Wie von Sinnen
EPOV
Ich konnte hören, wie Bella auf leisen Sohlen die Treppe hinunter ins Wohnzimmer schlich und dabei versuchte, kein Geräusch zu machen. Ich konnte ihr anmerken, dass sie sich etwas unwohl in ihrer Haut fühlte, doch ich konnte nicht ganz deuten, woran es lag. Vielleicht war es ihr unangenehm in einem für sie noch immer etwas fremden Haus zu sein, vielleicht war es aber auch etwas ganz anderes. Ich streckte lächelnd meine Hand nach ihr aus und zog sie zu mir, als sich ihre Finger um meine schlossen und nahm sie in meine Arme. Ich drückte Bella an mich und konnte hören, wie sie tief durchatmete und sich dann gegen mich lehnte. Nach ein paar Minuten führte ich sie zur Couch, auf der wir uns niederließen und hüllte Bella in eine Decke. Ich hatte bereits ein Feuer im Kamin entfacht, doch ich wollte sicher gehen, dass Bella nicht erneut zu frieren begann.
„Ist dir warm genug?" fragte ich und strich Bella durch ihr nun getrocknetes Haar, ehe ich ein wenig Abstand zu ihr einnahm.
„Ja. Danke." Murmelte Bella leise und zog ihre Beine an. Ihre Augen waren gerötet vom weinen und ihr Gesicht erschien mir viel zu blass. Und trotzdem war sie wunderschön.
Ich reichte ihr eine dampfende Tasse mit heißer Schokolade, welche sie leicht lächelnd annahm und sofort mit ihren Fingern umschloss, ehe sie einen großen Schluck davon nahm.
„Ich hoffe deine Zehen haben deine nächtliche Wanderung überlebt!" versuchte ich die Stimmung etwas aufzulockern, scheiterte jedoch kläglich, als ich Bella's Gesichtsausdruck sah. Wie so oft biss sie auf ihrer Unterlippe herum und stellte dann ihre Tasse auf den Tisch, bevor sie zu mir aufblickte.
„Edward… es tut mir leide, dass ich… so ausgerastet bin, ich..."
„Nein. Du… musst dich dafür nicht entschuldigen. Ok?" langsam streckte ich meine Hand nach ihr aus und legt sie vorsichtig auf Bella's Oberschenkel, der von einer meiner Pyjamahosen und einem flauschigem Bademantel bedeckt wurde.
„Manchmal… manchmal frage ich mich, wie du es… mit mir bloß aushältst." Murmelte sie leise und senkte kurz ihren Blick.
„Bella…"
„Nein, ich… meine es ernst. Ich… ich weiß nicht was in mich gefahren ist. Aber als Charlie… mich beruhigen wollte da… bin ich durchgedreht und… oh nein!" Bella schlug sich die Hand vor den Mund und starrte mich entsetzt an. „Charlie! Er…"
„Ganz ruhig Bella. Er weiß, dass du hier bist."
„Was? Wie?"
„Carlisle hat ihn angerufen, als du hier aufgetaucht bist. Also mach dir keine Sorgen."
Bella schluckte und knetete abwesend ihre Finger. Eine ihrer Gesten, die darauf hindeuteten, dass sie sich nicht so wohl fühlte. „War… war er sehr wütend?" fragte sie leise.
„Ein wenig, aber ich denke dass er bei weitem mehr besorgt war. Carlisle hat versucht ihm die Situation zu erklären und hat veranlasst, dass du bis morgen hierbleiben kannst. Charlie holt dich gegen Mittag ab." Antwortete ich, woraufhin Bella langsam nickte. Ich wusste, dass sie noch etwas anderes auf dem Herzen hatte, doch sie schwieg für einen Moment und ich wollte sie nicht drängen, weiter mit mir zu reden. Stadtdessen zog ich sie vorsichtig zu mir und schlang meine Arme um ihren zierlichen Körper.
Bella verbarg ihr Gesicht an meiner Brust und seufzte schwer. „Ich…ich denke er … er weiß es…Ich habe es an seinem Blick gesehen." Flüsterte sie und drückte sich fest an mich. „Er… ahnt etwas."
Ich strich ihr beruhigend über den Kopf und ließ ihre seidigen Haare durch meine Finger gleiten, ehe ich sprach. „Wäre es… wirklich so schlimm?"
„Ich will nicht, dass er es weiß!"
„Aber würde es nicht vieles… etwas leichter machen?" fragte ich weiter und hob ihr Kinn an, damit ich sie ansehen konnte. „Er würde endlich verstehen, warum du dich… so verändert hast, so schreckhaft bist." Doch Bella schüttelte nur den Kopf und löste sich ein wenig von mir und holte etwas lauter Luft.
„Ich kann dir gar nicht genug danken. Ich… bin dir unendlich Dankbar, dass du mich jedes Mal auffängst." Sie versuchte zu lächeln und nahm meine Hand in ihre. „Danke Edward."
„Jeder Zeit." Und ich meinte es wirklich so. Egal wie oft sie noch nach unten gezogen werden würde, ich würde immer da sein, um sie wieder aufzubauen.
„Ich… ich wünschte einfach ich… könnte mich endlich damit abfinden." Murmelte Bella und stellte ihre Beine auf, welche sie mit ihren Armen umschlang. „Dass mich… nicht mehr jede Kleinigkeit so aus der Bahn werfen kann."
„Weißt du wie lange ich brauchte, um mich an meine Situation zu gewöhnen? Wie lang es dauerte, dass mich… all diese Stimmen in meinem Kopf nicht mehr verrückt machten?" fragte ich und blickte Bella an. „20 Jahre. Ich… brauchte 20 Jahre um mich einigermaßen mit meinem Schicksal abzufinden. Und… fünf Jahre davon hielt ich mich versteckt. Ich wollte nicht mehr grundlos auf meine Familie losgehen. Aber… ich war so wütend."
„Du hattest jeden Grund, wütend zu sein." Sagte Bella leise und legte ihre Hand auf meinen Unterarm.
„Ja und.. das hast du auch. Verstehst du? Du hast jeden Grund, wütend zu sein. Und du hast jeden Grund dafür, zu weinen und… auszurasten. Und dafür musst du dich nicht entschuldigen. Niemals!"
„Das kann man doch nicht vergleichen, Edward. Dir wurde dein menschliches Leben genommen, für eine Existenz, die… aus Schmerz und Durst besteht. Ich wiederum…" doch ich unterbrach Bella.
„…und dir wurde deine Würde… dein Stolz und Selbstbewusstsein gewaltsam entrissen. Und wir beide haben ein Recht darauf, wütend zu sein. Auf die Situation, auf…"
„… und meine Unschuld…" hörte ich Bella lautlos flüstern und bemerkte augenblicklich, wie ihr das Blut vor Scham in die Wangen schoss. Bella hatte nicht vor gehabt, mir das mitzuteilen, das wusste ich, aber ich konnte und wollte es auch nicht ignorieren, als sie beschämt wegblickte und laut schluckte. Ihr Herz hatte bereits schneller als üblich zu schlagen begonnen und ich konnte förmlich spüren, wie ihre Kehle zu schwoll. Kurz entschlossen zog ich sie mitsamt der Decke auf meinen Schoß und drückte vorsichtig ihren Kopf in meine Halsbeuge. „Siehst du das wirklich so?" fragte ich leise, während ich ihren Rücken auf und ab streichelte und meine Nase in ihrem Haar vergrub.
„Wie… sollte ich es denn sonst sehen?"
„Ich bin der Ansicht, dass… man nur selbst seine Unschuld aufgeben kann… Und das freiwillig."
Bella setzte sich ein Stück weit auf um mich ansehen zu können und ich konnte deutlich erkennen, wie verwundert sie doch über meine Aussage war.
„Ist… das dein Ernst?" fragte sie mit leiser Stimme woraufhin ich nur nickte.
Fast schon erleichtert schlang sie ihre Arme um meinen Nacken und drückte sich fest an mich und ich mochte dieses unbeschreibliche Gefühl, als sich ihr warmer, weicher Körper gegen meinen presste. In diesen Momenten fühlte es sich fast so an, als könnte sie meinen Körper mit ihrem wärmen und ich fühlte mich für einen Augenblick weniger kalt. Ich seufzte wohlig, als ich plötzlich Bella's Lippen an meinem Hals spürte, als sie fast zögerlich sanfte Küsse verteilte und konnte nicht umhin ein leises Schnurren aus meinem Brustraum zu entlassen, als Bella's Küsse eine wahrliche Gefühlsexplosion verursachten.
„Ich… liebe es, wenn du dieses Geräusch machst." Sagte Bella lächelnd und blickte mich an, während sie auf ihrer Unterlippe kaute. Tausende Male hatte ich diese Angewohnheit bereits bei ihr beobachtet, doch in diesem Moment durchfuhr es mich wie ein Blitzschlag und ich konnte nicht mehr klar denken, als ich Bella's Kopf näher zog.
Ich versuchte ein erleichterndes Stöhnen zu unterdrücken, als ich Bella's Lippen auf meinen spürte, versuchte sanft wie immer vor zu gehen, doch ich war kaum noch Herr meiner Sinne. Jede Faser meines Körpers, jede einzelne Zelle verzehrte sich nach ihr, doch das erste Mal nicht ausschließlich nach ihrem Blut, denn als Bella sich plötzlich rittlings auf mich setzte und sich fest an mich presste, stieg mir dieser wunderbare süße Duft Bella's in die Nase. So wunderbar süß und lieblich und doch so anders als ihr Blut. Ich wollte sie. Ihren Körper,… ihr Blut,… ich wollte alles.
Ein Knurren entwich meinen Lippen, als ich Bellas warme Hände unter meinem Hemd spürte und zwang mich mein letztes bisschen Verstand den ich noch besaß zusammenzukratzen.
„Bella,… nicht!" Sie spielte mit dem Feuer und das konnte nur böse enden, doch ich hatte nicht die Kraft sie von mir zu drücken.
„Schhh. Es ist ok Edward! Wirklich!" flüsterte sie, bevor sie ihre Körpermitte gegen meine presste und ihre Lippen wieder auf meine drückte, mich leidenschaftlich küsste und begann die Knöpfe meines Hemds zu öffnen.
Ich hätte sie aufhalten müssen, doch ich konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen, als ich sie an der Hüfte packte und sie plötzlich unter mir auf der Couch lag. Ihr Herzschlag hatte sich mit einem Male drastisch erhöht und ich konnte sie unter mir aufkeuchen hören, als ich meine Lippen über ihre pulsierende Halsschlagader wandern ließ.
„Edward…" Bella wandte sich unter mir und hielt mich fest mit ihren Armen umschlungen. Und in diesem Moment wusste ich nicht, welches Verlangen größer war. Das nach ihrer Nähe, oder das Verlangen nach ihrem Blut. Meine Kehle brannte wie schon sein langem nicht mehr, als meine Zunge über Bella's gerötete Haut strich. Ich blickte auf um sie anzusehen, doch als ich in ihre Augen sah, erstarrte ich für einen Moment.
Angst… Verlangen… Scham… Unsicherheit… Lust…
Das alles sah ich in ihrem Gesicht und ließ mich wieder etwas klarer werden. Ich kämpfte mit meinem Verlangen nach ihr und krallte mich mit meiner Hand in die Armlehne der Couch, bis ich das Leder reißen hörte. Ich musste das auf der Stelle stoppen, doch Bella hatte ihre Hände bereits in meinen Nacken gelegt und zog sich daran etwas hoch um mich erneut fast schon sehnsüchtig küssen zu können.
„Bella… nicht, warte…" ich versuchte ihre Arme von mir zu lösen, doch als ich spürte, wie sie erneut ihren Unterleib an mich drückte wurde die Spannung zu viel. Die Hitze,… ihr pulsierendes Blut… ihre gerötete Haut…
„STOP!" und ich riss mich von ihr los. Sprang nach hinten und kollidierte mit dem Bücherregal an der Wand.
Wie versteinert blieb ich, wo ich war, wagte es nicht, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen und versuchte Bella's Reaktion einzuschätzen. Sofort hatte sie sich in eine sitzende Position gebracht und starrte mich aus großen Augen an. Ihre Hände zitterten und wie auf Kommando fuhr ihr die Schamesröte ins Gesicht, als sie fest ihre Beine zusammenpresste.
„Edward… ich…"
Ich kniff vor Schmerz meine Augen zusammen und versuchte für einen kurzen Moment Bella auszublenden, was mir nur mäßig gelang.
„Edward, ich wollte nicht…" doch Bella stockte erneut.
„Ich darf bei dir… nie die Kontrolle verlieren!" ich öffnete meine Augen und sah, wie Bella mich traurig ansah.
„Es… ist doch nichts passiert, ich meine… du hast mir nicht weh getan, wenn es das ist…"
Doch ich unterbrach sie, indem ich mich mit einer fließenden Bewegung wieder neben sie setzte, diesmal mit etwas Abstand zwischen uns. „Bella… wir können nicht… ich meine…" ich seufzte leise. „Ich weiß nicht, ob es funktionieren wü…"
„Oh!..." Bella blinzelte ein paar Mal und strich sich dann verlegen über ihren Nacken." Ich… also… soweit habe ich nicht… gedacht. Ich… ich nahm an, dass… es möglich sei..." murmelte sie.
„Es ist für uns möglich. Anatomisch funktioniert bei uns alles exakt wie bei Menschen. Aber… Ich kann nicht ok? Bella… ich kann nicht mit dir schlafen." Und in dem Moment, als ich sah, wie Bella's Gesicht zu fallen schien und sie meinem Blick auswich, hätte ich mich für meine Worte Ohrfeigen können.
Sie nickte leicht und schluckte schwer. „Schon… schon ok." Murmelte sie mit belegter Stimme.
„Nein so… meinte ich das nicht. Bella, sieh mich an. Ich meinte nicht, dass ich es nicht möchte!" Ich legte meine Hand an ihre glühende Wange und drehte ihren Kopf zu mir, sodass sie mich ansehen musste. „Es ist zu gefährlich. Ich würde dich dabei höchst wahrscheinlich verletzen und ich spreche hier nicht von ein paar blauen Flecken."
„Das glaube ich nicht. Du könntest mich nicht verletzen. Das weiß ich!" murmelte Bella.
„Nicht mit Absicht. Aber ich bin aus Stein, verstehst du? Und… sollte ich mich auch nur eine Sekunde lang nicht im Griff haben… ich möchte mir gar nicht ausmalen was passieren könnte." Ich legte meinen Arm um Bellas Schultern und zog sie wieder dichter an mich, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass sie wieder fest in ihre Decke gehüllt war.
„Aber… theoretisch wäre es möglich. Richtig?" fragte Bella und legte ihren Kopf in meine Halsbeuge.
Ich seufzte leicht und nickte dann. „Ja. Es ist möglich… Theoretisch. Aber Bella… auch wenn wir einen Weg finden würden… ich will nicht, dass du dich in etwas rein stürzt, wofür du möglicherweise noch gar nicht bereit bist." Natürlich war mir von Anfang an klar, dass ihr Verhalten eine Kurzschlussreaktion auf die Ereignisse des Abends waren und ich hasste mich dafür, dass ich es überhaupt so weit hatte kommen lassen. „Ich… bin der Letzte, der dich zu irgendetwas drängen würde. Ok?"
„Das weiß ich doch." Flüsterte Bella und nahm meine Hand in ihre. Sie seufzte leise und ich bemerkte, wie sie angestrengt versuchte ein Gähnen zu unterdrücken.
„Wie fühlst du dich?" fragte ich und strich ihr durch das Haar.
„Ganz ok denke ich."
„Möchtest du schlafen? Du siehst ziemlich geschafft aus."
Bella nickte und gemeinsam standen wir von der Couch auf und machten uns auf den Weg in mein Zimmer. Ich wusste, dass wir noch viel zu bereden hatten, aber… für heute war es genug. Bella musste sich ausruhen und Kraft sammeln. Sie würde sie noch früh genug brauchen… und ich auch.
BPOV
Die strahlende Sonne weckte mich am nächsten Morgen und ich fühlte mich mollig warm und ausgeruht, als ich durch das helle Licht, welches durch das Fenster schien erwachte. Ich streckte mich und ließ meinen Blick durch den Raum schweifen und hatte erwartet Edward neben mir vorzufinden oder wenigstens am Fenster, doch das Zimmer war leer. Langsam setzte ich mich auf und mein Blick fiel nach draußen. In der Nacht hatte sich der Eisregen in Schneeflocken verwandelt und der Wald hatte sich in eine dichte Schneelandschaft verwandelt und glitzerte im Sonnenlicht… fast so schön wie Edward.
Edward… ich unterdrückte ein Seufzen als ich daran dachte was Gestern alles passiert war und schlug mir mit der Hand gegen die Stirn. Es war klar, dass ich letzte Nacht nicht mehr ganz bei Sinnen war. Wie hatte ich es nur so weit kommen lassen? Scham und Schuldgefühle durchzuckten meinen Körper und ich konzentrierte mich darauf ruhig zu atmen und mich nicht von Panik übermannen zu lassen. So etwas durfte nicht noch einmal passieren.
Ich atmete tief durch, stand langsam von Edwards Couch auf und verließ sein Zimmer, als ich plötzlich ein Geräusch vernahm… oder besser gesagt, eine leise, liebliche Melodie hörte.
watch?v=p-ca1ocriv0 (Ludovico Einaudi, Walk)
Je weiter ich nach unten ging, desto lauter wurde der Klang des Klavieres, dem ich leise folgte. Er führte mich am Wohnzimmer vorbei, einen schmalen Gang entlang bis ans Ende des Hauses. Vorsichtig öffnete ich die Türe vor mir und blickte in das dahinterliegende Zimmer. Ein unglaublicher Anblick bot sich meinen Augen, während mir kalte Luft entgegenschlug. Der große Raum vor mir war Lichtdurchflutet und frische Winterluft wehte durch die offenen Fenstern in mein Gesicht. Ein großes schwarzes Klavier stand in der Mitte des Raumes und niemand anderer als mein Vampir saß davor und erzeugte diese lieblichen und zeitgleich melancholischen Töne.
Auf leisen Sohlen ging ich auf ihn zu, doch Edward hörte auf zu spielen, als ich hinter ihm stand und drehte sich lächelnd zu mir.
„Guten Morgen Bella." Edward lächelte mich an.
„Nicht aufhören! Du… spielst wundervoll!" Ich erwiderte sein Lächeln, als er mich näher zu sich zog und mir einen Kuss auf die Wange hauchte. „Ich wollte dich nicht stören."
„Das hast du nicht! Hab… ich dich geweckt?" fragte Edward und zog mich neben sich auf die Klavierbank.
„Nein. Aber ich denke ich habe unterbewusst gespürt, dass du das Zimmer verlassen hast." Edward fuhr mir mit seinen Fingern sanft durchs Haar und legte seine Hand dann seitlich an meinen Hals. „Edward… danke dass du mich gestern davon abgehalten hast… etwas Dummes… zu tun." Sagte ich leise und versuchte seinen Blick standzuhalten. „Ich… fühle mich schrecklich… weil… ich dir bestimmt… ungeheuerliche Schmerzen zugefügt habe, das… das war nicht meine Absicht." Ich schluckte schwer und nahm Edwards Hand in meine.
„Ach Bella…" erneut beugte sich Edward zu mir und drückte mir einen liebevollen Kuss auf die Stirn. „Das weiß ich doch. Es ist nicht deine Schuld… Wie oft muss ich dir das noch sagen?"
Ich zuckte leicht mit den Schultern. „Ähm… spielst du noch etwas für mich? Bitte!"
„Alles was du möchtest!"
„Vielleicht etwas nicht ganz so… melodramatisches?" scherzte ich und schenkte ihm ein Lächeln.
watch?v=rmj3iU36Mmw (Ludovico Einaudi, I giorni)
Ich beobachtete, wie Edwards Finger federleicht über die Tasten des Klaviers schwebten und dabei eine liebliche Melodie, welche durch den Raum hallte, erzeugten. Es war wunderschön und die Töne erwärmten mich von innen heraus. Ich konnte sehen, dass Edward mit seinen Gedanken weit weg war. Am liebsten hätte ich ihn auf der Stelle in den Arm genommen, doch ich wollte ihn nicht stören. Stadtessen konzentrierte ich mich auf die Musik, schloss meine Augen und ließ mich davon berieseln. Als die letzten Töne erklangen blickte ich wieder auf und sah, dass Edward mich ansah.
„Wie… lange hast du dafür gebraucht um… so spielen zu können?" fragte ich.
„Du weißt doch dass wir uns einfach alles merken, als hat es auch nicht lange gedauert Klavier spielen zu lernen." Antwortete Edward.
„Nein, das meint ich nicht,… ich… also… wie lange hat es gedauert, bis… du deine Kräfte bemessen konntest?"
Edward öffnete den Mund und überlegte kurz. „Sagen wir es so… es gab eine Zeit, da musste ich jede Woche ein neues Klavier besorgen…"
„Aber du hast nicht aufgegeben." Sagte ich leise und versuchte mir vorzustellen, wie frustrierend es für Edward gewesen sein musste mit nur einem einzigen Finger ein ganzes Klavier zu zerstören.
„Nein… das habe ich nicht."
Erneut nahm ich Edwards Hand in meine und strich mit meinen Fingern über seine kalte glatte Haut. „Spielst du oft?" fragte ich nach einer Weile.
„In letzter Zeit nicht so häufig ich… hatte irgendwie meine Muse verloren, aber… ich hab sie wieder gefunden." Antwortete er und lächelte leicht.
„Oh, dann… gehe ich wohl recht in der Annahme, dass ich deine Muse bin?" scherzte ich, doch ich konnte in seinem Gesicht erkennen, dass ich wohl den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.
„Du… bist viel mehr als nur meine Muse Bella. Du… bist mein Leben." Flüsterte er und legte seine Hand auf meine Wange.
Ich schluckte und wusste nicht was ich darauf antworten sollte, denn für mich klangen diese Worte schon fast wie eine Liebeserklärung. Ich öffnete den Mund und zog die Luft ein, während ich wie hypnotisiert in Edwards bernsteinfarbige Augen sah, als es plötzlich an der Tür klingelte.
„Das ist Charlie. Du solltest dich vielleicht schnell umziehen."
Ich nickte und wollte aufstehen, doch ich besann mich anders und schlang meine Arme um Edwards harten Körper um ihn kurz jedoch fest an mich zu drücken, bevor ich den Raum verließ.
Die Stille zwischen mir und Charlie lag schwer auf mir, als wir schweigend in seinem Auto saßen. Ich hatte erwartet, dass er mich anschreien würde, oder wenigstens sofort mit mir nach Hause fahren und mir Hausarrest geben würde, doch Charlie tat nichts dergleichen. Und irgendwie empfand ich diese Stille noch viel schlimmer, als wenn er mich angebrüllt hätte. Ich unterdrückte ein Seufzen und schnallte mich an.
„Was ist passiert Bella? Hat dir… jemand weh getan? Hat Phil dich angerührt? Ich schwöre bei Gott, wenn er…" plötzlich platzte es aus Charlie heraus, doch ich unterbrach ihn.
„Nein! Dad, ich… Phil würde so etwas niemals tun, er… würde mir kein Haar krümmen. Er… ist eigentlich ganz nett."
„Wer war es dann? Ich kann dir helfen, aber dafür musst du mir sagen, was passiert ist." Versuchte Charlie es weiter und ich konnte in seiner Stimme hören, wie verzweifelt er war. Ich spürte einen Stich in der Brust, als ich realisierte, dass niemand mir helfen konnte. Ja… Charlie konnte veranlassen, sie ins Gefängnis zu bringen, aber wirklich helfen konnte er mir nicht. Genau so wenig wie Edward. Und dieses Eingeständnis schmerzte. Edward konnte für mich da sein, mich aufheitern und mich für einen Moment vergessen lassen, aber keiner der Beiden konnte es ungeschehen machen.
Ich versuchte ruhig zu bleiben, doch ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme um einiges lauter wurde.
„Ich brauche kein polizeiliches Verhör! Alles was ich brauche, ist ein… Vater!" zittrig entließ ich die Luft aus meinen Lungen und presste meine zitternden Hände zwischen meine Oberschenkel. Ich hoffte nichts Falsches gesagt zu haben, doch als ich sah, wie Charlies Gesicht zusammenfiel, tat es mir unendlich leid. Ich versuchte stark zu bleiben und schluckte ein paar Mal um den schmerzenden Klos in meinem Hals loszuwerden. „Dad, ich… so meinte ich das nicht." Murmelte und blickte schüchtern zu ihm.
„Bella… ich weiß, dass ich nicht der tollste Vater bin und dir nicht… zeigen kann wie sehr ich dich liebe, aber…"
„Du bist der beste Vater den man sich wünschen kann! Aber… i…ich habe einen schrecklichen… Fehler gemacht und… dir davon zu erzählen, würde bedeuten dich… enttäuschen zu müssen." Murmelte ich und blickte auf meine Füße.
„Aber… wie kannst du so etwas sagen?" fragte Charlie und drehte sich besser zu mir. „Bella, du könntest mich niemals enttäuschen."
Ich glaubte ihm. Natürlich glaubte ich ihm und trotzdem war meine Kehle verschlossen. Ich konnte und wollte es ihm nicht erzählen. „Versprochen?" flüsterte ich und Charlie nickte.
„Versprochen."
Ich atmete erleichtert aus und konnte aus dem Augenwinkel erkennen, wie Charlie zögerlich eine Hand nach mir ausstreckte. Und obwohl er mir soeben versichert hatte, dass ich ihn niemals enttäuschen könnte, beschlich mich sofort ein beklemmendes Gefühl. Ich wollte ihm nicht weh tun, aber… ich tat es ständig.
„Ich… will nur deine Hand halten Bella. Nichts weiter."
Ich schluckte schwer und versuchte mir meinen Widerwillen nicht anmerken zu lassen. Ich musste mir endlich einen Ruck geben. Es war doch nur mein Vater, der neben mir saß. Mir würde nichts passieren…und trotzdem wog ich in meinem Kopf gerade ab, wie sicher es war, mich berühren zu lassen und… ich hasste mich dafür. Hasste mich dafür, dass ich es auch nur im Entferntesten erwog, Charlie könnte mir genauso sehr weh tun, wie…Gott ich war eine schreckliche Tochter. Langsam und bedacht zog ich meine linke Hand hervor und hoffte Charlie würde nicht sehen, wie viel Überwindung es mich kostete, als ich meine Hand in seine legte.
Die Welt drehte sich weiter. Als ob nichts geschehen wäre, doch für mich hatte sich in diesem Moment alles geändert, als Charlie meine Hand leicht gedrückt hielt. Es war eine kleine Geste der Zuneigung und des Trostes und erst jetzt wurde mir klar, wie sehr ich mich danach gesehnt hatte. Und trotzdem… ich fühlte mich ohne Berührungen wohler.
„Wir beide schaffen das schon. OK? Ich… höre dir zu, wenn du reden willst."
Ich nickte leicht und entzog ihm dann langsam meine Hand, um sie zurück in meinen Schoß zu legen, als Charlie den Wagen startete. Er zog etwas lauter die Luft ein und blickte dann wieder zu mir.
„Was?" fragte ich leise.
„Möchtest… du nach Hause?"
Ich runzelte leicht sie Stirn. „Ich wusste nicht, dass noch etwas anderes zur Auswahl stehen würde."
„Ich dachte… wir könnten vielleicht noch ein paar Stunden angeln gehen. Oder spazieren, was immer du möchtest, aber… wenn du müde bist kann ich das verstehen. Wir haben noch die ganzen Weihnachtsferien Zeit."
Ich blickte Charlie kurz an, ehe ich antwortete. „Nein ich… würde… sehr gerne mit dir angeln gehen. Eisfischen klingt doch… ganz gut." Sagte ich dann leise und rang mir ein kleines Lächeln ab, welches Charlie erwiderte, ehe er den Motor startete und den Wagen aus der Einfahrt der Cullens hinaus auf die Straße manövrierte.
