Intermezzo: Horce Slughorn


Harriet Potter sieht aus wie ihre Mutter und hat die Augen ihres Vaters. Dies sind die offensichtlichsten Tatsachen, die einem auffallen, wenn man sie kennenlernt. Sie hat aber auch die Persönlichkeit ihrer Mutter geerbt, was weniger offensichtlich ist, bis man sie besser kennenlernt.

Nun Lily Evans war immer eine meiner Lieblingsschülerinnen, sie war strebsam, aufmerksam, gütig, gerecht. Wenn sie eine Ungerechtigkeit sah, dann konnte sie nicht einfach still daneben sitzen, nein, sie musste einschreiten. Und nun soll ich ihrer Tochter, die diese Eigenschaft mit ihr teilt, meine größte Schande zeigen? Ihr das eine übergeben, das mich in ihren Augen für immer als aufrechten Menschen disqualifizieren wird?

Nein, nein, das kann ich nicht tun. Alles, aber das nicht. Ich habe Jahre gebraucht um jede über das Normale hinausgehende Verbindung, die ich zu Tom Riddle hatte, auszulöschen. Ich habe alle Beweise dafür vernichtet, die mir unter gekommen sind, alle Beweise, bis auf den unauslöschlichen – meine eigene Erinnerung daran. Und wenn ich es gekonnt hätte, oh, dann hätte ich auch diesen Beweis vernichtet. Doch Gedächtniszauber sind unglaublich kompliziert und überaus gefährlich. Wenn man auch nur einen kleinen Fehler macht, dann wird das Gehirn für immer zerstört. Ist es da wirklich verwunderlich, dass ich letztlich doch nicht zu diesem Mittel gegriffen habe?

Als Dumbledore zu mir kam und meine Erinnerung wollte, da konnte ich ihm nicht das geben, was wirklich passiert war. Denn meine Schande war zu groß. Die meisten anderen schämten sich ebenfalls. Viele Lehrer haben den jungen Tom Riddle gefördert, viele haben erwartet, dass er eines Tage großes vollbringen würde. Wir konnten doch damals nicht ahnen, dass er sich als verrückter Mörder entpuppen würde. Doch dieser eine Moment mit ihm, dieser eine Moment lieferte mir einen frühen Hinweis darauf. Als Einziger an der ganzen Schule wusste ich vielleicht die Wahrheit über Tom Riddle: dass in ihm eine Dunkelheit war, die alle anderen Dunkelheiten in allen anderen Menschen übertraf. Dass er jemand war, der schon im Teeangeralter daran dachte Leben zu nehmen um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Ich wusste es, wollte es aber nicht wahrhaben, wollte es nicht sehen. Aber ich wusste es. Und das ist der Grund dafür, warum meine Schande um so viel größer ist als die aller anderen.

Ich hatte Jahre Zeit die anderen zu warnen, irgendjemanden zu warnen, und doch tat ich nichts. Ich tat nichts, weil ich dachte, es wäre nur ein Gedankenspiel gewesen. Weil ich dachte, dass Tom Riddle, dieser geniale liebenswerte Junge doch nicht wirklich in Betracht ziehen könnte so eine Abscheulichkeit zu begehen.

Um ehrlich zu sein, er war nicht der erste meiner Schüler, der mich nach Horcruxen fragte, und auch nicht der letzte, aber seine Reaktion und der Hintergrund zu seiner Frage, die waren es, die ihn von allen anderen unterschieden. Der Gedanke daran einen anderen Menschen zu töten schreckte die meisten ab, ihn jedoch nicht. Nein, er ging noch viel weiter. Für ihn war der Gedanke daran ein Leben zu nehmen nicht erschreckend genug um nicht weiter zu überlegen, ob er nicht in Wahrheit mehr als nur ein Leben nehmen könnte.

In seiner Karriere als Lehrer erhascht man selten den Blick auf das absolute Böse, doch in diesem einen Moment, glaube ich, widerfuhr mir genau das. Und er erschreckte mich, und doch zog ich es vor seinen Ausreden Glauben zu schenken. Es zu vergessen, vorzugeben es wäre niemals geschehen.

Doch es war geschehen, und ich verdrängte es. Schwieg darüber. Selbst noch nach dem Tod der Potters schwieg ich noch, und wenn jemand damals hätte ahnen müssen, dass er zurückkehren würde, dann war doch wohl ich es. Aber trotzdem schwieg ich weiter. Ich schwieg lange genug um ihm zu ermöglichen zurückzukehren und der Tochter von Lily Evans erneut Leid anzutun.

Und nun soll ich von allen Menschen ausgerechnet ihr das alles gestehen? Dieser Tochter, die ihrer Mutter so sehr ähnelt? Als wäre es nichts besonderes, als wäre es keine unaussprechliche Sünde? Als wäre mein Schweigen bisher und meine Reaktion damals nicht das, was mich zu seinem schlimmsten Komplizen gemacht hätte?

Nein, ich will nicht, dass dieses Mädchen mich mit diesem Wissen ansieht. Ich habe nicht viele Wünsche, nur diesen einen, und den kann doch wohl jeder nachvollziehen.

Oder etwa nicht?


A/N: Ein richtiges Kapitel gibt es das nächste Mal wieder.

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