Bevor wir das nächste Türchen öffnen, schauen wir uns noch den Wichtelwunsch zur vorherigen Story an:

Auch hier hat sich der liebe Wichtel selber geoutet!
Es war . . .
nbee!

"Ich hoffe mal, dass mein Wunsch jemandem zugelost wird, der feierlich gestimmt ist, denn ich wünsche mir: Etwas Weihnachtliches! Petunia Dursley soll irgendeine Rolle spielen und irgendjemand soll einen Hund geschenkt bekommen. Folgende Stichwörter sollten Verwendung finden:
Weihnachtsgans
Iglu
Adventskalender"

o0o0o0o0o0o0o

Im 25. Türchen hinterlässt uns heute Abend Lintu ihre Geschichte.
Hier an dieser Stelle einen ganz lieben Dank an alle bisherigen Schreiberlinge und Reviewschreiber!

Lintus Geschichte gefällt euch?

www. fanfiktion. de/u/Drarrys+Lintu

(Nehmt bitte die Leerzeichen nach www. und nach fanfiction. raus)

Vielen Dank an Sandy fürs Betalesen!

Die letzte Hürde

von Drarrys Lintu

Dudley war verunsichert und das passierte nicht oft. Seine ganze Kindheit und Jugend hatte er damit zugebracht, sich möglichst stark und überlegen zu fühlen, vor allem gegenüber der Person, die er gleich treffen würde. Und genau diese Person war es auch, die dafür sorgte, dass er sich unsicher fühlte. Harry Potter, sein Cousin.

Je älter sie beide geworden waren, desto mehr hatten sie es geschafft, ihre früheren Streitigkeiten zu begraben, schon gegen Ende von Harrys Schulzeit war Dudley bewusst geworden, dass etwas von seiner Geringschätzung gegenüber Harry definitiv anerzogen gewesen war und dass Harry eigentlich kein schlechter Kerl war. Alle Unfreundlichkeiten gegenüber Dudley waren nur belanglos gewesen im Vergleich zu dem, was Dudley Harry oft genug angetan hatte, wie er im Laufe der Zeit reuevoll hatte einsehen müssen.
Umso erfreuter war er aber gewesen, als er erfahren hatte, dass Harry bei weitem nicht so nachtragend war, wie Dudley es eigentlich verdient hatte, und direkt nach dem Ende seiner Schullaufbahn anfing, Dudley regelmäßig Weihnachtskarten zu schreiben.
Zuerst hatte Dudley diese Geste aus Pflichtgefühl und Höflichkeit – entgegen der landläufigen Meinung war er durchaus zu so etwas fähig – erwidert, aber mit jedem Jahr freute er sich mehr auf die hübschen Karten mit den netten Texten. Harry erzählte immer ein bisschen was von sich, wie sein Leben so lief, dass er dabei war, eine Familie zu gründen, die Geburt seines ersten Kindes…
Etwas unbeholfen hatte Dudley es ihm gleichgetan, ebenfalls von seiner Frau berichtet und seit kurzem auch über ihre Kinderplanung.
Und dann kam diese Karte.
„Vicky!", rief Dudley zur Küche rüber. „Mein Cousin lädt uns Weihnachten zu sich ein!"
Leises Klappern von Geschirr ertönte, dann kam Victoria Dursley zu ihrem Mann ins Esszimmer, um auch einen Blick auf die Karte zu werfen.
„Da ist ja nett", sagte sie fröhlich. „Dann lerne ich ihn auch mal kennen."
Dudley kratzte sich unsicher am Hals. Er hatte seiner Frau ab und zu mal etwas von Harry erzählt, aber irgendwie immer vergessen zu erwähnen, dass er ein Zauberer war. Nicht dass er ein großes Geheimnis daraus machen wollte, aber es hatte sich einfach nicht ergeben.
„Du meinst, wir sollen, die Einladung annehmen?", fragte er.
„Warum denn nicht?", antwortete Victoria gutgelaunt. „Meine Eltern sind dieses Weihnachten auf Gran Canaria, weil sie das kalte Wetter nicht mehr so gut vertragen und deine Eltern sind auch weg, nicht wahr?"
Dudley nickte leicht. „Aber ich dachte, das erste richtige Weihnachtsfest als Familie…"
Ihr Sohn Jimmy war zwar schon etwa ein Jahr alt, aber weil er erst kurz vor Weihnachten geboren war, hatte Victoria die Feiertage da noch im Krankenhaus verbringen müssen. Doch sie winkte nur ab.
„Wir sind doch morgens noch unter uns. Und am Nachmittag können wir dann zu deinem Cousin Harry fahren. Er hat doch auch zwei Söhne, Jimmy wird sich sicher freuen."
Dagegen konnte Dudley nun wirklich nichts mehr sagen. Und es war sicherlich auch ein Zeichen des guten Willens gegenüber Harry, wenn er zusagte. Dudley griff nach dem Telefon und wählte die Nummer aus dem Speicher…

Und deshalb stand Dudley nun vor seinem Auto, bis zu den Knöcheln im Schnee, wartete darauf, dass Victoria Jimmy aus dem Kindersitz befreite, und fühlte sich unsicher. Sechs Jahre war es inzwischen her, dass er Harry das letzte Mal gesehen und ihm verkündet hatte, dass er ihn nicht für vollkommen nutzlos hielt.
Und nutzlos konnte Harry wirklich nicht sein, wenn er sich dieses gepflegte Einfamilienhaus in ruhiger Vorstadt-Lage leisten konnte. Auch Victoria war ganz davon angetan, als sie mit Jimmy auf dem Arm neben Dudley trat.
„Hübsch ist das hier", sagte sie und trat dann vor die Haustür. Die Klingel hallte bis nach draußen.
„Ich komme schon", ertönte es von innen, dann wurde ihnen auch schon die Tür geöffnet. Das erste, was Dudley auffiel, war, dass Harry sich kaum verändert hatte. Er war zwar nicht mehr ganz so schlacksig und auch die Narbe an seiner Stirn war deutlich blasser, aber ansonsten konnte es keinen Zweifel geben, dass die Person vor ihm die war, die Dudley jahrelang schikaniert hatte. Doch das rückte in den Hintergrund, als Harry ihn regelrecht anstrahlte, sobald er Dudley sah.
„Schön, dass ihr gekommen seid", meinte er mit ehrlicher Freude und schüttelte erst Dudley und dann Victoria die Hand. Dann bat er sie rein, was die Dursleys nur zu gerne annehmen, denn wirklich warm war es draußen nicht. Im Haus allerdings schon.
Die wohlige Wärme schlug ihnen zusammen mit Zimtduft und gedämpfter Weihnachtsmusik entgegen. Im Eingangsbereich wartete auch Harrys Frau auf sie, die sich als Ginny vorstellte, bevor Dudley noch in die Verlegenheit kommen konnte, über ihren Namen zu grübeln.
Die beiden Söhne tobten durch die Wohnung und hielten nie lange genug still, dass Dudley mal einen anständigen Blick auf sie werfen konnte, doch von dem, was er sah, schienen sie ihrem Vater relativ ähnlich zu sehen.
Harry nahm ihm und Victoria die Jacken ab und geleitete sie alle ins festlich dekorierte Wohnzimmer. Mit Erleichterung stellte Dudley fest, dass es sich kaum von normaler Weihnachtsdekoration unterschied, keine feuerspeienden Drachen, keine lebendigen Fledermäuse oder was sonst klischeehaft zu einem Zauber-Weihnachtsfest gehörte. Zwar schien keine der Dekorationen mit Klebeband oder Nägeln an den Wänden befestigt zu sein, aber das würde Victoria sicherlich nicht auffallen, wenn sie nicht genau darauf achtete. Und was Dudley noch bemerkte: Er sah keinen einzigen Mistelzweig. Aber das war ohnehin nicht jedermanns Geschmack.
Ans Wohnzimmer grenzte das Esszimmer, wo der Tisch schon mit allerlei Köstlichkeiten gedeckt war. Während Ginny Victoria einen Platz anbot, nutzte Dudley die Gelegenheit Harry zuzuraunen: „Sie weiß nicht, dass ihr…"
„Abnormal seid?", half Harry und lachte, als er Dudleys Blick sah.
„Dass ihr Zauberer seid."
„Und wann wolltest du es ihr sagen?", fragte Harry und schien sich zu amüsieren.
„Weiß nicht, irgendwann. Bald. Aber nicht heute."
Harry nickte bedächtig. „Na gut, das sollten wir schon hinkriegen. Ich sag Ginny Bescheid."
„Danke", sagte Dudley und ging dann auch zum Esstisch, wo er sich neben Victoria setzte.
„Braucht ihr einen Kinderstuhl?", bot Ginny an, als sie sah, dass Victoria ihren Sohn noch immer auf dem Arm hatte. „Wir können einen organisieren."
„Wenn ihr tatsächlich noch einen habt…" Victorias Blick huschte zu Harrys Söhnen, die beide schon zu alt für einen Kinderstuhl wirkten.
„Ja, wir haben noch einen", antwortete Harry eilig, bevor Ginny es tun konnte. „Ich hol ihn eben." Dudley konnte den eindringlichen Blick sehen, den Harry seiner Frau zuwarf, bevor er den Raum verließ. Sie zuckte nur mit den Schultern und bot den Gästen stattdessen Getränke an.
„Wir haben Wasser, Kaffee, Tee, Glühwein, Kürbissaft…", zählte sie auf.
„Kürbissaft?", fragte Victoria neugierig. „So was habe ich noch nie getrunken."
„Ich habe da eine kleine Schwäche für", warf Harry ein, der in dem Moment mit einem Hochstuhl zurück ins Wohnzimmer kam. „Hab ich in meiner Schulzeit kennengelernt und will seitdem nicht mehr darauf verzichten."
„Und wo bekommt man so etwas?" Dudley verfluchte manchmal seine Frau für ihre unerschöpfliche Neugier. Vor allem, wenn es irgendwie mit Harrys Schulzeit zusammenhing, war das etwas, was man sicher nicht so leicht erklären konnte, ohne irgendwann das Wort Zauberei zu benutzen. Denn Dudley konnte sich ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie man auf normalem Weg aus so etwas hartem wie einem Kürbis Saft machen konnte.
„Wir haben einen kleinen Spezialitätenladen hier in der Stadt", sagte Harry aber gelassen und Dudley bewunderte ihn für sein Improvisationstalent. Ginny schenkte Victoria ein Glas Kürbissaft ein, damit sie mal probieren konnte. Dudley lehnte allerdings dankend ab und nahm lieber einen Kaffee. Wenn sie beide auf den Geschmack von Kürbissaft kommen sollten und er dann in die Verlegenheit kam, welchen zu organisieren… Lieber nicht.
Die Getränke rückten aber schnell in den Hintergrund, als Ginny die Kinder zu sich rief, weil sie nun essen wollten. Es gab verschiedene Gerichte, Braten, Rosmarinkartoffeln, gekochtes Gemüse, Kartoffelpüree… und Pfefferminzbonbons. Dudley schenkte ihnen keine Beachtung, nahm sich aber ansonsten von allem etwas. Es war alles köstlich, und so aß er, bis er fast platzte. Stöhnend lehnte er sich in seinem Stuhl zurück.
Auch Victoria schien satt und zufrieden zu sein, Jimmy panschte allerdings mehr in seinem Kartoffelpüree statt es zu essen. Aber glücklich wirkte er dennoch.
Nach dem Essen setzten sich alle ins Wohnzimmer vor den Kamin. Ein wenig fühlte sich Dudley an den Tag zurückerinnert, wo Harry und verschiedene andere Leute in ihrem Kamin im Ligusterweg verschwunden waren. Wahrscheinlich war es deshalb auch ein besonders großer Kamin; man brauchte ihn für irgendwelche Zauberer-Sachen.
Dudley wurde ein bisschen unruhig, als Ginny ihm und Victoria Geschenke überreichte. Er schaute Harry fragend an, der der schüttelte kaum merklich den Kopf. Hoffentlich hieß das, dass die Geschenke harmlos waren. Zögernd entfernte er das Papier. Ein Wollpulli fiel ihm in die Hände. Knallgelb, offenbar selbstgestrickt und mit einem großen D vorne drauf.
Victoria hatte wohl ebenfalls einen Pullover bekommen, aber ihrer war meerblau und hatte ein V auf der Vorderseite.
„Der ist aber hübsch", sagte sie und strich mit den Händen über das weiche Material.
„Das ist bei uns so eine kleine Familientradition", erklärte Ginny lächelnd.
„Und da ihr ja auch immer noch ein Teil meiner Familie seid…" fügte Harry hinzu, wurde gegen Ende aber immer leiser.
Dudley war gerührt. Er wusste überhaupt nicht, was er sagen sollte, weil es nur ganz selten jemand schaffte, ihn zu rühren. Er sah unsicher vom Pulli zu seiner Frau zu Harry und wieder zum Pulli. Dann dämmerte ihm langsam, dass er sich auf irgendeine Weise wohl bedanken musste.
Er stand auf und trat vor seinen Cousin.
„Danke", sagte er, machte noch einen Schritt, stockte dann aber wieder. Schließlich gab er sich einen Ruck und setzte zu einer unbeholfenen Umarmung an, die Harry erwiderte.
„Keine Ursache, Big D", meinte dieser mit einem leisen Lachen und auch Dudley musste grinsen.
Natürlich bedankte auch Victoria sich für die Geschenke, nicht nur für ihren Pullover, sondern auch für den, den Jimmy bekommen hatte, in grasgrün.
Jetzt kam Dudley sich ein bisschen schäbig vor, dass sie nur eine mittelteure Flasche Wein, eine Packung Pralinen und diverse Süßigkeiten für die Kinder mitgebracht hatten. Aber gerade die Süßigkeiten kamen besonders gut an; es waren offenbar alles Sachen, die die beiden Potter-Söhne noch nie gegessen hatten und nun begeistert alles probierten. Ginny lächelte nachsichtig.
Eine ganze Weile saßen sie einfach nur da, redeten über alles Mögliche – außer Zauberei – und knabberten Kekse. Dudley erfuhr unter anderem, dass Ginny in einem Krankenhaus arbeitete, hatte aber den Verdacht, dass es sich um kein gewöhnliches Krankenhaus handelte.
Die Kinder spielten auf dem Fußboden und versuchten Jimmy wohl ein Sammelkartenspiel zu erklären, gaben aber irgendwann auf, als Jimmy die Karten nur entweder in den Mund steckte oder sie lachend und glucksend durch die Gegend warf.
Draußen war es schon längst dunkel geworden und auch wenn Dudley sich bei den Potters erstaunlich wohl fühlte, erklärte er schließlich, dass sie nun nach Hause wollten, weil Jimmy ins Bett musste.
Victoria wollte noch einmal kurz das Bad benutzen und Dudley fiel die Aufgabe zu, ihren keineswegs müden Sohn aus der Wohnzimmerecke aufzusammeln. Dieser hatte offenbar etwas sehr Interessantes entdeckt und gab die Geräusche von sich, zu denen nur glückliche Kleinkinder fähig waren. Er hatte Dudley den Rücken zugewandt und fuchtelte wohl mit etwas rum. Beim Näherkommen stellte Dudley mit Entsetzen fest, dass es sich um einen funkensprühenden schwarzen Stab handelte. Ein Zauberstab. Sofort riss Dudley ihm dieses gefährliche Spielzeug aus der Hand und der Funkenregen stoppte sofort. Als wäre es eine heiße Kartoffel, ließ Dudley den Zauberstab auf das Sofa fallen und nahm Jimmy auf den Arm. Dieser fing nun an, bedenklich zu quengeln.
„Na, na, nicht weinen", meinte Dudley beruhigend, obwohl er innerlich alles andere als ruhig war. Er hatte am eigenen Leib erfahren müssen, was so ein Zauberstab alles anstellen konnte und so etwas in den Händen einen kleinen Kindes? Um Gottes willen!
Am liebsten hätte er Harry, der von alledem nichts mitbekommen hatte, einen Vortrag über Unvorsichtigkeit gehalten, aber in dem Moment kam Victoria wieder aus dem Bad und so schluckte Dudley die ungesagten Wörter widerwillig runter. Es war ja zum Glück nichts passiert.
Freundlich verabschiedeten sich die Dursleys, man versprach, in Kontakt zu bleiben und bald darauf saß Dudley hinter dem Steuer seines völlig ausgekühlten Autos. Er startete den Motor und wartete, bis die Heizung ansprang und überlegte so lange, ob und wann er seiner Frau erzählen sollte, was es wirklich mit den Potters auf sich hatte. Immerhin hatten sie sich gut verstanden…
Der Wagen wurde ganz langsam etwas wärmer, aber das Leder vom Lenkrad blieb eisig. Dudley legte den ersten Gang ein und fuhr vorsichtig an.
„Jetzt weiß ich, woran mich der Kürbissaft erinnert hat!", meinte Victoria plötzlich.
„Hm?", machte Dudley. Er musste sich auf die Straße konzentrieren, die von festgefahrenem Schnee bedeckt war.
„Ich glaube, ich habe den schon einmal bei Tante Dorothy getrunken. Du weißt schon, die die dein Vater nicht ausstehen kann, weil sie immer so verrückte, bunte Sachen trägt."
„Ach die…", sagte Dudley und versuchte, das flaue Gefühl in seinem Magen zu ignorieren.
„Sie sieht manchmal echt ein bisschen aus wie eine Hexe", kicherte Victoria. Dudley sagte nichts. Aber er beschloss, dass er doch bald mal mit ihr über ein paar wichtige Dinge reden sollte…