Hallo liebe Leser! An dieser Stelle mal herzlichen Dank an alle, die die Story weiterhin verfolgen, obwohl die Updates weiter auseinander liegen, als zu Anfang.

Viel Spaß beim Weiterlesen! :)Liebe Grüße, Chrissi

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Kapitel 25 – Die WG

Sullivan hob den Blick von der Zeitung und sah Malfoy kurz über den Rand seiner Lesebrille an, bevor er das Pergament an sich nahm, das dieser ihm entgegenhielt.

Mit einer konzentrierten Falte zwischen den Augenbrauen begann er zu lesen. „...an alle Hexen und Zauberer, die weiter in Freiheit leben wollen... ...einseitige Berichterstattung des Tagespropheten... ...Zensur....", brummte er halblaut, „das ist gut." Seine Augen wanderten weiter über die Zeilen „...immer mehr Anhänger um sich schart und mit der Verbreitung seiner kranken Ideologie unsere Gesellschaft langsam infiltriert und vergiftet." Er sah Malfoy spöttisch an. „Soweit ich mich erinnere, waren Sie vor nicht allzu langer Zeit ein glühender Verfechter dieser kranken Ideologie."

„Ich habe meine Meinung geändert", erwiderte Malfoy, der sich mit an den Küchentisch gesetzt hatte. Die Stichelei des anderen schien ihm nicht im Geringsten peinlich zu sein.

„Unverblümter Pragmatismus ist schon eine feine Sache", erwiderte Sullivan ironisch, bevor er sich wieder in den Entwurf des Flugblatts vertiefte.

...dank Dumbledores Aussage endlich vom Verdacht, ein Mörder und Verräter zu sein befreit... ...jahrelang unter Einsatz seines Lebens den Orden unterstützt..." Er ließ ein sarkastisches Schnauben hören. „Tausende von Menschen, die schon immer davon überzeugt waren, dass Snape eigentlich ein netter Kerl ist, können endlich aufatmen."

„Keine Sorge", entgegnete Malfoy lächelnd, „es wird ihn bestimmt niemand für annähernd so nett wie Sie halten."

Sullivan schmunzelte ohne aufzusehen und las weiter. „Sie haben uns also tatsächlich namentlich erwähnt... bis auf Lupin."

„Ein Werwolf ist nicht unbedingt Vertrauen erweckend", beschied ihm Malfoy.

„Noch weniger, als ein hochnäsiger Aristokrat mit dunkler Vergangenheit?", fragte Sullivan süffisant.

„Sie müssen schon richtig lesen", sagte Malfoy kopfschüttelnd. „Da steht ‚einflussreicher Geschäftsmann, dessen erklärtes Ziel es ist, die Gesellschaft vor der Zerrüttung durch dunkle Mächte zu bewahren'.

Sullivan zog die Augenbrauen hoch. „Und wann fangen Sie damit an, diesen Einfluss in unserem Sinne einzusetzen?"

„Damit habe ich schon begonnen", erwiderte Malfoy. „Da fällt mir ein – ich hab mir Ihre Eule ausgeliehen."

„Nur zu! Fühlen Sie sich wie zuhause", knurrte Sullivan.

„Das versuche ich", sagte Malfoy trocken, „das Fehlen von Hausbediensteten erschwert die Sache allerdings etwas."

„Ach ja? Sonst noch ein Problem?", fragte Sullivan unwirsch.

„Ja! Das Gebüsch hinter dem Haus", gab Malfoy ungerührt zurück. „Sie könnten dieses Problem eliminieren, indem Sie mir und Severus ermöglichen, direkt ins Haus zu apparieren."

„Ja, das könnte ich", stimmte Sullivan zu, „die Frage ist nur, ob ich auch will."

Er wandte sich wieder dem Flugblatt zu. „Dieses Pamphlet ist Ihnen wirklich gut gelungen, Mister Malfoy", sagte er, als er zu Ende gelesen hatte. „Es wird dafür sorgen, dass der Orden des Phönix in aller Munde ist. Hat Ihr Freund Severus es schon gelesen?"

„Nein! Ich habe ihn heute noch nicht gesehen und Ihre liebreizende Schülerin ebenfalls nicht", entgegnete Malfoy. „Hat Tamara heute keinen Unterricht bei Ihnen... oder nehmen Sie es generell nicht so genau mit der Disziplin?"

„Die Disziplin ist den Bach runter gegangen, als mein Haus ein Herberge für Ex-Todesser geworden ist", sagte Sullivan mürrisch.

Malfoy grinste. „Wenn ich bei der Wiederbeschaffung irgendwie behilflich sein kann, lassen Sie es mich wissen."

„Oh ja, das können Sie!", sagte Sullivan erfreut. „Gehen Sie doch bitte mal rauf, klopfen Sie nicht allzu leise an ihre Tür und sagen sie Tamara, dass sie sich von ihrem Stecher losreißen und innerhalb der nächsten zehn Minuten ihren Arsch hier runter bewegen soll, wenn sie nicht die längste Zeit meine Schülerin gewesen sein will – dann muss ich das nicht selber machen. Vielen Dank, Mister Malfoy."

Malfoy lehnte sich im Stuhl zurück und lachte, bevor er sich erhob. „Ich kann zwar nicht versprechen, dass ich das so herrlich angepisst hinbekomme wie Sie, aber ich werde mein Bestes tun."

Als er die Küche verließ, wandte Sullivan sich wieder seiner Zeitung zu.

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Tamara erwachte bereits, als sie Schritte im Flur hörte. Sie blickte über ihre Schulter, um zu sehen, ob auch Severus wach geworden war und musste dabei feststellen, dass er gar nicht mehr im Bett lag. Als es klopfte, schlüpfte sie rasch in ihre lange Hemdbluse, die vom Vortag noch herum lag und ging die Tür öffnen. „Oh... guten Morgen Lucius!", sagte sie erfreut, als sie sich diesem gegenüber sah.

Malfoy besah sich die verwegen aussehende, verstrubbelte, halbnackte Frau – die, wenn ihm seine Fantasie da keinen Streich spielte, verdammt danach aussah, als hätte sie die halbe Nacht gevögelt - von oben bis unten. „Den wünsche ich dir auch, meine Teuerste", entgegnete er sodann charmant lächelnd und nahm ihre Hand in Besitz um einen Kuss darauf zu hauchen.

Tamara grinste.

„Dein Herr Lehrmeister lässt dir ausrichten, du sollst dich aus den Armen deines Geliebten reißen und relativ sofort deinen entzückenden Hintern zu ihm bewegen, wenn du weiter in den Genuss kommen willst, von ihm unterrichtet zu werden. Na ja - er hat es etwas drastischer ausgedrückt, aber man muss ja nicht gleich so übertreiben."

Tamara verdrehte die Augen. „Als ob das eilen würde, mit dem Unterricht", seufzte sie. „Dann werde ich mich lieber mal fertig machen, bevor er ausflippt. Danke, für die Nachricht."

„Es war mir ein Vergnügen", erwiderte Malfoy. „Ist Severus schon wach?"

„Er liegt gar nicht mehr in seinem Bett", entgegnete Tamara. „Warte - ich werde nachsehen, ob er im Bad ist." Sie ließ die Tür offen und ging davon, um den einzigen angrenzenden Raum – das Badezimmer – zu überprüfen. „Kein Severus!", sagte sie ratlos, als sie nach wenigen Sekunden wieder zurückkam. „Ich weiß nicht, wo er hin ist."

„Er wird schon wieder auftauchen", meinte Malfoy. „Bis später dann... und ärger den alten Mann nicht zu sehr."

„Er wird mich ärgern", orakelte Tamara, ehe sie Malfoy, der sich bereits entfernte, zuwinkte und die Tür schloss.

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„Ahhhh – gnädige Frau haben geruht aufzustehen", schnarrte Sullivan, als Tamara kurz darauf die Küche betrat.

„Guten Morgen David", sagte Tamara freundlich und beugte sich kurz zu ihm herunter um ihn auf die Wange zu küssen.

„Es ist fast schon Mittag", erwiderte Sullivan mit einer Stimme, die fast so kratzig wie seine Bartstoppeln waren.

„Ich will ja nicht anfangen, Erbsen zu zählen...", meinte Tamara, während sie sich eine Tasse aus dem Schrank holte, Tee hinein füllte und sich auf der anderen Seite des Tisches niederließ, „aber halb elf ist doch noch etwas entfernt von Mittag."

„Halb elf ist aber auch eindeutig zwei Stunden nachdem dein Unterricht begonnen hätte." Sullivan musterte sie abschätzend. „Hast du beschlossen, deine Ausbildung abzubrechen?"

„Natürlich nicht, David", antwortete Tamara geduldig, „aber woher hätte ich denn ahnen sollen, dass du heute damit weitermachen willst."

„Spricht irgendetwas dagegen?", erkundigte sich Sullivan spitz.

„Nein!"

„Na siehst du!"

„Okay! Morgen werde ich wieder pünktlich sein." Tamara lächelte ihren Ausbilder an und versenkte dann genüsslich die Nase in ihrer Teetasse.

„Wo ist denn dein... Mitbewohner abgeblieben?", fragte Sullivan beiläufig.

„Keine Ahnung", sagte Tamara achselzuckend.

„Was soll das heißen?"

„Er hat sich nicht bei mir abgemeldet und auch weder bei Lucius noch bei dir, wie es scheint", sagte Tamara und zuckte die Schultern.

„Das wäre ja auch zuviel verlangt, von Herrn Snape, dass er Bescheid sagt, wohin er geht", motzte Sullivan.

„Ja, er ist nicht gerade kommunikativ in solchen banalen Dingen", erwiderte Tamara, „aber er wird schon nicht weit sein, sonst hätte er eine Nachricht hinterlassen... mir, meine ich natürlich, nicht dir."

Sullivan gab ein Geräusch von sich, das sprachlich nicht eindeutig zuordenbar war, aber deutlich unbegeistert klang. Er stand auf und bedeutete ihr, ihm ins Wohnzimmer zu folgen, in dem sie üblicherweise einen Teil ihres Unterrichts abhielten.

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Malfoy war, nachdem er seinen Weckauftrag erledigt hatte, vor die Haustür gegangen, hatte sein Gesicht für eine Weile in die Sonne gehalten und genüsslich die nach schottischem Sommer duftende Luft geatmet. Als ihm diese nach einer Weile zu eintönig wurde, durchquerte er den Garten in Richtung des Tors. Er wusste, dass ihn ab einer bestimmten Stelle der Todesser sehen konnte, der draußen hinter dem Zaun Wache stand. Seit der Nacht, in der sie geflohen waren, stand Sullivans Haus permanent unter Beobachtung. Zuerst waren es mehrere Bewacher gewesen, danach jeweils zwei und – weil wohl nichts Aufregendes passiert war und sich nicht bestätigt hatte, dass er und Severus hier untergetaucht waren - seit gestern Abend nur noch einer. Auf diesen Einen, der sich - wie er vorhin schon eruiert hatte - hinter einem Baum unweit der Umzäunung postiert hatte, ging Malfoy nun schnurstracks zu, bis er nur noch einen Schritt weit vom Zaun entfernt stand.

„Pssssst! Hey du!", zischte er. „Ich weiß, dass du da bist. Zeig dich!"

Hinter dem Baumstamm tauchte zuerst ein Zauberstab auf, dann ein Büschel zottiges, aschblondes Haar, das zusammen mit einer spitzen Nase unter einer tief in die Stirn gezogenen Kapuze hervorsah. Malfoy kannte den jungen Mann. Er war einer derer, die sich besonders ins Zeug legten, wenn es darum ging Muggel und andere wehrlose Feinde zu quälen, aber sich immer dann merklich zurückhielten, wenn es gefährlich wurde.

„Kannst du dem Lord etwas von mir bestellen, wenn du ihm meldest, dass du mich gefunden hast?", fragte Malfoy in geschäftsmäßig kühlem Ton.

Der Todesser, dem wohl jetzt erst dämmerte, dass er da wirklich einen großen Fang gemacht hatte, kam noch etwas mehr hinter dem Baum hervor. Ein gieriger Ausdruck war in sein schmales Mausgesicht getreten. „Was denn?", erwiderte er.

„Richte ihm aus, dass er nicht das Zeug dazu hat, Beherrscher der Zaubererwelt zu werden und dass ich ihm bei nächster Gelegenheit den Arsch aufreißen werde", sagte Malfoy.

Der junge Mann erstarrte ob dieser Ungeheuerlichkeit, die er natürlich niemals vor seinem Herrn verlauten lassen würde.

„Weißt du eigentlich was das Tolle an diesem Zaun ist?", fuhr Malfoy fort. „Er ist mit extrem ausgeklügelten Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet. Auch wenn du meinst, das hier ist nur Luft...", er wedelte mit der Hand in selbiger herum, „man kann keinen Fluch durch diese Barriere schicken. Er würde abprallen. Das heißt, von draußen nach drinnen ist das auf jeden Fall so, aber umgekehrt..." Malfoy legte die Stirn in nachdenkliche Falten, während der Todesser ihn noch immer anglotzte. „Ach was soll's – ich probier's einfach mal aus", sagte Malfoy. Er riss den Zauberstab hoch. „Avada kedavra!"

Der gleißende grüne Strahl traf den Todesser mitten auf der Brust. Er schaffte es noch die Augen aufzureißen, ehe das Leben darin erlosch, und sank ins Gras, ohne auch nur einen Mucks von sich gegeben zu haben.

„Funktioniert", murmelte Malfoy, bedachte den Leichnam mit einem Fluch, der den Verwesungsprozess beschleunigen würde, und verfrachtete ihn dann per Schwebezauber in ein Gestrüpp in der Nähe des Baumes.

Danach setzte Malfoy sich wieder vor dem Haus in die Sonne und genoss es eine ganze Weile, absolut gar nichts zu tun. Als ihm das gegen Mittag erneut zu langweilig und dieses mal auch zu heiß wurde, machte er sich auf den Weg, um seinen Freund Severus zu suchen.

Er fand ihn - den Zauberstab in der erhobenen Hand - hinter dem Haus, vor dem Gebüsch, in dem zu landen Sullivan alle ankommenden Gäste außer Tamara und McGonagall nötigte. Snapes Robe war stellenweise zerfetzt und bei manchen dieser Risse konnte man sehen, dass auch die darunter liegende Haut Blessuren aufwies.

„Was zum Teufel machst du da?", begrüßte Malfoy seinen Freund. „Kämpfst du ernsthaft mit einem Strauch?"

„Hallo Lucius!", entgegnete Snape, ohne den Blick von seinem pflanzlichen Feind zu nehmen. „Ich bin dabei herauszufinden, welche Zauber Sullivan auf diesen Strauch angewandt hat, damit ich sie umgehen kann. Das schien mir vielversprechender, als der Versuch, die Apparationssperre seines Hauses zu knacken."

„Interessant!" Malfoy trat einen Schritt näher. „Und kriegst du's hin?"

„Ich denke schon", erwiderte Snape. „Auch wenn der alte Bastard wirklich verflucht heimtückische Fallstricke hier eingebaut hat... und die Mehrheit davon alles andere als blütenreine weiße Magie ist."

„Einer der wenigen Wölfe inmitten einer Herde von Schafen...", zitierte Malfoy grinsend seinen Freund. „Nachdem du dir damit so viel Mühe machst", er nickte zu dem Gebüsch hin, „hast du also vor, länger hier zu wohnen?"

Snape seufzte und wandte seine Aufmerksamkeit nun gänzlich seinem Freund zu. „Ich würde lieber heute als morgen hier verschwinden, wenn die Umstände es zuließen, aber nachdem ich demnächst eng mit Sullivan zusammenarbeiten werde und ich sowieso nicht weiß, wo ich sonst hingehen sollte - denn eine Rückkehr nach Hogwarts steht im Moment noch nicht zur Debatte – bleib ich eben hier." Er zuckte die Schultern. „Außerdem ist dieses Haus gesichert wie eine Festung. Hier kann man wirklich arbeiten, ohne ständig über die Schulter sehen zu müssen." Mit einem beiläufigen gemurmelten Zauber heilte er einen Kratzer auf seinem Arm und reparierte anschließend den Ärmel.

„Wusstest du eigentlich, dass der Schutzwall am Zaun, zwar keine Flüche hereinlässt, wohl aber welche hinaus?", fragte Malfoy unvermittelt.

„Nein! Bei welcher Gelegenheit hast du das herausgefunden?", fragte Snape argwöhnisch.

„Ach... da war so ein Todesser, der nicht aufgepasst hat..."

„Und...?"

„Und jetzt ist da einer weniger", sagte Malfoy.

„Du hast ihn getötet?", fragte Snape ungläubig.

„Ja!"

„Jemand, den ich kenne... kannte?", fragte Snape.

Malfoy runzelte nachdenklich die Stirn, „Smith..., glaube ich. Klein, dünn, schmierig, ein Gesicht wie eine Ratte."

„Smythe", verbesserte Snape. „Wie hast du ihn erledigt?"

„Auf die herkömmliche Art", sagte Malfoy vage.

„Mit Avada kedavra?", fragte Snape ungehalten. „Dann werden wir in Kürze Besuch vom Ministerium bekommen."

„Nein, es wird niemand kommen, weil niemand was merkt." Malfoy lächelte schief. „Mein Zauberstab hat da... ein paar Extras. Die waren ziemlich teuer, sind aber wirklich praktisch."

Snape zog die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. „Du wirst im Leben kein anständiges Mitglied der Zauberergesellschaft werden", sagte er spöttisch und fuhr fort, sein lädiertes Äußeres auf Vordermann zu bringen.

Malfoy setzte einen nahezu bezaubernd entschuldigenden Blick auf und zuckte die Schultern.

„Hast du wenigstens die Leiche beseitigt?", seufzte Snape.

„Die Leiche liegt in einem Gebüsch", berichtete Malfoy. „Sie wird morgen bereits ein Gerippe sein und übermorgen nur noch Staub."

„Gut!", sagte Snape, dem nun nicht mehr anzusehen war, dass ihn ein magisches Gewächs angefallen hatte. Bei dem Stichwort ‚Gebüsch' hatte er sich bereits wieder dem eigentlichen Ziel seiner momentanen Bemühungen zugewandt. „Ich bin hier so gut wie fertig, es fehlt nur noch der ultimative Test. Würdest du hier bleiben und meine Reste zusammenkratzen, falls er schief geht?"

„Na klar!" Malfoy verschränkte mit erwartungsvoller Miene die Arme.

„Weißt du, das ist das Erfrischende an deiner Freundschaft", sagte Snape lächelnd. „Die Langweiler vom Orden würden jetzt ganz genau wissen wollen, was ich vorhabe oder womöglich sogar versuchen, mich davon abzuhalten."

„Ich habe eben vollstes Vertrauen in deine Fähigkeiten." Malfoy klopfte ihm auf die Schulter. „Aber du darfst mit natürlich trotzdem erklären, was du vor hast."

„Ich habe festgestellt, dass der Apparierschutz direkt in diesem Strauch eine Schwachstelle hat – vermutlich dadurch, dass die Leute ständig per Portschlüssel dort verkehren", klärte Snape ihn auf. „Ich denke, ich habe einen Weg gefunden, Sullivans Sicherheitsvorkehrungen so zu täuschen, dass die Barriere mich nicht als Eindringling erkennt und an dieser Stelle durchlässt. Wenn ich da drin bin, werde ich also keinen Portschlüssel benutzen sondern nach draußen apparieren und falls ich das hinkriege, ohne mich in meine Bestandteile aufzulösen, auch wieder hinein apparieren und das Gebüsch anschließend wieder verlassen, ohne mich davon umbringen zu lassen."

„Klingt spannend", sagte Malfoy. „Viel Glück!"

Snape nickte und richtete, die Lippen lautlos bewegend, den Zauberstab auf das Gebüsch. Die biegsamen, verästelten Zweige schienen sich zunächst aneinander zu klammern, aber schließlich gaben sie nach und es öffnete sich eine schmale Schneise, was der Zaubertränkemeister sofort ausnutzte, um ins Innere zu gelangen. Kaum, das er hindurchgegangen war, schnalzten die Zweige mit einem Geräusch, das wie das Schmatzen eines Riesen klang, zurück in die Ausgangsposition.

Eine Weile konnte Malfoy noch das Schwarz von Snapes Robe zwischen den Blättern erkennen, dann verschwand es.

Er hatte noch keine Minute gewartet, als Sullivans Stimme vom Hinterausgang her an sein Ohr drang. „Was tun Sie da? Erwarten Sie jemanden?" Der Hausherr kam heran und stellte sich neben Malfoy.

„Ich bewundere Ihren Garten", sagte dieser glatt.

„Hm... und da bewundern Sie ausgerechnet diesen nicht gerade dekorativen, verholzten Strauch?"

„Ja! Er strahlt so eine Art karge Schönheit aus", meinte Malfoy und lächelte unverbindlich.

Im Inneren der kargen Schönheit begann es zu flimmern und kurz darauf schimmerte es schwarz durch die Zweige. Sullivan warf dem Blonden einen vernichtenden Blick zu, bevor er die Arme vor der Brust verschränkte und sich wieder seinem Gebüsch zuwandte.

Dieses gab ein widerwilliges Knarzen von sich, das einem resignierten Seufzer ziemlich nahe kam, und öffnete erneut eine schmale Schneise, um Snape mitsamt seinem triumphierenden Grinsen durchzulassen. Als er Sullivan wahrnahm, wich das Grinsen einer gekonnt gelangweilten Miene. „Hallo David", sagte er und ging an dem Älteren vorbei auf das Haus zu.

Sullivan starrte das Gewächs, das ihn so schmählich verraten hatte, noch einen Moment lang vorwurfsvoll an, dann sah er dem Tränkemeister hinterher. „Severus?"

Snape drehte sich um. „David?" Seine Miene wirkte völlig neutral, obwohl Malfoy ihm dies erschwerte, indem er hinter Sullivans Rücken stumm seine Erheiterung kund tat.

„Du hättest mich ganz einfach bitten können, dir das Apparieren direkt hier rein und raus zu ermöglichen, anstatt mein Sicherheitssystem zu manipulieren", sagte Sullivan barsch.

„Ja, das hätte ich tun können", entgegnete Snape, „aber mir war nicht danach."

Dass sein Freund nun fast dieselbe flapsige Antwort gab, wie Sullivan selbst auf seinen Vorschlag von heute morgen, ihm und Severus das direkte Apparieren zu ermöglichen, brachte Malfoy noch mehr in Stimmung.

„Heißt das, dass Sie mir das Apparieren ermöglichen, wenn ich verspreche, diesem Gebüsch nichts anzutun?", fragte er interessiert.

Sullivans Kopf ruckte zu ihm herum. „Das heißt, dass ich es als grobe Unverschämtheit ansehe, wenn Gäste an meinem Eigentum herumzaubern."

„Dann wären wir jetzt quitt", sagte Snape, woraufhin Sullivan sich wieder zu ihm umdrehte, „denn ich sehe es als grobe Unhöflichkeit, wenn man Verbündete vorsätzlich und vor allem unnötig mit Unannehmlichkeiten traktiert."

„Für jemanden, der vor nicht allzu langer Zeit einen Verbündteten mit schwarzen Flüchen traktiert hat, bist du ganz schön zimperlich", entgegnete Sullivan bissig.

Ein herablassendes Lächeln machte sich auf Snapes Gesicht breit. „Das wurmt dich also immer noch, David", sagte er sanft. „Soll ich dir bei Gelegenheit erklären, wie der Fluch funktioniert, den ich dir damals verpasst habe."

Malfoy hob die Hände und ging in übertrieben weitem Abstand an den beiden vorbei. „Ich zieh mich dann mal lieber zurück... im Vertrauen darauf, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt, bevor wir den Lord erwischt haben."

Er betrat das Haus und ging in die Küche, wo er auf Tamara stieß. „Du wirst doch nicht etwa schon wieder kochen?", fragte er vorwurfsvoll, da sie vor dem Herd stehend herumhantierte.

„Keine Angst – ich wärme nur etwas auf und das kann ich gut", erwiderte Tamara. Sie sah über die Schulter und lächelte ihn an. „Wo ist Severus?" Sie hatte zwar David gegenüber vorgegeben, sich darüber keine Sorgen zu machen, aber insgeheim beunruhigte Severus' Abwesenheit sie doch.

„Er ist draußen im Garten", antwortete Malfoy, schmunzelnd über ihre offensichtliche Erleichterung, „...und ärgert Sullivan. Die beiden sind nicht sehr gut aufeinander zu sprechen wie mir scheint, dabei sind sie sich ziemlich ähnlich."

„Lass das bloß keinen von denen hören", sagte Tamara verschwörerisch. „Da stehen sie bestimmt nicht drauf. Hast du Hunger?"

„Theoretisch ja", erwiderte Malfoy und machte den Hals lang um einen argwöhnischen Blick auf den Herd zu werfen.

„Magst du Paella?"

„Im Prinzip schon...", sagte Malfoy vorsichtig.

Als Tamara sich zu ihm umdrehte, hatte sie einen gefüllten Teller in der Hand und ein verführerischer Geruch stieg Malfoy in die Nase.

„Nun sei doch nicht so misstrauisch." Sie stellte den Teller auf den Tisch und legte Besteck daneben.

Nachdem Malfoy eine Gabel voll genommen und zuerst vorsichtig gekostet hatte, gab er ein anerkennendes Geräusch von sich, um sich dann mit sichtlichem Appetit über den Rest der Portion herzumachen. Tamara setzte sich, ebenfalls mit einem gefüllten Teller, zu ihm.

Sie hatten die Mahlzeit schon fast beendet, als Sullivan und Snape die Küche betraten.

Tamara sah zwischen den beiden hin und her und nachdem sie nichts entdecken konnte, was auf einen heftigen Streit schließen ließ, lächelte sie Severus an. „Hallo! Es gibt Paella. Bedient euch bitte selbst."

Sullivan macht eine einladende Handbewegung, um seinem Gast den Vortritt zu lassen, was Tamara und Malfoy mit Erstaunen registrierten.

„Ist alles okay?", fragte Tamara nach einer Weile vorsichtig, nachdem sich die beiden Männer mit an den Tisch gesetzt hatten und schweigend ihr Essen verzehrten. „Ich habe gehört, ihr hattet... Meinungsverschiedenheiten...?"

„Das ist ja nun nichts Neues, sondern ein mehr oder weniger latenter Zustand", entgegnete Sullivan, ohne von seinem Teller aufzusehen, „auf jeden Fall nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest."

„Wir werden uns arrangieren, soweit es die Zusammenarbeit erfordert", fügte Snape hinzu, nachdem er seinen Freund, der offensichtlich Tamaras Informant war, schief angesehen hatte.

„Na dann ist ja alles in bester Ordnung", sagte Tamara sarkastisch. „Wie sehen die Pläne für den Nachmittag aus?", fügte sie an Sullivan gewandt hinzu.

„Nach dem Essen werde ich den magischen Schutzwall des Hauses so modifizieren, dass die beiden Herren hier hindurch apparieren können, danach werde ich dich noch ein bisschen piesacken und gegen Abend habe ich einen Termin mit Severus", erwiderte Sullivan.

„Oh... das ist gut", sagte Tamara erstaunt. „Womit hast du denn vor, mich zu plagen?"

Sullivan sah sie abschätzend an. „Ich habe gerade erst einen interessanten schwarzen Fluch gelernt, den muss ich unbedingt an jemandem ausprobieren...", sagte er versonnen.

„Na toll", erwiderte Tamara trocken. „Und was werdet ihr später zusammen machen?"

„Wir werden nach einer Möglichkeit suchen, den Standort des Todesserhauptquartiers zu offenbaren." So wie Sullivan davon sprach, klang es nach keiner großen Sache. Das war höchst verdächtig.

„Und wie wollt ihr das anstellen?", fragte Tamara skeptisch.

„Das ist noch nicht spruchreif", beschied ihr Snape knapp.

Tamara zog die Augenbrauen hoch, gab sich aber mit der Antwort zufrieden.

„Hast du nachher Zeit, mit mir zusammen an den Profilen zu arbeiten, Severus?", schaltete Malfoy sich in das Gespräch ein. „Ich habe nichts zu tun, bis die einzige Eule unseres Gastgebers wieder hier ist. Vielleicht sollten wir als erstes ein paar zusätzliche Eulen besorgen."

Snape nickte zustimmend.

„Ihr müsst verdammt vorsichtig sein, wenn ihr unter die Leute geht", brummte Sullivan ehe er sich erhob und sein Geschirr mit einem Zauberspruch verschwinden ließ. „Ich erwarte dich in einer halben Stunde vor dem Haus, Tamara. Wir können draußen arbeiten. Die Todesser scheinen ihren Wachposten abgezogen zu haben."

„Was ist los?", fragte Tamara, als der Hausherr kurz darauf den Raum verließ und die anderen beiden Männer sich vielsagende Blicke zuwarfen.

„Nichts!", versicherte ihr Malfoy. „Wir freuen uns nur so, dass wir nun direkt apparieren können... und dass dein Meister sogar um unsere Sicherheit besorgt ist."

Tamara sah ihn zweifelnd an, verzichtete aber erneut darauf, der Sache auf den Grund zu gehen.

„Hast du ihm tatsächlich den Fluch erklärt, von dem ihr gesprochen habt?", wandte Malfoy sich an Snape.

„Ja! Und das Erstaunliche war, dass er wirklich zugehört hat, anstatt sich aufzuregen, wie ich es eigentlich erwartet hatte." Snape schüttelte den Kopf. „Der Alte steckt wirklich voller Überraschungen."

„Das kommt dir nur so vor, weil du automatisch annimmst, dass er deinen Vorurteilen entsprechen muss", sagte Tamara, die sich über das abschätzige ‚der Alte' ärgerte. „Vielleicht ist es einfach an der Zeit, dass du deine Meinung über David der Realität anpasst."

Malfoy ließ einen leisen, anerkennenden Pfiff hören und wartete mit einem amüsierten Gesichtsausdruck auf Snapes Reaktion. Dieser sah Tamara eine Weile nur schweigend an, ehe er antwortete. „Mag sein... vielleicht bin ich mir heute Abend, nachdem ich mit ihm zusammen gearbeitet habe, klarer darüber, ob es da etwas anzupassen gibt... auch wenn ich dieser Wahrscheinlichkeit noch immer ziemlich skeptisch gegenüber stehe."

Seine leicht unterkühlte Neutralität überraschte Tamara, die mit einer erheblich gereizteren Antwort gerechnet hatte. Ein zahmes „Danke, dass du es nicht von Vornherein ausschließt", war alles, was ihr darauf einfiel.

„Keine Ursache", erwiderte Snape glatt.

„Dann lass ich euch zwei Turteltäubchen mal alleine, damit ihr in Ruhe weiterschäkern könnt", sagte Malfoy grinsend und erhob sich. „Wenn du mich suchst, Severus - ich bin draußen im neuerdings todesserobservationsfreien Bereich."

Nachdem Malfoy die Küche verlassen hatte, stand auch Tamara auf und ging langsam, mit den Fingerspitzen die glatte Oberfläche entlang streifend um den Tisch herum. Snape blieb sitzen, rückte aber seinen Stuhl etwas zurück, damit er ihr entgegen sehen konnte, ohne den Kopf drehen zu müssen.

„Guten Morgen Severus." Sie blieb vor ihm stehen und hob die zweite Hand, um mit den Finger sanft über seine Wange zu streichen.

„Es ist bereits Mittag", klärte Snape sie auf und sah stirnrunzelnd zu ihr hoch.

„Ich weiß", erwiderte sie, „aber heute Morgen warst du schon weg, also hole ich das jetzt nach." Sie ließ sich rittlings auf seinen Oberschenkeln nieder und schlang die Arme um seinen Hals. Als sie ihn küsste – zuerst ganz sanft und dann immer forscher – zog er sie an sich und erwiderte ihre Zärtlichkeit.

„Warum hast du mich nicht geweckt, als du aufgestanden bist?", fragte Tamara etwas atemlos, als sich ihre Lippen wieder trennten.

„Du hast tief und fest geschlafen", erwiderte Snape, „und ich sah keine Veranlassung, daran etwas zu ändern. Zumal das ein sehr schöner Anblick war", fügte er lächelnd hinzu und strich mit beiden Händen ihr Haar zurück, das ihr ins Gesicht fiel.

„Ich bin mit zwei Stunden Verspätung zum Unterricht erschienen." Tamara grinste, als sie daran dachte, wie explosiv Severus selbst auf zu spät kommende Schüler reagierte. „Kannst du das denn verantworten?"

„Du hattest Unterricht? Davon wusste ich nichts."

„Ich auch nicht." Tamara lachte. „Das hat mein Lehrmeister ganz spontan entschieden und nicht für nötig befunden, mich darüber auch zu informieren."

Snapes Miene bewölkte sich. „Behandelt er dich anständig?"

„Nein, absolut nicht. Er behandelt mich wie immer", gab Tamara ironisch zurück. „Lieb, dass du fragst, aber mach dir keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung."

Snape sah sie skeptisch an. „Sag mir Bescheid, wenn er es übertreibt."

Das mach ich ganz bestimmt nicht', lag es Tamara auf der Zunge, was sie aber mit einem innerlichen Seufzer versehen hinunterschluckte. „Okay", sagte sie. „Kannst du mir was über den Fluch erzählen, den er angeblich an mir ausprobieren will", wechselte sie vorsichtshalber das Thema, „nur so für alle Fälle. Man weiß ja nie, ob er das nicht doch ernst meint."

„Es ist der, mit dem er selbst Bekanntschaft machte, als er in Havering auf mich traf", klärte Snape sie auf.

Tamara, der die Wunden, die dieser Fluch verursacht hatte, noch gut im Gedächtnis waren, wurde eine Spur blasser. „Wie kann ich mich dagegen wehren? Mit einem Protego?"

„Nein! Das hat dein Meister auch versucht, aber die Energie aus dem Schild kommt dabei dem Angreifer zugute...", er schnaubte amüsiert, „und es war ziemlich viel Energie, die er meinem Fluch da ungewollt zukommen hat lassen."

Zwischen Tamaras Augenbrauen bildete sich eine steile Falte. „Was hilft dann? Nach dem Gesetz der Magie muss es doch wie bei jedem anderen Fluch auch hier einen Gegenzauber geben."

„Du musst versuchen, die Bündelung des Fluchs zu stören", erklärte Snape. „Wenn er sich verteilt, anstatt sich an einer Stelle in deinen Körper zu fressen, ist er zwar noch immer unangenehm, aber du bist nicht handlungsunfähig und kannst deinen Feind mit einem Gegenangriff überraschen.

„Und wie mach ich das?"

„Zum Beispiel mit einem ‚Obdormisco'."

„Ich soll den Fluch zum Einschlafen bringen?" Tamara sah ihn ungläubig an. „Kann ich ersatzweise auch ein Schlaflied singen?"

„Probier es aus", sagte Snape lächelnd.

„Wieso ist einem so gemeinen Fluch mit so einem sanften Gegenfluch beizukommen?", fragte Tamara.

„Weil niemand auf die Idee kommt, sich im Kampf mit einem sanften Einschlafzauber zu wehren."

Tamara schüttelte den Kopf. „Wer denkt sich den so was aus?"

„Ich", sagte Snape.

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Sullivan und Snape trafen sich am späten Nachmittag im Wohnzimmer. Malfoy und Tamara hatten Order bekommen, den Raum bis auf Widerruf nicht zu betreten.

„Wart ihr erfolgreich, du und dein hochwohlgeborener Freund?", fragte Sullivan, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen und in einem Sessel direkt gegenüber Snape Platz genommen hatte.

„Sicher! Drei Eulen, ein Zauberstab und schon einige ziemlich genau ausgearbeitete Profile von Todessern", berichtete der Tränkemeister.

„Ein Zauberstab?"

„Womit zaubert Tamara denn, seit ihr bei der Entführung der Stab weggenommen wurde?", stellte Snape die Gegenfrage.

„Mit einem Ersatzzauberstab", sagte Sullivan, dem Übles schwante, mit schmalen Augen. „Und sie schiebt natürlich jeden Fehler, den sie macht, gnadenlos auf diesen Umstand."

„Nun...", Snape schlug die Beine übereinander und lehnte sich bequem in seinem Sessel zurück, „...diese Ausrede wird nicht mehr ziehen - jetzt kann sie wieder ihren eigenen benützen. Wo wir gerade dabei sind... ich hätte auch gerne wieder meinen eigenen Zauberstab zurück. Der von Voldemort ist zwar sehr mächtig, aber er passt eben ihn vielen Details nicht zu mir, was sich bei manchen Zaubern störend auswirkt."

„Ihr wart in Malfoys Haus?", knurrte Sullivan, den zweiten Teil von Snapes Ansprache ignorierend.

„Es war ziemlich einfach, unbemerkt dort rein und wieder raus zu kommen", entgegnete Snape gelassen.

„Ach ja?" Sullivan fixierte sein Gegenüber mit strengem Blick. „Und wenn es eine Falle gewesen wäre? Pech für euch... und für uns? Ihr geht Risiken ein, ohne nachzudenken."

„Wir waren wirklich sehr vorsichtig, David", beschwichtigte Snape den Älteren, „und ein gewisses Restrisiko muss man manchmal einfach eingehen, wenn man etwas erreichen will."

„Für einen blöden Zauberstab?", schnaubte Sullivan. „Den hätte man auch neu in der Winkelgasse besorgen können."

„Der Zauberstab war nur eine willkommene Draufgabe. Das Highlight waren die beiden Todesser, die wir erwischt, ausgefragt und mit einer veränderten Erinnerung nebst falschen Informationen über uns zurückgelassen haben. Es kann kaum schaden, für ein bisschen Verwirrung in Voldemorts Reihen zu sorgen."

Sullivan lachte trocken auf. „Na schön – ihr hattet also Spaß. Dann können wir jetzt ja getrost zu ernsteren Angelegenheiten übergehen." Er griff in seinen Umhang und zog neben seinem eigenen auch noch Snapes Zauberstab heraus, den er dem Tränkemeister hinhielt. „Ich hatte nie vor, dich diese Sache mit Riddles Stab durchziehen zu lassen, Severus. Ein wenig hänge ich dann doch an meinem Gehirn, auch wenn es schon ein älteres Modell ist."

Snape sah stirnrunzelnd auf Sullivans Hand. „Du hattest den Stab also die ganze Zeit über?"

„Ja!"

„Warum hast du ihn mir dann nicht schon längst zurück gegeben?"

„Das muss ich irgendwie vergessen haben", sagte Sullivan mit einem unschuldigen Blick, der ihm wohl absichtlich missglückte.

„So ein Zufall..." Snape nahm den Zauberstab mit einem vagen Lächeln entgegen.

Eine Weile sahen sich die beiden Männer stumm an an.

„Dir ist klar, dass das kein Spaziergang wird?", fragte Sullivan dann. Sein Ton hörte sich nicht belehrend, sondern eher besorgt an.

„Natürlich", erwiderte Snape ernst. „Aber wenn wir es schaffen, sämtliche Vorbehalte gegeneinander aus dem Spiel zu lassen, müsste es eigentlich klappen."

„Gut! Dann lass uns anfangen!"

Die nächsten Minuten verbrachten sie schweigend, jeder mit geschlossenen Augen darum bemüht, innerlich zur Ruhe zu kommen und sich auf die vor ihnen liegende Aufgabe zu konzentrieren.

Sullivan öffnete zuerst die Augen und als hätte Snape dies gespürt, tat er es ihm wenige Sekunden später gleich. Sie hoben beide ihre Zauberstäbe und murmelten synchron den Zauberspruch ‚Legilimens'.

Diesmal stand Sullivan nicht vor einer Barriere – Snapes Geist lag ohne Einschränkungen vor ihm und auch er selbst bemühte sich, dem anderen, dessen Eindringen in seinen Kopf er deutlich spürte, nicht den geringsten Widerstand entgegen zu setzen.

Zunächst war es ein beklemmendes Gefühl und ziemlich verwirrend, sich durch die fremden Erinnerungen zu tasten, während im Hintergrund der eigene Geist durchforstet wurde, aber bald schon fühlte es sich unspektakulär und fast vertraut an, wie das eigene Bewusstsein im Gleichklang mit dem anderen funktionierte – als wäre es völlig normal, zwei verschiedene Gedanken gleichzeitig zu denken. Beide Männer machten einen großen Bogen um Erinnerungen, die mit Tamara zu tun hatten. Wenn sie unvermutet doch darauf stießen, zogen sie sich sofort aus dem gefährlichen Terrain zurück.

Als sie schließlich an einen Punkt gelangten, an dem sie den anderen nahezu völlig entspannt und mit dem größtmöglichen Vertrauen gewähren lassen konnten, streckte Snape langsam die Hand aus und ergriff die von Sullivan, der ihm entgegenkam. Der Körperkontakt intensivierte die geistige Verschmelzung um ein Vielfaches. Die Erinnerungen der beiden Männer flossen ineinander. Es erschien ihnen nicht mehr so, als würden sie die Erlebnisse des jeweils anderen nur von außen betrachten, sondern so, als hätten sie diese selbst erlebt. Die Grenzen zwischen ihnen verwischten immer mehr, bis es sich anfühlte wie ein einziger Geist und die eigene Individualität nur noch als unwichtige Randerscheinung wahrgenommen wurde.

In dieser Phase konnten ihnen auch flüchtig gestreifte Erinnerungen, in denen Tamara die Hauptrolle spielte, nichts mehr anhaben, da das Gefühl der Eifersucht nun sinnentleert war und dementsprechend keinen Platz mehr in ihrem vereinigten Bewusstsein hatte. Das einzige, was sie dabei spürten, war ihre tiefe Liebe zu dieser Frau.

Sie konzentrierten sich nun jedoch strikt auf die Erlebnisse in den Reihen der Todesser, speziell diejenigen, die im Hauptquartier Voldemorts stattgefunden hatten. Sullivan war sich bald ebenso sicher wie Snape selbst, dass er mühelos dort hin apparieren konnte, wenn er wollte. Der Ort war ihm vertraut und auch der Weg dorthin schien kein Geheimnis zu bergen und selbst wenn die Namen des Hauses und der Örtlichkeit sich gerade dem Zugriff seines Geistes entzogen - er war sicher, dass er sich später daran erinnern würde.

Je mehr Zeit verstrich, desto mehr erfuhr Sullivan über Voldemort, über die Todesser, über Flüche, die ihm bislang völlig unbekannt gewesen waren und auch über viele grausige Details, die er lieber ausgelassen hätte. Im Gegenzug offerierte er dem Jüngeren sämtliche Kampferfahrungen, die er über die Jahrzehnte hinweg gesammelt hatte, Informationen, über die Mitglieder des Phönixordens und die Erinnerungen an alles, was sich ereignet hatte, während Snape untergetaucht gewesen war.

Irgendwann, als sie mit den wichtigen Dingen weitgehend durch zu sein schienen, trat eine Art Ruhepause ein, in der jedoch keiner von beiden versuchte, sich vom Geist des anderen zu trennen. Wieder allein mit seinen Gedanken und Gefühlen zu sein erschien nicht – wie sie es insgeheim vermutet hatten – verlockend, vielmehr stellte sich der Gedanke daran als geradezu beängstigend heraus. Es würde vermutlich nicht einfach werden, diese überaus intensive Verbindung wieder zu trennen. Sie würden dabei langsam und sehr behutsam vorgehen müssen.

Gerade als Sullivan den ersten kleinen Schritt zurück machen wollte, zog Snapes Geist ihn in eine Richtung, die sie bisher bewusst vermieden hatten. Noch ehe Sullivan richtig klar war, wie ihm geschah, war er mitten drin in einer Reihe von Snapes Erinnerungen an Tamara, zuletzt an ihren Abschied am Tor von Hogwarts. Die geballte Wucht der Gefühle nahm Sullivan fast die Luft, die Verzweiflung, die sich darunter mischte, schnürte ihm zusätzlich die Kehle zu. Mit leichter Verwunderung begriff er, dass Snape ihn davon überzeugen wollte, wie wichtig ihm seine Gefährtin war, und je mehr er darüber nachdachte, desto selbstverständlicher erschien es ihm, auch daran teilzuhaben und umso glücklicher machte es ihn, diese Gefühle zu spüren.

Noch während sein Herz viel zu schnell in seiner Brust hämmerte, lenkte er wie unter Zwang ihren vereinigten Geist nun zu seinen Erinnerungen an Tamara und zu seinen eigenen Emotionen, die sich von Sympathie zu väterlicher Zuneigung, dann zu heimlichem Begehren, zu Leidenschaft, zu kaum weniger heiß lodernder Eifersucht und schließlich zu schmerzlicher, aber unvermeidlicher Resignation gewandelt hatten.

Snape machte diese Reise ebenso willig mit, wie zuvor Sullivan, und irgendwie schaffte er es, ohne ein Wort zu denken oder gar zu auszusprechen, dem Älteren sein Verständnis und seine Akzeptanz zu vermitteln.

Den Männern war theoretisch bewusst, dass das, was sie hier taten, außerhalb ihrer mentalen Verschmelzung nie stattgefunden hätte, und dass es nach der Trennung ihrer Geister vermutlich keinen Bestand haben würde, aber in diesem Moment, war es eine Wohltat, sich fallen zu lassen – einfach nur zu vertrauen und die Einsamkeit, die jeden Menschen von der Geburt bis zum Tod begleitet, für eine kurze Weile auszublenden.

Sullivan war der erste, der die Gefahr bemerkte, die von dieser Vereinigung ausging. Sein Verstand – und synchron auch der von Severus – schob die Notwendigkeit, sich von dem anderen Bewusstsein zu trennen, immer weiter von sich. Es war, als ob sich alles in ihnen sträubte, diesen Zustand aufzugeben und wieder in die Isolation des eigenen Geistes zu begeben... wieder allein zu sein. Wenn sie nicht abbrachen, wenn sie die Verschmelzung nicht umgehend beendeten, würden sie bald nicht mehr in der Lage sein, es zu tun und niemand anders würde sie aus diesem Zustand befreien können. So angenehm sich dieses Doppelbewusstsein im Moment auch anfühlte – es würde sie nach St. Mungos bringen, wenn es andauerte.

„Wir müssen es beenden, Severus", dachte Sullivan angestrengt und erst mit einer Verzögerung von ein paar Sekunden merkte er, dass er es auch ausgesprochen hatte.

Snape schien ihn zunächst zu ignorieren, aber schon kurz darauf merkte Sullivan, dass der Jüngere vorsichtig den Rückzug antrat.

Sie konzentrierten sich nun mit aller Macht jeder auf sich selbst und verschlossen langsam immer mehr Bruchteile ihres Geistes vor dem Zugriff des anderen. Es war ein schmerzlicher Prozess, der ihnen sowohl psychische als auch physische Kraft abverlangte. Es war noch nicht einmal die Hälfte dieser Prozedur abgeschlossen, aber sie hatten es zumindest geschafft, ihre Hände voneinander zu lösen, als die Tür aufflog und Tamara hereinstürmte.

„Die Todesser sind ins Ministerium eingedrungen!", keuchte sie aufgeregt.

xxx

tbc

Ich finde, es war mal wieder Zeit für einen kleinen Cliffhanger. ;)