Epilog
Die Gryffindors schafften den
Schuljahresabschluss mit null Punkten und Dumbledore dekorierte unter
dem Jubel aller Gryffindorschüler die Klos der Schule in rot-gold,
während die Große Halle beim Abschiedsfest in kühlem grün-silber
glänzte.
"Nächstes Schuljahr machen wir wieder den Hauspokal",
verkündete Peter selbstsicher, während sie im Schatten grüner Banner
Grillhähnchen abnagten. Die kräftige Sommersonne fiel in harten
Strahlen in die Halle, brach sich im Silber und Grün und tauchte die
Tische in eine Urwald-Atmosphäre.
James dachte noch nicht an das
nächste Schuljahr, er freute sich auf die Ferien, er freute sich
darauf, Jaqueline zu besuchen und er hoffte, dass Sirius zu ihm kommen
konnte, und er war gespannt, ob der Plan, den er mit Sarah ausgetüftelt
hatte, funktionieren würde. Er sah sich in der Großen Halle um, vor
einem Jahr hatte er hier gesessen und war froh gewesen, ein Gryffindor
zu sein. Jetzt hatte er das Gefühl, als würde das nicht stimmen, er
konnte damals noch gar nicht froh sein, er wusste noch nicht, was es
hieß, ein Gryffindor zu sein. Erst jetzt er konnte er sich darüber
freuen. Und plötzlich war die Schule genau so, wie er sie sich
vorgestellt hatte: voller Rätsel und Abenteuer.
Ein
unangenehmer Druck machte sich in Severus' Kopf breit, der Bahnsteig
war zu voll und zu laut. Kreischende Schülerinnen, die ihren Eltern um
die Hälse fielen, nach ihren Enkeln rufende Großeltern, vor
Wiedersehensfreude heulende Geschwister. Er wollte hier nur weg.
Severus hielt fast schon verzweifelt nach der Hauselfe Ausschau, Binki
war noch nie zu spät gekommen. Ein erschreckender Gedanke schoss ihm
durch den Kopf: Was, wenn sein Großvater ihn abholen kam?
Doch da zupfte etwas an seinem Umhang.
"Master Severus, Sir. Binki hat sie nicht gefunden, es tut Binki so leid, Sir."
Severus konnte vor Erleichterung das Lächeln nicht unterdrücken.
"Das
macht nichts, Binki. Es ist gut, dass du da bist." Dann erinnerte er
sich an etwas und fügte hinzu: "Und ich verbiete dir, dich dafür zu
bestrafen." Sein Großvater hat es den beiden Hauselfen zwar nicht
befohlen, ihm zu gehorchen, aber Binki tat es trotzdem, weil er ja zur
Familie gehörte. Binkis Vater, Tolliver, war da ganz anders. Für
Tolliver war Severus genauso wie für seinen Großvater das dreckige
Halbblut, daher war es Severus aber um so wichtiger, Binkis Zuneigung
nicht zu verlieren.
Der Druck in seinem Kopf wurde immer stärker.
Severus griff nach seinen Sachen und sagte: "Lass uns gehen, Binki." In
dem Moment bemerkte er die grünen Augen in der Menge, sie lächelten ihn
an und blinzelten zum Abschied.
Eine
mit dunklem Holz getäfelte Diele nahm den Platz ein, den gerade noch
der Bahnsteig beansprucht hatte. Der Lärm war hartnäckiger und Severus
hörte ihn noch, als schon die schweren Schritte im Wohnzimmer seine
Nackenhaare aufrichteten.
"Na endlich, das hat ja wieder gedauert",
begrüßte sie ein großer Mann mit einem grauen, sauber gestutzten Bart.
Er trug einen dunkelbraunen Umhang und eine schwarze mit Silber
bestickte Weste.
"Geh in die Küche und hilf Tolliver mit dem
Abendessen, wir haben Gäste, Binki", wies er die Hauselfe an und baute
sich vor Severus auf. Er war gut vier Köpfe größer als der Junge und
mindestens vier mal so breit, doch das, was Severus am meisten
fürchtete, waren seine Augen. Graue, kalte Augen, die ihn wie ein
Insekt musterten, ihn durchdrangen und aufsaugten, was immer sie
fanden, um es dann wie Gift auszuspucken.
"Zeugnis." Er warf Severus
das Wort vor die Füße, wie dem Bettler eine milde Gabe, von der man
glaubte, dass er sie nicht verdiente.
Severus brauchte nur einen
Handgriff, um das Papier aus seiner Tasche zu ziehen, doch der
ungeduldige Blick seines Großvaters zeigte ihm, dass es nicht schnell
genug war. Trotzdem entstand in Severus ein kleiner Triumph, er war
schnell genug, dass sein Großvater es nicht mit Worten kommentieren
konnte.
"Im Fliegen habe ich nichts anderes erwartet, nur echte Zauberer kommen mit dem Besen zurecht."
Mr. Prince reichte Severus das Zeugnis zurück und ging ohne ein weiteres Wort zurück ins Wohnzimmer.
"Kümmere
dich um Miss Faustus, sie ist im Garten", kam noch die knappe Anweisung
von der Tür. Severus brachte den Koffer in sein Zimmer und lief in den
Garten, er wollte das dunkle Haus schnell verlassen und möglichst viel
Raum zwischen sich und seinen Großvater bringen.
"Hi!" begrüßte ihn
eine piepsige Stimme, die fast wie die einer Hauselfe klang. Das
Mädchen war nur ein Jahr jünger als Severus, doch mit ihrem runden,
unschuldigen Gesicht und den großen blauen Augen sah sie wie ein
Kleinkind aus.
Severus knurrte einen Gruß und sah sich misstrauisch
um, dann griff er nach ihrem Handgelenk und zog sie in einen entlegenen
Winkel des Gartens und hinter einen mächtigen Rhododendron. Dahinter
lagen Dornensträucher, doch ein verborgener Zugang erlaubte es den
beiden, in das Gestrüpp zu schlüpfen, ohne von den Zweigen zerkratzt zu
werden. Nach einem schmalen Tunnel erreichten sie ein Höhle aus
dornigen Zweigen und fleischigen Blättern. Sie bot erstaunlich viel
Platz und war gemütlich eingerichtet. Eine Plane schützte den Innenraum
vor Regen und der Boden war mit alten Teppichen ausgelegt, an der einen
Seite stand eine kleine Truhe und daneben ein zusammengerollter
Schlafsack.
"Erstaunlich gemütlich", kommentierte das Mädchen und
schob sich den Schlafsack in den Rücken, um bequemer zu sitzen. Severus
warf ihr einen bösen Blick zu.
"Wie geht es dir?", fragte er merklich ungeduldig. das Mädchen kicherte.
"Es ist sooo lieb, dass du versuchst höflich zu sein", scherzte sie und zog ein dünnes Bündel Umschläge aus der Umhangstasche.
"Hier,
halt dich daran fest, dann kannst du sicher auch besser atmen und die
Zähne kleben dir nicht so aufeinander", spottete sie lächelnd.
Severus
nahm die Umschläge und öffnete das Band, das den Stapel gehalten hatte.
Es waren vier Briefe, einer an ihn, einer an seine Schwester und zwei
an sie beide adressiert.
"Alisya hat eine Wohnung in London, sie hat
sie schon in den Osterferien gemietet und sporadisch eingerichtet",
erzählte er, den Blick auf den Umschlag mit dem Namen seiner Schwester
gerichtet.
"Sie ist nicht mit dir hierher gekommen? Nicht einmal um sich zu verabschieden?"
Severus schüttelte den Kopf.
"Wenn
ich eine eigene Wohnung hätte, würde ich auch keinen Fuß in dieses Haus
mehr setzen. Sie hat gemeint, ich könnte sie in den Ferien besuchen,
aber ich weiß nicht, ob sie das wirklich will. Die Briefe hat sie auch
nicht mehr beantwortet."
Es folgte eine Pause, in der Severus die Briefe drehte, und von allen Seiten betrachtete.
"Sev, ich gehe nächstes Jahr auch nach Hogwarts. Ich werde die Briefe nicht mehr holen können, außer in den Ferien."
"Das ist schon in Ordnung, Alice. Ich werde einen anderen Weg finden", antwortete Severus, doch seine Stimme klang schwach.
"Wieso schickst du ihm nicht einfach eine Schuleule, er kann ihr dann den Antwortbrief gleich mitgeben."
Severus schüttelte energisch den Kopf.
"Nein,
das ist zu gefährlich, er könnte es herausfinden, er könnte ihn töten,
er hat sein Leben schon zu genüge zerstört. Ich werde nicht riskieren,
dass er stirbt."
Alice senkte den Blick und sie hörten dem milden
Wind in den Zweigen über ihnen zu. Dann stubste Alice Severus an und
grinste breit: "Erzähl mir von Hogwarts! Gibt es dort Drachen?"
