Kapitel 24 – die frischesten Shrimps in ganz Kryta

Sie ließen mich nicht zu ihr.

Die ganze Nacht hindurch kam nicht einer der Heiler, um mir zu berichten, wie es um Arrhakesh stand. Laranthir hatte ihr vermutlich das Leben gerettet; während ich nur verzweifelt neben ihr gekniet und sie angefleht hatte, wieder zu atmen, war Laranthir durch die nächtlichen Gänge geirrt und hatte Hilfe geholt. Vier Heiler hatten Kesh dann auf eine große Trage gehievt und mit sich genommen, und die ganze Zeit über hatte nichts sie aus ihrer Starre befreien können. Dann waren sie verschwunden, um mich in der Stille und Dunkelheit allein zu lassen.

Laranthir hatte noch versucht, mich mit seinen Worten zu beschwichtigen, doch es half nichts. Schließlich war er eingeschlafen, und jetzt begleitete mich nur das Geräusch seines gleichmäßigen Atems. Auch mein Körper sehnte sich nach nichts mehr wie nach einer ordentlichen Mütze Schlaf, doch mein Geist war zu aufgewühlt. Solange ich nicht wusste, wie es um Kesh stand, war an Schlaf nicht zu denken. Meine Glieder schmerzten, meine Augen fielen ständig zu und mein Kopf brummte, als hätte ich meinen Hammer auf ihn niedersausen lassen, doch ich fand keine Ruhe. Natürlich hatte ich versucht, zu Kesh zu gelangen. Ich hatte die Gänge abgesucht, etliche Türen geöffnet, und nichts dahinter gefunden. Nur eine von ihnen war verschlossen gewesen, und auch durch Klopfen änderte sich nichts daran. Hinter der hölzernen Barrikade konnte ich leise Stimmen hören, Klirren von medizinischen Instrumenten, ab und an bellende Befehle. Als ich später noch einmal zu dieser Tür kam, waren die Geräusche verstummt, aber ich hatte noch immer keine Möglichkeit, hineinzukommen.

Deshalb saß ich nun hier auf Keshs Bett, gehüllt in einen staubigen Lumpen, der als Decke diente, die Knie an die Brust gezogen und die Augen halb geschlossen. Jetzt war die Hitze des Tages vollständig verflogen und es wurde überraschend frisch, sodass ich selbst unter meiner Decke etwas fror. Das wäre nicht passiert, wenn Kesh hier gewesen wäre, um mich mit ihrem warmen Fell vor der Kälte zu schützen… Wenigstens roch der Lumpen nach ihr, nach dem leicht muffigen Geruch ihres Fells. Wie der wohlige Geruch einer alten Wolldecke… und auch genauso kuschlig…

Ich hatte zeitweise nicht einmal mehr die Kraft, über irgendetwas nachzudenken, und verbrachte gefühlte Stunden damit, einfach nur die Dunkelheit anzustarren. In meinem Kopf befand sich nur noch die Sorge um meine Freundin, und ich hatte Angst, allein gelassen zu werden. Bisher hatte ich mir noch keinen Gedanken in diese Richtung erlaubt, aber die Flucht war für mich nur deshalb erträglich gewesen, weil ich nicht alleine war. Arrhakesh war bei mir gewesen, die ganze Zeit über, und wenn sie jetzt starb, war ich ganz auf mich allein gestellt. Die anderen konnten überall auf diesem Kontinent verstreut sein; wer wusste schon, wohin es sie nach dem Angriff verschlagen hatte?

Narru war vermutlich nach Rata Sum gegangen, Nahraija höchstwahrscheinlich in den Hain. Was war mit Levinny? Sie war zwar so wie ich, aber irgendwo war sie doch eine Sylvari. Auch wenn ich rein gar nichts über das Leben wusste, das sie hier in Tyria führte, schien es mir nur logisch, dass der Hain ihre nächste Anlaufstelle sein würde. Sobald Arrhakesh wieder auf den Beinen war – wovon ich ausging, denn ihren Tod würde ich nicht verkraften können -, wären das die ersten beiden Orte, die ich gemeinsam mit ihr aufsuchen wollte. Von den anderen Hauptstädten waren die in Maguuma am kürzesten entfernt, und möglicherweise hatte sich das Portalproblem bereits geklärt, wenn wir dort angekommen waren.

Unbewusst war ich dazu übergegangen, die einzelnen Strähnen in meinem Haar zwischen den Fingern zu zwirbeln und dort, wo sie sich bereits gelöst hatten, wieder zusammenzuflechten und in den Zopf zurück zu stecken. Diese Bewegung hatte etwas Beruhigendes an sich, und es erinnerte mich an das Gefühl von Unbeschwertheit, das mich in den wenigen Minuten erfasst hatte, die ich bei den kleinen Kindern auf der Straße gesessen hatte. Doch dann lehnte ich mich zurück gegen die kalte Wand und erinnerte mich daran, dass ich mir diese Unbeschwertheit nicht erlauben durfte, solange ich nicht wusste, wie es jetzt vor allem mit Arrhakesh weiter ging.

Wieder lauschte ich in der Dunkelheit, in der Hoffnung, irgendein Geräusch zu vernehmen, einen Hinweis darauf, dass sich etwas tat. Ein paar Patienten stöhnten, manch ein Bett knarzte, und mehr als einer schnarchte, darunter auch Laranthir. All diese Geräusche hatte ich jedoch vor Stunden schon ausgeblendet, und jetzt konzentrierte ich mich auf alles andere. Draußen auf der Straße kämpften zwei Katzen miteinander, ich konnte ihre Schreie und ihr Fauchen hören, während sie versuchten, sich gegenseitig zu verjagen. Ein paar Betrunkene mussten sich ganz in der Nähe des Gebäudes aufhalten, denn ihr lautstarkes Lallen war von diesem Zimmer aus gut zu hören. Da war eine Eule auf der nächtlichen Jagt, das Gesumme einer Fliege, die nicht recht Ruhe geben wollte… Aber sonst nichts.

Arrhakesh war tot. Es konnte nicht anders sein. Sie hatten versucht, meine Freundin zu retten, und waren dabei gescheitert – deshalb die Stille, die schließlich im Operationszimmer eingekehrt war. Aber hätte man mir dann nicht sofort Bescheid geben können? Oder dachten sie, mich schonen zu wollen, bis der Tag anbrach oder etwas anderes mir genug Ablenkung brachte?

Überraschend deutlich erinnerte ich mich an einen ganz bestimmten Moment aus meiner Menschenzeit. Es war Winter gewesen, und genau wie jetzt mitten in der Nacht. Alleine hatte ich im kaltweißen Flur des Krankenhauses gesessen und dem gelegentlichen Quietschen gelauscht, das die Krankenhausbetten von sich gaben, wenn man sie über die Fliesen schob. Ich hatte genau gewusst, dass mich nur eine einzelne Wand von meinem Vater trennte, der in diesem Moment notoperiert wurde. Ein Autounfall, für den mein Vater nicht einmal verantwortlich gewesen war. Zwei betrunkene Idioten hatten es für eine brillante Idee gehalten, vollkommen dicht ins Auto zu steigen und anderen Autos hinterher zu jagen, und dabei waren ihnen auch rote Ampeln gleichgültig gewesen. Mit voller Wucht hatten sie unser Auto gerammt, sodass es sich mehrfach überschlagen hatte und in einen stehenden LKW geprallt war. Alle Schutzengel der Welt hatten mir beigestanden und dafür gesorgt, dass ich nur mit wenigen Kratzern und einem gewaltigen Schock davon kam, doch keiner von ihnen hatte sich um meinen Vater gekümmert. Erst war ich davon überzeugt gewesen, den wichtigsten Mann in meinem Leben verloren zu haben, so wie er blutüberströmt zwischen den Scherben und dem Airbag lag und sich nicht rührte. Ein einzelnes Stöhnen war der Beweis gewesen, dass er noch lebte, und nachdem man uns mit dem Krankenwagen ins nächste Hospital gebracht hatte, waren nur wenige Minuten vergangen, bis man mich versorgt hatte. Doch mein Vater hatte Stunden in diesem Raum verbracht, und keiner war gekommen, um mir eine Information zu geben.

Letztendlich hatte mein Vater überlebt. Viele Monate Krankenhausaufenthalt und eine lange Reha hatte es gebraucht, ihn körperlich wieder fit zu bekommen. Sein Geist hingegen hatte wesentlich länger gebraucht, und seit diesem Tag war mein Vater nie wieder in ein Fahrzeug gestiegen, das mehr als zwei Reifen und einen Motor hatte. Die betrunkenen Idioten waren zu wenigen Jahren Haft verurteilt worden, konnten sich aber nur Monate später bereits freikaufen. Man fand sie weiterhin regelmäßig alkoholisiert am Steuer.

Genauso hilflos wie damals fühlte ich mich jetzt. Ich wartete auf die Schwester, die mir die erlösende Nachricht bringen würde – ganz gleich, wie es ausgegangen war. Selbst mit Keshs Tod konnte ich besser umgehen als mit dieser Ungewissheit, die an mir nagte wie tausende kleiner Ratten.

Kleine Ratte, das war Keshs liebster Spitzname für mich. Bei jedem anderen hätte ich es als Beleidigung aufgefasst. Kesh hingegen war einfach an sich bereits eine so kuriose Gestalt, dass aus ihrem Mund nichts mehr verwunderlich klang. Nicht einmal, wenn sie von ihren skurrilen Experimenten erzählte oder einen voller Aufregung bat, nach dem eigenen Tod seine Seele an sie zu verkaufen, als würde sie gerade Bonbons verticken, während wie wie eine Irre Shrimps verzehrte.

Ich schüttelte den Kopf. Es durfte nicht vorbei sein, nicht jetzt. Nicht hier.

Eine Tür öffnete sich, und lauter werdende Schritte erklangen auf dem Holzboden. Mein Kopf schnellte in die Höhe und das Blut rauschte in den Ohren, dass ich fast nicht mal mehr meinen Herzschlag hörte, während ich angestrengt in die Richtung starrte, aus der die Geräusche kamen. Das Laken rutschte mir von den Schultern, doch ich ignorierte die Kälte, denn jeden Moment konnte die erlösende Nachricht kommen.

Tatsächlich tauchte im fahlen Licht des Mondes eine Gestalt im offenen Türspalt auf, und tausende Fragen lagen mir auf der Zunge, die ich nur mit Mühe zurückhalten konnte. Doch die Gestalt war kein Heiler, sondern trug Lumpen, genau wie ich, und schien nicht einmal zu registrieren, dass diese Tür offen stand. Sie huschte einfach weiter den Flur entlang in Richtung des Aborts, und wenige Minuten später in die andere Richtung wieder zurück.

„Verdammt noch eins…" fluchte ich leise, als klar wurde, dass diese Person mir keine Hilfe sein würde. Also hieß es, weiter warten, warten, warten…

Die Kälte holte mich wieder ein, und ich kuschelte mich zurück in den Lumpen. Keshs warmes Fell fehlte, doch ich baute mir aus der Decke eine kleine Burg, in die ich mich hineindrückte, und wenn ich mit geschlossenen Augen an dem Stoff roch, konnte ich mir zumindest ansatzweise vorstellen, bei Kesh zu sein.

Anfangs ließ mich noch jedes kleinste Geräusch aufschrecken, doch irgendwann wurde mir klar, dass niemand kommen würde. Also gab ich der Erschöpfung schließlich nach, die mit der Zeit auch meinen Geist übermannt hatte, und schlief. Unruhig zwar, sodass es mir nur wenig Erholung bringen würde, aber zumindest verging die Zeit damit etwas schneller.


Flüsternde Stimmen drangen zu mir, doch ich konnte im ersten Moment noch nicht ausmachen, ob es die verwirrende Zwischenwelt des Halbschlafes war oder tatsächlich Fetzen aus der Realität, die ihren Weg durch den schläfrigen Nebel fanden. Mühsam blinzelte ich den Schlaf aus meinen Augen, bis meine Sicht einigermaßen klar war, und die Helligkeit im Raum ließ mich darauf schließen, dass es bereits Morgen sein musste.

Kurz vergaß ich den Grund meines Erwachens, doch Schatten, die ich aus dem Augenwinkel wahrnahm, erinnerten mich daran, dass ich nicht allein war. Zwei Frauen in den typischen Heilergewändern standen in der Tür und beobachteten mich, scheinbar unsicher, was sie mit mir machen sollten. Sie flüsterten sich gegenseitig etwas zu, den Blick weiterhin auf mich gerichtet, doch ich konnte nicht verstehen, was sie sagten.

Stöhnend richtete ich mich auf, langsam, um nicht von Schwindel oder Kopfschmerz übermannt zu werden. Laranthirs Bett war wieder einmal leer, doch es wunderte mich nicht. Dieser Mann war fest davon überzeugt, Löwenstein selbst zurückzuerobern, vermutlich machte er sich schon auf die Suche nach einer Armee, solange seine Hände noch nicht vollständig funktionierten.

Als die Heilerinnen noch immer keine Anstalten machten, mit mir zu sprechen, wurde ich wütend. „Seid Ihr wegen Kesh hier? Wollt Ihr mich zu ihr bringen? Was ist mir ihr? Ich muss wissen, ob sie noch lebt!"

Meine Stimme klang wohl eher verzweifelt und weniger wütend, und das „sollen wir es ihr sagen?"-Getue der Schwestern zusammen mit der Tatsache, dass sie mich wie einen Alien anstarrten, machte mich rasend. Zu meinem Glück schienen sie sich schließlich für mich zu entscheiden, denn die eine Heilerin gab ein zögerliches „folgt mir" von sich.

Ich sprang auf, schließlich war das der Moment, auf den ich so viele Stunden gewartet hatte. Beinahe wäre ich eingeknickt, denn durch die ungesunde Haltung, die ich im Schlaf eingenommen hatte, musste erst einmal frisches Blut in die Beine zurück fließen. Das unangenehme Kribbeln, das mich von der Hüfte bis zu den Zehen erfasste, hätte mich normalerweise in den Wahnsinn getrieben. Jetzt aber zwang ich meine Füße trotzdem Schritt für Schritt vorwärts, um so schnell wie möglich zu Kesh zu kommen, und konnte nur schwer dem Drang widerstehen, die Heilerinnen vor mir zur Eile anzutreiben.

Sie führten mich in das Zimmer, in dem Arrhakesh wohl schon seit Stunden lag, und ich hatte Angst vor dem, was mich dort erwarten würde. Zögerlich trat ich durch die Tür in den dämmrigen Raum, der selbst keine Fenster hatte, sondern nur durch Lampen erleuchtet wurde. Und da sah ich sie.

Arrhakesh lag auf dem Rücken, die Arme starr neben dem Körper und die Augen geschlossen. Ich konnte keine Bewegung des Brustkorbes ausmachen, doch sie lebte. Das verriet mir ihr rasselnder Atem, der zwar langsam und unregelmäßig ging, doch etwas Schöneres hätte ich in diesem Moment nicht hören können.

Ohne auf die Heiler um mich herum zu achten, rannte ich zu Kesh an die Liege und wuchtete mich auf die Plattform, die beinahe so hoch war wie mein Kopf. Ich presste mein Gesicht in das Fell an Keshs Hals, und es war warm und weich, so wie ich es in Erinnerung hatte, auch wenn der Staub darin mich zum niesen brachte. Mit tränennassen Augen blickte ich schließlich auf und sah sie mir genauer an. Eine Decke war über ihren Unterkörper ausgebreitet worden und verdeckte das gebrochene Bein, das mit Sicherheit geschient worden war, doch die Brust lag frei. Der Brustkorb wurde von einer gewaltigen Narbe verziert, die sich beinahe bis zum Bauch zog, und um die Naht herum war das Fell entfernt worden. Getrocknete Blutreste und Überbleibsel einer gelblichen Tinktur hingen überall auf Haut und Fell, und zusammen mit dem rasselnden Atem machte sie nicht den Eindruck, als würde sie noch lange bei uns bleiben.

Ein scheußlicher Gedanke kam mir und versetzte mich in Schock. Hatten sie mich deshalb zu Kesh gebracht, damit ich Abschied nehmen konnte? War das hier der Moment, in dem sie tatsächlich sterben würde?

Durch den tränenverschleierten Blick sah ich erst gar nicht, dass Kesh ihre Augen öffnete, doch schließlich wurde ich der leuchtend rosa Augen gewahr, die mich fixierten.

„Kesh! Oh Gott, Kesh, Ihr seid wach!"

Sie sah grauenhaft aus. Die Augen flimmerten ständig, als würde sie jeden Augenblick das Bewusstsein verlieren, und dann ständig dieser Atem, als wäre sie so gut wie…

Das ertrug ich nicht. Wenn sie hier und jetzt ging, wäre das zu viel für mich…

Kesh entblößte ihre spitzen Zähne, die einen unheimlichen Kontrast zu ihrer schwarzen Zunge bildeten. Ihr Mund bewegte sich, als würde sie versuchen zu sprechen, doch ich konnte ihre Worte nicht verstehen.

Schnell brachte ich mein Ohr ganz nah an ihren Mund, sodass ihr warmer Atem mich streifte und mir eine Gänsehaut verursachte. Keshs Augen weiteten sich, als sie Worte zu formen versuchte, und ihr Atem rasselte einige Herzschläge weiter, bis ich tatsächlich verstand.

„Ich… Ich brauche…" Sie hustete und verdrehte die Augen, doch dann fing sie sich wieder. „Was? Was braucht Ihr? Sagt es mir! Ich bringe Euch alles, solange Ihr nur bei mir bleibt!"

„Ich brauche… S… S…" Kesh stockte wieder, und ich versuchte zu erraten, was es war. „Salbe? Saft? Schmerzmittel?"

Sie schüttelte leicht den Kopf. Wieder ein Rasseln. „S… Sh…" Ein besonders warmer Lufthauch streifte mein Ohr, fast wie ein kurzes Lachen.

„Sh… Shrimps."

Vollkommen perplex richtete ich mich auf und starrte Kesh einfach nur an. Sie grinste ohne Zweifel, und als sie meinen Blick sah, brach sie in schallendes Gelächter aus. Was äußerst ungesund klang, da das Rasseln dabei wesentlich stärker wurde, und ihr ganzer Körper krümmte sich vor Schmerz. Blut lief aus ihrem Mund und sie atmete schwer, doch das Grinsen blieb, als eine der Heilerinnen sich besorgt über uns beugte und Keshs Zustand begutachtete.

Noch immer vor Lachen bebend, sah sie mich mit schelmischen Augen an, und ich hätte schwören können, dass sie mir die Zunge rausstreckte. Arrhakesh hatte es doch tatsächlich geschafft, mich auf dreisteste Weise reinzulegen, während sie im Sterben lag. Eine echte Nekromantin, durch und durch.

Nun musste auch ich lachen, und während Tränen der Erleichterung meine Wangen hinunter kullerten, schlang ich erneut meine Arme um Kesh. Ich konnte spüren, wie sie einen Arm hob, um mir den Rücken zu tätscheln, auch wenn das für sie mit großer Anstrengung verbunden sein musste.

„Ich bin so froh, dass Ihr noch am Leben seid! Ich dachte wirklich, ich hätte Euch verloren…" murmelte ich mit brechender Stimme in ihr Fell.

Wieder ein kurzes Lachen. „Ich habe… einen Pakt mit dem… Tod geschlossen, kleine Ratte… Mich…" Sie pausierte einen Moment, um noch einen rasselnden Atemzug zu nehmen. „Mich bekommt man… so schnell nicht klein…"

Jetzt mischte sich auch einer der Heiler mit ein, der das ganze Schauspiel bisher wortlos betrachtet hatte. Er schüttelte den Kopf, während er sprach. „Bei Dwayna, es ist unglaublich. Ich hätte nie gedacht, dass jemand solche schwerwiegenden Verletzungen überleben kann. Wir waren uns sicher, sie würde den Eingriff nicht überleben. Mehrfach hat sie den schmalen Grad zum Tod bereits übertreten, doch sie ist immer noch hier."

„Das ist die Macht des… Todes, mein Freund." Gab Kesh rasselnd zurück, „der Tod weigert sich… mich zu sich zu nehmen. Dafür bin ich… ihm lebend noch zu wichtig."

Nach und nach verließen die Menschen den Raum, als klar wurde, dass Arrhakeshs Zustand unerklärlicherweise stabil bleiben würde. Man gab ihr noch eine weiße, dickflüssige Substanz, vermutlich Mohnblumensaft gegen die Schmerzen, und etwas zu trinken, und dann waren wir beide allein.

Es tat gut, wieder bei ihr zu sein und zu wissen, dass sie überleben würde, auch wenn die Tatsache, dass das allein der Nekromantie geschuldet war, schon etwas unheimlich war. Doch Kesh lebte, und das war in diesem Moment das einzige, was zählte. Oh, und die Shrimps, wie sie nochmals betonte, nachdem sie ihren Atem etwas hatte beruhigen können.

„Ehrlich, wenn mich diese Verletzung… nicht umgebracht hat, dann… tut es der Hunger, wenn Ihr nicht… bald etwas unternehmt." Zur Bestätigung knurrte Keshs Bauch lauter, als ich es jemals zuvor von irgendjemandem gehört hatte, und die Charr stöhnte wehleidig. Ein riesiger Schnitt entlang des gesamten Brustkorbes, von dem gebrochenen Bein einmal abgesehen, machte ihr überhaupt nichts, aber der Hunger ließ sie wimmern wie ein kleines Kind.

„Ich bin mir sicher, hier in der Stadt gibt es einen Verkäufer, der welche anbietet. Und ein paar Münzen werde ich wohl irgendwie zusammenbekommen…"

Kesh fasste meinen Arm so fest, als hinge die ganze Welt davon ab. „Nein! Wenn Euch wirklich etwas an mir liegt, dann… bringt mir die frischen. Direkt am Wasser. Bitte…"

Bei ihrem verzweifelten Tonfall konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen. „Glaubt mir, ich bin froh, dass Ihr noch die Alte seid. Ich werde sehen, was ich tun kann. Aber sollte ich nicht lieber noch bei Euch bleiben, um sicherzugehen, dass Euch nichts passiert?"

Der Griff der Klauen an meinem Arm lockerte sich, und Keshs Augen blitzten auf. „Macht Euch um mich keine Sorgen, kleine Ratte. Ihr wisst ja… der Tod. Solange ich was zum futtern bekomme… geht's mir gut."


Ich schnappte mir in Laranthirs Zimmer also meinen Rucksack und verließ die Stadt Richtung Norden, um mich auf die Suche nach möglichst frischen Shrimps zu machen. Dieser Bereich hatte nicht zu den spielbaren Karten gehört, daher wusste ich absolut nicht, was mich erwarten würde. Meine Erwartungen von Schlachtplätzen zwischen Seraphen und Zentauren, so wie ich sie von den anderen Regionen Krytas kannte, wurden jäh zerstört, als ich die gewaltigen Torflügel hinter mir ließ, die direkt vor Grenth's Statue in die Außenregion führte. Vor mir erstreckten sich kilometerlange Ebenen, die von tausenden kleinen und größeren Flüssen durchzogen wurden. Die Region war hauptsächlich sumpfig und nur von wenigen kleinen, verkrüppelten Bäumen durchzogen, deren Wurzeln hauptsächlich im Wasser lagen.

Schmale Holzwege waren in das matschige Gras gebaut worden, um sich einigermaßen schlammfrei fortbewegen zu können, und die geringe Anzahl der Wegmöglichkeiten erleichterte mir die Entscheidung, in welcher Richtung ich mit meiner Suche beginnen sollte. Kaum zu glauben, dass ich mich auf die Suche nach Shrimps begab, kurz nachdem Arrhakesh so knapp dem Tod entronnen war. Aber so war sie nun mal, diese durchgeknallte Charr… und ich war froh darüber. Denn dass ich es mir zur Aufgabe gemacht hatte, Kesh ihr Lieblingsessen zu bringen, hatte etwas so normales an sich, dass es von der gesamten Situation ein wenig ablenkte. Hier ging es mal nicht um Scarlet, eine zerstörte Stadt oder Drachen, hier ging es lediglich um… Shrimps.

Schnaubend warf ich einen Blick zurück auf die Mauern von Götterfels. Die Hauptstadt der Menschen war ähnlich in die Höhe gebaut wie Löwenstein, nur kam es hier noch wesentlich deutlicher zur Geltung: Die kreisrunde Stadtmauer war in etlichen Etagen mit Häusern bebaut, die aufeinander stapelten und teilweise sogar mit Brücken miteinander verbunden waren. Türme schauten hier und da aus den Häuserreihen heraus, und es machte den Eindruck, als wäre die gesamte Stadtmauer bewohnt. Natürlich befanden sich die Häuser weit genug oben, um bei einem eventuellen Angriff nicht sofort in Schusslinie zu geraten, aber gleichzeitig ließen sie die Mauer auch um einiges höher und beeindruckender erscheinen.

Das erklärte, warum das Innere der Stadt recht offen gestaltet war, wenn die meisten Häuser sich ohnehin in schwindelerregender Höhe befanden. Es tat mir nur leid um die Möbelschlepper, die schwere Schränke oder ähnliches bis in die höchsten Stockwerke bringen mussten. Oder gab es dafür spezielle Lastenaufzüge?

Solche und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, während ich dem Holzsteg weiter Richtung Norden folgte. Aus der flachen Landschaft wuchsen vereinzelt kleine grasige Hügel, die bisweilen etwas höher waren als ein Mensch und ein kleiner Wasserlauf, der neben mir herlief, mündete schließlich in einen mehrere Meter breiten Fluss, der sich zwischen diesen Hügeln hindurch schlängelte.

Nicht nur vermutete ich in der Nähe des Gewässers die größten Chancen, Shrimps zu finden, mich überkam auch das dringende Verlangen, in das klare Wasser zu springen und etwas zu schwimmen. Die letzte richtige Dusche lag schon ein gutes Stück zurück, und Staub lag in dicken Schichten auf jedem Flecken meiner Haut. Also überprüfte ich den Rucksack, stellte sicher, dass dort nichts war, das im Wasser kaputt gehen würde, und sprang in den Fluss.

Prustend schlug ich um mich, als das kalte Nass mich umfing, und paddelte so zurück an die Oberfläche. Der Fluss war wirklich eisiger als gedacht, doch sobald ich den anfänglichen Schock überwunden hatte, tat es einfach nur gut, ein paar Runden zu ziehen. Die nassen Lumpen zogen mein Gewicht nach unten, doch ich ließ mich davon nicht beirren. Eine Weile folgte ich einfach nur der Strömung des Flusses, behielt aber im Hinterkopf, mich nicht zu weit von der Stadt wegtreiben zu lassen.

Das Wetter war zum Glück auf meiner Seite; zwar war der Himmel bewölkt und es ging ein leichter Wind, aber es war nicht kalt und sah so aus, als würde es in nächster Zeit trocken bleiben. Um den Staub auch aus meinen Haaren zu bekommen, tauchte ich unter und schwamm mit geschlossenen Augen, bis der Sauerstoff knapp wurde. Nach Luft ringend tauchte ich auf, zog mich an einer dünnen Wurzel, die ins Wasser ragte, zum Ufer – und blickte geradewegs in zwei leuchtend gelbe Augen.

Vor Schreck schrie ich auf und paddelte gleich ein gutes Stück vom Ufer weg, während das Tier mich weiterhin unentwegt betrachtete. Der Skal hatte die spitzen Schuppen auf seinem Rücken aufgestellt, und der schuppige Schwanz wedelte aufgeregt hin und her, während seine Klauen auf der Erde kratzten. Ich wusste, dass Skale in Kryta keine Seltenheit waren, aber so nah war ich noch nie einem dieser Wesen gekommen, und in Anbetracht der äußerst scharfen Zahnreihen war das wohl auch ganz gut so.

Ein Ruck ging durch den schwarz schimmernden Körper des Skals, und meine Überlegung, ob dieser hier mir ins Wasser folgen würde, beantwortete sich durch ein lautes Platsch!, als das Tier einen Satz auf mich zu machte. Ein Kampf im Wasser war allerdings überhaupt nicht das, wonach mir der Sinn stand, also beförderte ich mich mit kräftigen Schwimmzügen an das andere Ufer und krabbelte in der feuchten Erde aus dem Wasser, wobei ich mich wieder mit frischem Schlamm bedeckte. So viel zur Sauberkeit.

Ich hatte gerade genug Zeit, meinen Hammer aus seiner Halterung zu ziehen, als der Skal bereits mit einer wesentlich anmutigeren Bewegung aus dem Wasser trat und sich zum erneuten Sprung bereit machte. Breitbeinig, um in dem sumpfigen Boden nicht den Halt zu verlieren, holte ich mit dem Hammer Schwung und donnerte ihn dem Skal auf den Schädel, kurz bevor der meine Position erreicht hatte. Mit einem widerlichen Geräusch ging das Tier zu Boden, doch die Hinterläufe zuckten weiter unkontrolliert. Erst ein weiterer Hieb sorgte für einen endgültigen Stillstand, und schwer atmend sah ich den Schuppenhaufen zu meinen Füßen an. Das hatte man nicht wirklich einen Kampf nennen können; überrumpelt hatte es mich dennoch. Auch wenn es dumm gewesen war, in einer vollkommen fremden und nicht wirklich besiedelten Umgebung so unachtsam zu sein, wie ich es gewesen war.

Klar war jedoch, dass dieser Skal vermutlich nicht der einzige in dieser Gegend war, also säuberte ich meinen Hammer und sah mich dann um. Götterfels war in der Ferne noch gut zu erkennen; wenn ich den Weg zu Fuß zurück legte, würde ich in weniger als einer Stunde dort sein. Ich umrundete einen der Hügel und etwas östlich von mir, weiter flussabwärts sah ich eine kleine Hütte direkt am Wasser, und als ich mich darauf zubewegte, fielen mir am Ufer immer wieder Käfige und Netze in allen Größen auf. Einige davon waren zerrissen, vermutlich von weiteren Skalen, doch was ich sah, war ohne Frage das Werk eines Fischers.

Die Hütte schien definitiv bewohnt zu sein, denn Wäsche hing zum Trocknen an einer Leine und frische Matschspuren zierten den Holzboden auf der kleinen Veranda. Neben Fußabdrücken waren da auch Hufe, obwohl ich keinen Pferdestall weit und breit entdecken konnte. Ich trat die Stufen hinauf und klopfte an der Tür, die tatsächlich nach wenigen Atemzügen von einem älteren Mann geöffnet wurde. Erst sah er sich suchend in der Gegend um, bis ich ihn mit einem Räuspern auf mich aufmerksam machte, und er zog eine weiße Augenbraue hoch, als er mich zu seinen Füßen entdeckte. Manchmal wünschte ich mir wirklich, Asura wären etwas größer.

„Nanu? Was führt Euch zu mir?"

Freundlicherweise ging der Mann in die Knie, um auf Augenhöhe mit mir sprechen zu können. Ein dezenter Fischgeruch ging von ihm aus, doch er schien sauber und gepflegt zu sein, trotz seiner faltigen und wettergegerbten Haut.

„Oh, ich, äh… mein Name ist Szallejh. Ich bin auf der Suche nach Shrimps."

Der Mann lachte freundlich und gab mir die Hand zum Gruß. „Hallo,… Sallie." Sprach er mit einem leichten Akzent, den ich nicht ganz zuordnen konnte, „ich bin Lennar. Shrimps, sagt Ihr? Warum kommt Ihr da ausgerechnet zu mir?"

„Es, äh… es sollten die frischesten aus der Umgebung sein. Da dachte ich, bei Euch könnte ich fündig werden."

„Absolut, das seid Ihr! Frisch aus dem Netz, und besonders lecker noch dazu." Antwortete er mit einem breiten Grinsen und ich grinste ebenfalls, doch dann erinnerte ich mich an den kleinen Haken an der Sache.

„Das Ding ist aber, dass ich kein Geld bei mir habe. Gibt s denn… irgendwelche Dienstleistungen, mit denen ich die Shrimps bezahlen könnte?"

Dass der letzte Satz durchaus falsch interpretiert werden konnte, kam mir gar nicht in den Sinn, als Lennar die Stirn runzelte und zu überlegen schien. Dabei fiel sein Blick in die Ferne zu den Netzen, die teilweise einer Wartung bedurften. Was eine brillante Idee zu sein schien.

„Ich könnte Euch doch mit den Netzen behilflich sein! Die kaputten ausbessern, sehen, welche geleert werden müssen…"

„Hmhm. Das wäre möglich, ich habe aber noch einen besseren Vorschlag. Hier wimmelt es nur so von Skalen, und sie sind der Grund, warum meine Netze so zerstört sind. Wenn das nicht bald ein Ende hat, werden sie mir noch den ganzen Fang ruinieren. Wenn Ihr Euch etwas auf die Suche flussabwärts begeben und ein paar Skale vernichten könntet, wäre ich durchaus gewillt, Eure Dienste mit ein paar frischen Schalentieren zu belohnen. Was meint Ihr? Die Shrimps, die Ihr dafür im Gegenzug bekommt, sind die frischesten in ganz Kryta, dafür stehe ich mit meinem Namen."

Da musste ich nicht lange überlegen. „Das klingt spitze!" Mit erhobenem Hammer winkte ich und folgte der Anweisung flussabwärts, bis das Ufer eine Biegung machte und die Hütte aus meinem Sichtfeld geriet. Doch es war klar, warum Lennar wohl immer wieder mit Skalen zutun hatte: mehrere Nester waren am Rand des Flusses errichtet worden, und einzelne Exemplare lümmelten am Ufer herum. Das erste von ihnen hatte bereits meinen Hammer im Schädel, bevor es meine Anwesenheit realisierte. Diese Tiere waren nicht besonders stark, und jetzt war ich vorbereitet, weshalb ich mich sicher genug fühlte, meine Präsens nicht verstecken zu müssen.

Der Lärm berstender Knochen alarmierte natürlich die anderen Skale in unmittelbarer Nähe, und gleich drei von ihnen kamen auf mich zu gehechtet, um ihren Kameraden zu rächen. Der schnellste von ihnen hob mit seiner Klaue nach meinem Gesicht, und ich konnte sogar den Luftzug an meiner Wange spüren, doch der Stiel meiner Waffe in seinem Bauch machte ihn vorübergehend bewegungsunfähig.

Als nächstes setzte ein kleineres Tier zum Sprung an, und ich duckte mich unter ihm hindurch direkt zu dem dritten Tier, welches sofort mit seinen Zähnen nach mir schnappte. Ein Stechen in meinem Arm deutete darauf hin, dass sein Biss mich zumindest gestreift hatte, doch mit einem gezielten Tritt schleuderte ich das Biest von mir weg. Gerade rechtzeitig, denn sein Kumpane hatte sich wieder aufgerichtet und kam nun fauchend auf mich zu, wenn auch vorsichtiger diesmal. Einem kräftigen Hammerschlag wich er geschickt aus und fokussierte meine Seite, und auch ein zweiter Hieb erwischte nur den stachligen Schwanz. Fluchend drehte ich mich so, dass ich ihm wieder frontal gegenüberstand, verlor dabei aber den anderen Skal aus den Augen.

Mit voller Wucht traf mich sein Gewicht am Rücken, und spitze Krallen bohrten sich in die ungeschützte Haut. Der dünne Lumpen, den ich statt meiner Rüstung trug, bot nur wenig Schutz, und vom Schmerz getrieben riss ich die Hände nach hinten, packte den Hals des Tieres und zerrte es mit aller Kraft über meinen Kopf, geradewegs auf das andere Tier. Drei kräftige Hammerschläge taten den Rest, und bald waren diese beiden nicht mehr als ein einziger schimmernder Haufen aus Schuppen und Schleim.

Ich ertastete die Spuren an meinem Rücken, doch auch wenn sie bluteten, schienen sie ebenso wie die Bisswunden an meinem Arm nicht besonders tief zu sein. Es war auch leichtsinnig von mir gewesen, nicht erst meine Rüstung anzulegen, doch scheinbar hatte ich den Kampfgeist der Tiere etwas unterschätzt.

Vorerst gab es keinen Skal mehr, der mich im Visier hatte, also stapfte ich zu den Nestern, die hauptsächlich aus Ästen bestanden, die vom Fluss angeschwemmt worden waren. Kleine, weiß-braun gesprenkelte Eier lagen darin, gut versteckt zwischen Gras und Zweigen, und beinahe schon tat es mir leid, sie zerstören zu müssen. Immerhin handelte es sich hierbei bloß um unschuldige ungeborene Tier-Babys, doch sie würden schnell zu Monstern heranwachsen und es ihren Eltern gleich tun. Um Lennar vor weiteren Angriffen zu bewahren, gab es also nur eine Möglichkeit…

Mit zusammengebissenen Zähnen zertrat ich die kleinen Eier, und das Krachen ihrer Schalen schmerzte mir in der Brust. Doch es war das einzig richtige, sie zu zerstören – zumindest redete ich mir das immer wieder ein.

In unmittelbarer Umgebung fand ich noch einige mehr dieser kleinen Gruppen, und auch wenn ich nicht mitzählte, wie viele Skale ich getötet hatte, musste es doch etwa ein Dutzend sein. Schließlich schien es mir genug, immerhin tat ich diese Arbeit nur für eine Handvoll Shrimps, und die Kratzer, die ich bis dahin davongetragen hatte, reichten mir für einen Tag.

Ich trat also den Rückweg an, doch kurz vor dem letzten Hügel, der mich von Lennars Hütte trennte, stieg noch ein weiterer Skal aus dem Wasser und kam direkt auf mich zu. Dieser hier war anders; nicht nur um einiges größer, sondern er hatte auch keine Stacheln, dafür war sein Körper von leuchtend roten Flecken übersät. Es war offensichtlich, dass er stärker war als die kleineren Vertreter seiner Spezies, und er würde mich nicht ohne einen Kampf an sich vorbei lassen.

Seufzend straffte ich die leicht schmerzenden Schultern und ging mit Entropie in Angriffsstellung, und auch das Tier vor mir machte sich zum Satz bereit… und verschwand.

Zu spät erkannte ich, dass das hier kein Skal war, sondern ein Skelk – die zwar vom Namen her ähnlich klangen, allerdings zu zwei unterschiedlichen Gattungen zählten. Das fiese an diesen Skelk war, dass sie der Schattenschritte mächtig waren, was ich nun auch begriffen hatte.

Mein Blick fuhr in alle Richtungen und wartete auf ein Zeichen, wann und wo der Skelk wieder auftauchen würde. Die Antwort kam, als eine schwarze Rauchwolke direkt vor meinem Gesicht mir die Sicht versperrte und sich einen Herzschlag später ein aufgerissenes Maul voller fauliger Zähne auf Augenhöhe materialisierte. Ich hatte noch genug Verstand, um einen Schritt zurück zu stolpern, sodass mich seine Klauen geradeso verfehlten, doch weiter kam das Biest ohnehin nicht. Ein Surren erfüllte die Luft, und plötzlich lag der Skelk tot vor meinen Füßen, mit einem langen Pfeil mitten im Schädel. Ich blickte auf, um dem Schützen ins Gesicht zu blicken, doch konnte ich weit und breit niemanden entdecken. Er musste hinter dem Hügel verschwunden sein. Frische Hufspuren zogen sich durch den Schlamm, er musste also definitiv zu Pferde unterwegs sein. Komisch, dass ich nichts gehört hatte…

Kopfschüttelnd und mit klopfendem Herzen setzte ich mich wieder in Bewegung, hielt den Hammer aber in Angriffsstellung, falls der mysteriöse Fremde nicht zu meinen Freunden gehörte. Als Lennars Hütte in Sicht kam und mich noch immer niemand angegriffen hatte, legte sich meine Spannung allerdings, und ich verstaute Entropie wieder dort, wo er hingehörte.

Lennar empfing mich, noch bevor meine Hand das Holz berührt hatte, und mit zusammengezogenen Augenbrauen musterte er meine zerrissenen Lumpen. Ich würde wohl wieder nach neuen Klamotten fragen müssen, doch wenigstens wusste ich, wo man sich um die kleinen Wunden kümmern würde. Möglicherweise würde ich ja Neanna finden und könnte sie bitten, diese Aufgabe zu übernehmen, denn der menschlichen Heilerin vertraute ich von den Personen im Hospiz am meisten, was wohl daran lag, dass sie die einzige war, deren Namen ich kannte.

„Geht es Euch gut?" Fragte Lennar nun zögerlich, doch ich winkte ab und nickte.

„Nur ein paar Kratzer. Ich habe die Nester hier in der Nähe zerstört, der Nachwuchs sollte Euch also nicht mehr so viele Probleme bereiten. Nur… was passiert jetzt mit den Körpern?"

Die schuppigen Leichen hatte ich einfach auf der Wiese liegen lassen, da ich mir nicht sicher gewesen war, was Lennar mit ihnen vor hatte. Im schlimmsten Fall würde ich noch einmal zurückgehen und sie entsorgen müssen, doch Lennar schien andere Pläne zu haben.

„Die Kadaver können liegen bleiben; Aragh wird sich um sie kümmern und alle Wertstoffe und Materialien verwerten." Dabei nickte Lennar in meine Richtung, und verwundert drehte ich mich um. Hinter mir stand ein Zentaur, der seinen Pferdekörper mit Leder gerüstet hatte, und dessen schwarzer Zopf den ganzen Rücken hinunter lief. Ein einfacher, aber präzise wirkender Bogen war über seine Schulter gespannt, und jetzt war mir auch klar, um wen es sich bei dem mysteriösen Bogenschützen handelte. Aus Instinkt griff ich nach meinem Hammer, doch Lennars gelassene Haltung schien ein Zeichen dafür zu sein, dass dieser Zentaur kein Feind war.

Aragh lächelte nicht, doch er sah auch nicht so aus, als würde er mich gleich um die Ecke bringen wollen. Stattdessen schnappte er sich eine große Tasche, die klimperte, als er sie sich über den Rücken warf, und murmelte „Jawohl, Vater." Dabei schien er mit dem gleichen Akzent zu sprechen wie Lennar, wenn auch wesentlich stärker.

Moment mal… Vater? Verwirrt sah ich erst dem Zentauren hinterher und dann zu Lennar, der gutmütig lachte. Ich wusste von den schweren Kämpfen zwischen Menschen und Zentauren, die Generationen überdauerten, und noch nie hatte ich von Familien gehört, die sich aus beiden Spezies zusammensetzten.

„Eine lange Geschichte. Kommt ein andermal wieder, wenn Ihr wollt, dann erzähle ich sie Euch." Er griff kurz in die Dunkelheit seiner Hütte und streckte mir dann eine Tüte entgegen, in der sich wohl die Shrimps befanden. „Ich danke Euch für Eure Hilfe! Wann immer Ihr eine neue Ladung benötigt, wisst Ihr ja, wo Ihr mich finden könnt. Sicherlich werde ich noch etwas Arbeit für Euch finden."

Dankend nahm ich die Tüte und verabschiedete mich. Auch wenn ich die Geschichte von Lennar, dem Menschen und Aragh (seinem Zentauren-Sohn?) wirklich gerne gehört hätte, war es noch ein recht langer Weg bis zu Kesh und ich wollte, dass die hart erarbeiteten Shrimps auch wirklich frisch blieben, damit sich die Mühe auch gelohnt hatte.


Es war wohl Mittag, als ich den Holzstegen zurück in Richtung Götterfels folgte. Es war etwas wärmer geworden, und Scharen von Fliegen interessierten sich plötzlich brennend für den Inhalt meiner Tüte, was noch ein weiterer Grund für meine Eile war.

Ich fragte mich, ob ich schon einen Tag erlebt hatte, der verrückter angefangen hatte als dieser hier – erst bangte ich um das Leben meiner Freundin, dann spazierte ich im Nirgendwo herum auf der Suche nach Shrimps, um einen Menschen zu treffen, der einen Zentauren als Sohn hatte. Dabei kam ich zu dem Ergebnis, dass kaum ein normaler Tag vergangen war, seitdem ich in Tyria war, und ich war wirklich gespannt, was als nächstes kommen würde, sobald Arrhakesh ihre Ladung Shrimps erhalten hatte. Immerhin waren es die frischesten in ganz Kryta.