25.

Eine neue Nachricht. Das ging ja mal, dachte Lisa bei sich. Ein kurzer Klick und sie musste grinsen. Stress ist die häufigste Todesursache für Männer in meinem Alter, hieß es da im Betreff. Hallo kleine Schwester! Du glaubst ja nicht, was hier bei Kerima los ist! Nur noch wenige Stunden bis zur großen Show und alle drehen am Rad. Hugo schmeißt minütlich das Konzept um, vom von Brahmberg kommt nur gefährlich klingendes Knurren, alle anderen laufen mit eingezogenen Köpfen durch die Gegend. So habe ich mir die große Karriere nicht vorgestellt. Wie läuft es eigentlich bei dir? Ich weiß, wir wollten mal wieder telefonieren, aber ich bin jeden Abend nach Hause gekommen und halbtot ins Bett gefallen. So einen Stress hatte ich bei Meister Pönke nicht! Ich weiß nicht, wie ihr es angestellt habt, dass eure Show gleichzeitig mit unserer läuft und noch viel weniger, wie ihr es geschafft habt, dass mehr Journalisten und superduperwichtige Leute zu euch kommen als zu uns, aber Richard ist deswegen nicht gerade amused. Eher im Gegenteil. Er macht mir ein bisschen Angst, wenn ich ehrlich sein soll. Unser Vater hat mich übrigens für morgen eingeladen – Mittagessen, Kaffeetrinken, ein bisschen quatschen. Ich habe in einem Anflug von Spontaneität „ja" gesagt… Ich hoffe, das ist okay für dich. Gruß, der große Bruder.

Alles ruhig hier – dank dem besten PR-Team aller Zeiten, tippte Lisa in die Betreffzeile. Hallo großer Bruder! Hier bei uns läuft alles super. Mariella und Rokko geben ihr Bestes, ebenso wie Hannah, die immer mal wieder so Anflüge von Perfektionismus hat. Wie gut, dass wir erstmal nur Prototypen brauchen. Wenn sie genauso viel Einsatz bei der Serienproduktion zeigt, wird sie bald gar kein Tageslicht mehr sehen. Es ist übrigens völlig in Ordnung, dass du morgen nach Göberitz kommst. Ich freue mich drauf. Wenigstens kommst du nicht zum Frühstück – so muss ich täglich nur einen mit mir verwandten Mann sehen, der Marmelade auf sein Leberwurstbrot schmiert *örks*. Was ich noch wissen wollte: Zu welcher After-Show-Party gehst du eigentlich? Zu der mit dem knurrenden Tyrannen oder zu unserer? *grins* Ich weiß, du musst zu Kerima, schließlich bist du deren Schuh-Superheld. Trotzdem, du bist bei B-Style jeder Zeit willkommen. Entspannte Grüße von deiner kleinen Schwester. Langsam klappte Lisa ihren Laptop zu. In den letzten Wochen hatte sich viel verändert. Sie konnte sich noch genau an den Abend erinnern, an dem Bruno die Geduld verloren hatte. Diese Gesprächsrunden mit ihr und Mariella, das ließ ihn – nach eigenen Aussagen – auf der Stelle treten. Zu jenem Zeitpunkt hatten beide Frauen noch befürchtet, dass Bruno dadurch einen Rückschlag erleiden würde – doch: Noch am selben Abend hatte er sich alle Therapeuten in ganz Berlin aus den Gelben Seiten herausgeschrieben und gleich am nächsten Morgen begonnen, einen nach dem anderen anzurufen und sein Problem darzustellen. Es hatte ihn noch einmal viel Geduld gekostet, bis einer der Therapeuten bereit erklärt hatte, sich um ihn zu kümmern. Lisa hatte erleichtert reagiert – es war ihr zwar unerklärlich, wieso Bruno einen Therapeuten für sich gefunden hatte, während ihre und Jürgens Suche erfolglos geblieben war, aber sie freute sich, dass Bruno nun die Hilfe bekam, die er brauchte – das waren auch Mariellas Worte, wenn sie sich richtig erinnerte.

Seufzend stand Lisa vor ihrem Kleiderschrank. Gleich würden David und Mariella sie abholen und sie war immer noch nicht fertig. Das Kleid, das sie sich extra für diesen Anlass besorgt hatte, war schön, aber im Moment hatte sie Zweifel, ob es das richtige war. „Schnattchen, dis Fräulein Mariella ist hier", brüllte Bernd die Treppe hinauf. „Sag ihr, ich bin gleich soweit", rief Lisa zurück. „Kann ich rauf kommen, Lisa?", erklang plötzlich die Stimme der Werbekauffrau. „Von mir aus", seufzte Lisa.

„Du bist gleich soweit?", beäugte Mariella Lisa kritisch. „Wie definierst du ‚gleich'?" - „Vielleicht sollte ich einfach gar nicht hingehen. Ich meine, was soll ich denn da? Was habe ich für B-Style schon groß getan?" – „Du hast aus einer Schein-Firma ein florierendes kleines Unternehmen gemacht. Du musst einfach hingehen. Komm schon, zieh dir dieses Kleid an, ich helfe dir mit dem Make-up und dann können wir endlich los." – „Ich will aber nicht." – „Du klingst wie ein trotziges kleines Kind", stellte Mariella schmunzelnd fest. „Herr Kowalski wird auch da sein", säuselte sie dann grinsend. „Der hat mir zu meinem Glück gerade noch gefehlt." – „Stimmt und jeder weiß das – nur er nicht. Sag mal, wie lange willst du eigentlich noch Reh im Scheinwerferlicht spielen? Ihr solltet schon längst zusammen sein." – „Sind wir aber nicht und das ist auch gut so." – „Wieso?", hakte Mariella nach. „Na… na eben darum. Nun zufrieden?" – „Ähm, in deiner Welt mag ‚darum' ja eine angemessene Begründung sein. Ich wüsste es aber schon lieber genauer." – „Wir müssen zur Präsentation." – „Du weichst mir ja aus, Lisa", amüsierte Mariella sich. „Ist ja gar nicht wahr. Ich setze einfach nur andere Prioritäten."

„Hier, Herr Kowalski, ein Flaschenbier, das haben Sie sich redlich verdient", gesellte Mariella sich während der After-Show-Party zu Rokko. „Flaschenbier? Wieso kriegen alle Champagner und ich nur Flaschenbier?", gab er sich gespielt beleidigt. „Nun, Sie wirken, als wäre Ihnen Flaschenbier lieber. Das ist so herrlich unkonventionell." – „Das stimmt", grinste Rokko die Flasche entgegennehmend. „Die Show hat eingeschlagen wie eine Bombe", dachte er laut nach. „Das hat sie", stimmte Mariella zu. „Wäre ja auch unglaublich, wenn nicht – so wie Sie sich reingehängt haben." – „Und Sie sich", schmunzelte Rokko. „Und Lisa", gab sein Gegenüber zu bedenken. „A propos, wo ist sie? Ich würde gerne mit ihr anstoßen." Suchend drehte Mariella sich einmal um sich selbst. „Sie ist da hinten", verkündete sie dann ihre Entdeckung. „Sie sieht nicht sonderlich glücklich aus", stellte Rokko enttäuscht fest. „Wer kann schon glücklich gucken, wenn er vor Eifersucht kocht?", grinste Mariella. „Oh", entfuhr es Rokko. Er hatte genau gesehen, wie Bruno sich in den Showroom geschlichen hatte und sich im Moment mehr als angeregt mit Hannah unterhielt. „Ich dachte, das läge hinter den beiden." – „Herr Kowalski", ermahnte Mariella ihren Kollegen. „Er ist nicht der einzige Mann auf der Welt. Und Sie sind das auch nicht. Ich weiß zwar nicht genau, was Lisa an Ihnen findet, aber das muss ich auch nicht." – „Hä?" – „Männer", schüttelte Mariella lachend den Kopf. „Ich zeige es Ihnen." Ehe Rokko es sich versah, hatte sie ihn am Kragen gepackt und ihre Lippen auch schon auf seine gepresst.

„Was sollte denn das?", fragte Rokko verdattert, nachdem Mariella ihn wieder los gelassen hatte. „Das war ein Aufrüttler." – „Das war eher feucht", stellte Rokko vorwurfsvoll fest. „Also, was sollte das?" – „Die weibliche Psyche, Sie werden sie nie verstehen. Aber Lisa hat es kapiert", deutete sie mit dem Kopf auf ihre Freundin. Diese stand unweit und unterhielt sich mit ein paar Geschäftspartnern. Im Moment hing ihr entsetzter Blick aber an Mariella und Rokko fest. „Aha", kommentierte Rokko. „Nur um eins klarzustellen: Ich schätze Sie als Kollegin, aber mehr auch nicht." – „Ach, Herr Kowalski, messen Sie einem feuchten Kuss hier nicht etwas zu viel Bedeutung bei?" Mariellas Grinsen wurde immer breiter. „Mal ehrlich, ich hätte ja gedacht, Sie seien alles andere als konservativ." – „Bin ich auch", bestätigte Rokko empört. „Nur eben nicht in dieser Beziehung", fügte er leise hinzu. „Das… Es tut mir leid", wurde nun auch Mariellas Tonfall sanfter. „Ich wollte doch nur, dass Lisa…" – „Bei allem Verständnis für Lisa und ihre Situation, aber haben Sie eine Ahnung, wie sich das anfühlt, der Arsch vom Dienst zu seien?" – „Herr Kowalski, es tut mir wirklich leid", erkannte Mariella plötzlich, dass Rokko wirklich nicht scherzte. „Ich konnte ja nicht ahnen…" – „Genau das ist das Problem. Sie denken: Oh, er ist der lustige Kasper, da braucht man keine Rücksicht auf seine Gefühle nehmen. Er steckt das schon weg. Aber dem ist nicht so, Frau von Brahmberg. Ich habe auch Gefühle und ich bin es leid, dass darauf herum getrampelt wird." Völlig unvermittelt drückte Rokko Mariella die Flasche Bier in die Hand. „Feiern Sie noch schön. Für mich ist die Mission ‚B-Style zeigt Kerima den Mittelfinger' jedenfalls erledigt." – „Herr Kowalski", versuchte Mariella es noch einmal beschwichtigend, doch der Werbefachmann bahnte sich schon seinen Weg durch die Partygäste.

„Du gehst schon?", stellte Lisa sich Rokko in den Weg. „Ja", entgegnete dieser knapp. „Gut", kommentierte Lisa. „Das ist eine hervorragende Idee. Es war mehr als unangebracht, Mariella zu küssen. Sie ist glücklich mit David und…" Rokkos verkniffener Blick wich einem Grinsen. „Du bist eifersüchtig." – „Das bin ich nicht. Ich mache mir nur Sorgen um meine gute Freundin Mariella und meinen guten Freund David, die beide zufällig ein Paar sind." – „So, so, Sorgen machst du dir. Wenn es weiter nichts ist, dann kann ich ja gehen, oder?" – „Bitte", erwiderte Lisa trotzig. „Du müsstest mir schon aus dem Weg gehen", wies Rokko sie darauf hin, dass sie genau in der Ausgangstür stand.

„Nun komm schon", feuerte Rokko das Taxi an, das er sich vor wenigen Minuten bestellt hatte. „So alleine hier draußen?", hörte er eine Stimme. Augenblicklich fuhr er herum. „Bruno", begrüßte er den jungen Mann unterkühlt. „Rokko", grüßte dieser in dem gleichen Tonfall. „Sie ist meine Schwester", stellte er dann fest. „Bitte?" – „Lisa, sie ist meine Schwester und als großer Bruder ist es meine Aufgabe dir folgendes mit auf den Weg zu geben: Wenn du ihr wehtust, erlebst du SAW Teil 1 bis 6 – in Zeitlupe." Rokkos Augen wurden groß. „Ich wünsche ihr, dass sie glücklich wird und wenn ausgerechnet du der Traumprinz bist, dann bitte schön, aber nicht ohne dass ich mein Revier markiere. Tust du ihr weh, lernst du mich kennen." Rokko zog die Augenbrauen hoch. „Ich zahle einem Quacksalber viel Geld für die Erkenntnis, die für andere offensichtlich ist: Das mit Lisa und mir – so schön es war – ist vorbei. Basta. Sie hat ein Recht auf ein eigenes Liebesleben. Ich übrigens auch und laut dem überbezahlten Weißkittel darf das mit jeder Frau sein, die mir gefällt, solange sie das auch will." – „Darum hast du den ganzen Abend mit Hannah verbracht?" Bruno errötete ein wenig. „Ich schätze ihre… ihre… handwerklichen Fähigkeiten und ihre Kreativität. Das ist alles. Aber wir sprachen gerade von dir, B-Style-Casanova. Das mit der von Brahmberg war ja nun wirklich daneben. Kannst du deine Libido denn gar nicht kontrollieren?" – „Mach mal halblang. Sie hat mich geküsst und das auch nur, damit Lisa irgendetwas klar wird. Wobei ich mich immer noch frage, was das sein soll." Bruno legte den Kopf schief. „Hä?", fragte er. „Weibliche Logik eben", schüttelte Rokko den Kopf. „Da kommt mein Taxi."

„Und was hast du dir dabei gedacht?", fragte David Mariella vorwurfsvoll. „Mal ehrlich. Das ist komplett daneben." – „Ich weiß. Ich dachte, ich helfe den beiden ein bisschen auf die Sprünge." – „Ja, Sprünge, he? Voll übers Ziel hinausgesprungen, würde ich mal sagen", schüttelte David den Kopf. „Du musst dir auch wirklich keine Sorgen machen – ich liebe wirklich nur dich. Der Kuss sollte Lisa nur vor Augen führen, dass sie eifersüchtig ist." – „Stattdessen macht er aber mich eifersüchtig? Kannst du nicht normale Verkupplungsspiele spielen?" – „Ich weiß, David. Es tut mir ja auch leid", beteuerte Mariella. „Wie leid?" – „Sehr leid?" – „So leid, dass du mir als Entschuldigung die Schultern massierst?", grinste David. „Ja", nickte Mariella eifrig. „Oh-kay", entgegnete dieser lang gezogen. „Aber tu das nie, nie, nie wieder." – „Nie wieder, versprochen. Und wenn es dir hilft: Kowalski küsst bei weitem nicht so gut wie du." – „Er liebt dich eben nicht. Das ist das Geheimnis: Man muss mit liebe und Hingabe küssen." – „Du klingst wie ein Kitschroman", schmunzelte Mariella.

„Es gefällt mir gar nicht, was die mit meinem kleinen Bruder machen", starrten Amelies wütende Augen Rokko von seinem Bildschirm aus an. „Du musst dir keine Sorgen machen. Es hat sich ausgeb-stylt und ausgekerimat. Ab morgen bin ich wieder der freischaffende Werbekomet Kowalski." – „Gut so. so gehört sich das", bestätigte Amelie ihren Bruder. „Nun sei doch nicht auch noch wütend. Wie soll ich denn da je wieder runterkommen?", gebärdete Rokko verzweifelt in seine Kamera. „Ich kann gerade nicht anders. Am liebsten würde ich gleich bei dir vorbeikommen und dich in den Arm nehmen… und dieser Lisa Plenske mal ordentlich vors Schienenbein treten. Sie wirkte so nett auf mich und nun?" Rokko seufzte. „Zuckt bei dir der Strom oder hat es gerade geklingelt?", wollte Amelie wissen. „Es hat geklingelt." – „Willst du nicht aufmachen?" – „Keine Lust. Es ist spät und überhaupt." – „Na gerade deshalb. Vielleicht ist es wichtig. Geh schon", ermutigte sie ihren Bruder. „Wir reden morgen weiter, okay? Dann bin ich bestimmt nicht mehr sauer und kann dir besser beistehen, okay? Gute Nacht, kleiner Bruder." – „Gute Nacht, Amelie. Grüß mir den Angeheirateten."