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20.

Hose, T-Shirts, Unterwäsche, Strümpfe, ein Nachthemd, etwas Schickeres für den Fall, dass sie spontan etwas unternehmen würden, dass mehr als einfachen Freizeitlook verlangte… Was brauchte man noch für ein Wochenende bei seinem Freund? Sia sah grübelnd in ihren Kleiderschrank. Nein, eigentlich hatte sie alles, was sie für ein Wochenende mit Rokko brauchte. Handtücher würde sie da kriegen und Rokkos Bett war sicher bezogen. Von daher… „Sia? Hast du mal eine Minute?", riss Giselas Stimme sie plötzlich aus ihren Gedanken. „Danke für's Anklopfen, Mama", kritisierte Theresia ihre Mutter indirekt. „Tz, das ist mein Haus", schmunzelte diese amüsiert. „Was gibt es denn nun?", lenkte Sia ein. „Du willst zu Rokko, hein?", fragte Gisela auf die Reisetasche deutend. „Ja, aber das weißt du doch." – „Ja, das weiß ich. Und ich weiß auch, dass ihr jetzt schon sechs Wochen zusammen seid. Das freut mich für euch, wirklich. Dein Papa und ich, wir mögen den Rokko wirklich gerne." – „Aber?", hakte Sia nach. „Aber…", setzte Gisela an. Sichtlich nervös nahm sie auf dem Bett ihrer Tochter Platz. „… ich habe da beim Friseur neulich so eine Zeitschrift gesehen und…" – „Da steht drin, dass Rokko in Wirklichkeit der Thronfolger von Tuvalu ist", scherzte Sia. „Nein, nein. Was Klatsch und Tratsch betrifft, gibt die nicht mehr viel her. Die ist ewig alt…", wiegelte Gisela ab. „Aber zumindest steht etwas drin, was mich als Mutter dann doch in Alarmbereitschaft versetzt." Gisela Jibing zog eine Zeitschrift aus der Gesäßtasche ihrer Jeans. „Mama, ich fasse es nicht! Du hast deinen Friseur bestohlen?" – „Nicht, bestohlen. Ich habe diese Zeitschrift entliehen. Die nehme ich beim nächsten Mal wieder mit zurück. Aber nun hör mir mal zu, was da steht. Hier steht, dass ein Zehntel aller Hochschulabsolventen noch Jungfrau ist." – „Wie gut, dass ich noch jeden Tag zur Uni gehe", schmunzelte Theresia. Nichtsdestotrotz war ihr dieses Gespräch jetzt schon unangenehm. „Spätzchen, du weißt genau, was ich meine. Ich kenne doch mein kleines Mädchen. Du hast noch nie einen Mann mit nach Hause gebracht und ich glaube nicht, dass du deine Unschuld irgendwo zwischen Tür und Angel verloren hast." – „Mama, bitte." – „Was denn? Man muss die Dinge doch ansprechen. Es ist ja nur… also, wenn du irgendeine Frage hast oder so… weil nun ja, du und Rokko, ihr seid ja nun schon einige Zeit zusammen und ihr seid beide erwachsen, da bleibt das ja auf Dauer nicht aus…" – „Was bleibt da auf Dauer nicht aus?" Sia hoffte, ihre Mutter mit dieser Provokation so zu verschrecken, dass sie nicht weiter sprechen würde. „Ich spreche von Sex, Sia, von Sex. Wovon denn sonst? Ringelpietz mit Anfassen?" Verständnislos schüttelte Gisela den Kopf. „Mama, ich weiß alles, was ich wissen muss und was es darüber hinaus noch zu wissen gibt, werde ich schon noch herausfinden." – „Mit Rokko?", seufzte Gisela. „Hoffentlich", seufzte Sia zurück. „Gut, dann bin ich ja beruhigt… also, weil er doch so nett ist und so einen lieben Eindruck macht." Gisela erhob sich. „Ich lasse dir die Zeitschrift trotzdem mal da. Dann kannst du den Artikel ja mal lesen." – „Danke, Mama", erwiderte Sia, pfefferte die Zeitschrift aber gleich in eine Ecke ihres Zimmers, als ihre Mutter außer Sichtweite war.

„Und? Wie war dein Tag in der Firma?", informierte Sia sich. „Ach, nichts Besonderes. Der übliche Kram eben. Wie war's bei dir?", erwiderte Rokko. „Ach, auch nichts Besonderes. Naja, mit Ausnahme dieser Einladung." – „Einladung?", hakte Rokko nach. Zärtlich zog er Sia ein bisschen näher an sich. „Nach Stratford." – „Stratford?", wiederholte Rokko zweifelnd. „Upon-Avon. Shakespeare und so." – „Aha. Sag mal, geht das auch etwas ausführlicher? Ich würde dir ungern alles einzeln aus der Nase ziehen", drängte Rokko seine Freundin, weiter zu sprechen. „Ich oder vielmehr das Anglistentheater ist zu einem Workshop dorthin eingeladen… jetzt im Sommer… im August… für vier Wochen." Sia atmete tief durch. „Ich fahre aber nicht mit. Ich würde dich viel zu sehr vermissen." – „Soweit kommt es noch. Ich sehe doch genau, dass du gerne hinfahren willst." – „Ja schon, aber…" – „Dann fahr mit", sagte Rokko mit Nachdruck. „Und was wird mit uns?" – „Okay, ich mache dir einen Vorschlag: Vier Wochen kriege ich sicher nicht frei, aber vielleicht zehn Tage oder zwei Wochen. Da muss ich mal mit Loretta flirten. Ich könnte einfach nachkommen." Überschwänglich legte Sia ihre Arme um Rokko. „Das wäre genial!" – „Ein solches Kompliment von Frau Doktor", grinste Rokko, wofür die Angesprochene ihm sofort einen Kuss auf den Mund drückte. „Gewöhn dich nicht dran. Mit Komplimenten bin ich immer sehr sparsam." – „Ich weiß", seufzte Rokko. „Aber…", wurde Sia dann wieder ernst. „… ich würde mich wirklich freuen, wenn du mit nach Stratford kämst." – „Somit hätten wir unsere Samstagsbeschäftigung gefunden – Zugverbindungen, Übernachtungsmöglichkeiten raussuchen und vielleicht auch ein paar Sehenswürdigkeiten für den genialen Typen, der sich während deines Workshops nicht langweilen will." – „Huhu!", hallte plötzlich Lorettas Stimme durch die Villa. „Ich bin wieder da!" – „Das freut uns!", rief Rokko amüsiert zurück. „Seid ihr angezogen?" – „Ähm, ja. Was ist denn das für eine Frage?" – „Eine berechtigte, wenn ein verliebtes Paar das Wochenende zusammen verbringt", ächzte Loretta, die mit Tüten beladen das Wohnzimmer betrat. „Hallo Sia", begrüßte sie dann die Freundin ihres Mitbewohners. „Hallo Loretta", schmunzelte diese. Sie konnte sich noch genau erinnern, wie sie Loretta kennen gelernt hatte. „Rokko, du weißt schon, dass deine Mitbewohnerin mal… naja… ein Mann war, oder?", hatte sie dem Werbefachmann zugeraunt. „Ach, echt jetzt?", hatte er sie aufgezogen. „Wisst ihr, was wir jetzt machen?", wollte Loretta gut gelaunt wissen. „Aftershopping!", verkündete sie vergnügt. „Aftershopping?", wollte Rokko wissen. „Na ist doch ganz klar", lachte Sia. „Wenn wir Mädels Klamotten gekauft haben, müssen wir sie Zuhause gleich noch mal anziehen und jemandem vorführen." – „Weil sie zwar im Kaufhaus gepasst haben, aber Zuhause nicht?", hakte Rokko verwirrt nach. „Nee, du verstehst das nicht", lachte Sia. „Los, Loretta, zeig uns, was du Schönes erbeutet hast." – „Schuhe!", strahlte die Angesprochene. „Hättet ihr Damenschuhe in Größe 45 in einem Laden für Übergrößen vermutet?", fragte sie in die Runde. „Naja, eher als in einem normalen Schuhladen", gestand Rokko. „Du meinst, dicke Menschen haben auch große Füße? Den Zusammenhang sehe ich da jetzt nicht, aber auch egal. Jetzt habe ich wieder schöne Schuhe…" – „Wieder schöne Schuhe? Loretta, mal ehrlich, der ganze Schuhschrank ist voll mit deinen Tretern", nörgelte Rokko. „Ach, mein armer Schatz", lachte Sia. „Das verstehst du einfach nicht. Dafür fehlt euch Kerlen einfach eine Hirnwindung." – „Sia, du hast doch auch immer die gleichen Schuhe an", stellte Rokko fest. „Ja, an. Aber besitzen tue ich einige Paare." – „Aha. Und warum trägst du die dann nie?" – „Schon mal mit Stilettos in der Bibliothek gewesen? Mal abgesehen davon, dass das unbequem ist, ist man damit in den meisten Situationen eh overdressed." – „Hör auf deine Freundin", lachte Loretta. „So, wie stehen die mir?", wollte sie wissen, während sie ihre neuen Schuhe präsentierte.

„Das ist bestimmt Lisa mit Paulchen", kommentierte Loretta freudig, als es an der Tür klingelte. Sie wollte sofort loslaufen, merkte aber, dass ihre neuen Schuhe nicht zum Rennen gemacht waren. „Entledige dich erstmal deines Schuhwerkes, ich mache schnell auf", schlug Rokko vor, dann schob er Sias Beine von seinem Schoß, was diese mit einem nörgeligen Grummeln zur Kenntnis nahm. „Aber komm schnell wieder", ermahnte sie ihren Freund.

„Wo ist Loretta?", fiel Lisa gleich über Rokko her. „Ich weiß, wir haben uns heute schon in der Firma gesehen, aber hältst du das für eine angemessene Begrüßung?", fragte dieser beleidigt. „Ja… also, nein. Natürlich nicht. Es ist nur… Paulchen… also… es gibt da etwas, dass Loretta unbedingt sehen sollte", erklärte Lisa. Ihr Sohn stand vor ihr und sie hielt ihn an beiden Händen fest. „Loretta? Deine Ex will nur dich!", rief Rokko also. „Was?", schnaufte Loretta erschöpft, als sie es endlich geschafft hatte, in den Flur zu kommen. „Wieso denn? Hast du ihr Angst gemacht, oder was?" – „Bleib genau da stehen!", wies Lisa ihren ehemaligen Ehemann an. „Was soll denn das jetzt?", fragte Loretta verwirrt. „So, Paulchen, jetzt zeig Mama Loretta mal, was du tolles kannst", ermutigte Lisa ihren Sohn, als sie dessen Hände losließ. „Ma-ma-ma-ma-ma", brabbelte dieser vor sich hin, als er sich auf den Weg zu seiner zweiten Mutter machte. „Ma-ma-ma-ma-ma", lachte er vor sich hin. Unsicher tapste er auf Loretta zu. „Oh mein… Er kann es! Er kann laufen!" – „Ja, aber das ist nicht soooo neu", erinnerte Lisa ihr Gegenüber. „Horch doch mal, was er sagt!" – „Er sagt… er sagt ‚Mama'", strahlte Loretta. „Eure Phantasie hätte ich gerne", schmunzelte Rokko. „Aber er sagt doch ‚Mama'!", widersprach Loretta heftig. „Ja, aber doch noch nicht bewusst. Dafür ist er doch noch viel zu klein." – „Ist doch völlig egal, ob bewusst oder unbewusst. Er sagt ‚Mama'", erklärte Loretta kopfschüttelnd. „Fragt sich nur, zu wem von euch beiden", grinste Rokko. „Na zu mir", kam es von Lisa und Loretta gleichzeitig. „Was ist denn hier los?", fragte Sia. Ihrer Meinung nach hatte sie jetzt lange genug auf Rokko gewartet. Ihre Neugier war geweckt, was denn im Flur der Villa los war. „Paulchen sagt ‚Mama'", strahlte Loretta. „Eigentlich sagt er ‚Ma-ma-ma-ma-ma'", korrigierte Rokko. „In seinem Alter ist das normal. Frühkindlicher Spracherwerb basiert auf reiner Nachahmung. Wenn seine Mutter nicht von sich als ‚Mama', sondern als ‚Marmeladenstulle' sprechen würde, dann würde er jetzt ‚Marmeladenstulle' brabbeln", stellte Theresia pragmatisch fest. „Nein", widersprach Lisa entsetzt. „Er ist ein ganz besonderes Kind, richtig schlau und so." – „Sicher", grinste Sia. Dann ging sie in die Hocke und hielt die Arme auf. „Paulchen, komm mal zu mir. Komm, komm", ermutigte sie das Kleinkind. Der Junge drehte sich zu ihr um, lachte und lief los. „Komm, komm", brabbelte er dabei. „Seht ihr." – „Reiner Zufall", war Loretta sich sicher. „Ni-hao, Paulchen", lächelte Sia das Kind an. „Ni-hao." Paulchen legte den Kopf schief. „Ni… Ni… Ni… hao", wiederholte er dann sichtlich angestrengt. „Ihr habt ein wirklich intelligentes Kind. Es kann schon sein erstes Wort auf Chinesisch", grinste sie Lisa dann an. „Ach, ihr kennt euch ja noch gar nicht", fiel es Rokko plötzlich ein. „Lisa, das ist Theresia, meine Freundin. Sia, das ist Lisa, meine… Lorettas Ex-Frau", korrigierte er sich dann schnell. „Freut mich", lächelte Sia freundlich. „Mich auch", entgegnete Lisa einsilbig. „Sie scheinen sich ja mit frühkindlichem Spracherwerb auszukennen. Sind Sie Erzieherin?" – „Nein… ich bin Literaturwissenschaftlerin. Da hat man von Zeit zu Zeit auch etwas mit Sprachwissenschaft zu tun und da fällt das mit rein. Ich wollte Ihnen oder Loretta bestimmt nicht die Freude über Paulchens ‚Ma-ma-ma-ma-ma' nehmen, aber… er ist wirklich noch ein bisschen klein für bewusstes Sprechen." – „Das wissen wir doch", lachte Loretta. „Es ist ja nur… als Eltern macht einen das so unglaublich stolz. Da möchte man einfach glauben, dass er schon bewusst mit einem spricht. Das werdet ihr zwei Frevler schon noch sehen, wenn ihr irgendwann mal eigene Kinder habt", verteidigte Loretta ihre Freude. „Ich muss dann mal wieder", meldete Lisa sich zu Wort. „Ist gut. Hast du Paulchens Sachen hier?", wollte Loretta wissen. „Ja", erwiderte Lisa, ohne ihren Blick von Sia zu wenden. „Und wo?", hakte Loretta nach. „Lisa? Nicht träumen." – „Ähm, hier", riss Lisa sich aus ihren Gedanken, drehte sich kurz um und hob die Wickeltasche von der Eingangstreppe. „Ich fand das nicht so wichtig. Ich wollte dir nur unbedingt Paulchens Fortschritte zeigen", rechtfertigte sie sich. „Die Überraschung ist dir wirklich gelungen. Was stellst du dieses Wochenende so an? Hast ja jetzt sturmfrei", neckte Loretta sie. „Ich weiß noch nicht. Auf jeden Fall muss ich Wäsche machen, sonst müssen Paulchen und ich nächste Woche nackt rumlaufen", erklärte Lisa errötend.

„Hey", lächelte Rokko, als er Stunden später sein Schlafzimmer betrat. „Hey", grüßte Sia zurück. „Wieso legst du das denn jetzt weg?", wollte Rokko wissen. „Ach, ich dachte nur… weil du ja jetzt auch da bist… es wäre einfach unhöflich weiter zu lesen." Rokko kletterte zu Sia ins Bett und sah über ihre Schulter. „Ui, finsterer Blick", kommentierte er das Bild auf dem Buchdeckel. „Hm, aber es ist wirklich gut." – „Ja?", hakte Rokko nach. „Wieso liest du mir nicht ein bisschen vor?", schlug er vor, während er seinen Arm um Sia legte. „Willst du das wirklich? Das ist auf Englisch." – „Chinesisch hätte ich jetzt abgelehnt", grinste Rokko. „Aber Englisch ist okay. Also, was ist? Liest du ein bisschen?" – „Mache ich", lächelte Sia glücklich.

Das ist Theresia, meine Freundin. Immer wieder hallte dieser Satz durch Lisas Kopf. Seine Freundin. Er hatte jetzt also eine Freundin. Das sollte sie freuen, oder? Also, dass Rokko wieder verliebt war, nach allem, was sie ihm angetan hatte. Diese Theresia war ja schon recht hübsch… und nett auch, soweit sie das von den paar Minuten beurteilen konnte. Ja, sie würde sich einfach für Rokko über dessen Glück freuen. Ja, so würde sie das machen. Egal, was für einen Stich ihr dieses „Das ist Theresia, meine Freundin" versetzte. Ja, sie würde sich einfach für Rokko freuen… freuen müssen. Genauso. Entschlossen versetzte Lisa dem Bullauge der Waschmaschine einen Schubs. „So, Kochwäsche, dann werde mal schön sauber", versuchte Lisa sich abzulenken.