II.7 Schwarzer Apollo
"Autsch!" Zevran rieb sich seine linke Schulter mit schmerzverzerrtem Gesicht. "Ich hab zwar schon ein paar Zwergenhändler im Hafenviertel gesehen, aber ich hätte nicht gedacht, dass Zwerge so gut kämpfen können."
Rinna lachte herzlich. "Was hast du gedacht beim Anblick ihrer Äxte und Rüstungen? Dass sie dich zum Tee einladen?"
Der junge Elf zuckte seine unverletzte Schulter. "Man kann nie wissen. Auch die rausten Gesellen haben irgendwo tief in sich eine Libido."
Nun prustete die Elfin laut und schüttelte den Kopf. "Du bist unmöglich Zev, so was wie dich hab ich noch nie erlebt."
Zevran gab seiner Kameradin einen schelmischen Seitenblick. "Oh, war das ein Kompliment? Ich höre gern Komplimente von schönen Frauen, die dabei noch so unglaublich stark und verwegen sind."
Die beiden Assassinen waren einige Wegstunden südlich der Stadt bei einem Handelsposten. Sie hatten eine ungewöhnliche Mission erfolgreich beendet: Lyriumschmuggler im Auftrag der Kirche zu stellen. Die hatte normalerweise ihre eigenen Kämpfer, aber offenbar war diese spezielle Truppe von Zwergenkämpfern zu stark für ihre Templer. Also hatten sie die Aufgabe an die Krähen weiter gegeben. Es war ein Kampf nach Rinnas Geschmack: Schwierig, langwierig, schweißtreibend - eine Herausforderung. Sie hatte sich gefreut, dass sich neben Taliesen und den vier Fernkämpfern des Teams auch der Capo angeschlossen hat; sie hatte den Elf bisher noch nie in einem offenen Kampf erlebt. Er hatte sich viel geschickter dabei angestellt, als sie erwartet hatte und sie war sich sicher, dass ein großer Teil seines Gejammers wegen der Schulter Schauspielerei war.
"Verstehe ich das richtig," Rinna stellte sich vor den jüngeren Elf, als würde sie eine Festrede halten wollen „Der legendäre Zevran Arainai, der schon als Jüngling Handelsprinzen und Magier im Zweikampf ausgeschaltet hat, jammert, wenn ihn ein simpler Zwergenschild trifft?" Spott funkelte hell in ihren Augen.
"Aaah, was soll ich machen? Ich bin ein schwacher Mann. Schau mich an! Ich würde mich niemals freiwillig einem offenen Kampf stellen – nicht ohne deine Hilfe, versteht sich. Sieh nur, ich kann den Arm gar nicht mehr bewegen. Ohne dich wäre ich vollkommen verloren. Du beschützt mich doch auf dem Heimweg, ja?"
Rinna wunderte sich, wie jemand es schaffen konnte, gleichzeitig herzzerreißend zu seufzen und verführerisch zu lächeln. Schließlich stand sie auf und stütze sich dabei absichtlich auf Zevrans linker Schulter ab. "Vergiss es, Schwächling. Wenn du unbedingt schon in die Stadt zurück willst, lauf Taliesen hinterher. Sie schob ihr Kinn in Richtung der vier Gestalten, die sich mit zügigen Schritten in nördlicher Richtung entfernten. „Ich bleib noch hier und genieße den Tag." Damit lief sie quer über die Wiese und ließ den Elf, der sich kopfschüttelnd seinen Arm rieb, am Wegrand sitzen.
"Ich möchte dich etwas fragen, Zevran..."
Natürlich war der junge Elf ihr gefolgt. Sie hatten den Nachmittag mit Kräuter sammeln, belanglosen Gesprächen und spielerischen Zweikämpfen verbracht. Die Stunden waren wie im Flug vergangen. Nun, als sie auf einer Anhöhe saßen, die den Blick auf das Meer freigab, stand die rotgoldene Sonne schon tief am Horizont. "Warum nimmst du solche Aufträge an? Ich meine... wie den auf die Frau dieses Seidenhändlers? Das ist einfach, bringt kaum Geld, jeder könnte das."
"Mag sein, dass es einfach war, sie zu töten, Rinna. Aber darum ging es nicht. Gerade bei dieser Frau... ich kannte sie."
In Rinnas neugierigen Blick mischte sich eine Spur Entsetzen: "Du kanntest sie und hast auf ihren Auftrag geboten? Warum… Hast du sie gehasst?"
Zevran biss sich auf die Unterlippe und schaute über das ferne Wasser. "Rinna, du weißt genau wie ich - wenn die Krähen einen Auftrag annehmen, wird er durchgeführt. Es gibt kein Entkommen. Jeder andere... wäre einfach hingegangen, hätte ihr in einer Gasse aufgelauert, ihr einen Bolzen durch die Kehle gejagt, ihr Frühstück vergiftet oder was auch immer. Das wollte ich verhindern, um jeden Preis. Mir war es wichtig, weißt du, dass ihre letzten Stunden glücklich waren. Dass sie einen schönen Tod haben würde."
Rinna ließ den Blick ihrer eishellen Augen lange auf ihm ruhen. Glaubte er das wirklich? Meinte er allen Ernstes, etwas Gutes zu tun? "So etwas wie einen schönen Tod gibt es nicht, Zevran."
Sie wartete, ob der junge Elf etwas erwidern wollte, aber es sah nicht danach aus. Zevran hatte sich auf der Wiese ausgestreckt; den Kopf auf seinen rechten Unterarm gelegt. Er kaute an einem Grashalm herum. Da er seine Lederweste abgelegt hatte und nur noch ein ärmelloses Hemd trug, konnte man erkennen, dass sich die Haut an seiner linken Schulter großflächig schwarz-blau verfärbt hatte.
„Weißt du, Zevran, ich denke, uns geht es gut. Im Vergleich zu den meisten anderen Elfen, meine ich. Wir haben ein Dach über dem Kopf, bequeme Betten, Geld, genug zu essen... Wir können einen Nachmittag in der Natur verbringen. Tage sogar, wenn wir das wollten." Sie beschrieb mit ihrem Arm einem weiten Bogen über die Landschaft. „Ich genieße diese kleinen Freiheiten, Zevran. Aber ich vergesse auch nie, wer wir sind."
Sie begann, die Kräuter, die sie am Nachmittag gesammelt hatten, in drei unterschiedliche Bündel zu sortieren. Dabei summte sie, begann schließlich leise zu singen. Sie hatte eine klare, feste Stimme. Ungewöhnlich tief für eine Frau. Klangvoll, warm...
Siehst du die Linien
auf meiner Hand
Folge den Spuren
Asche gebrannt
Seelen verloren
eisiger Wind
als Staub schon geboren
lebensblind
düsteres Grollen
duckend im Moos
schwarzer Apollo
lässt dich nicht los
Zevran hatte ihr schmunzelnd zugehört. "Ah, ich muss träumen, " säuselte er, als sie ihr Lied beendet hatte und nun still mit schnellen Bewegungen ihrer schlanken, braunen Hände die kleinen Pflanzenbündel verschnürte, um sie in ihrer Gürteltasche zu verstauen. „Ein bezaubernder Abend, eine wunderschöne Elfin singt mir ein Liebeslied…"
"Kein Liebeslied!" antwortete Rinna. Ihre Stimme klang ärgerlich. Sie atmete einmal tief durch und redete in einem leisen, neutralen Ton weiter: "Der schwarze Apollo ist ein Schmetterling, der in den Grünen Dales lebt. Das ist die Gegend, aus der meine Mutter stammt. Man sieht ihn selten, aber wenn, dann ist es zu dieser Jahreszeit. In den letzten warmen Tagen, bevor der große Regen beginnt. Die Einheimischen halten ihn für einen Todesboten - ein dunkler Engel, der die Gestorbenen durch das Nichts führt."
"Also ist er eine Art… Symboltier von Falon Din?"
Rinna schaute den jungen Elf überrascht an: "Du kennst die Götter der Dalish?"
Zevran deutete ein Lachen an: "Nicht wirklich. Man sagte mir zwar, dass meine Mutter eine Dalish war. Aber was ich von meinem Volk weiß, passt auf einen Daumennagel. Ich habe mal ein paar Wochen bei einem ihrer Clans gelebt. Da hatte ich von diesem Falon Din gehört, dem Gott des Schicksals und den Todes. Auch die Krähe... soll irgendwie mit ihm verbunden sein."
Rinna rückte näher an ihn heran: "Du hast bei den Dalish gelebt? Wie kam es dazu? War das ein Auftrag?"
Zevran schmunzelte. Wie neugierig sie ist… "Aaaah, das ist eine lange Geschichte, meine liebe Rinna." Er nutzte die Nähe, um ihr ins Ohr zu raunen: „Perfektes Thema für ein Bettgespräch, findest du nicht?"
Rinna sprang auf und verdrehte die Augen: „Kann man mit dir nicht einmal ein ernsthaftes Gespräch führen?" Zevran öffnete den Mund, aber sie wartete seine Antwort nicht ab. Mit einer wegwerfenden Handbewegung drehte sie sich um. „Kommst du mit? Ich will in der Stadt sein, ehe die Tore schließen."
Zevran schaute der jungen Frau hinterher, wie ihr drahtiger Körper sich bewegte - schnell, kraftvoll mit langen, federnden Schritten. Ganz anders als Ginera in ihrer grazilen Eleganz. Diese Rinna war ein wahrhaft faszinierendes Geschöpf.
