Epilog

Nach tausenden von Jahren standen sie sich das erste Mal wieder körperlich gegenüber. Durza betrachte erstaunt die hageren Hände, die nun zu ihm gehörten. In seinem Inneren wehrte sich der Geist des jungen Zauberers immer noch gegen den Dämonen, aber um ihn machte er sich keine Sorgen. Er hatte einen Körper und er würde ihn so schnell nicht wieder hergeben.

Sprachlos standen sie sich gegenüber, wagten nur zögerlich, sich gegenseitig zu berühren. Er strich ihr zärtlich über die Wange und lächelte. „Du siehst so anders aus..."

„Das hier ist Anjias Körper. Und sie wehrt sich. Du hattest mir versprochen, dass du einen Weg findest!" Lang konnte sie nicht mehr gegen Anjias Willen ankämpfen. Es war nur eine Frage der Zeit, dann würde Kazit'ra zurückgedrängt werden.

Durza lächelte. „Nur Geduld, ein bisschen Vorbereitung brauche ich noch." Er sah sich in dem kleinen Arbeitszimmer um, suchte verschiedene Flaschen und Kräuter zusammen, während Kazit'ra in ihrem Inneren Anjia unterdrückte. Die Tochter des Zauberers war nicht wie erhofft in Agonie gefallen, sondern wehrte sich vehement.

„Wo ist dein Siegel?", fragte er und sie deutete auf das Bücherregal. „Haeg hatte es auf ein Stück Leder gezeichnet. Es war immer dort irgendwo verwahrt...", presste sie mühsam hervor. Die Zeit wurde wirklich knapp.

Der Schatten durchwühlte das Regal, fand sogar „Du ethgerí Freohris", aber von Kazit'ras Siegel keine Spur. Ungeduldig wühlte er die Bücher und Schriftrollen durch, die vorher auf dem Tisch gelegen hatten, dann fand er endlich die komplizierte magische Zeichnung, mit der seine Gefährtin gerufen wurde. Er breitete das Lederstück auf dem Boden aus und bereitete die besondere Beschwörung vor, mit der Anjias Geist aus ihrem Körper gerufen werden konnte, damit Kazit'ra diesen allein übernahm. „Stell dich hinein.", sagte er nur knapp und entzündete eine Handvoll Feuerstrauch im Räucherbecken. Er hatte bereits eines seiner letzten „Leben" damit verbracht gehabt, nach einer Möglichkeit zu suchen, wie Kazit'ra allein in einem Körper bleiben konnte.

Er würde Anjias Geist an sich selbst binden, dann konnte sie in der empfindlichen Phase nicht doch noch zurück in ihren eigenen Körper fahren. Außerdem würde dann hoffentlich auch der Geist des jungen Zauberers in seinem Inneren aufhören zu toben. Das wurde langsam lästig.

Er hatte in den letzten Jahrtausenden viel an Wissen und Macht aufgenommen. Zum Teil von den Zauberern, in deren Körper er gefahren war, zum Teil durch das Töten anderer Schatten, aber auch er selbst war nicht untätig gewesen. Wann immer er Zeit gefunden hatte in seinen „Leben" zuvor, hatte er gelesen. Durza, der Gelehrte. So nannten ihn die anderen Dämonen und machten sich über ihn lustig. Aber sie würden schon sehen, irgendwann würde er es so weit bringen wie noch kein Schatten zuvor. Er hatte nicht vor, sich zu verstecken. Er würde sich der Welt zeigen und sie verändern. Mit seiner Gefährtin an der Seite.

Er atmete tief durch und begann, die Beschwörung zu intonieren, die er vor so langer Zeit gefunden hatte. Kazit'ra stand in ihrem Siegel und wartete ungeduldig. Als sie spürte, wie der Geist der Zauberertochter sie verließ, begann sie zu lachen. Ein dunkler Schemen war es, nichts weiter, und diesen nahm Durza in sich auf, befreite sie von Anjia.

Ihr stockte der Atem. Ihr Herz schlug, aber unregelmäßig. Sie schnappte nach Luft, aber sie hatte vergessen wie es war, selbst zu atmen. Zu lange schon war sie nur noch ein Geist gewesen, ohne Körper, ohne Bedürfnisse wie die nach Sauerstoff oder ein schlagendes Herz. Sie sackte auf die Knie und griff sich an die Brust, aber das Herz lag nun still da.

Für Durza brach eine Welt zusammen. Er fiel neben Kazit'ra auf die Knie und fing sie auf, als ihr gestohlener Körper ganz aufgab. Er schrie in Wut und Verzweiflung, aber nichts konnte ändern, was hier geschah. Sie war zu schwach, um den Geist eines anderen auf Dauer zu unterdrücken. Aber ohne einen Geist, der es gewohnt war, einen Körper am Leben zu halten, starb die Hülle und bot dem Dämonen keinen Platz mehr.

Hilflos musste er zusehen, wie Kazit'ras Geist davon stob, während er eine Leiche im Arm hielt. Er schrie und fluchte in allen ihm bekannten Sprachen, doch es war zu spät.

Einige Zeit später hatte er alles für seine Abreise vorbereitet. Er hatte halbwegs angemessene Kleidung gefunden, nur das Schuhwerk ließ zu wünschen übrig. In der nächsten Ortschaft würde er sich ein Paar Stiefel zulegen. Er nahm Carsaibs Schwert mit, es gefiel ihm, außerdem noch einige Bücher und Kazit'ras Siegel. Sein eigenes, das seine Gefährtin heimlich unter dem Arbeitstisch des Zauberers gemalt hatte, belegte er mit einem Schutzzauber. Er würde es vielleicht noch einmal brauchen.

Er verließ die Höhle und verschloss sie mit einigen Felsen und Geröll. Wenn er sich tatsächlich einmal auf dem Siegel in der Höhle würde materialisieren müssen, konnte er das von innen wieder beseitigen. Aber so hatte er einen sicheren Ort, wie ihn jeder Schatten brauchte. Eine letzte Zuflucht, wenn alles andere scheitern sollte.

Nun aber war es Zeit, sich um die lästigen Geister in seinem Inneren zu kümmern. Sowohl Carsaib wie auch Anjia wollten die Banditen tot wissen, die Haeg erschlagen hatten. Er würde ihnen geben, was sie verlangten. Weniger aus Mitleid sondern viel eher in der Hoffnung, dass sie dann ruhiger werden würden. Er hätte sie auch so zum Schweigen bringen können, aber ihm war auch nach Ablenkung. Außerdem war es angenehmer, mit den schwächeren Geistern in seinem Innern eine Art von Frieden zu schließen, anstatt sie nur zu unterdrücken.

Durza schulterte den Beutel mit den Büchern, rückte den Schwertgürtel gerade und wandte sich nach Süden, folgte den Spuren der Mörder. Er würde keinen von ihnen am Leben lassen.

ENDE

A/N: Das war's. Die Fortsetzung habe ich schon begonnen und wird in den nächsten Tagen erscheinen. Voraussichtlicher Titel: „Schattenspiele", bin mir noch nicht so ganz einig. Auf jeden Fall werdet ihr dann erfahren, wie Durza in die Dienste von Galbatorix trat und wie die Wyrdfell die Drachenreiter besiegten ;)