Epilog 3
"Setzt dich bitte!" bat Feliciano und deutete auf einen farbverkrusteten Hocker neben seinem. Matthew setzte sich neben ihn an den riesigen Zeichentisch mit schräger Tischplatte, auf der ein paar Blätter standen und Bleistifte aller Formen und Härtegraden an der unteren Kante sich tummelten.
"Na dann!", sagte Feliciano wieder freudestrahlend, "Lass uns anfangen! Beschreib' ihn mir! Hast du schon einmal ein Phantombild zeichnen lassen?"
Matthew schüttelte kurz den Kopf. Er hatte es schon mit Programmen probiert, doch die Charaktereinstellungen von Sims wären exakter gewesen, als die Programme. Feliciano zu fragen, war Plan B gewesen.
"Man macht es Schritt für Schritt. Zuerst, beschreibe mir seine Kopfform? Seine Gesichtsform. Wie ist sein Kinn? … "
Matthew begann erst etwas steif Matt zu beschreiben er berichtigte sich häufig, bis Feliciano ihn bat die Augen zu schließen, damit er sich alles besser vorstellen konnte. Nach kurzer Zeit begann Matthew einfach zu plaudern, versuchte nicht alles in Formen oder Farben zu beschreiben. Nun begann auch Feliciano mit kratzendem Bleistift auf dem Papier zu zeichnen.
"Sein Gesicht wirkt ausdruckslos. So wie Lovino ständig genervt aussieht, so zeigt sein Gesicht wenige Regungen und eine absolute Gleichgültigkeit. Aber nicht alles daran ist leblos. Er hat kleine Lachfalten um den Mund und seine Augen sind kräftig und ehrlich. Direkt und irgendwie stolz. Er hat kräftige am Ende leicht abgerundete, aber sonst gerade Augenbrauen." "Wie sind seine Haare?", stieß Feliciano den nächsten Punkt an.
"Seine Haare? Sie reichen ihm etwas über seine Schultern, aber er trägt sie immer in einem niedrigen Pferdeschwanz. Sie sind blond mit dunklen Strähnen, widerspenstig und etwas gewellt. Sie sehen schwer aus, etwas strohig. Ach und er hat vorn ein zweigeteiltes Pony, der ihm, je nachdem wie er geschlafen hat, bis zu den Wangenknochen reicht oder bis zum Mund. Eine Strähne nimmt häufig Reißaus und hängt ihm quer über die Nase, als wollte sie zu der anderen Seite. hinüber." Matthew unterstrich seine Beschreibungen noch mit Gesten, obwohl er nicht wusste, ob Feliciano sie überhaupt sah.
"Gut, gut!" Feliciano klatschte in die Hände. "Schau! Ist er es?"
Matthew öffnete die Augen und sah auf dem A4 großen Papier direkt ins Matts Gesicht . Nur in schwarz-weiß und unbelebt. Seine Erwartungen hatte Feliciano vollkommen übertroffen.
"Ganz genau er, Feliciano." Feliciano antwortete mit freudigen Hüpfern.
"Wunderbar! Auch wenn er etwas gruselig aussieht… Matthew?"
Dieser sah gebannt auf das Portrait. Feliciano hielt in seinem freudigen Bewegungsdrang inne und war wie ausgewechselt. Ganz leise, fast flüsternd fragte er Matthew: "Matthew, liebst du ihn?" Seine Stimme war so ganz anders, wenn er ruhig ist. So kannte man die Inkarnation des Emotionsüberflüsses gar nicht.
Matthew war wieder vollkommen da und lachte bei der Frage nervös und wusste auf einmal nicht mehr, was er mit seinen Händen anfangen sollte.
"Ich… soll was?" verlegen huschte sein Blick zwischen Feliciano und der anderen Seite des Raumes hin und her.
"Ihn… ihn…"
Feliciano strahlte ihm sein schönstes und wissendes Lächeln entgegen. Das brach in Matthew die Verlegenheit und natürlich war es so. Er fragte sich wie man so blind sein konnte. Kurz dachte er an die wenigen schönen Momente die er in der Hütte erleben durfte, spätestens bei der Umarmung hätte er es merken sollen…
Er vermisste ihn. Sehr. Es zog ihn weg von hier. Es zog ihn in Matts Richtung, doch konnte das Gefühl nicht ausmachen wo er war.
"Scheinbar.", antwortete er Feliciano. Dessen Gesicht wurde wieder unendlich traurig, obwohl er lächelte. "Und er ist fort gegangen?"
"Nein. Nein!", widersprach er hastig und ungewöhnlich laut. "Er hat mich nciht verlassen! Wir haben uns nur… aus den Augen verloren. Deshalb suche ich ihn."
Felicianos Augen fixierten kurzzeitig etwas, dass Matthew nicht sehen konnte. Schnell sah er auf den Boden und sagte immer noch lächelnd:
"Dann hoffe ich sehr, dass du mehr Glück haben wirst als ich."
Felicianos Anblick war herzzerreißend. 'Papa hat also recht. Wen Feliciano wohl verloren hat, dass er so gebrochen wirkt?'
"Ich bin mir sicher, Feliciano, dass ich ihn wieder finde." Was er gar nicht war, aber es fühlte sich falsch an Feliciano so niedergeschlagen zu sehen. Irgendwie musste man ihn doch aufmuntern können.
Dieser schwieg und schob Matthew das Bild herüber. Er wollte es schon an sich nehmen, aber Feliciano hielt seine Hand zurück.
"Mir fällt ein, ich werde dir eine passende Mappe dafür geben. Geh schon einmal nach unten ich komme gleich nach."
"Danke, Feliciano." sagte Matthew und ging aus dem sonnigen Atelier.
Unten übergab Feliciano Matthew das Bild in einer Mappe aus grauer, rauer Pappe, die mit einer Schleife zusammengehalten wurde.
Matthew griff vorsichtig danach und Feliciano gab sie mit den Worten aus der Hand: "Ich wünsche dir alles Glück der Welt dafür." Lächelnd bedankte sich Matthew dafür.
Er verbrachte noch einen wunderschönen Nachmittag in dem Anwesen, doch das Thema über verschwundene Leute wurde nicht wieder aufgegriffen.
Zum Flughafen raste Feliciano mit demselben Enthusiasmus wie das erste Mal. Einem wurde ganz flau im Magen, bei dem rasanten Fahrstil.
Dann flog Matthew wieder nach Kanada, um sein Suchvorhaben endlich in die Tat umzusetzen. Er hatte vor seiner Reise nächtelang über Karten seines Landes gehangen, um das Gebiet, in dem er suchen musste, so weit wie möglich einzugrenzen, mit den wenigen Informationen, die er hatte.
Alles lag breit, die Ausrüstung und die Kontaktdaten, die er in den kleinen Siedlungen mitten in Kanada gesammelt hatte.
Nun konnte er ihn finden. Egal, ob er Ewigkeiten durch tiefsten Schnee laufen müsste, bis er über ein eingeschneites Bett stolperte.
~~~~~~ Epilog Ende ~~~~~~
