Sieben Jahre später.
Wir schreiben das Jahr Drei vor der Schlacht von Yavin. Während Shaak Ti und ihre Padawan Maris Brood nun schon seit siebzehn Jahren auf Felucia im Exil sind, ist eine neue Ära angebrochen. Die Rebellion gegen das Imperium wird stärker. Aber noch hat Luke Skywalker die politische und militärische Arena der Galaxis nicht betreten.
Irgendetwas war anders dieses Mal, als Maris Brood gewohnheitsmäßig die Cantina des Supermarkt-Komplexes von Niango verließ. Sie hatte mittlerweile einen Blick dafür bekommen, wer von den Gästen ein bezahlter Spion des Imperiums sein könnte. Diesmal waren weder der Rodianer noch der Weequay, die sie bislang dafür gehalten hatte, in der Cantina gewesen. Maris hatte wieder einmal zwei Drinks bestellt, mit einigen Bekanntschaften ein paar Worte gewechselt und das Holo-Net geschaut.
Es war wieder einmal von Weltraumschlachten die Rede gewesen, die selbstredend alle von den Streitkräften von Lord Vader gewonnen worden waren. Aber Maris hatte über die letzten drei Jahre auch registriert, dass sich die Meldungen über Schlachten im Mittleren und Äußeren Rand in letzter Zeit gehäuft hatten. Ihre Meisterin hatte also recht und der Widerstand gegen Palpatine war ungemein erstarkt! Mit diesem Wissen hatte sie die Cantina beruhigt und gestärkt verlassen, um sich auf den Weg zurück zu ihrer Meisterin im unwegsamen Dschungel zu machen.
Auf einmal hörte sie ein verdächtiges Rascheln hinter sich. Sie spürte die Anwesenheit einer intelligenten Spezies, wusste aber nicht, welcher. Sie wandte sich um, konnte mit ihren in der Nacht ausgezeichnet sehenden goldenen Augen jedoch nichts erkennen. Also schlug sie eine andere Richtung ein, um ihre Spur zu verwischen – für alle Fälle. Mit zweistündiger Verspätung traf sie schließlich in der Siedlung ein, welche Shaak Ti zusammen mit ihrer Padawan und den Dschungel-Felucianern bewohnte.
Shaak Ti war bereits schlafen gegangen. So schien es Maris Brood zumindest. Also beschloss die Zabrak, sich ebenfalls schlafen zu legen. Aber sie fand keine Ruhe in jener Nacht. Einmal nickte sie kurz ein, nur um im Traum im Dschungel wieder jenes verdächtige Rascheln hinter sich zu hören und umgehend aus ihrem Traum hochzuschrecken. Alles war totenstill. Also versuchte sie wieder einzuschlafen. Vergeblich. Sie setzte sich auf, um zu meditieren. Sie sah die ersten Strahlen der Sonne Felucias durch die schmalen Ritzen ihrer aus Zweigen und Ästen gebauten Behausung dringen. Es war für gewöhnlich warm auf Felucia, was ein festeres Haus nicht nötig machte, es sei denn, es solle sie vor wilden Tieren schützen. Aber diese konnten sich Maris Brood und ihre Meisterin durch ihre Machtkräfte und Suggestionen des Geistes gewogen machen.
Trotz Temperaturen von knapp unter dreißig Grad fühlte Maris Brood eine eigenartige Kälte auf sich zukommen. Nur wenig später stand ihre Meisterin in ihrer Hütte.
„Es ist gut, dass du schon wach bist, Maris", sagte Shaak Ti ernst.
„Was ist denn, Meisterin?", fragte die Zabrak mit zugeschnürter Kehle.
„Er hat uns gefunden."
„Darth Vader?"
„Vielleicht", antwortete Shaak Ti. „Pack deine Habseligkeiten und versteck dich, so wie wir es geübt haben. Komm nicht zurück, bis ich dich rufe."
Maris' Gesicht lief rot an.
„Aber … Ihr dürft mich nicht fortschicken! Lasst mich an Eurer Seite kämpfen!"
„Gegen einen Sith-Attentäter? Du würdest mit Sicherheit getötet." Shaak Ti erhob die Hand, um dem Protest ihrer Padawan Einhalt zu gebieten. „Bitte, Maris, geh einfach zum Friedhof und warte dort auf meinen Ruf. Ich werde den Mörder allein zum Alten Abgrund führen."
Mit wutverzerrtem Gesicht und Tränen in den Augen wandte sich Maris Brood von ihrer Meisterin ab, um ihre Notfalltasche zu holen. Dann rannte sie in den Dschungel wie ihr geheißen.
„Möge die Macht mit dir sein, Maris", sagte Shaak Ti, ihrer Padawan nachschauend, bis sich der Dschungel hinter ihr schloss.
Dann begab sie sich gemessenen Schrittes an den Rand des Schlundes, welcher der eigentliche Mund des Sarlaccs war. Sie ließ ihren Blick ringsum schweifen. Der Sarlacc um sie herum war einen guten Kilometer breit. Die zehn konzentrischen äußeren Reihen seiner zwei Meter hohen Zähne waren zum Ort für kleinere Ansiedlungen der Felucianer geworden, seit Shaak Ti und Maris Brood auf den Planeten gekommen waren. Während der Sarlacc früher unkontrolliert alles in seiner Reichweite verschlungen hatte, war es seit Ankunft der Jedi-Meisterin wieder Brauch, dem riesigen erdgebundenen Tier kranke oder unheilbar verletzte Tiere zu opfern. So, wie es bereits vor hundert Jahren Brauch gewesen war, bevor die Dunkelheit auf dem Planeten erstarkt war. Der Sarlacc dankte diese Fütterung den ihm Opfernden, indem er sie in Ruhe ließ und inmitten seiner ureigenen Gefilde Gedeihen und Geborgenheit ermöglichte. Zwischen seinen äußeren Zahnreihen, die im Umkreis von mindestens fünfhundert Meter in die Dschungellichtung hineinragten, hatte sich eine Erdschicht abgelagert. Auf dieser Erdschicht waren kleine Gärten angelegt worden. Der Speichel des Saarlac sorgte für einen üppigen Pflanzenwuchs, der sogar noch ertragreicher war als auf dem übrigen, ohnehin überaus fruchtbaren Boden des Planeten Felucia.
Aber jetzt erbebte der Sarlacc und Shaak Ti wusste auch warum. Die Dunkelheit war zurück nach Felucia gekommen und es oblag allein ihr, dieser erneuten Dunklen Bedrohung Einhalt zu gebieten. Sie setzte sich in Meditationshaltung vor einen Zahn der innersten Reihen. Gleich zehn Zentimeter rechts von ihr ging es steil abwärts in den Schlund. Sie schärfte alle Sinne, dann hatte sie Gewissheit darüber, aus welcher Richtung sich die Gefahr näherte. Und dass sie diesen jungen Mann noch nie zuvor gesehen hatte. Es irritierte sie, dass der Unbekannte sich nicht die Mühe machte, seine Präsenz als Adept der Dunklen Seite zu verbergen. War er so gut? Oder nur so dumm?
„Shaak Ti!", hörte sie ihn mit heller Stimme rufen, während ihre Augen noch geschlossen waren. Er mochte höchstens dreiundzwanzig Jahre alt sein. Und so einen Jungspund schickte Vader nach ihr!
Starkiller schaute auf die rote, an den Gliedmaßen mit weißen Streifen tätowierte Jedi. Shaak Ti war nach der Art der Felucianer mit einem beigefarbenen Bikini und einem gleichfarbigen Lendenschurz aus pflanzlichen, teilweise lebendigen Materialien bekleidet. Beides enthüllte ihre perfekte und straffe Figur eher, als dass dieser Dreiteiler etwas verbergen würde außer ihren Brüsten und ihrer Schamgegend. ‚Für eine Siebenundfünfzigjährige hat sie sich mehr als gut gehalten!', dachte der junge Mensch bei sich, dessen blasses Gesicht in unregelmäßiger Sprenkelung mit vielen dunkelbraunen Pigmentflecken bedeckt war. Er wartete noch eine Weile, aber es sah nicht danach aus, als wenn Shaak Ti auf seinen Ruf reagieren würde. Obwohl er sicher war, dass sich die erfahrene Jedi-Meisterin über seine Ankunft und deren Konsequenzen für sie im Klaren sein musste.
Trotzdem oder aber genau deswegen saß Shaak Ti weiterhin am Rande des Abgrundes und schien in tiefer Meditation versunken. Oder aber sie sammelte Kräfte an, um sie gegen ihn zu entfesseln. Er jedenfalls würde es an ihrer Stelle so tun.
Starkiller fühlte sich von Shaak Tis demonstrativ zur Schau getragener Ignoranz und Gelassenheit provoziert. Er pflückte einen kindskopfgroßen Pilz, welcher aus der Haut des Sarlaccs wuchs. Dann warf er diesen Pilz der scheinbar meditierenden Shaak Ti an den Kopf.
„Du stinkst nach diesem Feigling Vader!", erwiderte sie, erhob sich in einer fließenden anmutigen Bewegung und wandte sich ihm zu.
Endlich konnte Starkiller ihr weiß tätowiertes, von den langen Lekkus und gewaltigen Montrals umrahmtes ebenmäßiges Gesicht sehen. Die Augen von Shaak Ti verrieten keinerlei Angst, vielmehr strahlten sie Sicherheit und Gefasstheit aus. Und Stärke, ja, ungeheuere Stärke. Und jetzt fühlte er deutlich ihre Ablehnung seines Eindringens in ihr Reich – auf ihrem Planeten, den die verschlagene Togruta-Meisterin mit ihrer Hellen Macht durchtränkt hatte, um ihn ihrem Willen zu unterwerfen. Sein Meister hatte ihm erzählt, dass die Sturmtruppen, welche auf Felucia stationiert waren, als die faulsten und unfähigsten in der Galaxis galten.
Und jetzt, wo Vaders Spione die unbedarfte Padawan dieser Jedi-Meisterin ausgemacht und bis in ihr Versteck zurück verfolgt hatten, wussten beide Sith auch, wieso. Shaak Ti hatte den Geist seiner Truppen, ihren Willen, ihre Treue zum Imperium korrumpiert! Die flüchtige Jedi-Meisterin hatte sich klammheimlich diesen eigentlich der Dunklen Seite zugehörigen Planeten untertan gemacht und herrschte jetzt aus dem Verborgenen heraus über ihr nun Helles Reich. Und sie war gewillt, dieses ihr Reich mit allen Mitteln zu verteidigen, wie er in der Macht fühlte. Diese bislang unentdeckte Jedi-Korruption galt es jetzt zu beseitigen. So wie damals während der Order 66. So hatte ihn Vader instruiert.
Starkiller sah Shaak Ti dabei zu, wie sie sich langsam aus ihrer Meditationshaltung erhob, um ihm nun ihre vollendete Grazie und majestätische Erscheinung zu präsentieren, während die Helle Seite der Macht die Togruta wie ein Glorienschein umgab. Sein Pilzwurf schien die Jedi weder überrascht noch gereizt zu haben. Während sich Shaak Ti zu ihm umdrehte, bewegten sich ihre drei Lekkus, welche sie nach Art der Felucianer mit vielen farbigen Troddeln und Schleifen versehen hatte, geschmeidig mit ihr mit. Starkiller kam nicht umhin, beeindruckt zu sein.
Starkiller aktivierte sein rotes Lichtschwert, etwas irritiert darüber, dass sie es ihm nicht gleich tat.
„Mein Meister ist kein Feigling!", erwiderte er.
„Weshalb bist du dann an seiner Stelle hier?", fragte sie mit einem wissenden Lächeln.
Starkiller schwieg auf diese Provokation hin. Vaders Instruktionen gingen die rote Jedi vor ihm nichts an.
„Willkommen am Abgrund. Der Stätte des Opfers von alters her", hörte er Shaak Ti in einladendem Ton, welchem eine gehörige Portion Spott beigemischt war, fortfahren.
Starkiller lächelte auf diese ihre Worte hin ein gemeines Lächeln und ließ seine Wut auf die Jedi vor ihm die Dunkle Seite in sich nähren. Er versuchte, zum Verstand des Sarlaccs vorzudringen, ihn gegen die Jedi-Meisterin zu hetzen. Aber der Sarlacc ließ nur ein dumpfes Brüllen hören – und widerstand seinem Versuch einer Suggestion des Geistes – Mit Hilfe von Shaak Ti, wie Starkiller ärgerlich registrierte.
„Bist du bereit, deinem Schicksal entgegenzutreten?", fragte ihn die Jedi-Meisterin mit einem mokanten Lächeln.
Mit diesen Worten entzündete Shaak Ti ihre blaue Klinge. Sie stürmte, nein sie flog durch die Luft Felucias ihrem Herausforderer entgegen, noch im Flug nach seiner roten Klinge schlagend. Starkiller machte einen Salto rückwärts, dabei ihren Hieb parierend. Die schiere Wucht ihres Hiebes überraschte ihn. Noch während seine Füße wieder den Boden berührten, fühlte er etwas Schmerzhaftes an der rechten Hüfte. Seine Kleidung war an einem der Zähne des Sarlaccs hängen geblieben. Hastig riss er sich los, dabei auch ein Loch inkauf nehmend, um wieder zu hundert Prozent verteidigungsbereit zu sein. Keinen Moment zu früh, denn nun deckte ihn die Togruta mit einer gut eingeübten Reihe von kraftvollen Hieben ein, deren er sich nur mit Mühe erwehren konnte.
Er schaffte es immer nur geradeso, ihre Hiebe und Streiche abzublocken. Er schaffte es nicht, sie von dem Kurs abzubringen, der ihn immer weiter in die Grube trieb, welche der Schlund des Sarlaccs war, bereit, ihn mit Haut und Haaren zu verschlingen und zu verdauen. Verzweifelt ließ er aus seiner Linken einen Schub blauer Machtblitze fahren – direkt in das Maul des Sarlaccs hinein. Das riesige Tier brüllte auf.
Shaak Ti erstarrte für einen Moment, als sie die blauen Machtblitze, purer Ausdruck des Hasses und Vernichtungswillens, aus der Hand des jungen Mannes ihr gegenüber schießen sah. Sie sahen genauso aus wie die, die sie damals während ihrer Visionen vom Tod von Hego Damask … nein … Darth Plagueis gesehen hatte! Hatte sie damals womöglich nicht seinen, sondern ihren Tod vor Augen gehabt? Oder aber ihrer beider Tod? Sie hatte bislang geglaubt, dass auch ein ausgebildeter Sith zumindest ein gewisses reiferes Alter erreicht haben musste, um diese Blitze mit dem nötigen Willen und der erforderlichen Anstrengung aus bloßen Händen generieren zu können. So wie weiland der alte Dooku auf Geonosis. Dass jetzt auch solche jungen Burschen dazu in der Lage waren, erschreckte sie zutiefst. Sie sah in Starkillers Augen und sah das Gelb in ihnen aufglimmen, welches seine Sith-Zugehörigkeit verriet.
Shaak Ti strauchelte für einen Moment, verlor mit einem Fuß ihren Halt auf dem wundfeucht gewordenen Fleisch des Sarlaccs und war nun, ihres sicheren Standes beraubt, gezwungen, seinem darauf folgenden Hieb auszuweichen und in den Verteidigungsmodus zu wechseln, dabei immer weiter in den Schlund des Sarlaccs hineintänzelnd. Triumphierend und in Genugtuung darüber, dass seine Machtblitze die bislang ach so stoische Jedi aus dem Gleichgewicht gebracht hatten, schwang Starkiller sein Lichtschwert und setzte ihr nach.
Das Duell tobte weiter am Schlundrand entlang. Starkiller schlug dem Sarlacc einige Zähne ab und ließ sie mit Hilfe der Macht in Richtung Shaak Ti segeln. Der Sarlacc brüllte daraufhin auf und schlug mit seinen Tentakeln nach seinem Peiniger, aufgestachelt von der ihn anleitenden Intelligenz Shaak Tis. Ein nach Nahrung gierender Tentakel umschlang Starkillers rechten Fuß und ließ ihn taumeln. Jetzt war er es, der seinen sicheren Stand verloren hatte und gezwungen war, sich mit seinem roten Lichtschwert in den Soresu-Verteidigungsmodus zu begeben. Starkiller hatte seine kurzzeitige Führung in diesem Duell verspielt.
Also versuchte er weiterhin verzweifelt, mit Machtblitzen aus seiner Linken den Sarlacc zu provozieren, sicher, dass Shaak Ti seine blauen Blitze mit ihrer ebenfalls blauen Klinge mühelos abwehren würde. Außerdem traktierte er das Fleisch des Sarlaccs mit seinem Lichtschwert.
Die Atemstöße des Sarlaccs streiften die beiden Kämpfenden immer heftiger, je weiter sie in den Schlund der riesigen Kreatur gerieten. Der Atem des Sarlaccs war geschwängert mit Fäulnis und Verwesung der tief unten verrottenden und in Verdauung begriffenen bereits verschlungenen Tierkadaver. Die Wundsekrete, die der Sarlacc infolge von Starkillers Hieben zu ihren Füßen aus seiner verletzten Haut absonderte, machten den Untergrund schlüpfrig und noch gefährlicher, als er ohnehin schon war.
„Du kannst nicht ewig so weitermachen", spottete er.
„Du ebenso wenig. Du verbrauchst deine Kräfte zu schnell", belehrte sie ihn.
„Die Dunkle Seite ist unerschöpflich", belehrte er sie zurück.
Shaak Ti lächelte milde.
„Dein Stärke ist erstaunlich", gab sie zu. „aber es ist dein Tun. Hell … Dunkel …" Sie unterbrach ihren Satz kurz, um mit einem mächtigen Hieb, den er nur knapp parieren konnte, nach seinem Kopf zu schlagen. „Das sind doch nichts weiter als Richtungen. Aber lass dich nicht täuschen. Geführt wirst du nur von deinen eigenen Füßen."
Er schlug nach ihren nackten roten Füßen, die in einem Salto über ihn hinwegwirbelten. Missmutig stellte er fest, dass seine rote Klinge ins Leere geschlagen hatte, ohne ihre beiden Ziele auch nur zu streifen.
„Erspar mir die Philosophiestunde, Jedi", knurrte er, während eine der Schleifen, die er von ihren Lekkus abgeschlagen hatte, in die Tiefe des Schlundes fiel. „Ich bin nur wegen deines Blutes gekommen."
„Doch erst musst du es dir holen. Sonst … hole … ich … deins!"
Mit den letzten vier Worten teilte sie vier wuchtige Hiebe aus, die unweigerlich ihr Ziel finden würden. So hatte sie es immer wieder mit Maris und früher im Tempel geübt und schon vielfach erfolgreich in Schlachten angewandt. Wenn diese vier Hiebe jetzt nicht sitzen würden, dann wäre sie ernsthaft in Schwierigkeiten. Shaak Ti fühlte, wie ihre Kräfte nachließen, allerdings fühlte sie gleiches auch bei ihrem Gegner.
Starkiller fühlte, dass es jetzt um alles ging. Jeder der vier Hiebe von Shaak Ti fand sein Ziel. Zumindest beinahe. Die ersten beiden versetzten ihm schmorende Schnitte an den Schultern. Der dritte schlitzte seine Brust auf. Der vierte hätte sein rechtes Auge durchbohrt, hätte er nicht in letzter Sekunde ihr Lichtschwert nur Millimeter von seinem Gesicht entfernt mit einem telekinetischen Block aufgehalten. Der Schmerz in seinen Schultern, in seiner Brust machte den Sith-Akolythen schier wahnsinnig. Sein Herz brannte. Der rechte Teil seines Sichtfeldes war von grellem Blau erfüllt. Dem Ende?
Blind vor Hass und Wut stach er zu, ohne zu sehen, wohin, lediglich geleitet von seinen Instinkten … seinem Wittern von Shaak Tis Präsenz.
Shaak Ti schnappte nach Luft und torkelte zurück. Sie hatte alles gegeben, um diese ihre verzweifelte Attacke in einen Erfolg zu verwandeln. Aber der brennende Schmerz, der jetzt ihren Körper durchzuckte, belehrte sie eines Besseren. Automatisch senkten sich ihr Blick … und ihre rechte Hand. Sie musste nicht hinsehen, um zu fühlen, wie diese Hand, welche den Griff ihres Lichtschwertes umklammert hielt, erschlaffte. Shaak Ti schaute an sich hinunter. Sie sah etwa zwanzig Standardzentimeter roter Lichtschwertklinge direkt zwischen ihren Brüsten aus ihrem roten Leib ragen. Vaders Akolyth hatte sie von hinten durchbohrt.
Er hatte sein Ziel erreicht. Er hatte ihr Blut geholt. Aber er hatte nur halb gewonnen.
Selbst, wenn sie es nicht schaffen würde, sich selbst zu retten, so sollte Maris Brood auf alle Fälle überleben. Shaak Ti würde es nicht zulassen, dass dieser Sith-Schüler ihre Padawan töten würde. Auf dass ihrer dritten Padawan diese von Vader abgerichtete verlorene Seele nicht mehr gefährlich werden möge, bis das Imperium vernichtet sei! Shaak Ti atmete befreit durch ihre verletzten Lungen auf. Dann erstarrte sie. Die Präsenz von Vaders Schergen war immer noch unverändert stark, während sie die ihre vergehen fühlte. Shaak Ti nahm ihren Gegner in Augenschein. Ihre ersten drei Hiebe hatten seine Schultern und seine Brust lediglich angeritzt, der vierte Hieb mochte ihn wohl kurzzeitig geblendet haben, hatte jedoch ebenfalls sein Ziel verfehlt. Starkillers unverletzt gebliebene gelbe Augen schauten sie an, während sie in zunehmender Schwäche einknickte und in den Schlund des Sarlaccs rutschte.
Sie, die Jedi-Meisterin Shaak Ti, hatte versagt. Wieder einmal.
Starkiller sah den Schmerz, der Shaak Tis violette Augen erfüllte, während sie sich unter ihm im Schlund des Sarlaccs an einem Zahn des riesigen Tieres festhielt. Erwartete sie ernsthaft, dass er ihr jetzt helfen würde? Sie musste geplant haben, dass sie sich gegenseitig vernichteten, warum auch immer. Vader hatte ihm gesagt, dass die sterbende Jedi-Meisterin unter ihm auch eine Padawan hatte, aber diese war nicht sein Ziel. Seine Mission war Shaak Ti und diese Mission hatte er erfüllt. Jetzt war es Zeit, Felucia umgehend zu verlassen. Juno Eclipse, seine getreue Pilotin, würde in der Rogue Shadow auf ihn warten und mit ihm zu Vaders Sternzerstörer zurückfliegen. Und dann würden sich seine Träume und die seines Meisters endlich erfüllen und sie könnten gemeinsam Imperator Palpatine stellen und richten!
Aber irgendetwas hielt ihn weiterhin am Schlund des Sarlaccs fest. Die lilanen Augen von Shaak Ti ließen ihn nicht los. Er sah, wie das blaue Lichtschwert seiner Widersacherin erlosch und dessen deaktivierter Griff in die Tiefe des Sarlaccs sauste. Reflexartig hielt er seine rote Klinge in ihre Richtung, obwohl er bereits wusste, dass es für Shaak Ti vorbei war. Er sah in ihre Augen. Aber er sah keine Wut, keinen Hass – nur Müdigkeit und unendlichen Schmerz, während ihre rote Haut im Todeskampf auf einmal sehr blass geworden war. Er holte mit seiner roten Klinge zu einem Scheinangriff aus – reine Routine, um unliebsamen Überraschungen vorzubeugen. Oder tat er dies etwa, um sich von Shaak Tis jetzigem Anblick nicht überwältigen, gar zu törichten Handlungen hinreißen zu lassen?
„Du bist Vaders Sklave", hauchte sie, „Aber deine Kraft an ihn ist verschwendet. Du könntest so viel mehr sein."
„Du wirst mich niemals dazu bringen, meinen Meister zu verraten!", zischte er erbost zurück.
Doch nur ein billiger Trick in letzter Sekunde! Waren die Jedi wirklich so tief gesunken?
Shaak Ti sah Starkiller durch die Macht, solange es der Rest von Leben, der noch in ihr war, zuließ. Sie sah ein rotes Oval, in welchem ein blauweißer Kern lag, der versuchte, aus seinem roten Gefängnis auszubrechen. Dann sah sie die schwarzbehelmte Gestalt von Darth Vader vor sich, wie er seinem Lehrling seine eigene rote Klinge durch den jungen schlanken, hochaufgeschossenen Leib trieb, während Palpatine im Hintergrund dreckig dazu grinste. Ein unbeschreiblicher Schmerz durchfuhr sie.
„Armer Junge", begann sie erneut. „Die Sith betrügen sich gegenseitig … aber ich bin sicher, das wirst du noch lernen … schon bald."
Eine riesige Welle von Mitleid durchflutete sie, während ihr Blick weiterhin Starkiller fixierte. Und der seine sie.
Shaak Ti sah, dass der Lehrling Vaders seine rote Klinge deaktiviert hatte. Das Sith-Gelb war aus seinen Augen gewichen, welche sie nun in einem dunklen Braun anschauten. Seine Naturaugenfarbe! Ihre brechenden Augen sahen nur einen Moment später die ausgestreckte Hand Starkillers. Es war ein halbherziges Ausstrecken. Aber sie hatte keinen Zweifel. Vaders Jünger wollte sie retten! Sie versuchte, ihm ihre Rechte entgegenzustrecken. Allein, ihr fehlte die Kraft.
Nur den Bruchteil einer Sekunde später sah sie das Bedauern in den braunen Augen des jungen Mannes, nachdem sie, nun vollends ihrer Kraft beraubt, den Zahn losgelassen hatte, um in die Tiefe zu fallen. War das Mitgefühl gewesen? Oder gar Reue? War das die Wandlung des Sith-Schülers hin zum Licht oder handelte es sich lediglich um eine vorübergehende Aufwallung von Mitleid, so wie es der Wille Hego Damasks gewesen war, sie mithilfe des Komlinks zu retten, dreizehn Jahre, nachdem sie ihn kurzfristig und einmalig in dessen Apartment beglückt hatte, während alle anderen Jedi um sie herum im Tempel sterben mussten?
Aber woher wußte sie eigentlich, ob diese Begegnung damals als einmalig geplant gewesen war, wenn der Sith-Lord kurz darauf verstorben war? Woher wußte sie, ob der junge Mann in Schwarz über ihr jetzt geläutert war oder nicht, wenn sie bald eins mit der Macht sein würde? Sie spürte die Tentakel des Sarlaccs, wie sie sich um ihren geschwächten Körper wanden, sie würgten. Sie sah, wie Starkiller immer weiter noch oben wegrückte, während die Dunkelheit um sie herum immer größer wurde. Der Blick ihrer noch geöffneten lilanen Augen erlosch. Aber noch immer fühlte sie Starkillers Blick auf ihr ruhen. Es war nicht mehr der Blick eines Sith. Vor ihren gebrochenen, nun starr nach oben verdrehten Augen sah sie durch die Macht das gleißende Weißblau im Inneren Starkillers immer stärker nach außen dringen.
In jenem Moment wusste Shaak Ti, dass sie nicht versagt hatte. Ganz im Gegenteil. Sie hatte gewonnen. Die Jedi hatten gewonnen. Jetzt hier auf Felucia. Und schon bald in der gesamten Galaxis! Ihre Mission war erfüllt. Genau wegen dieser Mission hatte ihr Darth Plagueis alias Hego Damask damals das Komlink gegeben!
Starkiller eilte zurück zur Rogue Shadow, welche von seiner gleichaltrigen Pilotin Juno Eclipse auf einem riesigen Pilz geparkt worden war. Je weiter er sich von dem Sarlacc und der in diesen hineingefallenen Shaak Ti entfernte, desto mehr beschlich ihn das Gefühl, einen furchtbaren Fehler begangen zu haben. Shaak Ti schien die Wahrheit gesprochen zu haben. Er konnte es fühlen. Er hatte schon immer den Verdacht gehegt, dass Vader vieles vor ihm geheim hielt, was er glaubte, wissen zu müssen. Würde Vader wirklich so weit gehen und ihn verraten? Womöglich wegen diesem faltigen Greis auf dem Thron von Coruscant – nein Imperialem Zentrum? War es Zufall, dass er bei Shaak Tis Tod wieder einen ähnlichen Schmerz gefühlt hatte wie bei dem letzten Jedi, den er auf Raxus Prime im Auftrag seines Meisters gemeuchelt hatte?
Ja, gemeuchelt! Das war das richtige Wort. Der versprengte Jedi hatte auf diesem Müllplaneten inmitten seiner Puppen gehaust und niemandem etwas zuleide getan. Genausowenig wie Shaak Ti in jener Dschungelwildnis sich um den Lauf der Galaxis gekümmert zu haben schien. Waren die Jedi wirklich gütig, genügsam und selbstlos, wie in ihrer Propaganda aus früheren Zeiten, welche sein Meister ihm gegenüber immer als infame Heuchelei gebrandmarkt hatte? Je mehr Starkiller sich der Rogue Shadow näherte, desto mehr wichen diese Selbstzweifel. Juno kam immer näher. Juno würde immer auf ihn warten. Sie würde immer für ihn da sein. Auch wenn sein Meister … Nein! So etwas durfte er nicht denken!
Als sich das Maul des riesigen Erdtieres über ihr geschlossen hatte, war die Dunkelheit für Shaak Ti vollkommen. Sie spürte, wie sich der Sarlacc um sie herum aufbäumte. Sie hörte noch sein verzweifeltes Brüllen. Seine Wehklage über den Verlust seiner Freundin und Beschützerin. Sie fühlte seinen Schmerz.
Shaak Tis letzte Gedanken galten dem Klonsoldaten Tup, der damals im Todeskampf vor ihr auf der Bahre in der Klinik des Regenplaneten Kamino gelegen hatte. Sie hörte noch im Geiste Tups letzte zwei Worte:
„Endlich – Frei!"
Zeit, Eins mit der Macht zu werden. Dann fühlte Shaak Ti nichts mehr und sank ins Bodenlose.
Note der Autorin: In diesem Kapitel sind ganz viele Begebenheiten und Zitate aus dem Roman von Sean Williams zum gleichnamigen Videospiel "The Force Unleashed" enthalten. Es gibt insgesamt drei verschiedene Versionen von Shaak Tis Tod. Einmal wird sie von Anakin Skywalker im Tempel während der Order 66 getötet, einmal von General Grievous. Und einmal von Starkiller im oben erwähnten Videospiel. Keine der drei Versionen ist Kanon, weshalb auch der weitere Verlauf meiner Geschichte dem Kanon nicht widerspricht, es sei denn, George Lucas oder J.J. Abrams fühlen sich irgendwann bemüßigt, Shaak Tis Schicksal noch einmal minutiös aufzuarbeiten, womit ich im Moment nicht wirklich rechne.
