Die schmale, steile Treppe knackte unheilvoll unter Sheppard vorsichtigen Schritten und er konnte nicht anders als sich zu fragen, ob sie sein Gewicht tragen würde. Würde sie unter ihm zusammenbrechen und er bräche sich das Genick - das wäre nun ein wirkliche unrühmliches Ende ihrer Flucht.

Hinter sich konnte er Tarik atmen hören. Eigentlich brach er gerade seine eigene Regel (Kehre niemals einem Feind deinen Rücken zu) doch die einzige Alternative, die ihm einfiel, wäre dass er ganz alleine hinunter gehen würde oder aber das er den Jungen zuerst nach unten schicken würde - und keine dieser Möglichkeiten wollte ihm so recht gefallen. Außerdem konnte er sich McKays Reaktion zu Lösung Nr. 2 mittlerweile lebhaft vorstellen.

Der Strahl der Lampe tanzte unruhig, während er weiter nach unten kletterte. Die Stufen unter seinen Füßen waren von einer Zentimeter dicken Staubschicht bedeckt, was das Geräusch seiner Schritte etwas zu dämpfen schien. Die Luft, die er einatmete, schien von Minute zu Minute kühler, feuchter und - nun ja, es war schwer zu beschreiben - lebloser zu werden? Eine Mischung aus Metall, Chemikalien und etwas Erstickendem, was in seine Kehle zu kriechen schien und seinen Atem unregelmäßiger werden ließ.

Die Versuchung zu husten war groß, doch er schluckte nur ein paar mal trocken. Das Licht der Lampe schien viel zu schwach, als würde die abgestandene Dunkelheit das zitternde Licht schlucken.Beinahe war es, als würde Kälte durch seinen Körper kriechen, als er das Ende der Holztreppe erreicht hatte und seine Füße auf den Betonboden setzte. Der Lichtkegel der Lampe huschte über eine Wand - und dann, in einen größeren Raum. Etwas blinkte in der Dunkelheit, und Sheppard zuckte zusammen - beinahe rutschte ihm die Lampe aus den feuchtkalten Händen, und er beugte sich vorn über in der Hast, sie noch festzuhalten -

Etwas schlug über ihm zusammen, Kälte, grau, wie die See, nahm all seine Luft zum Atmen, erstickte seinen Herzschlag, ein Rauschen, das alles andere auslöschte-

- er raste über einen Strand, körperlos - Wind, der ihm entgegenschlug wie eine Faust - Fußstapfen

Fußstapfen auf dem Sandboden -

Er blinzelte, langsam, wie in Zeitlupe. Richtete sich ein Stück auf und -

Rauschen. Knistern. - Fußstapfen, überall verteilt, wirr, übereinander laufend, schwarze Abdrücke im grau-gelben Sand-

- so weit sein Blick reichte - wieder erfasste ihn etwas, riss ihn fort-

Rauschen - suchen, suchen - etwas, das rief und rief in der Dunkelheit, dass seine Antworten herausschickte ins Nichts, etwas, das wartete

"Sheppard?" Jemand fasste ihn an der Schulter. Sheppard richtete sich zur Gänze auf. In seinen Ohren rauschte es immer noch leicht, und er schüttelte leicht den Kopf, wischte sich dann langsam über die Stirn.

"Bist du okay?"

"…hm?" McKay stand vor ihm, sehr dicht, und Sheppard konnte eine Ader an seinem Hals heftig pochen sehen. Der Mann roch nach altem Blut und Angstschweiß. Hinter ihm, halb im Schatten stand Tarik, die Arme vor der Brust verschränkt, als wolle er sich vor etwas schützen.

"Du bist getaumelt - eben… alles klar?" Es war mehr eine ausgedrückte Hoffnung als eine Frage, das war Sheppard klar, als er in McKays aufgerissene Augen blickte. Bitte, sei in Ordnung. Lass mich nicht allein hier unten…

Mühsam nickte er. Sein Kopf schien immer noch nicht vollkommen klar, doch er riss sich zusammen - oder versuchte es zumindest. Seine Hand mit der Lampe war herabgesunken, und er hob sie wieder und ließ den Lichtkegel in den unbekannten Raum wandern.

"Schmeckst du das auch?"

"…was?"

Sheppard schluckte wieder. Ein metallischer Geschmack war plötzlich in seinem Mund, und als er tief einatmete, roch er auch wieder leicht verschmorten Geruch, der ihm vorher schon aufgefallen war. So unauffällig wie möglich atmete er tief durch.

"Nichts… es ist nichts."

Immer noch standen sie an der Schwelle zu dem anderen Raum. Sheppards Augen schienen Schwierigkeiten zu haben, dem Lichtkegel folgen zu wollen. Langsam, als ginge er durch Wasser, hob er schließlich den Fuß und machte einen Schritt nach vorn.

Nichts. Natürlich, was hatte er erwartet? - Wenn nur nicht dieser Geschmack in seinem Mund wäre, nicht dieser Geruch - wenn er nur etwas klarer denken könnte. Der Lichtstrahl huschte weiter in den Raum, über matt schimmernde metallische Tischplatten, Kabel, die wie lange gräuliche Würmer aus den Wänden krochen, und sich mit etwas unter und auf den Tischen verbanden.

Sheppard blinzelte. Langsam, zögerlich schien wieder das Gefühl in seine Glieder zurückzukehren. Der Strahl der Lampe wurde stetiger.

"Was zum…"

Bildschirme. Bildschirme auf den Tischen, und er zuckte zusammen, als ein winziges grünes Licht in der relativen Dunkelheit aufblinkte.

"Gott…" McKay, der ebenfalls einen Schritt zurück getreten war, wandte den Kopf und sah Sheppard an. In seinem Gesicht stand Hilflosigkeit, und noch etwas anderes, zu komplex, um es sofort zu erfassen.

Ja, dachte Sheppard. Ja. Bildschirme. Bildschirme und Kabel, und winzige Lichter - und wovor haben wir uns gefürchtet? Wovor fürchten wir uns jetzt noch? Und wieso steht Tarik dort immer noch an der Schwelle zu diesem Raum - Gott, sieh dir sein Gesicht an - es ist kein Monster hier. Das Böse, das wir nicht sehen.

Ruhig wanderte der Strahl weiter. Staub, auch hier, doch nicht sehr dick und an manchen Stellen aufgewühlt, an anderen gar nicht vorhanden.

Verrat. Dieser Raum stinkt nach Verrat. Ein Geheimnis, das nur deshalb geheim war, weil es niemand sehen wollte. Eine Welt, gebaut auf Leichen und unfreiwilligen Opfern, und nun hatten sie zum ersten Mal vollständig den Vorhang beiseite geschoben…

Es war vielleicht schlimm, seine Kriminellen den Wraith auszuliefern. Es war ein schmerzhafter Tod, ein Tod, den niemand verdiente - aber es war kein neues Konzept. Überall, überall in dieser geschlagenen, verfluchten Galaxie kauften einzelne Völker ihr Überleben. Opfer. Beinahe überall. Auf die eine oder andere Weise.

Doch er konnte sich nicht erinnern ein Volk gesehen zu haben, dass derart bitter dafür zahlte - und andere zahlen ließ. Das Grauen, dass in Tariks Gesicht stand, hatte nichts damit zu tun, dass das Gesetzsystem zu streng war, oder dass die Regierung anfing, über die Stränge zu schlagen.

Sie. Sie, immer nur Sie.

In seinem Hinterkopf begann das Rauschen wieder, an und abschwellend, wie Wellen, die am Strand fraßen.

Sie selbst sind die Sie, und sie schließen ihre Augen - so fest und lange sie können, sie sehen nicht hin und leben die Lüge - weiß Tarik, was in davor bewahrt, in einem silbernen Strahl zu verschwinden und nie mehr einen Fuß auf diesen Planeten zu setzen?

Er wusste es, und er krankte daran - ein ganzes Volk tat das, erstickte, erstarb. Wenn du nicht genau hinsiehst, verschwimmt es vielleicht mit den Schatten, wenn du es nicht aussprichst, ist es nicht da, es ist nicht da - wir haben nur Glück, es sind nicht wir, es sind die Sie Sie kommen in unsere Häuser, Sie sind verantwortlich, Sie zwingen uns-

Das Rauschen wurde wieder stärker. Was für ein Schrecken hielt Tarik jetzt da an der Schwelle des Raumes fest? Sieh hin, Junge, sieh hin. Schau dir gut an, wie ihr die Monster ruft, wenn ihr ihnen den Tisch bereitet habt. Wie viele Stationen mochte es auf dem ganzen Planeten geben? Wie viele Menschen verschwanden in der ganzen Galaxie auf Nimmerwiedersehen um mit ihrem Tod einem fremden Volk zu dienen?

Das Atmen fiel ihm plötzlich so schwer. Was benutzt ihr, um die Menschen zu holen? Was ist…?

Spielte es wirklich noch eine Rolle? Der Strand war so nah. Realität und Vision schienen sich zu überlagern, und er wusste mit einem letzten Gedanken, dass er bald nicht mehr in der Lage wäre, beide auseinander zu halten…

"Genau wie ich befürchtet habe"

"Wie…. bitte?" Sheppard zwang sich McKay anzuschauen. Der Mann schien ruhiger jetzt, obwohl sein Blick auf den fremdartigen Bildschirmen und Kabeln ruhte. Vielleicht war es der Beweis seiner Theorie, der McKay beruhigte - zu sehen, wie sich Ahnung und Hypothese schließlich ineinander fügten und ein vollständiges Bild ergaben.

"Hast du - hast du nicht drüber nachgedacht? Ich meine, wen sonst könnten die in dieser Galaxie schon anfunken - die Genii vielleicht?"

"Ich - nein… nicht wirklich" McKay hatte schon diese Ahnung gehabt? Wieso - wieso hatte er nicht mit ihm darüber gesprochen? Wieso war ihm selbst der Gedanke nicht gekommen?

"Mein Gott, ich hoffe jedenfalls nicht, dass die auch noch mit drinhängen", fuhr McKay ungerührt fort. In seinem Gesicht zeigte sich so etwas wie milder Ekel, als er näher an die Tische herantrat und vorsichtig seine Hand auf das Metall legte. Unvermittelt wandte er sich zu Tarik um.

"Eine schöne Angelegenheit" Der Junge antwortete nicht. Sein Gesicht schien beinahe bar jeder Emotion, nur sein Blick barg sein Entsetzen. Der Spott in McKays Stimme war nicht zu überhören.

"Warum wolltest du uns das nicht zeigen? Du wusstest doch, dass es da ist, oder? Der Colonel hatte recht, du - "

Sheppard hob müde die Hand, und McKay hielt inne. Sein Blick war ebenso überrascht wie genervt.

"Nicht, dass mir dein plötzliches merkwürdiges Verhalten nicht auf die Nerven gehen würde, aber könntest du nicht ein bisschen um Kontinuität bemühen? Ich meine, jetzt haben wir schließlich allen Grund, etwas… verärgert zu sein"

Sheppard zuckte nur mit den Schultern. "Ja, er wusste es. Irgendwie. Lass ihn, McKay - es hat keinen Sinn. Es hat einfach keinen Sinn - was nützt es, wenn du jetzt auf ihm rumhackst? Das macht unsere Lage auch nicht einfacher"

McKays Augen verengten sich, und Sheppard fühlte sich plötzlich wieder ein ganzes Stück besser unter dem kritischen Blick des Wissenschaftlers.

"Weißt du, jetzt klingst du einerseits ziemlich normal, und andererseits immer noch sehr wenig sheppardhaft. Hallo, seine Leute verkaufen andere an die Wraith - das ist doch normalerweise von unseren Standarts her ein ziemlicher Minuspunkt, oder?"

"He - ja- natürlich" Sheppard seufzte. Tarik hatte sich immer noch nicht gerührt. "Ist es, in der Tat. Gut, dass du mich daran erinnerst. Aber wir haben jetzt besseres zu tun und-"

Tja, und außerdem was?, dachte Sheppard. Dass der Junge sowohl Täter wie auch Opfer ist? Dass er in diese Lüge herein geboren wurde, dass er keine Wahl hat, dass er in gewisser Weise wirklich nicht über diesen Keller bescheid wusste, weil er sich so angestrengt hat, es zu vergessen?

Er kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden. Plötzlich, vollkommen abrupt, unterbrach ein hoher, lang gezogener Fiebton die Stille, dann weniger als einen Herzschlag danach, schaltete sich mit einem kurzen, dunklen Ton einer der Bildschirme ein.

Eine kurze Stille. Dann, weiß-graue Schatten, die über den Schirm huschten und statisches Rauschen.


Dudududumm... Ich hoffe, jetzt ist niemand enttäuscht. Ich meine, ich hatte den Plot hier schon vor einer gewissen Folge im Kopf, und so viele andere Möglichkeiten haben sich jetzt wirklich nicht ergeben - und außerdem, relativ ungeplant und erfreulich , passt das hier so gut als Menschenversion zu einem Abschnitt von Watership Down - ein Buch, das ich übrigens jedem empfehlen würde. Es gibt eine Kinderserie! (Argh) dazu, die ich persönlich liebend gern aus diesem Universum verdammen würde, aber das Buch ist einfach nur fantastisch (und hat es wirklich nicht verdient in einer solchen Weise getötet zu werden - das ist kein Kinderbuch, verdammt noch mal). Nun ja, jedenfalls geht es dadrin zum Teil auch um ein schreckliches Geheimnis, dass keiner erwähnen will, das aber hinter den Handlungen aller steht und sie beeinflusst.

Nun ja, gut, um zum Punkt zu kommen, ich wollte mal ursprünglich eine Version dazu schreiben, bei der alles übereinstimmt von den Ereignissen und Personen, nur halt in Menschenform und Stargate Atlantis - Form, aber jetzt ist es so in diese Geschichte integriert worden, kein Crossover (wie das aussehen würde wage ich nicht einmal zu denken) und auch keine Kopie, bloß der Aufgriff eines sehr interessantes Konzepts - ja, ich grinse während ich tippe. Ich hoffe man kann auch ohne all das Wissen hier was mit dem Kapitel anfangen.

Bis zum nächsten Abschnitt, dann.