Broken
Kapitel 25
Desaster voraus
Ginny und Pansy saßen in angenehmer Stille in Pansys Zimmer. Pansy durchsuchte ihren Schrank nach der heilenden Creme. Ginny rauchte immer noch vor Wut und sorgte dafür, dass der Handabdruck auf ihrer Wange in einem noch dunkleren Rotton leuchtete. Ginny wusste nicht, was sie wegen dem Foto machen sollte. Es war nicht so, als könnte sie es abstreiten. Sie hatte ja sogar Harry und Ron erzählt, dass sie mit Draco zusammen war. Sie war so verloren und verwirrt.
"Mach dir keine Sorgen. Alles wird gut", sagte Pansy. Sie setzte sich neben Ginny und öffnete die Creme.
"Du weißt, deine Fähigkeit, die Gefühle anderer Leute zu lesen, ist irgendwie nervig", antwortete Ginny verpielt. Pansy trug die Creme auf ihrer Wange auf. "Du weißt schon, dass ich das auch allein tun kann."
"Du kannst es nicht ordentlich tun, wenn du nicht siehst, was du tust. Und ich weiß, dass du wegen dem Foto frustriert bist, aber vielleicht ist das auch etwas Gutes."
"Was kann daran gut sein?"
"Tja, jetzt, wo die ganze Schule von euch beiden Bescheid weiß, müsst ihr es nicht länger verstecken."
"Ich glaube nicht, dass Draco jemand ist, der gerne seine Zuneigung öffentlich zur Schau stellt", sagte Ginny sauer.
"Er hat schon viel mitgemacht. Auch du musst dir das eingestehen", sagte Pansy mit einem spitzen Blick.
"Ich weiß. Wie war er so, bevor ich ihn getroffen hatte? War er wirklich so schrecklich, wie es den Anschein gemacht hat?", fragte Ginny ein wenig schüchtern.
"Ich glaube, das ist etwas, das dir Draco selbst erzählen sollte." Ginny sah bei Pansys Antwort verzweifelt aus. "Aber ich kann dir sagen, dass das Meiste von dem, das er immer gesagt oder getan hat, nur ein Schutzmechanismus war, außer es ging um dich. Ich kann dir aber nicht die Gründe dafür sagen."
Ginny konnte das verstehen. Sie war sich sicher, dass Dracos Erziehung eine große Rolle spielte bei dem, was er jetzt war. Sie war sich nicht sicher, ob er sich jemals komplett ändern würde, so wie Pansy es anscheinend glaubte. Ginny begann, sich in ihren Gedanken zu verlieren. Sie glaubte nicht, dass es ihr gefallen würde, wenn Draco sich drastisch verändern würde. Ihr gefiel er, so wie er war. Sie leibte seine lebhafte und sarkastische Einstellung. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht bemerkte, wie Pansy mit ihren Fingerspitzen die Creme in die Haut ihrer Wange einmassierte.
"Alles erledigt", sagte Pansy und riss Ginny damit aus ihren Gedanken über Draco.
"Oh, danke", sagte Ginny abwesend.
Die zwei verließen das Zimmer und fanden einen sehr angepisst aussehenden Draco und einen etwas besorgten Blaise vor. Draco ballte ständig seine Hände zu Fäusten und Blaise sah sehr blass und bestürzt aus.
"Was geht hier vor sich?", fragte Ginny und sahh von Blaise zu Draco.
"Draco weiß, wer das Foto von euch beiden gemacht hat", sagte Blaise.
"Wer?", fragten Ginny und Pansy. Sie verstanden nicht, warum Blaise wohl deswegen so besorgt aussah.
"Creevey", sagte Draco durch zusammengebissene Zähne.
"Oh ...", meinte Ginny. Sie hätte es wissen sollen. Creevey war der einzige Junge in der Schule, der sich komplett dem Fotografieren verschrieben hatte.
"Ich verstehe nicht, warum du dann so besorgt aussiehst", sagte Pansy zu Blaise.
"Er ist besorgt wegen dem, das ich in Kürze tun werde", erklärte Draco. Er klang immer noch ziemlich wütend und böse. Ginny ging zu ihm hinüber und setzte sich neben ihn.
"Warum ist er besorgt wegen dem, was du tun willst? Ich dachte, dass er dich eher dabei unterstützen möchte", fragte Ginny.
"Er ist besorgt, dass du böse wirst, wenn ich etwas tue."
"Oh ... Woran hättest du gedacht?" Bei ihren Worten ruckte Dracos Kopf in ihre Richtung und er sah ihr tief in die Augen.
"Meinst du das ernst? Du würdest nicht versuchen, mich aufzuhalten?", fragte Draco ungläubig.
"Tja, du darfst ihn nicht umbringen." Draco machte bei Ginnys Worten einen Schmollmund. "Aber ich will auch wissen, was du vor hast. Und ich denke nicht, dass Malfoys je einen Schmollmund gemacht hatten." Ginny sagte den letzten Teil mit einem Grinsen.
"Das war kein Schmollmund", sagte Draco steif und schmollte weiter.
"Uh huh ...", sagte Ginny und zog eine Augenbraue hoch.
Die vier saßen da und dachten über das Foto nach und darüber, was Draco wohl Creevey antun würde. Sie alle wussten, dass Draco mehr tun würde als bloß mit ihm zu sprechen. Er könnte vielleicht mit Sprechen anfangen und auch beabsichtigen, sich bloß mit ihm zu unterhalten, aber sie wussten alle, dass seine Fäuste seine Worte sicherlich bald ersetzen würden.
"Wir sollten vermutlich schlafen gehen", sagte Ginny, als ihr die Stille und die Gedanken an Draco, der Colin ins Gesicht schlug, zu viel wurden.
"Ja, ich schätze, du hast Recht", sagte Pansy.
Ohne ein weiteres Wort standen Pansy und Blaise auf und gingen gemeinsam in Pansys Schlafzimmer. Draco verwandelte die Couch wieder in das Bett und legte sich mit Ginny in seinen Armen hin.
"Was sollen wir bloß wegen dem Foto tun?", fragte Ginny. Sie hatte sich an Dracos Brust gekuschelt.
"Ich werde morgen mit Creevey darüber sprechen."
"Das ist nicht genau das, was ich gemeint habe."
"Ich weiß. Ich weiß aber nicht, was wir deswegen tun sollen. Wir müssen sehen, was morgen passiert."
Ginny nickte und schlief sofort ein. Draco blieb noch einige Stunden lang wach. Er sah hinunter auf den feurigen Rotschopf in seinen Armen und er konnte gar nicht glauben, dass er wirklich daran dachte, das auch durchzuziehen, was ihm in den Sinn gekommen war.
Pansy, Blaise und Ginny saßen am nächsten Tag beim Mittagessen am Slytherin Tisch. Sie beobachteten ständig den Eingang und den Gryffindor Tisch. Die drei waren sehr nervös. Sie wussten alle, dass wenn Draco gesagt hatte, er würde sie später zum Mittagessen treffen, dass er damit meinte, er würde in der Zwischenzeit Creevey suchen. Nun war das Essen bereits fast vorbei und weder Draco, noch Creevey waren aufgetaucht. Die drei hätten Creevey nicht in der Großen Halle erwartet, wenn Draco ihn gefunden hätte. Sie wussten, dass Draco gewalttätig werden und Creevey wahrscheinlich im Krankenflügel landen würde, sobald Dracos "Unterhaltung" mit ihm zu Ende geführt war.
Draco ging durch die Gänge des Schlosses und suchte nach diesem Dussel Creevey. Er wusste, dass er es wahrscheinlich am besten gut sein lassen und sich darum kümmern sollte, wenn er sich etwas beruhigt hatte, aber die Malfoy'sche Seite in ihm ließ ihn einfach weiterlaufen. Seine Gedanken drehten sich nur um sein Zielobjekt: Creevey. Der Junge konnte von Glück sprechen, dass Draco sich nicht noch gestern Abend auf die Suche nach ihm gemacht hatte, als er das Foto zum ersten Mal gesehen und Ginny deswegen geweint hatte.
Die ganze Schule hatte an diesem Morgen darüber gesprochen, und Draco zweifelte daran, dass sie demnächst damit aufhören würden. Sie fragten sich alle, warum die Gryffindor Löwin und der Slytherin Prinz sich nicht wie ein Pärchen benommen hatten, obwohl das Foto doch etwas ganz Anderes zeigte. Die Gerüchte verbreiteten sich in der Schule wie ein Lauffeuer. Die meisten Schüler sagten, Draco und Ginny hätten wegen dieses Bildes mit einander Schluss gemacht. Für Draco erschien dies wie ein leichter Ausweg für Ginny, zumindest gegenüber ihrem Bruder und Harry.
Draco war so in seine Gedanken versunken, dass er den hellbraunen Schopf, der vor ihm stand, fast nicht gesehen hätte. Wenn Creevey nicht in genau dem Moment gehustet hätte, wäre Draco wahrscheinlich direkt an ihm vorbei gelaufen. Zu Dracos Glück und zu Creeveys Pech hatte Draco Creevey sofort gehört und wiedererkannt.
Creevey stand gerade da und suchte etwas in seiner Tasche. Ruhig trat Draco näher an ihn heran und wartete geduldig, bis Creevey ihn bemerkte. Er lehnte sich mit den Händen in seinen Hosentaschen ruhig an die Wand. Zeig ihnen nie, dass du wütend bist. Lasse das Überraschungsmoment seine volle Wirkung tun. Und am allerwichtigsten, bleibe ganz normal, so als wäre nichts gewesen. Diese Worte gingen Draco immer wieder durch den Kopf, während er dastand und auf Creevey wartete. Die Worte waren so klar und deutlich wie am ersten Tag, an dem er sie zu hören bekommen hatte.
Draco war noch nie jemand gewesen, der aus einem Impuls heraus reagierte. Alles, das er bis auf wenige Ausnahmen je getan hatte, hatte er sich wohl überlegt und gut durchgeplant. Die kleineren Ausnahmen waren etwa der Zwischenfall mit dem Hippogreifen und als er Ginny vor und während dem Halloween Tanzfest geküsst hatte. Egal wie sehr und wie laut sein Unterbewusstsein ihm sagte und ihm förmlich entgegen schrie, einfach zu handeln, hatte er sich fast immer unter Kontrolle.
Nun stand er da an die kalten Steinmauern des Schlosses gelehnt und sein Unterbewusstsein befahl ihm, Creevey einfach anzuspringen. Schlag zu, Fragen stellen kannst du später. Colin hatte großes Glück, dass Draco sich so beherrschte. Anscheinend hatte Colin heute generell schon großes Glück gehabt ... bis jetzt.
Colin hörte auf, in seiner Tasche zu kramen, und stand einen Augenblick lang sehr still. Er hatte diesen Ausdruck in den Augen, den jemand bekommt, wenn sich die Nackenhaare aufstellten und es einem kalt über den Rücken lief. Sein ganzer Körper war steif geworden und sein Blick suchte den Gang ab - wo er Draco überraschenderweise übersah. Draco sah, dass Colin den Rücken ein wenig durchstreckte und sich so gerade wie möglich hinstellte. Draco räusperte sich ein wenig und Colins Kopf ruckte in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Als er Draco sah, traten seine Augen ein wenig hervor, bevor er sie zu schmalen Schlitzen verengte.
"Bisschen schreckhaft heute, Creevey?", fragte Draco mit gefährlicher Stimme. Er drückte sich von der Wand ab und ging langsam auf ihn zu.
"Was willst du, Malfoy?", fauchte Creevey.
"Na, na ... hast all deine Manieren und deine Schüchternheit vergessen und plötzlich über Weihnachten ein Rückgrat bekommen. Ziemlich beeindruckend. Bravo." Draco sprach das letzte Wort in einem ziemlich gelangweilten und sarkastischen Tonfall aus. Er klatschte langsam und laut in die Hände, um Creevey noch weiter einzuschüchtern.
"Wenn du hier bist, um mich einzuschüchtern und mich zu beschuldigen, dann kannst du dich gleich wieder verziehen", sagte Creevey und überraschte Draco noch einmal.
"Du solltest eigentlich wissen, weshalb ich hier bin", sagte Draco. Er blickte voll Langeweile auf seine Fingernägel hinab. Nur sein Tonfall verriet seine wahre Absicht.
"Oh, ich verstehe. Das Foto. Was ist los, Malfoy? Bist du angepisst, dass es die Leute nun schwarz auf weiß haben, dass du doch nicht so herzlos bist, wie du es gern hättest?", fragte Creevey in provozierendem Tonfall, aber Draco konnte die unterschwellige Furcht deutlich wahrnehmen.
"Weißt du wirklich nichts besseres mit deinem Leben anzufangen, als von anderen Leuten Fotos zu machen, wie sie ihr Leben leben? Was für ein krankes Vergnügen bereitet es dir wohl, wenn du dein Leben hinter einer Kamera vergeudest und du Bilder von Anderen machst?", fragte Draco mit einem kleinen Grinsen. Er wusste, dass er ihn provozierte, und er war willens und bereit, ihn noch weiter zu provozieren. Er konnte spüren, wie er langsam die Kontrolle verlor, als die Bilder von Colin, wie er Ginny und ihm nach Hogsmeade folgte, in seinen Gedanken auftauchten.
"Was ich in Hogsmeade gesehen habe ... was auf diesem Bild zu sehen ist, ist der größte Klatsch, der in der Schule je verbreitet wurde, und vermutlich wird er das auch für immer bleiben. Ein Malfoy, der eine Weasley küsst und mit ihr zusammen ist! Das ist unbezahlbar. Jeder hasst und liebt das zugleich. Es gibt kein besseres Leben als das, wo ich so etwas der breiten Öffentlichkeit präsentieren kann", sagte Creevey. Draco dachte nun, dass er sogar noch gruseliger war, als er es mit seiner Obsession mit Potter je gewesen war.
Draco hielt es nicht länger aus. Creeveys Worte waren der letzte Strohhalm gewesen. Nun ging es nicht länger nur darum, dass er das Foto geschossen hatte, sondern auch um die Hintergründe, die hinter dieser Tatsache standen.
Mit einer eleganten Bewegung stand Draco nur noch wenige Zentimeter von Creevey entfernt. Ginnys besorgtes Gesicht tauchte in Dracos Gedanken auf und er zwang sich selbst, sich noch einen Moment lang zurückzuhalten. Dann, als Creeveys Mundwinkel sich nach oben zogen, als er versuchte zu grinsen, veränderte sich Ginnys Gesichtsausdruck. Sie war nicht mehr besorgt, weil Draco kämpfte, sondern weinte wegen Harry, Ron und dem Foto. Der Grund für das Foto war Creevey. Deshalb war Creevey auch der Grund für Ginnys Tränen. Niemand brachte Ginny zum Weinen und kam damit davon. Harry und Ron würden in Zukunft nicht damit davonkommen, und genauso wenig Creevey.
Draco riss seine Faust zurück und warf sie dann mit voller Kraft nach vorne, bis sie in Creeveys hässliches Gesicht knallte. Colins Hände gingen hoch zu seiner Nase und er taumelte ein paar Schritte nach hinten. Draco nutzte diese Möglichkeit, um ihm ein paar Mal in den Bauch zu boxen. Creevey schnappte nach Luft, beugte sich vornüber und fiel beinahe auf den steinernen Boden.
Draco dachte, dass Colin noch viel mehr verdient hätte, aber er wollte niemanden treten, der schon auf dem Boden lag. Creevey war um einiges kleiner als Draco und auch in seinem Zorn konnte Draco sich nicht dazu aufraffen, den kleinen Dussel weiter zu schlagen. Besonders da er deutlich kleiner war und nicht so viel einstecken konnte, wie es bei einem größeren Menschen der Fall gewesen wäre.
Draco lehnte sich vor und ergriff Creevey im Genick. Er zwang Creevey hoch, damit er mit seinem Blick auf dem selben Level war. Colins Nase blutete und seine Lippe begann gerade anzuschwellen.
"Du hast Ginny damit in größere Gefahr gebracht, als du es dir auch nur vorstellen könntest. Wahrscheinlich in größere Gefahr, als jeder Todesser es könnte. Ich will, dass du dich an das erinnerst und du damit leben musst. Sollte ihr irgendetwas passieren, ist es deine Schuld", sagte er mit Grabesstimme.
Creeveys Augen wurden tellergroß bei Dracos Worten. Draco schaute ihn bloß böse an und ließ ihn grob wieder auf den Boden zurück fallen. Mit einem letzten Todesblick wirbelte er auf dem Absatz herum und ging in Richtung der Großen Halle davon.
"Man möchte meinen, dass jemand, der außgerechnet mit Ginny Weasley zusammen ist, stolz sein und sich nicht schämen würde. Du hast sie nicht verdient. Sie verdient nur das Beste und die größte Zuneigung. Jeder in dieser Schule weiß, dass du nicht das Beste für sie bisst. Warum sie dich ausgewählt hat, kann sich niemand denken, denn sie hätte es um einiges besser treffen können." Creeveys Worte sorgten dafür, dass Draco stehen blieb. Er musste tief Luft holen, um sich zusammenzureißen und Colins Gesicht nicht in den Boden zu treten. Langsam drehte er sich um und starrte Creevey böse an, bevor er zurück zu den Anderen in die Große Halle ging.
Pansy, Blaise und Ginny wollten schon aufstehen und in den Unterricht gehen, als sie sahen, dass Draco in die Große Halle kam. Er sah noch wütender aus als vorhin, als er loszog, um Colin zu finden. Sie fragten sich, was Creevey wohl gesagt hatte, damit er Draco womöglich noch zorniger gemacht hatte als zuvor schon.
Ginny sah, wie Draco seinen Kopf in ihre Richtung drehte und sein Blick etwas sanfter wurde. Dabei musste sie lächeln. Obwohl sie wusste, dass er wütend war und heute keinen guten Tag hatte, war es gut zu wissen, dass wenigstens sie seine Stimmung etwas heben konnte. Ohne ihre Augen von ihm abzuwenden, beobachtete sie, wie er direkt auf sie zu kam. Er hatte einen Ausdruck in den Augen, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Der Blick war begehrlich, fast schon bedürftig. Sie war sich nicht sicher, ob ihr das gefiel oder nicht.
Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Pansy und Blaise einander einen Blick zuwarfen. Ginny war sich nicht sicher, aber sie dachte, dass sie beinah amüsiert aussahen. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Draco zu. Sie hoffte, bald herauszufinden, was geschehen war und was Draco empfand.
Draco lief direkt auf Ginny zu. Er war sich der anderen Schüler in der Großen Halle deutlich bewusst und wie aufgeladen die Atmosphäre war, aber es war ihm egal. Alles, das zählte, war, dass er zu Ginny gelangte. Er beschleunigte seine Schritte und war in weniger als einer Minute bei Ginny angelangt.
Ohne ein Wort ergriff Draco Ginnys Kinn und drückte es etwas nach oben. Er sah ihr tief in die Augen, bevor er begann, sie leidenschaftlich zu küssen. Ginny zögerte nur einen Augenblick lang, bevor sie sich komplett in dem Kuss verlor. Sie lehnte sich näher an ihn und gewährte ihm Einlass in ihren Mund. Langsam und voll Bedauern trennten sie sich nach einem Moment oder so, obwohl beide den Kuss eigentlich nicht beenden wollten. Sie sahen einander tief in die Augen und wussten, dass sie beide diesen Kuss gebraucht hatten. Ginny musste wissen, dass sie das jetzt tun konnte, wann auch immer sie wollte, und sie es nicht mehr zu verstecken brauchte. Und Draco musste wissen, dass er gut genug für sie war.
Er wusste, dass ein kleiner Teil von dem, was Creevey gesagt hatte, die Wahrheit war. Ginny hatte Zuneigung verdient. Draco wusste, dass sie dies dringend brauchte, und er war fest entschlossen, ihr alles zu geben, das sie benötigte. Er wollte nicht daran denken, dass was Creevey gesagt hatte, von wegen Draco hätte Ginny nicht verdient, stimmen könnte. Er wollte glauben, dass er sie sehr wohl verdient hatte, dass er nicht so war, wie alle Anderen dachten, und dass er sehr wohl fähig war, Zuneigung zu geben und zu empfangen. Irgendwo ganz hinten in seinen Gedanken konnte er aber nicht anders als sich zu fragen, ob er sie wirklich verdient hatte und ob er wirklich der Beste wäre für sie. Er hatte so viel Schaden verursacht, körperlich und geistig. Auch wenn er nicht derjenige war, der zuerst das Wort oder die Faust erhob, so war er doch derjenige, der alles heraufbeschworen und es damit genauso schlimm gemacht hatte. Ginny wäre besser dran gewesen, wenn er sie heuer allein gelassen hätte. Sie hätte es schon durchgestanden und könnte dann so bald wie möglich davon laufen. Zumindest dachte er das. Es gab nur eines, das er tun musste, und er wusste nicht einmal, ob das das Richtige war.
