Kapitel 25: Männergespräche

In der Nacht wurde Severus durch Lärm aus dem Flur geweckt. Müde und verwirrt setzte er sich auf. Er sah zu Regulus hinüber. Dieser schlief jedoch wie ein Toter. Leise stieg Severus aus dem Bett, warf sein Shirt über, steckte seinen Zauberstab in den Bund seiner Shorts und schlich zur Tür. Er öffnete sie leise.

„Hier entlang!", hörte er jemanden rufen. Die Stimmen kamen offenbar aus dem Treppenhaus. Lautlos schlüpfte er aus dem Zimmer und schlich den Flur entlang. Am Treppenaufgang blieb Severus im Schatten stehen und spähte vorsichtig nach unten.

„Was ist passiert?", hörte er Greed sagen und hielt augenblicklich den Atem an.

„Eindringlinge, Sir! Auf den Ländereien."

„Wurden sie identifiziert?"

„Ja, und bereits von uns in Gewahrsam genommen. Zwei Muggelstämmige. Offenbar flüchtig."

„Exekutiert sie.", sagte Greed kalt.

„Sir?"

„Sie haben mich schon richtig verstanden. Keine Befragungen, keine Überführung nach Askaban. Es sind bloß Muggelstämmige, Major. Die sind den Aufwand nicht wert.", sagte Greed gelangweilt. „Und jetzt lassen Sie mich weiterschlafen."

Severus lief ein eisiger Schauer über den Rücken, als er hörte wie leicht diesem Mann das Töten fiel. Schwere Schritte hallten die Treppe hinauf.

Severus rannte schnell zu seinem Zimmer zurück. Er schloss die Tür hinter sich mit einem Gefühl der Abscheu. Leise ging er zum Fenster und sah hinaus. Severus ließ den Blick über den Garten und die anschließenden Ländereien schweifen. Erneut sah er zu Regulus, der immer noch seelenruhig schlief. Er hingegen würde heute Nacht wohl kein Auge mehr zutun können.

Severus ging zu seinem Bett und zog sich Jeans und Schuhe an. Er hielt es nicht aus hier herumzuhocken. Nicht nachdem, was er gehört hatte.

Wieder öffnete er die Zimmertür vorsichtig und spähte dieses Mal in den Flur, um sich zu vergewissern, dass er allein war. Er verließ den Ostflügel und ging durch das Treppenhaus in Richtung des Lesezimmers im 3. Stock. Dieses war einer der kleineren Gruppenräume. Geräumig, rauchig und voll gestopft mit Bücherregalen und Vitrinen. In der Mitte des Zimmers befand sich eine Reihe von Sesseln und kleinen Tischchen.

Allerdings fand Severus hier jemanden vor, den er nicht erwartet hätte; Lucius. Er saß in einem der Sessel und las ein Buch.

„Kannst du nicht schlafen?", fragte Lucius, als er seinen Freund hineinkommen sah. Severus setzte sich zu ihm.

„Und du? Wo ist Narzissa?", fragte er.

„Sie schläft.", antwortete Lucius kurz angebunden. Severus sah auf den Buchumschlag.

'Die grundlegende Philosophie des Lebens' von Charles P. Hoffman.

Lucius überraschte ihn immer wieder. In Hogwarts sah er ihn nie freiwillig ein Buch in Hand nehmen.

„Seit wann interessierst du dich für Philosophie?", fragte Severus.

„Eigentlich hoffte ich, dadurch müde zu werden, aber es ist ganz nett. Könnte glatt von dir stammen."

„Warum?"

„Weil der Autor über den Sinn des Lebens schreibt, dass wir uns über unsere biologische Funktion hinwegsetzen sollen.", sagte Lucius.

„Habt ihr euch gestritten?", fragte Severus. Sein Freund machte einen etwas zerstreuten Eindruck.

„Nein.", sagte Lucius. Es klang angespannt. „Das ist es nicht."

„Was dann?"

Lucius atmete tief.

„Na ja …", war dennoch das Einzige, was er von sich gab.

„Was ist? Mir kannst du es erzählen.", sagte Severus.

„Wir hatten einen interessanten Abend zusammen."

Severus lehnte sich zurück und zog die Augenbrauen hoch.

„Ah ja.", sagte er. „Nun … hat sie dich fertig gemacht oder wieder belebt?"

Lucius starrte seinen Freund fassungslos an und ließ sein Buch fallen. Es klatschte dumpf auf den Boden, während sich eine furchtbare Stille zwischen ihnen ausbreitete.

„Da ist doch nichts dabei.", meinte Severus schließlich kleinlaut.

„Sev …" Lucius hob das Buch wieder auf. „Bei dir ist vielleicht nichts dabei, aber mir sitzt eine ganze Brigade Todesser im Nacken."

„Wo ist das Problem?"

„Das Problem, Severus, ist, dass mir niemand so was durchgehen lässt."

„Warum nicht? Sie ist reinblütig, du bist reinblütig."

„Darum geht es nicht.", sagte Lucius und es klang traurig. Er raufte sich das Haar und besah seine Finger. „Du bist nicht mit meinen Eltern aufgewachsen. Sie wollen Disziplin und Etikette. Es ist nicht nach ihren Vorstellungen, wenn ich einfach mit Zissia … du weißt schon."

„Schlafe?", beendete Severus den Satz. Lucius nickte zögernd. „Warum tust du es dann?"

„Weil ich sie liebe." Sein Freund setzte seine Brille ab, legte sie auf den Tisch neben sich und rieb sich die Augen. „Nachdem du weg warst hat Bella ihren ganzen Frust an mir abgelassen."

„Bei ihr ist das wohl angestautes Östrogen.", meinte Severus lapidar.

„Das ist nicht lustig!", fuhr Lucius ihn an.

„Das sind ihre Halbblutwitze auch nicht."

Lucius sagte nichts darauf, sondern verzog nur das Gesicht. Noch bevor Severus etwas entgegnen konnte öffnete sich die Tür zum Zimmer. Auf der Schwelle stand jemand von dem sie beide gehofft hatten er würde in seinem Bett liegen: Maximus Greed. Er trug einen schwarzen Morgenmantel und dunkelblaue Pyjamahosen. Sein Auge wurde nicht wie üblich von der schwarzen Binde verdeckt, sondern es lag milchig-weiß in seiner Höhle und starrte leer vor sich hin. In einer Hand hielt er ein Glas Cognac und in der anderen eine Ausgabe des Propheten in der Spätausgabe.

Severus' Nackenhaare stellten sich auf. Dieses tote Auge wirkte auf ihn, als würde es durch ihn hindurch sehen können.

„Guten Morgen, die Herren.", sagte Greed.

„M-morgen?", stammelte Lucius.

„Es ist drei Uhr in der Früh. Rein rechnerisch ist das bereits morgen.", sagte Greed ähnlich gelangweilt, wie in dem Moment, als er den Hinrichtungsbefehl gab. Severus' Rücken lief ein kalter Schauer hinab und er wünschte sich weit, weit weg.

„Und warum liegen Sie nicht in ihren Betten?", fragte Greed.

„Schlafstörungen.", meinte Lucius.

„So? Und wovon kommen die?"

„Frauen.", sagte Severus. Greed begann amüsiert zu lachen und kam auf sie zu.

„Frauen, meine Herren, bereiten wohl jedem Mann schlaflose Nächte." Greed setzte sich zu ihnen, klatschte seine Zeitung auf den Tisch und überschlug die Beine.

Severus und Lucius hatten alle Mühe nicht so dazusitzen wie die Hühner auf der Stange, doch Greed war wohl der Letzte dessen Gesellschaft sie sich wünschten. Dennoch wussten sie, dass es wahrscheinlich tödlich wäre einfach aufzustehen und zu gehen.

„Und Sie, Sir?", fragte Lucius, der offenbar etwas aufzubauen versuchte, dass sich „höfliche Konversation" schimpfte.

„Dienstliche Angelegenheiten. Nichts, was für Sie von Interesse wäre. Meine Frau ist somit aus dem Schneider." Greed lächelte ihnen zu und nahm einen Schluck seines Cognacs. „Und sie haben beide schon ein Mädchen?"

„Natürlich.", sagte Lucius. „Ich zumindest."

Schleimer! , dachte Severus ärgerlich.

„Severus ist allerdings ein hoffnungsloses Single."

Wie bitte??? Ich bin ein WAS?

„Tatsächlich?", fragte Greed an Severus gewandt.

„Ich hatte noch nicht die passende Gelegenheit.", sagte er. „Für Mädchen braucht man Zeit und die hat nicht jeder."

„In Ihrem Alter sollte man die besser haben." Greed wog sein Glas hin und her. „Sie sind ein tüchtiger, junger Mann, wie ich vermehrt hören konnte, doch ich fürchte in Büchern finden Sie keine Frau." Und plötzlich warf ihm sein Gegenüber einen mehr als zweideutigen Blick zu, der Severus überhaupt nicht gefiel. „Nun, zumindest nicht in Ihren Schulbüchern."

„Über meine Anatomie bin ich mir mehr als bewusst.", antwortete Severus vorsichtig.

„Das glaube ich Ihnen aufs Wort!", sagte Greed und nahm noch einen Schluck Cognac. „Männer in ihrem Alter sollten sich klar vor Augen halten, dass es für zukünftige Generationen ungeheuer wichtig sein wird, dass Menschen wie wir einen festen Fortbestand haben."

„Männer wie wir.", sagte Severus und nickte Greed zu. Er wusste sehr genau, was der General damit meinte. Etwas ungeheuer Wichtiges. Etwas ungeheuer Perverses.

„Sehr richtig. Das schwache Blut wird verdrängt, wenn wir erfolgreich sind – für immer."

Severus hätte sich am liebsten den Finger in den Hals gesteckt und sich seines Mageninhalts entledigt. Er dachte an Greeds Frau. War da einer der ersten Vertreter der neuen, absoluten Magierrasse im Anmarsch? Und war das der einzige Grund warum jemand wie Maximus Greed überhaupt an Sex dachte? Um den genetischen Fortbestand der Reinblüter zu gewährleisten?

Das ist doch völlig krank!

Er hätte es am liebsten in die Welt hinaus geschrieen. Er wäre am liebsten aufgestanden und gegangen, doch er konnte nicht. Nein, er saß hier im Angesicht dieses Psychopathen und musste gute Miene zum bösen Spiel machen.

Ekel breitete sich in ihm aus. Ekel vor Greed und allen Reinblütern, aber auch vor sich selbst, weil er einfach nur hier herumsaß und nichts tat!

„Darf ich?", fragte Severus und deutete auf die Morgenausgabe des Propheten.

„Natürlich.", antwortete Greed. Severus nahm sich die Zeitung und überflog die Titelseite. Es stand nichts Überraschendes drin, doch es lenkte ihn von Greed ab.

„Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach Hogwarts?", fragte der General und beobachtete die beiden Jungen sehr genau.

„Den Grunddienst ableisten.", sagte Lucius. Severus hingegen tat so, als habe er es nicht gehört.

„Sie klingen beinah so, als sei das eine Strafe."

„Ich denke, ich werde ein miserabler Soldat sein.", antwortete Lucius.

„Warum?", wollte Greed wissen.

„Ich bin ein schlechter Kämpfer."

„Keine Sorge, das wird noch." Greed lächelte sein Gegenüber an und nahm einen Schluck seines Cognacs. „Sie sollten sich eine Laufbahn beim Militär wirklich überlegen, mein Guter."

„Ja, Sir.", sagte Lucius nur.

„Und Sie?", fragte Greed an Severus gewandt.

„Was? Oh …" Er blickte mit gespielter Überraschung von der Zeitung auf und versuchte dabei möglichst überzeugend zu wirken. „Ich denke, ich werde nach dem Armeedienst mein Fach spezialisieren."

Tatsächlich? Das ist mir ja ganz neu!

Greed nickte ihm zu.

„Vorher suchen Sie sich aber eine Frau."

Severus hätte am Liebsten etwas Gehässiges entgegnet, doch er ließ es lieber bleiben.

„Gefällt Ihnen das nicht?"

„Ich fürchte, dass könnte eine wahre Odyssee werden.", entgegnete Severus trocken.

Greed begann leise zu lachen.

„Für einen intelligenten Jungen, wie sie, wird sich sicher etwas finden lassen."

„Es eilt nicht, Mr Greed."

„Mein Junge, man muss die Frauen erziehen solange sie noch jung und beugsam sind."

„Ich denke nicht, dass das nötig sein wird."

„Denken Sie nicht? Nun, dann viel Erfolg." Severus entging der ironische Unterton in Greeds Worten keineswegs. Er antwortete jedoch nichts darauf. Das Risiko, dass ihm etwas Verhängnisvolles herausrutschen könnte war einfach zu groß.

Greed trank den restlichen Cognac auf Ex, erhob sich und schnappte Severus die Zeitung aus den Händen.

„Nun denn, meine Herren, ich wünschen Ihnen noch eine angenehme Nacht.", sagte er und verschwand aus dem Zimmer. Severus und Lucius warteten bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte, bevor sie geradezu befreiend aufatmeten.

„Gott sei dank! Ich dachte schon, der geht gar nicht mehr.", sagte Lucius und stellte sein Buch in das Regal zurück.

„Wenigstens weißt du jetzt, worauf es im Leben ankommt."

„Wirklich witzig, Sev!", grollte sein Freund.

„Okay, dann lass uns was Trinken gehen."

„Hast nicht schon genug?", fragte Lucius verwirrt.

„Woher willst du das wissen?"

„In eurem Zimmer stank es wie in 'ner Brauerei!"

Severus war seinen Freund nun einen fragenden Blick zu.

„Ich bin heute Nacht noch mal vorbei gekommen, aber ihr habt geschlafen wie die Toten."

„Okay, dann eben kein Alkohol.", schloss Severus. „Wie wär's mit Saft?"

„Sev, du benimmst dich irgendwie etwas … na ja, eigenartig seitdem du hier bist. Natürlich, nicht, dass du jemals normal gewesen wärst …" Lucius meinte es offenbar als Scherz, doch Severus konnte darüber nicht lachen.

„Irgendjemand war heute auf dem Gelände.", sagte er lehnte sich zurück. „Muggelstämmige. Flüchtlinge oder so."

„Und?", fragte Lucius, als er sich wieder zu ihm setzte.

„Greed hat sie umbringen lassen. Ohne mit der Wimper zu zucken. Einfach nur, weil sie da waren!"

„Was interessiert dich das?"

„Was es mich interessiert?", rief Severus aufgebracht. „Falls es dir in all den Jahren entgangen sein sollte: Ich bin Halbblüter!"

„Und?"

„Und? Und?! UND!" Severus fasste es nicht. War Lucius wirklich so begriffsstutzig oder tat er bloß so? „WARUM BEGREIFST DU DAS EIGENTLICH NICHT?"

„Scchhhhhhh!", machte Lucius erschrocken. „Du weckst ja das ganze Haus auf!"

„Im Augenblick jagen sie nur die Muggelstämmigen, aber was ist, wenn sie es sich irgendwann anders überlegen? Was ist, wenn es morgen Halbblüter sind oder plötzlich die Reinblüter, von denen sie nicht glauben ihr Blut sei rein genug?"

„Sev …", sagte Lucius behutsam. „… du hörst dich langsam wie ein Separatist an."

„Ach ja!", giftete Severus. „Vielleicht bin ich ja einer?"

Lucius schwieg und musterte seinen Freund. Ihm schien nicht klar zu sein, was er von Severus' Verhalten denken sollte.

„Weißt du, ich …" Lucius sah ihn nun etwas verloren an. „Ich weiß nicht, was du plötzlich hast."

„Was ich habe? Vielleicht geht es mir ja auf den Zeiger, dass du dich ständig auf deinen Lorbeeren ausruhst und dir alles so derartig am Arsch vorbei geht! Ja, stimmt schon, du musst dir um nichts Sorgen machen, immerhin bist du Reinblüter! Ich werde irgendwann umgelegt und alles ist okay."

„Severus! Das habe ich überhaupt nicht gesagt!", empörte sich Lucius.

„Aber du denkst es!"

„Sev!"

„Nicht? Warum interessiert es dich dann nicht, was hier los ist?"

„Du … du redest langsam wirklich wie ein Separatist.", bemerkte Lucius leise.

„Ja, fein!" Severus erhob sich und blickte wütend auf seinen Freund hinab. „Dann geh doch zu Greed und melde mich, wenn du das denkst! Steh auf und hol ihn!"

Lucius blieb jedoch sitzen und runzelte die Stirn.

„Oh Sev.", sagte Lucius matt und presste seine Hände auf seine Augen.

Severus hatte ihn wohl falsch eingeschätzt. Sein Freund war dazu erzogen worden niemals ein Zeichen von Schwäche zu zeigen. Er sollte Stärke repräsentieren. So, wie man es von einem Mitglied der aristokratischen Reinblutgesellschaft erwartete. Und doch saß Lucius nun hier und versuchte mit aller Macht nicht in Tränen auszubrechen.

„Ich will das nicht.", wimmerte er und nahm die Hände von seinem Gesicht. „Glaubst du das wirklich von mir?"

„Ja.", sagte Severus düster.

„Du weißt genau, dass ich keine andere Wahl habe! Ich muss das sein, was sie von mir verlangen!"

„Man hat immer eine Wahl, Lucius!", entgegnete Severus und ging auf seinen Freund zu.

„Nein, nicht hier! Wir dienen oder sterben. Das weißt du doch ganz genau!"

Severus musste seinem Freund im Gedanken traurig zustimmen. Es gab keine Aussicht auf Erfolg, wenn man den Versuch unternahm den Mühlsteinen des Systems zu entkommen. Viel wahrscheinlicher war es, dass man zwischen sie geriet und vernichtet wurde.

„Was willst du jetzt tun?", fragte Severus.

„Wie?"

„Du denkst doch, dass ich ein Separatist bin."

Lucius stöhnte auf und schüttelte den Kopf.

„Ich … Ach egal. Es ist mir egal, Sev. Lass mich einfach nur in Frieden. Ich will nichts damit zutun haben."

„So funktioniert das aber nicht!", widersprach Severus.

„Was soll ich denn deiner Meinung nach tun? Wir sind alle Gefangene. Ich, du, Zissy … Wir kommen da nicht mehr raus. Und wenn du denkst, dass ich das alles unterstütze, dann irrst du dich gewaltig! Ich habe jeden Tag furchtbare Angst, weißt du. Ich verstehe dich, Sev. Ich weiß, warum du denkst, dass sie dich eines Tages umbringen werden." Lucius ließ die Schultern hängen. „Wenn du mich fragst, wird Du-weißt-schon-wer solange Menschen töten bis nur noch er übrig ist."

„Jetzt klingst du aber wie der Separatist.", meinte Severus.

„Dann sind wir es eben beide.", schloss Lucius müde. „Na ja, oder du brauchst doch ein Mädchen."

„Wie bitte?", fragte Severus verblüfft. Wie kam er denn jetzt da drauf?

„Greed meinte es zwar anders, aber vielleicht ist eine Frau wirklich die Lösung des Problems."

„Glaubst du, ich will viele, kleine Halbblüter in die Welt setzen?" Severus musste unwillkürlich lachen. Lucius lachte ebenfalls.

„Das war wohl eher Greeds Ansatz.", sagte Severus.

„Nein, ich meinte Liebe.", gab Lucius zu und seine Wangen nahmen ein zartes Rosa an.

„Liebe rettet uns nicht."

„Vielleicht nicht unser Leben, aber vielleicht unsere Seele."

Severus zog eine Augenbraue nach oben. Lucius überraschte ihn wahrlich immer wieder! Vielleicht sollte er ihm in Zukunft noch mehr philosophische Literatur zukommen lassen?

Severus zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Ich glaub, ich geh wieder ins Bett."

„Hmm, ich komme mit. Nicht, dass Greed noch mal hier auftaucht.", sagte Lucius und erhob sich. Gemeinsam gingen sie zur Treppe und stampften nach oben. Als sie auf ihrer Etage angekommen waren verabschiedeten sie sich wortlos.

Severus ging in sein Zimmer zurück und schlich sich leise in sein Bett, um Regulus nicht zu wecken.

„Wo warst du?", fragte plötzlich eine Stimme aus der Dunkelheit. Er erschrak und stürzte über seine eigenen Füße, woraufhin er laut polternd zu Boden krachte.

„Severus?" Regulus hielt ihm das Licht seines Zauberstabs vor die Nase. „Oh sorry, wenn ich dich …"

„Ich hab mir nichts gebrochen.", keuchte Severus, dessen Kniescheiben sich anfühlten als wären sie zertrümmert. Er rappelte sich auf und setzte sich hinkend auf sein Bett.

„Ich musste mal pissen.", log er seinen Zimmergenossen an. „Warum?"

„Nichts. Ich habe mich nur gewundert." Regulus schien es peinlich zu berühren, dass sich Severus wegen ihm fast etwas gebrochen hätte.

„Dann ist ja gut.", sagte Severus und legte sich hin. „Kannst du die Funzel ausmachen?"

„Was? Oh, natürlich." Regulus sprach den „Nox" und das Licht erlosch.

Severus rollte sich auf der Seite ein und dachte über das Gespräch mit Lucius nach. Er wusste, dass er zuviel riskiert hatte. Schließlich hatte er ihm geradezu auf die Nase gebunden, was er dachte. Andererseits hätte Lucius ihn schon längst verpfeifen können. Schon vor Jahren hätte er das tun können. Wahrscheinlich tat er es nicht, weil er dann hätte zugeben müssen, dass er ebenfalls solchen Gedanken nachhing. Severus wusste, dass Lucius kein Idealist war. Sein Freund hatte Angst. Sein ganzes Leben bestand aus Angst. So, wie das von Severus und ein paar hunderttausend weiteren Magiern im Einflussbereich Voldemorts. Angst kontrollierte sie alle. Und er wusste, dass die Leute merkwürdige Dinge taten, wenn sie sich fürchteten. Manchmal auch grauenvolle Dinge.

In einem musste er Lucius jedoch einwenig nachgeben: Liebe würde ihr Leben nicht retten, aber vielleicht ihre Seele. Ihre Seele würde das Einzige sein, was ihnen in dieser Welt blieb und sie durften auf keinen Fall zulassen, dass sie durch irgendetwas zerstört wurde.

Die einzige Frage, die jetzt noch blieb war; inwieweit ihre Seele – das letzte, kleine Bisschen, dass von ihrer Existenz zeugen würde – schon zerstört worden war. Er hoffte nicht zu sehr.

7