25. Kein Ende in Sicht
Am nächsten Morgen saßen Snape und Hermine erneut mit der Regentin in dem großen hellen Zimmer. Sie hatte sie hierher gebeten, um ihnen den harten Kern der KRÄHE vorzustellen.
Etwas ungeduldig saß die Gryffindor auf dem Sofa. Sie war nervös, die Menschen zu treffen, die sie bereits aus der Gegenwart kannte. Doch offensichtlich hatte die Zeit sie verändert. Sie brauchte nur an Lupin, Shacklebolt und vor allem an sich selbst zu denken. Alle hatten sich sehr verändert, waren ernster geworden und hatten Fähigkeiten erworben, die sie in der Gegenwart noch nicht besaßen.
Mit einem lauten Schwung öffnete sich die Flügeltür und herein traten zahlreiche Personen. Gespannt blickte die Gryffindor zu diesen, die nun auf Snape und sie zukamen. Allen voran waren Lupin und Shacklebolt. Sie trugen edle dunkle Roben und ein wenig musste sie schmunzeln, als sie den erstaunten, wenn nicht sogar erbosten Blick ihres Lehrers neben sich sah.
Offensichtlich hatte auch er die Ähnlichkeit der Roben zu seiner wahrgenommen. Lupin und Shacklebolt verbeugten sich vor den beiden Besuchern und schließlich vor der Regentin. Mit einem leichten Knicks erwiderte diese den Gruß der beiden.
Hermine war sich nicht ganz sicher, ob sie das albern oder irgendwie faszinierend finden sollte. Dieses ganze Gehabe und Verhalten hier erinnerten sie sehr stark an eine Monarchie, die es aber nur in ihrer Muggelwelt gab.
Sie schüttelte kaum unmerklich ihren Kopf und wandte sich den anderen Personen zu, die nun vor ihr und Snape standen. Hermine schaute geradewegs in die freundlichen Augen von Professor McGonagall. Die Gryffindor war beinahe erleichtert, als sie an ihrer Hauslehrerin kaum eine Veränderung feststellte.
„Hallo Professor." Grüßte Hermine McGonagall freundlich. „Wie geht es Ihnen?"
Ein freundliches Lächeln breitete sich auf dem Gesicht der Professorin aus. „Mir gut es gut meine Liebe." Antwortete sie in ihrem üblich höflichen Tonfall. „Aber bitte nenne mich doch Minerva." Fügte sie noch lächelnd hinzu.
Hermine merkte, wie sie leicht rot anlief. Doch sie nickte ihrer Lehrerin dennoch leicht zu. Dann wandte sich McGonagall zu Snape, der schon bevor sie irgendetwas gesagt hatte, mehr als mürrisch zu seiner Kollegin blickte.
„Wie ich sehe, noch immer der alte Griesgram." Meinte Minerva nur trocken, lachte ihn beinahe frech an und ging dann weiter, um die Regentin herzlich zu begrüßen.
Hätte Snape sich nicht so gut unter Kontrolle gehabt, dann wäre ihm seine Kinnlade heruntergeklappt. Und damit hätte er einen ziemlich dämlichen Anblick geboten.
Doch so schluckte er einen zynischen Kommentar einfach nur herunter und stellte sich dem nächsten Mitglied der KRÄHE. Doch als er den jungen Mann vor sich sah, hätte er am liebsten laut aufgeschrieen.
Neville Longbottom in Person stand vor ihm. Doch er blickte Snape weder ängstlich noch gedemütigt an. Eher im Gegenteil. Seine Haltung war gestrafft, sein Blick ernst und fest. „Professor." Grüßte er Snape in einem höflichen aber dennoch distanzierten Tonfall.
Snape nickte Neville lediglich nur zu. Er wollte sich nicht länger als nötig mit ihm unterhalten. Auch wenn er sagen musste, dass die ruhige und scheinbar nicht mehr so tollpatschige Art ihm sehr gut stand. Aber Snape würde sich lieber die Zunge abbeißen, als das laut zuzugeben.
Hermine und Neville sprachen hingegen eine ganze Weile miteinander, was Snape nur ein trockenes Schnauben entlockte. Hatte die Gryffindor vergessen, warum sie hier waren? Wohl kaum, um Kaffeekränzchen zu führen.
Doch es sollte noch schlimmer werden – für Snape jedenfalls. Denn als plötzlich Ron Weasley vor Hermine stand, gab es keinen Halt mehr. Mit einem lauten Quieken sprang die junge Frau auf und schmiss sich förmlich in die Arme von Weasley.
Mit hochrotem Kopf tätschelte Ron beinahe unsicher die Schulter der jungen Frau.
„Es ist schön dich zu sehen Ron." Nuschelte sie gegen seine Schulter.
Snape verzog daraufhin schief sein Gesicht, als er bemerkte, wie Weasley noch roter wurde. Ron Weasley hatte sich also nicht wirklich verändert. Auch nach all den Jahren nicht. Auch wenn Snape sich leider eingestehen musste, dass aus dem schlaksigen Jungen von einst ein stattlicher und durchaus hübscher junger Mann geworden war.
Auch Hermine fiel diese Veränderung auf. Als sie sich aus der Umarmung löste, blickte sie sich ihren Freund genau an. Seine strubbeligen Haare waren dunkler geworden und ordentlich nach hinten gekämmt.
Ein paar vereinzelte Bartstoppeln hatten sich in sein Gesicht verirrt und die Sommersprossen schienen ein wenig zurückgegangen zu sein. Er war groß und kräftig geworden. Wahrscheinlich überragte er nun sogar Snape mit seiner Größe.
Doch am Ungewöhnlichsten waren wohl Rons Roben, die er trug. Es war für die Gryffindor ungewohnt, ihren Freund mal nicht in selbst gestrickten Pullovern und abgetragenen Hosen zu sehen.
Er sah richtig erwachsen und gut in der dunklen Robe aus. Beinahe wirkte er geheimnisvoll.
„Du siehst gut aus." flüsterte sie ihm neckisch entgegen.
Ein schelmisches Grinsen breitete sich auf den Zügen von Ron aus. In diesem Moment war er wieder ganz der Junge von damals. „Das kann ich nur zurückgeben." Meinte er nur und drückte ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Wange.
Als Snape das sah, hätte er sich am liebsten vor Ekel geschüttelt. Was fiel diesem Mann ein, einfach Hermine zu küssen. Moment mal! Was fiel IHM ein, so etwas zu denken?!
Kaum merklich schüttelte er seinen Kopf, um diese Gedanken wieder abzuschütteln. Und zu seinem Glück, gelang es ihm auch.
Snape musste noch die Begrüßungen von Luna Lovegood, den Weasley Zwillingen, Dean Thomas, Nymphadora Tonks sowie Mr. und Mrs. Weasley über sich ergehen lassen. Es war eine langwierige Prozedur gewesen, besonders weil Hermine auch wirklich jeden umarmen und ihn fragen musste, wie es ihm denn ginge. Das interessierte doch niemanden!
Er hätte schon beinahe erleichtert ausgeatmet, als sich nun endlich auch Mrs. Weasley und Hermine voneinander getrennt hatten. Doch er kam noch nicht einmal dazu, denn ein weiteres Mal öffnete sich die Tür.
Herein kam – wie hätte es auch anders sein sollen, bei den ganzen Weasleys – Ginny Weasley. Und zu seinem Erschrecken war sie nicht alleine. An ihrem linken und rechten Arm hing jeweils ein Balg.
Er war dran und drauf laut aufzuschnauben. Als ob es nicht schon genug Weasleys gab! Musste Ginerva auch noch zwei weitere in die Welt setzen?!
Hermine natürlich, wie sollte es auch anders sein, stürmte sofort auf ihre beste Freundin los und fiel ihr um den Hals. Ginny erwiderte die Umarmung mit einem beinahe seligen Blick in ihrem Gesicht.
„Wie geht es dir?" fragte Hermine, nachdem sie sich aus der Umarmung gelöst hatte.
„Mir geht es gut Mine. Danke der Nachfrage." Erwiderte Ginny nur und grinste Hermine dabei an.
Hermines Blick glitt derweil zu den beiden Kindern, die sich nun beinahe krampfhaft an Ginnys Händen festhielten. Warum sahen sie Hermine so seltsam an? Sah sie denn so grausam oder furchteinflößend aus?
„Niedliche Kinder hast du Ginny." Meinte Hermine aber dennoch. Denn niedlich waren sie allemal, auch wenn sie nicht so wirklich viel von einem Weasley hatten. Weder die roten Haare noch die Sommersprossen.
Fragend sah Ginny an Hermine vorbei und blickte ihre Regentin an. Diese lächelte sie nur milde an und schritt schließlich auf Ginny, Hermine und die Kinder zu.
„Severus, Hermine." Sprach sie die beiden Gäste schließlich mit einem Funkeln in den Augen an, was nichts Gutes verheißen konnte. „Darf ich euch Feline und Ryan vorstellen?"
Lächelnd beugte sich Hermine zu den beiden herunter. Sie waren ausgesprochen hübsche Kinder. Das Mädchen trug lange dunkelbraune Haare, die ihr bis weit über die Schultern gingen. Sie hatte eine schlanke Figur und war schätzungsweise um die elf Jahre alt.
Besonders stark stachen ihre dunklen Augen hervor, die sie zu verschlingen drohten. Der junge hingegen wirkte nicht ganz so geheimnisvoll wie seine Schwester. Er war nach Hermines Schätzungen um die vier Jahre alt. Er hatte einen noch helleren Teint als Feline. Seine Haare waren lockig und trugen ein sattes braun, ebenso wie seine warmen Augen, die Hermine neugierig und irritiert zugleich anblickten.
Mehrere Sekunden lang sahen sich Hermine und der kleine Ryan an. Sie war von diesen Augen auf eine gewisse Weise fasziniert, konnte sich aus irgendeinem Grund nicht von ihnen lösen.
Sie erwiderte seinen Blick. Seinen fragenden, scheuen und irgendwie auch erschreckten Blick. Hermine sah ihn an, immer noch. Irgendetwas stimmte nicht. Noch immer versank sie in die sanften Augen des Jungen. Sekunden verstrichen, in Hermines Kopf wirbelte es.
Und plötzlich schlug die Erkenntnis wie ein Blitz bei Hermine ein. Beinahe panisch blickte sie zwischen den beiden Kindern hin und her. Immer wieder betrachtete sie die Augen, die ihr so vertraut vorkamen, die Haare, die ganze Gestalt der Kinder.
Mit einem Ruck schreckte sie zurück und blickte ihr älteres Ich mit Fassungslosigkeit im Gesicht an. Die Gryffindor betete inständig, dass sie sich irrte, dass das alles ein Missverständnis war. Doch als die Regentin langsam nickte, erlosch auch das letzte Fünkchen Hoffnung in ihr.
Seufzend stolperte sie zurück und ließ sich auf das Sofa sinken.
Snape hingegen blickte leicht überrascht seine Schülerin an. Was war denn jetzt schon wieder los? Er sah die Panik und den Unglaube in Hermines Augen, doch er wusste absolut nicht, was los war.
Dies schien auch die Ältere zu bemerken. Mit beinahe schwebenden Schritten kam sie auf ihn zu, erfasste ihn zart an der Hand und zog ihn mit zu den Kindern.
Verwirrt blickte er die Regentin an, doch die deutete mit ihrem Blick nur, sich die Kinder mal genauer anzublicken. Mit gehobenen Augenbrauen glitt sein Blick zu dem Mädchen. Aus großen tiefschwarzen Augen blickte sie ihn an. Augen, die so tief waren, dass er sich in ihnen hätte verlieren können.
Mehrere Sekunden lang blickten sich Snape und Feline einander an. Sekunden, die wie Minuten verstrichen, Sekunden, in denen sich Snapes Augen langsam mit derselben Erkenntnis füllten, wie die von Hermine vor wenigen Minuten.
„Das sind eure Kinder." Meinte die Regentin mit zarter Stimme und räumte somit auch noch die letzten Zweifel aus.
Starr und mittlerweile kreidebleich blickte Snape auf SEINE Kinder. Und genau das war zu viel. Das war der Funke, der gestern bereits gefehlt hatte, um ihn zum Explodieren zu bringen.
Mit einem wilden Ausdruck in den schwarzen Augen wirbelte er zu der Regentin herum. In diesem Moment hätte er sie wirklich verfluchen und verbannen können. Er hätte ihr gerne so viel gesagt, was er von alldem hier hielt und vor allem, was er von der Tatsache hielt, dass ER in der Zukunft Vater sein würde.
Doch so rasend er auch war, er konnte kein einziges Wort über die Lippen bringen. Und so schickte er der Frau noch einen letzten Todesblick, bevor er sich umdrehte und mit wehendem Umhang den Raum verließ.
Sichtlich verwirrt blickte Hermine ihrem Lehrer hinterher. So durcheinander und zornig hatte sie ihn noch nie gesehen. Mit einem Ruck hatte auch sie sich wieder von dem Sofa erhoben, blickte ihr älteres Ich kurz entschuldigend an und stürmte dann ebenso aus dem Zimmer, in dem nun eine Totenstille herrschte.
„Professor warten Sie!" rief sie Snape hinterher, als sie ihm am großen Eingangstor eingeholt hatte.
„Ich denke ja nicht daran!" spie er ihr während des Laufens entgegen.
Hermine hatte große Mühe, mit ihrem Lehrer Schritt zu halten. Er schien es mehr als eilig zu haben.
„Professor Snape!" rief sie nochmals. „Bitte bleiben stehen!"
„Ich hasse es, mich wiederholen zu müssen. Aber falls sie es das erste Mal nicht verstanden haben sollten: VERGESSEN SIE ES!" schrie er seiner Schülerin nun mit unverholendem Zorn entgegen.
Die Gryffindor blieb durch die gewaltige Wucht seiner Worte abrupt stehen, doch schnell hatte sie sich wieder gefasst und setzte sich abermals in Bewegung, um Snape einzuholen.
„Ich werde keine Sekunde länger mehr in diesem Irrenhaus bleiben!" ließ er Hermine wissen, doch anhalten, tat er trotzdem nicht.
„Aber wo wollen Sie denn hin?" fragte sie ihn in ihrer Verzweiflung. Mittlerweile rannten sie schon über die Ländereien von Hogwarts. Es war dunkel und kalt, der Wind blies ihnen eisig entgegen und ein leichter Nieselregen hatte sich eingestellt.
„Wieder zurück." Kam auch sogleich die knappe Antwort ihres Professors.
Hermine runzelte nur ihre Stirn. „Zurück?" fragte sie nur mit hoher Stimme. „Aber wir können nicht zurück. Nicht ohne die Hilfe der Regentin."
„Sie meinen wohl nicht ohne Ihre Hilfe." Ätzte Snape zurück.
„Wie bitte?!" schrie ihm Hermine entgegen. „Ich bin nicht sie!" ereiferte sich die junge Frau und versuchte beinahe krampfhaft mit Snape Schritt zu halten.
Abrupt blieb er stehen. Langsam drehte er sich zu der Gryffindor um und Hermine konnte ein unheilvolles Funkeln in seinen Augen sehen.
„Oh doch." Zischte er sie an. „Sie sind sie. Sie sind ein und dieselbe Person! Sie sind genauso nervig wie ihr älteres Ich. Sie beide maßen sich Dinge an, für die mir die Worte fehlen! Und sie beide sind einfach nur unausstehliche, besserwisserische und viel zu emotionale Nervensägen!"
Mit großen Augen blickte die junge Frau ihren Lehrer an. Sie hatte das Gefühl, dass er ihr gerade mit einer großen Holzstange in den Magen geschlagen hatte. Alles in ihr zog sich zusammen – auch ihr Herz.
„Glauben Sie wirklich ich bin glücklich darüber, dass ich Sie heiraten werde?! Geschweige denn dass wir zwei Kinder miteinander haben werden?!" Mit aufgebrachten rehbraunen Augen blickte sie ihn an. „Und wenn Sie der letzte Mann auf dieser beschissenen Welt wären, Sir. Ich würde mich lieber vorher vor Voldemort werfen, als mich mit IHNEN einzulassen!"
Schwer atmend stand sie vor ihm, ihren Blick fest auf seinen gerichtet. Sekunden verstrichen, indem sie sich einfach nur ansahen.
„Gut zu wissen." Raunte er schließlich nur. Dann drehte sich der Tränkemeister wieder um und setzte seinen Weg in Richtung des verbotenen Waldes fort.
Sprachlos blickte sie ihm hinterher. Eine ganze Weile lang. Doch ihr Körper wollte sich einfach nicht in Bewegung setzen.
Sollte er doch gehen, dachte sie nur verletzt. Und hoffentlich fanden ihn auch einige dieser Monster, die im verbotenen Wald lebten. Mit einem gewissen Trotz marschierte Hermine zurück zum Schloss. Sie verbot sich jeglichen Gedanken an den Tränkemeister, doch dies stellte sich schwieriger heraus, als gedacht.
Sie war bereits wieder am Eingangstor von Hogwarts angelangt, als der quälende Gedanke, dass Snape doch etwas passieren könnte, die Oberhand gewann.
Hermine blieb stehen und schloss für einen Moment ihre Augen. Doch dieses Gefühl wollte einfach nicht weichen. „Verdammt." Fluchte sie nur, bevor sie sich wieder umdrehte und abermals den Weg zum verbotenen Wald einschlug.
Auch wenn es erst früher Nachmittag war, so kam es Hermine wie in tiefster Nacht vor. Die Regentin hatte ihr erst vorhin erklärt, dass Voldemort, nachdem er die gesamte Zauberwelt übernommen hatte, die Sonne verbannt hatte. Seit diesem Tag war es im ganzen Land nie wieder hell geworden.
Jeden Tag verdeckten tiefgraue schwere Wolken den Himmel und schickten nasskalten Regen auf die Erde. Dies war ein Zustand, den Hermine nicht auf Dauer aushalten könnte. Sie fragte sich ernsthaft, wie ihr älteres Ich dabei nicht verrückt wurde.
Mittlerweile hatte Hermine die Grenze zum verbotenen Wald passiert. Ihr Verstand beschimpfte sie gerade aufs Übelste, wie man nur so blöd sein kann, alleine und nur mit dem eigenen Zauberstab als Schutz bewaffnet, in den verbotenen Wald zu gehen.
Hermine wusste, dass sie sich gerade in Lebensgefahr brachte. Doch ihr Gewissen würde nie wieder Ruhe geben, wenn sie Snape jetzt nicht suchen und hoffentlich auch finden würde.
Am liebsten hätte sie ja nach ihm gerufen. Doch wahrscheinlich würde sie damit nicht nur Snape auf sich aufmerksam machen, sondern auch Werwölfe, Mantikore und diverse andere Kreaturen, die sich hier noch so herumtrieben.
Und so blieb ihr nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sie Snape über den Weg laufen würde. Dass die Chance dafür ziemlich gering war, ignorierte die junge Frau gekonnt.
Nach gut einer Stunde war Hermine am Ende ihrer Kräfte. Sie war bis auf die Knochen durchnässt, fror erbärmlich und ihre Beine fühlten sich mittlerweile wie Blei an. Hinzu kam die Angst, jeden Moment von einem Wesen aus dem Hinterhalt angegriffen zu werden.
Innerlich schimpfte sie auf ihren Tränkelehrer. Warum hatte dieser sture Mann auch einfach weglaufen müssen?!
Hermine war gerade dabei, eine kleine Anhöhe zu erklimmen, als eine Bewegung, mehrere hundert Meter vor ihr, ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie blieb stehen, versuchte irgendetwas zu erkennen und hoffte inständig, dass es sich dabei um Snape handelte.
Doch bereits nach wenigen Sekunden musste Hermine feststellen, dass es sich nicht nur um eine Person handelte. Es schien ein ganzes Heer von irgendwelchen Wesen zu sein, die sich mit schweren Schritten durch den Wald kämpften.
Hermines innere Stimme schrie ihr zu, dass sie sich verstecken sollte. Doch die junge Frau konnte sich nicht bewegen. Starr blickte sie auf die großen stämmigen Körper, die sich wie Dampfwalzen unaufhaltsam auf sie zu bewegten.
Noch hatten die zweibeinigen Wesen mit den großen breiten Schädeln und hässlichen Klauen Hermine nicht gesehen. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Kreaturen sie entdeckten.
Immer und immer wieder verlangte ihr Verstand, sich endlich zu verstecken. Und als diese Wesen bereits sehr Nahe waren, schaffte es dieser auch zum Geist hervorzudringen. Langsam begann sich Hermines Körper rückwärts zu bewegen. Schritt für Schritt, den Blick noch immer starr auf das Heer gerichtet.
Doch dann machte sie einen großen Sprung zur Seite und versteckte sich hinter einem dicken Strauch. Sie hoffte inständig, dass dieses Gewächs ihr genug Schutz bot. Sonst sähe es böse für sie aus.
Der Trupp dieser Kreaturen kam immer näher. Der Boden vibrierte, als die Ersten der Gruppe an Hermine vorbeimarschierten. Die Gryffindor hatte nun Gelegenheit, diese Wesen genauer zu betrachten. Doch was sie sah, ließ sie die Hand vor dem Mund schlagen, um nicht laut los zu schreien.
Die Gesichter der Kreaturen waren menschlich. Doch die Gesichtszüge waren tot, die Haut fahl, die Augen ausdruckslos und starr geradeaus gerichtet. Sie wirkten wie ferngesteuert. Immer im selben Rhythmus bewegten sie ihre massigen Körper durch den verbotenen Wald.
Aus Angst schreckte Hermine noch ein Stück zurück und trat dabei auf einen Ast, der unter einem lauten Knacken zerbarst. Sofort hielt die Gryffindor in der Bewegung inne. Doch leider nicht nur sie.
Der ganze Trupp hatte mit dem Geräusch inne gehalten und blickte nun in die Richtung, wo Hermine sich versteckt hatte. Die Nasen der Wesen schnüffelten mit seltsamen Geräuschen in Hermines Richtung und versuchten somit eine Fährte aufzunehmen.
Die junge Frau hielt die Luft an und betete zu Gott, dass diese Wesen schnell wieder das Interesse verlieren würden. Doch leider schien es das Schicksal nicht so gut mit ihr zu meinen.
Ein Wesen trat aus der Gruppe heraus und bahnte sich nun mit langsamen aber großen Schritten einen Weg durch das Dickicht.
Hermines Atmen wurde schwerer, sie versuchte sich zu beruhigen, das Zittern, welches ihre Gliedmaßen ergriffen hatte, zu kontrollieren, doch die Angst war zu große.
Die Kreatur kam immer näher. Nur noch ein großer Strauch trennte dieses Wesen von Hermine. Langsam schritt die junge Frau zurück und versuchte dabei keinen Laut von sich zu geben. Doch die Angst lähmte die Gryffindor so sehr, dass sich ihre Beine nicht weiter bewegen wollten. Sie erstarrte nun vollkommen und wartete einfach nur noch darauf, entdeckt zu werden.
Doch plötzlich erfasste eine Hand die junge Frau und riss sie mit sich. Ohne es wirklich realisieren zu können, wurde Hermine durch ein beinahe undurchdringliches Dickicht gezogen und schließlich etwas unsanft gegen einen dicken Baumstamm gedrückt.
Im ersten Moment konnte sie nur jede Menge schwarzen Stoff erkennen, doch im nächsten Augenblick realisierte sie, dass es Snape war, der sie soeben vor diesen Wesen gerettet hatte.
Sein Körper presste sich noch etwas enger an ihren, da der Platz in ihrem Versteck mehr als begrenzt war.
Vorsichtig blickte Hermine Snape an. Sie wollte ihm etwas sagen, doch er hielt ihr nur sanft den Mund mit seiner Hand zu und bedeutete ihr somit, zu schweigen.
Ein Rascheln ließ die beiden aufgeschreckt zur Seite blicken. Durch das Dickicht konnten sie das Wesen erkennen, welches noch immer nach dem Grund für das Knacken suchte.
Snape blickte seine Schülerin an, die mit geweiteten Augen und einem panischen Glanz in diesen, die Kreatur anblickte.
„Sehen Sie mich an." Flüsterte er ihr entgegen. Doch die junge Frau schien in einer Starre aus Angst und Panik gefangen zu sein. Doch dieses Wesen unentwegt anzublicken, machte die Sache auch nicht einfacher.
Sachte, um Hermine nicht zu erschrecken, legte er seine Hand auf ihre Wange und drehte ihr Gesicht zu seinem. Erstaunt blickten ihre braunen Augen ihn an.
Als die Gryffindor seine warme Hand auf ihre Wange spürte, ging ein Ruck durch ihren Körper. Sofort löste sich ihr Blick von der Kreatur und glitt zu ihrem Lehrer, wo er sich mit seinen tiefen Augen verband.
Sein Blick trug etwas Beruhigendes in sich. Er vermittelte ihr ein Gefühl der Sicherheit und des Schutzes.
Tief sahen sie sich in die Augen und sie konnten es nicht verhindern, dass sich abermals eine knisternde Spannung zwischen ihnen bildete. Und auch wenn beide wussten, dass dieses Knistern allein durch diesen Ort hervorgerufen wurde, so konnten sie sich diesem prickelnden Gefühl dennoch kaum entziehen.
„Ich vertraue dir." Flüsterte Hermine ihm entgegen.
Und auch wenn diese Worte im ersten Augenblick etwas unpassend erschienen, so verfehlten sie ihre wirkliche Bedeutung dennoch nicht.
Severus Snape wusste nicht, was mit ihm passierte, als ihre Worte ein wohlig warmes Gefühl durch seinen Körper sandten. Er wusste, dass sie damit den Vorfall vor ein paar Tagen ansprach, bei dem sie vor ihm geflüchtet war und ihn beschuldigt hatte, mit dem dunklen Lord unter einer Decke zu stecken.
Und dass Hermine ihn nun so offen sagte und auch mit ihrem warmen Blick zeigte, dass sie ihm vertraute, ging ihm näher, als er zuzugeben bereit war. Denn dass es nun wenigstens einen Menschen auf der Welt gab, der ihn nicht für abgrundtief böse und hinterhältig hielt, brachte seinen Herzschlag seltsamerweise aus dem Rhythmus.
Alles in ihm drängte danach, ihr für dieses Vertrauen zu danken. Doch seine Lippen blieben verschlossen. Er konnte so etwas nicht – hatte es noch nie beherrscht. Aber dennoch schaffte er es, seinen Dank auf andere Weise zum Ausdruck zu bringen. Sachte beugte er sich nach vorne und küsste die junge Frau beinahe zaghaft auf die Stirn.
Ein Schauer nach dem anderen jagte plötzlich durch beider Körper. Etwas erstaunt und verunsichert zugleich blickten sie sich einander an, die Umgebung und die Gefahr, in der sie sich noch immer befanden, völlig vergessend.
Die Magie hielt die beiden Personen gefangen. Ließ sie nur noch Augen für einander haben. Doch diese Unachtsamkeit sollten sie noch bereuen, als ein kräftiger Arm mit langen messerscharfen Krallen auf sie zuschoss.
