Kapitel 25: Erstaunliche Einladungen
Regenwolken zogen sich langsam zusammen und als Carol und Remus den Ort Shanballin erreichten fielen die ersten Tropfen auf sie herunter. Sie liefen das letzte Stück der Strasse entlang auf das im aufkommenden Wind knarrend schaukelnde Schild des Gasthofs zu. Sie hofften, dort ein Zimmer zu bekommen, der tanzende Hornochse war die einzige Gaststätte mit Zimmervermietung in einem weiten Umkreis, deshalb war es dort sehr oft ausverkauft.
Regen und Wind wurden stärker, als sie außer Atem und ziemlich durchgeweicht in die Gaststube stürzten.
Ein unglaublich dicker Mann stand hinter dem Tresen und sah mit stoischem Gesichtsausdruck dem Auftritt seiner neuesten Gäste zu. Ein paar Männer, die über den Raum verteilt saßen wandten mehr oder weniger interessiert die Köpfe, schienen aber ihren Gläsern deutlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als den Neuankömmlingen.
Sie gingen auf den Tresen zu und Carol übernahm das Reden. Nach kurzen Verhandlungen hielt sie einen Schlüssel mit einem klobigen eisernen Anhänger, auf dem die Zahl 11 prangte in der Hand.
Sie bugsierte Remus durch eine Tür neben dem Tresen und dort eine Treppe hoch. Nachdem sie einen schlecht beleuchteten Gang entlang gegangen waren, erreichten sie im hintersten Winkel des Stockwerkes Zimmer 11. Ein erstaunlich angenehmer Raum erwartete sie, mit nicht mehr ganz neuen, aber trotzdem sehr bequem aussehendem Mobiliar. Ein großer Kamin beherrschte den Raum und ihm gegenüber an der Wand stand ein enormes Doppelbett. Vor dem Fenster, gegen das mittlerweile heftig der Regen trommelte, stand ein Kaffeetisch mit einem Sofa und zwei Sesseln, die mit einem leicht verblassten daliengemusterten Stoff bezogen waren.
Sie warfen ihre Taschen auf das Bett und Remus wandte sich dem Kamin zu, um Feuer zu machen. Carol ließ sich in einen der Sessel fallen und sah ihm zu. Sie fühlte sich trotzdem sie völlig nass geworden war gelöst und entspannt, die Meditation an der Quelle und das trommelnde Geräusch des Regens an den Fenstern hüllten sie in einen wohligen Kokon aus Energie und Ruhe. Mit einem liebevollen Lächeln beobachtete sie Remus, der das Feuer entzündet hatte und zufrieden den Flammen zusah, wie sie langsam den gesamten Kamin füllten. Er drehte sich um zu ihr und sagte mit einem fröhlichen Schmunzeln auf dem Gesicht: „Ich erwarte Lob und eine Belohnung, dafür, dass ich es ohne Magie geschafft habe, den Kamin zum laufen zu bringen."
„Oh, Lob also? Mal sehen… reicht es, wenn ich Dich den einmaligen, wunderbaren, unvergleichlichen Helden aller frierenden durchnässten Frauen Irlands nenne?"
„Wenn ich nicht wüsste, dass Du mich auf den Arm nehmen willst, dann wäre das in der Tat ein ausreichendes Lob, aber so muss ich Dir leider sagen, dass ich es nicht gelten lasse." Er sah sie provokativ an, als er fort fuhr: „Aber ich bin in milder Stimmung und deshalb gebe ich Dir die Chance, das mangelhafte Kompliment durch die Belohnung auszugleichen."
Carol holte tief Luft, als wollte sie mit einer angemessenen Tirade loslegen, als Lupin sich auf das plüschige Sofa fallen ließ. Es krachte so beängstigend, dass Carol erschrocken die Luft anhielt. Aber nichts geschah, das Sofa hatte zwar seine besten Tage schon hinter sich, aber es hielt offenbar noch einiges aus. Die beiden sahen sich an, dann prusteten sie los. Carol stand auf und tauschte ihren Platz im Sessel gegen das Sofa. Sie kniete sich neben Lupin auf die Polster, so dass sie ihm ins Gesicht sehen konnte. Dann schlang sie ihre Arme um seinen Hals, sah ihm einen Augenblick tief in die Augen und streifte zärtlich mit ihren Lippen seinen Mund. Lupin keuchte leise, als die Stimmung so blitzartig von alberner Ausgelassenheit zu zärtlicher Leidenschaft umschwang. Er zog Carols Körper an sich und sie küssten sich, als gäbe es nichts mehr auf der Welt als nur sie beide und den rhythmisch gegen das Fenster trommelnden Regen.
Nach einer kleinen Ewigkeit lösten sie sich von einander und Lupin seufzte: „Merlin, was muss ich tun, um mehr solche Belohnungen zu bekommen?"
Carols Hände strichen zärtlich durch sein Haar, über seinen Nacken und die Wirbelsäule hinunter, als sie ihm ins Ohr flüsterte: „Mach den Rest meines Lebens Feuer für mich, dann kannst Du den Rest Deines Lebens mit solchen Belohnungen rechnen."
Remus glaubte kaum, was er da hörte und bei ihren Worten hatte er das Gefühl, sein Herz würde zerspringen vor Glück.
„Jedes Feuer dieser Welt, Carol."
Er hielt ihr Gesicht in den Händen und sah in ihre Augen, als wolle er für immer in ihnen ertrinken. Ihre Hände, die sich vorsichtig unter sein Hemd geschoben hatten und nun über die Haut seines Rückens strichen holten ihn in die Wirklichkeit zurück. Er zog ihr Gesicht zu sich heran und küsste sie wieder, während seine Hände nun ihrerseits auf Wanderschaft über Carols Körper gingen.
Dass der Sturm sich beruhigte und der Regen einer sternenklaren Nacht Platz machte, bekamen die beiden nicht mehr mit.
Auch den schwarzen Schatten, der sich in Sichtweite des Gasthofes in den Bäumen verbarg bemerkten weder sie noch sonst irgendein Bewohner Shanballins.
Hagrid und Firenze hatten sich vor dem Unwetter in eine Hütte zurückgezogen, die unbewohnt und halb verfallen nahe dem Zentaurendorf lag. Sie hatten mehrere Gespräche mit Tanno, dem Cousin von Firenze geführt und Dumbledores Angebot unterbreitet. Die Herde schien prinzipiell angetan von dem Angebot, waren Firenze und Hagrid gegenüber allerdings immer noch etwas misstrauisch, so dass sie nur für Gespräche und zeremonielle Essen ins Dorf eingeladen wurden und die restliche Zeit verbrachten sie im Wald, in der Hütte oder auf Streifzügen durch die Umgebung. Sie achteten sehr darauf, nicht aufzufallen, denn es wäre schwierig, Muggeln die Gegenwart eines Halbriesen und eines Zentauren zu erklären, wenn sie entdeckt würden.
Hagrid wollte unbedingt einen dreiköpfigen Hund finden, von dem er gehört hatte, dass es sich in diesem Teil Irlands befinden solle. Ein ziemlich angetrunkener Zauber in dem Pub der zahnlosen Hexe hatte ihm davon erzählt, als er hörte, Hagrid suche nach ausgefallenen Tierwesen. Angeblich handelte es sich um ein Weibchen und Hagrid war sofort der Gedanke gekommen, eine Gefährtin für Fluffy zu finden. Der Betrunkene hatte sich streng nach den Regeln des Hauses jede Auskunft mit einen Getränk für sich und die Wirtin bezahlen lassen, so dass niemand, der bei Verstand war auch nur noch ein einziges Wort von seinen Geschichten geglaubt hätte. Nicht so Hagrid. Er erwärmte sich immer mehr für die Idee und überredete Firenze, neben ihrem eigentlichen Auftrag auch noch nach dem Hund zu suchen.
Firenze, der eine Schwäche für den riesigen Freund aller Lebewesen (wie er ihn anderen gegenüber immer gerne nannte) hatte, war etwas widerwillig darauf eingegangen und nun hockten sie hier, nahe dem Zentaurendorf und warteten, dass der Regen nachließ, um einer Spur in den Wald zu folgen, von der Hagrid zu schwören bereit war, sie gliche den Pfotenspuren Fluffys aufs Haar.
Sie hatten etwas Zeit, denn das nächste Treffen mit den Führern der Herde war erst für einen Nachmittag der nächsten Woche angesetzt worden, wobei sie glaubten, dass es die letzte Besprechung sein würde. Die Herde wollte baldmöglichst die Gegend verlassen und eigentlich waren nur noch ein paar Dinge zu erledigen sowie die Geburt der Fohlen zweier tragender Weibchen abzuwarten. Außerdem musste der Umzug der Herde relativ genau geplant werden, denn es könnte sich als schwierig herausstellen, eine solch große Gruppe von Zentauren zu transportieren. Man plante, nur im Schutze der Dunkelheit zu reisen und tagsüber Verstecke aufzusuchen. Leider lehnten die Zentauren magische Transporte kategorisch ab, so dass es sich als kompliziert erwies, die Reise zu planen. Dazu kam, dass man natürlich auf die Fohlen Rücksicht nehmen musste. Hagrid hatte sich sofort mit leuchtenden Augen angeboten, die Jungtiere zu tragen, was von der Herde mit Wohlwollen aufgenommen, aber abgelehnt wurde.
Firenze und Hagrid vereinbarten, dass sie sich bis zum Morgen ausruhen wollten, um dann zu versuchen, den sagenhaften Hund zu finden. Sie machten es sich in der Hütte so weit das möglich war gemütlich und schliefen ein.
Im Grimmauldplatz Nummer 12 erhielt Severus Snape eine höchst erstaunliche Eule, in der Mr. Mark Tensborrow ihn förmlich zu einem Lunch morgen in einer Woche in das Stadthaus der Tensborrows einlud.
Snape runzelte die Stirn über die formelle Einladung, antwortete jedoch eulenwendend, mit einer Zusage. Es interessierte ihn sehr, was den jungen Mann bewogen haben könnte, ihn einzuladen, allerdings hegte er die Vermutung, dass die Einladung etwas damit zu tun haben könnte, dass er selber ja den Kontakt intensiviert hatte, durch das relativ überstürzte Treffen.
Kopfschüttelnd beschloss er, sich überraschen zu lassen, was den jungen Mann scheinbar so bewegte, dass er gesellschaftliche Kontakte suchte und wandte sich wieder seinen Studien zu.
Am nächsten Morgen frühstückten Carol und Lupin in der Gaststube und Carol erzählte ihm davon, was Winky zu seinem neu gewachsenen Appetit gesagt hatte. Remus lief leicht rot an, verschluckte sich an seinem Tee und hustete die nächsten Minuten anhaltend, was ihn allerdings davor bewahrte, das kommentieren zu müssen.
Sie verbrachten eine Woche damit, die Gegend systematisch abzusuchen. Carol hatte sich durch den Wirt eine Karte der Umgebung besorgt und so hatten sie sich jeden Tag ein anderes Gebiet der Umgebung vorgenommen. Zwar war ihre Suche bislang ohne Erfolg gewesen, aber sie hatten die gemeinsame Zeit genossen und waren sich unglaublich nahe.
Und so saßen sie eines Morgens wieder in der Gastube beim Frühstuck. Sie unterhielten sich angeregt über ihre so sehr unterschiedlich verlaufenen Leben, als mehrere Männer die Gaststube betraten. Sie setzten sich an einen Tisch nahe den beiden und bestellten Bier und Brot. Ihre Unterhaltung war lautstark, so dass Carol und Remus von ihren eigenen Gesprächen abgelenkt wurden und nicht umhin konnte, die lauten Sätze der Männer zu hören.
„Und ich sach noch, trink das Zeug vom alten Slaughter nich, der brennt seit Jahren nur noch schlimmen Fusel und wenn Du nich sofort blind wirst, dann siehst Du merkwürdige Dinge davon."
Ein derbes Lachen ertönte.
„Manche Leute sehen auch ohne Fusel komische Sachen."
„Besser als manche Leute, die auch noch glauben, was sie sehen."
„Ihr könnt mir sagen, was ihr wollt, ich hab den Pferdemann gesehen. Davon lass ich mich nich abbringen."
„Jaja, und Du erzählst uns ja auch immer im Garten Deines Onkels lebt eine Familie des kleinen Volkes."
Wieder erklang dröhnendes Gelächter, doch bei der Erwähnung eines Pferdemannes waren Lupin und Carol hellhörig geworden. Das klang zu sehr nach einem Zentauren, als dass sie es ignorieren konnten und so spitzten sie die Ohren, um zu hören, ob genaueres gesagt wurde, wann und wo er gesehen worden war.
Die Männer waren in Erzähllaune und das starke Bier tat ein Übriges, so dass Carol und Lupin am Ende ihres Frühstücks eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatten, wo sie Firenze suchen mussten. Sie hofften, dass er und Hagrid sich nicht getrennt hatten, so dass sie beide finden konnten.
Sie beendeten ihr Frühstück und machten sich auf den Weg, um den neuen Hinweisen nachzugehen.
Jingles hatte ein leichtes Dinner in einer der Herrenzimmer des Hauses hergerichtet. Die Atmosphäre war entspannt, ein Feuer brannte im Kamin und auf einem Sideboard warteten Digestifs und Zigarren. Jingles war in seinem Element und Mark hatte nicht schlecht gestaunt, was der alte Elf aus der vagen Anordnung, ein halbformales Dinner in dezenter Atmosphäre vorzubereiten gemacht hatte.
Natürlich war der Hauself in seinem Element. In den guten alten Zeiten waren solche Geschäftsessen an der Tagesordnung gewesen im Hause Tensborrow und Jingles war immer sehr stolz darauf gewesen, ein Meister darin zu sein, jedem Anlass angemessen vorbereitet zu sein.
Jingle erinnerte sich noch genau an die großen Gesellschaften, die hier im Haus gegeben wurden und er war stolz, dass er es immer fertig gebracht hatte, seine Herrschaften zufrieden zu stellen.
Nun war er begierig, seine Fähigkeiten auch für den jungen Herrn unter Beweis zu stellen.
Noch einmal kontrollierte er die Arrangements bei Tisch und im Raum, dann huschte er in die Küche, um die Mahlzeit zu bereiten.
Hagrid und Firenze machten sich schon früh auf den Weg, die Spuren zu suchen, von denen Hagrid sicher war, dass sie tief genug gewesen sein müssten, um zumindest teilweise den Regen der letzten Tage überstanden zu haben. Firenze war sicher, sie würden ein Phantom jagen, konnte sich aber Hagrids Begeisterung nicht entziehen.
„Findest Du nicht, ein dreiköpfiger Hund im verbotenen Wald ist gefährlich genug und kann ausreichend Unheil anrichten, Hagrid", hatte er in einem letzten Versuch den Halbriesen umzustimmen gefragt.
„Fluffy is nich gefährlich und von Unheil kann nich die Rede sein", hatte Hagrid fast ein wenig beleidigt gemurmelt, „er ist nur unglücklich, weil er einsam is. Ich kann nich immer mich um alle kümmern und wenner einsam is, dann kommter auf alle möglichen Gedanken. Das is bei Menschen nich anders", Hagrid hatte sich in Rage geredet, „und bei Zentauren auch nich", hatte er nachdrücklich hinzugefügt.
Firenze hatte jeden Widerstand aufgegeben und fragte sich nun nur noch, wie sie zusätzlich zur Herde mit all ihren Problemen auch noch einen dreiköpfigen Hund nach Hogwarts befördern wollten. Im Stillen hoffte er, es würde dieses Tier gar nicht geben, auch wenn er wusste, dass das Hagrid zutiefst bekümmern würde. Und ein bekümmerter Hagrid war vielleicht so gar schwieriger im Umgang, als ein dreiköpfiger Hund.
Firenze schüttelte seine prächtige Mähne und beschloss abzuwarten, welche der beiden unguten Optionen sich bewahrheiten würde, um sich dann entsprechend darauf einzustellen. Immerhin suchten sie nun schon fast eine Woche nach dem Vieh und wenn man bedachte, dass heute Nachmittag das Treffen mit den Zentauren angesetzt war, dann konnte es gut sein, dass dies ihre letzte Chance sein würde, den Hund zu finden.
Sie erreichten eine Wiese, an die der Wald der Zentauren angrenzte. Hagrid schüttelte traurig den Kopf, als ihm klar wurde, dass sie hier keine Spuren finden würden und sie wollten gerade den Weg zurück gehen, den sie gekommen waren, als sie Geräusche vom Waldrand hörten.
Sie hielten inne, um zu sehen, was es damit auf sich hatte, als sie erkannten, dass am anderen Ende der Wiese Leute auf den Waldrand zuliefen. Sie trugen lange schwarze Kapuzenumhänge und bewegten sich selbstbewusst in einer großen Gruppe auf den Wald zu. Firenze zählte ungefähr fünfzehn Figuren, war sich aber nicht sicher, da die Entfernung groß war und die Gruppe teilweise recht eng beisammen ging.
Hagrid holte scharf Luft, auch er hatte die Männer bemerkt und ohne sich weiter absprechen zu müssen eilten sie am Rand der Wiese auf den Wald zu, darauf achtend, dass sie außer Sicht der Todesser blieben
Pünktlich zur Mittagsstunde erreichte Snape Tensborrow Manor. Er betrachtete das imposante Haus, das sich durch schlichte Eleganz und unaufdringliche architektonische Größe auszeichnete. Eine Familie, die auf Understatement Wert legte, dachte er und machte sich im Geiste eine Notiz. Es war immer gut, so viele Informationen zu sammeln, wie man nur konnte, das hatte er im Laufe seines Lebens gelernt.
Er wurde von einem alten Hauself eingelassen und in einen Salon geführt, wo der junge Hausherr ihn begrüßte. Bei einem Sherry fragte Snape dann höflich, welchem besonderen Umstand er die Einladung verdanken würde und Tensborrow erwiderte höflich, er sei nach seiner Rückkehr in die Heimat seines Vaters lediglich bestrebt, gesellschaftliche Verbindungen zu knüpfen, wie es der Tradition seiner Familie entspräche. Sein Blick huschte zu einem Portrait über dem Kamin, das eine würdevolle ältere Lady zeigte, die huldvoll in den Raum blickte.
Mrs. Tensborrow senior, vermutete Snape, fragte jedoch nicht nach. Er hatte schon bei den ersten Worten der Erklärung erkannt, dass der junge Mann kein begabter Lügner war. Überdeutlich stand ihm ins Gesicht geschrieben, dass ihm etwas auf der Seele brannte, das er besprechen wollte. Und Snape beschlich ein ungutes Gefühl bei dem Gedanken daran, was es sein könnte.
Sie redeten über belanglose Dinge, doch das Gespräch gestaltete sich zäh, denn Snape war der falsche Partner für Plaudereien über das Londoner Gesellschaftsleben und Tensborrow schien an seiner Begründung festhalten zu wollen.
Jingles erlöste die beiden mit der Ankündigung, es sei angerichtet und die Herrschaften mögen ihm nun zum Lunch in den Speiseraum folgen.
Was nun folge war ein Lunch, das den höchsten Ansprüchen gerecht werden konnte. Der Hauself hatte sich selber übertroffen in seiner Begeisterung, endlich wieder so etwas wie Leben in seinem Haus zu haben. Es wurde weitestgehend schweigend eingenommen, nur unterbrochen von höflichen Bemerkungen über die Qualität der Speisen.
Beim Dessert und begann Tensborrow endlich, Snape zu fragen, ob er ihn um seine Meinung zu einer Geschichte bitten dürfe, die er in Spanien gehört habe.
Snape nickte nur aufmerksam und bei Kaffee und Portwein erzählte Mark die Geschichte seiner Familie getarnt als die Geschichte einer entfernten Bekannten seiner Mutter.
Snape zog innerlich die Augenbrauen hoch und stellte erneut fest, dass diesem jungen Mann jedes Talent für Lüge und Täuschung abging. Schon nach wenigen Minuten hatte er bemerkt, dass es sich um seine eigene Geschichte handeln musste und er hörte umso interessierter zu.
Die Zweifel des fiktiven Sohnes ließen ihn hellhörig werden und er wusste, dass er nun ungeheuer vorsichtig sein musste, was er sagte und wie er reagierte.
Als sie ihren Kaffee beendet hatten, bat der alte Hauself sie in das Rauchzimmer, wo Zigarren und weiterer Portwein vorbereitet waren.
Snape nutzte den Aufschub, um seine Gedanken zu ordnen. Im Salon nahmen sie in alten, eleganten Lederohrensesseln vor dem Kamin platz, die ein wundervolles Rosenholztischchen flankierten, auf dem Jingles die Digestifs und Rauchwaren angerichtet hatte.
Bis auf ein kleines Glas Portwein ignorierten beide das Angebot, zu angespannt war nun die Stimmung im Raum. Mark schaute vorsichtig, fast ängstlich zu Snape, der sich bemühte, keine Miene zu verziehen. Er musste vorsichtig vorgehen, wenn er diesen verunsicherten jungen Mann nicht zu sehr erschrecken wollte, was ihn in die falsche Richtung drängen konnte.
Langsam sah er zu seinem Gastgeber auf: „Das ist eine sehr interessante und nicht gerade gewöhnliche Geschichte, Mr. Tensborrow", sagte er ruhig.
„Was halten Sie davon, Sir? Was soll man von so einer Familie halten?"
Snape schwieg.
„Und was sagen sie zu der Mutter und ihrem Sohn? Sie sind doch richtige Helden, oder nicht?"
„Nun, was der Vater des jungen Mannes getan hat ist in gewisser Weise verständlich", Snape machte eine Pause.
„Sagen Sie mir doch, was Sie davon halten, Mark", setzte er hinzu, hoffend, dass die vertraulichere Anrede den jungen Mann dazu bewegen würde, mit ihm wie mit einem Vertrauenslehrer zu reden.
Mark seufzte.
„Ich weiß es nicht, Sir. Ich denke, die Ideale des dunklen Lords sind es, was unsere Welt braucht und für sie zu kämpfen mit allem, was man hat und ist, ist das größte Ziel, das ein Mensch haben kann." Er kam ins stocken und hörte bei seinen eigenen Worten seine Mutter aus ihm heraus sprechen. Unsicher sah er zu dem älteren Mann, der steif da saß und nickend in sein Portweinglas blickte.
„Natürlich. Aber das bringt uns in dem theoretischen Dilemma des Sohnes der Bekannten ihrer Frau Mutter nicht weiter, oder?" sagte Snape in einem ruhigen, fast sanften Tonfall. Ein flüchtiger Gedanke kam ihm, dass er sich jetzt in seinen Klassenraum wünschte, auf das sicherere Territorium der Zaubertränke, und selbst eine Bande vorlauter Gryffindors erschien ihm jetzt verlockender, als dieses Gespräch.
Er rief sich zur Ordnung und sah Mark direkt in die Augen.
„Ihr fiktiver junger Bursche steckt schlimm in der Patsche, wenn ich es auf den Punkt bringen darf", sagte er unvermutet und Mark zuckte wie von einem Schlag getroffen zusammen.
„Er hat nicht viele Optionen und die, die er hat, sind nicht gerade viel versprechend für seine Gesundheit oder gar ein friedliches Leben. Der dunkle Lord duldet keine Zweifel. Er duldet keine Familiengeschichten, die Unsicherheit schüren. Ihm ist es egal, aus welchem Grunde man ihm gegenüber loyal ist, es zählt alleine die Loyalität. Umgekehrt interessiert ihn auch nicht, warum jemand Zweifel haben könnte. Zweifel sind unerwünschtes Verhalten und unerwünschtes Verhalten wird bestraft und nötigenfalls ausgemerzt."
Bestürzt sah er, wie Mark erneut zusammenzuckte und kreidebleich wurde.
Er packte den jungen Mann am Arm und dreht ihn zu sich herum.
„Wir reden doch über einen fiktiven Burschen, respektive den Sohn einer entfernten Bekannten Ihrer Mutter, oder?"
Er wusste jetzt, dass er Mark nur dazu bringen konnte, Farbe zu bekennen, wenn er ihn in eine Ecke trieb. Und Farbe bekennen musste der Junge langsam, sonst würde er unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen. Egal, wie man es drehte, eine formelle Einladung zum Lunch konnte man nicht ewig ausdehnen, wenn man keinen guten Grund hatte und bestrebt war, die Formen zu wahren. Entweder der Junge kam langsam mit der Wahrheit heraus, dann konnte man die neue Situation anpacken. Oder er beharrte darauf, dass es sich um eine fremde Geschichte handelte, dann musste dieses Treffen bald enden, damit beide Seiten weiterhin so tun konnten, als wäre es nur um das Knüpfen gesellschaftlicher Verbindungen gegangen.
Snape verstärkte den Druck seiner Hand um Marks Arm.
„Also?"
Schweigen.
„Reden Sie, Mark. Von wem sprechen wir hier?"
Die Worte waren kaum hörbar, so leise sagte Tensborrow: „Von mir."
Er sackte in seinem Sessel zusammen, bereit, alles zu ertragen, was nun kommen mochte. Trotz aller Furcht, die sich bei Snapes Erklärungen über Zweifel und unerwünschtes Verhalten noch einmal enorm potenziert hatte, war er tief in seinem Inneren erleichtert, es ausgesprochen zu haben.
Snape ließ den Arm los und sah Mark eine Weile schweigend an.
Dann sagte er ruhig: „Sie haben ein ungeheures Problem, Mr. Tensborrow. Aber wenigstens sind sie damit an den Richtigen geraten."
Er griff zu der Kristallkaraffe auf dem Tischchen und schenkte ihre Gläser noch einmal voll.
„Und nun wollen wir sehen, was wir mit Ihrem Problem tun können."
Carol und Remus erreichten nach einer längeren Wanderung eine riesige Wiese an deren entfernten Ende man einen Waldrand erkennen konnte.
„Gut, also wir sind ungefähr eine Meile östlich von dem Findling mit der Form eines Wals und dahinten ist ein Wald. Das muss der Wald sein, wo der „Pferdemann" gesehen wurde", fasste Carol fröhlich zusammen.
Sie hatten auf dem Weg hierher viel gescherzt, gelacht und sich geneckt. Sie war glücklich Remus so völlig verändert zu sehen. Er war gelöst, selbstsicher und voller Kraft. Sie lächelte.
„Was gibt es da zu grinsen?"
„Oh, nichts… ich dachte nur gerade an einen gewissen Mann, der die Kraft des Wolfes nie wahrhaben wollte. Aber ich konnte den Wolf fühlen, letzte Nacht." Sie lachte anzüglich.
Remus lief leicht rosa an, aber Carol nahm ihn in die Arme und flüsterte in sein Ohr: „Ich habe es genossen, Remus. Ich liebe den Wolf ebenso, wie den Mann. Für mich seid ihr untrennbar und ich würde keinen von Euch beiden ohne den anderen haben wollen."
Er sah sie erstaunt an: „Du würdest mich nicht ohne den Wolf wollen?"
„Ohne ihn, den Du all die Jahre mit Dir herum geschleppt hast, wärest Du nicht der der Du heute bist. Aber genau den Mann liebe ich. Den, den ich hier und jetzt in den Armen halte. Der Wolf hat Dich geprägt und geformt, er ist ein Teil Deiner Persönlichkeit, ob Du das akzeptieren willst, oder nicht."
„Ohne ihn wäre ich ein besserer Mann. Weniger gefährlich, weniger belastet, liebenswerter."
„Vielleicht", sie zuckte mit den Schultern. „Wen interessiert es? Du bist, wer Du bist und ich will genau Dich und nicht einen möglichen Anderen."
Sie küsste ihn sanft.
„Wer will schon einen Mann, der leicht zu lieben ist?"
Er sah sie ungläubig an. „Das meinst Du wirklich ernst, oder?"
„Ja, natürlich. Dummchen."
Sie küsste ihn noch einmal voller Liebe, dann drehte sie sich wieder der Wiese zu.
„So, nun lass uns mal Hagrid und Firenze suchen, sonst sind die inzwischen ganz woanders."
Remus nickte, noch immer etwas benommen und gemeinsam gingen sie auf den Waldrand zu.
Nach einigen Metern sahen sie Bewegungen genau dort, wohin sie hatten gehen wollen. Gestalten in langen dunklen Umhängen bewegten sich nahe dem Waldrand und plötzlich schossen farbige Blitze von den Gestalten aus in Richtung des Unterholzes. Als Antwort hagelte ein Pfeilregen auf die Gestalten nieder.
„Todesser! Ein Angriff", keuchte Lupin voller Entsetzen und sprintete los. Carol folgte ihm auf den Fersen und sie näherten sich dem Tumult schnell. Remus hatte seinen Zauberstab gezogen und als sie nahe genug waren rief er Entwaffnungs- und Lähmzauber in die Richtung der Todesser.
Carol konnte sehen, wie mehrere Zentauren am Boden lagen, teils wanden sie sich in schrecklichen Zuckungen, teils lagen sie regungslos da. Sie erfasste die Gruppe der Angreifer mit mehreren Blicken und hob langsam beide Arme.
Ehe sie noch eine weitere Bewegung machen konnte, traf ein Lähmzauber sie mitten in die Brust und schleuderte sie zu Boden. Zur völligen Bewegungslosigkeit verdammt, aber bei Bewusstsein musste sie die nun folgenden Szenen hilflos beobachten.
Die Zentauren verließen nicht die sichere Deckung des Waldes, sie deckten die Todesser mit Pfeilen ein und setzten viele von ihnen außer Gefecht, aber aus in ihren Reihen fielen mehr und mehr den zaubern und Flüchen der Todesser zum Opfer und brachen auf dem Boden zusammen. Lupin kämpfte sich von der Seite an den Wald heran, er war zu sehr in den Kampf vertieft, als dass er gemerkt hatte, was mit Carol geschehen war und mehrere Zentauren, die ihn bemerkt hatten und aus seinen Aktionen auch seine Absichten ersehen konnten gaben ihm Deckung durch einen besonders intensiven Pfeilhagel.
Dann aber erhob sich einer der Todesser, die am Boden gelegen hatten. Blut tropfte aus seiner Schulter und er hatte seine Maske verloren. Sein Gesicht war von Hass verzerrt, er hob seinen Zauberstab und feuerte eine Art feurige Schlange daraus ab, die aus seinem Zauberstab eine brennende Peitsche machte.
Einer der Zentauren, die gerade einen kleinen Ausfall gemacht hatten, wurde von dem brennenden Band getroffen und bracht unter grässlichem Geheul zusammen.
Der Todesser schritt vorwärts, Hass loderte in seinen Augen und seine eigenen Kameraden wichen von ihm zurück, als er auf den Waldrand zuschritt.
Er traf einen weiteren Zentauren, die feurige Peitsche schlang sich um seinen Hals, der Mann zig und zerrte daran und mit einem röchelnden Geräusch brach das Opfer tot zusammen.
Immernäher an den Wald bewegte er sich und hinter ihm schlossen sich die Reihen seiner Mitstreiter, die weiterhin alle möglichen Flüche auf die Zentauren abschossen.
Der Todesser mit der brennenden Peitsche drehte den Kopf, als er eine unbekannte Stimme „STUPOR" rufen hörte und entdeckte Lupin.
Er hob den Arm mit dem Zauberstab und mit einer einzigen Bewegung schlang sich das brennende Band um Lupins Arm. Er schrie auf vor Schmerz, aber mit einer weiteren Bewegung löste sich die Schlinge. Lupin hielt sich den schmerzenden Arm und versuchte die Ursache auszumachen, als das feurige Band erneut auf ihn zuraste. Es schlang sich um seinen Kopf und seinen Hals. Brennende Schmerzen erfassten sein Gesicht und er keuchte nach Luft, als das Band sich immer enger um seinen Hals schlang.
Carol schrie innerlich laut auf, als sie sah, was mit ihm geschah, aber kein Laut konnte über ihre Lippen dringen. Sie konnte und wollte nicht glauben, was sie da sah, sie wollte etwas tun, irgendetwas, aber es gab nichts, was ihr möglich gewesen wäre. Gefangen in einer starren Hülle musste sie mit ansehen, was mit Remus geschah, sah seinen verzweifelten, aber aussichtslosen Kampf gegen das Band aus Feuer.
Plötzlich schob sich etwas großes, dunkles in ihr Sichtfeld. Verzweifelt wollte sie den Kopf drehen, um daran vorbei zu sehen, aber ihr war noch immer keine Bewegung möglich. Einen Augenblick später trat der Mann einen Schritt zurück und sie konnte ihn genauer sehen. Viel war es allerdings nicht, das außer dem Kapuzenumhang und der Maske sichtbar war. Lediglich ein paar Strähnen hellbrauner, gewellter Haare waren sichtbar. Er blickte einen Augenblick auf sie herunter und obwohl er erkennen musste, dass von ihre keine Gefahr ausging, hob er seinen linken Arm, in dessen Hand er seinen Zauberstab hielt und nun auf sie richtete. Mit völlig gleichgültiger Stimme sagte er: „AVADA…"
Dann sauste etwas Riesiges auf ihn herunter und er brach ohne einen Laut von sich zu geben zusammen.
Carol verdrehte die Augen, um zu sehen, was passiert war, als sich auch schon ein breites, haariges Gesicht in ihr Sichtfeld schob.
„Alles in Ordnung? Der wollte Dich umbringen, wollte der, der Dreckskerl."
Hagrids Gesicht drückte Besorgnis aus, aber auch Erleichterung, dass ihr offensichtlich nichts fehlte. Ihre mangelnde Bewegung schien er für eine Folge des Schocks zu halten, denn er ging mit keinem Wort darauf ein.
„Rühr Dich hier nich wech, ich geh mal gucken, was Firenze macht, nich, dass dem auch noch was passiert."
Ohne eine Antwort abzuwarten stapfte er davon und machte Carols Sichtfeld wieder frei. Voller Entsetzen sah sie, dass Remus noch immer in der brennenden Schlinge gefangen war. Er war scheinbar am Ende seiner Kräfte, denn er lag am Boden, eine Hand versuchte vergeblich, das glühende Band von seinem Hals zu ziehen, die andere hatte sich kraftlos in dem Boden gekrallt, als wolle er sich mit einer letzten Geste der Verzweiflung fortziehen.
Der Todesser mit der Peitsche lies ein lautes, triumphierendes Lachen erklingen, das über die Wiese schallte und Carol das Blut in den Adern gefrieren ließ. Dann verstummte er jäh und starrte überrascht zum Waldrand hinüber.
In einem eleganten Bogen schoss ein schwarzer Schatten aus den Wipfeln der Bäume, in denen er regungslos und unsichtbar gewartet hatte, herab. Seine enorme Flügelspannweite verdunkelte für einen Moment lang das Sonnenlicht bis er wie ein Pfeil auf den eben noch lachenden Todesser hinab stieß und ihn zu Boden riss. In dem Moment, in dem er seinen Zauberstab verlor, erlosch das brennende Band und Remus Lupin krümmte sich keuchend und nach Luft ringend zusammen.
Der schwarze Schatten stieß wieder und wieder auf die Todesser herab, erhob sich immer wieder in die Lüfte, um dann aufs Neue wie ein apokalyptischer Engel auf sie herunter zu fahren und sie zu Boden zu reißen und ihrer Kampfkraft zu berauben.
Die Zentauren nutzten das entstandene Durcheinander und verschafften sich taktische Vorteile, indem sie Ausfälle an den Flanken machten und nach kurzer Zeit waren fast alle Todesser außer Gefecht gesetzt oder tot.
Die wenigen Reste schnappten sich ihre verletzten Kameraden, soweit sie es schafften und disapparierten.
Sobald Carol spürte, dass sie sich wieder bewegen konnte, rappelte sie sich auf, um zu der Stelle zu laufen, an der Remus lag. Über ihm schwebte der schwarze Schatten, regungslos. Dann neigte er sich nach vorne, soweit, bis er Remus zu berühren schien. Atemlos beobachtete Carol die Szene und nun kam ihr der Schatten vage bekannt vor. Er schwebte noch einen Moment nur Millimeter von Remus entfernt, der ihn erstaunt und mit fragendem Gesicht musterte. Die Zentauren standen wie in Stein gemeißelt um die Szene herum und auch Hagrid hatte es die Sprache verschlagen.
Der Schatten erhob sich wieder ein wenig, drehte sich und schwebte vor Carol. Jetzt erkannte sie ihn und streckte die Hand nach ihm aus, doch wie von Geisterhand schien sich nun seine Substanz zu verdünnen. Er wandelte sich von dem tiefen, undurchdringlichen Schwarz in ein mattes, dunkles Grau, das langsam zu einem hellen, rauchfarbenen Grau wurde.
Und wie mit einem Windhauch verschwand er.
