Traurige Erinnerungen
Bellas POV - Paralleluniversum
(Paralleluniversum)
„Hey, ihr beiden, aufstehen."
Mum und Dad kamen in unser Zimmer. Wir waren sofort wach, als wir diese Worte hörten. Heute war es endlich soweit. Andy und ich hatten Geburtstag. Es war der 13. September. Wir richteten uns in unserem Bett auf und Renee kam strahlend auf uns zu und umarmte uns.
Eigentlich hatte jeder von uns sein eigenes Zimmer und Bett. Aber wir waren einfach zu aufgeregt, um alleine in getrennten Zimmern zu schlafen. Das haben wir bis jetzt seit wir vier geworden waren, jedes Jahr gemacht. Jedes Jahr wechselten wir uns ab. Mal kam Andy in mein Bett und ich dann nächstes Jahr ins seins. Auch zusammen viel es uns jedes Jahr schwer, endlich einzuschlafen. Wir hofften jedes Mal inständig, dass die Nacht schnell vorbei gehen würde. Wir redeten die halbe und kicherten und lachten und waren sehr aufgeregt, was unser Geburtstag wohl dieses Jahr bringen würde. Mum und Dad sagten natürlich nichts zu unserem Ritual. Sie waren einfach nur glücklich, dass wir glücklich. Dieses Jahr kam Andy in mein Bett gekrochen.
„Alles Gute zum Geburtstag. Ach, mein Gott. Schon wieder seid ihr ein Jahr älter geworden.", sagte Mum.
„Danke, Mami.", sagten wir beide gleichzeitig.
Dann sahen Andy und ich uns gegenseitig an und umarmten uns. „Happy Birthday, Bella/Andy!", sagten wir.
„Auch von mir alles Gute, meine Zwillinge."
Charlie trat nun ans Bett und legte ein Tablett vorsichtig vor uns auf die Decke hin. Darauf standen 2 gefüllte Cornflakes-Schüsseln mit Milch. Natürlich Schokoladen-Cornflakes, unsere Lieblingssorte. Charlie umarmte uns nacheinander sehr vorsichtig, um nichts verschütten.
Dann lächelte er uns an. „Wenn ihr fertig seid, kommt runter in die Küche.", sagte er lachend und Renee stimmte ein. Sie nahm seine Hand und ging mit ihr die Treppe hinunter.
Wir strahlten uns gegenseitig an und aßen schweigend unser Frühstück. Wir waren einfach zu aufgeregt, um irgendetwas zu sagen. Nachdem wir aufgegessen – eher runter geschlungen – hatten, machten wir beide uns fertig. Nachdem wir auch angezogen waren – ich trug ein blaues Kleid und Andy ein blaues Shirt mit Jeans – gingen wir zum Abschluss gemeinsam ins Bad, um uns die Haare zu kämmen. Auch wenn sie immer wie ein Heuhaufen aussahen, heute war es nicht so schwierig mit ihnen.
Wir nahmen uns an den Händen und liefen schnell und aufgeregt die Treppe hinunter in die Küche. Ich wäre fast hingefallen. In der Küche standen Renee und Charlie. Sie stand neben ihm, während Dad eine Geburtstagstorte mit 7 brennenden Kerzen auf seinen Händen trug. Wir traten an die Torte heran.
Dort war mit grünem Zuckerguss:
"Happy Birthday Andy und Bella" geschrieben. Darunter war eine große verschnörkelte 7 zu sehen.
Wir erkannten natürlich sofort, dass das Mum geschrieben hatte. Unsere Eltern strahlten uns an.
„Na los, ihr Zwei. Blast die Kerzen euch und wünscht euch was. Aber nicht verraten, sonst geht der Wunsch nicht in Erfüllung.", lachte Charlie.
Andy und ich schlossen die Augen und konzentrierten uns. Mir fiel mein Wunsch sein.
°Ich möchte immer so glücklich, wie in diesem Moment sein.°, dachte ich.
Auch hörte ich Andys Wunsch in seinem Kopf, aber schließlich sprach er ihn ja nicht laut aus.
°Ich möchte diesen Moment, nein, diesen ganzen schönen Tag nie vergessen.°, hörte ich.
Dann holten wir beide tief Luft und bliesen so kräftig wie wir nur konnten die Kerzen aus. Wir öffneten die Augen und sahen, dass alle Kerzen aus waren. Dann fingen wir alle an zu lachen. Charlie stellte die Torte auf den gedeckten Küchentisch und schnitt sie an. Mum, Andy und ich setzten uns an den Tisch und Dad füllte auf unseren Tellern ein großes Stück Geburtstagstorte. Es war natürlich eine Schokoladentorte, unsere Lieblingssorte.
Dad füllte für Mum und sich 2 viel kleinere Stücke auf ihren Tellern auf. Dann setzte sich Dad.
„Na dann. Lasst es euch schmecken, meine beiden.", sagte Mum.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.", sagte Dad.
Wir nahmen unsere Gabeln und begannen zu essen. Natürlich schlangen wir eher.
„Hey, langsam ihr zwei. Keiner nimmt euch was weg und es ist noch genug da."
„Aber sie schmeckt so gut.", antworteten wir mit vollem Mund kauend unserem Vater.
Unsere Eltern schüttelten amüsiert den Kopf und lachten. Nachdem wir das erste Stück gegessen hatten, aßen wir noch eines. Als wir noch ein drittes Stück wollten, sagte Mum: „Nein, das reicht jetzt. Ihr könnt wieder Kuchen essen, wenn ihr von der Schule zurück seid."
Wir machten einen Schmollmund und traurige Augen, aber Renee schüttelte den Kopf. Dann versuchten wir unser Glück bei Charlie, aber auch er verneinte.
„Hey, jetzt schaut nicht so.", sagte Dad aufmunternd. „Jetzt gibt's doch noch Geschenke."
Unsere Mienen hellten sich auf. Natürlich wollten wir nicht so viele Geschenke haben. Wir wollten nicht, dass Dad und Mum zu viel Geld ausgaben. Denn wir wussten, dass wir nicht gerade reich waren und gut jedes Geldstück gebrauchen konnten. Wir hatten Mum und Dad manchmal heimlich beobachtet. Sie sagten uns zwar immer, dass wir uns keine Sorgen zu machen bräuchten, aber uns konnten sie nicht täuschen. Nicht, wenn es darum ging. Aber trotzdem freuten wir uns.
Mum ging zur Anrichte, auf der 2 Geschenke lagen. Sie überreichte uns jeweils eins. Wir wickelten sie aus und strahlten. Wir hatten beide bekommen, was wir uns wünschten.
Andy ein Lego-Set, mit dem er Autos bauen kann, und ich eine Puppe mit blonden Haaren und blauen Augen.
„Danke Mum. Danke Dad.", sagten wir voller Freude und umarmten sie jeweils.
Wir packten unsere Geschenke nun richtig aus, um sie gleich zu „benutzen". Andy hatte das ganze Wohnzimmer beschlagnahmt. Überall auf dem Boden waren Legostein verstreut und er begann schon Formen zu bauen. Ich spielte mit meiner Puppe. Kämmte ihre Haare, fütterte sie und wiegte sie in meinem Armen, da ich mir vorstellte, sie würde weinen.
„So ihr beiden. Ihr müsst jetzt los zur Schule. Sonst kommt ihr noch zu spät.", sagte Mum.
„Ach, noch nicht!", sagte ich quengelnd.
„Ja, nur noch ein bisschen.", jammerte Andy ebenso.
Dad schmunzelte. „Bella, Andy, ihr könnt doch wieder mit euren Geschenken spielen, wenn ihr wieder Zuhause seid.", sagte er beschwichtigend.
Wir verzogen zwar immer noch das Gesicht, sahen aber natürlich ein, dass unser Dad recht hat. Schule war nun mal wichtig und unsere Geschenke würden ja nicht weglaufen. Andy und ich gaben uns seufzend geschlagen. Wir zogen unsere Schuhe und Jacken an und nahmen unsere Schultaschen auf dem Rücken.
„Bis bald.", verabschiedeten wir uns. Andy und ich umarmten unsere Eltern noch einmal zum Abschied.
Bis heute Mittag, meine Kleinen.", sagte Dad.
Mum lächelte und winkte uns zum Abschied zu. Erstaunlicherweise regnete es heute nicht. Die Sonne stand hell am fast wolkenlosen Himmel. Es war einfach ein schöner Tag.
Wir gingen zur Schule und als wir im Klassenraum ankamen, riefen alle im Chor: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag."
Wir liefen natürlich sofort rot an, wie im letzten Jahr bereits und daraufhin mussten alle lachen. Dann setzten wir uns alle auf unseren Plätzen und der Unterricht begann. Wir konnten es kaum erwarten, bis die Schule endlich aus war. Es schien ewig zu dauern.
Dann ertönte das ersehnte Klingelzeichen, das das Ende des Schultages verkündete. Andy und ich seufzten erleichtert auf. Uns wünschten viele beim Verlassen des Raumes noch einen schönen Tag. Wir hatten gerade unsere Jacken genommen – es war zu warm, um sie anzuziehen – und wollten gerade gehen, als die Lehrerin Andy nochmal zu sich rief.
„Was hast du denn angestellt?", fragte ich neckend.
„Ich weiß es nicht. Ich war doch ziemlich brav. Hey, geh' doch ruhig schon mal vor, ich komme dann nach.", antwortete er.
„Okay, dann bis gleich, oder zuhause, wenn ich renne."
Ich lachte und er stimmte ein. Wir umarmten uns, dann lösten wir uns voneinander und ich verließ das Klassenzimmer, während Andy zur Lehrerin ging. Ich verließ das Schulgebäude und lief ein paar Meter gerade aus, als ich stolperte und hin fiel. Ich stand auf, klopfte mir die Jeans etwas sauber, nahm meine Jacke wieder in die Hand und wollte gerade weiter gehen, als plötzlich ein Lappen vor meinem Mund gehalten wurde. Ich wollte schreien, aber meine Stimme wurde durch den Lappen gedämpft. Mir fielen die Augen zu und alles wurde schwarz.
Ich riss die Augen auf. Alles war dunkel um mich herum. Ich konnte nichts erkennen. Ich richtete mich ruckartig auf und wusste wieder, was passiert war.
„Hallo, ist hier jemand?", rief ich. Meine Stimme hallte von den Wänden wider.
„Irgendjemand?", rief ich lauter jetzt.
Ich merkte, wie langsam Panik in mir aufstieg. Wo war ich hier nur? Warum war es hier nur so dunkel? Meine Panik steigerte sich.
„Hilfe!", schrie ich jetzt und blickte mich sah mich nochmal um.
Alles war dunkel. Alles war schwarz. Nein, halt. Ein kleiner Lichtstreifen war zu erkennen. Es war das Licht, das unten durch den Türspalt, in den Raum strahlte. Ich ging jedoch nicht zum Licht. Ich blieb da wo ich war und hoffte, das sei alles nur ein böser Traum, aus dem ich gleich aufwachen würde. Ich schloss die Augen, dachte an meine Eltern, an meinen Bruder, sah ihre glücklichen Gesichter vor mir.
Ich schlug die Augen wieder auf, doch leider war ich nicht zu Hause, wie ich gehofft hatte. Ich war immer noch in der Finsternis gefangen. Dann öffnete sich die Tür und mehr Licht drang in den Raum. Ich sah jemanden herein kommen. Einen großen, starken, bärtigen Mann, der lächelte, als er mich sah. Doch sein Lächeln gefiel mir nicht. In mir stieg Angst hoch, konnte aber nicht schreien.
Ich wäre am liebsten weggelaufen, konnte mich aber nicht bewegen. Wo sollte ich auch hin? Ich wusste nicht wo ich war und wenn ich renne, falle ich ziemlich schnell hin. Außerdem würde er mich sowieso einholen, da er viel schneller war als ich. Er kam langsam lächelnd auf mich zu. Er wollte mich wohl beruhigen. Aber er erreichte genau das Gegenteil. Sein dunkles Lächeln machte mir Angst. Je näher er kam, desto panischer wurde ich, war aber nicht im Stande, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Ich starrte ihn nur geschockt mit großen Augen an.
„Pscht.", machte der Mann. „Hab keine Angst. Ich will dir nicht wehtun."
Seine Stimme klang freundlich und vertraulich, aber ich glaubte ihm kein einziges Wort. Jedes Wort, das er aussprach klang falsch in meinen Ohren. Nun war er bei mir angekommen und setzte sich zu mir. Wahrscheinlich hatte ich auf einem Bett gelegen. Ich sagte nichts. Ich war unfähig zu sprechen. Er nahm mich in seine Arme und wiegte mich langsam hin und her.
Doch für mich, war das die Hölle.
Seine Arme umschlangen mich wie einen Käfig, so fest, dass ich nicht entkommen konnte. Seine Haut brannte auf meiner, hatte ich das Gefühl. Es war, als würde ich in Flammen stehen. Die Flammen leckten an mir und verbrannten mich mit jeder Sekunde mehr. Dann war das Feuer aus und er ließ mich los. Ich schaute zu ihm auf, konnte aber nur ein schemenhaftes Gesicht erkennen.
„Was wollen sie?", brachte ich nur flüsternd heraus. Zu mehr fehlte mir die Kraft. Meine Stimme zitterte und die Angst packte mich.
„Bella, du hast doch heute Geburtstag, nicht wahr?", fragte er mit ruhiger beruhigender Stimme.
Ich nickte nur. Zum Sprechen fehlte mir die Luft. Es war, als würde ich ersticken. Das Gefühl der Angst hatte mich vollständig umklammert.
„Ich möchte dir gerne etwas schenken. Aber zuerst musst du mir etwas schenken?"
Ich ihm etwas schenken? Was soll ich ihm schon schenken können?
„Was wollen sie?" hauchte ich wieder.
Meine Stimme war noch leiser.
„Ich schenke dir eine Halskette, wenn du mir deine Unschuld schenkst."
Meine Unschuld? Was soll das sein? Ich verstand das nicht? Ich glaubte nicht einmal, dass ich so etwas wie eine „Unschuld" überhaupt besaß. Was ist denn meine Unschuld Ich wusste nicht, was das bedeutete.
„Ich weiß nicht, was sie meinen.", flüsterte ich.
Er lachte. Dieses Geräusch war wie Gift für mich. „Ich habe nicht das, was sie wollen. Können sie mich nicht einfach gehen lassen?", fragte ich ohne Hoffnung.
Ich wusste, dass er mich nicht gehen lassen würde, bevor er nicht sein „Geschenk" von mir bekam. Wieder lachte er. Es hörte sich gruselig an.
„Nein, kann ich nicht. Ich lasse dich erst gehen, wenn wir uns gegenseitig beschenkt haben.", sagte er gelassen. „Ja, du hast das Geschenk. Denn das Geschenk bist du selbst.", sprach er weiter.
Ich soll das Geschenk sein? Das hörte sich alles andere als gut an. Ich spürte, wie der Klammergriff der Angst enger wurde. Ich konnte kaum atmen. Plötzlich stand er auf, knöpfte seine Jeans auf und zog sie aus. Dasselbe machte er mit seiner Unterhose und ich sah etwas zwischen seinen Beinen, allerdings nur schemenhaft, da nur der breite Lichtstrahl durch die halb geöffnete Tür ins Zimmer drang.
Als er dann auf mich wieder zukam und versuchte, mir meinen Schlüpfer runter zu ziehen, fing ich an zu schreien und um mich zu schlagen. Er packte mit einer seiner riesigen Hände meine beiden dünnen Arme, legte sie mir auf meinen Bauch und hielt sie weiterhin fest. Ich versuchte ihn mit meinen Beinen zu treten, aber es nützte nichts.
Als ich dann seine andere warme heiße Hand auf meinen Schenkeln spürte, schrie ich noch lauter. Das Feuer hatte mich wieder umkreist. Ich verbrannte wieder. Er schaffte es schließlich meinen Schlüpfer von meinen Schenkeln zu streifen. Auch wollte er ihn über die Füße bekommen, obwohl ich wie wild nach ihm trat. Mir wurde erst jetzt undeutlich bewusst, dass ich meine Schuhe nicht mehr anhatte. Schließlich hatte er es geschafft. Dann, als er sich über mich beugte und meinem Gesicht so nahe kam, erschlaffte mein Körper. Ich hatte keine Kraft mehr zum Treten oder um mich zu schlagen. Die Angst hatte mich nun ganz gelähmt und das Feuer begann mein Innerstes zu verbrennen. Er schlug den Saum meines Kleides zurück, sodass meine untere Körperhälfte nun entblößt war. Dann beugte er sich weiter über mich und tat etwas mit mir, das sich nicht in Worte fassen lässt.
Ich hörte mich nur noch schreien. Aber es schien, als würden diese Schreie von einem anderen Mädchen kommen. Als wären sie nicht meine eigenen. Dann irgendwann nach langer Zeit, als er sein Geschenk bekommen hatte, verschwand er aus dem Raum. Ich lag einfach nur da und sah alles und nichts. Ich sah mein bisheriges kurzes Leben vor mir. Meine Eltern, meinen Bruder, die paar Freunde, die ich hatte. Doch trotz allem, sah ich nichts. Es war alles schwarz. Es war, als würde ich nichts mehr fühlen. Ich lag wie erstarrt auf dem Bett, als sich die Tür komplett öffnete und Licht den Raum erfüllte. Es war das Licht aus dem anderen Zimmer.
Der Mann trat in mein Blickfeld und ich wurde aufgerichtet. Er hielt mir ein kleines Päckchen hin.
„Hier, wie versprochen dein Geschenk."
Ein Geschenk? Das ist doch jetzt so unwichtig. Ich mochte keine Geschenke mehr haben. Nie wieder. Ich hasste meinen Geburtstag. Ich starrte das Päckchen in meinen Händen an und wusste nicht, was ich damit machen sollte. Ich sah zu dem Mann auf. Mein Blick war leer. Ich sah ihn und doch sah ich ihn nicht. Sein Gesichtsausdruck wurde immer grimmiger.
„Nun pack es aus!", rief er laut.
Innerlich zuckte ich zusammen. Äußerlich jedoch kaum. Fast gar nicht. Zögernd und zitternd packte ich das Päckchen aus und öffnete es sogleich, bevor er mich erneut anschreien konnte. Die Schachtel enthielt eine Kette mit einem blauen Schmetterling.
Ich starrte sie an, nahm sie jedoch nicht heraus. Ich war nicht mal in der Lage, sie zu berühren. Diese Kette war für mich alles Schlechte und Böse dieser Welt. Ich würde sie nie freiwillig tragen.
„Komm, ich lege sie dir um.", hörte ich seine Stimme ruhig und freundlich sagen.
Ich sah nicht auf. Ich starrte nur weiter auf die Kette, die mir eine Hand wegnahm. Dann spürte ich ihn hinter mir. Die Angst kam wieder zurück, das Feuer umschlag mich wieder, als wollte es mich erneut zerstören. Die Angst schnürte mir die Kehle zu. Ich war kurz davor zu ersticken. Er legte die Kette um meinen Hals und berührte, während er sie befestigte, mit seiner warmen heißen Haut meine.
Die Angst erstickte mich. Das Feuer wuchs jeden Moment höher. Es war um mich, in mir, überall. Ich konnte nichts mehr denken, nichts mehr sehen. Die Schmerzen waren unerträglich. Ich wollte endlich hier weg. Ich wollte nach Hause. Alles war mir egal. Die Geschenke, mein Geburtstag. Ich wollte nur meine Eltern und meinen Bruder wiedersehen.
Dann schien es mir, als würde der Raum vor mir verschwimmen. Immer mehr. Ich hörte seine laute Stimme etwas brüllen, aber ich verstand seine Worte nicht mehr. Es war nur ein Summen. Es schien, als würde sich der Raum vor mir auflösen.
Plötzlich war ich woanders. Ich war nicht mehr in diesem schrecklichen Raum. Ich spürte keinen bösen Mann mehr hinter mir, der mich mit seiner warmen heißen Haut berührte. Kein Feuer mehr. Ich war nicht mehr dort. Ich sah mich. Dann erkannte ich, wo ich war. Ich war in unserem Wohnzimmer. Ich merkte, wie die Angst mich verließ und Freude sich in mir breit machte.
Plötzlich hörte ich etwas zu Boden fallen und zerbrechen. Ich drehte mich um.
Vor mir stand Dad mit weit aufgerissenen Augen und sah so aus, als würde er ein Gespenst vor sich sehen. Er wirkte wie erstarrt. Dann kam er auf mich zu und hob mich hoch. Er weinte so laut, dass mir die Ohren. Ich weinte ebenso. Voller Glück und Freude endlich wieder zu Hause zu sein. Doch wo waren Mum und Andy? Ich hörte etwas sagen, verstand aber ihren Sinn nicht.
„Oh, mein Gott. Ein Geschenk des Himmels. Danke Gott. Danke, dass du sie mir wiedergegeben hast, auch wenn ich nicht weiß, wie das möglich ist!"
Was meinte er damit bloß? Dad sah mich an. Ich sah Glück in seinem Blick aber auch tiefe Trauer. Er küsste mich.
„Ich muss sofort deine Mutter anrufen."
Er setzte mich ab. Mum anrufen? War sie denn nicht hier? Ich verstand gar nichts mehr.
„Dad, wo ist Mum?"
Er schaute mich unglücklich an und strahlte.
„In Phoenix, Bella.", sagte er.
In Phoenix? Was machte sie dort?
„Und wo ist Andy?" Charlie sah mich verwirrt und besorgt an.
„Wer soll das sein?", fragte er ruhig.
„Na, mein Bruder.", sagte ich und wurde immer verwirrter. Warum fragte Dad wer Andy sei? Charlie kam auf mich zu und nahm mein Gesicht in seine Hände.
„Bella du bist verwirrt. Du hast keinen Bruder."
Trauer, Wut und Panik stiegen in mir auf. Ich fing an zu weinen und konnte gar nicht mehr aufhören.
„WAS? NEIN!", schrie ich.
Dad nahm mich in die Arme und wiegte uns hin und her und versuchte mich zu beruhigen. Doch ich hörte nicht zu. Ich wollte – konnte – das nicht glauben.
Ich schrie weiter und weinte eine Ewigkeit.
Die Zeit schien still zu stehen…
Ich öffnete die Augen und tauchte wieder aus meinen Erinnerungen auf, während mir Tränen über die Wangen liefen.
