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Schattenprinz
SSSSSSS
Kapitel 25
Zwischen Tod und Traum
SSSSSSS
Langsam schritt Severus über ausgetretene Steinstufen in die Kellergewölbe Malfoy Manors hinab. Eine besondere Stunde hatte sein Lehrmeister für die heutige Nacht angekündigt – eine neue Grenzerfahrung.
Inzwischen war Severus sich nicht mehr so sicher, ob er tatsächlich weitere Grenzen erfahren und, möglicherweise, überschreiten wollte. Doch eine Weigerung hätte ihm – und seinen Lehrern – nur geschadet.
In zwei Nächten würden er und Aemilius vor den Dunklen Lord treten und die Ergebnisse des verstrichenen Sommers präsentieren müssen. Bei dieser Vorstellung erstarrte Severus' Innerstes jedes Mal zu Eis. Seine Zuneigung zu Miguel gehörte ganz sicher nicht zu den Lernzielen, die der Dunkle Lord für ihn vorgesehen hatte.
Während der letzten Tage hatte Severus wie besessen Okklumentik trainiert, aber er war dennoch nicht sicher, ob seine Barrieren halten würden. Aemilius konnte sie inzwischen nicht mehr durchdringen, jedenfalls nicht, ohne Severus schweren physischen und psychischen Schaden zuzufügen – was sein Lehrer natürlich unterlassen hatte. Aber würde der Dunkle Lord die gleiche Zurückhaltung üben, wenn er ketzerische Geheimnisse im Geist seines jüngsten Gefolgsmannes vermutete?
Severus hatte die ihm von Aemilius beschriebene Tür erreicht. Sie bestand aus schwerem Eichenholz und war mit alten Metallbeschlägen versehen, die in der Feuchte des Kellers braun angelaufen waren. Als Severus sie genauer betrachtete, stellte er fest, dass sie mit winzigen Totentanz-Motiven verziert waren. Der Tod und der König. Der Tod und die Jungfrau. Der Tod und der Säugling ...
Ein unangenehm weiches und kribbliges Gefühl breitete sich in Severus' Magengegend aus. Er wandte den Blick ab und drückte die Klinke herunter.
Im Unterrichtsraum war es dunkel und kühl. Dreizehn Kerzen, am Boden zu einem weiten Rund zusammengestellt, brannten mit bläulichen Flammen. In der Mitte des Kreises lag ein Totenschädel.
Severus stand in der Tür und blickte beklommen zu seinen Lehrern hinüber. Der Kerzenkreis war zwischen ihnen. Aemilius und Avery trugen beide ihre Todesserkluft. Sogar die Masken hatten sie angelegt.
„Tritt ein." Aemilius' sprach mit gedämpfter Stimme. Er begleitete seine Aufforderung mit einer einladenden Geste.
Sofort fühlte Severus sich sicherer.
Vorsichtig, um keine der Kerzen umzustoßen oder zum Erlöschen zu bringen, folgte Severus dem Rand des Zirkels, bis er neben den beiden Männern stand.
„Heute", sagte Aemilius ernst, „lernst du den Tod kennen. Deinen Tod."
Er legte Severus eine Hand auf die Schulter und drehte ihn in Richtung des Kreises. Erst jetzt sah Severus, dass der Totenschädel auf einer dicken schwarzen Matte lag, die ungefähr seine Körpergröße und menschenähnliche Umrisse hatte. Es sah aus, als wäre sein Schatten auf den Boden gefallen und dort klebengeblieben.
Mit einem Mal kam es Severus in diesem unterirdischen Raum sehr kalt vor.
„Wenn du Fragen hast, dann ist jetzt der letzte Zeitpunkt, sie zu stellen. Im Kreis werden Jim und ich die Führung übernehmen, und du wirst genau das tun, was wir dir sagen."
Severus versuchte, seine verschreckten Gedanken zu sammeln.
„Wie wird das aussehen – dem Tod zu begegnen?", hauchte er schließlich.
„Du brauchst keine Angst zu haben", sagte Avery. Seine Stimme klang warm und ermutigend. „Du vertraust uns doch, oder?"
Severus nickte.
Ja, er vertraute ihnen.
„Das Ritual wird dich auf metaphysischer Ebene mit dem Tod konfrontieren, in deinen eigenen Bildern. Du wirst deiner größten Angst begegnen – und sie überwinden. Diese Begegnung wird dich frei machen. Du wirst das Leben danach mit anderen Augen sehen. Und den Tod auch." Aemilius hatte seine Hand nicht von Severus' Schulter genommen.
„Du wirst natürlich nicht wirklich sterben", sagte Avery. „Aber dein Bewusstsein wird deinen Tod vorwegnehmen. Wahrscheinlich wirst du einigen furchteinflößenden Bildern begegnen, Bildern, die aus den Tiefen deines Selbst stammen und irgendwie mit Verlust, Verfall und Tod zusammenhängen. Es wird eine erschreckende Erfahrung für dich werden, aber wenn du den Schrecken besiegst, dann wirst du danach sehr viel stärker sein."
„Und wenn ich es nicht schaffe?", fragte Severus bang.
„Du wirst es schaffen, Severus. Ganz sicher." Aemilius lächelte ihm ermutigend zu. „Außerdem passen wir gut auf dich auf, während du dein Bewusstsein auf die Reise schickst. Im Notfall holen wir dich sofort zurück."
Severus starrte den grauen Schädel an, auf dem sich matt und verschwommen die Kerzenflammen spiegelten.
„Severus?", fragte Avery behutsam. „Bist du bereit für das Ritual?"
Bin ich bereit für den Tod?
Severus schloss die Augen, atmete tief durch, öffnete sie wieder.
„Ja", sagte er fest.
„Dann leg' deine Kleider ab", befahl Aemilius leise.
Schweigend tat er, wie ihm geheißen wurde. Avery streifte ihm ein bodenlanges weißes Gewand über. Bereits jetzt begann Severus, in der kalten, feuchten Kerkerluft zu frieren. Aemilius bemerkte es und belegte ihn kommentarlos mit einem Wärmezauber.
Dann traten seine Lehrer gleichzeitig in den Kreis. Avery hob den Totenschädel auf und hielt ihn abwartend vor der Brust.
Aemilius streckte Severus eine Hand entgegen. „Komm in den Kreis, Severus."
Severus ergriff die Hand seines Lehrers und überschritt die magische Linie. Es wurde kälter und dunkler.
„Trink." Avery hielt plötzlich einen Kelch in der Hand, der mit einer dampfenden, schwarzroten Flüssigkeit gefüllt war.
Severus nahm das Gefäß entgegen und trank. Ein bitterer, metallischer Geschmack kroch über seine Zunge.
Blut, dachte er. Wermut. Schlafmohn. Bilsenkraut ...
„Leg dich hin."
Aemilius hielt seine Hand weiterhin fest, ging langsam mit ihm zu Boden und kniete an seiner Seite nieder, als Severus sich auf der Matte ausstreckte. Sie fühlte sich überraschend weich und bequem an. Severus sah, wie Avery sich mit dem Schädel in der Hand über ihn beugte und das knöcherne Ding an seinem Kopfende ablegte. Danach kniete sich der Heiler an Severus' andere Seite und ergriff seine freie Hand.
„Schließ die Augen."
Severus gehorchte und fühlte, wie etwas Weiches und Nachgiebiges über seinem Herzen drapiert wurde. Ein penetranter, unangenehm süßlicher Geruch stieg in seine Nase.
Verwesung. Die haben mir irgendwas Totes auf die Brust gelegt.
Aber er hielt die Augen geschlossen und atmete tief und gleichmäßig. Ein feinerer Geruch mischte sich mit dem ersten, dunkel und verführerisch – wie Eiben im Hochsommer. Harz, Nadeln, Gift.
Der Duft war wie ein Pfad, der sich vor Severus auftat.
„Du musst dir selbst einen Weg hinab suchen, Severus. Einen Tunnel, eine Quelle ... was du willst."
Übergangslos sah er einen See vor sich, einen Felskrater, gefüllt mit türkisblauem Wasser. Er stand ganz oben auf den Klippen, blickte hinab auf den kalten See, der zehn Meter unter ihm lag.
„Geh hindurch, Severus. Geh durch dein Tor in die Unterwelt."
Eine Sekunde zögerte er, dann trat er zwei Schritte vor – und stürzte sich von den Klippen in die Tiefe hinab.
Der Aufprall fühlte sich ausgesprochen real an, ebenso wie das eisige Wasser, in dem er augenblicklich versank, das seine Lungen füllte und ihn zu ersticken drohte. Er keuchte und rang panisch nach Atem.
„Es ist nicht wirklich. Es kann dir nichts tun."
Sofort verschwand das Erstickungsgefühl.
Severus sah sandigen, steinigen Grund unter sich – und ein Loch. Sicher wie ein Wasserwesen schwamm er zu der dunklen Höhlung hin. Sie war so klein, dass höchstens seine Hand hindurchpasste.
„Du musst dir einen Weg bahnen. Wenn du durch willst, dann wird es nachgeben."
Severus begann, zu graben. Das Loch wurde größer, tiefer – und dann stand er plötzlich und übergangslos in einem dunklen Tunnel, ebenmäßig geformt und mindestens drei Meter im Durchmesser. Die Wände waren zwar glatt, aber in regelmäßigen Abständen von breiten Längsrillen durchzogen.
Neugierig ließ er seine Hände über die Tunnelwand gleiten. Sie war warm und fühlte sich irritierend lebendig an. Rasch zog er die Finger zurück.
Severus sah sich unschlüssig um. In welche Richtung sollte er gehen? Als keine Anweisung von seinen Lehrern kam, entschied er sich, einfach drauflos zu marschieren. Eine Weile folgte er den Biegungen des Tunnels und hatte dabei das Gefühl, immer schneller zu werden, fast schon zu fliegen.
Dann, und ohne dass er wusste, wie er überhaupt dorthin gelangt war, stand er mit einem Mal in einem kleinen Raum, der keinen Ausgang hatte. An einer Wand hing ein verhüllter Spiegel, an der anderen eine Art Vorhang aus transparentem, wie Meersalat wirkendem Material.
Wie geht's jetzt weiter?
Zögernd näherte er sich dem Spiegel. Eine unbestimmte Furcht stieg in ihm auf und ließ jeden seiner Schritte langsamer werden als den vorherigen. Seine Finger zitterten, als er den weißen Stoff berührte. Das Material zerfiel unter seinen Händen zu Staub und bildete ein graues Hügelchen vor seinen Füßen.
Der Spiegel war schwarz. Severus berührte seine Oberfläche mit bebenden Fingerspitzen – die Schwärze schmolz und zeigte ihm ein Gesicht.
Miguels Gesicht. Seine Augen wirkten leer, doch wenn man genauer hinsah, dann waren sie so voll Bitterkeit und Schmerz, dass man ihren Blick kaum ertragen konnte.
‚Was hast du aus mir gemacht, Severus?', ertönte Miguels Stimme anklagend in seinem Kopf. ‚Wegen dir haben sie mich gefoltert. Wegen dir haben sie mich vergewaltigt. Und jetzt hältst du mich gefangen wie einen zahmen Kanarienvogel – aus reinem Egoismus. Wenn du Malfoy Manor verlässt, dann werden sie mich töten. Ich bin nur ein Spielzeug für dich, das man wegwerfen kann, wenn man keinen Bock mehr drauf hat. Du bist ein selbstsüchtiger, verdorbener kleiner Junge. Du ekelst mich an. Ich verachte dich. Ich hasse dich!'
Miguels Mund lächelte ihm voll bitterem Hohn zu. Abscheu blitzte aus den braunen Augen.
Dann verschwand das Gesicht aus dem Spiegel und ließ nichts als Leere und Schwärze zurück.
Severus atmete viel zu hastig und würgte krampfhaft an den aufsteigenden Tränen.
Es ist nicht real, dachte er immer wieder. Er hasst mich nicht wirklich.
Aber es half nicht viel. Zu schmerzhaft hatten sich die verächtlichen Worte in sein Herz gebohrt, zu groß war die Angst, dass der Miguel aus dem Spiegel die Wahrheit gesagt haben könnte – eine Wahrheit, die Severus nicht zulassen konnte.
Severus brauchte eine Weile, bis er sich so weit erholt hatte, dass er sich wieder seiner Aufgabe widmen konnte.
Endlich raffte er sich zusammen. Ratlos drehte er sich einmal um die eigene Achse. Immer noch war kein Ausgang erkennbar.
Zaghaft näherte Severus sich dem Algenvorhang, berührte ihn mit den Händen. Das Material war feucht, glatt und dehnte sich wie Gummi. Er verstärkte den Druck. Der Vorhang hielt stand. Severus legte mehr und mehr von seinem Gewicht in die Bewegung, schob und stieß – mit einem hässlichen Ratschen riss das grüne Material, und er stürzte kopfüber durch den entstandenen Spalt. Mit einem dumpfen Platschen landete er in etwas Nassem, Glitschigem.
Hastig sah Severus sich um. Er war in eine hohe alte Emaille-Badewanne gefallen, die bis zum Rand mit einer bräunlich-roten, Fäden ziehenden Flüssigkeit gefüllt war. Etwas lag unter ihm – und dieses Etwas bewegte sich. Zu seiner Rechten tauchte ein dürrer Gegenstand aus dem schmutzigen Wasser auf. Severus starrte ihn an, sekundenlang – dann schrie er.
Eine Hand! Das ist eine Hand!
Die Bewegung unter seinem Körper wurde nachdrücklicher. Panisch packte Severus den Wannenrand, der auf einmal furchtbar hoch und fast unerreichbar weit entfernt schien, klammerte sich daran fest und versuchte verzweifelt, sich aus der schleimigen Brühe zu ziehen. Doch das Emaille war so glitschig, dass er immer wieder abrutschte. So sehr er auch kämpfte, er konnte nicht entkommen.
Seine heftigen Bewegungen bewirkten schließlich nur, dass er endgültig den Halt verlor, rückwärts in die Wanne stürzte und mit dem Kopf unter Wasser geriet. Er schluckte einiges von der trüben, ekelhaften Flüssigkeit, ehe er an den Handgelenken gefasst und zurück an die Oberfläche gezerrt wurde.
Severus blinzelte hastig den Dreck aus seinen Augen – und sah sich einer Leiche gegenüber, einem halb verwesten Körper, dessen verfaulte Hände ihn aus dem Wasser gezogen hatten.
Der Schrei erstarb auf seinen Lippen. Er wusste, dass es Miguels Körper war.
Severus starrte in die leeren Augenhöhlen, auf den zähnestarrenden Mund, von dem das Fleisch der Lippen bereits weggeschmolzen war. Der Leichnam wimmelte von Würmern und Maden.
Das ist der Tod, dachte Severus, und sein Herz wurde kalt. So sieht er aus.
Er betrachtete ihn genau, diesen körperlichen Tod – die Fäulnis, den Gestank, das Gewürm – , solange, bis er ihn akzeptieren konnte. Solange, bis er die Schönheit in ihm erkannte.
War es nicht ein Wunder, dass jeder Körper sich zuletzt auflösen, zerfließen und mit seiner Umgebung verschmelzen würde? Dass der Tod neues Leben spendete, ein Kadaver zuerst zur Nahrung für die Würmer, dann zum Dünger für die Pflanzen wurde?
Der Tod, Quelle des Lebens.
Doch dieser Leichnam gehörte Miguel. Severus' Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Das war aus dem Körper geworden, den er so sehr begehrt hatte. Nichts war übrig geblieben von seiner Schönheit, seinem Zauber. Nichts. Nur totes, verwestes Fleisch und schmutziggraue Knochen.
Ich habe ihn nicht retten können, erkannte Severus bestürzt. Aemilius hat ihn getötet. Ich habe ihn verloren.
Die starren Hände gaben ihn frei.
Severus sah erneut in die schwarzen Löcher, in denen einst Miguels warme braune Augen gesessen hatten. Dieser Körper war tot. Und dennoch ...
Er spürte, dass Miguel anwesend war in diesen traurigen Überresten seiner selbst. Unsicher streckte er die Hand aus und verharrte Zentimeter vor dem verwesten Gesicht. Mit einem tiefen Atemzug überwand er seinen Ekel und berührte die Leiche.
Kalt und glitschig.
Dann neigte er sich vor und küsste Miguel.
Im selben Moment, als seine Lippen auf den zerstörten Mund Miguels trafen, löste sich etwas in Severus. Fort war der Leichnam, fort waren die Wanne und das Wasser. Severus schwebte und stieg, stieg immer weiter, umgeben von Finsternis, aber frei von Furcht.
Er breitete die Arme aus und ließ sich treiben.
Nach einer Weile fühlte er wieder festen Grund unter den Füßen.
Die Dunkelheit wich zurück, formte eine Gasse. Am einen Ende stand er selbst, am anderen wartete ... jemand. Er war schwarz und fließend, von annähernd menschlicher Gestalt, aber größer. Viel größer.
Die Gasse, die sich für Severus öffnete, war eine deutliche Aufforderung. Langsam setzte er sich in Bewegung und ging auf die schwarze Gestalt zu. Näher und näher kam er, und mit jedem Schritt wurde es kälter in seinem Herzen.
Dann hatte er sein unheimliches Gegenüber erreicht. Der Schwarze breitete die Arme aus, um ihn in Empfang zu nehmen.
Severus schloss die Augen. Sein Herz erstarrte. Er tat den letzten Schritt und sank in die Arme des Todes.
Licht.
Wärme.
Severus schlug die Augen auf.
Die Gestalt hatte sich verwandelt und bestand nun völlig aus reinem weißen Licht. Sie gab ihn frei, wich zur Seite und sein Blick fiel auf etwas ... eine Art Landschaft, hell und strahlend. Ganz in der Ferne sah er jemanden stehen, der ihm grüßend zuwinkte. War es Miguel? Oder war es seine Mutter? Severus wusste es nicht.
Wieder verlor er den Boden unter den Füßen, ohne dass es ihm Angst gemacht hätte. Er schwebte aufwärts, trieb durch das Licht ... Er fühlte sich schwerelos und schillernd wie eine Seifenblase.
Freiheit.
Erfüllung.
Nichts.
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„Hohoho! Langsam, Severus, langsam!"
Kräftige Hände packten ihn an den Schultern und zwangen ihn auf den Boden zurück.
„Langsam", wiederholte Avery.
Jemand strich ihm sanft übers Gesicht.
„Severus? Tief und gleichmäßig atmen. So ist's gut."
Zwei Paar Hände fuhren mit kräftigem Druck über seinen Körper, vom Scheitel bis zur Sohle. Einmal, zweimal, dreimal.
„Mach die Augen auf, Severus."
Er gehorchte und blinzelte verwirrt ins Kerzenlicht.
„Junge", sagte Aemilius und nahm sein Gesicht in beide Hände. In den blaugrauen Augen flackerte es. „Du hast uns vielleicht einen Schrecken eingejagt!"
„Hab ich .. hab ich's verbockt?", murmelte Severus benommen.
„Aber nein, Severus, nein!" Avery tätschelte seine Schulter. „Ganz im Gegenteil. Du hast deine Aufgabe so gut erfüllt, dass du beinah auf der anderen Seite geblieben wärst." Der Heiler grinste schief. Auch in seinen Augen stand deutlich Besorgnis zu lesen – und Erleichterung. „Herzstillstand, Severus. Und zwar gefährlich lange."
„Man sollte nicht mit dem Tod spielen", flüsterte Severus. „Er ... er ist immer im Vorteil ..."
„Nun setz dich erstmal hin und trink einen kräftigen Schluck hiervon." Avery drückte ihm einen Kelch in die Hand. „Das wird dich wieder auf die Beine bringen."
Severus trank und wurde von Aemilius in eine dicke Decke gehüllt, während der Heiler sorgfältig seinen Gesundheitszustand überprüfte.
„Er ist okay", verkündete Avery schließlich. „Erschöpft, aber unbeschädigt."
„Möchtest du reden, Severus?", fragte Aemilius leise.
Severus schüttelte den Kopf. „Morgen", nuschelte er. „Jetzt ... schlafen."
„Wo?", zwinkerte Avery ihm zu. „Bei dir – oder bei Miguel?"
„Miguel", murmelte Severus müde.
„Wir bringen dich hoch", entschied Aemilius und zog ihn auf die Füße. „Und ... das war wirklich sehr beeindruckend, Severus."
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Miguel fuhr abrupt aus seinem leichten Schlaf auf. Sein Puls raste und sein Atem ging in hastigen, kurzen Stößen. Im ersten Moment dachte er, Lucius und seine Freunde wären zurückgekommen. Doch dann erkannte Miguel, dass nur eine Person im Halbdunkel des Raumes stand, schmal, in sich zusammengesunken und irgendwie verloren wirkend.
„Severus?", flüsterte er rau und stemmte sich hastig auf den Ellenbogen in die Höhe.
Die Gestalt kam zögernd auf ihn zu.
„Severus?!"
„Ja", hauchte es.
Aufatmend ließ Miguel sich zurück auf die Matratze fallen.
Doch Severus verharrte unschlüssig etwa zwei Meter vom Bett entfernt.
„Severus?", fragte Miguel unsicher. „Stimmt was nicht?"
Severus löste sich aus seiner Erstarrung, setzte sich seltsam ungelenk in Bewegung und ließ sich neben ihm aufs Bett sinken. Erst jetzt bemerkte Miguel, dass der Junge am ganzen Körper zitterte.
„He, Mann, was ist denn passiert?"
Miguel streckte beide Hände nach Severus aus, verharrte kurz, ehe er sie ihm auf die Schultern legte. Severus zuckte leicht zusammen, wehrte die Berührung aber entgegen seiner Gewohnheit nicht ab. Minutenlang blieb er steif und unbeweglich wie ein Eiszapfen. Dann drehte er sich plötzlich um, schlang die Arme um Miguel und presste sich an ihn wie ein verschrecktes Kind.
„Ich will nicht, dass du stirbst ...", flüsterte Severus.
Miguel starrte ihn verblüfft an. „Severus ... ich ..."
Nach kurzem Zögern legte er die Arme um den verstörten Jungen und zog ihn noch enger an sich, so dicht, dass er Severus' rasenden Herzschlag spüren konnte. „Severus, heee ...", murmelte er unsicher. „Ist ja gut."
Er begann, den bebenden Körper sanft hin und her zu wiegen. „Ich ... ich hab' keine Angst davor", raunte er Severus ins Ohr und legte sein Gesicht an dessen Wange. „Es ist okay. Du musst nicht" –
„Ich will nicht, dass du stirbst!" Diesmal klang der Satz keineswegs hilflos und verstört, sondern ausgesprochen zornig.
„Ist ja gut", murmelte Miguel beschwichtigend, während er versuchte, seine eigene Verunsicherung in den Griff zu bekommen. „Alles ist gut. Jetzt komm erst mal runter ... Wir reden morgen darüber. Okay?"
„Morgen wird sich nichts an meiner Meinung geändert haben. Ich will nicht, dass du stirbst." Severus' Stimme war jetzt völlig kontrolliert, und der Satz wirkte gerade dadurch umso stärker auf Miguel.
Mein Gott, er meint das wirklich ernst!
„Ich werde nicht zulassen, dass Aemilius dich tötet. Niemals."
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