Kapitel 24 – Wiedergeburt

Von einem Moment auf den anderen verkrampfte sich in ihr alles und sie verfluchte sich für das, was sie getan hatte. Vollkommen unkontrolliert schlug sie mit dem Kopf gegen die Mauer, so dass es weh tat und öffnete die Augen.

Was sie sah, ließ sie nach Luft schnappen. Es schien, als würde sie die Geburt des Universums erleben. Übernatürliche Helligkeit strömte auf sie ein und reizte ihre Iris, doch sie brachte es nicht fertig, die Augen zu schließen. In letzter Zeit des hellen Sonnenlichtes entwöhnt konnte und wollte sie sich dieser beinahe psychedelischen Wirkung nicht entziehen. Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, sog sie sich daran fest.

So fantastisch, so hell, so wunderschön war dieser Augenblick, dass sie sich wünschte, sie wäre in der Lage, die Zeit anzuhalten. Sie wollte darin versinken. Für immer. Ihre dunkle, triste Gegenwart hinter sich lassen und so leben, wie sie es gewohnt war. Mit einem klitzekleinen Kick zusätzlich.

Der Himmel schien nur für sie zu leuchten, für sie allein. Für sie, die die ganze Zeit in diesem unnatürlichen Schuppen eingesperrt war. Noch nie hatte sie davon gehört, dass der Himmel des Nachts leuchtete, aber war dieser vollkommen nebensächliche Gedanke in diesem Augenblick von Bedeutung?

Ein nie gekanntes Glücksgefühl durchströmte sie und so störte es sie auch nicht weiter, dass sie anscheinend Sinnestäuschungen unterlag. Die Sternbilder verschoben sich, wie sie gerade lustig waren. Aniram sah alles so, als hätte sie Linsen unterschiedlicher Krümmungen vor den Augen, die ihr ab und zu weggenommen wurden. Die Sterne kamen heran, sie gingen weg, sie kamen heran, sie gingen weg…

Eine halbe Ewigkeit dauerte dieser Zustand an. Aniram tat alles, um ihn im Hier und Jetzt zu behalten. Um nichts in der Welt wollte sie diese Emotion, diese Erfahrung, dieses Glück je wieder verlieren. Dies war eine Erfahrung, die vor ihr noch keiner gemacht hatte und kaum hatte sich dieser Aspekt in ihrem Hirn eingenistet, begann etwas von diesem Rausch abzuklingen.

Ja, dieser Zustand, in dem sie schwebte, konnte sich nur als rauschartig bezeichnen lassen. Des rationalen Denkens immer noch beraubt wusste sie zwar, wodurch ES hervorgerufen wurde; und stellte sich gleichzeitig die Frage, warum niemand vor ihr diesen Schritt gegangen war. In heimatlicher Umgebung war er sicherlich unnötig, aber war wirklich noch nie jemand so neugierig gewesen, um es auszuprobieren? Oder hatte sich doch jemand getraut und es nicht erzählt? Nur warum nicht? Denn das Behalten von Erfahrung und Wissen widersprach ihrem Kodex. War es so schlimm zu sagen, dass man fliegen konnte? Dass sich vor dem Auge eine Farbenpracht entfaltete, die niemals jemand zuvor gesehen hatte?

Als sie merkte, dass ihr Gehirn wieder zu arbeiten begann, blinzelte sie verwirrt.

Urplötzlich gab es einen Knall im Kopf, den sie nicht einordnen konnte. In der Angst zu erblinden, presste sie ihre Augenlider zusammen. Erneut wurde sie von einer Welle der Übelkeit überrollt und kippte stöhnend zur Seite. Schwer atmend blieb sie liegen und wartete auf weitere unangenehme Überraschungen.

Diese blieben aus und als sie ihre Augen wieder öffnete, spürte sie, dass weder die vorangegangenen Krämpfe noch der Knall irgendetwas Schädigendes in ihr hinterlassen hatten. Im Gegenteil.

Sie war frei.

Als hätte dieser Knall den überdimensionalen gordischen Knoten zerschlagen, der ihr Herz mehr und mehr zusammengeschnürt hatte. Und nicht nur ihr Herz, sondern sie selbst.

Doch nun war sie sogar so frei, dass sie keine Angst hatte aufzustehen und so unauffällig wie möglich den Gemeinschaftsraum der Ravenclaws zu suchen. Oder aufzusuchen? Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Aber wie auch immer, es bedeutete im Grundtenor – sich wieder ins Schloss zu wagen. Auf dem Weg zu ihrer Schlafstätte machte sie sich lediglich Sorgen darüber, dass dieser Zustand abklingen könnte.

Auch wenn es ein völlig irrationales Gefühl war, durch Gänge zu laufen, die vor ihr zurück wichen. Sie hätte diesen Schritt schon längst tun sollen, dann hätte sie nicht so riesige Angst vor allem. Vor jedem neuen Tag, jeder neuen Stunde, die sie hier verbringen musste.

Denn seit ihrem ersten Anfall dieser Art hätte sie im Grunde genommen die einfache Gleichung „einmal ausgeknockt, immer ausgeknockt" aufstellen können. Sie hätte damit rechnen MÜSSEN. Wissen und kalkulieren müssen, dass diese Anfälle von Klaustrophobie in kürzeren Abständen und um das doppelte intensiver wiederkamen. Doch lediglich von Klaustrophobie zu reden war lächerlich, es war etwas vollkommen anderes, das wusste sie.

Demzufolge war es lediglich eine Frage der Zeit, bis man sie ins Steinzeitlazarett schleppte und wiederum niemand etwas mit ihr anfangen konnte. Kaum hatte sie das Wort Steinzeit gedacht, begann sie wieder zu kichern. Allerdings leise, denn sie legte keinen Wert darauf, erneut mit den Gemälden zu kollidieren. In welchem Sumpf sie auch mit ihren Gedanken gesteckt hatte – an die Gemälde erinnerte sie sich.

Endlich war sie vor der Ritterrüstung angekommen und sagte das Passwort. Beim Hineinschlüpfen wollte sie ihren Umhang an sich ziehen und griff ins Leere. Verwundert hielt sie inne. Nanu? Im selben Moment, in dem sich die Tür hinter ihr rasselnd schloss, ging ihr auf, dass dieses spezielle Kleidungsstück nur an einer einzigen Stelle im Schloss sein konnte. Beim Herrscher. Und Meister. Und Kamerad.

Aniram war noch völlig planlos, wie sie morgen wieder an ihren Umhang kommen sollte. So sehr sie die Farbe Schwarz verabscheute, so sehr war sie dennoch gezwungen, damit herumzulaufen. Umhänge gab es auch nicht wie Sand am Meer, jeder Schüler hatte nur zwei. Ob es sich gut machte, mit dem Festumhang im Unterricht aufzutauchen, war äußerst fraglich. In ihrer euphorischen Stimmung verschwendete sie allerdings keinerlei Gedanken an derlei Nichtigkeiten, sondern ging ins Bett.

Zum ersten Mal, seit sie hier lebte, glitt sie hinüber in einen traumlosen und festen Schlaf.

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Am nächsten Morgen sprang sie quicklebendig aus dem Bett und wollte um jeden Preis die erste im Bad sein. Begründen konnte sie das nicht. Die vergangene Nacht kam ihr im Nachhinein betrachtet vor wie eine Woche Scheintod. Wenn dieses eigenartige Wetter nicht wäre, würde sie glauben, in Australien zu sitzen. Ein Blick aus dem Fenster belehrte sie aber schnell eines Besseren. Kopfschüttelnd beendete sie ihre Morgentoilette und machte sie daran, zum Schluss noch ihr Haar zu bändigen.

Als sie dabei in den Spiegel schaute, prallte sie zurück.

Vielmehr beschäftigte sie sich nicht mit ihrem Spiegelbild, sondern mit dem Spiegel an sich. Vor ihr hing eine leicht nach außen gewölbte Kugel. Obwohl ihr Verstand ihr sagte, dass alle Spiegel glatt waren, gab es daran kein Rütteln. Um sich zu vergewissern, dass dem so war, strich sie mit ihren Fingern sorgfältig darüber. Wenn sie die Augen schloss, war der Spiegel eine gerade Fläche. Öffnete sie sie, war er definitiv rund.

Das bedeutete lediglich – und darüber war sie äußerst erleichtert – dass dieser Zustand, um dessen Nichtnachlassen sie gestern oder auch heute Morgen gebettelt hatte, wirklich noch anhielt. Erleichterung durchströmte sie. Vielleicht wurde jetzt alles ein bisschen einfacher. Einfacher, pah! Sie schaute wieder geradeaus und murmelte: „Tu nicht so einfältig, höchstens bis zum nächsten Overkill."

Aniram konnte nur hoffen, nicht irgendwo dagegen zu knallen in der Annahme, es wäre noch genug Platz und in Wirklichkeit waren die Wand oder der Tisch oder was auch immer schon längst erreicht. Sie zuckte mit den Schultern. Wenn dieser Moment kam, würde sie es an ihren Knochen merken.

Die größte Schwierigkeit sah sie bei der Nahrungsaufnahme. Lebhaft stellte sie sich vor, mit den Fingern zuzugreifen oder am Glas vorbei. Diese äußerst bildliche Vorstellung ließ sie prusten. Und während sie prustete, tat sie das, weshalb sie überhaupt in den Spiegel geschaut hatte: sie bearbeitet in Ruhe ihr Haar.

„Alles okay mit dir? Du bist doch in Ordnung?" Leicht zögerlich kam die Frage von Josy und Aniram meinte munter: „Klar doch, warum nicht?"

„Öh ja, ich dachte du weinst oder so?" Josy hatte dieses eigenartige Prusten gehört und sich Sorgen gemacht. Denn ihre Freundin hatte sich auf eine dermaßen radikale Art und Weise verändert, die ihr unbekannt war. Irgendwie hatte sie das Gefühl, als ginge es seit Schulbeginn konstant bergab. Doch die putzmunteren Worte zeugten eher vom Gegenteil.

Aniram wollte wieder in den Schlafsaal rauschen, um sich anzukleiden und musste dazu an Josy vorbei. Sie zwinkerte ihr zu und meinte: „Warum soll ich denn weinen? Ich hab gelacht. Okay, ich hab laut gegrinst."

Josy schaute sie an wie einen Geist. Zeitgleich mit einem halbherzig gestammelten und obendrein verspäteten Morgengruß platzte es aus ihr heraus: „Was hast du denn mit deinen Augen gemacht? Die waren doch so", kurz wedelte sie sich mit der Hand vor dem Gesicht hin und her, „anders. Auch du bist anders? Bist du du?"

Dabei stupste sie Aniram in die Brust, um sich zu überzeugen, dass diese wirklich quicklebendig vor ihr stand und sie nicht irgendeiner Sinnestäuschung unterlag.

Aniram zögerte kurz. „Klar bin ich ich. Guck!" Mit dieser Aufforderung schleuderte sie ihre mahagonifarbene Mähne um sich, die sie doch gerade so wunderschön bearbeitet hatte. Aber das mit den Augen war schwieriger. Dann hatte sie die rettende Idee.

„Ach weißt du, eigentlich hat mir nur Frischluft gefehlt, glaube ich. Ich saß die ganze Nacht auf dem Astronomieturm und bin als erstes ins Bad geturnt, weil es gegen Morgen doch ein bisschen frisch war. Ähm, irgendwie."

Um einer weiteren Erklärung zu entkommen, flüchtete sie endgültig in den Schlafsaal. Dort tauchte sie in erst einmal in den Schrank ab. Nicht etwa, um sich SOFORT die Kleidung für den heutigen Tag herauszuholen, nein, um sich an der Gegebenheit zu erfreuen, dass ihre Augenfarbe wieder da war. Mehr als einmal war sie in letzter Zeit vor dem Spiegel zurückgezuckt, als sie diesen stumpfen Blick gesehen hatte. Jetzt allerdings bildete sie sich ein, dass dieses Bernsteingelb noch nie so kraftvoll geleuchtet hatte.

Nachdem sie alles zusammengekramt hatte, was sie benötigte – was ein recht schwieriges Unterfangen war und erst jetzt konnte sie das Ausmaß ihres „Danebengreifens" so richtig einschätzen – stand sie auf und zog sich an.

Noch ein Griff zum Umhang und dann konnte sie gehen. Als sie jedoch ins Leere griff, stutzte sie kurz. Sie befahl ihrem Erinnerungsvermögen eine sofortige Rückkehr. Sie versuchte sich den Zeitrahmen abzustecken. Als er da war, gab es einen typischen „Ah.-Oh.-Ja."-Effekt. Sie wusste, wo er war.

Aber es war vollkommen ausgeschlossen, dass sie nun schon in den frühen Morgenstunden eine Stippvisite in den Kerker machte. Unmöglich. Grübelnd und nachdenklich ging sie hinunter in den Gemeinschaftsraum. Nicht ahnend, dass noch jemand grübelte.

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Professor Snape grübelte und zögerte sichtlich, sich zum Frühstück zu begeben. Ihm wollte beim besten Willen keine Lösung einfallen, wie er Anirams Umhang an den Mann - oder in diesem Fall – das Mädchen bringen sollte.

Das war aber nicht einmal das Wesentlichste, denn in diesem Umhang befand sich auch ihr Zauberstab, ohne den sie heute nicht arbeitsfähig war. Also fiel seine Idee, sie zur Strafarbeit zu zitieren und ihr dann den Umhang auszuhändigen, schon einmal gründlich flach.

Zur Strafarbeit kam sie sowieso. Wenn. Wenn nicht, bedeutete das für ihn wieder Gleichklang und Langeweile im Kerker. Unmöglich, über was er hier alles nachdachte. Und das alles nach einer so gut wie schlaflosen Nacht.

Eines war ihm nach ihrem gestrigen Zusammenbruch jedoch bewusst geworden - wenn ihre Anwesenheit bedeutete, dass er sie damit zu Grunde richtete, wollte er diese Strafarbeiten, die keine waren, unter keinen Umständen aufrechterhalten. Sollte er es dennoch tun, würde er es sich niemals verzeihen können, nie. Unwillig ruckte er mit den Schultern und wieder fiel sein Blick auf den Zauberstab, den er nun schon seit Stunden in der Hand hielt. Schön warm fühlte er sich an, geschmeidig. Er musste Miss Turbobrauer bei Gelegenheit fragen, woraus er gemacht war.

Neugierig wie er war hatte er diesen Zauberstab hin und her gewendet und tat es noch – und konnte nur mit Müh und Not der Versuchung widerstehen, irgendeinen Spruch damit auszuführen. Er hatte mehr als einmal erlebt, was dieses Ding anrichten konnte. Was, wenn er auf einmal einen Degen in der Hand hielt?

Warum nur wollte ihm kein rettender Gedanke kommen? Er überlegte schon, ob er sich das Frühstück in den Kerker bringen lassen sollte.

Kaum hatte er das gedacht, überkam ihn eine Erleuchtung und schlagartig wurde es hell im Kerker.

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Die Ritterrüstung schepperte, die Tür schwang auf und Aniram fuhr herum. Sie schaute auf dieses kleine und putzige Etwas, das in der Tür stand.

„Missy Hawkwing?", piepste es.

„Ja, das bin ich. Wer bist du denn?"

„Oh, es steht Pyro nicht zu, zu sagen wer er ist. Ich soll…" Dabei schlackerte er wie wild mit seinen Ohren, die den Eindruck erwecken wollten, als gehörten sie nicht zum Körper.

„Na hör mal, du hast doch eben gesagt, wie du heißt. Und Pyro finde ich putzig, du lässt wohl alles anbrennen, wie?" Aniram hockte sich hin, damit sie mit ihrem Gesprächspartner auf Augenhöhe war und grinste.

„Missy sollen in Kerker kommen, sofort. Bitte."

„Ah-ha. Ja, gut, mach ich. Ich weiß immer noch nicht, wer du bist. Willst du mich begleiten?"

„Oh nein, Pyro darf das nicht, er muss wieder in die Küche."

„Na und, da kommen wir doch fast am Kerker vorbei und wir können ein bisschen plaudern."

Jetzt wurde Pyro beinahe grün vor Angst.

„Hauselfen plaudern nicht, Missy, sie arbeiten."

Als hätte er damit schon zuviel gesagt, verschwand er. Er verschwand so schnell, dass Aniram der Unterkiefer aufklappte. Das passierte bei ihr außerordentlich selten. Aber wenn sie nicht alles täuschte, dann hatte sie gerade eben INNERHALB EINES GEBÄUDES eine Teleportation erlebt. Oder zumindest etwas, das dem sehr nahe kam. Als sie sich wieder gefangen hatte, überfiel sie der Neid und sie würgte hervor:

„Boah, stark, ey."

Leider kam sie nicht mehr dazu, Pyro zu fragen, wie er das angestellt hatte. Vielleicht gab es einen Weg in die Küche und sie konnte die Unterhaltung dort weiterführen? Oder aber sie fragte Severus. Jawohl, denn der hatte ihn geschickt. Also musste er auch wissen, ob sich Hauselfen springend, hüpfend oder seitwärts bewegten.

Alles in allem war das ein sehr einschneidendes Erlebnis für Aniram, denn sie hatte noch nie einen Hauselfen gesehen. Wie denn auch, wo es keine Häuser gab.

„Also gut, sollte ich jemals wieder zu Hause sein, mach ich den Vorschlag, Outback-Elfen einzuführen. So ein Quatsch, sie arbeiten nur."

Kopfschüttelnd und dennoch voller Zuversicht, einige Fragen beantwortet zu bekommen, ging sie nach unten, fand den Weg schneller und zielgerichteter als vermutet und klopfte. Auf ein dumpfes „herein" betrat sie den Kerker.

Snape erstarrte. War sie geflogen? War Pyro geflogen? Oder hatten sich die beiden in der Mitte getroffen? Auf gar keinen Fall aber hätte er die Trägerin des Umhangs, den er schleunigst loswerden wollte, so schnell erwartet. Genauso wenig war er darauf vorbereitet, dass sie putzmunter im Raum stand und nicht gerade den Eindruck erweckte, als wäre sie gestern zusammengebrochen.

Er entschloss sich für dezente Zurückhaltung und blieb sitzen.

„Hier vorne liegt Ihr Umhang und hier ist Ihr Zauberstab." Diesen legte er, wenn auch äußerst widerwillig, an den Rand seines Pultes. Tausend Fragen purzelten zu dem Ding durch seinen Kopf.

„Oh danke, ich hab mir schon Sorgen gemacht, wo das Teil steckt. Ähm, ich meine, wie ich vor dem Abend rankomme. Sie sind wirklich ein Schatz."

Snape schloss die Augen und fauchte: „Es ist früh am Morgen, Miss Hawkwing, vielleicht lassen Sie sich ein Erinnermich schenken, das sie auf die Tageszeiten und die dazugehörigen Konversationsformen hinweist. Es sollte Sie regelrecht anbrüllen, verstanden?"

Und ER Trottel hatte geglaubt, sie wäre über Nacht gestorben. Sorgenvoll hatte er kein Auge zugetan. Und nun? Eigentlich hätte er erwartet, dass sie nur als zittriges Nervenbündel hier stand.

„Ja, ist ja gut", murmelte sie beschwichtigend, „ich verpeil das manchmal, wissen Sie."

Jetzt fuhr er wirklich auf. „Ist das angekommen, was ich gestern gesagt habe oder haben Sie nur so getan, als würden Sie zuhören? Punktabzug gefällig? Ich kann auch noch mehr Strafarbeiten austeilen, das stellt nicht das geringste Problem für mich dar. Ich hoffe für Sie, dass Sie das nicht im Unterricht verpeilen, sonst bringe ich Sie eigenhändig um!"

„Oh, dann kriegt die Spalte doch noch ein Kreuz? Ich bin begeistert."

Aniram spürte, dass sie wieder die Alte war und war darüber dermaßen glücklich, dass sie nicht im Traum daran dachte, einen Gang herunterzuschalten.

Ihr „Schatz" allerdings stöhnte, schnellte auf und wollte auf sie zuspringen. Beim Wollen blieb es allerdings. Denn auf eine ganz und gar merkwürdige Weise blieb er wie im Raum hängen – gebannt von zwei Sonnen. Seine Lider klapperten im Eiltempo rauf und runter.

Aniram jedoch, die dachte, dass ihre Worte diese Zuckungen ausgelöst hätten, trat besorgt näher.

„Alles roger? Ich meine, befinden Sie sich gut, Professor Snape?"

Dabei machte sie ein Gesicht, als müsse sie sich übergeben. Professor nannte sie ihn ja nicht einmal im Unterricht.

Snape erreichte dieser mittelalterlich anmutende Satz überhaupt nicht, sondern er platze heraus: „Was ist mit Ihren Augen passiert?"

Aniram strahlte mit der Sonne um die Wette. „Toll, nicht? Ich war die ganze Nacht auf dem Astronomieturm, ich hätte mich ja gestern glaub ich fast verlaufen. Oh, und da Sie nun schon der zweite sind, der mich fragt, was mit meinen Augen passiert ist, werde ich mir wohl ein Schild malen und um die Brust hängen. Dann weiß auch der Letzte Bescheid."

Ungeduldig trommelten ihre Fingerspitzen auf dem Pult. „Mist, Sonnenbrille macht sich schlecht in eurem Käfig."

Snape seufzte halb unwillig, halb ergeben und knurrte: „In der Tat."

„Warum sind Sie eigentlich nicht beim Essen? Keinen Hunger?"

„Nein", kam es gereizt zurück, „ich musste mir etwas einfallen lassen, um Ihnen Ihren Umhang wieder angedeihen zu lassen, meinen Sie nicht auch? Oder funken Ihnen Ihre frisch polierten Äuglein ins Kurzzeitgedächtnis?"

„Ist ja gut, Se…" Sein warnender und für jeden anderen tödlicher Blick kam zu spät. Obwohl sie fand, dass er noch gut dabei wegkam, weil sie 75 Prozent seines Namens verschluckte.

„Ich meine, ich hab auch überlegt, ob es ratsam ist, schon um diese Uhrzeit hier aufzutauchen. Schlafen Sie eigentlich auch hier? Ansonsten hätte ich Ihre Privaträume aufgesucht oder aufsuchen müssen. Nee, Pyro war schon ne tolle Idee."

„Meine Privatsphäre geht Sie nicht das Geringste an und jetzt raus hier."

Aniram rollte mit den Augen und fand, dass er sich wirklich einmal eine andere Abschiedsszene einfallen lassen könnte. Aber irgendetwas wollte sie doch noch fragen?

„Ach so, bevor ich gehe, können Hauselfen teleportieren? Pyro war so schnell weg, ich konnte ihn nicht mal fragen. Und ich dachte mir, wenn er das kann, dann ich vielleicht auch und ich muss nicht mehr laufen. Das wäre doch geil."

Ein äußerst zweifelnder Blick traf sie. Dann ließ sich Snape zu einer Antwort herab.

„Hauselfen sind die einzigen magischen Wesen, die in Hogwarts apparieren können. Nicht teleportieren. Deshalb ist davon auszugehen, dass Sie sich beim Versuch, das zu unternehmen, sehr wehtun werden."

„Ah. Mist. Na ja, ne Frage war es wert. Gehen wir essen?" Als ihr diese Frage herausrutschte, dachte sich Aniram eigentlich nichts dabei.

Snape erhob sich und ging zwei Schritte auf sie zu. Sein Mundwinkel verzog sich spöttisch.

„Natürlich, Miss Hawkwing, denn in Hogwarts ist es durchaus üblich, dass der Slytherin-Hauslehrer mit einer Ravenclaw-Schülerin am Arm bei Tisch auftaucht."

Mit diesen Worten wies er auf seine kerkereigene Tür. „Heute Abend."

Als Aniram in Richtung Tür stürmte, schaute er auf seinen Zauberstab und dachte, dass er diesen Zauber ein für alle Mal ins Reich der ungesagten Flüche verbannen sollte. Erst als die Tür ins Schloss fiel, leistete er sich ein Brummen.

„Verdammt, sonst fuchtle ich mir die Hand wund."