Wieder zu Hause

Ihre ungestörte Urlaubszeit auf dem Planeten war ebenfalls eine unweigerlich nötige Pause für Chakotay, bevor er seinen Dienst wieder aufnehmen würde. Tagsüber erkundeten beide die Umgebung, badeten im Teich, picknickten oder verwöhnten sich mit Zärtlichkeiten. Abends lagen sie immer zusammen und bereits in der ersten Nacht merkte Kathryn, dass sie noch einiges an Arbeit vor sich hatten. Chakotay schlief sehr unruhig, warf sich hin und her und redete manchmal im Schlaf. Aus den einzelnen Wörtern verstand sie soviel um zu verstehen, dass er sich noch sehr mit seiner Gehirnwäsche und den vergangenen Ereignissen quälte. Als sie ihn am nächsten Abend darauf ansprach, gab er es auch ohne weiteres zu.

„Ich weiß", seufzte er, nachdem sie ihre Beobachtungen geäußert hatte. „Ich träume jede Nacht davon, nur diese Nacht war es noch intensiver. Ich weiß auch nicht, als meine Erinnerungen verschüttet waren war es leichter, doch jetzt kommt alles wieder hoch. Ich kann einfach nicht glauben, dass ich wirklich bereit war Dich zu töten. Oder dass ich zu dieser… Frau zurückwollte." Seine Stimme wurde rau und er schluckte.

Kathryn legte ihre Hand auf seine und strich ihm durch das Haar. „Aber Du konntest nichts dafür und es ist vergangen."

„Ja, aber trotzdem", seufzte er und drückte ihre Hand. „Ich kann einfach nicht aufhören daran zu denken."

„So etwas braucht Zeit", meinte sie nur. „Dein ganzes Selbst wurde erschüttert, man hat Dich grausam gefoltert und umgedreht. Es wäre ein Wunder, wenn Du es einfach vergessen könntest. Und das sollst Du auch nicht. Du musst es aufarbeiten und wenn Du möchtest, helfe ich Dir dabei."

Chakotay lächelte sie an. Womit habe ich so eine Frau nur verdient?, dachte er überglücklich.

„Wenn Du das wirklich für mich tun möchtest…", meinte er etwas zögerlich, denn er wusste, dass es nicht einfach werden würde. Für keinen von beiden.

„Ich würde alles für Dich tun, Chakotay. Ich bin nur so glücklich, dass ich Dich wiederhabe." Sie legte ihren Kopf an seine Brust, schloss die Augen und seufzte glücklich. Er schlang seine Arme um ihre Schultern und beide genossen einfach still diese bedingungslose Hingabe des jeweils anderen.

In den nächsten Tagen gab es dann immer wieder Momente, in denen sie redeten. Zumindest Chakotay. Er hatte angefangen, die ganze Geschichte seit seiner Entführung zu erzählen, wie er sie erlebt hatte und an was er sich erinnern konnte. Manchmal fiel es ihm schwer und er geriet ins Stocken, doch Kathryn drängte ihn nie, wartete geduldig ab, bis er von allein weitersprach. Und immer hielt sie dabei Körperkontakt mit ihm. Am zweiten Tag kam sie auf die Idee, sein Akoonah und sein Medizinbeutel herunterbeamen zu lassen um ihm die Möglichkeit zu geben, in Ruhe meditieren zu können. Chakotay war ihr äußerst dankbar, stellte aber am Anfang auch fest, dass er seinen geistigen Führer gar nicht kontaktieren konnte. Dieses Vorkommnis wühlte ihn wieder mehr auf und Kathryn versuchte ihn zu beruhigen.

„Chakotay, hast Du mir damals nicht selber gesagt, in oder nach manchen Situationen sei es schwieriger oder manchmal auch unmöglich seinen geistigen Führer zu erreichen? Du bist gerade in einer solchen Situation. Bitte, gib Dir einfach etwas Zeit."

Sie blickte ihn so besorgt und bittend an, dass er schließlich nickte. „Du hast ja Recht, aber… das ist mir noch nie passiert. Und es macht mir Angst", gab er zu.

„Komm, ich habe eine Idee", sagte sie, nahm seine Hand und bat ihn, die Augen zu schließen und sich nur auf sie zu konzentrieren. Tatsächlich gelang es ihr, Chakotay in eine Vision von ihr mitzunehmen. Es war ein einfacher, kleiner Strand in einer Bucht, doch es beruhigte Chakotay immerhin so weit, dass er froh war, überhaupt noch dazu fähig zu sein auf eine Visionsreise zu gehen, wenn auch mit Hilfe. Es gab ihm Zuversicht und neuen Mut. Und nachdem er einen halben Tag allein zugebracht hatte, gelang es ihm auch wieder seinen geistigen Führer zu kontaktieren.

Seitdem ging es mit ihm stetig bergauf. Kathryns Nähe, ihr Verständnis und ihre Liebe trugen den Hauptteil bei, wieder er selbst zu werden, die Meditationsphasen gaben ihm die Zeit, eine Weile zu vergessen.

Er schlief ruhiger und meistens hatte er sogar ein Lächeln auf den Lippen.

Sie hatte sich natürlich auch mit dem MHN über Chakotay ausgetauscht und dieses war froh, dass er so gute Fortschritte machte.

Zwei Wochen später, Kathryn hatte ihren Urlaub einfach verlängert, weil es ihnen beiden und vor allem Chakotay gut tat, waren sie bereit wieder auf das Schiff zurückzukehren.

Lieutenant Ayala erwartete sie im Transporterraum und blickte äußerst ernst drein.

Kathryn spürte sofort, dass etwas nicht stimmte, und fragte gleich: „Was ist passiert, Tarik?"

„Ma'am, es gab eine Situation auf dem Holodeck, die die Anwesenheit der beiden ranghöchsten Offiziere erfordert."

Kathryn und Chakotay sahen sich beide sorgenvoll an.

Und das an meinem ersten Tag, dachte der erste Offizier, folgte aber sofort den beiden anderen.

In Kathryns Kopf entstanden die schrecklichsten Szenarien, was sie erwarten würde und sie fiel in einen Laufschritt. Als sie endlich das Holodeck erreichten, und Kathryn hineingehen wollte, stieß sie fast gegen die Türen, die sich nicht öffnen wollten.

„Ich habe die Türen zur Sicherheit verriegelt", meinte Tarik und gab dann seinen Code ein. Sofort glitten die Türen auseinander und die beiden ranghöchsten Offiziere traten ein. In völlige Dunkelheit.

„Was ist hier los?", hakte nun auch Chakotay nach.

Im nächsten Moment ging das Licht wieder an, die halbe Crew erschien wie aus dem Nichts und ein Chor aus Stimmen rief: „Überraschung!"

Kathryn und Chakotay klappte der Unterkiefer herunter. Überall hingen Schriftzüge mit „Willkommen zurück, Chakotay" und Tom, der mit B'Elanna und den übrigen Senior-Offizieren in der ersten Reihe stand, und freudig strahlte, drückte beiden ein Glas in die Hand und sagte schließlich: „Der diensthabende Captain, Lieutenant Ayala, hat beschlossen, Ihnen beiden noch einen Tag frei zu geben. Daher haben wir uns dazu entschlossen, die Rückkehr des Commanders zu feiern. Herzlich Willkommen zurück, Chakotay."

Der Indianer war zutiefst gerührt und murmelte nur ein „Danke". Kathryn griff nach seiner Hand und drückte sie kurz. Auch sie war gerührt und sehr stolz auf ihre Crew. Dann warf sie Ayala einen Blick zu, der soviel sagte wie „darüber sprechen wir noch", doch der Lieutenant grinste nur und deutete mit einer Geste auf Tom, die Kathryn wiederum verstand als: „Das war alles seine Idee."

Doch natürlich war sie nicht böse. Es hätte ihr sogar klar sein müssen, dass Tom eine „Welcome Home" Party für Chakotay veranstalten würde. Daher lächelte sie sowohl Tarik als auch Tom herzlich an, nickte kurz und beobachtete vergnügt, wie jeder aus der Crew zu Chakotay herantrat, ihn je nach Beziehungsstatus entweder umarmte, ihm auf die Schulter klopfte, die Hand schüttelte oder auch salutierte.

Nach einer viertel Stunde tat Chakotay ihr schon fast leid, denn noch immer wurde er regelrecht belagert. Sie trat zu Tom heran, der das Ganze vergnügt beobachtete und raunte ihm zu: „Gönnen Sie ihm doch eine kleine Pause."

„Natürlich, Captain", erwiderte er, befahl dem Computer, die Musik zu starten und zog B'Elanna in die Mitte, wo sie zu tanzen anfingen. Sofort wurde in der Mitte Platz gemacht und Kathryn, die ihrerseits jetzt der Crew eine kleine Überraschung bereiten wollte, ging zu Chakotay hinüber, nahm ihn bei der Hand und zog ihn ebenfalls in die Mitte zum Tanz.

Tom und B'Elanna tanzten sich dezent aus der Aufmerksamkeit und die Crew hatte nur Augen für ihren Captain und ersten Offizier. Der erste Tanz gebührte nur ihnen allein. Als das Lied fast zu Ende war und Tom die Tanzfläche auch für die anderen freigeben wollte, blieben ihm die Worte im Hals stecken. Auf einmal war es totenstill und alle schauten völlig verblüfft zu den beiden Offizieren, die sich gerade hingebungsvoll küssten. Doch die Stille dauerte nur eine Sekunde an, danach brach ein solcher Jubel und Klatschen aus, dass das MHN schon Hörschäden befürchtete.

Als die beiden sich wieder voneinander lösten und verlegen um sich blickten, sahen sie in ausnahmslos glückliche Gesichter.

„Endlich!", rief jemand, was ein allgemeines Lachen auslöste. Danach wurden beide umringt, es regnete Glückwünsche und Versicherungen, dass es auch endlich an der Zeit wäre.

B'Elanna, die in Toms Arm stand, blickte mit einem breiten Grinsen zu den beiden und ihr Mann drückte sie zärtlich.

„Das wurde auch verdammt Zeit", meinte sie.

„Ja, und wenn wir jetzt noch für Seven einen Mann finden, dann glaube ich fortan an Wunder", meinte Tom kichernd.

B'Elannas Blick fiel prompt auf das MHN, das Seven unentwegt anlächelte.

„Vielleicht wird das gar nicht so lange dauern, wie Du denkst", meinte sie geheimnisvoll. Tom zog seine Stirn kraus, sagte aber nichts dazu. Sein Blick glitt wieder auf Kathryn und Chakotay und er meinte kurz darauf: „Vielleicht wird die nächste Party, die ich gebe, eine Baby-Party werden", meinte er witzelnd. B'Elanna lächelte auf einmal geheimnisvoll und meinte nur: „Das wird sie sicher, aber nicht unbedingt für die beiden."

Tom brauchte ein paar Sekunden, bis er den Inhalt dieses Satzes realisierte. „Du meinst….?", fragte er und starrte sie an.

Die Halb-Klingonin nickte. „Ja, Miral bekommt ein Geschwisterchen."

Tom sah überglücklich aus und küsste sie stürmisch. „Das ist die beste Party meines Lebens", meinte er nur und nahm sie glücklich in die Arme.

Chakotay flüsterte Kathryn gerade dasselbe ins Ohr: „Das ist die schönste Party meines Lebens. Ich habe Dich, unsere Crew ist glücklich und wir sind zu Hause."

„Ja", antwortete Kathryn, „wir sind zu Hause." Dann küsste sie ihn noch einmal zärtlich und wich den Rest des Abends nicht mehr von seiner Seite.