Kapitel 25: Das Handy – und das danach
Marie/Bella:
Man, ich war echt spät dran. Ich lief schneller und schneller. Am Haus angekommen packte ich in aller Eile meine Sportsachen und warf sie ins Auto.
Gerade als ich den Schlüssel umdrehen wollte, fiel mir das wichtigste ein:
Mein Handy lag noch drin. Jaja, was man nicht im Kopf hatte… Wie ich dieses Sprichwort hasste, aber es passte leider all zu oft.
Während ich noch den richtigen Schlüssel suchte, hörte ich drinnen mein Handy klingeln. Mein Timing war perfekt.
Ein Blick auf das Display zeigte mir eine unbekannte Nummer.
Neugierig hob ich ab:
„Ja?"
„Hi Bella, alles klar?"
Ein kleiner Schrecken durchfuhr mich. Woher hatte er meine Nummer?
„Hi Lee, ja, alles ok. Woher hast du meine Nummer?"
„Bells, glaubst du wirklich, es ist schwer für mich, eine Nummer herauszufinden?!" Er lachte…und dann lachte ich mit. Er hatte ja Recht. Hatte man Geld, hatte man sehr viele Möglichkeiten.
„Lee, eigentlich hab ich jetzt Training. Gibt´s was wichtiges, ansonsten müssen wir unser Gespräch verschieben." Eigentlich war es mir ganz Recht, dass ich das Training als Grund vorschieben konnte.
„Also es ist so, Süße, ich hab ein paar Informationen, die dich interessieren könnten. Oder sagen wir so: Ich bin mir 100 PROZENT sicher, dass du sie erfahren willst. Können wir uns treffen?"
Wie gut, dass er meinen erstaunten Blick nicht sehen konnte. Was sollten das für Informationen sein? Ich wüsste nicht, was mich interessieren sollte. Vielleicht war es auch nur ein Vorwand, unsere damalige Freundschaft wieder zu vertiefen.
„Lee, was für Informationen solltest du haben, die mich interessieren könnten? Mir fällt da beim besten Willen nichts ein…" meine Stimme klang inzwischen leicht genervt. Ich hasste es im Ungewissen zu sein.
„Bells, es geht um deine Freunde…und ihren Vater. Also, kommst du vorbei, oder soll ich vorbei kommen?"
Um meine Freunde? Jetzt wurde ich hellhörig. Was konnte Lee erfahren haben, was meine Freunde betraf?
„Ok, Lee, komm vorbei. Du weißt mit Sicherheit, wo ich wohne. Connections hast du ja genug!" lachte ich ergeben ins Telefon. Ich legte auf und wartete, dass Lee kommen würde.
Nervös lief ich auf und ab, bis ich überraschenderweise schon das Türklingeln hörte. War er schon hier in der Nähe gewesen? Egal, es war unwichtig, wie er so schnell hier sein konnte....
Ich ging zur Tür und öffnete sie...
Vor mir stand ein strahlender Leeroy, in der Hand eine Rose. Überrascht schaute ich ihn an. Was sollte denn das geben?
„Lee, komm rein. Lass uns in die Küche gehen, ich hätte jetzt gerne einen Kaffee. Und du?"
Er nickte mir zu und folgte mir in die Küche.
Ich war froh, Kaffee machen zu können. So konnte ich meine Hände beschäftigen, und er würde nicht merken, wie sie vor Aufregung zitterten…. Ich war auf die Neuigkeiten über meine Freunde gespannt.
Gerade als ich das Wasser eingefüllt hatte, spürte ich, wie sich zwei Arme um mich schlungen. Erschrocken drehte ich mich um, und sah Lee´s Gesicht direkt vor mir.
Und dann versuchte er mich zu küssen. Angewidert schob ich ihn weg.
„LEEROY, LASS DAS! Es hat sich nichts geändert in den letzten Jahren. Ich mag dich wie einen Bruder – MEHR NICHT!" Ich gab mir alle Mühe, meine Stimme stark klingen zu lassen. Dieser kleine Übergriff hatte meine Selbstsicherheit gefährlich ins Wanken gebracht.
Und dann lachte er höhnisch auf.
„Bells, ich hätte dich in dieser Nacht fast gehabt, und wenn ich wollte, könnte ich dich heute haben, und du hättest keine Chance!" Als ich ihn jetzt anblickte, setzte mein Herz aus. Dieser Blick war so hasserfüllt. Was hatte ich denn getan?
Langsam sickerten seine Worte durch den Nebel in meinem Kopf. Er hätte mich damals fast gehabt?
„Wie meinst du das? Wie, du hättest mich damals fast gehabt? Ich war mit meinen Eltern gegangen…es gab da gar keine Möglichkeit, dass du mir hättest näher kommen können…" Ich verstand nur Bahnhof.
Hier lief überhaupt irgendwas falsch…
Ganz unauffällig versuchte ich den Küchentisch zwischen mich und ihn zu bringen…was mir auch Zentimeterweise gelang. Er schien nicht die Absicht zu haben, sich mir noch mal zu nähern. Er hatte seine Taktik geändert….jetzt wollte er mich verbal verletzen.
„Man, Isabella, du bist so naiv. Meinst du, ich bin dumm? Ich hätte dich nie bekommen. Freiwillig hättest du mich nie rangelassen. Für dich war ich immer nur so was wie ein Bruder. Weißt du, wie verletzend das ist? Ich wollte die Chance nutzen, als ihr auf der Party wart. Ich hatte dir Cola geholt….erinnerst du dich?"
Langsam flammten die Erinnerungen wieder auf. Ich hatte sie erfolgreich verdrängt, um damit abschließen zu können….
„Du gingst an die frische Luft, und ich war dir gefolgt. Als du mich batest, dir eine Cola zu holen….sah ich meine Chance kommen. Leider hatte deine Mutter das perfekte Timing zu stören… Ihr gingt heim, bevor du in meinen Armen willenlos geworden wärst…und leider kam es ja dann zu diesem, tragischen Unfall!" Seine Stimme triefte vor Sarkasmus…
Jedes einzelne Wort schlug auf mich ein wie Peitschenhieb.
Und langsam fing ich an zu begreifen.
Diese Schmerzen kurz vor dem Unfall. Der Tod meiner Eltern. Mein Bluttest. Das Ergebnis.
Ich wurde kreidebleich…mein Körper zitterte, ich bekam keine Luft mehr.
Innerlich hatte ich das Gefühl zu verbrennen, dabei fror ich genau in diesem Augenblick wie noch nie.
ER hatte mir die Drogen in die Cola gemacht. Wütend drehte ich ihm den Rücken zu. Er sollte nicht sehen, welcher Hass sich in meinem Gesicht widerspiegelte. Er hatte meine Eltern auf dem Gewissen.
Hinter mir hörte ich wieder diese Stimme, die ich in dem Moment so verachtete: „Du wirst es mir niemals beweisen können…also finde dich damit ab."
Ich griff nach dem Messerblock, aber nahm doch keines heraus.
Hoffentlich war er nicht lebensmüde und redete weiter. Ich würde für Nichts mehr garantieren.
Nach einer kurzen Zeit, in der wir beide schwiegen, er wohl, weil er nichts mehr zu sagen hatte, und ich, um meine Stimme wieder unter Kontrolle zu bekommen, drehte ich mich ihm wieder zu:
„Raus, Lee, verschwinde aus meinem Haus, verschwinde aus meinem Leben. Ich habe neue Freunde, ich brauche dich nicht….."
„Bells, eine kleine Überraschung habe ich noch für dich: Morgen wirst du in allen Zeitungen stehen. Ich mach dir das Leben zur Hölle. Keine Frau wird mich ungestraft abweisen."
Ich schluckte mehrmals, als ich seine eiskalte Stimme hörte. Sie jagte mir einen unangenehmen Schauer über den Rücken. Ich wusste nicht, woher ich die Kraft nahm, jetzt nicht einfach in Ohnmacht zu fallen. Ich krallte mich an die Arbeitsplatte hinter mir. Es gab mir ein bisschen Halt.
„LEEROY, RAUS!" schrie ich ihn an. Er ging lachend zu meiner Haustür und warf mir eine Kusshand zu. In dem Moment sah ich nur noch rot. Instinktiv drehte ich mich zum Messerblock, schnappte mir eines und schleuderte es ihm entgegen. Ich war rasend vor Wut.
Er war leider schneller und hatte die Tür schon hinter sich geschlossen. Das Messer steckte nun an der Innenseite meiner Haustüre.
Ich spürte etwas Feuchtes an meiner Wange. Die erste Träne war geflossen…
Kraftlos sank ich zu Boden und fing an mit Schluchzen. Es war alles wieder da. Die Erinnerungen, die Schuldgefühle…
Als der Schmerz jegliches anderes Gefühl in mir betäubte, wünschte ich mir wieder einmal, ich wäre mit meinen oder anstatt meiner Eltern gestorben.
Endlich umfing mich die Dunkelheit, und ich wurde ohnmächtig….
