... Ich hätte das nie tun dürfen. Nicht mit ihm. Aber ich habe seinen Worten Glauben geschenkt. Diesen falschen Einflüsterungen, die sich so richtig angehört haben, Jorah. Es klang so vernünftig, damals, als nichts mehr Sinn machte... Nur nicht mit ihm."
Die letzten Worte nur leise geflüstert, drückte sie sich plötzlich in die Höhe und stützte sich auf Jorahs Oberkörper auf. Erschrocken von ihrer hastigen Bewegung lehnte dieser seinen Kopf zurück und sah ihr gleichermaßen verblüfft entgegen.
Aufgeregt klang ihre Stimme, als sie ungewöhnlich schnell an Jorah gewandt sagte: „Vielleicht war diese Idee gar nicht so falsch. Es war einfach nur die falsche Person."
Vorsichtig schob Jorah die strubbeligen, silberweißen Haare aus den ihm erwartungsvoll anblickenden Augen, denen sein Verstand eine Erwiderung versagte.
„Jorah..."
„Was geht dir durch den Kopf, hm?", fragte der Ritter ratlos und wanderte mit seinen Fingerkuppen ihren Rücken entlang.
Offenbar betrübte sie die Tatsache, dass er nicht sogleich verstand was sie ersann, da sie nun eine Weile zögerte, bis sie einen weiteren Versuch unternahm sich zu erklären. Trotzdem Jorah in der Finsternis nicht wie sonst in ihrer Miene lesen konnte, so erreichte ihn dennoch ein Hauch von schüchterner Zurückhaltung, wie es sie unlängst zwischen ihnen nicht mehr gegeben hatte.
„Also, vielleicht... eventuell...", raunte sie ihre Worte gegen Jorahs Schlüsselbein und versank eine weitere, kleine Ewigkeit in der Beschäftigung ihrer Finger, welche Muster in seine Brusthaare malten.
Nachsichtig wartete er darauf, dass sie weitersprach, doch als sie dies tat, musste Jorah konzentriert lauschen, um keines der leise gemurmelten Worte zu überhören.
„Jorah, du weißt, dass ich dir vertraue. ... Du warst immer an unserer Seite, von Beginn an. Du hast uns wieder zusammengeführt, als man uns getrennt hat. Du hast so viel für uns getan."
Stirnrunzelnd öffnete Jorah den Mund, wusste aber nicht was er auf ihre immer noch unverständlichen Worte antworten sollte. Wohin will sie ihn mit diesem Gestammel führen?
Zart begann die Erkenntnis an seinem Geist zu kratzen, wurde immer heftiger und offenbarte sich in einer schockierenden Deutlichkeit. Doch dieses Kratzen muss seinen Verstand eher verletzt, als aufmerksam zurückgelassen haben, denn sie konnte niemals das im Sinn haben woran er jetzt dachte. Oder doch?
Um das raue Gefühl in seiner Kehle zu verscheuchen räusperte sich Jorah und forderte ihre Beachtung ein: „Daenerys? Ich weiß nicht rec- "
„Nein nein, es macht doch alles Sinn, wenn man darüber nachdenkt, mein Bär.", unterbrach sie Jorah, drückte aber zusätzlich ihre Finger gegen seine Lippen, um ihn ja von allzu voreiligen Äußerungen abzuhalten.
„Für einen einzigen Menschen ist diese Verantwortung, diese Macht, viel zu groß. Auch Aegon und seine Schwestern hatten jeweils nur einen Drachen unter ihrer Führung und- "
Unbeugsam und unbeirrt zerschnitt das einzige Wort, das Jorah aussprechen musste die Finsternis ihrer Gemächer:„Nein!"
Keinen einzigen Moment würde er sich auf die Überreste der vergifteten Idee des Söldners einlassen und dies musste er ihr klar machen. Sogleich nach seiner laut geäußerten Ablehnung hatten Daenerys' Hände nach seinem Gesicht gelangt, welche Jorah jetzt bestimmt abfing, um sie von sich zu schieben. Alle Schläfrigkeit war aus seinem Körper gewichen und gestattete ihm das einzig Richtige zu tun.
Kurzerhand setzte sich der Ritter im Bett auf, rieb sich nun beklommen über die Stirn und ließ dann den Arm auf sein angewinkeltes Bein fallen. Von der Dämmerung zeigte sich noch immer keine Spur. Ganz im Gegenteil, es kam Jorah so vor, als wären die Schatten im Raum noch tiefer in die Dunkelheit gefallen. Rechts von ihnen ragte ein unförmiger schwarzer Umriss auf und kurz von der Überlegung abgelenkt zu welchem Möbelstück dieser Schatten gehörte, starrte Jorah in die Luft, als unmittelbar neben ihm ein Flimmern seine Aufmerksamkeit erregte.
Schwerfällig richtete sich Daenerys auf und sah ihn mit zur Seite fallenden Kopf an, sodass sich die langen, seidigen Wellen ihrer Haare bis auf die Matratze ergossen. Ihr Schweigen nach den so euphorisch vorgebrachten Worten schnürte Jorah die Kehle zu. Hatte doch er diese Niedergeschlagenheit hervorgerufen. Aus gutem Grund, ermahnte er sich und konnte dennoch nicht anders, als die Hand auszustrecken und ihr Gesicht mit seiner Handfläche zu umschmeicheln. Bald registrierte er aber ihre Starre, wo sie sich sonst in seine Berührung gelehnt hatte und entzog seinen rauen Fingern dieses erlesene Gefühl.
„Hör zu, Daenerys. Ich kann dir gar nicht sagen wie geehrt ich mich durch das Vertrauen fühle, dass du mir mit diesem Ansinnen entgegenbringst..."
„Aber der Gedanke daran ist dir letzten Endes doch zuwider.", stellte sie brüsk fest und zeigte Jorah zum ersten Mal seit langem, die ihr seit kurzem anhaftende nervöse Eigenheit auf der Unterlippe zu kauen.
Stirnrunzelnd fragte sich Jorah warum sie bislang noch nie nach einem jener Träume diese Unterhaltung geführt hatten und ordnete seine Argumente, bevor er sie so einfühlsam und nachvollziehbar wie möglich an seine Königin richtete.
„Das ist nicht wahr und hierbei ist es auch vollkommen unwichtig was ich denke. Es geht einzig darum wer du bist und was man dir glauben gemacht hat, wer du zu sein hast."
Schweren Herzens trafen ihn jetzt von einem Sturm aus Demut und Schmerz aufgewühlte Augen, die im schwachen Schein der frühen Stunde noch aufgeriebener wirkten. Umgehend wollte er sie trösten, doch aus Angst erneut diese Regungslosigkeit ertragen zu müssen, legte Jorah einfach nur seine nach oben gedrehte Hand auf die kalten Laken zwischen ihnen und hoffte, dass sie den dargebotenen Beistand annahm.
Mehrere Momente verstrichen, bevor sich Daenerys bewegte und ihr langes Zaudern kam eiskalten Regentropfen gleich, die Jorahs unlängst so heiß glühendes Innerstes durchliefen. Doch dann fühlte er ihre Wärme, die seine Hand, wenn auch ohne Nachdruck, so doch unbestreitbar, überdeckte.
„Ich liebe dich, Daenerys. … Und genau aus diesem Grund muss ich mich deiner Bitte verwehren. Denn auch wenn du das vielleicht nicht hören willst, ist es doch so, dass ich nicht viel besser wäre, als derjenige, der dir diese Gedanken zu Beginn eingepflanzt hat, wenn ich dir jetzt zustimme."
„Wie kannst du so etwas nur sagen?", schnappte sie, ihre Stimme schwer vor Abscheu, welche, so flehte Jorah, sich nicht gegen ihn richtete und als sich die kleine Hand aus seiner stehlen wollte, verstärkte er seinen Griff, ließ sie nicht fort, wollte den Kontakt zu ihr nicht abbrechen lassen.
Sie musste sich endlich selbst verzeihen und verstehen, dass ihre Handlungen in einer Zeit der Schwäche von jemanden ohne erkennbare moralische Grundsätze manipuliert wurden. Als sie ihm gestanden hatte, was in den Katakomben geschehen war, hatte er nur zugehört. Selbstverständlich kam ihm kein Urteil über all die Entschlüsse zu, die sie bezüglich ihrer Drachen traf und geurteilt hatte er auch nicht, tat dies immer noch nicht. Ihr an sich selbst gerichtetes Urteil wog schon schwer genug. Sie musste sich endlich selbst verzeihen. Dann würden diese unsäglichen Träume auch ein Ende haben. Aber wie sollte er ihr ein Konzept nahebringen, welches er bis heute selbst noch nicht gemeistert hatte. Anderen zu verzeihen war ein Leichtes entgegen der Aufgabe seinen eigenen Verfehlungen mit Nachsicht zu begegnen.
„Mir ist durchaus bewusst, dass meine Entscheidung zu jener Zeit dumm, gefährlich und unendlich leichtsinnig gewesen war, aber jetzt wäre es doch eine gänzlich andere. Niemand zwingt mich dazu. Es ist mein eigenes Ermessen."
„Welches dir doch zweifellos sagen muss, dass es undenkbar und unausführbar ist. Es würde nie funktionieren, Daenerys. Sowie ich auch keinen Augenblick angenommen habe, dass er irgendeinen Einfluss auf deine Drachen ausüben kann, ganz gleich wie oft er dich auch dazu genötigt hat ihn zu ihnen zu führen. ... Und ich glaube auch nicht, dass du dies tief in deinem Herzen überhaupt willst, auch wenn du denkst, dass es mit mir anders wäre."
„Ich kenne mein eigenes Herz."
„Dann weißt du auch, dass dein Einfall niemanden nützen würde. Zumal es, wie bereits gesagt, nicht umsetzbar ist und aus welchem Grund solltest du das auch wollen, Daenerys. Du bist vom Blut des Drachens."
„Und dennoch richten sie jede Nacht ihr Feuer gegen mich."
„Daenerys.", seufzte Jorah traurig.
„Es sind nur Träume. Ja, ich weiß. Aber es war real, als ich ihn zu meinen Kindern geführt habe, als er mir versichert hat, dass es von großer Wichtigkeit ist jemanden an meiner Seite zu haben, der sie ebenso kontrollieren kann."
Energisch erwiderte Jorah: „Es ging dir zu dieser Zeit nicht gut und das hat er gnadenlos ausgenutzt. Dich- "
„Mich trifft keine Schuld, willst du sagen? Das ich nicht wusste, was ich tat? Oh Jorah, ich wusste genau wie töricht und falsch es war. Ich habe es ganz genau gewusst. … Die beschämende Wahrheit ist einfach, dass ich Angst hatte mich gegen ihn zur Wehr zu setzten, dass sich meine Vorbehalte doch wieder nur als die Worte des Wahnsinns herausstellen würden. Und irgendwann fand ich dann, dass seine Argumente nachvollziehbar klangen, dass es sogar ein unausweichlicher Schritt war. ... Was ich getan habe ist einfach nur verachtenswert."
Daenerys' Finger lagen immer noch in seiner Hand, als sie nochmals zu sprechen begann: „Egal, ob ich bei Verstand war oder nicht. Es ist schlicht furchtbar zu wissen, dass ich mit ihm etwas geteilt habe, was uns nicht vergönnt sein soll und dazu noch etwas derartig Bedeutungsvolles. Aber wenn du jetzt- "
„Nein, Daenerys. Dir muss klar sein wie..."
Jetzt entriss Daenerys Jorah doch ihre Hand und grub diese zusammen mit der anderen tief in die Seide, welche sie umgab. Unentschlossen was seine Finger mit der zurückgelassenen kalten Luft machen sollten, lagen sie nur schlaff auf dem Bett und griffen nach der Wärme, die nicht mehr dort war.
Diese Nacht verwandelte sich mehr und mehr in ein nachlässiges Abbild längst vergangener Begebenheiten, welche Jorah auch zu den Alpträumen gezählt hatte und von denen er nicht erwartet hatte, dass sie mit ihnen zusammen aufwachen würden. Er konnte sie doch nicht in einem Einfall bestätigen, der gleichermaßen absurd wie gefährlich war. Ja, er hatte miterlebt wie die Drachen aus dem Feuer wiedergeboren wurden. Ja, er hatte sie nahezu jeden Tage begleitet und ja, der Zwischenfall vor kurzem hat gezeigt, dass er möglicherweise nicht nur eine unbedeutende Randfigur für Drogon war, die man bei nächster Gelegenheit in Feuer tauchen würde. Aber er war nun mal, wer er war. Kein königliches Blut floss in seinen Adern. Keine weit zurückreichende Geschichte verband ihm mit dem Schicksal der Welt. Und keine Macht des Diesseits würde ihn zu mehr erheben, als er war. Nie würde er mehr sein, als er war... Doch so unglaublich es auch erschien, für sie war es offenbar genug. Bis jetzt hatten sie nur wenige Male über seine Rolle bei ihrem Zusammenbruch nach seiner Verbannung gesprochen, die Jorah teilweise immer noch unbegreiflich war. Was aber vielleicht auch an dem Wehren seines Inneren lag ihre Gefühle für ihn vollends für wahr zu erachten.
Betreten spürte Jorah die bekannte Verbitterung in ihm aufleben und kaum hatte er dieser den Weg in sein Herz gestattet, folgten andere Empfindungen, welche in den verstrichenen Wochen ebenso geschlafen hatten, die er zu diesem Schlaf gezwungen hatte. War er es doch leid, dass sich wieder und wieder dieselben Vorbehalte in seinem Kopf drehten, ohne Ziel, ohne Anfang. Unter anderen trieb die Frage, ob er glauben konnte, dass sie mehr als Dankbarkeit für Schutz und Geborgenheit empfand, diesen nervenaufreibenden Reigen an. Aber wenn er es nicht glaubte, was machte dies dann aus ihm, aus dem Mann, der sich ungeachtet dessen genommen hatte, was sie ihm dargeboten hatte? Oder tat er jetzt einfach das, was er sich immer geschworen hatte? Gab seiner Königin alles, um sie glücklich zu machen, ohne Rücksicht?
Grob strich sich Jorah übers Haar und untersagte sich jeden weiteren ins Nichts führenden Gedanken. Weder ihm und schon gar nicht Daenerys half sein stummes Grübeln weiter. Mit diesen Überlegungen im Kopf sah Jorah das Zittern, welches ihren Körper durchlief, woraufhin er den hauchdünnen Schleier seiner kurzzeitigen Zurückhaltung zerriss und die Arme um ihre Taille schlang, sie abermals in seinen Schoß zog und einen Seufzer der Erleichterung ausstieß, als sie sich an ihn kuschelte. Liebevoll fuhr Jorah mit seinen Lippen über ihre Augenbrauen, über die empfindliche Haut ihrer geschlossenen Lider, verfolgte die Pfade der vergossenen Tränen und küsste die scharfe Linie, zu der ihr Mund geworden war.
„Diese Geschöpfe sind dein Schicksal. Deine Offenbarung. Dein Erbe. Nicht umsonst wurde dir diese lang verloren geglaubte Ehre zuteil, Daenerys. Nur du kannst diesen Weg beschreiten."
„Was wenn ich diesen Weg aber ungewollt teilen muss? Was wenn mein Traum doch wahr wird? Was wenn ich mit meinem Fehler alles zerstört habe, wenn er sie doch beeinflussen kann?"
„Das wird nicht geschehen. Es ist nun einmal nicht nur ein Frage von Einfluss oder ein, zwei gelernten valyrischen Worten und das weißt du auch."
Undeutliches Gemurmel prallte jetzt gegen Jorahs Hals und ließ ihn zu der an ihn gepressten Gestalt hinabblicken, zu der Erinnerung an eine gebrochene Seele, zu der starken, selbstsicheren Frau, zu seiner Geliebten, zu seiner Königin, zu dem einen Menschen, den er bedingungslos liebte.
„Daenerys.", forderte er ihre Augen auf den seinen zu begegnen und stellte die Frage, die er schon einmal an sie gerichtet hatte: „Hat er sie denn irgendwann erkennbar beeinflussen, geschweige denn kontrollieren können?"
„Nicht wirklich, nur..."
„Was wenn er sich ihnen dennoch nähert?", beendete Jorah ihren Satz, woraufhin ihre samtige Wange über seine Kehle glitt, als sie träge nickte.
Dann werde ich ihn persönlich mein Schwert in den verachtenswerten Leib rammen, dachte Jorah und hoffte, dass Daenerys seine verkrampfte Muskulatur nicht zu deutlich wahrnahm. Aber andererseits wird er dies, sofern er die Gelegenheit dazu bekam, so oder so tun. Für alles was er ihr angetan hat und immer noch antut, für all den verursachten Schmerz, für die rücksichtslose Ausnutzung ihrer Situation, für jedes falsche Wort von seiner gespaltenen Zunge, für jedes Mal, dass er ihre Träume störte und schlicht für den Frevel sie mit seinen unwürdigen Händen berührt zu haben, sie...
Er musste jetzt aufhören darüber nachzudenken, sonst würde er an dem Groll und Abscheu, den er dieser Person entgegenbrachte, noch ersticken. Also stieß Jorah den angehaltenen Atem aus und drehte sich mit Daenerys im Arm zur Seite. Sie hatte seine Bewegung nicht erwartet, wovon der überraschte Aufschrei und die Intensität mit der sie sich an Jorahs Schultern klammerte zeugte, als er sie in eines der aufgeplusterten Kissen sinken ließ, über die ihre hellen Strähnen wie gesponnenes Silber rannen.
„Wenn er sich ihnen dennoch nähert, Daenerys, dann...", für den Bruchteil eines Augenblicks hielt Jorah den Rest des Satzes zurück, so wie er dies stets tat, wenn ihm für ihre Ohren unpassende Worte durch den Kopf gingen. Aber sie soll erkennen, dass all sein Ärger, den sie womöglich in den verstrichenen Momenten gehört oder gar gesehen hatte, nicht ihr galt.
„...dann hoffe ich nur, dass Rhaegals und Viserions Feuer heiß genug brennt."
Von dem Erstaunen, welches seine groben Worte auslöste, trennten sich ihre roten Lippen voneinander und das diese Rot waren verdeutlichte jetzt die schleichend einsetzende Dämmerung. Ein ungestümes Feuer lodere in dem dumpfen Violett auf und verschlang das vom Alptraum noch übriggebliebene Unbehagen, fraß sich durch Furcht und verbrannte jedes Bisschen an Schuldgefühlen, die Jorah in ihrem Blick gesehen hatte, ließ endlich das Opfer zu dem er sie gemacht hatte zu Asche werden.
Zwischen zwei Wimpernschlägen änderte sich unvermutet die Essenz dieses violetten Feuers, löschte mit einem grellen Aufflackern den triumphierenden Hass aus und ließ etwas aufflammen, das einen feurigen Schauer Jorahs Wirbelsäule hinabschickte. Kaum, dass er dieses Funkeln registrierte, hob Daenerys sich ihm auch schon entgegen, drückte ihre zierliche Hand gegen seine linke Schulter und unumwunden ließ sich Jorah von ihr auf den Rücken stoßen. Der Anblick dieser wunderschönen Frau, die sich mit einem gierigen Blick über ihn beugte, eine Gier, die nach ihm verlangte, warf alle anderen Gedanken ebenso um. Nun ja, fast alle. Denn während Jorah beobachtete wie Daenerys bedrohlich langsam über ihn hinwegkroch und sich mit jeder kaum spürbaren Bewegung des Bettes weiter seinem Gesicht näherte, kam er nicht umhin sich zu fragen, ob die flüchtige Idee, welche zuvor in ihrem erschöpften Geist aufgetaucht war, zusammen mit den übrigen Fetzen der Absurdität ihres Traums, verschwunden war.
Regungslos lag Jorah unter dem makellosen Körper, der sich über ihn hinweg bewegte und antwortete ihrem intensiven Blick mit einem schiefen Grinsen. Und in dem Augenblick, als sich ihr Mund an sein Kinn legte, um an den zweifellos kratzigen Bartstoppeln zu saugen, wusste Jorah schon nicht mehr, welcher Einfall es war, der ihn bekümmert hatte. Wollte es jetzt gar nicht mehr wissen. Andere Gedanken, als Daenerys, fanden zudem keinen Weg mehr in seinen hoffnungslos verlorenen Verstand und so schob Jorah seine Hände in ihr Haar, als sich ihr Mund in einem leidenschaftlichen Reigen gegen seinen zwängte. Fiebrig umfingen ihre köstlichen Lippen seine Zunge, triezten ihn mit ihrer Wärme und gestatteten ihm keinen Moment zum Luftholen. Doch als sie dies dann taten, stockte Jorah der Atem nichtsdestotrotz, da die Fingerspitzen Daenerys' rechter Hand über seinen Körper strömten, über seine Brust schwirrten, zu seiner Taille glitten, um seinen Nabel kreisten und von dort aus den kleinen Streifen aus weichen Haaren entlangwanderten, die seine unteren Bauchmuskeln bedeckten. Bevor sie ihm aber vollends um den Verstand bringen konnte, fing er ihre entflohene Hand ein, zog sie an seinen Mund und ließ jedem Knöchel einen kurzen Kuss zukommen.
Ihr ungestümes Verhalten ließ Jorahs Grinsen nochmals breiter werden, war dies doch die eine Sache, welche sich seit ihrer ersten gemeinsamen Nacht wenig geändert hatte. Daenerys' Ungeduld mit seiner für sie scheinbar viel zu strapazierfähigen Geduld. Unleugbar war es über alle Maßen erregend sie sich in dieser Art und Weise nach ihm verzerren zu sehen und zu fühlen. Bei allen Göttern, sie vor allem zu fühlen. Aber es war nun mal so, dass Jorah jeden kostbaren Augenblick mit ihr genießen, jeden Kuss, jede Berührung, jedes Zusammentreffen ihrer Körper bis zum Letzten auskosten wollte. Sie war wie geschaffen zum Verwöhnen und dies so lange und so sinnlich wie nur möglich. Die Welt um sie herum zog schon schnell genug an ihnen vorbei und Jorah bevorzugte es in ihr atemberaubendes Gesicht zu sehen, solange es ihm vergönnt war.
Aus halb geschlossenen Augen sah sie auf ihn hinab und die voranschreitende Morgendämmerung legte einen lichten Schein um ihre Silhouette, machte sie zu einer Erscheinung nicht von dieser Welt, welche Jorah mit jedem Atemzug, der ihre perfekten Brüste hob, in einen Lockruf aus Liebe und Begierde hüllte.
Und wieder war er fassungslos angesichts dieses Wunschbildes, angesichts der sich im Rausch des Begehrens bewegenden Hüften, als er ihre weiche Taille umfasste, angesichts des Stöhnens, als er über die anbetungswürdige Haut ihres flachen Bauchs fuhr, angesichts des zurückfallenden Kopfs, als er ihre Brüste mit seinen langen Fingern liebkoste.
So entließ sein Mund auch ohne Zwiesprache mit seinem Verstand heiser klingende Worte, die ihre schillernden Augen wieder zu ihm führten: „Daenerys, du bist ein Traum aus dem ich nie wieder aufwachen will."
Die Unersättlichkeit in ihrem Blick brannte sich unmittelbar durch Jorahs Körper und spannte in einer unbeschreiblichen Herrlichkeit Muskeln an, die ohnehin schon durch seine Sehnsucht nach ihr in Flammen standen. Je weiter sich Daenerys nach vorn beugte und ihre Haut an Jorahs legte, desto tiefer fiel er in ihre immer näher kommenden Augen, die dann aber aus seinem Sichtfeld verschwanden. Stattdessen schmiegte sich diese verführerische Frau, die ihn mit sich ins Feuer gezogen hatte, an seine Halsbeuge und Jorah spürte das Prickeln, als sie tief einatmete und dann ihren warmen Odem gegen sein Ohr strömen ließ: „Dann lass uns einfach nicht aufwachen. Lass uns weiter träumen."
Lange, seidige Haare kitzelten Jorahs Hals, krochen in seine Augenwinkel und stürzten trotz Daenerys' Bändigungsversuche immerfort auf seine Wangen. Bald schon ergab sie sich ihrer Haarpracht im Kampf um sein Gesicht, setzte sich wieder auf und langte nach Jorahs Stoffbändchen auf dem Beistelltisch, um somit ihre silberweißen Wellen zu zähmen.
Auch wenn Jorahs Vorhaben das Zurückbinden ihrer Haare unnötig machten, sah er ihr dennoch gerne dabei zu, wie sie ihre Strähnen nach hinten nahm, ihre Arme über den Kopf hob, die braunen Stoffstreifen um den entstandenen Zopf wickelte und zurecht steckte.
Während Daenerys' kurzer Beschäftigung änderte Jorah geringfügig seine Position, sodass er sie, kaum dass sie ihre Hände wieder auf seinem Oberkörper legte, an sich presste und sich aufsetzte. Ihr helles Kichern, welches nun erklang, war zu seiner liebsten Melodie überhaupt geworden, der er nie überdrüssig wurde. Jedoch übertraf das Strahlen auf ihrem Gesicht diese freudige Hymne bei weitem. Feine Falten kräuselten sich um ihre Augen und zeigten mit jenem Lächeln aufrichtige Freude. Ein Anblick, der ihm erst seit einigen Wochen vergönnt war und die Frage aufwarf, wie er bislang sein Leben ohne dieses Leuchten beschreiten konnte.
Jorahs linke Hand ruhte auf ihrem Rücken, knapp oberhalb Daenerys' wohlgeformten Kurven, während die andere über die geschmeidige Haut ihres Dekolletees strich, welches sie ihm, sich zurücklehnend, augenscheinlich nur zu gerne darbot. Mit jedem Stück, das er weiter ihren berauschenden Körpers hinab wanderte, schlug das Herz unter seinen Fingerspitzen etwas schneller und als Jorah den Druck ihrer Hände in seinem Nacken spürte, lehnte er sich vor, um ihren Hals mit flüchtigen Küssen zu benetzten.
Langsam führte er seine Zunge über ihre Kehle, drängte seinen offenen Mund gegen die Unterseite ihres Kinns und als er seine Wange sanft über ihren Hals rieb, um ihr so das kratzige Gefühl zukommen zu lassen, welches sie einst als betörend beschrieben hatte, fiel Daenerys' Kopf nach hinten und bot Jorah mehr Haut, mehr Platz, mehr von ihrem sinnlichen Duft, mehr von dem Rausch, der sie war.
Zwischen der Wärme ihrer aneinanderliegenden Körper schob Jorah eine Hand an ihr empor, umfasste behutsam eine ihrer kleinen, festen Brüste und ließ seinen Daumen über die bereits erregte Brustwarze gleiten, die sich hart gegen seine Haut schob.
„Jorah.", keuchte Daenerys und er konnte ein Summen an seinen Lippen spüren, als sein Name durch ihren Hals floss.
Abrupt beugte sie ihren Kopf wieder nach vorn und ließ fast noch im selben Moment ihren Mund auf Jorahs fallen. Von zärtlichen, sanften Liebkosungen war nun wenig zu spüren. Verwegen und nahezu grob drängten sich ihre weichen Lippen gegen Jorah, hemmungslos schob Daenerys ihre Zunge in seinen Mund und forderte unbestritten eine Erwiderung ein. Einen Moment lang drückte die Welle aus Lust, die von ihr ausging, Jorah in einen Abgrund, angefüllt von glutheißer Luft, die nicht zum atmen gedacht war. Aber dann ließ er dieses Feuer seine Lungen, sein Herz, seinen gesamten Körper einnehmen.
Warm und feucht fühlte sich ihr Inneres an, als Jorah wieder und wieder, immer drängender und unkontrollierter von ihr Besitz ergriff, mit seiner Zungenspitze ihre volle Unterlippe liebkoste und dann zärtlich an dieser zu saugen begann.
Ekstase ließ den Kontakt ihrer Körper allmählich zu einer Qual werden, die sie verzweifelt nach einem Halt im Hier und Jetzt fassen ließ. Und den einzigen Halt den sie fanden, war der Körper des anderen. Vehement presste Jorah seine Handflächen gegen ihre Wirbelsäule und Schulterblätter. Schmerzhaft versenkte Daenerys Fingernägel in seine Nackenmuskeln und begann sich unbeholfen in seinem Schoß zu winden. Unter ihren immer wärmer werdenden Schenkel, fest um Jorahs Hüften geschlungen, wurde auch seine Haut immer heißer. Kleine Schweißperlen bildeten sich jetzt auf ihren Körpern und versuchten vergebens ihre aneinandergedrückte Haut zu kühlen.
Den Sog, welchen sie mit ihrer Nähe erzeugte, raubte Jorah jetzt fast die Sinne. Nur ein pulsierendes Rauschen war in seinen Ohren zu hören. Nur ihre schwere Süße drang in seine Nase. Nur ihre brennende Leidenschaft schmeckte er auf seiner Zunge. Nur flüchtige Szenen eines wahr gewordenen Traums flackerten vor seinen Augen auf. Nur die Empfindung ihrer Haut, zarter noch als jede seichte Brisen des Südwinds, umfing seine Finger. Nur der galoppierende Herzschlag in seiner Brust hallte durch seinen Leib und ließ Wellen der Lust in ihm aufschlagen.
Daenerys' flache, kreisende Hüftbewegungen ließen Jorah in ihren offenen Mund stöhnen, ehe ihm nichts anderes übrig blieb, als ihre Bewegungen zu spiegeln. Vergessen war scheinbar all die langsame Sinnlichkeit und müßige Geduld, ausgelöscht von jedem Aneinanderreiben ihrer Körper. Und so stemmte sich Jorah auf die Knie, rollte sich über Daenerys und legte sie ein zweites Mal an diesem frühen Morgen auf den Rücken.
Jorah konnte es nicht genau benennen, was sie mit ihm machte, was sie in ihm auslöste oder was ihm stets alles, alles vergessen ließ. War es schlichtweg unersättliche Lust? War es so einfach? Oder war es die Liebe, welche er für sie empfand? Ein Zusammenspiel dieser beiden Komponenten, die ihm im Augenblick der Leidenschaft gleichgültig gegenüber der Welt machte, welche um ihn herum in Flammen aufgehen könnte, ohne dass es ihn sonderlich berühren würde, brannte sich doch ohnehin schon heißes Feuer durch seinen Leib? Aber es konnten nicht nur seine Gelüste sein, die ihn jedes Mal in diesen Taumel stießen. Er kannte das simple körperliche Bedürfnis nach dem Körper einer Frau. Das hier war weit davon entfernt.
Enttäuschungen, Selbstverachtung, Hoffnungslosigkeit und Schwermut haben ihn in den vergangenen Jahren, vor allem bevor er ihr begegnet war, emotional abgestumpft, haben sein Inneres taub werden lassen. Erst ihre Anwesenheit in seinem Leben hat alles verändert, ihre Anwesenheit in seinem Herzen hat ihn aus dieser Taubheit erweckt und durch ihre Anwesenheit in seinem Bett oder vielmehr seine Anwesenheit in ihrem Bett fühlte er sich auf eine Art und Weise am Leben, die er schon seit Jahren nicht mehr empfunden hatte. Hat es doch Zeiten gegeben, da er nicht gewusst hatte, ob er am Leben war oder ob ihm dies überhaupt interessierte. Doch nicht in den letzten zwei Jahren. Nicht in den letzten Nächten. Nicht an diesem Morgen. Nicht jetzt. Nie wieder. Solange er bei ihr war.
Schauer gieriger Küsse ließ Jorah auf ihren bebenden Leib niederregnen, umfing ihren Brustkorb mit beiden Händen und zog seine Daumen über Rippen, welche in letzter Zeit glücklicherweise nicht mehr so besorgniserregend hervorstachen wie noch vor wenigen Wochen.
Irgendwo zwischen der süßen Empfindung ihrer steifen Brustwarze in seinem Mund und der glatten Haut um ihren Bauchnabel auf seiner Zunge, gelang es Jorah doch noch aus den dichten Schwaden der Lust aufzutauchen, sodass er wieder mehr Kontrolle über seine Hände und seine Lippen hatte. Kontrolliert ließ Jorah seinen angehaltenen Atem frei, streichelte dann langsam über ihre Arme und verschränkte seine Hände mit ihren, um unschuldige Küsse auf jeden Handrücken zu hauchen. Etwas, was Daenerys hörbar wenig gefiel, da sie sein verlangsamtes Verwöhnen empört atemlos kommentierte: „Mein Bär, ... bitte … ich … ich kann nicht..."
Der hohe Ton, in dem ihre Worte verebbten, hallte in Jorahs Ohren wider und ließ ihn leise vor sich hin schmunzeln, was auch nicht durch den einen Gedanken verhindert werden konnte, der seinen Geist streifte und etwas in sich trug, was er nicht wagte anzurühren.
Jorah stützte sich auf seine Ellenbogen und brachte ihre wunderschönen Augen, in denen nun das Morgenlicht aufging, wieder in sein Blickfeld, als verschwitzte Hände sein Gesicht umfassten und glänzende Lippe in sein Ohr flüsterten: „Jorah, ich brauche dich. Jetzt."
Wenngleich der warme Hauch ihrer Bitte und die Worte selbst, glühende Funken aufwirbelten, gelang es Jorah doch ihrem Locken zu widerstehen. Oder war es schon fast ein Befehl, welchen sie so inbrünstig ausgestoßen hatte, den er aber willentlich und mit Bestimmtheit zu ignorieren gedachte?
Beruhigend streichelte Jorah über Daenerys' Wange, stupste seine Nasenspitze gegen ihre, sammelte ein festgeklebtes Haar von ihrer Schläfe und grinste amüsiert über den kleinen Schimmer von Verdruss in den violetten Ringen, welchen er mit einem lieblichen Kuss niederrang und anschließend seine Unterarme um ihren Kopf legte. Wahrscheinlich war das, was er ihr jetzt sagen würde nicht das, was sie in genau diesem Augenblick von seinen Lippen hören wollte. So wie sie ihn anblickte wollte sie wahrscheinlich überhaupt nichts mehr von ihm hören. Doch Jorah hoffte, dass sie seinen Lippen in wenigen Momenten verzeihen würde und so raunte er mit seiner tiefen, kratzigen Stimme: „Mein Herz, … warum sollten wir etwas beschleunigen und zum Ende treiben, ... was sich doch so gut anfühlt, hmm?"
Die Wirkung Jorahs Worte war unbestreitbar und offenbarte sich in ihren Zähnen, welche sich erneut in die üppige Unterlippe gruben. Woraufhin Jorah seinen Daumen an das leidgeprüfte Rot legte, um es zu befreien und über den zurückbleibenden Abdruck zu streicheln.
Stockende Atemzüge folgten jetzt Jorahs Mund, der ihre erhitze Haut bedeckte. Angefangen bei ihrem anbetungswürdigen Gesicht, dem zierlichen Hals, über die berauschenden Rundungen ihres Busens, der seidigen Haut direkt darunter, bis hin zu den sanften Wölbungen ihrer Bauchmuskeln, den Erhebungen ihrer Hüftknochen und der von dort aus immer empfindlicher werdenden Haut.
Leises Keuchen begleitete Jorahs Hände, die sich nun unter ihre straffen Oberschenkel schoben, um ihre festen Muskeln mit kräftigen, massierenden Bewegungen zu umschmeicheln. Und ein überwältigtes Stöhnen zersprang auf ihren Lippen, als Jorah die seinen über die Innenseite ihrer Schenkel zog und dann zwischen ihren zitternden Beinen niederfallen ließ.
Ähnlich wie das Grauen der Nacht Daenerys Laute des Entsetzens abgerungen und Jorah im Dunst des Schlafes erreicht hatte, so drangen jetzt gleichermaßen Laute des Entsetzens aus ihrem Mund. Doch es war eine süße, eine selige Melodie, welche Jorahs Zunge entlockte. Ein himmlisches Entsetzen, das Daenerys jetzt in den Morgen rief und damit diesen Traum dennoch nicht beenden konnte...
„...Ja...Mehr..."
„..."
„...Mmh...Ja..."
„...Bitte..."
„...Ich..."
„...Jorah..."
„...Ja...Ja...Ja...Bitte..."
