08: [Der Platz An Deiner Seite]

Early morning, she wakes up
Knock, knock, knock on the door
It's time for makeup, perfect smile
It's you they're all waiting for
They go:

"Isn't she lovely, this Hollywood girl?"

Lost in an image, in a dream
But there's no one there to wake her up
And the world is spinning, and she keeps on winning
But tell me, what happens when it stops?
They go:

"Isn't she lovely, this Hollywood girl?"
And they say:

She's so lucky, she's a star
But she cry, cry, cries in her lonely heart, thinking
'If there's nothing missing in my life
Then why do these tears come at night?'"
Lost in an image, in a dream
But there's no one there to wake her up
And the world is spinning, and she keeps on winning
But tell me, what happens when it stops?

-Britney Spears,'Lucky'

„Die Patientin aus Zimmer zwölf? Das ist das kleine Mädchen, dass beim ersten Kampf verschüttet wurde. Sie ist schon ziemlich lange hier…"
„Ihre Verletzungen waren ja auch sehr schlimm…"
„Und dabei ist die arme Kleine noch im Grundschulalter…."
„Ist der Junge heute wieder gekommen?"
„Allerdings. Er besucht sie immer noch mindestens zweimal in der Woche. Er muss seine kleine Schwester sehr gern haben, ein wirklich vorbildlicher Bruder."
„Wirklich? Jungs von diesem Schlag sind heutezutage wirklich selten…"

Toujis Lächeln löste sich exakt in dem Augenblick auf, indem er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Die kleine Maiko hatte es schon schlimm genug, ohne dass sie sich auch noch Sorgen um ihn machen musste. Also musste er ihr gegenüber standhaft bleiben, ihr ein paar witzige Trivialitäten erzählen und ein paar Grüße von ihrem gemeinsamen Vater bestellen.
Dieses Mal hatte er ihr enthusiastisch geschildert, was für eine dämliche Figur Shinji und Asuka in ihren Gymnastikanzügen abgegeben hatten.
Doch es war schwer zu leugnen, dass es nicht einfach war, zu Lächeln, wenn das, was man vor Augen hatte, einem selbst nach all der Zeit noch das Herz brach.
Die Knochen in ihren Beinen waren mittlerweile nach zahllosen Operationen und der Anwendung von Unmengen von Gips und Schrauben wieder verheilt, doch es würde wohl noch wochenlanger Krankengymnastik bedürfen, bevor sie wieder laufen konnte.
Gleiches lag für das Benutzen ihres rechten Arms.
Aber auch ohne die zersplitterten Knochen würde das kleine Mädchen wohl noch lange ans Bett gefesselt bleiben – denn die Schäden, die ihre inneren Verletzungen verursacht hatten, ließen sich wesentlich schwerer beheben., und Touji hatte ehrlichgesagt nicht das Gefühl, dass die Anzahl der piepsenden Bildschirme und Gerätschaften am Bett seiner Schwester in letzter Zeit merklich weniger geworden seien.
Und gab absolut nichts, was er tun konnte, um ihr zu helfen – Es war einfach zum Mäusemelken, und an jedem Tag, an dem er hierher kam, spürte er seine Machtlosigkeit umso mehr – Da ihre Mutter früh gestorben und ihr Vater mit seiner Arbeit sehr ausgelastet war, war es gelegentlich auch an Touji hängen geblieben, für Maiko da zu sein und ihr zum Beispiel bei den Hausaufgaben zu helfen oder sie zu trösten, wenn sie traurig war.
Doch als sie ihn wirklich gebraucht hatte, war er nicht da gewesen, um sie aus dem Weg zu schubsen und an ihrer Stelle dieses dumme Trümmerstück abzukriegen.
Es war frustrierend.
Doch die Erinnerungen an die Verwüstung nach dem ersten Kampf reichten aus, um seine Gedanken zu dem anderen Grund für sein hier sein zurückzuführen.
Außer seiner Schwester gab es noch jemanden, nachdem er sich erkundigen wollte – und da kamen ihm diese zwei tuschelnden, nicht ganz unansehnlichen Krankenschwestern ganz recht.
„Ähm, Miss, ich hätt' da noch eine Frage. Hier ist doch vor drei Tagen bestimmt ein Mädchen eingeliefert worden, dass drei Jungs verletzt auf der Straße gefunden haben…"
„Was, du kennst sie?"
„Also… nicht ganz… Ich war bei denen dabei, die sie gefunden haben… Wie geht es ihr?"
„Ihre Verletzungen waren nicht so schlimm wie sie ausgesehen haben."
„Puh, da hat sie aber ziemliches Schwein gehabt. Wer war sie denn? Also, soweit sie mir das sagen dürfen."
Die Krankenschwester seufzte. „Das könnte ich dir weder sagen noch vorenthalten, dafür müssen wir es selbst wissen. Sie hat zwar einen Namen gesagt, aber es gibt nirgendwo Aufzeichnungen über sie, in dieser Stadt ist unter diesem Namen niemand gemeldet. Ihre Beschreibung passt auf keine der zahllosen Personen, die in diesem Land vermisst gemeldet sind. Es ist, als ob sie bis vor drei Tagen schlichtweg nicht existiert hätte…"
„…Kann ich sie sehen?"
„Nur Verwandte und Freunde sind als Besuch zugelassen…"
„Na dann finden Sie die mal schleunigst, nicht, dass das arme Ding da ganz allein rumsitzt…"

-

Von Bandagen und steril-weißen Bettlaken bedeckt bereitete es Yui einiges an Mühe, ihren Kopf so zu drehen, dass sie aus dem Fenster blicken und das bewölkte, scheinbar tief hängende Himmelszelt betrachten konnte.
Sie hatte auch so gewusst, dass es geregnet haben musste – sie erkannte es an dem Geruch der frischen, kühlen Luft, die durch das Fenster hineinströmte.
Auch hier gab es also Regen… Der Himmel und seine Wetterströmungen waren das einzig beständige auf ihren langen, aufzehrenden Reisen gewesen.
„Wenn du hier wärst… was würdest du wohl tun… Papa?"

-

Der Kampf war also in drei Tagen angesetzt, und die Zeit, die ihnen blieb, wurde nicht länger, sondern stetig kürzer.
Trödelleien jedweder Form konnten sich die beiden Children also in keinster Weise mehr erlauben. Entschlossen, diese Sache durchzuziehen, versenkten sich beide völlig in ihre Aufgabe und somit auch ineinander.
Doch wenn man so grundverschieden war, wie es Shinji und Asuka waren, war es keine leichte Aufgabe, sich einander bis auf den Herzschlag anzugleichen und die Bewegungen und Denkweisen des anderen so weit kennen zu lernen, dass man sie vorhersehen konnte.
Doch immerhin waren die zwei bei ihrer Aufgabe nicht ganz auf sich gestellt:
Das Misato ihren Tagesablauf auf die Minute genau verplant war, fühlte sich bei der neuen Einstellung und der frischen Entschlossenheit der Children nicht mehr wie ein Fluch, sondern wie ein sehr hilfreicher Segen an, und es half auch, das der ortsansässige Pinguin das Debakel des ersten Tages dadurch wiedergutzumachen versuchte, das er sich gelegentlich zwecks der moralischen Unterstützung am Synchrontraining beteiligte, sie anfeuerte oder ihnen zumindest Gesellschaft leistete.
Bei den Teilen des Trainings, die im NERV-HQ stattfanden, musste er jedoch leider zuhause bleiben. Dr. Akagi scheuchte die Kinder vor allem vormittags unzählige Male durch dieselbe Simulation, in der sie den Kampf proben sollten – Wichtig war das vor allem in Shinjis Fall, da die Choreographie des Angriffsplans verlangte, dass er mit seinem Evangelion genau wie Asuka Angriffsplans verlangte, dass er mit seinem Evangelion genau wie Asuka Bewegungen ausführte, die jenseits dessen lagen, was er mit seinem eigenem Körper tun konnte.
Laut den Messdaten sollte er dazu eigentlich schon seit Mitte letzter Woche in der Lage sein, da sein Synchronwert neulich die hundert überstiegen hatte, doch bewusst getan hatte er es noch nie, weshalb er es jetzt üben sollte – Tatsächlich gelang es ihm, die Wissenschaftlerin dadurch zu verblüffen, dass es ihm in der Simulation schon beim ersten Versuch gelang, mit dem EVA in den Kopfstand zu springen, doch leider sah die darauf folgende Landung nicht viel eleganter aus als das Ergebnis des letztes Kampfes – Er hatte seine liebe Not damit, diese „übermenschlichen" Bewegungen einzuschätzen, präzise anzuwenden und zu koordinieren, ohne über das Ziel hinauszuschießen.
Asuka, die für alles, was der Plan verlangte, auf ihrem Level etwa so viel Anstrengung brauchte wie bei einem simple n Hopser, regte sich selbstverständlich darüber auf, das sie wegen des „bescheuerten Papasöhnchens" wertvolle Zeit verlieren würde, begann dann aber, ihm Tipps zu geben, entgegen Misatos Meinung nicht, weil sie ihre eigene Meinung bezüglich des Third Childs geändert hatte, sondern weil sie einfach nicht wollte, dass er ihr auf den Keks ging.
Shinji bekam die Sache noch am selben Tag unter Kontrolle.
Besonders hilfreich waren ihre Instruktionen im Bereich des Roundhousekicks, ein Bereich, in dem sich Asuka wie Shinji es schon öfters am eigenen Leib erfahren hatten, bestens auskannte – schließlich sollte der Gnadenstoß gegen den Engel ja Form eines Trittes in beide Kerne erfolgen.
Er schätze, dass er es wohl als eine Art Ehre ansehen sollte, von ihr in diese hohe Kunst eingewiesen zu werden – und ihre Tipps stellten sich als wirklich ziemlich nützlich heraus, das waren Dinge, auf die man erst einmal kommen musste – aber er glaubte nicht, dass er diesen Tritt außerhalb des Evangelions hinbekommen würde. In diesem Punkt würde er Asuka wohl niemals ebenbürtig werden – Aber ehrlichgesagt stand „Leute vermöbeln" auch nicht wirklich auf der Liste der Dinge, die er schon immer einmal lernen wollte.
Dass sie nur den Vormittag im HQ verbrachten, bedeutete jedoch nicht, dass sie nachmittags frei hatte – oh nein, genau deshalb hatte Misato ja die umgebauten Twistermatten besorgt!
Ehrlich gesagt gaben die Children immer noch beide gelegentlich eine unglückliche Figur ab, aber Asuka fand immerhin Trost darin, dass ihre Fehler anders als die ihres Mitbewohners nicht damit endeten, dass sie auf ihrem Gesicht landete oder hinterher aufs lächerlichste durch die Gegend rollte. Da sie diese Aufmunterung sehr zu schätzen wusste, bedankte sich Asuka, indem sie Shinji half, wieder auf seine eigene Matte zu kommen – Mit einem guten, alten Shikinami'schem Roundhousekick.
Doch wesentlich mehr Ärger als das eigentliche Training machte das dazugehörige gemeinsame Alltagsleben – Immer auf Peinlichkeiten bedacht hatte Misato ihnen beiden zu ihren Kostümen passende Zahnputzbecher besorgt, angeblich, um der Harmonie zwischen ihnen etwas Gutes zu tun. Im Nachhinein betrachtet wäre ein größeres Waschbecken jedoch die lohnendere Investition gewesen, da so eins die beiden Kinder vielleicht daran gehindert hätte, einander regelmäßig anzufeinden, wann immer sie sich versehentlich nassspritzen sollten, was dadurch, dass sie gezwungenermaßen direkt nebeneinanderstehen mussten, leider ziemlich oft geschah.
Auch auf das abendliche Fernsehprogramm konnten sich die beiden nicht einigen, und auch darin, die Posen zu imitieren, mit denen der jeweils andere die Fernbedienung auf die Glotze richtete, waren sie nicht sehr gut.
Beim dem „Ich will diesen Mist nicht gucken!" klappte das Teamwork noch sehr gut, aber es gab eben nur eine begrenzte Anzahl von Schimpfworten, die sich sowohl aus eine Kochsendung als auch auf eine Seifenoper anwenden ließen.
Die darauf folgenden Streitereien arteten so weit aus, das Misato keine andere Wahl sah, als sich zum Schlafen zwischen ihre beiden Schützlinge zu legen, um zu verhindern, dass sie sich gegenseitig die Köpfe einschlugen.
Am nächsten Morgen zeigte sich jedoch zumindest ein bescheidener Erfolg – nachdem Misato die Children dazu verdonnert hatte, unter Einfluss der für das Angriffsmuster verwendeten Musik zu schlafen, fand sie die Zwei am nächsten Morgen in exakt der gleichen Pose wieder.
Dass ihre Arbeit langsam Früchte trug, sah man auch daran, dass sich die Biorhythmen der Kinder langsam aufeinander einstellten, sodass sie bisweilen zusammen mit dem Pinguin, der ihnen treu zur Seite gestanden hatte zu Dritt das WC belagerten, was bei nur einem Klo in der ganzen Wohnung jedoch nicht nur positive Effekte hatte – Es reichte wohl zu sagen, das Shinji den Rest des Tages mit einem Abdruck der WC-Tür im Gesicht verbrachte, den Asuka ihm versehentlich (?) beschert hatte. Irgendwie gelang es sowohl dem Rotschopf als auch dem Vogel, stets vor Shinji auf den Porzellanthron zu kommen.
Trotz der traurigen Folgen, die das bisweilen hatte, bestand Misato jedoch darauf, dass alle drei ihre Nudelsuppen weiterhin gleichzeitig schlürfen sollten, auch, wenn ihre Überredungskünste bei Weitem nicht ausreichten, um Asuka davon zu überzeugen, diese „absolut unpraktischen" Stäbchen zu benutzen. Ihre flammende Rede davon, wie viel, viel, viel besser Gabeln doch sein sollten, war für die Trommelfelle anderen Mitglieder des Katsuragi-Haushaltes schlichtweg eine viel zu große Strapaze.
Asuka hatte die Gabel also behalten dürfen – Durch den ganzen Vorfall etwas genervt ging Misato darauf aber bei ihrem Vorhaben, sicherzustellen, dass das bisschen Freizeit, dass den Children noch blieb, gerecht aufgeteilt wurde, ausnahmsweise mal gewissenhaft vor, sodass Shinji, der sonst eher dazu tendierte, nachzugeben, um weiteren Krach zu vermeiden, bei seiner Hausarbeit Unterstützung erhielt und sogar Zeit bekam, in Ruhe seine Musik zu hören, was für Asuka hieß, dass sie sich einen Kopfhörer einstecken und sich den „EMO-Bullshit" ebenfalls anhören musste – so ganz genießen konnte Shinji seine tägliche Dosis melodisch untermalter deprimierender Poesie jedoch nicht, da Asuka darauf bestand, dass er die Augen geschlossen hielt, während ihre Unterwäsche in nächster Nähe zu dem Fleckchen trocknete, dass Misato ihnen zum Musikhören ausgesucht hatte – Der Gedanke machte ihn einfach zu nervös.
Auch beim Mitmachen von Asukas Hobbies kam Shinji nicht zu besonders viel Spaß, weil er ziemlich schnell feststellte, das Mädchenmagazine zumeist entweder pervers oder brotlangweilig waren – Er verstand ehrlich gesagt nicht, was es ihn oder Asuka anging, mit wem dieser und jener Prominente jetzt wieder zusammen war, und fühlte sich schon allein dafür schuldig, das er den Mist überhaupt las, es fühlte sich zu sehr wie lästern an, und das war, na ja, nicht nett. Und interessieren tat es ihn auch nicht – Die Modemagazine waren etwas besser, da die ganzen Models zumindest war für's Augen waren, aber wehe ihm , wenn Asuka bemerken sollte, das seine Blicke nicht auf die Kleidung, sondern die unbekleideten Stellen gingen – Schon allein, eine von den Damen „hübsch" zu nennen hatte ihm eine Ohrfeige gekostet.
Asuka spielte auch sehr gerne Videospiele, hatte aber nur einen einzigen Gameboy, weshalb prompt ihre Konsole ausgepackt und an die Glotze angeschlossen wurde.
Misato bestand darauf, dass sie im Mehrspielermodus zusammen spielen sollten, und zwar falls möglich im Team, aber obwohl die Daddelmaschine nichts explizit Mädchenspezifisches war, musste Shinji trotzdem feststellen, dass er dafür schlicht und ergreifend kein Talent hatte.
Aber auch Asuka verging der Spaß schnell, da er ihr im Team-Modus ein Klotz am Bein und im Duellmodus zu leicht zu besiegen war. Zuerst freute sie sich ja, ihn in den Boden zu stampfen, aber nach einer Weile machte es einfach keinen Spaß mehr.
Zwischen das Training und die Streitereien mischten sich jedoch immer wieder auch diese kleinen Momente, in denen Shinji war, als sei er kurz davor, von innen heraus zu verbrennen, diese kleinen Augenblickte, in denen er Asukas nahezu perfekten Körper betrachtete, wenn sie miteinander kurz blicke auftauchten, immer wenn sie sich beim ständigen Beisammensein versehentlich streifen oder berührten.
Ein warmes, kribbeliges, verzehrendes Gefühl des Begehrens, dass sich so ganz sachte durch die Hintertür eingeschlichen hatte, ohne, dass er es wirklich bemerkt hatte – Seid diesem Gespräch in der Abendsonne war ihm, als ob Asuka irgendwie… greifbarer oder erreichbarer für ihn geworden war… Ihm war klargeworden dass sie trotz allem ein Mädchen in seinem Alter war das auch ein stückweit… verletzlich sein konnte.
Trotzdem war sie noch stark, bewundernswert, intelligent und vor allem extrem attraktiv…
Und was geschah für gewöhnlich mit einem gesunden, heterosexuellen, männlichen Teenager, wenn er ein starkes, bewundernswertes, extrem attraktives Mädchen in seiner Nähe hatte, wenn er sie ständig in seiner Nähe hatte, ständig ihren jugendlichen Brüsten, ihren langen Beinen, ihrem heißen Hintern, ihren glänzenden, feuerroten Haaren und ihrem süßen Duft ausgesetzt war und mit ihr zusammen Höhen und Tiefen, Erfolge und Misserfolge, Anstrengung und intensive Emotionen durchlebte?
Was dann geschah?
Nun, zumindest in Shinjis Fall geschah es, das sich die wunderbaren Prozesse in Bewegung setzten, welche die Quelle jedweden menschlichen Lebens waren.
Ehe er sich versah, fand sich Shinji mit der Situation konfrontiert, dass er diese Person, die er bis vor kurzem nicht einmal ausstehen konnte, begehrte.
Diese neuen, fremdartigen Gefühle sprudelten aus einer ihm unbekannten Quelle auf eine Art und Weise hervor, wie er sie nie zuvor gekannt hatte.
Er verzehrte sich regelrecht danach, ihren perfekten, makellosen Leib in seine Arme zu schließen, ihren Hals mit Küssen zu übersähen, ihr die Klamotten vom Leib zu reißen, ihre Brüste zu greifen und ihre Brustwarze in seinem Handteller und ihre langen, perfekten Beinchen zwischen seinen zu spüren.
Die hatten ihm in Bio zwar gewarnt, aber ihm nie beschrieben, wie… intensiv dieses Verlangen sein könnte, wie brennend das Schmachten… Doch es waren alles zweischneidige Schwerter.
Gerade weil er immer an ihr hing, fand er nie die Zeit, seiner Lust durch… abendliche Aktivitäten abzuhelfen, und gerade weil sie so attraktiv, intelligent und physisch gereift war, konnte er sich auch sicher sein, dass sie einem Voll- und Ganzversager wie ihn niemals auch nur von der Seite angucken würde – Sie hatte die beliebtesten, reichsten, muskulösesten Kerle der Schule von der Kante gestoßen, und ihre Ansprüche so hoch gesteckt, dass man schon ein James-Bond-Verschnitt mit Dreitagebart sein musste, um ihnen zu genügen.
Shinji fielen viele Worte ein, mit denen er sich selbst beschreiben könnte, doch „cool", „charmant" und „Testosteronbolzen" gehörten definitiv nicht dazu, und so waren AsukaÄs dreiste Provokationen, jede einzelne der Bewegungen, die sie im leicht bekleideten Zustand vollführte, Paradies und Hölle zugleich.
Sie streute zwischen all ihren „Bist du bescheuert oder was?"-s und „Du bist echt so eine Null!"-s bewusst hin und wieder sexuelle Provokationen ein, einfach, weil sie es liebte beliebt zu sein, als sexy zu gelten und schmachtend angestarrt zu werden, doch sie machte ihm noch während der flirtversuche sogleich klar, dass sie ihn für unter aller Kanone hielt und dass er froh sein könne, dass sie ihn überhaupt in ihrem Dunstkreis wandeln ließ.
Sie hielt ihm Dinge vor, die sie ihm niemals geben würde… und dafür begann er fast schon, eine gewisse Wut zu verspüren. Auf einmal trafen ihn all ihre Demütigungen und Erniedrigungen, aller Spott und Hohn viel tiefer als zuvor, wobei er zugleich die Lust dazu verlor, ihr das Maß an halbherzigen Widerstand entgegen zu bringen, den er bis jetzt gezeigt hatte.
Es begann ihn… sehr wohl zu interessieren, was sie von ihm dachte und er wollte… für sie da sein und sich mit ihr verstehen.
Aber sie, sie wollte das nicht, sie hielt sich nur notdürftig mit ihren Beleidigungen und Schlägen zurück, weil sie im Kampf brillieren wollte.
Er war eigentlich nur… Mittel zum Zweck, und es begann langsam aber sicher, ihn zu stören.
Doch so oder so neigten sich die Tage vor der Ankunft des Engels ihrem Ende zu, und zu dem Zeitpunkt, an dem Misato die letzte Trainingseinheit für beendet erklärte, hatten die beiden EVA-Piloten ihre Zusammenarbeit und Synchronisation bis ins kleinste Detail restlos perfektioniert.

-

„Also dann, Tschüss Schwesterchen! Ich komm dich dann am Donnerstag wieder besuchen, okay? Versprochen!"
Als Touji das Krankenzimmer seiner Schwester verließ, wartete die Krankenschwester, mit der er eben gesprochen hatte, noch vor der Tür – sonderlich ermutigend war das, was sie ihm erzählt hatte, ja nicht gewesen.
„Ach übrigens, Miss, wie geht es denn dem mysteriösen Mädel, haben sie schon herausgefunden, wer sie ist? …. Ehm… was, verschwunden?"
„Ja. Als wir siegestern wecken wollten, um sie zu denen vom Jugendamt zu fahren, war ihr Bett leer und das Fenster eingeschlagen – Sie hat den Deckenbezug und das Bettlaken zusammengeknotet und als eine Art Abstiegsseil verwendet… Die Polizei sucht schon nach ihr, aber gefunden hat man sie bis jetzt nicht…"

-

Der letzte Abend vor dem Kampf kam lange erwartet und doch schleichend; Die letzten drei Tage, die Shinji während er sie durchlebte wie drei kleine Ewigkeiten vorgekommen waren, schienen rückwirkend betrachtet wie im Fluge vergangen sein – Es fiel ihm schwer zu glauben, dass all das wirklich in so wenig Zeit und durch eine so begrenzte Zahl von Ereignissen geschehen sein sollte.
Es hatten sich ein paar ganz entscheidende Dinge grundlegend verändert, neue Erfahrungen hatten ihn gefoltert, verändert und bereichert.
Ihm war gewesen, als ob dieser Abend niemals kommen würde, auch weil die Zeit davor bis jetzt lang genug gewährt hatte, um ihn das Gefühl zu geben, merklich älter zu sein, aber jetzt war dieser Zeitpunkt endlich gekommen… und er fühlte sich nicht mal besonders an, da war weder Spannung noch Vorfreude in der Luft.
Für sich betrachtet… war es nicht mehr als ein ganz gewöhnlicher, entspannter Abend, die berühmte Ruhe vor dem Sturm.
Da Misato sich ins Hauptquartier begeben hatte, um dort die letzten Vorbereitungen für den Kampf zu treffen, und Asuka derzeit unter der Dusche stand, hatte Shinji beschlossen, die kurze Zeit der Ruhe zu nutzen, um ein wenig abzuschalten – Wenn er sich das Angriffsmuster noch nicht hinreichend gemerkt haben sollte, dann war es jetzt ohnehin zuspät, also hatte er sich in lockere, gemütliche Klamotten gesteckt, seinen Kassettenspielerherausgeholt, etwas sich angenehme, ruhige Musik angemacht, und sich nebenbei noch daran gemacht, endlich dieses Comicheft zu lesen, das ihm Touji schon vor einer ganzen Weile ausgeliehen hatte.
Als das Ende seines ruhigen Stündchens letztlich von Asuka's Schritten eingeläutet wurde, behielt Shinji seine Augen aufgrund Asukas Tendenz, das Bad nur mit einem Handtuch bekleidet zu verlassen, in weiser Voraussicht geschlossen – es hatte sich als eine sehr effektive Art und Weise erwiesen, um unnötige Schmerzen zu vermeiden.
Tatsächlich wiesen die Hintergrundgeräusche darauf hin, dass sie dabei war, sich anzuziehen.
„Wo ist Misato abgeblieben?" fragte Asuka, sich nebenbei ihr Nachthemd überziehend.
„Bei der Arbeit. Sie hat eben angerufen um zu sagen, dass sie heut nach nicht mehr nachhause kommt."
„Toll! Dann haben wir zwei heute also sturmfreie Bude!"
Bevor Shinjis hormondurchströmtes Hirn diesen Satz und das Lächeln, das verführerische Lächeln, dass ihn begleitete, in eine wilde, die Kopulation beinhaltende Fantasie verwandeln konnte, erinnerte ihn die boshafte Realität daran, dass Asukas Wahl, sobald sie diese hatte, sie nie zu ihm hin, sondern stehst von ihm Weg führen würde – nur aus Zwang atmete sie überhaupt dieselbe Luft wie er, und kaum, dass diese Zwang wegfiel, packte sie ihren Futon zusammen und schleppte ihn augenblicklich in den nächsten Raum, wo sie die Tür mit dem Fuß hinter sich schloss, ohne ihn auch nur eines einzigen weiteren Blickes zu würdigen – die Wohnung für sich zuhaben hieß, was hätte er auch anderes erwarten sollen, Befreiung von den peinlichen Lebensumständen, die das Training ihnen aufgebürdet hatte.
Er hatte gerade erst seine Kopfhörer herausgezupft, in der Hoffnung, dass sie noch irgendwas zu ihm sagen würde, als sie die Tür bereits vor seiner Nase zugeknallt hatte.
Sie an das Training und so weiter zu erinnern, traute er sich ehrlichgesagt nicht, er wollte sie nicht wirklich im miesgelaunten Zustand neben sich haben, und wenn er sich selbst ansah, brauchte er nicht lange zu überlegen, warum jemand wie Asuka nicht mit ihm in einem Raum sein wollte – wahrscheinlich dachte sie sogar, dass er sich über das bisschen Privatsphäre freute, sie konnte ja nicht wissen, dass er… sie würde nie erfahren, wie sehr…
Die Schiebetür öffnete sich wieder.
Ihr locker sitzendes, gelbes Nachthemd verbarg ihre Brüste nur äußerst mangelhaft, ihr feindseliger Tonfall hingegen war sehr effektiv dabei, sicherzustellen, dass sein e Blicke dennoch in ihrem Gesicht landeten.
„Betrachte diese Tür hier ab sofort als die unbezwingbare Mauer von Jericho!"
„Hm…?"
Shinji blinzelte verwirrt.
Was bitte…? Was das irgendeine… westliche Sache oder so?
Er konnte sich jedenfalls nicht entsinnen, je davon gehört zu haben – nicht, dass er je eine besonders große Leuchte gewesen wäre.
Glücklicherweise (?) hatte Asuka die „Gnade", ihm so etwas wie eine Erklärung abzuliefern:
„Das heißt, wenn du sie überschreitest, bringe ich dich um!
So, und jetzt marsch ins Bettchen mit dir, für kleine Kinder wie dich ist schon längst Schlafenzeit!" und noch während sie sprach, schlug sie die Tür wieder zu – und dieses Mal endgültig.
Er hörte sie noch, wie sie sich darüber beklagte, wie man es hier in Japan nur fertig bringen konnte, auf den Boden zu schlafen, doch dann verriet ihm das klicken des Lichtschalters, dass sie für heute nicht mehr gedachte, auch nur ein weiteres Wort an ihn zu verschwenden.
Um zu vermeiden, dass sie wieder sauer auf ihn werden sollte, räumte er das vormals erwähnte Comicheft weg, schaltete ebenfalls das Licht aus und beschloss, das sie wohl recht hatte und es wahrscheinlich schon Zeit fürs Bettchen war.
Sich wegen einer sehr großen Anzahl verschiedener Tatsachen, darunter auch Asukas Desinteresse und der Schriftzug, den er vor drei Tagen in dieser Gasse entdeckt hatte, recht deprimiert fühlend beschloss Shinji, zum Einschlafen noch ein wenig Musik zu hören, wobei der nicht besonders laut gestellte Klang des Liedes auf Track 25, das er stets zum Anfang zurückspulte, wenn es vorbei war, so in etwa seine Stimmung wiederspielte.
Jenseits des Fensters konnte man in den letzten Lichtstrahlen des sterbenden Tages, die sich noch nicht einmal mehr bemühten, ihre drohendes Ende durch die warmen Farben des Sonnenlichts zu kaschieren, sondern einfach nur ein fahles blau zeigten, dass am anderen Ende des Himmels schon in schwarz überging, die glänzenden Flächen der Wolkenkratzer sehen, aus denen Tokyo-3 bestand, wie an ihnen selbst wie auch an ihren zahllosen Antennen nach und nach die kleinen, roten Lichter angingen, welche nächtlichen Flugzeugen gleich einem Leuchtturm in Sturm als Wegweiser dienten, um sie vor gefährlichen Gefilden zu warnen.
Shinji wünschte sich nur, das er irgendwas hätte, dass ihm den Weg weisen würde – den Weg zu Rei, zu Asuka, zur Rettung der Erde, und zu seinem Vater…
Den Weg zu der Antwort auf alle seine Fragen.
Er könnte wirklich ein paar dieser roten Lichter gebrauchen, die ihm markierten, wie weit er gehen konnte, ohne zurückgewiesen zu werden, und was er vermeiden sollte, um nicht gehasst zu werden. Aber er hatte sie nicht, und so war er immer wieder gezwungen, unbekannte, schwarze Flecken in der Karte zu betreten… er hielt es nicht aus, diese ständige Ungewissheit in dieser großen, verwirrenden Welt, in der stets eine große Leere um ihn herum und alle, die ihm hätten helfen können, weit entfernt war.
Die Tür verwandelte die zwei bis drei Meter, die ihn von Asukas Schlafplatz trennten,
in „den nächsten, abgeschlossenen Raum", und die Worte „kleine Kinder wie du" machten darauf einen tiefen Abgrund.
Vermutlich lag sie da, friedlich schlafend, nichts ahnend von der Gewalt, die sie über ihn haben konnte, ohne davon zu wissen…

Doch es gab auch etwas, das Shinji nicht wusste, ja nicht hätte wissen, oder auch nur ahnen können – zum einem war da einmal die Tatsache, dass der Abstand zwischen ihm und dem Second Child nur halb so groß war, wie er es vermutet hätte – die designierte Pilotin von Einheit Zwei wartete immer noch auf allen vieren vor der Tür, in der Erwartung darauf, dass sie sich wieder öffnen würde.
Wie dumm konnte man eigentlich sein…?
Wie offensichtlich musste sie es denn noch machen, damit dieser bescheuerte Idiot es endlich kapierte? Daraus, dass er ein schwanzgesteuerter Lustmolch war, hatte dieser Kerl nie ein Geheimnis gemacht, und so ein Weichei wie der konnte es sich weiß Gott nicht leisten, bei den Tussen wählerisch zu sein, also wo blieb er denn?
Was müsste einem Jungen im Alter von 14 Jahren, exakt dem Alter wo die Hormone am stärksten ihr Unwesen trieben denn sofort einfallen, wenn es hieß, dass sie „Sturmfreie Bude" hatten, und ein hübsches Mädchen in Reichweite war? Wofür war die Mauer von Jericho denn berühmt – Na dafür, dass sie eingestürzt war, verdammt noch mal!
Reichte es denn nicht, dass sie schon die ganze Zeit über in bloßen Handtüchern oder nuttigen Shirts vor seiner Nase herumlief?
Sollte sie ihre Brüste vielleicht in sein Gesicht schieben, damit er sie bemerrkte?
Oder war sich das legendäre Third Child tatsächlich zu gut für sie, er, dieses hirnlose, feige Papikind, das sich nie traute, ihr entgegen zu treten, sondern den Schwanz einzog und jeder Konfrontation aus dem Weg ging? So ein Loser, so würde er schon mal nie eine abbekommen –Deshalb bekam sie vor der Mittagspause immer mindestens ein Liebesgeständnis, und er nicht.
Nicht, dass sie irgendetwas von diesen kleinen Jungs wollen würden – Und er war der schlimmste, unreifste von allen, ein absolutes Baby, das immer schön „nach Plan" vorging und brav an Misatos Rockzipfel hing.
Es würde sie nicht wundern, wenn dieser jämmerliche Wich ein bisschen in Misato verknallt wäre – So ein Armleuchter, als ob eine erfahrene, ältere Frau ihn je auch nur von der Seite ansehen würde!
(Genau so wenig, wie Kaji Asuka selbst ansehen würde.)
Pah!
Es war ja nicht so, als ob ihr ernsthaft etwas daran gelegen wäre, diesen Trottel zu betören – wäre er hier reingeplatzt, hätte sie ihn einen Idioten genannt und ihn mit einem Tritt aus dem Zimmer befördert, schon allein dafür, dass es dieser Idiot wagte, zu glauben, er würde in Asukas Beuteschema passen!
(Aber war sie es nicht, die versucht hatte, ihn hierher zu locken?)
Sie hatte ihn nur als bloßes Versuchskaninchen verwenden wollen, um den Umgang mit ihren Sexappeal ein wenig zu üben, ehe sie versuchte, Kaji zu verführen, einfach, um ihre neuen, weiblichen Reize etwas auszuprobieren. Das er dazu überhaupt in Frage kam, verdankte er seinem Status als EVA-Pilot, nicht, weil er irgendetwas an sich hatte, für dass sie sich an ihn verschwenden würde. Normale Jungs waren von der Elite, zu der sie gehörte, etwa so weit entfernt wie von Affen!
Sie hatte den Idioten nur zum „spielen" gewollt.
(Um sich nach ihrer Niederlage und den Demütigungen, die diese Zusammenarbeit mit sich brachte, all ihrer glasklaren Gewissheit, dass sie… nicht gut genug war, mit ein bisschen Anerkennung, Aufmerksamkeit und Zuwendung zu trösten.
Um dadurch, dass sie das legendäre Third Child zumindest mit ihren Körper dominieren konnte, ihre Angst zu lindern, ihm unterlegen zu sein.
Und es hatte nicht geklappt.
Sie wartete hier schon mindestens gute fünfzehn Minuten.
Er würde nicht kommen.)
Von Leid überkommen ließ Asuka ihren Kopf sinken.
Was war falsch an ihr, dass sie nicht mal so einen Schwachkopf in Versuchung führen konnte, der es so dermaßen offensichtlich dringend nötig hatte?
Nicht mal einen hormonellen Teenager konnte sie beeindrucken, und sie wollte es mit Kaji versuchen! Sie konnte nicht NERVs beste Pilotin sein, und eine attraktive Erwachsene konnte sie auch nicht sein… nur ein… nutzloses Kind!
Alles… alles würde auch ohne sie gehen, sie wurde nie gebraucht… keiner brauchte sie, keiner mochte sie, keiner wollte sie, keiner umarmte sie, keiner fand sie toll, keiner würde bei ihr bleiben…!
Oh, wie sie das alles hasste!
Alles und jeden hier, dieses ganze verdammte Land, sie hasste es, sie hielt es nicht aus…
Und am allermeisten hasste sie das nutzlose, kleine Kind, dass sie schon immer gewesen-
Nein.
Nein, so tief durfte sie nicht sinken, so jämmerlich wollte sie nicht sein…
Es konnte nicht sein…. er war es, er war schuld!
Dieser Idiot!
Wie konnte er ihr das nur antun!
Wie konnte er sie nur verschmähen?
Es machte keinen Sinn, auf ihn zu warten, sie war überaus froh, dass er nicht gekommen war!
Entschlossen, keine einzige Sekunde ihres Lebens an das Third Child zu verschwenden, ließ sie sich auf ihr Lager sinken.
Die Stille versagte dabei, irgendein besonderes Interesse daran zu zeigen.
Sie versuchte, in eine gemütliche Schlafposition zu gelangen, doch es wollte einfach nicht klappen, und am Ende wälzte sie sich nur immer wieder rastlos im Bett herum, wobei sie ihre Beine immer wieder aneinander schmiegte, als wolle sie sich gewissermaßen selbst umarmen und sich den Trost und die Wärme spenden, den ihr diese ungerechte, grausame Welt vorenthalten hatte.
Doch es brachte nichts.
Sie konnte einfach nicht schlafen, brachte es nicht fertig, sich einfach zu entspannen, bekam es nicht hin, dieses klaffende Loch in ihrer Seele zu übersehen.
Erst, als sie es schließlich aufgab, ihre Augen geschlossen halten zu wollen, und durch einen Spalt in den Gardinen an den schwarzen Himmel blickte erkannte sie, was es war, was ihr ihre Ruhe raubte, und was sie zu dem Versuch getrieben hatte, das Third Child zu ihr zu locken – Es war nicht gewesen, um ihre weibliche Anziehungskraft auszuprobieren, zumindest nicht nur deshalb… Nein, diese… „erwachsene", höchst indirekte, angedeutete Vorgehensweise war nur die einzige Art, auf die es ihr das bisschen Stolz, dass sie zu bewahren versuchte erlaubte, um die Erlösung von ihren Leiden zu flehen.
Denn dort am düsteren Himmelszelt bahnte sich ein einzelnes Flugzeug seinen Weg, sichtbar nur als der winzige, rote Lichtpunkt den seine nächtliche Sicherheitsbeleuchtung erzeugte.
Schon seit sie sich als kleines Kind entschieden hatte, ihr Leben bis auf die letzte Sekunde ihrer Aufgabe als Evangelion-Pilotin zu verschreiben, hatte sie danach gestrebt, so zu sein, wie dieses Flugzeug, das schnellste, teuerste, also wertvollste Vehikel von allen, das auch die weitesten Strecken zurücklegte und sich von keiner Art von Gelände behindern, für keine Art von See, Berg oder sonstigem Hindernis eine Kurve einlegen musste – so besonders, dass es anstatt sich mit geringeren Transportmöglichkeiten wie Zügen oder Autos den Erdboden zu teilen über das Privileg verfügte, hoch oben durch die Atmosphäre zu schießen, die nur für seinesgleichen reserviert war.
Sie war schon immer ein… Überflieger eben, oder versuchte zumindest ihr Bestes, um es zu sein.
Es gab nur wenige Flugzeuge, viel weniger, als es Autos, Züge oder Schiffe gab, und wenn eines durch die Gegend flog, so hatte es meist den ganzen Himmel für sich und war unübersehbar für alle in einem großen, großen Landstrich, die fähig waren, nach oben zu blicken.
Aber genau das war es ja – Dieses Flugzeug da oben hatte den Himmel für sich, aber was war das schon, der Himmel? Da oben gab es weit und breit nichts anderes als Luft, Kälte und Wasserdampf. Wann immer ein Flugzeug flog, flog es einsam und allein, zu allen Himmelsrichtungen von nichts umgeben als klaffender Leere.
Einsam und allein…?
Sie hatte versucht… das Third Child herzulocken weil… sie sich einsam fühlte?
Weil sie nicht allein sein wollte und er gerade praktisch in der Gegend herumstand?
Weil sie sich einfach einen warmen Körper zum dran Kuscheln wünschte, um sich davon abzulenken, dass sie versagt hatte?
Widerlich! Jämmerlich! Inakzeptabel!
Asuka verstand die Welt nicht mehr.
„Bis jetzt… war es für mich doch immer ganz normal, allein zu sein…" erzählte sie leise den unverschämt desinteressierten Luftmolekülen. „Einsamkeit… sollte mir eigentlich überhaupt nichts ausmachen…."

-

Das Second Child war nicht die einzige in diesem Haushalt, die sich damit schwertat, zu irgendeiner Form von Schlaf zu gelangen – Obwohl er wusste, dass er für den großen Tag morgen möglichst ausgeschlafen sein sollte, war es ihm schlichtweg nicht möglich.
Da half auch die Musik nichts – es schwirrten so viele Sorgen in seinem Kopf herum, zu denen sich jetzt zu allem Übel auch noch Asukas Ablehnung und die Aufregung wegen des morgigen Kampfes mischten.
Dann, plötzlich, ein Geräusch.
Das Öffnen einer Schiebetür – Asuka.
Beinahe reflexartig ließ Shinji Kopf und Gliedmaßen auf das Laken sinken, um einen Zustand des Tiefschlafes vozutäuschen – Sie hatte ihm gesagt, er solle schlafen gehen, und er wollte wirklich nicht, dass sie sauer auf ihn wurde, erst recht nicht um diese Uhrzeit.
Dementsprechend rührte er sich während er im Hintergrund ihre Schritte vernahm, keinen Millimeter – Die einzigen Muskeln, die er bewegte waren die, die er brauchte, um den Pause-Knopf an seinem Musikplayer zu betätigten, um hören zu können, was sie tat.
Erst, als er das Quietschen einer Tür hörte, traute er sich, prüfend die Augen zu öffnen – zu sehen bekam er Asuka nicht mehr, aber die Geräusche, die er vernahm, verrieten ihm, dass das Ziel ihrer Reise die Toilette gewesen zu sein schien.
Shinji beschloss also, dass es wohl das Beste sein würde, wenn er sich einfach schlafend stellte, bis sie wieder in ihrem Zimmer lag, zumal er nichts von dem blauen Wunder ahnte, dass diese Nacht für ihn bereithielt.
Nachdem sie das Bad verlassen hatte, hörte er deutlich Asukas Schritte – Doch etwa nach dem, was höchstens die halbe Strecke gewesen sein könnte, hörten sie einfach aus.
Natürlich hätte es sein können, das Shinji ihre Schrittgeräusch falsch gedeutet und den Abstand nicht korrekt geschätzt hatte aber… er hörte auch nicht das Geräusch einer sich öffnenden Tür.
Natürlich könnte er kurz zu ihr hochspähen um in Erfahrung zu bringen, ob sie nun noch im Wohnzimmer war, oder nicht, aber er hatte viel zu viel Angst, dass sie merken könnte, dass er noch wach war.
Da ihm nicht viel anderes übrig blieb, entschied er sich, erst mal abzuwarten – doch dass er die Antwort nicht suchte, hinderte diese nicht daran, zu ihm zu kommen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Denn nachdem Asuka ein paar Augenblicke lang unbemerkt von Shinji zögernd und mit sich ringend dagestanden hatte, hörte dieser mit einem mal ein deutliches Geräusch, begleitet von einer plötzlichen, warmen Empfindung an seiner Stirn, als ihn etwas dort berührte und seine Haare geringfügig in Bewegung versetzte.
Sekundenbruchteile nachdem er seine Augen weit genug geöffnet hatte, um zu erkennen, was das alles zu bedeuten hatte, flogen sie ihm beinahe aus dem Schädel.
Der Anblick, der sich ihm da bot, jagte einen Schock durch seinen Körper und trieb Unmengen an Blut in sein Gesicht.
Instinktiv zusammenzuckend klammerte sich seine Hand fester an seinen Kassettenplayer, an dem er versehentlich den Rückspulknopf betätigte, sodass er eine kaum noch als Musik zu erkennbare ultraschnelle Rückwärtversion der Lieder zu hören bekam, mit denen er sich sonst ständig volldröhnte. Es war ein hast auslösendes, unharmonisches, aber tolerierbares, nicht unbedingt störend kreischendes Geräusch, das Shinji nur irgendwo am Rande wahrnahm und ihm nur die vage Vorstellung eines Zeitlimits übertrug – Er war viel zu sehr mit dem beschäftigt, was seine Augen ihm zeigten, um seinen Ohren auch nur die geringste Beachtung zu schenken.
Denn als er erstere soeben geöffnet hatte, war sein ganzes Blickfeld randvoll mit Asuka.
Die Wärmequelle, die er an seiner Stirn gespürt hatte, war nichts als eine weitere Stirn – genauer gesagt Asukas.
Sie hatte sich doch tatsächlich direkt vor seiner Nase zu ihm ins Bett gepflanzt, ihre eigene Position seiner schrägen Lage anpassend, sodass der Abstand zwischen ihnen etwa konatant war – ihre langen, schlanken Beine waren nur bloße Zentimeter von seinen entfernt, als würden sie nur darauf warten, dass er die Initiative ergriff und ihre Formen miteinander verband, bis sie miteinander verwoben waren wie die eines jungen, frisch verliebten Paares nach dem ersten Liebesakt.
Shinjis Gedanken waren wie weggefegt, und das, was einmal sein Verstand gewesen war, völlig von der Versuchung vor seinen Augen lahmgelegt, überladen, eingenommen oder alles auf einmal.
Er war nicht mehr in der Lage, daran zu denken, was in so einer Situation richtig oder falsch wäre, was er tun „sollte" oder was die Menschen in seinem näheren Umfeld von seinen Handlungen denken könnten. Er brachte es nicht einmal fertig, sich zu fragen, was in diesem großen, unergründlichen Universum Asuka dazu bewegt haben könnte, das hier zu tun.
Dazu hätte er schon fähig sein müssen, in kohärenten Sätzen zu denken, und das war er nicht.
Er war nicht fähig, irgendetwas anderes zu erfassen, als dieses Moment, fast so, als ob nie irgendetwas anderes existiert hätte, als ob das Second Child das einzige Mädchen auf der Welt währe und der Platz an ihrer Seite der Ort wäre, an den er schon immer gehört hatte.
Alles, woran er denken konnte, war Asuka, alles, was er fühlen könnte war die zarte, warme Haut ihrer Stirn und die liebevollen, leicht kitzelnden Liebkosungen ihrer Haare, alles, was er riechen konnte, war der frische, fruchtige Duft ihres frisch gewaschenen Körpers, der sich aus dem Parfum ihrer Pflegeprodukte, der verführerisch-anregenden Rosmarin-Seife und sem selben Erdbeerschampoo, dass er schon damals nach ihrem ersten, gemeinsamen Kampf bemerkt hatte, aber auch aus ihrem ganz eigenen Geruch zusammensetzte, und er konnte auch nichts anderes sehen als sie – Das hatte sie bezweckt, und das war ihr gelungen.
Wären es andere Umstände, oder ein anderes Mädchen, so hätte er wohl spätestens jetzt beschämt weggesehen, aber dazu war er einfach zu sehr überwältigt, berauscht von der Vorstellung, dass seine nächtlichen Fantasien sich in Realität verwandelt haben könnten.
Er hatte sich zu lange, zu stark nach dem verzerrt, was ihm Asuka stets vor die Nase gehalten aber nie übergeben hatte, und er war zu wütend über ihre ständigen Demütigungen und Beleidigungen um sich darum zu kümmern, dass er ihre Privatsphäre verletzte – so nobel, dass er jetzt wegsehen würde, war er nicht.
Er wusste, dass er ihr den respekt schuldete, den sie ihm nie gezollt hatte, aber er konnte diese Verpflichtung nicht fühlen.
Das Third Child war nur ein Mensch, ein pubertierender Mensch noch dazu.
Er wusste, dass er sich schämen sollte, dass er niederträchtig, feige und einfach das letzte war, aber in diesem Augenblick war ihm all das völlig egal – Er wollte die Gelegenheit nutzen, auf die er gehofft hatte – immerhin war sie es, die ihre Brüste praktisch in sein Gesicht gepresst hatte, und sich ihm auf dem Präsentierteller darbot wie eine Dirne! In ihm keimte das Verlangen dazu, Rache für ihren Spott nehmen, indem er sie sich nahm, wenn sie ihn nicht ablehnen konnte.
Doch am meisten von allen sehnte er sich danach, sowohl ihr als auch sich selbst zu beweisen, dass er nicht der Feigling war, für den sie beide ihn hielten, dass er ein Mann sein und… den ersten Schritt gehen konnte.
Er konnte einfach nicht anders, als Asuka über alle Maßen zu bewundern – sie war so schön, so stark, so stolz, so beliebt, so leichtfüßig dabei, zu sagen und zu tun, was sie wollte. Sie war viel offener und erfahrener mit ihrer Sexualität als er es je sein würde.
Er wollte sie verstehen. Begreifen, was es war, was sie schwach machte, um ihr helfen zu können, und begreifen, was es war, dass sie stark machte, um selbst eine Quelle der Stärke zu finden.
Er verzehrte sich danach, diese Stärke von ihrer Haut und ihren Lippen abzulecken.
Also starrte er, völlig unvermittelt, ohne Scheu oder Scham direkt auf ihren schlafenden Körper, ihr weiches, intensiv rotes Haar, auf die großen Mengen von heller, makelloser, aufwändig gepflegter Haut, die ihre spärliche Bekleidung mitsamt ihrer Schulter freilegte und auf ihre Brüste, diese weißen, weichen, aber doch klar geformten Hügel aus bloßem, weißen Fleisch, die wie Wasserballons fast komplett aus ihrem Nachthemd quollen, sodass die Brustwarzen nur knapp verdeckt waren und in einem Fall unter dem Stoff ihrer Kleidung durchdrücken.
Gerade an denen blieben seine weit geöffneten Augen hängen, als könne er nicht glauben, dass sie wirklich real und zugleich wirklich so nah waren.
Sie wurden noch ein winziges Stückchen weiter aus dem Nachthemd gedrückt, als Asuka sich geringfügig regte, doch der Haupteffekt der sachten Regung war, das Shinji nun obwohl er es noch eine Sekunde zuvor nicht für möglich gehalten hatte noch ein gutes Stück näher an ihrem Gesicht war, dessen Mund leicht offen stand wie eine Einladung.
Und die schlug Shinji nicht aus.
Er wollte sie.
Begleitet vom Geräusch des schnell spulenden Players kam Shinji soweit es ihm sein geistig-emotionaler Zustand erlaubte zu so etwas wie einem Entschluss – „So etwas wie" weil es nichts war, dass er mit Argumenten hätte erklären oder verteidigen können, aber doch des Wortes „Entschluss" würdig weil er gewillt war, es auszuführen ohne zu kneifen, zu zögern oder es nochmal zu durchdenken.
Unaufhörlich bewegte er sich auf ihre zarten, gepflegten, geschmeidigen Lippen zu, bis sie alles waren, was er sehen konnte, alles, was Teil seiner Welt war, ihre Lippen allein, wie sie sich langsam öffneten, um ihn willkommen zu heißen-
Nein. Nicht um ihn willkommen zu heißen.
„Mh…mi…. Mami…"
Der Musikplayer erreichte den Anfang der Kassette und verstummte.
An Asukas Augen formte sich die eine Chemikalie, die jede Art von Lust sofort beendete.
Glitzernde kleine Tränchen, perfekt passend zu ihrem kindlichen, kleinen Stimmchen.
Shinji blieb Millimeter von ihrem Mund entfernt wie versteinert stehen.
Ihm war, als habe man ihn in kaltes Wasser geworfen.
Das… das war nicht fair.
Er wollte die überlegene, aufreizende Frau küssen, die er um ihre Stärke beneidet hatte, und nicht ein kleines Mädchen, das weinte, weil sie ihre Mami daheim in Deutschland vermisste!
Der EVA-Pilot kam sich gelinde gesagt verarscht vor.
Diese Arrogante…!
Machte eins auf erwachsen und überlegen, obwohl sie kein Deut besser war als er selbst!
Er hätte es wissen müssen.
Warum hatte er mit diesem ganzen Schwachsinn überhaupt angefangen?
Frustriert griff er sich seine Decke und rollte sich darunter verschanzt am anderen Ende des Raumes in sich zusammen, so weit, weit weg von Asuka wie nur irgendwie möglich.
„Du bist doch selbst noch ein kleines Kind!" murmelte er beinahe verächtlich, bevor er sich die Decke über dem Kopf zog und versuchte, dass alles hier zu vergessen.

-

Zahllose Akten und Papiere küssten in einem einzigen Schwall den Boden.
Er drückte sein Bein zwischen ihre, wie ein geübter professioneller an ihrer Unterhose herumreibend, die ihr kurzer Rock nur gerade zu erreichbar machte, während er sie mit einem Arm an sich presste und mit dem anderen ihre zitternde Hand hielt.
„Lass das! Jemand könnte uns sehen…!"
„Wer denn?"
„Irgendwer…"
Bevor sie dazu kam, noch irgendwas zu sagen, hatte er ihre Lippen bereits versiegelt und sie gegen die Wand gedrückt, wo er ihre Widerstände endgültig brach, und mit seiner Zunge ihre Lippen durchschritt.
Er verlangte einen langen, innigen, heftigen Kuss, und ihre Augen schielten die ganze Zeit sich schuldig und besudelt fühlend auf den Zähler, der ihr anzeigte, in welchem Stockwerk sie sich befand.
Erst, als sich die Fahrstuhltüren öffneten, entließ Kaji Misato aus dem festen Griff seiner Arme, worauf sie sofort herausschritt und erst einmal mindestens einen Meter zwischen sie Beide brachte, ohne sich die Zeit zu nehmen, sich umzudrehen.
„Mach soetwas nie, nie wieder. Das mit uns ist vorbei, okay?"
„Na so was…" entgegnete Kaji, während er sich bückte um die Akten aufzusammeln, die Misato vorhin durch den plötzlichen „Angriff" überrascht hatte fallen lassen. „Auf einmal sagen deine Lippen „nein". Und das, obwohl sie eben noch "ja" gesagt haben… Also was soll ich jetzt glauben?"
Großkotzig grinsend wie immer reichte er ihr ihre Papiere und hatte noch die Frechheit, sich zu verbeugen.
Trotzdem, was sich in Misatos Gesicht zeigte, war kein Ärger, sondern Schuld.
Sie hatte sich schuldig und besudelt gefühlt… weil sie es genossen hatte.
Nein!
Nein, das hatte sie nicht. Sicher nicht.
Warum sollte sie auch, bei dem Machotyp!
Der konnte sich seine Schleimtriefende Gentlemannummer sonst wo hin stecken. Die Akten konnte er auch zurück haben – und zwar ins Gesicht, ZACK!
…Die unschuldigen kleinen Aufzugstüren, hinter denen Kaji verschwunden war, fragen sich übrigens bis heute noch, was sie Misato getan hatten, um sich die Ladung Papier zu verdienen, mit denen diese sie beworfen hatte.

-

„Hier für dich."
„Oh, Danke…"
Den Kaffee, den ihre treue Freundin freundlicherweise gebracht hatte, dankend entgegennehmend schaffte es Misato tatsächlich, dem ganzen Frust, den sie mit Kaji und den zankenden Kinderchens hatte zum Trotz doch noch zu lächeln.
„Ich gebe zu, es ist schon ungewöhnlich, dich ausnahmsweise mal nüchtern zu erleben." Kommentierte Ritsuko noch während sie sich auf ihren Platz nahe der großen Panoramafenster der Kantine setzte. Liegt das an deiner Arbeit… oder an einem Mann?"
„An vielen Dingen."
„Noch verliebt, heh?"
Misato, die gerade dabei gewesen war, an ihrem koffeinhaltigen Getränk zu nippen, konnte es nur gerade mal so abwenden, sich daran zu verschlucken.
„Bitte? Machst du Witze?" entgegnete sie erst nach einigen Hustern. „Den kannst du von mir aus geschenkt haben. Der Typ war der größte Fehler meines Lebens! Die einzige Entschuldigung dafür, dass ich mich überhaupt mit ihm eingelassen habe, ist, das ich noch jung und dumm war."
„Weißt du…" begann Ritsuko, scheinbar noch völlig ruhig. „Eigentlich meinte ich damit ja, das Kaji-kun noch verliebt ist… aber du bist es offensichtlich auch."
„Ach sei still…" maulte Misato griesgrämig.
„Wenn ich falsch liege, warum regst du dich dann so auf? Gib ihm doch mal eine Chance. Vielleicht war er vor acht Jahren ja auch noch jung und dumm."
„Das würde Sinn machen, wenn er sich denn verändert hätte, aber es ist immer noch genau derselbe! Er wird einfach nicht erwachsen…"
„Guck mal, wer da spricht." Kommentierte Ritsuko darauf nur. „Letzte Woche, als er deinen Job für dich gemacht und sich eine Kampfstrategie ausgedacht hat, da fandst du's noch niedlich.
Ich will mich ja nicht in dein Privatleben einmischen aber findest du es nicht etwas unfair, ihn nur dann abzuweisen, wenn es dir nicht ungelegen kommt?
Das klingt ein bisschen nach benutzen."
„Ich hab ihn ja nicht darum geben, ja? Er ist derjenige, in dessen Kopf es nicht reingeht, das eine nichts mit ihm zu tun haben wollen könnte. Er hält sich immer noch für das Zentrum des Universums. Aber lassen wir das Mal. Wir haben eine Menge Arbeit zu erledigen – Morgen ist schließlich der große Tag."

-

Und der große Tag kam auch.
Exakt wie vorhergesehen stampfte der Engel wieder los in Richtung Tokyo 3, beschienen von der Morgensonne, die seinen teils metallischen Körper glänzen ließ.
Doch nicht nur Israphael hatte sich in der letzten Woche fleißig auf die Revanche mit den Menschen vorbereitete – auch letztere waren absolut vorbereitet und hatten ihren Gegenschlag bis ins kleinste Detail geplant.
„Da kommt es!" informierte Misato ihre beiden Schützlinge. „Dieses Mal werden wir nicht verlieren! Sobald die Musik beginnt, baut ihr eure AT-Felder auf, und macht ab dann alles, wie ihr es geübt habt."
„Verstanden." Bestätigten die Kinder gleichzeitig – was auch immer in der letzten Nacht vorgefallen sein mochte, so hatte Shinji die ganze Angelegenheit am nächsten Morgen bei Lichte besehen als seine eigene Schuld eingestuft – was er da getan hatte, war absoluter Quatsch gewesen, und er wusste selbst nicht mehr, was ihn da eigentlich geritten hatte.
Asuka mochte nicht viel besser sein als er, aber er war auch nicht viel besser als sie, und es war Zeit für den Kampf. Es ging jetzt wieder einmal um das Schicksal der Menschheit, sein persönlicher Ärger (oder dessen Abwesenheit) konnte warten.
Todernst wie immer, wenn er sich mental auf einen Kampf vorbereitete, ging er den Bewegungsablauf noch ein letztes Mal durch, und fühlte tief in das geistige innere des EVAs hinein, um zu prüfen, ob er damit auch ausreichend verbunden war.
Das hier war jetzt die Stunde der Wahrheit – jetzt würde sich zeigen, ob er dem Platz an Asukas Seite gewachsen war.
„Vergiss nicht, dass wir von Anfang an auf volle Leistung und volle Geschwindigkeit gehen." Erinnerte sie ihn noch einmal. Ihre Vorfreude auf die Chance, sich endlich zu beweisen, war schwer zu übersehen.
„Ich weiß." Bestätigte Shinji, der auch wenn Asuka es nie zugeben würde, irgendwie immer ein gutes Stück cooler wirkte, sobald er in seinem EVA steckte. „Wir werden das in 62 Sekunden beenden."

Schließlich hörten die beiden, wie Aoba meldete, das der Engel am geplanten Punkt angekommen sei – Es war also Zeit.
Misato befahl nur noch, die Stromkabel abzusprengen – denn für diesen Einsatz würden die Children maximale Bewegungsfreiheit brauchen – und gab dann schließlich den Startbefehl.
Musik marsch.
Evangelions ebenfalls marsch.
Elegant wie professionelle Ballerinas schossen sie aus dem Boden und sprangen dort angekommen sogleich um in luftige Höhen, die ein Vielfaches ihrer eigenen Höhe betrugen – und das in absolut exakten Gleichklang.
Gemeinsam warfen sie ausklappbare Stäbe, zwischen denen sich sobald sie gelandet waren eine Energiebarriere aufbaute, die den Engel glatt zerteilte.
Wie schon zuvor bildete er darauf zwei Miniaturformen aus, die von der Größe her einem Evangelion ähnelten – Die Evangelions selbst landeten adrett auf dem Boden und stellten sich nebenbei eine Viertelpirouette ausführend wieder auf die Füße, um sich die Knarren zu greifen, die man für sie bereits aus den nächstbesten Gebäuden ausgefahren hatte – Das war der Punkt, an dem das Timing besonders wichtig wurde, denn die Schüsse sollten nur dazu dienen, die Aufmerksamkeit der Engel auf sich zu ziehen.
Mit geradezu anmutigen Seitenschritten voranschreitend zielten die beiden Piloten auf den Engel, und schossen ohne Rücksicht auf Verluste ihre Magazine leer – Beiden war eine deutliche Anstrengung oder Aufregung anzumerken.
Ihre akribisch Einstudierte Reaktion erinnerte eher an einen tödlichen Gymnastikparcours als an ein Ausweichmanöver, zumal sie aus einer Folge von Handständen bestand – shinji war überrascht, dass er das überhaupt hinbekam, aber es funktionierte erstaunlich einfach, fast, sei seine Bewegungsfreiheit einzig und allein durch seine Vorstellungskraft begrenzt – er bekam es sogar hin, es im exakten Gleichtakt mit dem Second Child zu tun und schaffte es auch, zielgenau auf den für die Füße der Evangelions gedachten Kreidemarkierungen zu landen – und das wiederum aktivierte die Stahlplatte, die den nächsten Angriff des Engels von ihnen abhielt und ihnen so die Zeit gab, sich noch ein paar Gewehre zu greifen und auf den Engel zu schießen – Dieser jedoch schien bemerkt zu haben, dass er mit seinen Energieschüssen nicht weit kommen würde, sodass über beiden Hälften eine Art Heiligenschein erschien, wobei beide davon miteinander verwoben schienen wie die Seiten einer liegenden Acht.
Shinji hatte das schon einmal gesehen – bei dem ersten Engel, den er bekämpft hatte.
Und genau wie dieser begannen sie in derselben Sekunde, in der die Lichtringe erschienen waren zu schweben und landeten erst direkt vor der Panzerplatten, die sie sofort mit ihren Krallen zerfetzten – Die beiden Evangelions waren zu diesem Zeitpunkt jedoch schon lange in die Höhe gesprungen – und während ein paar Raketen und Geschütze, die Misato abschießen ließ, den Engel wenn auch nur geringfügig beschäftigten, machten sich die Children dafür bereit, in die Offensive zu gehen – Agierend wie die beiden Hälften eines einzigen Körpers ließen Shinji und Asuka ihre Kampfschreie zu einem einzigen verschmelzen, und auch ohne, dass sie im selben EVA saßen oder sonst wie physisch verbunden waren, konnten die Zwei doch spüren, dass sie exakt den selben Willen teilten.
Und dann kam der Punkt, an dem Shinji zeigen konnte, was er von ihr gelernt hatte – Der Moment, in der sie beide jeweils einer Hälfte des Engels den Tritt seines Lebens verpassten – den Tritt seines Lebens, weil der nächste todbringend sein sollte.
Als der Engel wieder zu einer Form verbunden durch die Landschaft raste, und es nicht schaffte, anzuhalten oder seinem Schicksal sonst wie zu entkommen, gab es zwischen den Piloten einen kurzen Blickwechsel – Sie schauten blau in blau, Shinji, ernst, prüfend und sich ihrer Unterstützung versichernd, Asuka, hocherfreut von Triumph und Extase, ihm für das, was jetzt noch kommen sollte, ihr vollstes verstrauen zusichernd, und dann kam der Gnadenstoß.
Sich drehend wie tanzende Schwäne schossen sie in dem Himmel, nur um gleich darauf wieder herabzusteigen wie blutrünstige Walküren, entschlossen, die Kerne des Engels zu treffen, bevor sie wieder in die Tiefen seines grünlichen Fleisches abtauchten.
Die Körper ihrer EVAs zu einer Art gigantischen Ypsilon zusammensetzend, ohne einander zu berühren, besiegelte das ungleiche Paar das Schicksal des Engels – schon, bevor sie ihr Ziel getroffen hatten, machte sich im Hauptquartier Hochstimmung breit – Misato zeigte mit einem spielerischen Lächeln, wie stolz sie auf ihre Schützlinge war, Kaji grinste triumphierend, Maya war ganz aus dem Häuschen, Hyuuga staunte Bauklötzchen, Aoba zeigte einen irgendwie ehrlich überraschten Ausdruck gefolgt von einem dünnen, zufriedenen Lächeln, und selbst Ritsuko, die sonst die Zynikerin vom Dienst war, fand nichts, dass sie daran hätte hindern können, erfreut zu lächeln. Ja, selbst der sonst zumeist bestenfalls ernste Subcommander, der die zwei letzte Woche noch gründlich ausgeschimpft hatte, schien voll und ganz von der allgemeinen Euphorie angesteckt worden zu sein.
Diese Freude hatte auch einen Grund - Israphael hatte nie eine Chance – Schon als die beiden ihn trafen, brachen die Kerne ein, und je mehr die Wucht des Trittes ihn einen Hügel hinauf durch die Landschaft zogen, umso mehr splitterten sie, bis sie schließlich alle beide im selben Moment einbrachen und zu einer blutähnlichen Flüssigkeit zerplatzten, welche die EVAs von oben bis unten bespritze, nur, um von ihnen heruntergebrannt zu werden, als der restliche Körper des Engels ebenfalls explodierte, und den kleinen Hügel, auf dem der Exitus eingetreten war, in einem Feuersturm, der zugleich zum Scheiterhaufen des himmlischen Botschafters wurde aus den Landkarten tilgte.
Es folgten die obligatorische, kreuzförmige Lichtsäule, der Blutregen und der doppelte, an den Rändern sogar dreifache Regenbogen, und der tief in den Boden hineingeschmolzene Krater, aus dem wohl schon bald wieder ein neuer See entstehen würde.
„Die EVAs?" fragte Misato knapp.
„…sind unbeschädigt." berichtete Maya.
Tatsächlich wurden die Formen der beiden Kolosse sichtbar, nachdem das Licht der Explosion verflogen war – Man musste genau hinsehen, um sie unter den klebrigen, roten Überresten des Engels auszumachen, aber da waren sie – Operation gelungen.
Ein voller Erfolg also?
Nicht unbedingt.
Denn was schwer zu übersehen war, sobald man die Formen der EVAs erspäht hatte, war, dass sie hoffnungslos ineinander verkeilt waren – Und Misato und Ritsuko begriffen sofort, was ab diesem Zeitpunkt wohl unausweichlich sein würde.
„Och nö!" kommentierte erstere, sich die Hand ins Gesicht klatschen.
Die Wissenschaftlerin brachte ihr vollstes Verständnis entgegen. „…Dann wird es wohl gleich losgehen…"
Und tatsächlich – kaum, das Shinji aus seinem Entryplug geklettert war, um sich des Ergebnisses seines Kampfes zu besehen, bimmelte die interne Leitung und präsentierte ihm ein niedliches Hologramm einer ziemlich ärgerlichen Asuka.
„Guck mal an, was du angerichtet hast! Jetzt gebe ich wegen dir schon wieder so eine jämmerliche Figur ab!"
„Was heißt hier wegen mir!" gab Shinji sofort ärgerlich zurück. Bei allem Respekt und so weiter, wollte sie nachdem sie das Ding ohne Schäden oder Verletzungen besiegt hatten, wegen so etwas einen Aufstand machen? Das konnte doch nicht ihr ernst sein!
Sie war ein kleines Kind! Meistens schüchterte sie ihn mit ihrer Überlegenheit ganz schön ein, wofür er sie wohl auch bewunderte, aber es gab auch Momente, in dem Shinji sich vorkam, als wäre er dazu abkommandiert worden, sie zu babysitten!
„Du bist doch von hinten in mich reingerannt!" protestierte er, um mindestens einmal die Fakten klar zu stellen.
„Das war nur, weil du aus dem Timing gekommen bist!" spie sie bissig zurück.
Hinter ihrem Hologram konnte er sie in der Ferne wirklich sehen, wie sie am Ausgang ihres Entryplugs stand und wild in der Luft herumgestikulierte, während sie ihm seine bemitleidenswerten Ohren vollschrie. „Bist du immer so lahmarschig? Und überhaupt, was bist du gestern auch noch so lange aufgeblieben!"
Das hatte sie gemerkt?
„I-Ich bin den Bewegungsablauf für den Kampf nochmal im Kopf durchgegangen…"
„Lügner! Du hast doch bestimmt versucht, mich im Schlaf zu küssen!"
D-Das hatte sie auch gemerkt?
Shinji schluckte verzweifelt.
„E… Es nicht fair, nur so zu tun, als ob man schläft!" entgegnete er ein klein wenig verloren.
„DU PERVERSLING! Das sollte doch nur ein Witz sein! Dann hast du's also wirklich getan, heh? Du hast mir meinen ersten Kuss versaut!"
„NEIN! Ich hab vorher aufgehört!"
„Perversling! Lustmolch! Notgeiler Sack! Ich glaub es einfach nicht!"
„Was musst du auch zu mir ins Bett kriechen!"

Es war wohl kaum noch nötig, zu erwähnen, dass das ganze Kontrollzentrum von vorne bis hinten in lautes Gelächter ausbrach.
Resigniert versenkte Fuyutsuki sein gesenktes Haupt in seiner rechten Hand.
„Schon wieder so eine Blamage…"
So langsam gelangte er zu der Überzeugung, das bei Ikaris Bengel schon lange Hopfen und Malz verloren waren…

-

Zum Leidwesen des NERV-Personals setzten sich die Streitereien über die Bergungsaktion bis hin zum Abtransport der Piloten hin fort, auch Misato vermochte es nicht, sie langfristig dazu zu bringen, die Klappe zu halten.
Bis sie jedoch bei den Duschräumen ankamen, schien Asuka die Lust am Streiten vergangen zu sein – oder vielleicht waren ihr auch nur die Schimpfwörter ausgegangen.
Oder es lag an dem bekannten Gesicht, das ihnen auf dem Weg dahin in einem vor LCL triefenden, weißen Plugsuit begegnete.
„Hallo, Ayanami." Grüßte Shinji freundlich lächelnd. „Es ist schön, dich wiedermal zu sehen."
„Ist… es das?" antwortete sie leicht verwundert.
„Nun… ähm… ich… ich wüsste nicht, warum es… nicht so sein sollte… Immerhin haben wir uns ja lange nicht gesehen… A-Aber ab morgen bin ich wieder, uhm, in der Schule und so, also nur damit du's weißt…"
„Gut. Dann habt ihr das Zielobjekt vernichtet?"
„Natürlich habe ich das!" mischte sich Asuka leicht beleidigt klingend ein. „Hälst du dich für so übermäßig wichtig, dass wir es nicht ohne dich und deinen Schrotthaufen von einem Prototypen schaffen würden? Also bitte, First Child! Anders als du und dieser Amateur hier bin ich als einzige nicht hier, weil ich irgendwelche Kontakte habe, sondern weil ich gut bin.
Du kannst ruhig davon ausgehen, dass ich so einen popeligen Engel schon erledigt kriege. Zugegeben, unser Papikind hier hat auch 'n bisschen geholfen, aber es ist offensichtlich, wem hier der Sieg zu verdanken ist. Aber na ja…" Asuka grinste herablassend.
„Ich kann's einer Asozialen wie dir ja nicht verübeln, dass du eine dumme Frage stellt, nur, damit überhaupt mal einer mit dir redet! Muss langweilig gewesen sein, hier in einem halbreparierten EVA herumzusitzen und am Ende nichts zu tun zu kriegen…"
„…Also, Asuka…" versuchte Shinji sich leise einzumischen. „Ich denke nicht, dass Ayanami-"
„Könnt ihr bitte später weiter quatschen?" unterbrach sie ihn direkt. „ Ich würde mir gerne heute noch das LCL aus den Haaren waschen, wenn's möglich ist. Wenn ihr nicht eure Hintern bewegt, geh ich ohne euch!"

Jetzt, wo sich die Zahl der hier arbeitenden Piloten auf drei belief, sah der Raum mit den Duschen tatsächlich so aus, als ob er richtig benutzt werden würde – Die Zahl der benutzten Kabinen überstieg die der leeren jetzt um eins – Was den Raum jedoch hätte angenehmer und belebter hätte machen sollen, sorgte nur für stress, da Asuka Shinji mehrmals mit der Todesstrafe gedroht hatte, falls er es wagen sollte, seine Kabine zu verlassen, bevor sie angezogen sei – Sie wisse schließlich ganz genau, wass er für ein Lustmolch sei.
Technisch gesehen ließ die Kabinentür ja nur ihren Kopf und ihre Unterschenkel frei, die sie der Welt zumeist gerne präsentierte… und auch so gab es nichts an ihr, was Shinji noch nicht gesehen hatte.
Aufgrund seiner verständlichen natürlichen Aversion gegen Schmerzen zog es Shinji jedoch vor, diese Einwände für sich zu behalten, und einfach darauf zu warten, das Asuka ihn hier „herausließ".
Da diese jedoch darauf bestand etliche Schönheitsprodukte anzuwenden, war es Rei, die als erste fertig wurde.
„Auf Wiedersehen." Verabschiedete sie sich, nachdem sie in ihrer Schuluniform aus der Kabine gestiegen und still zur Tür gelaufen war.

Asuka kam erst eine ganze Weile später heraus, setzte sich auf die Bank, zückte einen mitgebrachten Handspiegel und machte sich mit zahllosen Töpfchen und Tiegelchen an ihrem Gesicht zu schaffen.
„Kannst raus kommen, Papasöhnchen." Informierte sie nach einer Weile, nachdem sie sich alle Zeit der Welt genommen hatte, ihre „Schönheitstation" aufzubauen, fast, als sei ihr eben erst wieder eingefallen, das Shinji existierte, und vermutlich schon eine ganze Weile voll bekleidet in der Kabine saß, wo noch etwas Restwasser vom Duschkopf auf sein blaues Polohemd getropft und seine Haare in ziemlich seltsam-abstehenden Winkeln an der Luft getrocket waren, ohne vorher einen Kamm zu treffen.
„Uhm… Shikinami-san…"
„Schon okay, brauchst nicht auf mich zu warten."
„Uhm…Ich wollte nur… ähm…"
Asuka seufzte. „Diese Japaner! Hör zu, wenn du mir was sagen willst, spuck's aus oder lass mich in Ruhe."
„Ich… wollte mich nur entschuldigen falls… falls ich dir… irgendwie im Weg gestanden habe…" brachte er schließlich Mühevoll hervor – er hatte selber mehrmals gesegen, wie wichtig Kampferfolgt für Asuka zu sein schien.
„Schon okay. Du warst nicht ganz so nutzlos, wie ich es erwartet hatte. Man sieht, dass bei der Zusammenarbeit mit einer Meisterin wie meiner Wenigkeit was auf dich abgefärbt ist."
„D-Danke…"
„Spar dir den Höflichkeitskram und geh mir aus dem Blickfeld!"

Die deutlich Röte, die ihr Kompliment… oder na ja, eigentlich eher ihr akzentuierter Verzicht auf eine stärkere Beleidigung auf sein Gesicht zauberte, sah sie nicht mehr, da dieser teils, um diese vor ihr zu verbergen und teils, weil sie es deutlich verlangt hatte.
Statt auf seine Schritte zu achten, als er den Raum verließ, blickte sie das frisch hübsch hergerichtete, perfekt scheinende Mädchen im Spiegel an.
Ihr Lächeln schien verschwunden zu sein, aber für sie war es nur ein unwichtiges, äußerliches Detail. Spiegelbilder konnten sich keine Fragen stellen, oder sich für eine Schwäche schämen, das andere Mädchen, das da ganz allein im Glas gefangen war, konnte in ihrem gläsernen Käfig niemanden treffen, und sie konnte auch nicht um Hilfe bitten, weil sie Stumm war – auch wenn sie den Mund öffnete, Asuka hörte stets nur ihre eigene Stimme.
Sie hatte ihre Stiefmutter einmal in einem Gespräch mit ihrem Vater sagen hören, das der Spiegel das Böse oder die Fehler nicht nur wiedergab, sondern vielmehr erschuf, doch das, was der Spiegel in Asukas Hand da erschaffen hatte, schien überhaupt keine Art von Fehler zu haben… Wenn ihre richtige Mutter die Wahl gehabt hätte, hätte sie wohl das Spiegelmädchen gewählt.
Aber aus irgendeinem Grund schien sie fähig zu sein, den Spiegel trotzdem zuzuklappen und wegzustecken. Es konnte ihr doch egal sein, was die Frau gedacht hatte!
Sie wollte kein stummes Spiegelbild, kein stummes Püppchen sein, und wenn sie dann noch so perfekt sein würde.
Ha!
Dafür, dass sie mit diesem dämlichen Third Child hatte zusammenarbeiten müssen, brauchte sie sich nicht zu schämen – Er war ja nicht gerade nützlich gewesen, oh nein!
Wenn sie ehrlich war, wollte sie auch gar nicht, dass er so gut war wie sie – Sie war NERVs beste Pilotin und das sollte und würde auch so bleiben.
Verglichen mit diesem arroganten, asozialen First Child war er ja noch das kleine übel gewesen… und auch, wenn sie ich einen Perversling geschimpft hatte, es schmeichelte ihr schon, begehrt zu werden – Sie hatte sich all diese blöden Sorgen umsonst gemacht – Natürlich konnte sie so eine Null wie ihn um ihren kleinen Finger wickeln – Der Typ war nur so dämlich, dass man schon mit dem Zaunpfahl wickeln musste.
Aber auch wenn er ein Idiot war, würde sie ihn wohl noch eine Weile ertragen können… irgendwo war es ja auch… ja, auch, wenn sie es nie zugegeben hätte, tief in ihrem Inneren fand Asuka es schon angenehm, jemanden zu haben, der ihr in der Schlacht zur Seite stand.

_

(1) Weiter geht's in 09: [Ihrer Würdig]. Und ja, das "ihr" hier bezieht sich auf Asuka.