Kapitel 25
Tender stand fassungslos am Gitter ihrer Zellentür und schaute mit weit aufgerissenen Augen zu, wie Ease sich immer wieder erbrach.
„Was ist, du Milchbart? Willst du nicht deinen Drohnen befehlen, hier sauberzumachen?", knurrte Guide den jungen Blade an.
„…wenn er noch einen Moment wartet, könnte er alles auf einmal erwischen", keuchte Ease und übergab sich erneut. „Ja, nun ist alles raus. Hoffe ich."
„Lass mich raten: du gehörtest zu denjenigen, die froh waren, damals endlich zum Nähren übergehen zu können", meinte Guide zu Ease und schüttelte den Kopf.
„Und diese Ernährung und alles Erniedrigende, was dazu gehört, ein für alle Mal hinter mir lassen zu können? Natürlich, was für eine Frage!", entgegnete Ease und rappelte sich an eine Zellenwand gestützt langsam wieder auf.
„Und wie war das bei dir, Milchbart?", knurrte Guide nun den immer noch untätig dastehenden Tender an, „so lang kann das ja bei dir noch nicht her sein…"
Der junge Blade riss sich zusammen und fauchte kurz. Dann meinte er zu den vier Drohnen, die er befehligte: „Öffnen und säubern."
Die Drohnen schauten sich kurz gegenseitig an und schüttelten die Köpfe.
Ease lachte auf: „Grundgütiger! Wer hat diesem Anwärter nur ein Vierer-Schwadron unterstellt?"
„Ich bin kein Anwärter mehr!", empörte sich Tender und ballte die Fäuste, „Ich führe seit acht Erntemonden dieses Schwadron und…"
„Junge", unterbrach Ease ihn streng, „ich bin der Erste Wachkapitän und Meister der Drohnen von Königin Snow. Bei mir wärest du mit deinem derzeitigen Können wohl kaum mehr als Anwärter der vierten Stufe. Wahrscheinlich eher der Dritten, wenn ich das Gelächter deiner Schwadron richtig deute."
„Sie lachen nicht über mich", gab Tender entrüstet zurück, „das würden sie nicht wagen!"
„So ungern ich es zugebe: mein Mitgefangener mit dem schwachen Magen hat leider Recht: deine Drohnen haben dich nur deshalb noch nicht als Zwischenmahlzeit in Betracht gezogen, weil du ein Liebling deines Vorgesetzten bist", sagte Guide und zuckte mit den Schultern. Er hatte da so eine Ahnung, worauf Ease hinaus wollte.
„Wie bitte?", fragte Tender entgeistert.
„Oh man…", stöhnte Ease und trat nun neben Guide ans Gitter der Zellentür, „jetzt sag nur nicht, du kannst ihre Unterhaltungen der zweiten Ebene nicht verfolgen!"
„Drohnen haben keine zweite mentale Unterhaltungsebene!", antwortete Tender fest, „nicht einmal durch Berührungen!"
„Du hast recht: ein Milchbart", sagte Ease zu Guide und seufzte theatralisch, „natürlich haben Drohnen auch eine tiefere Ebene der Kommunikation. Allerdings sollte man diese als Wachoffizier bei seinen Kriegern auch überwachen können – sonst könnte es sein, dass sie einen im Ernstfall hängen lassen." Er wendete sich Tender nun wieder direkt zu und meinte sanft: „Wenn sie sich schon weigern eine verschmutzte Zelle für dich zu säubern, glaubst du ernsthaft, sie würden sich für dich im Kampf opfern?"
„Öffnen und säubern!", fuhr Tender nun seine Drohnen an, die sich daraufhin endlich bewegten und taten, was er ihnen befahl.
‚Hast du sie?', fragte Guide still Ease, als die Drohnen sich an ihnen vorbei in die Zelle drängten.
‚Ja. Bist du so nett und schaltest den Jungen aus?', fragte Ease höflich zurück und biss die Zähne zusammen, um die Kontrolle über die Drohnen zu behalten. Seine immer noch anhaltende Übelkeit und das Erbrechen zuvor hatten ihn nicht unerheblich geschwächt. Allerdings war es erstaunlich einfach gewesen, die Krieger der mentalen Führung des unerfahrenen Jung-Blades zu entwenden.
‚Aber sicher doch', antwortete Guide ebenso höflich, trat einen Schritt auf Tender zu und schlug ihn mit einem wohl gezielten Schlag auf die Halsschlagader bewusstlos.
„Klassisch aber effektiv", kommentierte Ease diesen Schlag und ließ die Drohnen, die er nun beinahe mühelos kontrollieren konnte, den Gang absichern.
„Du weißt doch, ich als Mumie bevorzuge nun einmal das Althergebrachte", brummte Guide und trat hinüber zu der Ablage, wo ihre Ausrüstung aufbewahrt wurde.
„Die Mumie nimmst du mir echt übel, was?", lachte Ease und schüttelte den Kopf, als er über bewusstlosen Blade stieg, um ebenfalls die Zelle zu verlassen. „Zu schade um diesen Bengel", brummte er mitleidig, „mit ein wenig mehr Erfahrung und Anleitung könnte aus ihm einmal ein recht guter Wachoffizier werden."
Guide seufzte. „Wir müssen noch durch den halben Hive, wenn wir durch den Sternenring flüchten wollen, willst du da wirklich diesen Rotzlöffel mitschleppen?"
Eases Lächeln sagte alles.
„…das sieht gut aus", brummte Hasten und Blueface nickte bestätigend, „wir sollten es versuchen."
Bonewhite seufzte innerlich. Stundenlang hatte er die beiden Clevermen beobachtet und versucht, aus deren kryptischen Halbsätzen schlau zu werden. Natürlich ohne sich anmerken zu lassen, dass diese Art der Technik weit über sein Verständnis hinausging. Er selbst hatte es vor Urzeiten gerade einmal zum Technik-Anwärter geschafft und sich seit seinem Wechsel zu den Blades nur noch wenig mit der Materie beschäftigt. Was Hasten und Blueface da gerade ausheckten war fortgeschrittene Wellenmechanik und für einen Fast-Laien wie ihn kaum auch nur im Ansatz zu begreifen.
„Gut", meinte Blueface und erhob sich, „wir sind dann so weit."
Nicht doch, dachte Bonewhite zynisch, bei unserem Glück und diesem Tempo wartet Guide bereits auf unserem eigenen Hive auf uns und wird uns für diese Tollkühnheit bestenfalls nur degradieren! Laut sagte er: „Adresse anwählen."
Blueface ging hinüber zu dem Anwahlgerät und gab die Symbole ein, die sie auf Cestren erbeutet hatten, als ein Dart von Dreamer durch den dortigen Sternenring nach Haus zurückkehrte. Zischend schlug der Vortex aus dem Ringinneren hervor, während sich das Wurmloch etablierte.
„Schicke Sonde los", sagte Hasten und startete eine faustgroße Metallkugel, die kurz darauf im Ereignishorizont verschwand. „Empfange erste Bilder… sieht wirklich nach dem Hangar eines Hives aus!"
„Dann schickt die Vorrichtung los", befahl Bonewhite knapp und schaute Hasten über die Schulter, um ebenfalls auf das Datenpad schauen zu können, auf dem sie die Bilder der Sonde empfingen.
Blueface legte vorsichtig die kopfgroße Sphäre vor dem Ereignishorizont nieder und aktivierte sie, woraufhin ein weißes Energienetz um sie herum aufleuchtete. Mit einem Stupser seines Stiefels schickte er sie durch den Sternenring. „Aktiviert und unterwegs…"
„Ich sehe sie", rief Hasten aus, „sie ist eben auf dem Schiff angekommen." Auf dem Datenpad konnten sie erkennen, wie mehrere Drohnen auf die Kugel zu feuern begannen.
„Zündung… jetzt", sagte Blueface und drückte auf eine Fernbedienung, die er auf den Ereignishorizont gerichtet hielt.
„Wir haben die Sonde verloren", meldete Hasten und biss sich enttäuscht auf die Lippen.
„Was war denn zuletzt zu sehen?", fragte Blueface wissbegierig mit gerunzelter Stirn.
„Eine blitzartige Entladung. Ich kann nicht sagen, ob er von einem der Stunner der Drohnen kam oder von unserer Bombe", antwortete Hasten.
„Besitzen wir noch eine Sonde?", fragte Bonewhite äußerlich ungerührt.
„Dutzende. Alle fein säuberlich in einem Lager unseres Hives untergebracht", Hasten zuckte mit den Schultern, „ich dachte nicht, dass wir mehrere benötigen würden und…"
„Dann wird es eben ein Gang ins Ungewisse", unterbrach Bonewhite den Ingenieur, „das Wurmloch steht noch, also steht auch noch der Sternenring auf Dreamers Hive. Bewaffnet euch und weiter geht es."
„Bewaffnen?", fragte Blueface ungläubig. Er hatte noch nie einen Stunner oder gar ein Schwert in der Hand gehalten.
‚Manchmal beneide ich die Nachkriegsgenerationen um ihre Unschuld', übermittelte Hasten dem Blade der kurz die Augen schloss, bevor er meinte: „Nimm dir einen der Stunner, die Hasten mitgebracht hat und los jetzt!"
Unsicher griff der kleine Cleverman nach einem Handstunner und folgte Bonewhite und Hasten durch den schimmernden Ereignishorizont.
A/N: Laut Dr. Keller in „Die Königin" (5. Staffel) sind alle Wraith anatomisch dazu in der Lage, normales Essen zu verdauen. Da es sie aber nicht (mehr) mit Nährstoffen versorgt, verzichten sie darauf. In „Verurteilung" (2. Staffel) meint der Wraith-Commander, es gäbe nur noch Wenige seiner Art, die sich noch den schönen Dingen wie Essen hingeben würden. Ellia in „Instinkt" (ebenfalls 2. Staffel) konnte anscheinend noch Nahrung zu sich nehmen, obwohl sie sich schon einige Jahre heimlich wie ein erwachsener Wraith nährte, weil sie anders nicht mehr gesättigt wurde. Die Legacy-Autorinnen gehen davon aus, dass die Wraith in ihrer Kindheit und Jugend vor allem durch Früchte ernährt werden. In meinem nächsten Schreibprojekt werde ich noch etwas näher darauf eingehen ;)
