Hier ist es also doch noch, das letzte Kapitel. Zeitweise habe ich selbst nicht mehr geglaubt, dass ich es noch in einen veröffentlichungsfähigen Zustand bringe. Aber es geschehen noch Zeichen und Wunder. Viel Spaß.
Ach ja, Disclaimer wie immer.
Kapitel fünfundzwanzig
So wurde es früher Nachmittag, ehe sie endlich in dem schmutzig-roten Backsteinreihenhaus mit dem von Neville kunstvoll verwildert-gepflegten Vorgarten ankamen, das den Ordensmitgliedern lange Jahre als Versteck gedient hatte. Ein ganzer Schwarm Eulen flatterte über das Dach, gerade als sie die Gartentür öffneten. Drei Jugendliche an der Straßenecke beobachteten das seltsame Schauspiel mit lautstarken Kommentaren, ihre Skateboards lagen vergessen im Rinnstein, vom angestrengten Nach-oben-Starren waren ihnen sogar die Kapuzen vom Kopf gerutscht; einer machte Fotos mit seinem Handy.
Severus schnaubte missbilligend: „Auffälliger geht's nicht mehr. Wenn die so weitermachen, haben sie bald das ganze Viertel samt Zeitungsfotografen und Fernsehkameras vor der Tür stehen, vom königlichen Tierschutzverein ganz zu schweigen."
Er zog seinen Zauberstab und machte eine schnelle Bewegung in Richtung der drei Jugendlichen. Sofort senkten sich ihre Köpfe und sie tauschten verwirrte Blicke, der Handyfotograph studierte das Display, schüttelte das Gerät und dann seinen Kopf. Sie versteckten sich wieder in ihren Kapuzen und bückten sich zu den Skateboards.
Mit einem grimmigen Schnauben steckte Snape seinen Zauberstab weg, öffnete die Haustür und sie traten in den engen Flur. Die Spuren des vergangenen Abends waren noch offensichtlich: Der abgestandene Geruch nach zu vielen Menschen, Alkohol und gebratenen Zwiebeln, Krümel und Flecke auf dem Fußboden, mehrere leere Gläser und Flaschen auf den Treppenstufen, ein einsamer, leergegessener Teller neben dem Telefon. Brenda seufzte. Aus dem Wohnzimmer tönte Stimmengewirr.
Nach einem kurzen Blickaustausch stieß Severus die Tür auf. Es dauerte einen Moment, bis alle die Neuankömmlinge registriert hatten. Aber dann war die Reaktion umso deutlicher. Gespräche verebbten, neugierige, ungläubige Blicke hefteten sich auf Brenda und ihren Begleiter. Brenda spürte, wie sie rot wurde. Man hatte über sie geredet, der Raum hallte förmlich wider vom Echo des Tratschs.
"Boah, ey!" Ron Weasley brachte seine Gefühle als erster zum Ausdruck und gab damit das Signal für einen erlösenden Ausbruch von verlegenem Kichern und launischen Kommentaren. In dem kleinen Zimmer befand sich mindestens ein Dutzend Menschen.
„Na endlich, ihr habt euch Zeit gelassen," durchschnitt Kingsleys Bass das Stimmengewirr. Er schob den Stuhl, auf dem er gesessen hatte, zur Seite und kam auf sie zu. Die anderen verstummten.
Brenda hoffte inständig, dass ihr Gesichtsausdruck nicht allzu schuldbewusst aussah.
„Es war uns nicht früher möglich."
Severus' Stimme klang vollkommen ungerührt.
Kingsleys bedeutungsvoller Blick wanderte zwischen Severus und Brenda hin und her und sein Mundwinkel zuckte vielsagend.
„Ja. Gut. Wie auch immer, jetzt seid ihr da. Tut mir leid, Brenda, wir sind noch nicht dazu gekommen aufzuräumen…"
„Dann könnten die hier," Severus' missbilligender Blick umfing alle anderen Zauberer im Raum, „damit anfangen und du erzählst mir derweil, was mit Lucius los ist."
Kingsley nickte bedächtig, drehte sich um und forderte mit einer energischen Kopfbewegung die anderen zum Gehen auf. Widerwillig leisteten sie der Aufforderung Folge. Brenda wartete, bis alle draußen waren.
„Ich kümmere mich drum, wahrscheinlich bin ich hier sowieso überflüssig."
Keiner der beiden Männer widersprach ihr und sie schlüpfte hinaus. Die Zauberer standen unschlüssig im Flur herum. Brenda seufzte innerlich. Die Welt retten, aber nicht in der Lage sein einen schmutzigen Teller wegzuräumen.
„OK. Zwei Leute fangen in der Küche an und spülen das Geschirr, das dort rumsteht. Ihr zwei sucht alles Geschirr zusammen, das sonst im Haus abgestellt wurde und bringt es in die Küche, ihr drei sammelt den Müll ein und macht die Fußböden sauber. Ihr drei nehmt euch den Garten vor…"
„He, Moment mal! Ich kann keine Haushaltszauber," beschwerte sich ein ihr unbekannter, schlacksiger junger Mann.
„Aber du hast zwei Hände, oder?" gab Brenda zurück.
„Ich bin doch kein…"
Ron Weasley, der neben ihm stand, lachte und rammte ihm einen Ellbogen in die Seite.
„Josh, leg dich besser nicht mit ihr an. Bei dem Thema versteht sie keinen Spaß, glaub mir. Und außerdem – Mann, hast du nicht gesehen, dass sie mit Snape liiert ist? Sei vorsichtig. Komm, ich zeig dir, wie's geht."
Während die Truppe der Zauberer sich in die verschiedenen Teile des Hauses verzog und stöhnend mit den Aufräumarbeiten begann, kamen Snape und Kingsley aus dem Wohnzimmer. Brenda warf ihnen einen fragenden Blick zu.
„Lucius Malfoy ist in St. Mungo's. Er hat versucht sich umzubringen. Offenbar leidet er immer noch unter den Wirkungen des Tranks, obwohl er schon die doppelte Dosis des Gegenmittels erhalten hat. Wie es aussieht, lässt die Wirkung immer wieder nach und dann ist es, als hätte er nie welches bekommen. Die Heiler sind ratlos und nur Severus hat so viel Erfahrung mit dem Zeug, dass er in der Lage ist, ein noch stärkeres Gegenmittel herzustellen."
„Es kann eine Weile dauern," sagte Severus mit einem müden Schulterzucken. Da war sie wieder, die Pflicht, die ihn nicht losließ, ihm seine Freiheit noch nicht gönnte.
Ohne sich um die neugierigen Blicke des Aufräumkommandos zu kümmern, gab sie ihm einen schnellen Kuss auf die Wange.
„Ich bin hier auch noch eine Weile beschäftigt, lass dir ruhig Zeit."
Ein müdes Lächeln, kurz berührten seine Finger ihre Wange, und dann war er verschwunden.
Brenda hielt trotzig den neugierigen Blicken stand und hoffte, dass die leichte Wärme, die sie im Gesicht spürte, nicht bedeutete, dass sie schon wieder puterrot war. Ein Stapel Geschirr, der Richtung Küche geschwebt war, fiel klirrend zu Boden.
„Bei Merlins Besenstiel! Könnt ihr nicht aufpassen?" schimpfte Ginny, die gerade den Fußboden sauber gemacht hatte und klaubte ihren Zauberstab aus den Scherben.
Wie sich bald herausstellte, waren die Zauberer allesamt nicht besonders firm, was Haushaltszauber anbelangte. Jedenfalls fanden Teller und Gläser vor Brendas Augen erst Gnade, nachdem sie noch einmal auf nicht-magische Art gespült worden waren und den saubergezauberten Teppichböden ließ sie noch eine Staubsaugerbehandlung angedeihen.
Drei Stunden später waren alle Spuren des vergangenen Abends beseitigt, es kehrte erschöpfte Ruhe ein. Der Wunsch nach Abendessen wurde laut und Ginny und Ron erklärten sich bereit, zusammen mit Brenda Kartoffelauflauf für alle fleißigen Helfer zuzubereiten. Während nun also Ginny ihren Bruder Ron in der Kunst des magischen Kartoffelschälens unterwies, fettete Brenda zwei große Auflaufformen und wappnete sich innerlich für die neugierigen Fragen, die die beiden Weasleys mit Sicherheit stellen würden. Diese schienen allerdings gewisse Hemmungen zu haben, denn der Kartoffelberg war geschält, bevor das Verhör begann.
„Wo wart ihr letzte Nacht?" erkundigte Ginny sich betont beiläufig. Ron hörte auf, die geschälten Kartoffeln in Scheiben zu schneiden und sah Brenda gespannt an.
„Das kann ich euch nicht sagen."
„Warum? Warte, Snape hat dich verhext." Ron nickte wissend.
„Quatsch! Er hat uns hin appariert und ich habe keine Ahnung, wohin." Die genaue Adresse kannte sie wirklich nicht.
„Aha. Aber es war noch England, oder?"
Brenda zuckte nur mit den Achseln.
„Was findest du an ihm?" Hermine war in der Tür aufgetaucht, Brenda seufzte und reichte ihr eine Zwiebel zum Schneiden, die diese jedoch achtlos zur Seite legte. Alle drei sahen sie so erwartungsvoll an, dass Brenda um eine Antwort nicht herumkam.
„Ich weiß nicht… Er war mir von Anfang an irgendwie sympathisch. Warum kann ich nicht sagen, es ist einfach passiert."
Die Reaktion klang wenig überzeugt.
„Sympathisch? Snape? Merlin, Brenda, weißt du, was du da sagst?"
„Er sieht noch nicht einmal gut aus," stellte Ginny fest.
„Das ist Geschmackssache," entgegnete Brenda kühl.
„Habt ihr… ich meine… also…wie…ach, verdammt, du weißt schon…" Ron's Gesichtsfarbe war auf dem Weg, sich seinen Haaren anzupassen und er attackierte die nächste Kartoffel.
„Nein, was soll ich wissen?" fragte Brenda.
„Ron fragt, ob Snape gut im Bett ist." Hermines Gesicht war ebenfalls entschieden rosa, sie widmete sich intensiv der Zwiebel.
„Aha. Ich würde sagen, das geht euch nichts an." Brendas Stimme war noch einige Grad kälter geworden. „Und Ron, du solltest dich mit den Kartoffeln beeilen, wenn das Essen vor Mitternacht noch fertig werden soll."
Eine Zeitlang arbeiteten sie schweigend weiter.
„Bleibst du jetzt bei uns oder gehst du zurück in die Muggelwelt?"
Brenda seufzte.
„Jetzt, wo ihr alle wieder zaubern könnt, würde ich mir bei euch sehr fehl am Platz vorkommen. Außerdem bleibt ihr doch auch nicht hier, wenn ihr euch jetzt wieder frei bewegen könnt, oder?"
„Und Snape?"
Auffordernd hielt Brenda Ron den Kartoffeltopf unter die Nase.
„Ihr werdet's nicht glauben, aber wir hatten noch keine Zeit, Pläne zu schmieden. Und könnten wir das Verhör jetzt beenden?"
Mit wesentlich mehr Schwung als nötig hievte sie den Kartoffeltopf unter den Wasserhahn und anschließend auf den Herd. Sie war genervt, sie hatte mal wieder alle Zauberer satt, sie vermisste Severus, sie hoffte, dass Lucius Malfoys Probleme ihn nicht allzu lange in Anspruch nehmen würden, dass er bald zurückkommen und sie wieder hier rausholen würde…
Aber es war nur Kingsley, der gegen neun nach Hause kam, sich schwer auf einen Küchenstuhl fallen ließ und Brendas Angebot bezüglich Abendessen mit einer müden Handbewegung zurückwies.
„Severus ist noch in St. Mungo's. Er arbeitet an einem stärkeren Gegenmittel. Bei Merlins verfilztem Bart! Es ist kaum zu glauben, was dieses Zeug bei Malfoy anrichtet! Statt nachzulassen wird die Wirkung immer stärker. Er hat versucht Draco umzubringen und sich selber. Sie mussten ihn ans Bett fesseln und zusätzlich noch mit einem Lähmungszauber belegen. Die Heiler sind völlig ratlos und Severus ist der einzige, der sich mit dem Gegenmittel auskennt und es modifizieren kann. Ich hoffe, er hat Erfolg."
Ein müdes Lächeln in Brendas Richtung. „Tut mir leid."
Sie zuckte die Schultern, bemüht, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Kingsley schrubbte sich wieder einmal heftig über den kahlen Schädel.
„Wir müssen auch mal überlegen, wie du am besten wieder zurückkehren kannst."
Als sie ihn nur ausdruckslos anstarrte, räusperte er sich verlegen.
„Ich nehme mal an, du möchtest gerne zurück, oder?"
Wieder zuckte sie mit den Schultern.
„Ja, doch, sicher…"
Sicher? Sicher, ja, sicher, aber welche Rolle würde Severus in ihrem Leben spielen. Ach,warum musste das alles so kompliziert sein.
„Keine Sorge, wir finden einen Weg. Schließlich können wir jetzt wieder zaubern und…"
„Weißt du, ich bin furchtbar müde, ich gehe schlafen."
Sie stieg langsam die Treppe hinauf, aus dem Wohnzimmer kam noch Stimmengemurmel. Vielleicht würde Severus ja in der Nacht zurückkommen.
Aber er kam nicht. Auch den ganzen nächsten Tag nicht. Und auch nicht am übernächsten. Laut Kingsley hatte er das Gegenmittel gebraut und überwachte noch seine Verabreichung. Nein, er wusste nicht, wie lange es noch dauern würde. Ach ja, Brendas Rückkehr…Wenn alles überstanden wäre, würden sie darüber reden…
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Mit einem Schlag war Brenda wach. Es war noch mitten in der Nacht, das Zimmer war stockdunkel, das Haus still. Da spürte sie es wieder, stocksteif blieb sie liegen, hielt die Luft an. Jemand war bei ihr, lag hinter ihr, roch nach Dusche…
„Schlaf weiter, ich bin's nur," murmelte eine Stimme und ein Körper schmiegte sich dicht an ihren.
Severus! Er war also zurück. Aber… er hatte einen eigenen Schlafplatz, warum… was war los… war etwas schief gegangen? Brenda war jetzt hellwach.
„Wie ist es gelaufen?" fragte sie vorsichtig.
Er gähnte.
„Gut. Soweit ist alles unter Kontrolle."
„Aber?"
„Kein aber."
„Aber wieso…"
„Brenda, bitte, ich habe zwei Nächte nicht geschlafen, ich bin totmüde. Morgen kannst du einen ausführlichen Bericht bekommen, aber jetzt lass mich einfach bei dir sein und schlafen. Bitte."
Sein Arm legte sich über ihre Hüfte und sein Atem wurde zu gleichmäßigen, leisen Schnarchgeräuschen. Brenda hingegen lag stocksteif und wagte kaum zu atmen, während sie innerlich einen ausgelassenen Freudentanz aufführte. Sie grinste hemmungslos in die Dunkelheit hinein. ‚Lass mich einfach bei dir sein'. Deshalb war er hierher in ihre Besenkammer gekommen anstatt in sein eigenes Bett. Er wollte bei ihr sein, er hatte es selbst gesagt. Totmüde zwar, aber ein Severus Snape wusste auch in diesem Zustand, was er sagte und tat. Er wollte bei ihr sein. Erleichtert ließ sie die angehaltene Luft entweichen. Er wollte bei ihr sein! Ach, Mensch, wenn das so war, brauchte sie sich um die Zukunft keine Sorgen zu machen. Ob Muggel oder Zauberer, es würde schon irgendwie werden und – er würde bei ihr sein.
