Kapitel 25 – Malfoy
Wärme durchdrang jede Zelle ihres Körpers. Seine Überzeugung, dass sie lediglich unter den Nachwirkungen des Schutzzaubers stand und ihn als Bezugsperson idealisierte, schien ins Schwanken geraten zu sein. Aber bevor sie reagieren konnte, sah er sie ernst an. „Übermorgen sind die neun Tage abgelaufen, die wir bei jedem nach Rückkehr der Erinnerungen abwarten."
Hermione nickte. Sie hatte fast jede Stunde bis zu diesem Tag gezählt.
Ein leises Lächeln spielte um seine Augenwinkel. „Das heißt, Sie werden Ihre Magie und Ihren Zauberstab zurückbekommen."
„Und Sie werden den Beweis erhalten, dass Ihre Theorie falsch ist", ergänzte sie leise.
Severus Snape hielt ihrem Blick schweigend stand. Sie wusste in dem Moment, dass er ihr keinen Schritt weiter entgegenkommen würde, so lange für ihn auch noch der letzte Rest eines Zweifels bestand.
Als sie am nächsten Vormittag das Haus verließ, lehnte er an der Eingangstür. „Gehen Sie in die Stadt?"
„Ja."
„Dann haben wir den gleichen Weg."
„Ich möchte das Buch von Woodstale kaufen. Die Menge an Kräuterbüchern der nichtmagischen Presse ist wirklich überwältigend", sagte sie und genoss nach den Unwettern der vergangenen Tage die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht.
Doch Severus Snape wirkte in sich gekehrt. Bereute er seine Offenheit des gestrigen Abends? Das laute Geschnatter der Zugvögel, die sich für ihre lange Reise in den Süden sammelten, übertönte das unangenehme Schweigen.
Sie waren schon fast im Zentrum angelangt, als er abrupt stehenblieb. „Verbergen Sie sich. Schnell!"
Hermione bog erstaunt in die schmale Nebengasse ein und stellte sich in einen Hauseingang. Als sie vorsichtig um die Ecke schaute, sah sie auch den Grund für ihr Versteck. Den hochgewachsenen weißblonden Zauberer würde sie immer und überall wiedererkennen. Sie war vor Angst wie gelähmt.
Eine ältere Frau rempelte sie an, als sie ins Haus gehen wollte. „Sie stehen im Weg!"
Was hätte sie jetzt für Harrys Tarnumhang gegeben! Als Hermione sicher war, dass die beiden Zauberer nicht in ihre Richtung schauten, suchte sie hinter dem Sonnenschirm eines Restaurants Deckung. Ihr neuer Standort hatte den Vorteil, dass sie mithören konnte.
„…völlig ausgeschlossen", sagte Professor Snape.
„Wie du meinst." Beim Klang von Malfoys Stimme lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter.
„Weißt du, wer in Frage käme?"
Der ehemalige Todesser warf seine Haarmähne zurück. „Keine Ahnung. Ich lebte damals schon seit Wochen isoliert, Besucher drangen nicht bis zu uns durch und die Post wurde kontrolliert. Ich erfuhr von der ganzen Aktion erst, als alles abgeschlossen war und man uns zwang, binnen einer Stunde zu entscheiden, ob wir Draco ins Schutzprogramm geben und als Muggel leben wollen."
„Ich begreife die ganze Sache nicht. Fakt ist, dass damals jemand die Bilder im allgemeinen Chaos stahl, gleich nachdem sie erstellt wurden. Wir konnten sie zwar orten, hatten aber keinen Zugang. Dann tauchten sie plötzlich in der Galerie auf, nur wenige Wochen vor dem Abschluss der Restauration unserer Welt. Das heißt, jemand will, dass wir die Bilder auch benutzen."
„Sieht ganz danach aus", warf Malfoy ein. „Und du bist dadurch misstrauisch geworden und hast sie dir genauer angesehen und den Fluch entdeckt."
„Bei Camillanus und Malius ergibt es keinen Sinn, dass ihre Abbilder überhaupt verflucht wurden. Darüber hinaus sind weder Ollivander noch ich in der Lage, den Fluch zu erkennen, geschweige denn, zu brechen!"
„Und das gab es noch nie, dass Severus Snape einen Fluch weder erkennt noch lösen kann", ließ sich Malfoy mit süffisantem Unterton vernehmen. „Nicht nur, dass dein Leben bedroht ist, dein Ehrgeiz ist geweckt, richtig, Severus?"
Hermione stand leider zu weit weg, um die Reaktion von Severus Snapes Gesicht genau ablesen zu können. Doch Malfoy sprach bereits weiter: „Hast du deshalb unser Treffen kurzfristig abgesagt?"
Hermione spitzte die Ohren. Das Geschrei von zwei vorbeilaufenden Kindern verhinderte, dass sie Severus Snapes Antwort hörte.
„Hängt das Gemälde noch in der Galerie aus?", fuhr Malfoy fort.
„Ja. Seit Wochen keine Reaktion, keine auffälligen Besucher."
„Möglicherweise ist der Täter bereits tot. Hast du das schon mal in Erwägung gezogen?"
„Selbstverständlich. Das könnte auch der Grund sein, warum die Bilder plötzlich in der Galerie auftauchten, wobei mir der Zeitpunkt zu perfekt erscheint."
„Wohl wahr. Aber ausschließen kannst du auch Zufälle nicht."
„Ich möchte noch ein paar Tage abwarten, bevor wir es genauer untersuchen."
Malfoy strich über eine Falte in seinem Umhang. „Es ist deine Entscheidung. Ich kann dir ohnehin nicht versprechen, dass ich den Fluch identifizieren kann oder erkenne, wer dahintersteckt. Aber da wir uns hier treffen: Das wollte ich dir schon neulich geben."
Er nahm einen Umschlag aus seinem Umhang.
„Was ist das?", hörte sie Professor Snape fragen.
„Ein Schreiben von Draco."
Professor Snape steckte den Brief wortlos weg.
„Willst du ihn nicht lesen?"
„Später."
Die beiden Männer maßen sich einen Moment schweigend mit Blicken.
„Du weißt, wo du mich findest." Lucius Malfoy nickte ihm knapp zu und eilte mit schnellen Schritten weiter.
Als er außer Sichtweite war, zog Professor Snape das Schriftstück aus der Tasche. Er wirkte beim Lesen zufrieden, ja richtiggehend glücklich. Nachdem er es wieder zusammengefaltet und weggesteckt hatte, lief er zu der Gasse, in der sie sich vorhin verborgen hatte.
Dieser kurze Zwischenfall und seine sichtbare Freude über einen Brief von Draco hatten Hermione so durcheinander gebracht, dass sie sich erst einmal sammeln musste. Erst, als er wieder suchend auf die Straße trat, ging sie ihm entgegen.
„Wo waren Sie?", begehrte er misstrauisch zu wissen.
„Hier." Sie machte eine vage Handbewegung, die einen Umkreis von etwa 100 m andeutete. „Warum wollten Sie nicht, dass Mr. Malfoy mich sieht, wenn Sie ihn für harmlos halten?"
Seine Augenbrauen trafen in der Mitte zusammen. „Ich habe nie gesagt, dass ich ihn als harmlos erachte", stellte er nachdrücklich richtig. „Aber ich schätze es nicht, wenn meine Entscheidungen von Menschen in Frage gestellt werden, die sich kein umfassendes Urteil darüber erlauben können."
„Ich kann meine Beweggründe erklären."
Er sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Das sagten Sie neulich schon, Hermione. Sie verweigerten allerdings, dies genauer auszuführen."
Hermione steuerte den Park an und blieb schließlich bei einer Bank stehen, die abseits des Weges von einer dichten Buchsbaumhecke umringt war und somit Sichtschutz und Privatsphäre bot. „Ich zeige Ihnen jetzt eine Erinnerung. Aber ich möchte nicht darüber sprechen."
Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich noch mehr, dann nickte er, zog den Zauberstab und setzte sich neben sie.
Hermione holte tief Luft und sammelte ihren ganzen Mut, bevor sie sich auf den Tag in Malfoy Manor konzentrierte.
Er brach die Verbindung schon kurz darauf ab. Sie kämpfte gegen die Tränen an, die die schrecklichen Erinnerungen unweigerlich hervorzwangen, aber das Zittern bekam sie nicht in den Griff. Sie spürte seine Hände auf ihren Schultern, unbeholfen und steif, aber die Wärme seiner Berührung war so wohltuend und angenehm, dass sie am liebsten für immer so sitzengeblieben wäre. Verwirrung und Wut beherrschten seine Züge und für einen Moment gesellte sich solcher Hass hinzu, dass sie ihn erschrocken ansah.
„Bellatrix kann froh sein, dass sie nicht mehr lebt", sagte er und rückte zu Hermiones Bedauern ein Stück von ihr weg.
„Sie war geisteskrank. Ich habe Ihnen die Erinnerung in erster Linie wegen Malfoy gezeigt", erwiderte sie leise. „Mir ging es darum, Ihnen zu beweisen, was für ein Mensch er ist, da er Ihnen gegenüber vielleicht anders auftritt."
„Ich kenne ihn besser, als Sie glauben. Neu hingegen war mir, dass Sie in seinem Haus gefangen gehalten wurden."
„Warum vertrauen Sie ihm, wenn Sie wissen, wozu er fähig ist?"
„Ich vertraue ihm nicht. Es ist hingegen unbestreitbar, dass er sich mir gegenüber bisher loyal verhielt."
„Und deshalb setzten Sie sich nach dem Krieg für ihn ein?"
Sein Gesicht verdüsterte sich. „Ihnen ist vermutlich bekannt, dass ich Lucius Malfoys Frau einen Unbrechbaren Schwur leistete, der ihren Sohn betraf?"
„Ja. Ich sehe jedoch keinen Zusammenhang zwischen einem Schwur, der mit Voldemorts Tod irrelevant wurde und Ihrer Fürsprache für Lucius Malfoy", entgegnete sie verständnislos.
„Der Schwur lautete, dass ich Draco bei allen Aufgaben unterstütze, die Voldemort von ihm verlangt", antwortete er gelassen. „Die Feinheiten der Formulierung sind entscheidend."
Hermione erstarrte. „Wollen Sie damit sagen, dass Voldemort Draco mit Aufgaben betraute, die über seinen Tod hinausgehen?"
„Der junge Malfoy ließ damals keinen Zweifel daran, dass er meine Fürsprache für seinen Vater als gegeben voraussetzt, damit er nicht in anderen Dingen aktiv wird. Ich hatte angesichts der Umstände keine Zeit herauszufinden, ob er bluffte."
„Das gibt's doch gar nicht", rief sie entsetzt. „Das heißt, erst, wenn Draco kein Interesse mehr daran hat, Voldemorts Befehle auszuführen, ist der Schwur erfüllt?"
„Ja. Einen solchen Schwur kann man nicht auflösen. Da Draco erst vor kurzem seine Erinnerungen zurückerhielt, galt es abzuwarten, wie er mit diesem Detail umgeht."
Sein leises Lachen war angesichts dieser Umstände fast noch verstörender als die Informationen selbst. Sie starrte ihn an.
Er zog den Brief aus der Tasche.
„Was steht da?", flüsterte sie, nicht sicher, ob sie die Antwort überhaupt hören wollte.
„Draco schreibt, dass er seinerseits seiner Mutter einen Unbrechbaren Schwur leistete, der dunklen Seite zu entsagen und damit keinerlei Aktion mehr durchzuführen, die in Voldemorts Interesse gewesen wäre."
Hermione merkte, wie die Last, die sich während der letzten Minuten tonnenschwer auf ihr Gemüt gelegt hatte, mit einem Schlag verschwand. „Dann kann er Ihnen also nichts mehr anhaben, ohne sich selbst zu gefährden", strahlte sie und ihr Lächeln verschmolz mit seinem.
„So ist es." Er beobachtete einen Schwarm Krähen. „Wenn mein Tod im Interesse der Familie Malfoy liegen würde, hätte man diesen mit Hilfe des Eids schon damals nach der Schlacht herbeiführen können. Das Risiko, erst mehrere Bilder zu stehlen und dann zu verfluchen, ergibt keinen Sinn. Abgesehen davon hatte niemand von ihnen die Gelegenheit dazu. Sie standen unter Arrest."
„Ich sehe ein, dass meine Einmischung voreilig und unangemessen war", gab sie zu. „Ich habe mir nur … solche Sorgen gemacht."
„Das weiß ich." Seine Stimme klang heiser. „Ich möchte nachdrücklich betonen, dass ich das Verhalten von Lucius Malfoy nicht gutheiße. Ich bedaure sehr, was Ihnen als Schülerin in seinem Haus widerfahren ist."
Hermione sah, wie sich die unterschiedlichsten Emotionen in den dunklen Augen abwechselten und wie von selbst legte sich ihre Hand vorsichtig über seine.
Sie bemerkte, wie ein Schauer durch ihn hindurchging. Dann löste er seine Finger aus ihren. „Nicht." Seine Stimme war kaum hörbar, doch Hermione hatte das Verlangen registriert, das kurz in seinen Augen aufgeflammt war.
Er wich ihrem Blick aus und stand auf.
