Als ich mich Stiefelriemen Bills früherem Zuhause näherte, wirkte die Hütte auf den ersten Blick hin verlassen. Zwar wurde das Gebäude noch gut instand gehalten, doch die Fensterscheiben waren auffallend staubig. Hier und da wuchs Unkraut an den Wänden empor.

Ungewöhnlich war jedoch, daß die Luft nach Rauch roch - und dieser kam sicherlich nicht aus dem Kamin, auch nicht aus einem der umliegenden Häuser. Bemüht, leise aufzutreten, folgte ich dem Geruch in den Hinterhof.

Jack hockte auf einem kleinen Baumstamm neben dem alten Geräteschuppen, halb von einem Stapel Feuerholz verborgen. Becketts Hut saß ziemlich schief auf seinem Kopf. Der Boden um ihn herum war bedeckt von unzähligen rotbraunen Federn, welche vereinzelte Windstöße vor sich hertrieben oder durch die Luft wirbelten. Und vor meinem Bruder, in einem Kreis aus faustgroßen Steinen, leuchtete ein erst vor kurzem entzündetes Lagerfeuer. Das Huhn war bereits halb gerupft.

Ich stöhnte ungläubig. „Jack! Du willst Daggets Huhn essen?!"

Er warf mir einen flüchtigen, aber bedeutend gelassenen Seitenblick zu. „Was'n sonst? Ohne Kissen schlafen geht, aber ohne Essen satt werden nicht."

Mit dieser Feststellung hatte er allerdings recht. Daher schwieg ich einen Moment, ehe ich ihm offenbarte: „Lord Beckett war bei mir. Er sagte, du hast ihn bestohlen."

„Ja?" Mein Bruder zeigte sich reichlich unbeeindruckt. Eine weitere Handvoll Federn flog an mir vorbei.

„Du hast seinen Wappenring und seinen Sonntagshut, und jetzt noch das Huhn von Mr. Dagget! Hast du dazu gar nichts zu sagen?"

Erneut sah er kaum von seiner Arbeit auf.

„Ups …"

„Jack!" Ich wollte gerade laut werden, doch ein Tritt, den das Baby in meinem Bauch mir wie zur Warnung verpaßte, hielt mich davon ab. „Ist dir eigentlich klar, was du uns damit antust? Du hast gesagt, du wolltest dein Leben in Ordnung bringen, und jetzt hast du alles nur noch schlimmer gemacht! Du hast in einer einzigen Nacht so viel verbrochen, daß Lord Beckett dich dafür hängen lassen kann!"

Seelenruhig legte Jack das Huhn zur Seite, schob mit dem Zeigefinger den viel zu großen Hut ein Stück höher und musterte mich.

„Tori, ich bring mein Leben in Ordnung. Nur eben auf meine Weise. Klar soweit?"

„Gar nichts ist klar", beschwerte ich mich aufgebracht. „Zwei Männer wollen dich anzeigen, Jack!"

„Anzeigen heißt nicht, daß sie mich erwischen", erklärte er mit einem selbstgefälligem Grinsen. „Die Becketts sind Hornochsen und Dagget hat eigentlich gar keinen Grund sich aufzuregen!"

Verständnislos starrte ich ihn an. „Du hattest ihm damals versprochen, dich nie wieder an seinen Hühnern zu vergreifen."

„Und ich hab mich dran gehalten." Jacks Grinsen wurde immer breiter, als er auf das halbnackte Federbündel deutete. „Das da is' nämlich ein Hahn!"

Nun mußte ich, wenn auch etwas hilflos, lachen. Kopfschüttelnd ließ ich mich neben ihm auf dem Baumstamm nieder.

„Hör mal, ich bin schon oft für dich in die Bresche gesprungen, aber das geht eindeutig zu weit! Bei so etwas kann ich dir nicht mehr helfen, Jack, beim besten Willen nicht!"

„Mußt du auch nicht."

Überrascht wandte ich den Kopf.

„Du hast bald deine eigene Familie", fuhr mein Bruder wie selbstverständlich fort, „und mußt dich dann um sie kümmern. Ich komm auch so klar, keine Angst."

Meine Überraschung wich nun absoluter Sprachlosigkeit. Langsam dämmerte es mir, daß all diese Diebstähle und seine Flucht nicht etwa kopflose Entscheidungen, sondern genau von Jack geplant waren. Fast kam es mir vor, als würde das züngelnde Feuer, das sich in seinen Augen widerspiegelte, aus seinem Inneren kommen.

„Wo willst du hin?" fragte ich ihn schließlich leise.

„Aufs Meer." Seine Antwort war ebenfalls ein Flüstern. Und etwas lauter: „Da finden die mich nie."

Langsam, nachdenklich, nickte ich.

„Ich versteh was du meinst." Nach weiterem Überlegen stand ich abrupt von dem Holzstamm auf. „Dann iß erst mal in Ruhe. Aber paß auf, daß der Rauch nicht zu hoch steigt, sonst wirst du doch noch erwischt. Ich werd inzwischen zum Hafen gehen und mich ein bißchen umhören."

Dank meiner früheren Kontakte zu Bill Turner und seinen Bekannten gelang es mir relativ schnell, durch einige Stammgäste desCuttles Informationen über die Schiffe einzuholen, die in Port Royal vor Anker lagen und in den nächsten Tagen auslaufen würden. Eines von ihnen, ein Handelsschiff namens Aurelia, sollte am folgenden Morgen in See stechen.

Trotz der guten Nachricht ließ ich mir Zeit, Jack diese zu überbringen. Stattdessen suchte ich Ruhe in jenem Park, in dem David einst um meine Hand angehalten hatte. Obwohl es Jacks eigene Entscheidung war, ging mir der Gedanke, daß ich meinen kleinen Bruder quasi dem Schicksal überließ, nicht mehr aus dem Kopf. Allein die Vorstellung, mit ihm nicht mehr in derselben Stadt zu leben, tat mir weh. Doch gleichzeitig wußte ich auch, daß es für eine andere Lösung längst zu spät war.

Schon vor seiner Geburt hatten die Menschen, die von Mutters unehelicher Schwangerschaft wußten, Jack deswegen verachtet. Und vielleicht gerade weil Port Royal eine turbulente Hafenstadt war, wurde es hier ebenfalls nicht besser. Es sei denn, man hatte einen Namen wie Lord Beckett oder erarbeitete sich seinen Ruf, so wie die Claytons es gemacht hatten.

Jacks letzte Chance war auf einen Schlag wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Dies würde seine zweite sein. Ein Neuanfang, eine neue Welt, wo niemand seine anrüchige Herkunft kannte. Meine Aufgabe dabei war lediglich, die Tür zu dieser Welt zu finden - und meinem Bruder den Schlüssel dazu, die Informationen, zu geben. Doch die Tür aufschließen und hindurchgehen mußte er selbst.

Nur widerwillig riß ich meinen Blick von den Schwänen los, erhob mich zögernd von der Bank. Mir war klar geworden, daß uns ein Abschied bevorstand. Ein Abschied von vielen … und eine lange Trennung.

Ich hatte Jack zum letzten Mal geholfen - der Rest lag bei ihm …