Kapitel 25 – Die Wirkungen von Anonymität
Zwei unbehagliche Wochen vergingen und Halloween war über die Schule hereingebrochen. Riesige Kürbisse von bis zu zwei Metern Durchmesser waren in den Korridoren verstreut. Wenn sie auch zweifellos festlich wirkten, waren sie ein wenig lästig: Schüler mussten buchstäblich über die orangefarbenen Gemüse klettern. Die Professoren lächelten trocken bei dem Anblick von ihren Siebtklässlern, die wie Erstklässler über die Kürbisse sprangen und kicherten, trugen jedoch nichts dazu bei, etwas an der Situation zu ändern. Sie realisierten, dass ein paar Kürbisse die Atmosphäre wirklich aufhellen können, vor allem in den dunklen Zeiten, die sich bei jedem Morgengrauen am Horizont abzeichneten.
Hermione umkurvte einen Kürbis and trat in einen fast leeren Hof. Sie ließ ihre Tasche von ihren Schultern gleiten und stellte ihn auf den Boden. Seufzend setzte sie sich auf eine Bank und schaute zum klaren blauen Himmel hoch. Ein kühler Wind kam aus östlicher Richtung und löste trockene Blätter von den Bäumen. Sie wirbelten and tanzten durch die Luft und fielen um sie herum zu Boden. Einige streiften ihre Wangen leicht, was ihr Schauer über den Rücken sandte. Sie streckte sich genüsslich auf der Bank aus und entspannte ihre verkrampften Muskeln.
„Ich liebe den Herbst", sagte sie leise.
Sie schaute verträumt in den Himmel und versuchte, die Formen der reinen weißen Wolken auszumachen, die den strahlend blauen Himmel zierten. Als sie ihr Spiel leid war, verlor ihre Miene die Zufriedenheit und wurde nachdenklich. „Das sind zwei sehr merkwürdige Wochen gewesen", dachte sie.
Und das waren sie tatsächlich gewesen. Seit dem Vorfall auf dem Dach war die Spannung zwischen Hermine und Draco beträchtlich angewachsen. Ihre Streitigkeiten waren heftiger worden, ihr gegenseitiges Anschweigen nachdenklicher, ihr Lachen spitzer und angestrengter.
„Wir denken offensichtlich daran, was passiert ist… naja, was fastpassiert ist, aber keiner von uns will sich dem Thema stellen…" Hermione schoss das Blut ins Gesicht, als sie sich vorstellte, wie die Unterhaltung verlaufen würde. „Ich bin froh, dass wir es nicht getan haben. Hoffentlich werden wir es niemals…"
Langsam füllte sich der Hof mit mehr Schülern. Realisierend, dass der Unterricht vorbei sein musste, stand Hermine von ihrer Bank auf und wanderte zu ihrem Schlafsaal. Auf dem Weg passierte sie Ron und Ginny, wobei sie vergeblich versuchte, Augenkontakt aufzunehmen. Das verdarb ihr plötzlich die Laune.
„Ich wünschte, sie würden wieder mit mir reden", dachte sie traurig. „Harry hat mich per Brief fast gegeißelt. Man sollte denken, das würde ihnen reichen…" Hermine rümpfte leicht die Nase bei der Erinnerung an Harrys harschen Brief. Er hatte ihr nicht ausdrücklich vorgeworfen, eine Verräterin und eine schlechte Freundin zu sein, aber beides war definitiv angedeutet. Keine der Anspielungen war geschätzt oder nach Hermines Meinung stichhaltig.
Wegen ihrer anhaltenden Kühlheit ihr gegenüber hatte Hermine überlegt, ob sie zum ersten Halloween- Maskenball gehen sollte, der die gesamte Woche über das Gesprächsthema Nummer Eins gewesen war. Ganz Hogwarts surrte vor Kostümideen, was Hermine fast in den Wahnsinn trieb. In einem Augenblick der Spontaneität vor einigen Tagen hatte sie ein Kostüm und eine Maske bestellt – etwas, in dem sie absolut unerkennbar sein würde. Das Kostüm war innerhalb von zwei Tagen angekommen, ebenso wie ihr erster Anflug von Unentschlossenheit. Seitdem hatte sie mit sich gerungen.
„Ich könnte genauso gut hingehen", dachte Hermine, während sie die Treppe zu ihrem Zimmer hochstieg. „Ich habe ein Kostüm gekauft, ich habe alles durchgeplant… es wäre schade, es zu verschwenden. Also was soll's, wenn ich nicht mit Ron und Ginny und so weiter zusammengehe? Der Sinn eines Maskenballs ist sowieso Anonymität!" Sie lächelte über ihre Logik. „Dann steht es jetzt also fest – ich werde gehen."
„Ich kann nicht fassen, was ich hier tue", dachte Draco, während er sein Kostüm anlegte. Er hatte die gesamte Woche über den Maskenball gegrübelt. Am Ende jedoch entschied er sich hinzugehen, wenn auch nur für eine kleine Weile. „Ich brauche etwas Ablenkung im Augenblick", dachte er, während er sich das Shirt zuknöpfte. „Ich bin sicher, es wird lächerlich… Ich werde wahrscheinlich nicht mehr als eine halbe Stunde dableiben."
Draco befestigte sich die schwarze Maske im Gesicht und setzte sich den authentischen schwarzen Filzhut auf. Er betrachtete sich im Spiegel und feixte: sein Don Juan- Kostüm sah perfekt aus. Seine Beine saßen in einer engen schwarzen Hose, darüber ein Waffenrock, der am Hals leicht geöffnet war und einen dezenten Teil von Dracos blasser Brust zeigte. Die Maske und der Hut tarnten sein Gesicht und seinen Haarschopf ausreichend. Der einzige Teil, der ihn verraten könnte, waren seine Augen. Und obwohl Draco wusste, dass er ihre Farbe ändern könnte, wenn er wollte, entschied er sich dagegen. Er mochte seine Augen.
Er richtete die aufgewickelte Lederpeitsche an seiner Seite und stellte sicher, dass sein Gürtel festsaß. Mit einem letzten Grinsen in den Spiegel, trat Draco aus seinem Zimmer. Als er die Treppe hinunterstieg, bemerkte er, dass Hermines Tür geschlossen war.
„Der Ball hat vor einer halben Stunde angefangen", dachte er mit einem Blick auf die Wanduhr. „Ich hätte es gehört, wenn sie schon losgegangen wäre. Vielleicht geht sie gar nicht."
Unsicher, was er davon halten sollte, schüttelte Draco den Kopf und lief durch die Korridore zur Großen Halle. Er musterte die Menge, bevor er sich ins Getümmel wagte.
„Einigen ist offensichtlich der Sinn eines Maskenballs entgangen", gluckste Draco. Viele seiner Mitschüler waren immer noch zu identifizieren, da ihre Gesichter offen lagen. Rons leuchtende Haare waren überhaupt nicht bedeckt. Sie waren leicht zerzaust, was gut zu seinem grellorange- farbenem Chudley Cannons- Kostüm passt. Die Patil- Zwillinge hatten sich nicht die Mühe gemacht, sich außergewöhnlich zu kleiden, und sich für traditionelle Indianer- Trachten entschieden. Sogar Luna, die üblicherweise mit Feuereifer an solchen Ereignissen teilnahm, war erkennbar unter ihrem merkwürdigen Silberschleier und… einzigartigen Kopfschmuck.
Draco erspähte seine alte Slytherin- Bande und lächelte spöttisch. Jeder trug einen langen schwarzen Umhang, die Gesichter von den Kapuzen verdeckt. „Todesser", höhnte er. „Wie ausgesprochen originell…"
Dann, wie aus dem Nichts, tauchte die Schönheit in Person auf. Es war ein Mädchen, das Draco vage kannte, als wäre sie ihm einst in einem Traum erschienen. „So ein Bild hätte zu einem fantastischen Traum geführt", dachte er. Er schauderte unwillkürlich, während er sie musterte.
Ihr Haar lag in einer Masse von schokoladenbraunen Locken, geschmückt mit schwarzem Geschmeide, das im Kerzenlicht funkelte. Ihre Maske war einfach und doch umwerfend. Sie bedeckte ihre Stirn und den Großteil ihrer Wangenknochen. Sie war fast weiß mit schwarzen und silbrigen Wirbeln. Die Schleier wirkten, als kämen sie direkt aus einem Denkarium and wären irgendwie auf das weiße Porzellan übertragen worden. Ihr Kleid… ihr Kleid war unglaublich. Lange schwarze Handschuhe reichten bis zu ihren Ellenbogen. Am Oberkörper lag das Kleid als Korsett eng an und betonte ihr schönes Dekolleté. Der Rest des Kleids fiel in einer halben Welle zu Boden. Sie schien zu gleiten statt zu gehen.
Widerwillig riss er seine Augen von ihr los. Während sein Blick von Person zu Person schweifte, stellte er fest, dass alle Aufmerksamkeit auf ihr lag: Frauen, die gelb vor Neid waren; Männer mit unverhohlenem Verlangen. „Zweifellos werden sie alle um Mitternacht mit ihr tanzen wollen", dachte Draco. Wie bei einem traditionellen Maskenball würden Tanzpartner um Mitternacht ihre Identitäten enthüllen. „Zu dumm, dass sie in meinen Armen sein wird, wenn die Zeit gekommen ist." Er feixte and stürzte sich in die Menge.
Er fädelte sich durch die Schüler auf die Göttin zu, die sie gerade mit ihrer Anwesenheit beehrt hatte. Er beobachtete sie zuerst für eine Weile dabei, wie sie anmutig mit der großen Gruppe von Kerlen um sie herum flirtete.
„Sie wirkt sehr professionell", dachte Draco, während er ihre Interaktion begutachtete. „Hält Augenkontakt, lacht über ihre albernen Witze…" Er sah, wie ihre Hand sich elegant auf den Unterarm eines der Jungen legte, mit denen sie sprach. „Und nimmt aktiv Körperkontakt auf", dachte er beeindruckt. „Sie ist gut", feixte er. „Zu schade, dass ich besser bin."
Musik begann zu spielen und fast gleichzeitig trat die gesamte Gruppe zwei Schritte näher, zweifellos um sie zum Tanz aufzufordern. Draco sah sie den Kopf schütteln und schüchtern lächeln, als wollte sie sagen: „Wenn du mit mir tanzen möchtest, musst du dich schon mehr anstrengen."
Die Unwürdigen gingen davon und eine Gruppe von etwa fünf blieb und bat sie, nein, bettelte sie an. Sie schüttelte abermals den Kopf und zwei weitere Jungen ließen sie zurück. Dann geschah etwas, das Draco aus der Haut fahren ließ. Einer der Kerle schlang seine Hand um ihre Hüfte und zog sie an sich. Die Kontrolle über die Situation verlagerte sich rasch. Sie wirkte ein wenig verängstigst und legte seine Hände gegen seine Brust, um ihn wegzustoßen. Doch der Junge war beharrlich. Sie wand sich diskret aus seinem Griff und trat zurück, während er einen weiteren Vorstoß wagte. Er versuchte, sie wieder zu packen. Es wäre ihm auch gelungen, wenn Draco das Mädchen nicht sanft am Ellenbogen genommen hätte.
„Da bist du ja. Ich habe schon überall nach dir gesucht", sagte Draco mit tiefer Stimme, die laut genug war, um von allen Jungen gehört zu werden. Die Augen des Mädchens schauten furchtsam zu ihm auf, ein Ausdruck, der ihm irgendwie vertraut war. Sie wollte gerade etwas sagen, als Draco ihr das Wort abschnitt.
„Du hast mir einen Tanz versprochen", sagte er verführerisch. Er strich mit langem Finger über ihren Ellenbogen und lächelte sie an. Während sein Gesicht puren Charme versprühte, verrieten seine Augen seine wahre Absicht. „Komm mit", sagten sie. „Komm mit mir und stell keine Fragen."
Durch irgendeine Art von Wunder funktionierte seine Blickkommunikation. Ihre Augen verloren ihre Angst und etwas blitzte durch sie hindurch, was Draco der Atem stocken ließ: Wiedererkennen. Es verschwand rasch, so schnell, dass er es sich eingebildet haben könnte, und sie nickte unmerklich. Sie zögerte nicht mehr und lächelte strahlend: „Liebend gern."
Das war alles, das Draco brauchte. Er legte seine Hand in ihren Rücken und schaute zu der wütenden Gruppe von Jungen, die immer noch dastanden. Er feixte ihnen teuflisch zu, was ihm finstere Blicke von ihnen allen einbrachte. Er gluckste leise, worauf seine Tanzpartnerin ihn neugierig anschaute. Er führte sie zur Mitte der Tanzfläche. Er schlang einen Arm um ihre Taille und begann zu tanzen.
„Danke für deine Hilfe", sagte sie und schenkte ihm dasselbe strahlende Lächeln, worauf sein Herz einen Satz tat.
Er versuchte, cool zu bleiben. „Du hast Hilfe gebraucht. Was hätte ich tun sollen? Außerdem siehst du bezaubernd aus heute."
Sie errötete und knabberte verlegen an ihrer Lippe. „Danke", sagte sie.
Der Rest des Tanzes verging in Schweigen. Als ein neuer Song zu spielen begann, wurde das Mädchen von einem Jungen um sie herum aus seinen Armen geschnappt. Draco wollte gerade sagen, dass sie nicht mit ihm tanzen würde, als er ihre Hand auf seinem Arm spürte.
„Danke, aber ich übernehme von hier."
Draco nickte stumm und spazierte von der Tanzfläche. Er holte sich ein Glas Kürbissaft (der schmeckte, als wäre er mit Feuerwhiskey versetzt worden) und beobachtete sie. Eifersucht stieg in ihm auf, während sie in den Armen eines anderen Mannes über die Tanzfläche glitt. Er brüllte fast auf, als er sah, wie unbeholfen Ron sie führte. Zwei Tänze später schritt er ein, feixend, während er sie aus Rons schlaksigem Griff befreite. Sie tanzten eine Minute unter Rons wütendem Blick, den sie geflissentlich ignorierten.
„Wieder zurück?", neckte sie mit kokettem Lächeln.
„Nichts könnte mich fernhalten", sagte Draco glatt. Er legte seine Hand in ihren Rücken und zog sie sanft näher. Er unterdrückte ein Schaudern, als er die Wärme ihres Körpers näherkommen spürte. Ungebeten explodierten Szenen einer Fantasie in seinem Geist.
Eine etwas verlegene Stille legte sich über sie beiden, weshalb das Mädchen das Wort ergriff. „Ich habe gezögert zu kommen", gab sie zu.
„Ich auch", sagte Draco, denn er hatte tatsächlich die ganze Woche mit der Entscheidung gerungen. „Aber ich habe mich am Ende dazu entschlossen. Der Sinn eines Maskenballs ist schließlich Anonymität, nicht wahr?"
Ihre braunen Augen leuchteten auf und sie lächelte. „Ganz genau", sagte sie glücklich. „Nicht zu wissen, mit wem man hier gerade tanzt, erhöht die Spannung dramatisch."
„Das tut es tatsächlich", erwiderte Draco. „Stell dir vor, wie jemand von Slytherin mit jemandem aus Gryffindor tanzt und es nicht einmal weiß!" Er lachte leise. Ihm entging ihr leicht verlegenes Kichern. „Aber um Mitternacht wird sich das alles ändern", erinnerte Draco sie. „Wir werden alle unsere Masken ablegen und dann wird die Geheimniskrämerei ein Ende haben."
„Und was ist, wenn man herausfindet, dass man mit dem Partner nicht zufrieden ist?", fragte sie vorsichtig.
„Nun, da du dieser Partner sein wirst, bin ich sicher, dass ich nicht enttäuscht sein werde."
Sie verengte die Augen und grinste verspielt. „So zuversichtlich", bemerkte sie. „Woher weißt du, dass ich mich bereiterklären werde, mir dir zu tanzen, oder dass ich um Mitternacht immer noch hier sein werde?"
„Ich weiß es nicht", gab er zu. „Aber ich weiß, dass du mit mir tanzen wirst, wenn du noch hier bist", sagte er, während er sie drehte.
„Und warum ist das so?"
„Mein blendendes Aussehen, mein entwaffnender Charme und meine tadellosen Tanzkünste." Er neigte sie tief hinunter und brachte sie langsam und elegant wieder hoch. Er dankte seiner Mutter innerlich für die furchtbaren Ballsaal- Tanzstunden.
Sie lachte zauberhaft, was ihr ein aufrichtiges Lächeln von ihm einbrachte. Das Lied endete mit einem Trompetenstoß und Draco sah aus dem Augenwinkel, wie ein weiterer Kerl herankam.
„Warum holen wir uns nicht etwas zu trinken?", schlug er vor. Sie nickte und gemeinsam spazierten sie von der Tanzfläche, einen bestürzt- aussehenden Jungen hinter sich lassend.
„Amateur", dachte Draco, während er seiner Tanzpartnerin ein Glas Kürbissaft anbot. Sie setzten sich zusammen an einen Tisch und beobachteten schweigend die anderen Tänzer. Draco konnte nicht anders als sie mit all den anderen Mädchen im Saal zu vergleichen. Es gab keinen Wettbewerb – sie war eindeutig die Schönste. Und sie war bei ihm. Es war eine ziemliche Selbstbestätigung.
Draco seufzte und spähte zu ihr aus dem Augenwinkel. „Sie wirkt aus irgendeinem Grund vertraut", dachte er abwesend. Sie nippte langsam an ihrem Kürbissaft, runzelte die Stirn bei dem ungewohnten Geschmack von Alkohol, und stellte das Glas diskret auf den Tisch. Die Bewegung hatte einen zurückhaltenden Zauber an sich. Mit jedem Augenblick wollte Draco mehr über sie wissen. „Bis Mitternacht, schätze ich mal."
Er bat sie um einen weiteren Tanz, dem sie bereitwillig zustimmte. Die Walzer waren jedoch ausgetanzt für den Abend. An ihrer Stelle wurden schnellere Songs mit harten Beats gespielt, die dafür gemacht waren, die Hüften zu schwingen und die Körper aneinander zu schmiegen. Die Tanzfläche war dicht gepackt, als Draco und seine geheimnisvolle Partnerin sich in die Mitte der Menge vordrängten.
„Jetzt ist es an der Zeit, meinen Zug zu machen", dachte er und lächelte missetätig. Sie war schon nah bei ihm, aber er zog sie noch näher an sich. Er bewegte seine Hüften mit ihren, ließ sich von der Musik führen. Zu seinem Glück hatte sie gutes Rhythmusgefühl und bewegte sich perfekt mit ihm.
Schweiß tröpfelte schon bald an Dracos Rücken hinunter und das Gesicht des Mädchens schimmerte anziehend in dem dämmrig beleuchteten Saal. Seine Hände lagen an ihren Hüften, Schultern, Hals… überall, wo sie nur liegen könnten. Ihre Hände schienen dem gleichen Lauf zu folgen, sehr zu Dracos Freude. Er warf einen verstohlenen Blick auf die Uhr.
„Zwanzig vor Mitternacht", dachte er. Er unterbrach den Rhythmus, worauf sie die Augen öffnete. Er nahm sie an der Hand und zog sie durch die Menge.
Sie holte tief Luft, sobald sie von den Klauen des Haufens frei war. „Es ist heiß hier drin", sagte sie und fächelte sich Luft zu. Draco nickte zustimmend.
„Möchtest du rausgehen, damit wir uns abkühlen können?" Er bemühte sich, nicht wie wahnsinnig zu lächeln, doch so wie es im Moment lief… Es war einfach zu perfekt.
Sie lächelte. „Sicher."
Dracos Herz tat einen Satz.
Plötzlich erschütterte ein donnerndes Krachen die Wände der Großen Halle. Etwas zerbrach und Leute begannen zu kreischen. Ein grimmiger Schwall von warmem Wind kam von hinten und warf Draco und das Mädchen bäuchlings um. Draco rollte sich beschützerisch über sie und zischte, als ein Glassplitter durch sein Shirt in seinen Rücken schnitt. Er konnte warmes Blut aus der Wunde sickern spüren, während er sich aufrappelte.
„Komm schon", brüllte er und packte ihre Hand. Er warf einen Blick zurück und wünschte sofort, er hätte es nicht getan. Denn was er sah, ließ sein Blut erstarren.
Die Slytherin- Gruppe, die sich als Todesser verkleidet hatte, hatte das Dunkle Mal in der Großen Halle in die Luft geschossen. Sie standen triumphierend auf den Tischen und führten Lähmflüche aus, während zahllose andere Flüche in die verwirrte Menge zielten. Die Große Halle war ein einziges Chaos. Masken und Partner wurden zurückgelassen, als Schüler zu ihren Schlafsälen rannten.
„Ich muss etwas tun", dachte Draco. Er wandte sich zu der Frau an seiner Seite. In einer fließenden Bewegung nahm er ihr Gesicht in seine Hände und drückte seine Lippen auf ihre. Die Zeit schien für einen Augenblick stillzustehen und die Verwirrung löste sich auf. In der kurzen Zeit, in der sie sich küssten, verflüchtigte sich die Welt. Dracos Seele hob ab.
Er unterbrach ihre Umarmung. „Geh!", befahl er. Ihre braunen Augen waren verschleiert und sie schaute verwirrt. „Geh jetzt, bevor du noch verletzt wirst!"
„Was ist mit dir? Dein Rücken – er blutet!"
„Ich komme schon klar. Schnell, verschwinde!"
Er küsste sie nochmal leidenschaftlich und stieß sie dann von sich. Erst als Draco gewiss war, dass sie sich in Sicherheit befand, drehte er sich zum Chaos. Ohne weiter nachzudenken, stürzte er sich in die Menge mit der Absicht, die Slytherins zu zerstören, wenn er das Glück hatte, sie zu erreichen.
