Arya
Vorsichtig hielt sie ihre Tochter in den Armen, versuchte die Schmerzen und den Blutverlust einfach auszublenden. Wie oft hatten Sansa und so ziemlich alle Mädchen davon geschwärmt eines Tages Kinder zu haben. Bis vor wenigen Augenblicken hätte sie ihnen noch widersprochen, doch dieses kleine Mädchen in ihren Armen war einfach perfekt. Da das Zelt im Moment nur von einer kleinen Laterne erleuchtet wurde die neben Jaqen stand, konnte Arya nicht sagen von wem sie die Augen hatte. Sie war so klein… Kein Wunder, sie war ja auch sechs Wochen zu früh gekommen.
Jaqen übte mit den Händen Druck auf ihren Unterleib aus was zwar höllisch weh tat aber medizinisch gesehen das richtige war. Manchmal schaffte man es so die Blutungen zu schwächen oder sie hörten nach einer Weile ganz von alleine auf.

Jaqen
Es war einfach ein wunderbarer Moment gewesen als er ihre Gemeinsame Tochter im Arm gehalten hatte, doch dieser war nun schlagartig vorbei. Die Blutung liess bis jetzt noch kein Stück nach, Arya war vom Sturz schon genug geschwächt.
Die Kleine wurde ruhiger, Arya hielt sie im Arm als hätte sie in ihrem Leben noch nie etwas anderes gemacht.
Mit der Zeit wurde die Blutung etwas schwächer.
„Die Blutung wird nicht ganz aufhören, ob du draufdrückst oder nicht." Sie hatte wohl Recht und Jaqen blieb nichts anderes übrig als die Decke vorerst wieder über ihre Beine zu schlagen, das Wasser das er geschmolzen hatte war momentan wieder dem Gefrierpunkt nahe und er musste draussen ein neues Feuer machen um es zu erwärmen.
Wenn es neben dem töten etwas gab worin er gut war, dann war es Feuer machen. Er hatte bevor er den ersten Schnee geschmolzen hatte einen alten Baumstumpf ausfindig machen können den er zusammen mit ein paar vertrockneten Sträuchern zusammen verbrannte.

Da das Wasser schon mehr oder weniger flüssig war und nicht erst noch schmelzen musste, ging es um einiges schneller bis es eine angenehme Temperatur erreicht hatte.
Vorsichtig machte er sich daran Arya zu waschen, von alleine hätte sie sich wahrscheinlich nicht einmal mehr aufsetzen können und sie protestierte auch nicht. Natürlich versuchte er gründlich zu sein, wollte ihr aber auch keine unnötigen Schmerzen bereiten.

Arya
Jaqen war auch diesmal wieder sehr vorsichtig, der Schmerz in ihrem Unterleib schien im Moment aber auch verhältnismässig kleiner als der in ihrem Kopf. Als sie vom Pferd gestürzt war, war sie auf die Seite gefallen, der Kopf hatte nichts abbekommen. Es war sowieso nicht der hintere Teil des Kopfes der schmerzte, sondern der vordere.
Winzige Hände griffen nach ihrer Brust und sie wusste was nun gefragt war. Das Oberteil welches sie trug war oben genug elastisch, dass sie die Brust herausheben konnte ohne das Hemd anheben zu müssen. Die Kleine brauchte ein paar Anläufe bis sie die Brustwarze fand und zu saugen begann. Ein komisches Gefühl…

Nachdem der Hunger gestillt war hob sie die kleine an ihre Schulter und wartete bis sie ein kaum hörbares Rülpsen vernahm.
In ihrem Fall war die Belagerung gar nicht einmal so schlecht gewesen, sonst hätte sie niemals so viel über Kinder gelernt. Das wichtigste hatte sie natürlich schon vorher gewusst, aber durch ihre Monatelange Arbeit mit Hochschwangeren hatte sie doch einen Überblick darüber bekommen was einem alles so erwartete.
Selbst die Blutung verängstigte sie nicht wirklich, so lange sie nicht wieder zunahm war es konnte sie damit fertige werden. Aber diese Kopfschmerzen bereiteten ihr Sorgen, es gab nach einer Geburt einige Folgekrankheiten die man bekommen konnte und keine davon war wünschenswert. Selbst Yara hatte nicht jeder Frau die zu ihr kam helfen können.

Endlich kam Jaqen wieder ins Zelt und nahm ihr den Säugling ab. Bis jetzt hatte sie sich an der Satteltasche ein wenig aufgestützt, das behielt sie auch noch bei.
Sie sah alles wie durch einen Schleier und glitt dann plötzlich in den Schlaf- oder war es Bewusstlosigkeit? Hauptsache diese verfluchten Kopfschmerzen liessen nach.

Jaqen
Erst jetzt kam er dazu seine Tochter etwas genauer zu mustern, sie sah ihn aus ihren grossen, blauen Augen an. Dass die Augen bei Neugeborenen meistens erst blau waren wusste er, nun würde sich zeigen ob sie das blau behielten oder ob sie die graue Färbung von Aryas Augen annahmen. Der wenige Flaum an Haaren den sie bereits besass schien jedoch eindeutig rötlich zu sein. Das Gesicht das er trug war nicht jenes, mit dem er geboren worden war, doch man konnte das Gesicht ja nur wechseln weil der Körper das jeweilige als sein eigenes anerkannte. Und da er dieses Gesicht getragen hatte, als ihre Tochter entstand wunderte es ihn nicht, dass sie rote Haare zu haben schien.

Er wusste, dass Arya von jemandem einen Strampler für die Kleine bekommen hatte. Da er sie momentan aber nicht wecken wollte wickelte er den Säugling vorerst in ein Stück Stoff, dass er aus einer der sauberen Decken herausgeschnitten hatte. Der Rest der Decke und noch eine andere lagen auf Arya. Er setzte sich mit der Laterne neben sie während er ihre gemeinsame Tochter in den Armen hielt. Ziemlich ironisch, dass ausgerechnet sie, die beide Jahrelang ihre Namen gewechselt hatten einen für ihre Tochter finden mussten.
Sein Blick wechselte immer wieder von dem Säugling zu Arya, wobei letztere ihm mehr Sorgen bereitete. Dem Kind ging es erstaunlich gut, was man von Arya nicht behaupten konnte. Sie lag nicht ruhig da, sondern schien sich völlig verkrampft zu haben, ihr Puls war noch stärker beschleunigt als nach dem Sturz und sie schien auch leichtes Fieber zu haben.

Stunde für Stunde sass er da, seine Gedanken bei Arya und ihrer Tochter, nur einmal dachte er kurz an ihren Auftrag. Aber nicht lange. Obwohl sie alles dafür gegeben hatten, schien es für ihn im Moment nichts Unwichtigeres als diesen inzestuösen Bengel zu geben. Viel wichtiger war Arya und ihre Gesundheit, obwohl von der im Moment nicht viel zu spüren war. Wenigstens war das Fieber nicht weiter gestiegen und die Verkrampfung hatte ein wenig nachgelassen.
Als die Nacht wieder in den Tag über ging legte er die kleine auf eines der Felle die vorher auf dem Pferdesattel gewesen waren, sie mit dem zweiten zuzudecken getraute er sich jedoch nicht, da er nicht wusste wie viel Gewicht ihr kleiner Brustkorb schon vertrug. Damit sie aber nicht fror stellte er die Laterne, die doch deutlich wärme Abstrahlte, in der Nähe von ihr hin.
Er musste wieder neues Wasser kochen. Arya musste zumindest etwas trinken, sie hatte schon mehr als genug Flüssigkeit verloren.

Mit der kleinen Pfanne in der Hand kam er ins Zelt zurück und füllte einen der Becher die sie bei sich hatten.
„Arya?" Schon fast zu seinem Erstaunen öffnete sie ihre Augen, sie versuchte den Becher alleine zu heben, was jedoch nicht funktionierte, also half er ihr. Da sie aber partout nichts essen wollte liess er es erstmal, denn sie klagte über starke Übelkeit und es brachte ja nichts sie zum Essen zu zwingen, wenn sie es ohnehin nur gleich wieder hervorwürgen würde.

Im Gegensatz zu Arya hatte ihre Tochter jedoch Hunger und gab das auch lautstark zu verstehen.
Verständlicherweise wollte Arya die Kleine Selbst an ihre Brust heben, da sie das aber auch das nicht konnte legte er einfach seine Hände unter ihre und half ihr dabei.
„Sie ist perfekt", murmelte Arya mit einem stolzen Lächeln auf ihre Tochter und Jaqen konnte ihr nur beipflichten. Sechs Wochen zu früh und trotzdem so kräftig… Sie war eine Kämpferin, genau wie ihre Mutter.

In den darauffolgenden Tagen erlaubte er es sich nur sehr selten zu schlafen, und wenn, dann hielt er die kleine im Arm. Da Arya immer nur sehr kurz, und dann auch nicht bei vollem Bewusstsein war, waren sie noch nicht dazu gekommen einen Namen auszusuchen.
Immer wieder setzten Blutungen ein, manchmal stärker, manchmal schwächer. Deswegen musste er sie regelmässig zum Trinken und auch zum Essen „zwingen".
Es gab Momente, da dachte er schon fast sie hätte das schlimmste überstanden, doch dann setzte eine neue Blutung ein.

Erst nach etwa fünf Tagen kam sie wiedermal zu vollem Bewusstsein. Er stützte sie, damit sie sich hinsetzten konnte und gab ihr ihre Tochter. Sie schaffte es für kurze Zeit die Kleine zu heben und er hoffte nur, dass sie Besserung ihres Zustandes diesmal auch anhalten würde.

Arya
„Wie wollen wir sie nennen?" Ihr schwirrten schon einige Namen im Kopf herum, doch jeder davon hatte etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun und sie wollte in keiner Weise daran erinnert werden.
„Das überlasse ich dir, immerhin hattest du die meiste Arbeit." Sie lachte,
„Arbeit? Gewachsen ist sie von alleine und alles nach der Geburt hast du geregelt."
„Ja, aber ich habe nicht mein Leben dabei riskiert." Die Besorgnis in Jaqens Stimme rührte sie, er hatte sich anscheinend wirklich um sie gesorgt… Doch die Diskussion ging noch eine ganze Weile weiter bis Jaqen seufzte. „Was hältst du von Sōna?" Arya lächelte und sah zu ihrer schlafenden Tochter.
Neben dem Mischmasch von Braavosi, hatte sie auch Hochvalyrisch gelernt. Darin war sie zwar deutlich schlechter, doch sie kannte die Sprache gut genug um zu wissen, dass Sōna Schnee bedeutete.
„Der Name ist perfekt."

Jeden Tag schaffte Arya es nun länger wach zu bleiben und sie machte sich schon Gedanken wie sie von hier aus ein Dorf erreichen sollten, sowohl der Esel als auch das Pferd waren verendet und als sie das letzte mal versucht hatte alleine aufzustehen war ihr schwarz vor Augen geworden.
Heute wollte sie es aber wieder wagen- mit Jaqens Hilfe.
Eine Hand hatte sie um seine Schulter gelegt und er eine um ihre Taille. Dick eingehüllt in ihre Mäntel verliessen sie das doch ziemlich beengte Zelt und Arya musste mit der freien Hand ihre Augen abschirmen. Seit fast zwei Wochen war sie nicht mehr draussen gewesen und heute schien die Sonne.
Es grenzte schon an ein Wunder, dass sie bis jetzt unbehelligt hatten lagern können. Jaqen zufolge waren schon einige Reiter vorbeigezogen, doch die wenigstens interessierten sich für ein Zweimannzelt.
Einen von ihnen hatte Jaqen sogar anhalten und fragen können, wie weit das nächste Dorf entfernt lag. Zwei Tage zu Pferd schienen nicht weit, aber zu Fuss und in ihrem Zustand war es das.
Wären sie nur zu zweit gewesen, hätten sie das Zelt vielleicht zurück lassen können. Doch Sōna war noch viel zu klein und ihr Immunsystem mit Sicherheit viel zu schwach um die kalten Nächte draussen zu überstehen. Auch sie selbst konnte in nächster Zeit nicht weit gehen, momentan schaffte sie gerade mal ein paar Schritte, und das auch nur mit Jaqens Hilfe. Da sie aber langsam genug vom Hilfe in Anspruch nehmen hatte, löste sie seine Hand von ihrer Taille und schaffte es mit aller Mühe zum Zelt zurück, auch wenn sie sich danach gleich wieder hinlegen musste und sich vor Anstrengung am liebsten übergeben hätte. Aber sie hatte es alleine geschafft, das war doch immerhin schon etwas.