23. Kapitel: „Auge in Auge"
Die Schatten wurden kürzer und es ging auf Mittag zu, als sie ihr Ziel endlich erreichten und sich dann erschöpft dort niederließen, wo sie gerade standen.
Aragorn blinzelte in die Schlucht, wo sich das gnadenlose Sonnenlicht brach und versuchte dann die gegenüberliegende Steilwand empor zu blicken. Doch das gleißende Licht der Sonne stach im schmerzhaft in die Augen und er konnte im Schatten des Felsen nur Dunkelheit ausmachen.
Linnyd hatte behauptet dieses Gebiet sei für die Drachen der beste Zufluchtsort, nachdem sie tagelang die Karten und Schriftrollen in der Bibliothek studiert hatte. Es mussten Höhlen hier zu finden sein, in die sich die Kreaturen zurück zogen und wenn sie diese entdeckten, konnte die Elbe vielleicht mehr über sie herausfinden.
Aragorn gefiel die Idee immer noch nicht, aber ihm war auch keine bessere eingefallen, oder ein schlagendes Argument, das Linnyd umgestimmt hätte. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es scheinbar unmöglich, sie wieder davon abzubringen.
Ihm behagte es nicht, sich in ein Gebiet zu begeben, dass er selbst kaum kannte und in dem auch noch Drachen vermutet wurden.
Boromir gesellte sich an seine Seite und beobachtete seine Frau, die zusammen mit Eban auf einem Findling saß. Sie unterhielten sich, während der Wasserschlauch von einem zum anderen wanderte. Auch Aragorn sah kurz zu ihnen hinüber, aber jedes Lachen seiner Schwester, wenn Eban wohl etwas Lustiges gesagt hatte, war wie ein Dolchstoß in sein Herz.
„…Du bist krank Aragorn. Krank vor Eifersucht…"
Stimmte das? War er deshalb so misstrauisch und abweisend gegenüber dem Mann, weil ihn anscheinend auch das Blut mit seiner Schwester verband? Weil sie etwas teilten, das er niemals mit Laietha teilen würde? Fürchtete er etwa, sie könnte Eban mehr in ihr Herz schließen, als ihn? Hatte sie es vielleicht schon getan?
Ein Schatten fiel auf sein Gesicht und veranlasste ihn, sich von dem Geschwisterpaar abzuwenden. Elladan stand vor ihm und blickte ruhig auf ihn hinab.
„Linnyd und Legolas werden in die Schlucht hinabsteigen und dort nach Spuren der Drachen suchen. Elrohir und ich werden die Steilwand in Angriff nehmen."
Aragorn nickte nur knapp, als Zeichen seiner Zustimmung. „Wir werden das umliegende Gelände in Augenschein nehmen. Wer etwas findet, bläst in sein Horn. Wir kommen dann hier wieder zusammen."
Mit gemischten Gefühlen sah er den Elben nach, die noch kurz zusammen standen, berieten und sich dann rasch von ihnen entfernten. Er wusste, dass sie alle weitaus besser auf sich aufpassen konnten, als er selbst. Und doch wüsste er sie jetzt alle lieber in der Feste von Minas Tirith. Ebenso wie den Rest seiner Gefährten.
„Na, dann wollen wir mal…", brummte Boromir und setzte sich in Bewegung.
Legolas und Linnyd hatten keine großen Schwierigkeiten mit dem Abstieg in die breite Schlucht, denn unzählige Vorsprünge und Risse im Gestein boten ihnen ausreichend Halt. Sie kletterten schweigend, auch wenn sie dies nicht hätten tun müssen, denn sie kamen nicht einen Augenblick aus der Puste, auch wenn sie ein beachtliches Tempo anschlugen. Sie wurden regelrecht von dem Wunsch angetrieben, endlich etwas Brauchbares über die Drachen herauszufinden und Aragorn damit zu helfen, denn nicht nur den König bedrückte die Stimmung der Angst und Hoffnungslosigkeit, die über der Stadt lag.
Dennoch sehnte sich Linnyd nicht danach, bald wieder in die kerkerähnlichen Mauern von Minas Tirith zurückzukehren. Sicher, auch hier in den Bergen war sie von Gestein umgeben, aber hier war alles lebendig! Und es war befreiend, eine Zeit lang nur in der Gesellschaft von Legolas zu sein. Es tat gut wenigstens für ein paar Stunden keinen Menschen sehen zu müssen. Sie war in Minas Tirith ohnehin schon viel zu lang unter ihnen. Wie sehnte sie sich nach der Kolonie der Elben in Ithilien!
Es war hier in den Bergen zwar besser als in der Stadt selbst, wo sie von allen angestarrt wurde, aber nicht einmal hier war sie vor den neugierigen Blicken der Menschen sicher. Sie kam sich vor wie ein Tier, dass man zum Spaß gefangen und in einen Käfig gesteckt hatte, damit alle es betrachten könnten.
Aragorns Leibwächter ließ sie nicht aus den Augen, aber das galt auch für die Frau und ihren Bruder Eban. Wahrscheinlich gehörte die Wachsamkeit zu seinem Beruf. Boromir hatte sie anfangs eingehend betrachtet – wie ein Mann eine schöne Frau bewunderte. Er hatte immerhin dezent den Kopf zur Seite gedreht, wenn sie auf ihn aufmerksam wurde, aber seine Blicke waren voller Anerkennung gewesen. Inzwischen hatte sich sein Interesse aber gelegt und er behandelte sie wie er jedes andere Mitglied der Gemeinschaft behandelte.
Etwas ganz anderes war es mit Eban. Er sorgte dafür, dass Linnyd eine Gänsehaut bekam. Seine Blicke sogen jede Einzelheit an ihr in dessen Herz. Er schien wie in einem Traum gefangen zu sein, wenn er sie betrachtete und erst, wenn sie ihn direkt ansah, senkte er den Blick, als fürchte er sich vor ihr. Sie sehnte sich einfach danach, nicht wie ein Exot behandelt zu werden!
Aragorn und seine Ziehschwester starrten sie nicht an. Sie behandelten Linnyd wie jedes andere Mitglied der Gemeinschaft – was nicht gerade vorteilhaft für sie gewesen war. Linnyd zog verärgert die Brauen zusammen, als sie an ihr erstes Gespräch mit der Menschenfrau dachte. Es war genauso fruchtlos verlaufen, wie ihr erstes Gespräch mit dem König, dabei hatte die Elbin große Hoffnungen in die Unterhaltung mit Laietha gesetzt.
Sie konnte es nicht in Worte fassen, aber etwas hatte sie vom ersten Augenblick an in den Bann gezogen, als sie die Menschin gesehen hatte. Von Legolas hatte sie erfahren, dass sie Aragorns Ziehschwester war, die er als kleines Mädchen im Wald gefunden und vor dem sicheren Tod bewahrt hatte.
Sie war wie er in Bruchtal aufgewachsen und stand ihm angeblich näher, als sonst eine Person, doch davon hatte sie seit deren Ankunft nichts bemerkt. Im Gegenteil. Es herrschte ein eisiges Schweigen zwischen dem König und seiner Schwester und über der ganzen Gruppe lag die Anspannung, wie eine undurchlässige Decke. Was, im Namen der Valar, war zwischen den beiden vorgefallen, dass sie einander so behandelten?
Auch Aragorn war in Elronds Haus aufgewachsen und tatsächlich fanden sich bei den Ziehgeschwistern so viele Merkmale, die ihre elbische Erziehung erahnen ließen – ihre Art, sich zu kleiden, die Perfektion, mit der sie die Sprache der Elben beherrschten, die Namen von Laiethas Kindern.
In gewisser Weise beneidete Linnyd die beiden Menschen um ihre Anpassungsfähigkeit. Sie waren beide Menschen, die unter Unsterblichen gelebt hatten. Bei einem anderen Volk, das ihnen in unzähligen Dingen überlegen war. Wie hätte Linnyd sich wohl an ihrer Stelle gefühlt?
Immer den Blicken anderer ausgesetzt, die sie wegen ihrer Andersartigkeit anstarrten, so wie es ihr jetzt unter den Menschen erging. Nein, sie war nicht dafür geschaffen, unter diesem Volk zu verweilen, erst recht nicht, unter ihnen zu leben!
Würde sie sich treu bleiben, wenn man sie unter Menschen leben ließe? Würde sie weiter aufrecht gehen können, ohne ihr Gesicht und Haar hinter einem Umhang zu verbergen? Ohne schweigsam durch die Straßen zu gehen, aus Angst, man könne ihre Abstammung an ihrer Stimme erkennen? Sie wusste keine Antwort auf diese Frage, aber sie würde glücklicherweise auch keine finden müssen. Sobald die Drachen die Stadt in Ruhe ließen, würde Linnyd zurück in die Kolonie ihres Königs.
Für Linnyd stand fest, dass die beiden Menschen zwar unter Elben aufgewachsen waren und so viel von ihnen gelernt hatten, aber nicht verleugneten, dass sie Menschen waren. Linnyd musste zugeben, dass sie die beiden dafür bewunderte und ihnen Respekt zollte, dass sie dieses ihnen vorbestimmte Schicksal akzeptiert und es bewältigt hatten.
Sie glaubte nicht, dass sie es so leicht geschafft hätte. Die beiden Menschen jedoch schienen diesen Balanceakt gemeistert zu haben, auch wenn dies bedeutete, dass sie ihre impulsive Unbeherrschtheit behalten hatten.
Die Elbin dachte an den Ausbruch der Frau zu Beginn ihrer Reise. Linnyd war mehr als erzürnt über ihr Verhalten und die Äußerungen gewesen, die Laietha ihr an den Kopf geworfen hatte. Am Liebsten hätte sie ihr mit der gleichen Heftigkeit die Argumente entgegengeschleudert, mit der die Frau gesprochen hatte, aber eine kleine, innere Stimme hatte sie davon abgehalten.
Sie verabscheute den Tod jedes Lebewesens, und natürlich bedauerte sie auch jeden Verlust eines Menschenlebens, der durch die Drachen starb, aber sah denn niemand ein, dass der Verlust noch größer währe, wenn sich die Gondorianer auf einen offenen Kampf mit diesen Kreaturen einließen? Würden sie die Feuerrachen angreifen, sich ihnen entgegenstellen, dann würden diese sich ihrer wehrlosen Opfer nur zu gerne bedienen. Dann wären Hunderte zu beklagen und nicht nur vereinzelte Leben.
Es war Linnyd einfach unbegreiflich, dass Laietha, die doch selbst behauptete, sie wäre eine Kriegerin, das nicht verstehen konnte oder wollte.
Eine Kriegerin! Zuerst hatte Linnyd gedacht, sie wolle sich einen Scherz erlauben, denn sie wirkte eher wie eine gebildete, Hofdame – aber während ihrer Reise durch die Berge hatte sie ihre Meinung ändern müssen. Sie hatte die Frau oft heimlich beobachtet.
Laietha schien tatsächlich eine Kriegerin zu sein, auch wenn sie außer ihrem Stiefelmesser keine weitere Waffe mit sich führte. Ihr war aufgefallen, dass Laietha trotz ihres schmalen Körperbaus keinesfalls schwach war.
Unter ihrer Kleidung zeichneten sich bei jeder Bewegung geschmeidige Muskeln ab und sowohl ihr Gang, als auch ihre Haltung zeigten deutlich, dass in ihr eine verborgene Kraft wohnte, die mit jedem Tag an Intensität zunahm. Doch aus welchem Grund diese Kraft verloren gegangen war, konnte Linnyd nur vermuten.
Eine Verletzung? Eine lange Krankheit? Laietha wirkte noch immer zu blass, trotz der vielen Tage unter freiem Himmel.
„Woran denkst du?" Legolas' Stimme riss sie aus ihren Grübeleien, aber sie trat erst zu ihm auf den Vorsprung, bevor sie antwortete.
„Mir geht viel durch den Kopf, gerade habe ich versucht, mir ein genaues Bild von Frau Annaluva zu machen, aber es will mir einfach nicht gelingen. Sie scheint voller Fragen und Rätsel zu sein, auf die ich keine Antwort zu finden vermag."
Fast wirkte Legolas bei dieser Äußerung amüsiert und sie zog fragend eine Augenbraue hoch. Ihr Prinz hob die Schultern, als Zeichen seiner eigenen Verwirrung.
„Ich glaube, nicht einmal Boromir kennt alle Antworten. Aber er kennt sie, wie kein anderer – außer vielleicht Aragorn. Die beiden scheinen so verschieden zu sein, aber wenn man sie beobachtet, entdeckt man, wie ähnlich sie sich sind. Beide stecken voller Geheimnisse und Rätsel."
Linnyd zog nun ihre fein geschwungenen Brauen zusammen. „Jedenfalls war das erste Gespräch mit ihr genauso unbefriedigend, wie das mit ihm! Beide sind sie stur und verschlossen, sprechen in Rätseln und geben nur wenig von sich preis. Gerade eben genug, dass man nicht ins offene Messer läuft! Wie, zum Kuckuck, soll man daraus schlau werden!"
Ihr Ausbruch brachte Legolas nun wirklich dazu, herzlich zu lachen. Linnyd schien es ihm nicht zu verübeln, wartete, bis er sich wieder gefasst hatte und sah ihn fragend an.
„Im Ernst, Legolas. Ich möchte sie gerne verstehen. Sie sieht sich als Kriegerin, benimmt sich auch so, aber trägt keine Waffe. Sie ist die Schwester des Königs, mit seinem Waffenbruder verheiratet, aber redet nicht eine Silbe mit ihm. Sie sehen sich nicht einmal in die Augen! Und doch ist sie mit in die Berge gekommen.
Dieser Aufstieg ist schwer und anstrengend und schon für einen Menschen in voller Gesundheit überaus beschwerlich und sie sieht mir nicht so aus, als sei sie das blühende Leben. Das sind doch nur Widersprüche!"
Je mehr sie über die Frau zu erfahren versuchte, desto mehr Rätsel schienen sich aufzutun. Wenn sie diese Rätsel lösen könnte, würde sie vielleicht auch verstehen, was sie an dieser Frau so reizte, dass es ihre Gedanken nun schon so lange gefangen hielt, denn eigentlich sollte sie doch jetzt nur die Suche nach den Drachen kümmern!
Legolas musterte sie ernst. „Du bist auch eine Kriegerin, Linnyd. Warum trägst du keine Waffe?", begann er mit ruhiger Stimme. „Du bist eine wunderschöne Frau, begehrenswert und herzlich, offen und ehrlich, aber die einsamste Elbe die ich kenne. Bist du nicht auch voller Widersprüche? Ihr habt viel gemeinsam…"
„Haben wir das?" Linnyd wich seinem Blick aus. „Wir sollten weiter suchen. Wir haben ein Ziel…"
Legolas ließ sich aber nicht so leicht beirren. „Und auch du bist voller Rätsel und nicht gewillt, diese zu lösen!"
Er wartete nicht auf ihre Entgegnung, sondern begann, sich dem nächsten Abschnitt ihrer Etappe zuzuwenden. Linnyd stand wie versteinert da und sah ihm nach.
Was wusste Legolas?
Unzählige Klippen und Felsen machten es den Menschen unmöglich, im Blickkontakt zueinander zu bleiben und so kam es, dass Aragorn die anderen oft minutenlang aus seinem Sichtfeld verlor. Ruchon hatte sich ihm angeschlossen und folgte ihm, hielt mit Leichtigkeit mit ihm Schritt.
Er hatte sie alle zur Vorsicht gemahnt und jeder trug einen zusätzlichen Schlauch mit Wasser bei sich, aber dennoch war ihm alles andere als wohl zumute. In diesem Labyrinth aus Stein und Fels konnte sich vom Drachen bis zum Warg alles verbergen. Einmal eine Beute gewittert, würde sich keine dieser Kreaturen eine gute, leichte Beute entgehen lassen, vor allem, wenn sie so im Vorteil waren. Er hegte den Verdacht, das Ruchon deshalb nicht von seiner Seite wich. Der Mann nahm seinen Dienst als sein Leibwächter sehr ernst.
Fast zwei Stunden verstrichen, ohne dass auch nur der kleinste Hinweis auf die Drachen zu finden war, als ein Schrei seine schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen schien.
Laietha!
Es war zweifellos ihre Stimme gewesen. Irgendwo zu seiner Rechten, ganz in der Nähe musste sie sein und ohne auf scharfe Kanten oder das Geröll Rücksicht zu nehmen, hastete er los.
Es dauerte nicht lange, bis er sie fand und seine Erleichterung, sie unversehrt vorzufinden, wich bei dem Entsetzen auf ihrem Gesicht.
Sie deutete auf eine Felswand und rief ihm etwas zu, das er wegen dem Rauschen seines eigenen Blutes in seinen Ohren nicht verstand. Er folgte ihrem Blick und erstarrte.
Hoch über ihnen befand sich eine Höhle, der Sims davor war schmaler, als die meisten anderen. Schatten fielen von den überhängenden Felsen, aber er sah ganz deutlich die Gestalt von Eban, die am Rande der Kante stand.
Er hielt sich so weit wie möglich vom Eingang der Höhle entfernt, wie es möglich war, ohne in den Abgrund zu stürzen. Er stand reglos auf dem steinernen Vorsprung und starrte den Drachen an, der sich ihm langsam näherte.
Ohne an die Konsequenzen zu denken, oder auf Ruchons Protest zu achten, fing Aragorn an zu klettern, suchte Halt in dem lockeren Gestein. Den Blick auf den Rand der Höhle geheftet stöhnte er laut auf, als ein Lichtblitz aus dem Schatten zuckte. Eban bewegte sich, suchte nach einer Möglichkeit, Schutz zu suchen, aber der Sims war weder breit noch lang genug und es gab auch keine großen Felsbrocken, um sich dahinter zu verstecken.
Aragorn fand Halt auf dem Sims und zog sich nach oben. Obwohl er nur unsicher stehen konnte, zog er sein Schwert und hieb dem Drachen die flache Seite der Klinge auf den Panzer. Sein Plan ging auf.
Der Drache hatte ihn als neues Ziel entdeckt und wandte sich ihm zu.
„Euer Wasserschlauch!", rief er über das Brüllen des Drachen hinweg Eban zu, doch dieser regte sich nicht. Er schien im Schock erstarrt zu sein, angesichts des mächtigen Wesens vor ihm.
Es war so dunkelgolden wie der Fels in der untergehenden Sonne, mit einer Flügelspanne, die die Höhe dreier Männer sicherlich überragte. Den Valar sei Dank konnte er diese in der Enge der Höhle nicht ausbreiten oder einsetzen. Ein Schlag mit diesen riesigen Schwingen hätte ausgereicht, die beiden Männer von der Klippe zu fegen wie lästigen Schmutz.
Der Drache schien jede von Aragorns Bewegungen unheilvoll und mit böse funkelnden Augen zu verfolgen. Mit zitternder Hand versuchte dieser, den Lederband von seinem Gürtel zu lösen, der seinen Wasserschlauch hielt. Mit der anderen hielt er immer noch sein Schwert, auch wenn er wusste, dass Anduril nichts würde ausrichten können, wenn der Teufelsrachen vor ihm ernsthaft angriff.
Endlich löste sich der Knoten, genau in dem Moment, als der Drache seine Lungen mit Luft füllte. Seine Zähne blitzten wie feine, weiße Dornen, als er den Kiefer öffnete, um die Flammen auszustoßen, die ihren sicheren Tod bedeuteten.
Dann geschah alles sehr schnell. Mit den Zähnen entkorkte er den Wasserschlauch und warf ihn nach dem riesigen Geschöpf. Er vernahm ein Fauchen, spürte sengende Hitze über sich, während er sich nach vorne warf und Eban mit sich riss.
Das Fauchen ging in einen gequälten Schrei des Drachen über und Knirschen und Schaben kündete von scharfen Krallen, die sich auf steinigem Grund zurückzogen.
„Alles in Ordnung?", fragte Aragorn mit unsicherer Stimme und stemmte sich von Eban hoch. Nur ein knappes Nicken war die Antwort, doch das genügte dem König für diesen Augenblick. Er traute seiner eigenen Stimme auch noch nicht ganz.
Sie rutschten die lockeren Steine viel schneller wieder herab, als sie für den Aufstieg benötigt hatten und als sie unten ankamen, wurden sie bereits erwartet. Boromir musste wohl während seinem Kampf mit dem Drachen sein Horn geblasen haben, denn auch die Elben waren dort.
Plötzlich war da keine Wärme mehr. Die Luft verwandelte sich in eisiges Wasser, durch das Aragorn mit schmerzhafter Langsamkeit wandelte. Der Wind ließ den Schweiß an seinem Körper gefrieren und verwandelte die unzähligen Schürfwunden an Händen, Armen und Beinen in Eis. Ihm wurde übel. Schwankend taumelte er zurück, fiel auf die Knie und übergab sich.
Die Schlucht und der Himmel drehten sich noch immer über ihm, als ihm kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet wurde.
„Trink das", befahl Elladans Stimme und Aragorn würgte eine bittere, salzige Flüssigkeit hinunter, die in ihm das Verlangen erweckte, sich noch einmal zu erbrechen. Der Sud aus Kräutern traf seinen Magen wie ein Becher Wein vor dem Frühstück.
Legolas hockte vor ihm auf den Fersen. „Eine Weile dachte ich, dass du es nicht schaffen würdest. Ich bin froh, dass ich mich geirrt habe", sagte er schlicht.
Aragorn akzeptierte es, dass sein Freund ihm auf die Füße half. Langsam gingen sie zu der kleinen Gruppe zurück, die sich um Eban versammelt hatte. Unsicher glitt Aragorn auf den losen Steinen aus. Seine Knie arbeiteten kaum noch.
Laietha beugte sich gerade über Eban und presste ihm ein Tuch auf den Hinterkopf, das sich mit Blut voll sog. Die Lippen des Mannes waren blass, sein Gesicht aschfahl.
„Ich habe dir doch gesagt, dass es keine gute Idee ist – und gefährlich noch dazu! Du hättest mehr davontragen können, als nur diese Verletzung. Tu mir das nie wieder an, hörst du?"
Aragorns Magen zog sich zusammen, aber dieses Mal lag es nicht an der Übelkeit.
Ja, – er war eifersüchtig!
Langsam begann ihr Herz wieder zu schlagen. Boromir war an ihre Seite geeilt und hatte sich vergewissert, dass ihr nichts geschehen war und sie dichter zu den anderen heran gezogen. Die ganze Zeit über hatte Laietha zu der Höhle gestarrt, aus der die Echse nach ihren Brüdern geschnappt hatte. Ein heftiger Schauder schüttelte sie beim Gedanken an den Anblick und sie musste einräumen, dass Linnyd Recht hatte – Schwerter würden gegen die Bestien nichts nutzen.
Aus dem Augenwinkel heraus hatte sie gesehen, dass Aragorn zu Boden gegangen war. Der Schreck, den sie beim Anblick der Drachen bekommen hatte, hatte ihre Muskeln gelähmt, sie hätte nicht einmal schreien können.
Ihre Brüder und Legolas waren sofort an seiner Seite gewesen und auch sie hatte zu ihm eilen wollen, als sie das Blut auf Ebans Kleidung entdeckt hatte. Er brauchte sie jetzt hier, entschied sie und hatte sich an die Versorgung der Wunde gemacht.
Eban stöhnte gepeinigt auf, als sie das nasse Tuch gegen seinen Hinterkopf presste, um die Wunde auszuwaschen. „Halt still, es muss sein!", befahl sie sanft und presste das Tuch noch einmal gegen die Wunde. Eban biss die Zähne zusammen.
Es war eine Platzwunde, nicht tief, aber sie blutete stark. In der Stadt würde Laietha sie nähen, aber hier fehlten ihr die nötigen Instrumente, es würde also so gehen müssen. Schmerzgepeinigt stöhnte Eban auf, als sie ein trockenes Stück Stoff fest an seinen Hinterkopf presste. „Tut mir leid", murmelte sie, „aber wir müssen die Blutung stillen und zwar schnell." Eban nickte kurz und ließ dann die Behandlung über sich ergehen.
Nicht nur Laietha warf beunruhigte Blicke zu der Höhle hinüber. Die Elbin kam leichtfüßig zu ihnen gelaufen und warf einen Blick auf den verletzten Mann. „Wir müssen so bald wie möglich fort – das Blut könnte die Drachen anlocken", sprach sie an Boromir gewandt. Laietha, die ihre Worte gehört hatte, warf ihr einen nicht zu deutenden Blick zu, aber der Krieger nickte. Er wusste, dass Linnyd Recht hatte.
Aragorn hatte sich wieder erhoben und es schien fast, als würde Ebans Wunde nicht mehr bluten – zumindest im Augenblick. „Kannst du gehen?" fragte Laietha besorgt, als er versuchte, sich mit ihrer Hilfe zu erheben. Er fühlte sich etwas wackelig auf den Beinen, aber er versuchte, ihr ein Lächeln zu schenken. „Nein, aber ich lege keinen Wert auf eine weitere Begegnung mit den Drachen."
So schnell es ging, eilten sie über das steinige Terrain, abwärts, in Richtung der Quelle, wo sie in der Nacht zuvor ihr Lager aufgeschlagen hatten. Linnyd und die Elben behielten mit ihren scharfen Sinnen das Gelände im Auge, nicht nur, damit sie die Drachen frühzeitig ausmachen konnten, sondern auch, weil sie hofften, geschützteres Gebiet zu finden, Steine, Höhlen, alles, was sie vor unfreundlichen Augen schützen konnte.
Sie waren selbst erstaunt, wie schnell ihre Beine sie trugen, selbst die Menschen hatten keine große Mühe, Schritt zu halten, obwohl Eban aussah, als würde er jeden Augenblick zusammenbrechen.
Der Weg, für den sie einen halben Tag benötigt hatten, lag in weniger als einer Stunde hinter ihnen und ein Stück unterhalb der Quelle fanden sie ein paar steil aufragende Felsbrocken, die ihnen Schutz vor Wind und Entdeckung boten.
Ein Lager war schnell errichtet. Schon bald waren große Planen zwischen den Felsen gespannt, die einzelne Schlafstätten voneinander abtrennten, so ausgerichtet, dass sie den Wind abhielten, der hier oben in den Bergen um einiges kühler und schneidender war. Ein Feuer prasselte in Schutz dieser Wände und Felsen, um das sich Menschen und Elben niedergelassen hatten. Nur einer saß etwas abseits.
Aragorn saß auf dem Boden, gerade außerhalb des Lichtkreises der brennenden Flammen und lehnte sich mit dem Rücken gegen den rauen Fels. Er blickte ins Leere und hatte die Arme um seinen Oberkörper geschlungen und die Hände unter den Mantel gesteckt, so als spüre er den Biss der Kälte. Er schien Elladans Näherkommen nicht zu bemerken. Der Elb setzte sich neben ihn, aber sein Bruder rührte sich nicht, selbst als dieser ihm eine Hand auf den Arm legte.
„Estel?", begann Elladan an, aber Aragorn ließ ihn nicht zu Wort kommen.
„Es ist nichts, Elladan. Geh nur zu den anderen ans Feuer." Er blickte noch immer ins Leere und richtete seine Worte in die Nacht.
„Mach mir nichts vor, Estel. Warum sitzt du nicht bei uns am Feuer? Du ziehst dich bewusst von uns zurück. Und gegessen hast du auch kaum etwas…" Elladan endete abrupt, weil er Aragorn nicht zu sehr bedrängen wollte. Er wusste nur zu gut, dass der Mensch sich dann nur noch mehr vor ihm verschließen würde. So schwieg er abwartend.
Nach einer Weile hob Aragorn endlich den Blick und sah ihn an.
„In letzter Zeit", stellte er leise fest, „wünsche ich mir immer mehr, einfach wieder nur ein Waldläufer zu sein. Euer Bruder; Elronds Ziehsohn.
Ich komme mir vor, als könne ich nicht mehr richtig Luft holen, als würden mich all diese Pflichten erdrücken."
„Pflichten", murmelte Elladan. „Sie erscheinen einem manchmal schwer wie ein Berg. Aber du kannst sie nicht hinter dir lassen, Aragorn. Niemand kann das."
Aragorn schüttelte sich in lautlosem Lachen und beruhigte sich dann wieder mit schmerzvoll verzogenem Gesicht. Doch der Ausdruck verging so schnell, dass Elladan daran zweifelte, ihn wirklich wahrgenommen zu haben.
„Ich werde tun, was getan werden muss und mein Bestes geben", sagte er bitter. „Weil niemand anders da ist, der mir diese Pflicht abnehmen kann und ich in der Pflicht stehe. Ich werde kämpfen, ich werde versuchen, es allen Recht zu machen. Aber das nimmt mir noch lange nicht das Recht, mir zu wünschen, diese Bürde einmal nicht tragen zu müssen." Im Licht der Flammen wirkte er unendlich müde.
„So habe ich das nicht gemeint, Estel", beschwichtigte Elladan ihn, dann wurde seine Stimme noch sanfter. „Lass uns nicht streiten. Wir werden morgen weiterreden, wenn du dich ausgeruht hast. Der Tag war lang und anstrengend – besonders für dich. Du solltest schlafen."
Aragorn sah ihn an und alle Bitterkeit war aus seinen Augen gewichen. Er nickte kaum merklich und erhob sich dann. Einen Augenblick sah er auf die kleine Gruppe hinab, drehte sich dann um und verschwand in den Schatten der Nacht zwischen den Zeltplanen.
Elladan seufzte. Eigentlich hatte er vorgehabt, in Ruhe mit Aragorn zu reden. Vielleicht sogar eine Gelegenheit zu schaffen, ihn auf Laietha anzusprechen, aber dieser Versuch war gründlich fehlgeschlagen.
Er machte Aragorn deswegen keinen Vorwurf. Er konnte verstehen, dass dessen Nerven nicht die besten waren, nach all dem, dem er sich gegenüber sah. Wen wunderte es da, dass er sich ein Leben ohne all diese Pflichten und Aufgaben herbeisehnte? Wie gerne würde Elladan ihm diesen Wunsch erfüllen, wenn er seinen Bruder dafür nur endlich wieder von Herzen lachen sah…
Aragorn ließ sich schwer auf das einfache Nachtlager am Boden nieder und fuhr sich mir beiden Händen über das Gesicht. Elladan hatte Recht - er war müde. So müde, dass er sogar im Sitzen schlafen könnte! Zusammengekauert saß er da und kämpfte gegen die Schwere seiner Augenlider an, weil er sich eigentlich noch darüber klar werden musste, was sie am Morgen tun sollten.
Sie hatten die Drachen gefunden, aber was nun? Noch einen Gefährten in eine solche Gefahr zu bringen, wollte Aragorn nicht riskieren. Ein Wunder, dass der Zwischenfall so glimpflich geendet war. Aber Linnyd war dadurch nicht wirklich weiter gekommen. Sie würde sicherlich noch einige Tage bleiben wollen, um das Verhalten der geflügelten Wesen zu beobachten. Was würde sie sagen, wenn er anordnete, in die Stadt zurückzukehren?
Aber Eban war verletzt. Nicht schwer, aber doch so sehr, dass es sicherlich besser für ihn war, wenn er nach Minas Tirith umkehrte. Sollte er die Gruppe vielleicht doch spalten und nur jene nach Hause schicken, die sich den Strapazen nicht weiterhin stellen konnten?
Egal welche Möglichkeit er auch in Betracht zog, keine war sehr befriedigend und jede würde den Widerspruch einer anderen Person heraufbeschwören.
Sein Kopf schmerzte, aber er versuchte das so gut wie möglich zu ignorieren. Er griff nach dem Schlauch mit Wein, den Ruchon für ihn bereit gelegt hatte und trank. Sofort breitete sich Wärme in seinem Magen aus und er nahm noch einen kräftigen Zug. Es fiel ihm schwerer, sich auf seine Gedanken zu konzentrieren, denn mit der Schwere des Weins, ergriff auch die Müdigkeit immer mehr Besitz von ihm. Nur einen Moment wollte er sich hinlegen, einen Moment die Augen schließen und Kraft schöpfen, bevor er sich weitere Gedanken machte. Er ließ sich einfach zurück auf das Lager sinken und war schon eingeschlafen, als sein Kopf gerade erst das grobe Kissen berührt hatte.
Elladan atmete tief durch und ging zum Lagerfeuer zurück. Laietha stand neben einem großen Findling, den Rücken zu den Flammen gerichtet und betrachtete die gezackte Bergkette, die sich dunkel gegen den Nachthimmel abhob. Schweigend gesellte er sich an ihre Seite.
„Wieder ein Abend an dem er nichts isst", stellte sie schließlich fest und es war ganz offensichtlich, wen sie damit meinte.
Elladan brummte eine Zustimmung, erwiderte aber ansonsten nichts auf ihre Äußerung. Was auch? Außerdem wollte er sie jetzt nicht unterbrechen. Vielleicht würde sie ihm ja endlich erzählen, was zwischen ihr und Aragorn vorgefallen war. Doch stattdessen schwieg nun auch sie und vermied es, ihn anzusehen.
Dafür betrachtete er sie umso eingehender. Er sah noch immer die eindeutigen Spuren, die Mornuans Gift hinterlassen hatten, aber seit sie aus Minas Tirith aufgebrochen waren, schienen sie etwas verblasst zu sein.
Die körperliche Bewegung schien ihr gut zu tun. Sie wirkte kräftiger, ihr Gesicht rosiger und nicht mehr so blass. In den Nächten hatte sie ruhig und tief geschlafen, was die dunklen Ringe unter ihren Augen etwas gemildert hatte. Aber dafür wirkte sie zunehmend bedrückter und niedergeschlagen, was auch nicht viel besser war.
„Wie geht es deinem Bein?" fragte sie leise, den halben Mond am Himmel betrachtend. Fast, als wolle sie sich dadurch von einer anderen Frage ablenken, die ihr auf der Seele brannte. „Ich spüre nichts mehr von dem Schlangebiss", erwiderte er ein wenig enttäuscht von der Aussicht, bei seinen beiden Geschwistern gleichwenig Erfolg zu haben. Sie glichen sich einfach zu sehr, auch in ihrer Sturheit.
Wieder verfielen beide für eine Weile dem Schweigen. Die Wärme des Lagerfeuers in ihren Rücken wurde bald zu intensiv, um angenehm zu sein. Fast wollte Elladan schon aufgeben, als er hörte, wie seine Schwester zögerlich erneut zum Reden ansetzte.
„Wie geht es ihm… Ich meine… hat er sich heute verletzt? Der Drache…" Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, aber seine feinen Sinne hörten die Sorge darin. Am liebsten hätte er ihr gesagt, sie solle sich selbst vergewissern gehen, wie es Estel ging, fasste sich dann aber doch ein Herz.
„Es geht ihm soweit ganz gut. Ein paar Kratzer und Schürfwunden hier und da, aber nichts Ernstes."
Jetzt sah sie ihn das erste Mal ganz offen ins Gesicht. „Aber er war fast besinnungslos und…"
„Der Schock, mehr nicht. Man blickt immerhin nicht jeden Tag in den Rachen eines Drachen." Er sagte es scherzhaft, aber Laietha lachte nicht. Elladan wurde wieder ernst.
„Geh zu ihm Laietha. Die Gelegenheit ist günstig. Er ist alleine und alle anderen sind beschäftigt. Lass diese Chance nicht ungenutzt verstreichen."
Laietha lächelte schwach. „Ich sollte wohl wirklich besser zu ihm gehen. Nach allem, was geschehen ist, braucht er jemanden, mit dem er sprechen kann. Das war schon immer so."
Elladan blickte eine Weile auf sie hinab und gab dann seinem Drang nach, sie in die Arme zu schließen. Sie erwiderte seine Umarmung und seufzte, als er sie endlich wieder frei gab. Sie straffte die Schultern und nahm den gleichen Weg, den Aragorn zuvor genommen hatte.
An der Zeltklappe zögerte sie nur einen winzigen Moment und schob sie dann entschlossen zur Seite.
Ein kleines, aus Steinen geschaffenes Kohlebecken warf einen matten Schein an das Innere der Plane und zeichnete nur verschwommene Umrisse der Gegenstände, die sich dahinter befanden. Dennoch erblickte sie Aragorn sofort. Sein Gesicht ein blasser Fleck zwischen den Decken und sein regelmäßiger Atem das einzige Geräusch. Er schlief tief und fest.
Nein, so sehr sie jetzt mit ihm sprechen wollte – sie durfte ihn nicht wecken, nicht nach einem Tag wie diesem, der ihn so viel Kraft gekostet hatte.
Vielleicht bringst du den Mut mit ihm zu sprechen so schnell nicht wieder auf, mahnte sie ihr Herz.
Unsinn! Sie würde am nächsten Morgen die Gelegenheit nutzen und gemeinsam mit ihm voraus gehen. Sie würden ein Stück weit laufen, sich auf einem Felsen niederlassen, ihr Wegbrot teilen und reden – so wie sie es schon so oft in ihrem Leben getan hatten. Aber jetzt musste er schlafen. „Gute Nacht, Dunai", flüsterte sie mit einem Lächeln und ließ die Plane zurücksinken.
Als sie zurück zum Lagerfeuer kam, erneuerte sie den Verband an Ebans Kopf. Sie säuberte die Wunde mit einem duftenden Kräutersud. „Sie wird bald wieder verheilt sein, Eban, mach dir keine Sorgen. Alles was du brauchst, ist eine gute Mütze voll Schlaf."
Eban nickte und ließ den Kopf auf seine Schulter sinken. Übelkeit und Schwindel plagten ihn, seit er gestürzt war. Laietha schien es bemerkt zu haben. Sie reichte ihm einen Becher voll duftendem, heißem Tee. „Trink das, es wird die Übelkeit lindern und dann solltest du schlafen."
Er fühlte sich geborgen, fast wie in seiner Kindheit, als alles noch gut und schön gewesen war, als sie ihn zu seinem Lager brachte und die Decke über ihn breitete. Die Plane des Zeltes fiel hinter ihr zu und neben ihm raschelte der Stoff ihres Hemdes, als sie neben ihm Platz nahm. Er schloss die Augen, als die wohltuende Wirkung des Tees einsetzte.
Eine leise Stimme erklang, in einer fremden Sprache und es dauerte einen Augenblick, bis Eban Laietha erkannte, die leise sang, während ihre Hände beruhigend über seine Stirn strichen und mit sanften Griffen den Schmerz wegmassierten. Ihre Stimme und die leise Melodie ließen sein Herz ruhiger schlagen und er seufzte zufrieden.
„Du erinnerst mich an meine Mutter", murmelte er, schon fast im Land der Träume und ein leises Lachen unterbrach das Lied. Bestimmt ist das die Sprache der Elben, dachte Eban. Er wollte sie noch fragen, aber dann glitt er hinüber in die Welt des Schlafes.
Zärtlich strich sie mit der Hand durch die kurzen, rötlichen Locken, zufrieden lächelnd, als der Schlaf ihn in sein Reich sog. Sie blieb noch einen Augenblick an seiner Seite sitzen, hörte nicht auf zu singen, das Lied, das Aragorn so gern hörte. Es tat gut, wenigstens einen Menschen umsorgen zu können, dachte sie.
Die Plane glitt zur Seite und erschreckt fuhr sie herum, befürchtend, dass die Drachen einen nächtlichen Angriff starteten und sie Eban aus dem heilenden Schlaf reißen musste, aber es war Boromir, der fragend seinen Kopf hinein streckte. Laietha bedeutete ihn, zu schweigen und schlich hinaus aus dem Zelt ihres Bruders.
„Wie geht es ihm?", fragte Boromir mit aufrichtiger Besorgnis. Laietha seufzte schwer. „Ihm ist übel – er wird sich vielleicht schwach fühlen in den nächsten Tagen. Die Verletzung selbst ist nicht tief und wird schnell heilen, aber vielleicht hat er sich innerlich verletzt."
Der Krieger nickte. Es kam oft vor, dass Menschen nach Stürzen auf den Kopf mit Übelkeit und Schmerzen zu kämpfen hatten, aber sie wussten alle, dass sie nicht so lange in der bergen verweilen konnten, bis es Eban besser ging.
Behutsam schlang er einen Arm um sie und führte sie zu ihrem eigenen Zelt. Er zog ihr die Stiefel aus, bettete sie auf ihre Decke und legte sich zu ihr, seine Brust zu ihrem Kissen werden lassend. Es war ein langer Tag für sie alle gewesen. „Es wird Zeit, dass wir in die Stadt zurückkehren", murmelte er leise, aber mehr als ein zustimmendes Brummen kam von ihr nicht zurück.
Boromir hätte gern etwas von dem Drachen gesehen, auch wenn er nicht hätte mit Aragorn oder Eban tauschen wollen. Tief in seinem Inneren fühlte sich Boromir deshalb schuldig, denn die Tiere hatten viel Leid über sein Volk gebracht, aber er hatte Geschichten von den Feuerrachen gehört, seine Mutter hatte ihm und Faramir von ihnen erzählt., Mären aus vergangenen Tagen, Geschichten der Alten – und die Kinder hatten ihr mit großen Augen gelauscht, hatten heimlich abends in ihren Betten gelegen und sich ausgemalt, wie es wohl sein würde, gegen einen Drachen zu kämpfen.
Aus der Sicht eines Kriegers wusste er, dass er einen Kampf verlieren würde, aber wie sahen sie aus? Allein bei dem Gedanken lief ihm ein wohliger Schauer über den Rücken. Als er die anderen erreicht hatte, hatte sich das Tier schon zurück in seine Höhle verzogen.
Bilder aus den Phantasien seiner Kindheit schlichen sich zurück in sein Gedächtnis und er lächelte wehmütig, als er an die Mären und Geschichten seiner Mutter dachte.
Ach Mutter, wäre es doch so einfach, wie in diesen Geschichten, in denen immer zur rechten Zeit ein Helfer in der Not kam. Was würde er jetzt dafür geben, wenn Gandalf ihnen noch einmal zur Seite stehen könnte – der weiße Zauberer wüsste gewiss Rat, auch wenn er ihn wahrscheinlich für sich behalten würde, bis sie von selbst darauf gekommen waren, wie man den Drachen beikommen konnte. Aber es wäre ein tröstlicher Gedanke, dass er bei uns ist, dachte Boromir und drückte seine schlafende Frau fest an sich.
Draußen war es still, nur der Wind ließ die Zeltplanen flattern und die Elbenbrüder redeten leise miteinander. Sie wollten in der Nacht Wache halten, falls die Drachen zurückkamen, aber Boromir glaubte nicht daran. Nein, heute werden wir in Frieden schlafen, die Helden in Mären haben immer eine Nacht, um sich auszuruhen, dachte er und schloss beruhigt die Augen.
