Susanne öffnete die Augen und sah Farbe.
Ihre Umgebung war nicht mehr dunkel und grau, sondern hell und bunt. Etwas bunter als die Wirklichkeit.
Sie sah sich um: Die war eine seltsame Sichtweise auf den Marktplatz von Quirm.
Sie selbst war oft dort gewesen, doch sie erinnerte sich nicht daran, dass die Straßenlaternen rosa Licht spendeten. Sie erinnerte sich gar nicht die Straßenlaternen jemals so intensiv betrachtet zu haben, wie sie sich jetzt in ihren Fokus drängten.
Dies war eine andere Perspektive. Es war der Marktplatz von Quirm, dies war die Blumenuhr, dies war das Eiskaffee, dies war die Straße hin zum Internat. Doch der Anblick blieb ihr fremd. Obwohl sie einen Großteil ihrer Jugend hier verbracht hatte, glaubte sie sich hier nicht auszukennen. Sie wagte es nicht einen eigenen Schritt zu gehen.
Sie kannte die einzelnen Komponenten, die das Bild ausmachten, doch alles wirkte greller und runder und breiter und weicher und heller, als in ihrer eigenen Erinnerung.
Bilder der Realität, die sich einem Menschen als Erinnerung einpflanzen müssen wohl nicht immer identisch mit dem Original sein, überlegte Susanne und dann fragte sie sich: Was ist eigentlich das Original? Gibt es ein Original, wenn sich das Bild lediglich im Gehirn materialisiert?
Dies war die Wahrheit in Natalies Sichtweise. Ihre sah anderes aus und doch waren beide Wahrheiten gleichwertig, wenngleich es Susanne schwerfiel das zu akzeptieren, mitten auf einem rosabelichteten Platz in Quirm, bei einer quietsch bunten Blumenuhr, die sie aus ihren Träumen immer zu verdrängen versuchte.
Sie musste Natalie finden. Irgendwo in diesem bizarren Bild musste sie sich befinden oder zumindest ihr Schattenselbst.
Susanne fragte sich, woran sie Natalie erkennen sollte. Womöglich sah sie hier ganz anderes aus, vielleicht sah sich Natalie selbst ganz anderes als sie.
Vorsichtig versuchte Susanne einen Schritt zugehen. Zufrieden stellte sie fest, dass sie sich auch in dieser Welt bewegen konnte. Sie sah sich um und ihr Blick fiel auf die Eisdiele.
Es fiel Susanne schwer sich in einer Welt zu bewegen, die sie nicht geschaffen hatte. Bisher hatte sich immer auf ihren eigenen Blickwinkel verlassen, selbst Tods Welt bot die Option einer eigenen Sichtweise, doch hier schienen ihre Augen nicht richtig zu funktionieren. Sie projizierten Bilder, die nicht zu Susannes Gedanken passten. Dies war nicht ihre Welt.
Natalie hatte sich ein eigenes Universum aufgebaut, das sie wie in eine Luftblase hüllte und abschirmte, von anderen Ideen.
So etwas hatte ihr Großvater gemeint, als er von den Dämonen im Inneren jedes einzelnen sprach.
Es mochte gut gehen, solange Natalie schlief und nicht durch die Stadt lief, was würde geschehen, wenn sie aufwachte und immer noch glaubte, die Welt wäre einzige, das was sie sich einbildete.
Susanne war nur Statist in diesem Traum, daran musste sie sich gewöhnen. Doch sie zwang sich, sich auf die Eisdiele zu zubewegen.
Diese Bewegungen waren nicht von Natalie geplant und deshalb fielen sie Susanne schwer. Sie gehörte nicht hierher. Natalie wollte sie nicht hier haben.
Sie trat an einen Tisch auf dem Bürgersteig vor dem Eiscafé heran. Hier saß die einzige Gestalt in der ganzen Szene, deren Gesichtszüge nicht seltsam unscharf und scheinbar uninteressant waren. Sie saß hier nicht allein, doch die zweite Gestalt, war ein gesichtsloser Statist, wie Susanne.
Die andere Person musste die Träumerin sein, auch wenn Susanne sie nicht erkannte. Jedenfalls schien sie den Mittelpunkt der Szene und allem zu Bilden. Licht fiel auf sie in einer anderen Art und Weise als auf den Rest des Platzes. Es war heller und rosaroter und wenn man genau hinsah, glitzert sie hin und wieder.
Sie saß einer anderen Person gegenüber und unterhielt sich, ohne dass jemals eine unvorhersehbar wirkende Antwort kam.
Was gesprochen wurde erreichte Susannes Ohr nicht. Es war der Teil, den man an Träumen sofort vergas, noch während man ihn erlebte.
Doch alle Zurückhaltung und Gesichtslosigkeit konnte nicht dafür sorgen, dass Susanne dachte. Sie war zwar Teil des Traums geworden, aber immer noch ein Fremdkörper, den man lediglich äußerlich kontrollieren konnte. Natalie hatte sie nicht erfunden, sie konnte Susanne nur gestalten.
Susanne sah sich Natalie genau an. So saß Natalie Kraushaar sich selbst. So wünschte sie sich zu sein. So hatte sich ihre Schattenpersönlichkeit selbst gestaltet: Selbst im Sitzen wirkte sie groß und dünn. Ihre Haare waren nicht mehr schulterlang und glatt, sondern kraus und wirr zu einer Hochsteckfrisur verarbeitet. Sie war nicht mehr dunkelblond, sondern weißhaarig. Natalies Kleidung bestand zum größten Teil aus schwarzer Seide, Spitze und Tüll. Sie trug eine Korsage, obwohl sie ungemein schlank wirkte.
Sie hatte sich auch geschminkt: weißer Puder und blutroter Lippenstift. Trotzdem wirkte sie damit nicht lächerlich.
Susanne blickte in Natalies Gesicht, wie in ein Spiegelbild.
Eine perfekte Kopie ihres Stils, ihrer Frisur, ihrer Haltung, ihrer Mimik und Susanne war sich sicher, dass hinter ihrer Stirn sehr susannige Gedanken warteten, oder zumindest Gedanken, die Natalie für susannig hielt.
Susanne sagte etwas, doch es klang nicht, wurde nicht gehört und gleich wieder vergessen. Sie war sich nicht mal sicher, ob Natalie sie überhaupt wahrnahm, dass sie blickte starr und überheblich an ihr vorbei, als wolle sie dem gesichtslosen Statisten stumm mitteilen, dass sie die bessere Susanne war und überhaupt den Blick besser drauf hatte.
Musste sie sich so etwas gefallen lassen?
Etwas zum Wohle der Menschheit zu erledigen, war eine Sache. Jetzt wurde es persönlich. Susanne konnte es nicht zulassen, dass da draußen, in der Realität eine Kopie ihrer Selbst herumlaufen würde. Das entsprach ganz und gar nicht ihrer Vorstellung von Susannigkeit. Es hatte etwas mit Stolz und ihrem Dickkopf zu tun.
Susanne hatte Neid nie als eine Form von Lob betrachtet, eher als eine Form von Missgunst, die sie ausgerechnet von Natalie nicht erwartet hätte. Die Schatten schienen schlimmer zu sein, als sie gedacht hatte. Sie waren keine Gegenteile, sie waren Idealvorstellungen. Und wie konnte man gegen so etwas gewinnen? Noch dazu in einer Welt, in dem man ein Fremder war und auf ewig bleiben würde.
Susanne schloss die Augen, schnippe mit dem Finger und trat einen Schritt zurück.
