A/N: Es tut mir wirklich leid, dass es so lange gedauert hat, aber zu wenig Zeit, keine Inspiration und einige kleinere Katastrophen haben mich leider davon abgehalten ein weiteres Kapitel hochzuladen. Sorry!

Kapitel 24

Am Himmel war nicht ein einziger Stern zu sehen und da auch der Mond sich hinter dichten Wolken verborgen hatte, war es eine finstere Nacht. Es entsprach ihrer Stimmung. Mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, saß Ginny auf der Fensterbank. Sie war müde, vollkommen erschöpft, doch Schlaf schien ihr verwehrt. Und immer noch sah sie Harry vor sich…

Warum sie Sirius gefolgt war, als er ihre Hand ergriffen hatte und mit ihr in Richtung des Dorfes gelaufen war, konnte sie nicht sagen. Vielleicht hatte sie seine Verzweiflung wahrgenommen, vielleicht hatte sie an Harry gedacht. Sie wusste es nicht mehr. Nachdem sie die Schutzzauber von Hogwarts passiert hatten, war Sirius mit ihr zum Kampfplatz appariert und sobald sie Harry gesehen hatte, hatte sie schlagartig verstanden, warum Sirius sie geholt hatte.

Und wie auch an jenem Tag, an dem Harry Voldemort getötet hatte, hatte sie mit untrüglicher Sicherheit gewusst, dass Harry sie brauchte. In den Augenblicken, in denen sie den Hügel hinaufgelaufen war, hatte alles andere an Bedeutung verloren, ja, sogar der Fluch, der auf sie zu gerast war, hatte plötzlich keine Rolle gespielt und obwohl sie ihn gesehen hatte, hatte sie nicht einmal versucht ihm auszuweichen, etwas, wofür sie keine Erklärung fand.

Und dann hatte Harrys Fluch sie getroffen. Das helle Licht, welches sie umgeben hatte, war warm gewesen, doch sie hatte trotzdem am ganzen Körper gezittert. Und bevor sie richtig begreifen hätte können, dass ihr nichts geschehen war, hatte Harry bereits vor ihr gestanden, seine Augen dunkel vor Kummer und Entsetzen.

Ginny…", hatte er geflüstert und eine Hand gehoben.

Und sie war zurückgewichen.

Sie hatte es nicht gewollt. Es war einfach geschehen. Tränen stiegen in ihre Augen, aber da sie Melanie nicht aufwecken wollte, kämpfte sie das krampfhafte Verlangen zu weinen nieder. Oh, warum hatte sie es nicht gesehen? Warum? Seit dem Tag, an dem Damian gestanden hatte, was er getan hatte, hatte sie sich das wieder und wieder gefragt. Sie hatte nicht den Briefen und den Fotos geglaubt. Sie hatte gewusst, wie Voldemort es geschafft hatte Lily Potter in seine Gewalt zu bringen. Also warum hatte sie es geglaubt? Warum?

Dabei war es dermaßen offensichtlich gewesen. Harry hätte sie nie und nimmer unter Drogen gesetzt, noch hätte er ihr ihren Zauberstab abnehmen müssen. Er hätte sie mühelos überwältigen können. Aber Damian, der gewusst hatte, dass Harry ihr Verteidigungszauber beigebracht hatte und der es nie geschafft hatte sie zu besiegen, wenn sie bei ihrem Training gegeneinander gekämpft hatten, hatte es für nötig gehalten Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.

Ja, jetzt im Nachhinein wurden ihr viele Dinge klar. Die Fotos, die Briefe, der Angriff mit dem vergifteten Messer, ihre Albträume…

Er hatte wahrlich keine Zeit verschwendet, dachte sie bitter und dachte zurück an den Traum, der sie in der zweiten Nacht nach ihrer Ankunft in Hogwarts heimgesucht hatte. Dass ihre Albträume nicht von selbst gekommen waren, sondern von den Kräutern herrührten, die Damian ihr verabreicht hatte, hatte sie nur so lange getröstet, bis Pomfrey ihr die Wirkung der Kräuter erklärt hatte. Wie er sie gehasst haben musste, Harry und sie. Mit einem Schaudern schlang Ginny ihre Arme um sich, weigerte sich den Gedanken zu verfolgen, was geschehen wäre, falls er mit seinem Rachefeldzug Erfolg gehabt hätte. Wenn nicht die Lehrer und Auroren gewesen wären, hätte Harry keine Chance gehabt den Kampf zu überleben. Und wenn Sirius sie nicht rechtzeitig gefunden hätte…

Ginny schüttelte heftig den Kopf, verdrängte den Gedanken mit aller Macht. Schließlich wurde sie ruhiger. Aber als sich ihre Hand um das kleine Smaragdherz schloss, welches an ihrer Kette hing, war sie nicht mehr länger fähig ihre Tränen zurückzuhalten. Es war ihr, als wäre das Schmuckstück die letzte Verbindung zu Harry, die ihr geblieben war; der einzige Beweis der tiefen Liebe, die sie einst miteinander verbunden hatte. Blind vor Tränen starrte sie hinauf in den dunklen Himmel. Wenn sie wenigstens gewusst hätte, wie es Harry gerade ging. Oh, wenn sie doch nur bei ihm sein könnte! Sie sehnte sich nach Harry mit jeder Faser ihres Seins und doch fürchtete sie sich davor ihm wiederzubegegnen.

Jäh wandte sie sich erschrocken um. Aber sie hatte bloß das Rascheln von Melanies Decke gehört. Fröstelnd, zog Ginny ihre Knie zu sich. Sie konnte nicht mehr. Sie hatte das Gefühl langsam den Verstand zu verlieren. Und vielleicht tat sie es ja wirklich. Bei jedem lauteren Geräusch zuckte sie zusammen; musste sich immer wieder vergewissern, dass jeder, mit dem sie es zu tun hatte, auch tatsächlich derjenige war, für den sie ihn hielt; sie hatte Angst irgendetwas zu essen oder zu trinken; des Nachts quälten sie Albträume und das Gefühl, dass sie Harry verraten hatte, war stets allgegenwärtig.

Seit dem Tag, an dem Damian sie in die geheime Kammer gelockt hatte, war sie nicht mehr sie selbst gewesen. Harrys vermeintlicher Verrat hatte sie bis ins Innerste verwundet. Und dann der schreckliche Abend, an dem sie aus dem Fenster gesprungen war. Doch an jene Augenblicke konnte sie sich kaum erinnern. Alles verschwamm zu einem einzigen Wirrwarr von Gefühlen und Gedanken. Ja, sie konnte nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob sie Angst gehabt hatte, als sie gefallen war.

Hermiones gellende Schreie jedoch würde sie bis an ihr Lebensende nicht mehr vergessen. Als Pomfrey sich eine Weile später um sie beide gekümmert hatte und ihr langsam aufgefallen war, wie bleich Hermiones Gesicht war, hatte sie begriffen, wie viel Leid sie all jenen zugefügt hätte, die ihr nahestanden. Ihr Tod hätte ihren Eltern das Herz gebrochen und ihre Brüder wären wohl außer sich vor Kummer gewesen, doch in diesem einen Moment hatte sie nicht an ihre Familie gedacht.

Und während sie sich noch bemüht hatte zu verstehen, dass sie wirklich versucht hatte Selbstmord zu verüben, hatte der nächste Schock nicht lange auf sich warten lassen. Von Damians Befragung wusste sie ebenfalls nur noch wenig. Sobald sie begriffen hatte, was alle glaubten, war sie nicht länger fähig gewesen zuzuhören. Harry war es nicht gewesen. Harry war es nicht gewesen. Gnadenlos hatte die Stimme in ihrem Kopf widergehallt und die übrige Befragung einfach ausgeblendet. Nach einer Nacht, in der sie bloß geschlafen hatte, weil Pomfrey ihr einen Schlaftrunk gegeben hatte, hatte sie die Heilerin gebeten ihr alles nochmals zu erzählen. Sie hatte es wissen müssen, jedes kleine widerwärtige Detail. Und mit jedem weiteren Wort war ihr Hass auf Damian gewachsen.

Doch sie wollte jetzt nicht über Damian nachdenken, wollte nicht darüber nachdenken, dass sie in ihm noch vor wenigen Wochen einen guten Freund gesehen hatte. Ihre Gedanken aber wollten ihr nicht gehorchen. Was hatte er nur gedacht? War er so besessen davon gewesen sich zu rächen, dass er niemals an seine Zukunft gedacht hatte? Hatte er geglaubt, er würde Harry am Ende besiegen? Oder war ihm sein eigenes Schicksal gleichgültig gewesen?

Und nun ist er tot, dachte sie, öffnete das Fenster und atmete die eisige Luft ein. Sie wusste, warum er es getan hatte und doch empfand sie keinerlei Bedauern über seinen Tod, geschweige denn Mitleid. Wenn sie ehrlich war, war sie sogar froh darüber, dass er nicht mehr am Leben war, erleichtert. Auf eine Weise, die sie nicht ganz erklären vermochte, erschreckte sie das zutiefst, aber abgesehen von der kurzen Zeitspanne, in der sie geglaubt hatte, Harry habe ihren Vater getötet, hatte sie nie zuvor jemanden derart gehasst.

Ginny presste die Hände gegen ihre heißen Wangen und schloss flüchtig die Augen. Wie sehr sehnte sie sich danach einzuschlafen, wenigstens für ein paar Stunden alles zu vergessen, was geschehen war. Es war einfach zu viel gewesen, dachte sie. Bevor sie wahrhaftig begriffen hatte, dass Harry unschuldig war, waren ihre Eltern nach Hogwarts gekommen. Sie hatte es nicht gewollt, aber da sie noch minderjährig war, hatten die Lehrer keine andere Wahl gehabt, als ihre Eltern zu benachrichtigen. Soweit sie wusste, hatte McGonagall ihnen lediglich gesagt, dass Damian Graywood sie vergewaltigt hatte, was allerdings nur ein kleiner Trost war.

Für eine Woche hatte ihre Familie sie zu Hause behalten. Sie hatten ihr Fragen gestellt. Doch sie hatte sich geweigert auch nur eine einzige Frage zu beantworten, was beinahe zu einem Streit geführt hätte. Aber sie hatte es nicht über sich gebracht ihnen zu erzählen, dass sie geglaubt hatte, es wäre Harry gewesen. Nicht nachdem sie ihrer Familie so oft versichert hatte, dass Harry ihr niemals etwas tun würde. Außerdem hätte das dazu geführt, dass sie ihnen von der Zeit erzählen hätte müssen, die sie im Hauptquartier des Dunklen Lords verbracht hatte, dem Grund, warum Damians Kräuter die Albträume überhaupt erst hatten bewirken können, etwas, womit sie sich selbst noch nicht recht auseinandergesetzt hatte.

Am siebten Tag hatte sie ihrer Familie gesagt, sie würde nach Hogwarts zurückkehren. Erdrückt von zu viel Fürsorge hatte sie es im Fuchsbau nicht mehr ausgehalten. Ihre Elternhatten sie nicht gehen lassen wollen, aber sie hatte darauf bestanden. Allerdings hatten sie erst widerwillig nachgegeben, als sie versprochen hatte stets in Rons oder Hermiones Nähe zu bleiben, wenn sie sich nicht gerade im Klassenraum befand. Aber nun konnte sie nicht anders als zu denken, dass es besser gewesen wäre zu einem Ort zu flüchten, wo sie allein sein konnte, wo sie über alles nachdenken konnte.

Sie musste ihre Gefühle ordnen, musste irgendwie den Mut aufbringen sich bei Harry zu entschuldigen und ihm zu erklären…

Doch wie sollte sie ihm ihr Verhalten erklären, wenn sie es selbst nicht verstand? Wie konnte sie ihn nach all dem, was geschehen war, um Verzeihung bitten? Wie konnte er sie da immer noch lieben? Und wie sollte sie je ihre Furcht überwinden, die sie erfasste, wenn sie auch nur daran dachte ihn wiederzusehen?

Ja, dachte sie, einen Ort, an dem sie Ruhe finden würde können, an dem sie sich darüber klar werden konnte, warum sie es geglaubt hatte, ein Ort, wo niemand ihr irgendwelche Fragen stellte, wo niemand sie mit sorgenvollem Gesicht ansah, wo sie vielleicht wieder zu sich kommen konnte. Und als ihr Kopf auf ihre Knie sank und ihre Augen zufielen, träumte sie von einem Ozean, einen verlassenen Strand, hohe Klippen, die in den Himmel ragten, Wellen, die auf sie zurollten, während am Horizont die Sonne unterging…


Harry wachte mit den schlimmsten Kopfschmerzen auf, die er je gehabt hatte. Obgleich es in seinem Zimmer halbdunkel war, war es immer noch hell genug, dass das Licht seine Schmerzen ins Unerträgliche steigerte. Und so hatte er seine Augen kaum geöffnet, als er sie mit einem leisen Stöhnen wieder schloss und eine Hand auf seine Stirn legte.

„Harry? Wie geht es dir?"

Sirius' Stimme erkennend, schwand Harrys Anspannung.

„Schrecklich.", murmelte er.

„Könntest du mir bitte ein Glass Wasser holen?"

Anstatt des Wassers brachte Sirius ihm jedoch einen Kräutertee. Der Tee schmeckte ebenso scheußlich, wie er sich fühlte, aber er war dermaßen durstig, dass er sogar um mehr bat. Nachdem Sirius ihm geholfen hatte zu trinken, sank er zurück in seine Kissen und fragte:

„Wo ist Dad?"

„Er schläft. Er war die letzten Tage die ganze Zeit bei dir, aber Remus und ich konnten ihn endlich davon überzeugen, dass er zu nichts zu gebrauchen wäre, würde er zusammenbrechen."

„Wie lange war ich bewusstlos?"

„Vier Tage. Du hast uns ziemliche Sorgen gemacht. Soll ich dir etwas zu essen bringen?"

„Nein, noch nicht.", flüsterte Harry, ehe er kurz darauf wieder einschlief.

Und obwohl er genauso hungrig war, wie er durstig gewesen war, dauerte es noch einen ganzen Tag, bis er imstande war etwas zu sich zu nehmen. Dieses Mal erholte er sich deutlich langsamer, als er es getan hatte, nachdem er das Schloss des Todes zerstört hatte. Er fühlte sich derart schwach und krank, dass es ihm nicht einmal seltsam vorkam, dass sich sein Dad um ihn kümmerte. Beinahe eine Woche musste vergehen, ehe er seinen Vater fragte:

„Warum bist du nicht im Ministerium? Hast du dir ein paar Tage frei genommen?"

James sah ihn an und seufzte.

„Nein. Ich arbeite nicht länger im Ministerium."

„Was? Warum nicht?", fragte Harry verblüfft.

Sein Dad zog eine Augenbraue hoch.

„Was hast du erwartet, Harry? Die Vorschriften für diejenigen, die im Ministerium arbeiten, sind streng. Dass ich einige Informationen für mich behalten habe, wäre wohl nicht so schlimm gewesen. Dass ich dich ins Ministerium geschmuggelt habe, wäre mir vielleicht auch noch verziehen worden. Aber dass ich nichts getan habe, um dich davon abzuhalten die Wachen bewusstlos zu zaubern, Graywoods Zelle zu betreten und ihn dann noch zu foltern, war…"

„Er hat sich erholt, oder? Als er mich in Ainsworth herausgefordert hat, war er gesund und munter. Aderley sollte froh sein, dass die meisten Todesser jetzt tot oder gefangen sind!"

„Das mag sein, aber das ändert nichts. Ich bin für das verantwortlich, was ich tue. Ganz zu schweigen davon, dass ich dir mein Auror-Abzeichen gegeben habe, was natürlich verboten ist. Aderley hatte keine andere Wahl, als mich zu entlassen, Harry. Wenn er über meine Taten hinweggesehen hätte, hätte er seine eigene Position gefährdet. Einige Leute im Ministerium sind unzufrieden genug, wie er alles gehandhabt hat. Er hat das Gesetz mehr als einmal für dich gebeugt. Vergiss das nicht. Er wird ohnehin früher oder später nach Godric's Hollow kommen. Er wird mir dir sprechen wollen."

Es war ungerecht, dachte Harry wütend. Aber er sagte nichts. Als er begriff, dass sein Dad die vergangenen Wochen wirklich zu Hause gewesen war, überkam ihn Scham. Seine Entschlossenheit Graywood ausfindig zu machen, hatte jedoch alles andere in den Hintergrund geschoben und folglich hatte er mit seiner Familie auch kaum ein Wort gewechselt.

„Ich habe nicht an die Konsequenzen gedacht. Aber du kanntest sie. Und doch hast du mir geholfen. Warum? Weil ich gesagt habe, ich würde in jedem Fall ins Ministerium einbrechen?"

„Ich liebe dich, Harry. Du bist mein Sohn. Sollte ich dir da nicht helfen, wenn du es nötig hast? Außerdem hatte ich das Gefühl, es dir schuldig zu sein. Immerhin habe ich dir den Schlaftrunk verabreicht."

Tief gerührt, starrte Harry seinen Vater an. Er wollte ihm sagen, wie dankbar er war, wie sehr er alles bedauerte und doch wollten ihm keine Worte einfallen. Im nächsten Moment setzte sich sein Dad auf sein Bett und umarmte ihn fest.

„Gib dir keine Schuld, Harry. Es war meine Entscheidung. Und würde ich wieder vor der gleichen Entscheidung stehen, würde ich dieselbe treffen. Mach dir keine Sorgen. Sirius und ich werden etwas anderes finden."

„Sirius? Aber er hat nichts getan!"

„Nein. Aber er hat gesagt, dass er ohne mich keine Todesser jagen will. Er hat seine Kündigung eine Stunde nach meiner Entlassung eingereicht."

Harry schüttelte den Kopf und sank langsam in die Kissen zurück.

„Weiß ich nun alles oder ist noch mehr geschehen, von dem ich keine Ahnung habe?"

„Nun ja, Remus hat eine Woche zuvor eine Arbeit gefunden, in einem Waisenhaus für kleine Kinder, die Werwölfe sind. Er unterrichtet sie und wie es scheint, ist er wunschlos glücklich dort."

Harry lächelte. Wenigstens das waren gute Nachrichten.

„Ich freue mich für Remus.", sagte er, wissend, wie schwierig es für Remus gewesen war all die Monate seit der Krieg geendet hatte zu Hause bleiben zu müssen.

Unwillkürlich warf er einen Blick zum Fenster. Draußen regnete es. Der Himmel war grau.

„Harry…"

James' zögernde Stimme ließ ihn wieder auf seinen Vater schauen.

„Warum hast du mir nichts von der Verbindung erzählt? Vertraust du mir nicht?"

Also das war es gewesen, was ihn belastet hatte, dachte Harry, als er sich aufsetzte und eine Hand auf James' Arm legte.

„Natürlich vertraue ich dir. Ich weiß, ich hätte es dir sagen sollen. Aber ich habe es keinem erzählt. Nicht einmal Ginny. Ich…ich wollte meine Vergangenheit vergessen, Dad. Und als ich erfuhr, dass…"

Als die Tür geöffnet wurde und Sirius hereinkam, brach Harry ab.

„Aderley ist hier, zusammen mit seinen Auroren und Dumbledore und Snape. Sie wollen mit dir sprechen, Harry."

Harry wollte soeben sagen, dass er sich noch nicht gut genug fühlte, um Besucher zu empfangen, als James bemerkte:

„Es wäre besser, wenn du mit ihnen sprechen würdest, Harry. Ich habe Aderley schon mehrere Male vertröstet."

Harry unterdrückte ein Seufzen, aber da er wusste, dass er dem Minister eines Tages gegenübertreten würde müssen, nickte er schließlich. Und so verließ Sirius das Zimmer, um bald darauf mit seinen Besuchern zurückzukehren.

Als Harry Snape erblickte, fühlte er eine seltsame Erleichterung in sich aufsteigen. Er hatte nicht gewusst, ob er erfolgreich gewesen war Snape und Narcissa von denjenigen auszunehmen, von denen er sich Magie geborgt hatte. Nachdem sie sich alle hingesetzt hatten und Binky ihnen Tee gebracht hatte, richtete Aderley seine Augen auf ihn und sah ihn unverwandt an.

„Sie haben mir versprochen Schwarze Magie zu vermeiden, wenn es möglich wäre. Und doch haben Sie in Kauf genommen, als Sie nach Ainsworth gingen, dass Sie die Verbindung, die der Dunkle Lord Ihnen hinterlassen hat, benutzen würden. Sie können mir nicht sagen, dass Sie sich nicht darüber im Klaren waren, dass Graywood versuchen würde Sie in eine Falle zu locken. Also frage ich Sie, Mr. Potter, weshalb haben Sie mich und das Ministerium nicht informiert, anstatt sich selbst und alle anderen in Gefahr zu bringen und überdies auch noch beinahe ihren eigenen Vater und Miss Weasley zu töten?"

Harry erwiderte Aderleys Blick und weigerte sich anmerken zu lassen, wie sehr ihn dessen Worte getroffen hatten.

„Warum haben Sie uns nicht informiert? Da uns die Wahrheit bereits bekannt war, haben Sie sicherlich nicht angenommen, dass wir Ihnen nicht glauben würden, nicht wahr? Folglich kann ich nur vermuten, dass es Ihnen gänzlich gleichgültig war, was geschehen würde, solange Sie nur Ihre Rache bekommen würden."

Seit dem Kampf hatte er seine Magie nicht mehr angewandt, aber der Zorn, den Aderleys Worte in ihm entfacht hatten, brachte seine Magie zum Brodeln. Dennoch zwang sich Harry dazu ruhig zu bleiben.

„Ich wusste nicht, dass mein Dad und Sie mir folgen würden. Was Graywood betrifft, ja, ich wollte Rache und ich bedauere es nicht im Mindesten, dass ich ihn getötet habe. Er hat es verdient."

„Er hat eine Gerichtsverhandlung verdient, Mr. Potter! Sie hatten kein Recht…"

„Nach all dem, was er getan hat, Minister, denke ich, ich hatte das Recht.", unterbrach Harry eisig.

Und das leere Glass, welches auf seinem Nachttisch stand, zerbrach. Die Auroren verstärkten ihren Griff um ihre Zauberstäbe, aber Harry schenkte ihnen keine Beachtung, als er auf die unzähligen Scherben starrte. Seine Magie wieder unter Kontrolle zwingend, hob er den Kopf, sah den erschrockenen Blick seines Dads und murmelte eine Entschuldigung.

Für einen Moment herrschte völlige Stille. Dann sagte Aderley:

„Denken Sie nicht, dass ich nicht verstehe, warum Sie es getan haben, Harry. Aber es war falsch. Können Sie mir sagen, was geschehen wäre, wenn Sie Miss Weasley nicht rechtzeitig erkannt hätten? Und wenn Sie nicht fähig gewesen wären, das zu tun, was immer Sie taten, bevor der Fluch sie getroffen hat? Sie wäre jetzt tot, nicht wahr?"

Der Zorn verließ ihn so plötzlich, wie er über ihn gekommen war. Und erschüttert von einer Wahrheit, die er nicht länger ignorieren konnte, schloss Harry seine Augen.

„Aderley! Ginny lebt, also ist es vollkommen müßig darüber zu reden, was alles geschehen hätte können!", rief James aus.

„Und wenn Ihr Vater nicht gestolpert wäre und hingefallen wäre, wäre er jetzt ebenfalls tot, nicht wahr?", fuhr Aderley mit einem raschen Seitenblick auf James in solch einer harten und lauten Stimme fort, dass Harry seine Augen wieder öffnete.

Diesmal brachte er es jedoch nicht über sich Aderley anzusehen.

„Ja.", flüsterte er, sich wünschend, sie würden ihn endlich in Ruhe lassen.

„Also müssen Sie erkennen, wie gefährlich es ist.", hörte er den Minister nach einer kurzen Pause sagen.

„Außerdem sind all diejenigen Todesser, die wir als Mitglieder des Inneren Kreises identifiziert haben an jenem Tag, als wir auf den Hügeln von Ainsworth kämpften in ihren Zellen zusammengebrochen. Sie erholen sich langsam wieder, aber ich muss zugeben, das ihr Anblick und vor allem die Geschehnisse auf den Hügeln von Ainsworth mich ziemlich beunruhigt haben."

Während Aderley noch sprach, sah Harry zu Snape, doch der ehemalige Spion schüttelte unmerklich den Kopf.

„Ich möchte von Ihnen eine ehrliche Antwort hören. Kann diese Verbindung zerstört werden?"

Harry wandte sich wieder dem Minister zu und sagte müde:

„Ich weiß es nicht. Ich habe nach einem Weg gesucht, aber bisher habe ich keinen gefunden. Ich denke, die Verbindung wird so lange bestehen bleiben wie diejenigen, die mir Treue geschworen haben am Leben sind."

Aderley musterte ihn kurz und schaute anschließend zu Albus Dumbledore.

„Albus?"

Harry fühlte den scharfen Blick des Schulleiters auf sich, als dieser nachdenklich den Kopf neigte.

„Ich weiß zu wenig über die Verbindung, um gleich jetzt antworten zu können, doch wenn Severus und Harry mir alles erzählen würden, was sie darüber wissen, könnte ich vielleicht einen Weg finden, wie sie zu zerstören ist."

„Sie sind einverstanden mit dem Schulleiter zusammenzuarbeiten, nicht wahr, Harry?"

Es hatte nicht gerade nach einer Frage geklungen, aber offensichtlich erwartete der Minister eine Antwort. Und auch wenn er nicht glaubte, dass Dumbledore mehr Wissen über die Dunklen Künste hatte als er, nickte er resignierend.

„Ja."

„Gut. Dann ist das geklärt. Aber da diese Verbindung vorläufig wohl nicht zerstört werden kann: werden Sie mir schwören, dass Sie die Verbindung nicht wieder benutzen werden?"

„Ja."

Ohne den Blickkontakt zu brechen, griff Aderley in eine seiner Taschen und holte einen kleinen, runden Gegenstand hervor. Es ähnelte den Abzeichen, die von den Auroren getragen worden und Harry betrachtete es argwöhnisch. Der Minister legte es auf den Tisch und sagte:

„Wenn Sie diesen Anstecker bei sich tragen, können Sie das Ministerium jederzeit verständigen, wo immer Sie sich auch aufhalten. Sollten Sie in Zukunft angegriffen werden, will ich, dass Sie uns sofort rufen. Werden Sie das tun?"

„Ja.", sagte Harry ausdruckslos.

„Und wie soll ich wissen, ob Sie Ihr Wort dieses Mal halten werden?"

Harry starrte den Minister an, aber ehe er sich hätte entscheiden können, was er entgegnen sollte, fuhr Aderley fort:

„Wir befinden uns nicht mehr im Krieg, Harry. Und selbst Sie haben nicht das Recht Selbstjustiz zu üben. Ich werde Ihnen eine letzte Chance geben, aber wenn Sie jemals wieder jemanden töten, werden Sie verhaftet wie jeder anderer auch. Ist das klar?"

Harry nickte. Er fühlte sich derart miserabel, dass er nicht einmal Zorn verspürte. Glücklicherweise akzeptierte Aderley sein Nicken und dann stand sein Vater auf, der bemerkt haben musste, wie schlecht es ihm ging und komplimentierte sie alle hinaus. Während Sirius sie zur Tür brachte, kehrte sein Dad zu ihm zurück.

„Harry? Geht es dir gut? Harry, hör mir zu…"

„Dad, bitte, nicht jetzt. Ich bin müde."

James zögerte.

„Ich will schlafen."

„Aber morgen werden wir miteinander sprechen, Harry.", sagte James, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und ging zur Tür.

Als er endlich allein war, seufzte Harry. Doch trotz seiner Erschöpfung und seinen Kopfschmerzen, die sich beträchtlich verschlimmert hatten seit Aderley in sein Zimmer getreten war, wusste er, dass er jetzt nicht imstande sein würde zu schlafen. Bisher hatte er es mehr oder weniger geschafft seine Erinnerungen von Ainsworth zu verdrängen, aber so sehr er sich auch bemühte es so zu belassen, Aderleys Besuch hatte es unmöglich gemacht nicht an alles zu denken, was geschehen war.

Und immer noch hörte er die Stimme des Ministers: Warum haben Sie uns nicht informiert? Ja, das war in der Tat die Frage, nicht wahr?

Seine Augen wanderten zu dem Tisch und während er auf den kleinen Anstecker starrte, den Aderley ihm gegeben hatte, traf ihn die Wut, die ihn unvermutet überkam, vollkommen unvorbereitet. Wie konnte er es wagen ihm zu drohen? Wie konnte er es wagen ihm zu sagen, was er tun sollte? Gegen den Drang ankämpfend irgendetwas zu zerstören, fühlte er wie Panik sich in ihm ausbreitete, als er nicht in der Lage zu sein schien seiner Magie seinen Willen aufzuzwingen.

Du brauchst ihre Hilfe nicht! Du bist mächtiger als sie. Und anstatt widerspruchslos zu nicken, hättest du sie in ihre Schranken weisen sollen. Du hättest sie besiegen sollen, hättest sie zwingen sollen dir zu dienen…Nein! Ich will das nicht! Nein? Bist du sicher? Im nächsten Moment warf Harry seine Decke beiseite, lief ins Badezimmer und übergab sich.

Seine Kopfschmerzen wurden so schlimm, dass er glaubte sein Kopf würde jeden Augenblick platzen, aber als er schließlich zusammensank und sich gegen die Badewanne lehnte, war wenigstens sein Zorn verschwunden. Er rief nach Diri und bat die kleine Hauselfe ihm einen bestimmten Kräutertee zu bringen, der seine Schmerzen hoffentlich lindern würde und trug ihr auf dafür zu sorgen, dass seine Familie es nicht mitbekommen würde. Darauf wartend, dass Diri wiederkam, blinzelte Harry Tränen fort. Er hatte keine Kraft mehr sich selbst zu täuschen.

Er hatte vorgehabt die Verbindung zu benutzen. Er hatte Damian töten wollen. Und auch wenn er an mögliche Konsequenzen gedacht haben sollte, waren sie ihm schlicht und einfach gleichgültig gewesen.

An dem Tag, an dem er Damian in dessen Zelle im Ministerium gegenüberübergetreten war, mochte die Anwesenheit seines Vaters ihn davon abgehalten haben Graywood auf der Stelle zu töten, aber in all jenen Tagen, in denen er nach Damian gesucht hatte, hatte er nicht ein einziges Mal vergessen, dass er es lediglich seinem Phönix verdankte, dass Ginny noch am Leben war. Immer wieder hatte er sich an Damians Erinnerungen und Gefühle erinnert und unbemerkt von ihm war er von seinen Hass überwältigt worden. Und so hatte er die schlechteste Entscheidung getroffen, die er jemals hätte treffen können, als er Damians Brief bekommen hatte.

Nur eine glückliche Fügung hatte ihn davor bewahrt zum Mörder seines Vaters zu werden und wäre Ginny nicht gewesen, hätte er mit der Magie von all jenen, die an ihn gebunden waren ohne Weiteres die Auroren, Sirius und Remus und die Lehrer ebenfalls verletzen oder töten können. Harry erschauderte, als er sich an Ainsworth erinnerte. Nie zuvor hatte er sich dermaßen unbesiegbar gefühlt, nie zuvor hatte ihn ein Gefühl solcher Macht durchströmt. So furchteinflößend und doch so berauschend.

Es war nicht verwunderlich, dass Voldemort sich nach diesem Gefühl verzehrt hatte. Plötzlich lachte Harry leise auf. Begreifend, dass die verfluchte Verbindung ihm tatsächlich das Leben gerettet hatte, schüttelte er den Kopf. Wie unglaublich ironisch. Natürlich hatte sie ihn auch beinahe umgebracht, aber Harry wusste, dass er anderenfalls nicht die geringste Chance gegen die Todesser, die Damian um sich geschart hatte, gehabt hätte. Und doch konnte er sich nicht dazu überwinden dafür dankbar zu sein die Verbindung geerbt zu haben.

Ja, wäre Voldemort nicht stolz auf seine Entscheidung gewesen allein nach Ainsworth zu gehen, die Verbindung zu benutzen, seine Feinde zu töten? Und sich so sehr in dem Gefühl der Macht und in seinem Hass zu verlieren, dass er sogar diejenigen getötet hätte, die er liebte? Zweifellos hätte der Dunkle Lord dieselbe Entscheidung getroffen, dachte Harry und runzelte die Stirn, als er an ihren letzten Kampf dachte. Warum hatte Voldemort sich damals nicht mit der Magie seiner Anhänger geholfen? Hätte der Dunkle Lord es getan, hätte er ihn niemals besiegen können.

„Warum hat er mich nicht getötet? Warum hat Voldemort mich leben lassen?", flüsterte er.

„Er konnte es nicht. Er hat Miss Lily gesagt, dass er dem jungen Lord niemals ein Leid zufügen würde."

Das hohe Stimmchen erschreckte ihn und es hätte wahrlich nicht viel gefehlt und er hätte einen Schutzschild heraufbeschworen und angegriffen.

„Diri.", hauchte er, bevor er die Bedeutung ihrer Worte begriff.

Diri wollte ihm den gewünschten Tee reichen, aber Harry machte keine Anstalten ihr das Glas abzunehmen und so stellte Diri den Tee vorsichtig auf den Boden.

„Was sagst du da?"

„Er hat Miss Lily gesagt, dass er dem jungen Lord niemals ein Leid zufügen würde."

Harry starrte Diri an.

„Du willst mir sagen, dass er mich niemals hätte töten können? Dass er einen magischen Schwur geleistet hat?", fragte er, wissend, dass nur einfache Worte Voldemort nicht davon abgehalten hätten ihn zu umzubringen.

Diri sah ihn verständnislos an. Doch was sollte es sonst für eine Erklärung geben? Aber das konnte nicht sein, oder?

Geistesabwesend streckte er eine Hand nach der Teetasse aus und trank ein paar Schlucke, doch da Diri nicht imstande war seine weiteren Fragen zu beantworten, schickte er sie eine Weile später zu dem Anwalt seines Vaters, der nicht nur im Besitz eines Denkariums war, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auch keine Fragen stellen würde. Und was sogar noch wichtiger war: er würde den Mund halten, ganz im Gegensatz zu Dumbledore, sollte er das Denkarium von ihm leihen.

Während er auf Diris Rückkehr wartete, trank er seinen Tee aus, kam mühsam auf die Beine und ging langsam zu seinem Sessel. Er brauchte jedoch nicht lange zu warten. Sobald Diri ihm Mayberys Denkarium überreicht hatte, dankte er Diri und bat sie ihn allein zu lassen. Als er sich kurz darauf seine Erinnerung ansah und erkannte, dass jeder einzelne Fluch, den der Dunkle Lord gegen ihn verwandt hatte einfach von seinem Schutzschild abgeprallt war, auch solche, die zumindest einigen Schaden anrichten hätten müssen, warf Harry den Kopf in den Nacken und begann zu lachen.

Der stechende Schmerz jedoch, der hinter seiner Stirn aufflammte, ließ ihn schnell wieder verstummen. Er stellte das Denkarium mit zitternden Händen auf den Tisch und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Wenn er es bloß gewusst hätte! Er hätte Voldemort jederzeit töten können und mit der Verbindung, die Voldemort ihm hinterlassen hätte, hätte er dessen gesamte Anhängerschaft vernichten können. Niemand hätte es gewagt ihn aufzuhalten. Und er hätte die Hilfe des Phönixordens nie gebraucht. Der letzte Gedanke ließ Harry innehalten. Aber was wäre aus ihm geworden, wenn er Ginny niemals getroffen hätte?

Wenn er wirklich über Voldemorts Schwur und die Verbindung, die der Dunkle Lord zwischen ihm und dem Inneren Kreis geschaffen hatte Bescheid gewusst hätte? Kälte kroch in ihm hoch, als er sich selbst die Antwort gab. Er hätte Voldemort und seine Anhänger getötet und hätte sich in seinem Hass und seiner Rache verloren. Er hätte niemals herausgefunden, dass sein Vater noch lebte und das Opfer, welches seine Mutter gebracht hatte, wäre wahrhaftig umsonst gewesen.

Hatte seine Mutter von dem Schwur gewusst? Aber selbst wenn, es hätte wohl keinen Unterschied für sie gemacht, dachte Harry und dachte an jenen Tag zurück, an dem sie den Dunklen Lord herausgefordert hatte. Aber falls Voldemort tatsächlich solch einen Schwur geleistet hatte, warum war dann nicht auch der Todesfluch zurückgeprallt? Zwar hatte die Magie oft ihren eigenen Weg zu reagieren, aber nichts ergab einen Sinn. Es sei denn…

Auch wenn er es nicht ganz verstand, so mussten sich Lilys Zauber und Voldemorts Fluch irgendwie gegenseitig aufgehoben haben. Und mit einem Mal war er sich sicher, dass Voldemort an jenem Tag nicht so bestürzt gewesen war, weil er noch am Leben gewesen war, sondern weil der Dunkle Lord erwartet hatte, dass der Fluch zurückprallen würde.

Aber wenn er Recht hatte, warum hatte Voldemort dann niemals Vorsichtsmaßnahmen ergriffen? Hatte der Dunkle Lord gehofft, er würde ihm eines Tages vergeben? Hatte er in ihm keine Gefahr gesehen? Oder war er sich über den Schwur nicht im Klaren gewesen?

Harry sah missmutig aus dem Fenster und beobachtete, wie es regnete. Aber nach einer Weile wurde es langweilig die Regentropfen zu zählen. Als hinter ihm Schritte ertönten, wandte er sich um.

Vater!", rief er und lief auf den großen Zauberer zu.

Ich habe ein Geschenk für dich. Hier, öffne es, Henry."

Harry nahm die längliche Schachtel entgegen und öffnete sie neugierig.

Ein Zauberstab!"

Und als sich seine Hand ehrfürchtig um seinen Zauberstab schloss, da waren der Regen und die Langeweile vergessen. Mit einem strahlenden Lächeln schlang er seine Arme um seinen Vater.

Und der Dunkle Lord hatte ihm zärtlich über das Haar gestrichen. Harry blinzelte, als er daran dachte. Voldemort hatte ihm nie gesagt, dass er ihn liebte und hatte die meiste Zeit versucht eine Distanz zwischen ihnen aufrechtzuerhalten, aber das kleine Kind, das er einst gewesen war, hatte sich davon nicht sonderlich beeindrucken lassen. Auf seine Art und Weise musste Voldemort irgendetwas für ihn empfunden haben, eine Gefühlsregung, die er wohl verleugnet hatte.

Vielleicht, sann Harry nach, war es doch nicht so abwegig zu glauben, dass Voldemort sich über seine Gefühle und somit über den Schwur nicht im Klaren gewesen war. Vielleicht hatte auch der Dunkle Lord die gefährliche Macht der Dunklen Künste in seinem Unterbewusstsein gefürchtet und davor Angst gehabt, was er eines Tages tun könnte, wenn sich sein Sohn seinem Willen nicht fügte. Und so hatte er Lily gesagt, er würde ihm nie ein Leid zufügen und sein Wunsch, dass genau dies niemals passieren würde, musste stark genug gewesen sein, dass er irgendwann in einem magischen Schwur gegipfelt hatte.

Wenn er sich erinnerte, wie sicher der Dunkle Lord gewesen war, dass er ihn nicht würde besiegen können und er an Voldemorts plötzliches Begreifen dachte, als sie miteinander gekämpft hatten, schien es die plausibelste Erklärung zu sein. Und wenn der Dunkle Lord angenommen hatte, dass es Lilys Wirken gewesen war, dass er den Todesfluch überlebt hatte, hatte er sich gewiss keine weiteren Gedanken über den Grund gemacht. Ja, dachte Harry, so musste es gewesen sein.

Und als seine Augen zum Fenster wanderten und er sah, wie die Regentropfen die Fensterscheibe hinunterliefen, erkannte er, dass er trotz dem Hass, den er immer noch für den Zauberer empfand, den er einst für seinen Vater gehalten hatte, den er geliebt, bewundert und vertraut hatte, noch andere Gefühle hegte, die er tief in sich vergraben hatte, Gefühle, die er nicht näher betrachten wollte. Bis zum heutigen Tag hatte er niemals bedauert Voldemort getötet zu haben, doch jetzt ertappte er sich bei dem Wunsch noch einmal mit ihm sprechen zu wollen. Und auf diesen Wunsch folgte rasch die bestürzende Erkenntnis, dass er niemals frei von seiner Vergangenheit sein würde, solange er nicht fähig war – ja, dachte er – fähig war um die Menschen, die er einst geliebt hatte zu trauern und ihnen zu vergeben. Und nicht nur Voldemort, sondern auch Bellatrix, den anderen Todessern, die sich um ihn gekümmert hatten und – seiner Mutter.

Er hatte es nie zugegeben, aber da er an diesem Abend anscheinend damit beschäftigt war sich selbst zu analysieren, warum sollte er sich das nicht auch endlich eingestehen? Ein Teil des siebenjährigen Kindes war zornig auf seine Mutter gewesen, dafür, dass sie ihn vollkommen allein gelassen hatte, dafür, dass sie ihn dazu gebracht hatte alle anderen zu hassen, dafür, dass sie an jenem Tag in Voldemorts Gegenwart nicht still gewesen war. Und er war es immer noch. Doch wie konnte er seiner Mutter böse sein?

Sie hatte ihn gerettet, nicht wahr? Wäre sie nicht gewesen, wäre er gewiss der Erbe geworden, den Voldemort sich erhofft hatte. Und eines Tages hätte er die Todesser in den Kampf geführt, der stolze Anführer von Zauberern und Hexen, die jeden umbrachten, der es wagte sich ihnen in den Weg zu stellen. Und seine Mutter hatte das gewusst und mit der verzweifelten Hoffnung, dass er Voldemort hinreichend hassen würde, um nicht in dessen Fußstapfen zu treten, hatte sie sogar ihr Leben gegeben.

Und was habe ich getan? Sich daran erinnernd, welche Gräueltaten er begangen hatte, während er im Hauptquartier des Dunklen Lords gelebt hatte, schloss er seine Augen. Und es war nicht nur das. Bis zu jenem Tag, an dem er Ginny begegnet war, war ihm das Schicksal der Gefangenen in Voldemorts Kerkern herzlich gleichgültig gewesen. Sich einzumischen und ihnen zu helfen, war ihm überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Und darin lag wohl seine größte Schuld. Dass er die Anhänger Voldemorts gefoltert hatte, anstatt Leben zu retten. Und als er endlich die Chance gehabt hatte seine Vergangenheit hinter sich zu lassen, hatte er es seinem Hass abermals gestattet ihn auf einen Weg zu führen, dem er doch für immer entsagen hatte wollen.

So viel Hass, dachte, so viele Tote. Und er hatte nicht das Geringste aus seiner Vergangenheit gelernt, oder? Er hatte genügend Warnungen gehabt und dennoch hatte er es nicht einmal in Erwägung gezogen das Ministerium zu informieren, dermaßen blind vor Hass und seinem Verlangen die scheinbar grenzenlose Macht, die ihn stets dann ergriff, wenn er Schwarze Magie anwandte, abermals zu spüren. Und nun war er an einem Punkt angelangt, wo ihn Triumph und ein furchterregendes Glücksgefühl erfasst hatten, als er Graywood und seine Anhänger getötet hatte.

Solche Gefühle hatte er nicht einmal verspürt, als er Voldemort umgebracht hatte. Damals war eisige Kälte in ihm aufgestiegen, vielleicht ein kleines Zeichen, dass er noch nicht unrettbar an die Dunkelheit verloren gewesen war. In Ainsworth jedoch…

Wie sehr hatte er sich doch gefreut, als er begriffen hatte, dass er Damian würde töten können. Und wäre es möglich gewesen, hätte er ihn sogar vorher noch gefoltert. Aber das Schlimmste war, dass er wusste, was Damian in all den Monaten empfunden hatte. Ja, er musste sich ebenso verraten vorgekommen haben wie er selbst. Er hatte ihm und Ginny die Schuld an dem Tod seines Vaters gegeben und das es der Erbe des Dunklen Lords gewesen war, der den Sturz der Dunklen Seite zu verantworten hatte, musste ihn erst recht aufgebracht haben. Und ich habe ihn getötet.

Ja, aber erinnere dich, was er getan hat. Er hat Ginny verletzt, er hat euch beide verraten. Er hat alles zerstört. Und du hast ihn gehasst. Du wolltest ihn töten. Du musstest sicherstellen, dass er Ginny nie wieder etwas antun hätte können. Du hattest keine andere Wahl. Du musstest es ihm heimzahlen…

Aber ich hatte die Wahl, schrie Harry lautlos. Oh, was habe ich getan? Und mit einem Mal begriff er, dass es nicht so sehr die Schwarze Magie und die Dunkelheit war, die derart gefährlich für ihn waren, sondern sein Hass. Je mehr er hasste, desto schwieriger wurde es für ihn die Kontrolle über seine Magie zu behalten.

Und nun hatte er auch noch Ginny verloren, die sein Licht in der Dunkelheit gewesen war, wie er sie einst genannt hatte; Ginny, die geglaubt hatte, dass er es gewesen war, der sie in seiner Kammer vergewaltigt hatte. Aber wie konnte er ihr deswegen einen Vorwurf machen? Nach all dem, was zwischen ihnen im Hauptquartier des Dunklen Lords geschehen war? Und als sie ihm in Ainsworth hatte helfen wollen, hatte er sie zu allem Überfluss auch noch beinahe umgebracht.

Wie sollte er da nicht verstehen, wenn sie niemals wieder in seine Nähe kommen wollte? Im letztmöglichen Moment hatte er es geschafft den Fluch zu wandeln, hatte gerade noch rechtzeitig begriffen, dass es Ginny gewesen war, die seinen Namen geschrien hatte. Eine Sekunde später und Ginny wäre…

Und als der Schmerz und der Hass ihn entzweirissen und das Fenster, welches er immer noch anstarrte, zerbarst, richtete sich der Hass auf ihn selbst und auch seine Magie hasste er plötzlich, wünschte sich, er hätte nie welche besessen. Er war gefährlich, war es nicht wert, dass ihn jemand liebte. Und während er den Regen vor lauter Tränen bald nicht mehr erkennen konnte, sah er Ginnys braune Augen mit den goldenen Sprenkeln vor sich, die er so sehr liebte, weit aufgerissen, weil sie sich vor ihm fürchtete…