Carpe Noctem

by CarpeDiem

"Was tue ich, wenn ich erwache,

und erkennen muss,

dass ich unrecht hatte.

"Verzeihung"

scheint das schwierigste Wort zu sein."

# 24 #


Der kleine Raum hatte sich nach und nach mit einem schweren Duft nach Lavendel gefüllt, der sich wie durchsichtiger Nebel in der Luft hielt. Sanfte Schwaden aus gräulichem Rauch stiegen aus der kleinen Keramikschale und durchsetzten den nur schwach erleuchteten Raum. Bei jedem von Harrys gleichmäßigen Atemzügen hob und senkte sich seine Brust, und der allgegenwärtige Geruch nach Lavendel füllte seine Lungen. Zu Beginn hatte ihn dieser intensive Duft irritiert und gestört, aber mittlerweile hatte er ihn als einen Bestandteil der Luft akzeptiert und nahm ihn nicht mehr bewusst wahr.

Doch auch wenn der Rauch des Pulvers nun für ihn geruchlos erschien, änderte das nichts an der Tatsache, dass er immer noch vorhanden war und Harry ihn unaufhörlich einatmete. Der Rauch legte sich um seine Sinne, ließ sein Denken immer mehr zum Erliegen kommen und seinen Körper bleiern und schwer werden.

Seine Haltung hatte sich nicht geändert seit Anastasia die Tür hinter sich geschlossen hatte, aber wie lange das nun schon zurück lag, hätte er nicht sagen können. Jegliches Zeitgefühl hatte sich zusammen mit dem Rest seines bewussten Denkens bereits verabschiedet. Er saß immer noch im Schneidersitz in der Mitte der neun blauen Kissen, die Hände auf seinen Oberschenkeln, und das einzige was er noch wahrnahm, war eine unsägliche Ruhe.

Er hatte mit seiner Meditation begonnen, wie er es immer tat, zuerst war er sich seines Körpers bewusst geworden, hatte ihn zur Ruhe angehalten und sich schließlich darauf konzentriert an nichts mehr zu denken und seinen Mittelpunkt zu finden. Einige dieser Punkte hatte er unbewusst übersprungen und es war, als würde der Rauch ihm helfen sich tiefer zu versenken, als er es je getan hatte. Doch je mehr er sich fallen ließ, desto mehr wurde ihm diese schwarze Leere bewusst, die er spürte. Sie war nichts Bedrohliches, im Gegenteil, es war ein Ort größter Ruhe und Entspannung, sein wahrer Mittelpunkt, den er bis jetzt nur noch nie zuvor erreicht hatte.

Doch er spürte auch immer deutlicher, wie begrenzt diese Leere war, dass sie keinesfalls unendlich war, wie er zuerst gedacht hatte, sondern ringsherum an Mauern stieß, die sich nicht überwinden ließen. Kurz darauf bemerkte er bereits wie Eng diese Mauern waren. Er war eingezwängt, aber er spürte deutlich, dass da noch mehr sein musste. Es gelang ihm jedoch nicht eine dieser Mauern zu überwinden, er stieß nur gegen sie und fühlte sie nach jedem Zusammenstoß nur noch eingeengter. Wie ein wildes Tier, das man in einen Käfig gesperrt hatte. Harry lief mit aller Macht gegen diese Mauern an und versuchte sich zu sprengen, doch sie wehrten sich verbissen gegen all seine Versuche, so als würde sie ahnen was Harry vorhatte. Und dann, mit einem Mal, gelang es ihm. Die Mauern gaben nach und er spürte ein Kribbeln, das langsam durch jede seiner Adern kroch und sich in seinem ganzen Körper ausbreitete. Es war als spürte er die Magie, die in jeder Zelle seines Körpers präsent war und es war ein faszinierendes Gefühl, das Harry bis jetzt überhaupt nicht bewusst gewesen war.

Doch dann wurde dieses Gefühl ganz plötzlich mit erschreckender Geschwindigkeit stärker und mächtiger und Harry konnte es nicht mehr kontrollieren. Es ergriff Besitzt von ihm, eine unvorstellbare Macht schwappte wie eine gigantische Flutwelle über ihn hinweg und riss alles mit sich, was sie zu fassen bekam. Sein Geist konnte dem nicht standhalten und dehnte sich mit einem Mal weiter und weiter aus.

Er war nicht in der Lage es aufzuhalten. Mit wachsender Panik entglitt ihm sein Geist immer mehr, entfernte sich immer weiter und ein Schmerz, der jede Faser seines Körpers in Brand setzte, überflutete ihn. Das alles ging so rasend schnell, dass er machtlos gewesen war. Mit aller Macht versuchte er sich zu konzentrieren, aber der Schmerz steigerte sich ins Unerträgliche. Er wusste nur eins, wenn es ihm nicht gelang diese Welle aus roher Magie aufzuhalten, würde er sterben. Verzweifelt kämpfte er dagegen an, versuchte sie mit der Kraft seines Willens aufzuhalten und zurück in ihre Schranken zu verweisen. Sein Körper hatte begonnen zu zittern, doch das bemerkte Harry nicht, er konzentrierte sich mit aller Macht darauf diese zerstörerische Magie zu kontrollieren. Er spürte, dass seine Bemühungen einen gewissen Erfolg hatte, aber er schaffte es nicht gänzlich die Kontrolle zu bekommen, doch dann, mit einer letzten, verzweifelten Aufbäumen gelang es ihm.

Das Zittern seines Körpers kam zum Erliegen und der Schmerz verblasste mit einem Mal im Nichts. Die Mauern waren wieder da, aber dieses Mal waren es Mauern, die er selbst errichtet hatte und er nahm sie nicht als beengtes Gefängnis wahr, sonder als schützenden Hafen. Er spürte immer noch diese Magie, die durch seine Adern floss, und ihn höchst wahrscheinlich schon immer durchströmt hatte, aber erst jetzt war er sich ihrer bewusst und nahm sie wahr. Er spürte sie in jeder Zelle seines Körpers, aber es war nicht mehr diese unvorstellbare Macht, die gedroht hatte ihn zu vernichten. Sie war nun friedlich und ordnete sich ihm unter. Diese rohe Gewalt lauerte noch immer unter der Oberfläche, doch nun kontrollierte er sie. Er fühlte sich mächtig, als könne er alles tun, und es war ein Gefühl, das einfach unmöglich zu beschreiben war. Dennoch spürte er weiterhin einen Widerstand in seinem Bewusstsein, der sich genauso anfühlte wie die Mauern die er zuvor zum Nachgeben gezwungen hatte, doch dieser Widerstand verblasste immer mehr und schon einen Augenblick darauf, konnte Harry ihn nicht mehr wahrnehmen.

Er wusste jetzt, was man versucht hatte ihm klar zu machen. Diese Magie war in jedem Zauberer verborgen, kontrolliert vom Unterbewusstsein, das diese Macht langsam über die Jahre hinweg und mit dem Grad an Kontrolle frei gab. Das Ausmaß der Magie, die in einem selbst verborgen war, konnte man nicht wahrnehmen und man ahnte nicht, dass sie existierte.

Harry hatte jedoch gerade eben bewusst nach dieser Magie gesucht, und irgendetwas hatte dafür gesorgt, dass sie mit einem Mal vollkommen unerwartet auf ihn eingeströmt war und beinahe hätte er es nicht geschafft sie zu kontrollieren. Diese Magie war gefährlich und wenn man nicht in der Lage war sie zu kontrollieren, dann brachte sie einen um. Manche Menschen besaßen die Stärke diese Magie vom Beginn ihres Lebens an zu kontrollieren, so wie Dumbledore, aber wer das nicht konnte, sollet mit dem zufrieden sein was er über die Jahre erlangte und besser niemals versuchen mehr zu wollen. Das Mittel, das Anastasia dazu eingesetzt hatte, war unglaublich gefährlich gewesen und Harry wusste nicht, was er zu erst tun sollte, wenn sie wieder zurückkam, sich bedanken, oder sie anschreien, immerhin hätte ihn ihr kleiner Versuch beinahe umgebracht.

Doch er schob diese Gedanken bei Seite und genoss für den Moment die Magie, die ihn durchströmte. Sie vermittelte ihm nun ein Gefühl von Sicherheit und Stärke. Er war sich sicher sie unter Kontrolle zu haben, und langsam versuchte er erneut sich über die Mauern hinweg zu setzen. Dazu streckte er bewusst seinen Geist aus, sandte diese unglaubliche Magie aus, und etwas Seltsames geschah. Der Raum um ihn herum begann Gestalt anzunehmen. Nicht so, als würde er ihn mit den Augen sehen - das konnte er auch gar nicht, sie waren schließlich immer noch fest geschlossen - aber er spürte förmlich seine Umgebung. Er nahm die Magie in der Luft um ihn herum wahr, in den Wänden des Zimmers, in einfach allem, und es war als würde er das erste Mal in seinem Leben wirklich sehen.

# # #

Arion verlor die Zeile, die er gerade gelesen hatte, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm, die ihn für einen Augenblick von seiner Zeitung ablenkte; gerade lange genug, um das Wort, das er gelesen hatte, aus den Augen zu verlieren. Für gewöhnlich reagierte er nicht auf die Welt, die sich im Eberkopf um ihn herum befand und war vollkommen zufrieden damit seinen Propheten zu lesen, ohne sich um seine Umgebung zu kümmern, aber diese Bewegung war von einem Schweif schwarzer Haare begleitet worden, der Arion eine ungute Vorahnung bescherte.

Noch blieben seine grauen Augen auf die Buchstaben und Zeilen seiner Zeitung gerichtet, aber er starrte sie nur an, ohne ihren Sinn weiterhin zu begreifen.

Dann hatte sie sich doch tatsächlich die Mühe gemacht ihn ausfindig zu machen, und damit wieder einmal in bemerkenswerter Weise ihre Zeit verschwendet. Die Todesser hatten diesen Fehler nicht gemacht, jedenfalls hatte nicht eine der schwarzen Gestalten, die des Nachts durch London streiften, den sinnlosen Versuch unternommen mit ihm in Kontakt zu treten. Und das wollte er ihnen auch weiterhin raten. Sollte eine dieser Marionetten es wagen auch nur das Wort an ihn zu richten, würde er ihn umbringen. Und wenn er daraufhin den Rest seines Lebens in Askaban verbringen durfte, dann sollte es ihm Recht sein, er hatte nichts mehr, was er zu verlieren fürchtete. Nur noch sein Gewissen war ihm geblieben, und das würde er in diesem Fall noch nicht einmal mit der Seele eines Unschuldigen belasten.

Mit Anastasia Gray hingegen wollte er nicht so hart ins Gericht gehen. Sollte sie ruhig ihre Zeit an ihm verschwenden, wenn es ihr beliebte. Er jedenfalls hatte gelernt, dass die Welt am angenehmsten sein konnte, wenn man gewisse Dinge nun mal einfach ignorierte. Anastasia war eines von diesen Dingen. Es war wohl noch nicht bis zu ihr durchgedrungen, dass er nichts weiter war, als ein alter Mann, der nichts weiter wollte, als seine Ruhe vor dem Rest der Welt.

Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, er hatte sich gefragt, wer wohl zuerst versuchen würde ihn auf seine Seite zu ziehen, wo auch immer Anastasias Seite im Moment sein mochte. Er musste zugeben er hatte auf die Todesser gesetzt. Zwar hatte Voldemort nie mehr einen Versuch gemacht ihn zurück zu holen, aber wer wusste schon was dieser Wahnsinnige für kranke Pläne verfolgte.

Arion ließ die Zeitung knisternd auf den Tisch fallen, fuhr sich mit einer Hand durch die kurzen, silbergrauen Haare, die in alle Richtungen abstanden, und hob dabei den Kopf, um sich seinen ungebetenen Gast endlich anzusehen. Er hatte mit seiner Vermutung keineswegs falsch gelegen, und während er sich mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl zurücklehnte, musterte er sein Gegenüber mit schmalen Augen.

Anastasia Gray hatte sich in all der Zeit, in der ihm ihr Anblick erspart geblieben war, nicht im Mindesten verändert. Sie war immer noch genauso unbegreiflich schön wie damals, wenn nicht sogar noch schöner, was wohl auf die Tatsache zurück zu führen war, dass sie ihr Serum nicht mehr nahm. Er wusste alles über diesen Vampir, schließlich war er es gewesen, der herausgefunden hatte, was sie war. Unter ihren Augen waren kaum sichtbare Ringe zu sehen, die sie nicht gehabt hätte, wenn sie regelmäßig jeden Tag Nahrung zu sich nehmen würde. Demnach mussten auch ihre Sinne um einiges schärfer sein, als damals, und Arion fand es zu schade, dass er das Rauchen aufgegeben hatte. Es hätte ihm nur allzu großen Spaß gemacht ihr eine Wolke des kalten, trockenen Rauches ins Gesicht zu blasen.

Er kannte einige Menschen, die töten würden, um der Zeit zu entrinnen, aber er wusste, dass Anastasia es wie alle Vampire als einen Fluch ansah nicht oder kaum zu Altern, während alles um sie herum einem ständigen Wandel unterworfen war. Zweifellos musste sein Aussehen für sie äußerst befremdlich wirken. Er war alt geworden und er wurde jeden Tag nur noch älter. Doch was sie wohl am deutlichsten an ihm störte, waren vermutlich seine Haare. Seine einst langen, braunen Haare, die er wie kostbare Seidenfäden gehütet hatte. Aber mit dem Alter waren viele Veränderungen gekommen und eine davon war nun mal gewesen, dass seine langen, braunen Haare silbern geworden waren, und er hatte kein Verlangen danach gehabt, auszusehen wie Dumbledore. Egal welcher von beiden.

Vor Anastasia auf dem Tisch stand ein kleines Glas Blutwein und die tiefrote Flüssigkeit stand im auffallenden Kontrast zu seinem eigenen Glas Milch. Er fragte sich wie viel Anastasia wohl bezahlt hatte, damit Aberforth eine Flasche davon heraus gerückt hatte. Das Ministerium hatte dieses Gemisch, das mehr Blut als Wein war, schon vor Jahren verboten, aber es war kaum zu erwarten gewesen, dass sich irgendjemand an dieses Gesetz hielt. Es hielt sich ohnehin niemand an die Gesetze des Ministeriums.

Er fragte sich darüber hinaus was für Anastasia so wichtig sein konnte, dass sie ihm persönlich unter die Augen trat, nach allem was sie ihm vorgeworfen hatte getan zu haben - oder genauer genommen, nicht getan zu haben. Er erinnerte sich noch lebhaft daran, dass sie selbst gar nichts getan hatte, und sich wieder einmal nur über all die Dinge, von denen sie rein gar nichts verstand, aufgeregt hatte.

„Was willst du hier?", fragte Arion und er brauchte sich dabei nicht einmal die Mühe zu machen eine Maske aus Kälte und Ungerührtheit über sein Gesicht zu legen. So etwas hatte er nicht nötig.

Über Anastasias Gesicht glitt ein wunderschönes Grinsen, ganz so, als sei sie erfreut darüber, dass er nicht sofort aufgestanden und gegangen war. Sie hätte eigentlich wissen sollen, dass seine Neugier über seine Abneigung ihr gegenüber siegen würde.

Sie hob das Glas an ihre Lippen und leerte es zur Hälfte, bevor sie es wieder abstellte. Ein rötlicher Schimmer benetzte ihre Lippen und sie ließ genüsslich ihre Zunge darüber gleiten.

„Ach, ich war nur hier um etwas zu trinken, als ich dich hier sitzen sah, und da dachte ich mir, um der alten Zeiten willen…"

„Lügnerin", unterbrach Arion sie trocken. Er hatte nicht die geringste Lust auch noch Spielchen mit ihr zu spielen, und am besten ließ er sie gar nicht erst damit anfangen.

Anastasia sah ihm einen Moment lang in die Augen. Anscheinend überlegte sie, ob sie das Spiel weiter spielen sollte, doch dann senkte sie die Lieder und verzog leicht die Lippen. Ein Zeichen des Entgegenkommens.

„Ich habe Aberforth gebeten mir eine Eule zu schicken, wenn du das nächste Mal hier sein würdest. Ich will mit dir reden."

Also wollte sie doch nur versuchen ihn zu etwas zu überreden an dem er mit Sicherheit kein Interesse hatte. Diese Zeitverschwendung konnte er ihr, und auch sich selbst genauso gut ersparen. Er lehnte sich nach vorne und machte Anstalten aufzustehen, doch bevor er auf den Beinen war, versuchte Anastasia bereits ihn aufzuhalten.

„Arion warte… bitte."

Dieses eine Wort ließ Arion innehalten. Egal was sie zu sagen hatte, es musste für sie sehr wichtig sein, wenn sie sich sogar dazu herabließ ihn zu bitten ihr zuzuhören. Normalerweise stieß sie zuerst Drohungen aus, bevor eine Bitte über ihre Lippen kam.

Arion hob den Blick und sah Anastasia an, doch was er sah war nicht das, was er erwartet hatte zu sehen. Sie hielt ein schmutziges, goldenes Medaillon, das an einer Kette über dem Tisch zwischen ihnen baumelte, in der Hand, und beobachtete ihn erwartungsvoll.

Graue Augen starrten das Schmuckstück mit unverhohlener Überraschung an, und nach einigen Sekunden ließ sich Arion langsam wieder auf seinen Stuhl fallen.

„Woher hast du das?", fragte er eindringlich, doch er kannte die Antwort bereits.

Anastasia sah ihn an, wohlwissend, dass er genau wusste, woher sie das hatte. „Aus einer Höhle an der südenglischen Küste. Harry Potter und Albus haben es dort vor einem halben Jahr gefunden. Deinem Gesichtsausdruck nach zu schließen bist du überrascht, dass es Albus gelungen ist, das hier zu finden. Dir hätte klar sein müssen, dass auch andere in der Lage sein würden hinter sein Geheimnis zu kommen."

Arion starrte das Medaillon an, unfähig seinen Blick davon zu lösen. Er fühlte sich mit einem Mal um Jahre in der Zeit zurück versetzt, in die letzten Monate, in denen er Voldemort noch scheinbar treu als der ergebenste seiner Todesser zur Seite gestanden hatte. Doch zu dieser Zeit hatte er bereits an ihm gezweifelt, und in dem beginnenden Kreuzzug gegen alle Muggel und Schlammblüter die perversen Vorstellungen eines Verrückten erkannt. Wie weit Voldemort jedoch bereits dem Wahnsinn verfallen war, war ihm erst klar geworden, als Regulus Black auf das größte Geheimnis des Dunklen Lords gestoßen war, und ihm davon erzählt hatte. Voldemort hatte den alten Hauselfen der Blacks unterschätzt, als er ihn dazu benutzt hatte das Medaillon in der Höhle zu verstecken, und dieser hatte seinem Herren davon erzählt. Regulus wiederrum hatte es mit der Angst zu tun bekommen und sich Arion anvertraut, bevor er geflohen war. Der Narr hatte es keine drei Tage lang geschafft, den Todessern aus dem Weg zu gehen. Voldemort hatte diesem Krieg seine Seele geopfert, und einen Horkrux erschaffen. Wirklich geglaubt hatte Arion das jedoch erst, als er das Medaillon von Slytherin schließlich mit seinen eigenen Augen in der steinernen Schale gesehen hatte.

Das Medaillon war der erschreckender Beweis dafür wie weit Voldemort bereit war zu gehen, und auf diesem Weg konnte und wollte Arion ihm nicht länger folgen. Er hatte den Horkrux zerstört und Voldemort eben jenes Medaillon, das Anastasia immer noch in der Hand hielt, zurückgelassen, versehen mit einer Nachricht, die ihm mitteilen sollte, wer es gewesen war, dem er seine nun wiedererlangte Sterblichkeit zu verdanken hatte. Arion hatte damit gerechnet, dass Voldemort ihn töten würde, nachdem er ihm den Rücken gekehrt hatte, kein Todesser - auch wenn er sich selbst nie so bezeichnet hatte - der sich von ihm abgewandt hatte, war noch am Leben. Doch Voldemort hatte ihn gehen lassen, seinen alten Freund, und Arion hatte seit diesem Tag darauf gewartet, dass Voldemort irgendwann diese Nachricht finden und kommen würde, um mit ihm abzurechnen. Wenn nicht vorher jemand mit ihm abrechnete. Und genau das war kein halbes Jahr darauf passiert. Doch Voldemort war nicht vernichtet worden, er war zurück gekommen.

Ein grimmiger Ausdruck überzog Arions Gesicht. Er wusste bis heute nicht wie er es angestellt hatte von den Toten aufzuerstehen, und dieses Rätsel würde er wohl niemals lüften.

„Ich mag hinter sein Geheimnis gekommen sein, aber es ist ihm dennoch gelungen den Tod zu überlisten und zurückzukommen."

Das war eine Tatsache, mehr nicht, aber ihn beschlich langsam die Ahnung, dass Anastasia mehr wusste, als er selbst. Vermutlich hatte sie das Dumbledore zu verdanken.

„Weil dir ein Fehler unterlaufen ist, von dem ich eigentlich geglaubt hatte, dass er gerade dir nicht unterlaufen würde", antwortete Anastasia unbarmherzig und ließ das Medaillon auf den Tisch sinken, wo sie es auf dem dunklen Holz umgeben von den Gliedern der goldenen Kette liegen ließ.

Zwei silberne Augenbrauen hoben sich erwartungsvoll in die Höhe.

„Erleuchte mich."

„Du hast ihn wie so viele andere auch unterschätzt."

Mit einer Bewegung, so schnell, dass die grauen Augen ihr nicht hatten folgen können, lag Anastasias Hand wieder auf dem Tisch und hielt wie aus dem Nichts ein weiteres Medaillon in der Handfläche. Arion erkannte es sofort, nicht nur an der tiefen Einkerbung, die sich durch das Metall zog, die Einkerbung, die es ihm zu verdanken hatte. Die kleinen, grünen Steine, die sich zum Zeichen Salazar Slytherins zusammenfügten, hätte er überall wieder erkannt.

Er hob den Kopf, als Anastasia seinen Namen sagte, und als er direkt in ihre hellen, blauen Augen blickte, wusste er, dass sie tatsächlich mehr wusste, als er, und nicht nur hoch pokerte.

„Das hier war nicht der Einzige."

„Wie meinst du das?", fragte er tonlos. Die Worte hatten ihn zwar erreicht, und er hatte ihre Bedeutung zweifellos verstanden, trotz des Lärms in der Kneipe, aber sein Verstand sah sich außer Stande den einzig möglichen Schluss zu akzeptieren.

Anastasias legte das Medaillon auf den Tisch und ihre Stimme war gedämpft, als sie weiter sprach, und sie sprach jedes ihrer Worte äußerst umsichtig aus.

„Er ist weiter gegangen auf dem Weg zur Unsterblichkeit als jeder andere vor ihm. Albus hat vermutet, dass er seine Seele in nicht weniger als sieben Stücke gerissen hat, aber sicher können wir uns dessen natürlich nicht sein."

Arion konnte kaum glauben, was er gerade gehört hatte, aber so unglaublich es sich auch anhörte, er wusste, dass es die Wahrheit war. Seine grauen Augen starrten blicklos auf die Maserung des Holztisches, während sein Verstand langsam die gesamte Bedeutung dieser Wahrheit erfasste.

„Was hat er nur getan", sagte er leise und Mitleid war gleichsam wie Abscheu in seiner Stimme zu hören. „Gott möge ihm auch diese Taten niemals verzeihen."

Wie er es nicht anders erwartet hatte, hörte er von Anastasia ein spöttisches Lachen, gerade laut genug, dass er es hören konnte. Für sie mussten diese Worte wie die reinste Blasphemie klingen, und auch für ihn selbst klagen sie genau genommen nicht viel anders.

„Wenn es einen Gott gibt, dann wird er das gewisse nicht tun", meinte Anastasia abfällig und der Spott färbte ihre Stimme pechschwarz.

Arion wappnete sich bereits für weitere Kommentare dieser Art, auf die er im Moment eindeutig verzichten konnte, und nahm sich vor nicht darauf zu reagieren. Er wusste nicht ob es einen Gott gab, aber wenn, dann sollte er Voldemort für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren lassen. Doch als Anastasia weiter sprach, verblasste der Spott gänzlich, und als Arion ihre mit Bedacht gesprochenen Worte hörte, sah er erstaunt auf.

„Ich bitte dich mir zu verzeihen. Ich habe dir damals Dinge vorgeworfen, von denen ich heute weiß, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen. Du hast nicht tatenlos zugesehen. Im Gegensatz zu mir."

Solche bitteren Worte war er von dem Vampir nicht gewohnt, und ernst gemeinte Entschuldigungen verließen ihre Lippen noch seltener. Und so langsam glaubte Arion eine Ahnung davon zu bekommen weswegen sie hier war. Ihr Gewissen zwang sie dazu diesen Krieg zu führen, aber was auch immer der Grund für ihr Handeln war, Arion wollte damit nichts zu tun haben. Er hatte sein Gewissen schon vor langer Zeit zum Schweigen gebracht.

„Was willst du hier?", fragte Arion und er erinnerte sich daran diese Frage an diesem Abend schon einmal gestellt zu haben, am Anfang ihres Gespräches. Eine Antwort hatte er allerdings bis jetzt noch nicht erhalten. Seiner Meinung nach war es nun an der Zeit die Karten offen auf den Tisch zu legen und diesem Rätselraten ein Ende zu machen.

Anastasia schien das genauso zu sehen, jedenfalls war ihr klar, dass sie so nicht mehr weiter kam. Doch noch zögerte sie offenbar ihm den wahren Grund zu nennen, warum sie ihn ausfindig gemacht hatte. Und das verhieß nichts Gutes.

„Ich will, dass du mir hilfst. Harry Potter ist der Auserwählte und die Prophezeiung besagt, dass er es sein wird, der Voldemort vernichtet. Das kann er jedoch erst tun, wenn alle Horkruxe zerstört sind. Es ist Albus und dir bereits gelungen drei Splitter zu zerstören. Ich glaube zu wissen worin er die Verbliebenen versteckt hat, aber ich habe keine Ahnung wo ich mit der Suche nach ihnen beginnen soll."

Arion sah Anastasia ungeduldig an. „Und inwiefern sollte ich dir dabei behilflich sein?"

Anastasia sah ihn an und der Blick ihrer hellen, blauen Augen war so intensiv, dass Arion ihm nur mit größter Mühe standhalten konnte. Sie meinte ihre Worte todernst, daran gab es keinen Zweifel.

„Ich will, dass du zu Voldemort zurückkehrst und herausfindest wie viele Horkruxe er geschaffen hat und wo die verbliebenen Seelensplitter versteckt sind."

In seinem Gesicht regte sich kein Muskel, während er Anastasia anstarrte, und würde sie ihn nicht immer noch mit diesem ersten Ausdruck in ihren Augen ansehen, dann hätte er laut gelacht. Doch unter diesen Umständen fand er das alles andere als komisch, und ihm war gewiss nicht nach Lachen zu Mute. Wie konnte Anastasia es wagen solche Worte an ihn zu richten und so etwas von ihm zu verlangen! Wäre es jemand anderer gewesen, der dies getan hatte, hätte er ihn als Narren abgetan, aber Anastasia kannte ihn zu gut, als dass er ihr das unterstellen könnte. Sie wusste, was sie mit diesen Worten von ihm verlangte, und genauso gut sollte sie wissen, dass sie so etwas nicht von ihm verlangen konnte! Niemand konnte das. Niemand hatte das Recht so etwas von ihm zu fordern, denn niemand konnte sich vorstellen was er damit tatsächlich von ihm verlangte! Er hatte diesen Teil seines Lebens bereits vor Jahren hinter sich gelassen, und er hatte zu viel Mühe und Zeit darauf verwendet ihm zu entkommen, nur um sich jetzt wieder von ihm einholen zu lassen.

Dass Anastasia es wagte ihn so etwas zu fragen, betrachtete er als Beleidigung, und es machte ihn wütender, als es das eigentlich tun sollte. Er hätte über solch einen Vorschlag lachen müssen und ihn nicht eine Sekunde lang ernst nehmen, bewies er doch nur, dass Anastasia eindeutig den Verstand verloren hatte. Aber aus irgendeinem Grund gelang ihm das nicht.

Trotzdem, solch ein Unterfangen war Selbstmord, und er verspürte kein gesteigertes Verlangen danach sich eines Besseren belehren zu lassen. Er war kein Narr und er hing an seinem Leben, auch wenn man es kaum mehr Leben nennen konnte.

Diesen letzten Gedanken schob Arion so schnell es ihm möglich war in den hintersten Winkeln seines Gehirns. Er hatte diese Entscheidung bereits vor langem getroffen, und er würde sich nicht noch einmal mit ihr quälen. Und auch von Anastasia wollte er kein Wort mehr darüber hören. Sie hatte schon genug angerichtet, ob mit Taten oder mit Untätigkeit.

„Verschwinde", sagte er kalt, ohne Anastasia dabei anzusehen. Er brauchte jedoch nicht einmal aufzusehen um zu wissen, dass Anastasia sich keinen Millimeter bewegt hatte und immer noch auf dem Stuhl ihm gegenüber saß. Er spürte sogar ihren durchdringenden Blick auf sich.

„Arion…", begann sie, doch Arion ließ sie nicht gar nicht erst zu Wort kommen.

„Verschwinde, hab ich gesagt. Geh, oder ich jage dir einen Fluch auf den Hals, den du in deinem Leben nicht vergessen wirst."

Arion starrte sie an und es war Anastasia die den Blick schließlich senkte. Mit enttäuschten und müden Bewegungen streckte sie ihre Finger aus und beförderte das Medaillon von Salazar Slytherin wieder in eine ihrer Taschen. Danach stand sie auf.

„In Ordnung, ich gehe. Aber vorher habe ich dir noch ein paar Worte zu sagen. Danach kannst du mich von mir aus verfluchen, wenn du glaubst, dass du schneller bist als ich, was ich doch zu bezweifeln wage. Egal wie du dich auch entscheiden wirst, bedenke dabei, dass Harry Potter nur aus einem Grund der Auserwählte ist. Weil wir uns der Verantwortung entzogen haben Voldemort aufzuhalten. Ich hoffe du kannst mit dieser Schuld leben - ich kann es nicht."

Ein letztes Mal blickte Anastasia ihn durchdringend an, dann leerte sie das Glas mit dem Rest der blutroten Flüssigkeit, bevor sie sich umdrehte und mit einem Kopfnicken zu Aberforth den Eberkopf verließ.

Arion blieb auf seinem Stuhl sitzen, den Abendpropheten, der immer noch auf dem Tisch lag, längst vergessen. Seine Augen waren auf das Medaillon gerichtet, und im Geiste hörte er die Worte, die er damals auf das kleine Stück Pergament im Inneren geschrieben hatte.

Als sich die Tür hinter Anastasia schloss, und sie durch die kalte Nacht ging, breitete sich langsam ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, während ihre Zunge die Rückstände des Blutweines von ihren Lippen leckte.

Spiel, Faul und Sieg.

# # #

Mit einem kaum hörbaren Geräusch öffnete Anastasia die dunkle Holztür und trat ein paar Schritte in den kleinen Raum. Augenblicklich stieg ihr der schwere Geruch von Lavendel in die Nase, und sie bemühte sich so wenig wie möglich davon einzuatmen. Zusammen mit den anderen Substanzen, die sie dem bläulichen Pulver hinzugefügt hatte, war der Rauch äußerst intensiv geworden. Spürbar beeinflussen konnte er sie zwar nicht, dazu war die Dosis zu gering, aber der Rauch brannte bei jedem Atemzug in ihren Lungen.

Noch immer stiegen feine Rauchfahnen aus der kleinen Schale, aber das Pulver war bereits zum größten Teil verbrannt und zu einer klebrigen, schwarzen Masse geworden.

Sie warf noch, bevor sie die Tür richtig geöffnet hatte, einen Blick auf Harry, und ihre Anspannung fiel erst von ihr ab, als sie ihn immer noch in seine Meditation versunken, scheinbar unbeschadet in der Mitte der neun blauen Kissen sitzen sah.

Sie hatte sich Vorwürfe gemacht, dass sie gezwungen gewesen war den Jungen allein zu lassen, aber es hatte sich nicht vermeiden lassen. Sie hatte sich bemüht so schnell es ihr möglich gewesen war zu Arions Gewissen vorzudringen, und soweit sie das bis jetzt beurteilen konnte, hatte sie damit Erfolg gehabt. Arion war kein Narr, und im Gegensatz zu Voldemort besaß er noch ein Gewissen, das ihm seine Fehler vor Augen führte, egal wie sehr er auch bis jetzt versucht hatte es zum Schweigen zu bringen.

Aber auch wenn es Anastasia widerstrebt hatte, Harry allein zu lassen, so musste sie doch zugeben, dass es nichts gegeben hätte, was sie hätte tun können, um ihn vor dem Tod zu retten, falls er nicht in der Lage gewesen wäre die Magie zu kontrollieren. Dieses Pulver herzustellen war ein Fehler gewesen, das war ihr bereits klar geworden noch während sie begonnen hatte die Ausgangsstoffe zu destillieren. Aber sie hatte keine andere Möglichkeit gesehen. Zwar war es leichtsinnig und gefährlich es zu erzwingen, aber ihnen rann die Zeit durch die Finger. Das einzige was sie hatte tun können war darauf zu vertrauen, dass Albus sich nicht geirrt hatte, und dass sie die Dosis gering genug gehalten hatte.

Doch allem Anschein nach waren ihre Befürchtungen unbegründet gewesen. Es schien dem Jungen gut zu gehen. Er war tief in seine Meditation versunken und abgesehen von dem ruhigen und gleichmäßigem Heben und Senken seiner Brust, saß er vollkommen bewegungslos in der Mitte des Raumes, genau dort, wo sie ihn zurückgelassen hatte. Nicht einmal seine Pupillen bewegten sich unter seinen Liedern, und das konnte nur bedeuten, dass er es entweder bereits geschafft hatte, oder bis jetzt noch nichts geschehen war.

Anastasia beobachtete ihn noch einige Augenblicke wachsam, während sie geräuschlos die Tür ins Schloss gleiten ließ, und kam schließlich zu dem Schluss, dass wohl Letzteres von beidem zutraf. Sie brachte mit einer beiläufigen Handbewegung die verbliebenen Rauchzungen, die vereinzelt aus der Schale aufstiegen, zum erliegen. Ihr Blick blieb weiterhin auf Harry gerichtet.

„Harry?", fragte sie leise in die Stille, doch sie erhielt keine Reaktion. Wäre er bereits in der Lage seinen Geist zu öffnen, hätte er sie wahrnehmen müssen, und selbst wenn er gescheitert war, musste er ihre Worte gehört haben.

Sie starrte den Jungen noch einen Moment lang an, aber dann schloss sie ärgerlich die Augen und presste ihre vollen Lippen zusammen. Es war nicht zu glauben, er war eingeschlafen!

Doch einen Augenblick darauf stellte sich diese Unterstellung als falsch heraus.

„Ich bin nicht eingeschlafen."

Ein Grinsen breitete sich langsam auf Anastasias Gesicht aus. Dann begann sie allmählich um Harry, der seine Augen geschlossen hielt, herum zu gehen.

„Was siehst du?", fragte sie kaum hörbar, als sie ein Mal um ihn herum gegangen war, und die Antwort die er ihr gab, ließ ihr Grinsen noch ein wenig breiter werden.

„Alles."

Anastasia ließ sich vor ihm auf den Boden sinken und nahm die selber Haltung ein in der auch Harry saß.

„Mach die Augen auf."

Es dauerte ein paar Augenblick, bis Harry dieser Aufforderung nachkam, doch dann öffneten sich seine Lieder, und seine Augen fixierten langsam Anastasia. Zwar blieb sein Blick seltsam verklärt, doch er schien seine Umgebung wahrzunehmen.

„Wo warst du?"

Seine Stimme war ruhig und kaum lauter als ein Flüstern, aber er sah Anastasia nun direkt an. Diese schüttelte jedoch den Kopf.

„Noch nicht."

Sie konnte ihm nicht von Arion erzählen, solange er nicht in der Lage war dieses Wissen mit einer starken Okklumentik zu schützen. Zwar war es selbst dann aufgrund der Verbindung, die er zu Voldemort hatte, gefährlich, aber er würde ihren Informationen über die Horkruxe keinen Glauben schenken, wenn er nicht wusste woher sie diese Informationen hatte. Er vertraute ihr, und sie wollte dieses Vertrauen nicht auf die Probe stellen, solange es nicht zwingend notwendig war. Außerdem sollte er nun in der Lage sein seinen Geist zu verschließen und deshalb bestand keine Notwendigkeit ihn im Unklaren zu lassen. Zumindest nicht über diese eine Sache.

Doch bevor sie ihm diese Informationen anvertraute, wollte sie sichergehen, dass es ihm tatsächlich gelang Arions Leben zu schützen, denn er war so gut wie tot, wenn jemand erfahren würde, warum er tatsächlich zu seinem alten Freund zurückgekehrt war. Und dass er zu Voldemort zurückkehren würde, daran bestand für Anastasia kein Zweifel.

„Verschließe deinen Geist", wies sie ihn an, und holte ihren kurzen, schwarzen Zauberstab hervor.

Harry schloss die Augen, und tat was Anastasia gesagt hatte. Es fiel ihm leichter als jemals zuvor diese Mauern um seinen Geist zu errichten, da er im Grunde nur die Mauern, die bereits vorhanden, und die ihm immer noch bewusst waren, verstärkte. Er hatte früher einfach nicht begreifen können, wie er das anstellen sollte, und seine Gedanken zu leeren, hatte ihm dabei auch nicht viel geholfen. Vermutlich wäre es ihm schon irgendwann gelungen seinen Geist zu verschließen, aber es hätte Monate in Anspruch genommen, und er hätte wohl kaum einem stärkeren Angriff standhalten können. Aber jetzt war er sich beinahe sicher, dass er Anastasia davon abhalten konnte in seinen Geist einzudringen.

Er fühlte immer noch die Magie, die durch seine Adern floss und er hoffte, dass dieses Gefühl ihn nicht verlassen würde, wenn die Wirkung des Lavendels verblasste. Er genoss es diese Macht zu fühlen, denn sie gab ihn ein Gefühl von Sicherheit.

Anastasia hob ihren Zauberstab. „Legilimens."

Harry spürte augenblicklich wie etwas gegen seine Mauern drückte und versuchte sie zu durchdringen, doch er hielten dem Angriff bis jetzt ohne weiteres stand. Anastasias Augen waren auf Harry gerichtet, doch sie konzentrierte sich ausschließlich darauf seine Mauern zu durchbrechen, und so nahm sie ihre Umgebung nicht mehr wahr. Es bedarf bereits eines guten Okklimentikers um sie an einem Eindringen zu hindern, und Harry machte seine Sache ausgesprochen gut. Er hatte schnell begriffen, was er mit seiner Magie alles tun konnte, denn bis jetzt war es ihm noch nie zuvor gelungen sie so wie jetzt abzuwehren. Anastasia ging daraufhin auf die Suche nach Schwachstellen und brauchte nicht lange um eine zu finden. Mit einem einzigen gezielten Stoß hatte sie seine Mauer an dieser Stelle durchbrochen, zog sich jedoch gleich darauf aus seinen Gedanken zurück.

Harry hatte die Hände an seine Schläfen gepresst und die Augen schmerzhaft zusammengekniffen, als Anastasias Blick sich wieder klärte. Sie hatte sich so schnell sie konnte zurückgezogen, um ihm keine größeren Schmerzen, als die, die sich nicht hatten vermeiden lassen, zuzufügen, aber sie wusste aus eigener Erfahrung wie schmerzvoll es war, wenn jemand mit Gewalt in die Gedanken eines anderen eindrang. Doch es war nötig gewesen, und das würde es wohl auch noch einige weitere Male sein. Doch für den Augenblick war sie mehr als zufrieden.

„Sehr gut."

Harry fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und versuchte die stechenden Kopfschmerzen zu ignorieren, die aber von Sekunde zu Sekunde leichter zu ertragen wurden. Er hatte es nicht verhindern können, er hatte versagt. Umso überraschte war er, als er Anastasias Worte hörte, und sah auf.

„Okklumentik lernt man nicht von einem Tag auf den anderen, und da bist auch du keine Ausnahme. Aber du hast deine Sache gerade eben sehr gut gemacht, besser, als ich erwartet hatte. Das einzige was dir fehlt ist ein wenig Übung, und dieser Schwäche können wir abhelfen."

Harry nickte und schalt sich gleichzeitig einen Narren. Was bitte hatte er denn erwartet? Er mochte nun in der Lage sein diese Magie zu kontrollieren, aber das hieß noch lange nicht, dass er Voldemort oder auch Anastasia jetzt ebenbürtig war. So verlockend diese neue Stärke auch war, bevor er nicht lernte sie richtig einzusetzen war sie wertlos.

„Nun zu deiner Frage, wo ich gewesen bin", sagte Anastasia, und Harrys Aufmerksamkeit galt nun wieder seiner attraktiven Mentorin. Sie griff in eine Tasche ihres Umhangs und zog das schwere, goldene Medaillon von Salazar Slytherin heraus. Harry betrachtete es mit offenem Mund, während es sich an der angelaufenen Kette drehte.

„Aberforth Dumbledore hat es für mich gefunden. Ich weiß nicht ob es dir bekannt ist, aber er ist der Wirt im Eberkopf in Hogsmeade, und ein ziemlich gerissener Hund noch dazu. Du hattest Recht, dieser Fletcher hat es aus dem Haus deines Paten gestohlen und verkauft. Aber ich muss dich enttäuschen, es war nicht Regulus Black, der Voldemort den Horkrux gestohlen hat, auch wenn er es war, der hinter sein Geheimnis gekommen ist."

Der Junge sah sie erstaunt an, und Anastasia erzählte ihm daraufhin von Arion, seiner Zeit als Todesser, und seinem Verrat. Harry hörte aufmerksam zu, und unterbrach Anastasia kein einziges Mal. Dumbledore hatte Arion mit keinem Wort erwähnt, und es war schwer vorstellbar, dass Voldemort solch eine Schwäche besitzen sollte. Doch der alte Zauberer hatte auch Anastasia niemals erwähnt, und Harry begann sich zu fragen, was er ihm noch alles verschwiegen hatte. Auch vermutete er, dass Dumbledore nach Voldemorts Rückkehr selbst den Versuch unternommen hatte Arion für sich zu gewinnen, doch dieser musste sich geweigert haben, sodass Dumbledore schließlich aufgegeben hatte.

Dieser Arion musste nicht nur verdammt stur, sondern auch ein unheimlich guter Zauberer sein, wenn es ihm gelungen war den Horkrux aus der Höhle zu stehlen, gegen eine Fälschung auszutauschen und ihn zu zerstören. Doch so gut die Absichten hinter diesen Taten auch gewesen sein mochten, er hatte damit Dumbledore zum Tode verurteilt. Hätte Dumbledore gewusst, dass das Medaillon bereits zerstört war, wäre er an diesem Abend nicht zu geschwächt gewesen, um gegen Snape zu kämpfen, und er wäre jetzt noch am Leben, um Harry zu helfen.

Doch das Schicksal hatte anders entschieden.

Schließlich erzählte Anastasia ihm von der Bitte, die sie an diesem Abend an Arion gerichtet hatte, und Harry sah sie zweifelnd an.

„Hat er ja gesagt?"

Daraufhin grinste Anastasia wie es nur ein Vampir konnte.

„Ja - er weiß es nur noch nicht."

tbc.