Die Selbsterkenntnis, die Earenis in den letzten Tagen getroffen hatte, erstaunte sie selbst: Es interessierte sie nicht wirklich, wenn sie jene verriet, die freundlich zu ihr gewesen waren. Sie war schon immer selbstsüchtig gewesen und würde es auch immer bleiben. Warum sich also um jene scheren, die einstmals auf ihrer Seite standen? Sie selbst hatte schon immer auf ihrer ganz eigenen Seite gestanden und war ihren Weg gegangen. Immer hatte sie um Akzeptanz kämpfen müssen, immer hatte sie versucht, sich anzupassen, und war doch stets gescheitert. Sie hatte nirgends Akzeptanz finden können, alle hatten sie abgewiesen.
Nur Ghâshburz hatte sie genommen, wie sie war, und ihr gegeben, was sie ihr ganzes Leben lang gesucht hatte.
Einige Tage später saßen sie wie fast jeden Abend beim Essen zusammen. Wie üblich brannte ein Feuer im Kamin, um die Kälte Angbands zu vertreiben; hier war insbesondere im Winter alles darauf ausgerichtet, die Kälte fernzuhalten, da ein Überleben sonst nicht möglich wäre. Auch so schon waren die Lebensbedingungen hart.
„König Elessar zieht seine Truppen zusammen", sagte Ghâshburz. „Bald wird es zum Krieg mit ihm kommen und zu einem ersten Kräftemessen mit dem Nördlichen Königreich."
„Herr Elrond steht an seiner Seite, der Herold Gil-galads", gab Earenis zu bedenken. „Er ist äußerst erfahren in der Kriegskunst. Habt Ihr denn keine Bedenken, gegen ihn ins Feld zu ziehen?"
„Warum sollte ich es?", erwiderte Ghâshburz. „Er war meinem Meister wohlbekannt, und so habe auch ich genügend Informationen über ihn, um gegen ihn bestehen zu können."
„Ihr wirkt sehr siegessicher, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf", sagte Earenis.
„Natürlich bin ich das." Ghâshburz schmunzelte. „Ich kenne meine Feinde, doch sie mich nicht. Außerdem kann ich von dem profitieren, was mein Meister mir hinterließ. Und vergiss die Drachen nicht! Wie können meine Feinde solch einer Urgewalt widerstehen?"
„In der Tat." Earenis widmete sich wieder ihrem Essen und nahm das Gespräch erst einige Augenblicke später wieder auf. „Ihr sagtet, die Waldelben wären gegen Euch in die Schlacht gezogen. Wisst Ihr bereits, wie der Kampf verlief?"
Nun wurde Ghâshburz' Lächeln triumphierend. „Hervorragend!", rief er aus. „Leider waren sie nicht mit voller Stärke ausgerückt und ihr König war ebenso nicht anwesend. Meinen Soldaten gelang es jedoch, sie in eine Falle zu locken, aus der nur wenige entkommen konnten. Und ebenjene irren nun gejagt von Orks und Drachen in den Ered Wethrin umher und werden mit Sicherheit nicht entkommen. Das Waldlandreich hat einen erheblichen Teil seiner Soldaten verloren. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass es so einfach wird, meine Feinde niederzuwerfen." Er lachte in sich hinein.
Earenis wollte sich das Massaker lieber nicht vorstellen.
Ghâshburz wurde wieder ernst. „Ich gehe jedoch nicht davon aus, dass der weitere Kriegsverlauf ebenso leicht wird", sagte er. „Dennoch wird wohl Legolas demnächst Besuch von mir erhalten. Damit hätte ich mich bereits eines ersten Problems entledigt. Meine Spione in Elessars eigenen Reihen nicht zu vergessen. Valandils hat er sich bedauerlicherweise bereits entledigt, doch er hat noch lange nicht alle Intrigen aufgedeckt, die im Nördlichen Königreich vor seiner Ankunft gesponnen worden waren."
Dann jedoch hielt er inne und legte nachdenklich den Kopf schief. „Du siehst sorgenvoll aus, Earenis, meine Liebe", stellte er fest.
Das war sie in der Tat. Zaghaft sah sie ihm entgegen. „Darf ich eine Bitte aussprechen?", fragte sie vorsichtig.
„Das kommt auf die Art der Bitte an, denke ich", erwiderte er.
„Bitte tut Legolas und Gimli nichts an", sagte sie. „Werft meinethalben den Eryn Lasgalen und den Erebor nieder, doch verschont diese beiden. Sie waren eine Zeitlang durchaus nett zu mir."
Ghâshburz kräuselte die Stirn. „In Anbetracht von Legolas' Rang und Namen könnte dies schwierig werden", gab er zu bedenken. „Aber wenn du dies wünscht und dies dein Gewissen beruhigt, werde ich mein Bestmöglichstes geben. Insofern er nicht selbst die Erfüllung deines Wunsches vereitelt und mich zum Handeln zwingt, versteht sich."
Earenis sah, dass dies wohl in der Tat das höchste der Gefühle war, welches sie von Ghâshburz erbitten konnte.
„Ihr seid sehr gütig zu mir", sagte sie daher als Dank. „Ich kann noch immer nicht verstehen, warum Ihr all das für mich tut, diese Gemächer, das üppige Essen und erst recht Eure Freundlichkeit mir gegenüber. Ihr vertraut mir vorbehaltlos. Was macht Euch so sicher, dass ich dieses Vertrauen nicht missbrauche?"
„Weil ich dich kenne, meine Liebe", sagte Ghâshburz mit einem unergründlichen Lächeln. „Wenn wir die zwei einzigen unserer Art sind, dann ist dies wohl unvermeidlich. Wir sind vollkommen, den missglückten Züchtungen unseres Herrn weit überlegen. Etwas wie uns darf es nicht geben, und doch existieren wir. Ist dies nicht ein erhabener Gedanke? Ich erschaudere jedes Mal in Ehrfurcht vor ihm. Doch ganz besonders fasziniert mich deine Existenz. Deine Mutter wurde geschändet, mitten auf dem Kampffeld und ohne Sinn und Verstand. Wie konnte aus dieser Verbindung etwas so Vollkommenes wie du entstehen?"
Earenis versuchte ihre Verlegenheit zu verbergen. „Ich bin nicht vollkommen", sagte sie leise und hoffte, dass er die dunkle Färbung ihrer Wangen nicht bemerkte.
„Doch, das bist du, und du weißt gar nicht wie sehr", hielt Ghâshburz dagegen. „Du faszinierst mich und übst eine nie gekannte Anziehung auf mich aus. Habe ich dir jemals von den Experimenten meines Herrn erzählt, die mich hervorbrachten?"
Sie schüttelte den Kopf. „Ist es nicht ein sonderbarer Gedanke, wenn man das Produkt wissenschaftlicher Ambitionen ist?", wollte sie wissen.
„Was ist Liebe?", stellte Ghâshburz die Gegenfrage. „Ich weiß es nicht, also kann ich dir – wahrscheinlich ebenso wenig wie du – nicht sagen, wie es ist, das Produkt der Liebe zweier Personen zu sein. Meine Mutter war eine Sklavin Saurons und mein Vater irgendein Ork. Ich habe beide niemals kennen gelernt und auch nie das Bedürfnis dazu verspürt. Wahrscheinlich hatte mein Meister ihre Plätze für sie eingenommen, wenn man so will.
Nun, wie dem auch sei. Mein Meister kam irgendwann auf die Idee, Orks mit Elben zu kreuzen. Erst recht spät kam ihm dieser Gedanke, ein recht erstaunlicher Umstand, wie ich finde. Denn eigentlich ist er doch recht naheliegend, bedenkt man, dass er einstmals dieses Volk aus versklavten Elben züchtete und verdarb. Ebenso erstaunlich jedoch war der Umstand, dass solche Kreuzungen nahezu unmöglich schienen. Die Geschichte der Herrin Celebrían war kein Einzelfall, bei weitem nicht. Allein schon deine Existenz zeigt dies. Und dennoch hat man niemals zuvor etwas von Hybridwesen wie uns gehört. Warum also? Diese Frage kann ich bis heute nicht beantworten, und vielleicht konnte es auch mein Meister nicht. Denn selbst er, welcher der dunklen Künste kundig war, wie wohl nur sein Meister vor ihm, bedurfte viele Jahre des Experimentierens und zahllose wertlose Fehlversuche, bis er mich zum Leben hatte erwecken können. Nach mir hatte es keinen weiteren auch nur näherungsweise vergleichbaren Erfolg gegeben."
Mit einem Male durchströmte Earenis ein sonderbares Gefühl, das sie einfach nicht näher benennen konnte. „Also dürfte es uns beide gar nicht geben", schloss sie zaghaft.
„Zumindest gibt es uns, und ohnehin war vieles, das mein Meister getan hatte, gegen den Willen der Valar", sagte Ghâshburz. „Daher spielt es wohl keine Rolle, ob es uns geben darf oder nicht. Fakt ist, dass wir existieren. Und dies sollten wir feiern, finde ich."
Mit einem Lächeln hob er einen Weinkelch und prostete ihr zu.
