Nach so viel Drama, Qual und Lebensgefahr haben sich die Helden ein bißchen Freude und Entspannung verdient, meint Ihr nicht? Besten Dank an Slytherene, die wie immer buntgelesen hat. Jetzt aber viel Vergnügen bei…
Kapitel 25: Glück
Severus Snape trommelte unruhig mit den Fingerkuppen auf das abgenutzte Holz seines Schreibtisches. Er sah zur Tür, erhob sich und durchquerte das Büro mit gemessenen Schritten, nur um an dem breiten Regal, das die rechte Seite der Tür einnahm, verdrossen kehrtzumachen. Auch wenn er es sich nicht eingestand, nagte der Gedanke, Catriona noch immer im Hause der Malfoys zu wissen, an ihm, ließ ihm keine Ruhe und versetzte ihn in eine Stimmung, in der man ihm besser aus dem Weg ging.
Sie hatte eindrucksvoll bewiesen, daß sie durchaus in der Lage war, auf sich zu achten, aber es mißfiel ihm, sie gerade jetzt nicht bei sich zu haben. Der erste beinahe sorgenfreie Tag – er hätte alles gegeben, ihn nicht allein verbringen zu müssen.
Natürlich war Malfoys Reaktion nur folgerichtig gewesen. Unwillen erweckte die Geste dennoch.
Der Tränkemeister stützte den Kopf in die Hände, bereit, einen Moment kindischer Eifersucht zuzulassen, als es vernehmlich an der Tür klopfte.
Sein Körper versteifte sich. Reflexartig nahm er die kerzengerade Position ein, in der ihn Besucher stets vorfanden. Freudige Erwartung prickelte in seiner Brust, und für einen Augenblick dachte er überrascht, wie einfach es gewesen sei, Catriona herbeizuwünschen.
Durch die Tür trat jedoch nicht die rothaarige Tränkemeisterin, sondern Draco Malfoy. Snape gab sich keine Mühe, die Enttäuschung zu verbergen. Mit steinerner Miene verfolgte er jeden Schritt des Jungen, bis dieser vor seinem Schreibtisch Halt machte.
„Komme ich ungelegen, Professor?"
Obgleich ihm die Aufregung ins blasse Gesicht geschrieben stand, klang Dracos Stimme fest, und diese Demonstration von Mut nahm Snape für ihn ein. Sein Blick wurde milder. Immerhin hatte ihm der Junge das Leben gerettet. Zeit, daß er trotz aller Strenge wohlverdiente Dankbarkeit bekundete.
„Keineswegs, Mr. Malfoy", sagte er darum aufgeräumt. „Nehmen Sie ruhig Platz."
Draco ließ sich steif auf der äußersten Kante des Besucherstuhls nieder – eine Geste, die Snape nur allzu vertraut war.
„Ich sollte mich bei Ihnen melden, Sir", erinnerte Malfoy förmlich.
Der Tränkemeister nickte bestätigend.
„Miß Granger haben Sie nicht zufällig mitgebracht?" erkundigte er sich trocken.
Draco schüttelte entschieden den Kopf.
„Na schön." Snape erhob sich verdrossen, aber nicht verärgert. Er würde das Prozedere eben später noch einmal wiederholen, darauf kam es jetzt wirklich nicht mehr an. Er betrachtete eindringlich einen formalinkonservierten Molch, dessen mißgestaltetes Herz überdeutlich durch die pergamentähnliche Haut zu erkennen war.
„Tatsachen blickt man am besten ins Auge", sagte er unvermittelt und wandte sich zu Draco um. „Sie haben mit viel Engagement und großem Können dazu beigetragen, mein Leben zu retten. Dafür möchte ich Ihnen meinen Dank aussprechen."
Er streckte Malfoy die Hand hin, der verdattert aufsprang und zunächst zögerte, sie zu ergreifen, als könne er nicht fassen, was er gerade gehört hatte.
„Überdies", Snape schürzte die Lippen, „überwiegt selbstverständlich meine Freude über Ihren Erfolg bei weitem mein Mißfallen über Ihren Destillationsfehler. Ich fürchte, mein Verhalten ließ Zweifel daran aufkommen."
Draco blinzelte verwirrt, schluckte nervös und fragte schließlich vorsichtig: „Ist das eine Entschuldigung, Sir?"
Der Tränkemeister wölbte eine Braue. „Ihre Auffassungsgabe ist wirklich bemerkenswert", befand er so trocken, daß die Worte zu knirschen schienen, doch ein winziges Lächeln leuchtete in seinen dunklen Augen. „Nehmen Sie die Entschuldigung an?"
Es rührte ihn, wie Draco, vor Aufregung bald blaß, bald rot, zutiefst erleichtert nickte.
„Da bin ich ja beruhigt." Snape nickte ihm zu und kehrte an seinen Schreibtisch zurück. „Übrigens", gab er ihm verschwörerisch mit auf den Weg, „ich finde, Ihr Einsatz ist durchaus fünfzig Hauspunkte extra wert."
Draco nahm das Lob würdevoll hin, doch seine Augen verrieten, wie sehr ihm gerade die Anerkennung seines Hauslehrers bedeutete. Mit einem überschwenglichen „Vielen Dank, Professor!" lief er eilig hinaus.
Snape sah ihm versonnen nach. Es fühlte sich eigenartig an, Zeuge einer solch ehrlichen, tiefen Freude zu werden – eigenartig und angenehm. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Die Entschuldigung vorzubringen, war ihm schwergefallen, doch Dracos Dankbarkeit wog die Unannehmlichkeit vielfach auf. Verblüfft stellte er fest, daß sich die schlechte Stimmung von vorhin nicht wieder einstellen wollte. Sein Blick fiel auf die jüngste Ausgabe der Ars Potionis, von der er bisher nur das Titelblatt wahrgenommen hatte: eine stilvolle Balkenwaage, aus deren goldenen Wagschalen getrocknete Kräuter hervorlugten. Erwartungsvoll schlug er das Heft auf und begann zu lesen.
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Nachdem Snape ihn entlassen hatte, war Draco schnurstracks in die Eulerei gelaufen – nicht etwa, um seine Eltern von seinen Heldentaten in Kenntnis zu setzen, sondern einzig, um eine bestimmte Person zu treffen.
Hermione Granger stand mit fröstelnd hochgezogenen Schultern an einer der breiteren Einflugöffnungen. Ihr nachdenkliches Gesicht erhellte sich, als sie sah, wer die Treppen mit langen Schritten erklomm.
„Und?" begrüßte sie ihn ungeduldig. „Wie ist es gelaufen?"
„Er hat sich bei mir entschuldigt", fiel Draco mit der Tür ins Haus. „Stell dir das vor!" Sein Tonfall kündete noch immer von absoluter Fassungslosigkeit.
Hermiones Augen wurden groß. „Aber das ist doch toll!" rief sie begeistert. „Ich hätte nicht gedacht, daß..."
„Außerdem hat er sich bedankt", unterbrach Malfoy ihren Satz. „Und mir fünfzig Hauspunkte verliehen."
„Das solltest du als sein Lieblingsschüler nicht überbewerten", gab sie trocken zurück und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, als er beleidigt die Lippen verzog. „Guck nicht so! Ich habe recht, und du weißt es."
Ihr zuckersüßes Grinsen versöhnte ihn gegen seinen Willen. Am liebsten hätte er sie für eine Weile einfach nur angesehen. In dem warmen Braun ihrer Augen tanzten verschmitzte Lichter, und ihr Haar kräuselte sich weich im Nacken. Zum ersten Mal nahm er die hübschen Grübchen wahr, die das Lächeln in ihre Mundwinkel zauberte.
„Ich wäre ewig um sein Büro geschlichen, wenn du mich nicht gescheucht hättest", sagte er ein wenig zu hastig und sah an ihr vorbei auf eine graue, dösende Eule.
„Im Antreiben bin ich gut", gab Hermione schlagfertig zurück, doch als die Worte heraus waren, hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Zwar profitierten Ron und Harry auch regelmäßig von ihrer Hartnäckigkeit, aber mit ihnen war sie befreundet. Sie zuckte unbehaglich die Schultern.
„Du warst schließlich im Recht", sagte sie entschieden.
„Hmm." Draco rieb sich die Hände. „Ich bin dir noch eine Einladung schuldig", sagte er dann, glücklich, daß ihm dieser Geistesblitz rechtzeitig gekommen war. Es bedurfte nur eines winzigen Schwenks mit dem Zauberstab, um eine blutdunkle Rose zu erschaffen, die er Hermione mit großer Geste überreichte.
„Am Samstag im 'Arboretum'. Nimmst du an?"
Sie hielt die Rose behutsam wie einen kostbaren Schatz. „Sehr gern", sagte sie, und ihre Stimme vibrierte nur ein klein wenig. „Ich freue mich."
„Ich warte auf dich um sechs am Südtor." Draco zwinkerte ihr zu. „Bis dann!" Er sprang die Treppen hinunter und dankte allen Mächten, daß niemand das verrückte Grinsen sah, das sich über sein Gesicht ausbreitete.
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„Ein Stückchen Gebäck, Professor Snape?" Das gewaltige Silbertablett schien für die dünnen Ärmchen des Hauselfen viel zu schwer – dennoch balancierte er es mit einer Grazie, die den Tränkemeister beinahe rührte. Mit einem knappen Kopfschütteln bedeutete er dem Wesen, weiterzugehen und rührte konzentriert in seiner Tasse. Albus Dumbledore hatte zum Tee in sein Büro gebeten, aber natürlich wußte jeder der Anwesenden, daß es im Grunde darum ging, MacGillivrays Audienz bei Voldemort auszuwerten.
„Wo ist eigentlich die Protagonistin?" erkundigte sich Tonks flapsig und versetzte ihren Tee mit einem beachtlichen Schuß Zitrone. Snape warf ihr einen bissigen Blick zu. Auf Tonks war Verlaß, kein Fettnäpfchen auszulassen. Zwar fragte auch er sich, was Catriona im Hause der Malfoys hielt, aber er hütete sich selbstverständlich, diese Gedanken jemandem mitzuteilen.
Minerva McGonagall setzte zu einer Erwiderung an, unterbrach sich jedoch selbst und lauschte mit geneigtem Kopf.
Das charakteristische Donnern, das eine Anreise über das Flohnetzwerk mit sich brachte, drang gedämpft von draußen herein. Im nächsten Augenblick klopfte es forsch an die Tür.
Während sich Dumbledore und McGonagall verblüfft ansahen, grinste Tonks von einem Ohr zum anderen, und Snape hörte sie etwas von „Timing" murmeln. Der Schulleiter ließ die Tür mit einem Wink seines Zauberstabes aufspringen.
„Verzeihen Sie die Verspätung", sagte Catriona MacGillivray sachlich und nickte jedem kühl-freundlich zu. Ihre Augen blitzten hinter der filigranen Brille, und sie wirkte kein bißchen zerzaust durch die unbequeme Anreise.
„Sie kommen im rechten Moment", bemerkte Dumbledore amüsiert und bedeutete ihr, Platz zu nehmen. Der Hauself servierte Tee. Snape entging nicht, daß sie mit einem höflichen Nicken das angebotene Gebäck akzeptierte.
„Professor Snape hat gewiß bereits berichtet, daß alles hervorragend gelaufen ist", sagte sie mit klingendem Akzent. „Sonst säße zumindest ich nicht hier."
Während McGonagall mißbilligend über den Rand ihrer Brille hinwegsah, lächelte der Schuldirektor nur milde.
„Wir wollten das Gespräch gemeinsam mit Ihnen führen", sagte er diplomatisch.
Catriona lächelte ironisch. „Mich interessiert vor allem eines", bekannte sie ohne Vorrede. „Wieso war das Theater leer?"
Tonks legte den Löffel klirrend auf der Untertasse ab und rieb sich zufrieden die Hände. „Einer der Schächte, die zum Ableiten überschüssiger arkaner Energie genutzt werden, hatte leider eine Fehlfunktion", berichtete sie in einem Tonfall, der berechtigte Zweifel über die Echtheit ihres Bedauerns aufkommen ließ.
MacGillivray seufzte. „Voldemort war ausgesprochen wütend", sagte sie ernst. „Ich glaube, er hat nur keine Beweise, daß der Orden selbst die Finger im Spiel hatte. Vielleicht dachte er nicht, daß man so kaltblütig den Chef des Werwolffangkommandos opfern würde. Und seine Frau gleich mit."
„Das war ungeplant!" rief Tonks erregt in die betroffene Stille hinein. Rote Flecken erschienen auf ihren Wangen. „Wir würden nicht…"
„Hunters Tod hat ihn besänftigt", schaltete sich Snape völlig ruhig ein. „Zumindest vorläufig. Nur so läßt sich erklären, wieso er Miß MacGillivrays Erfolg derart hoch zu würdigen wußte."
„Hat er ihr das Mal angeboten, oder was?" spottete Tonks und biß sich erschrocken auf die Lippen, als die Tränkemeisterin ostentativ nickte und sie mit einem schillernden Blick durchbohrte.
„Herpos Basilisk!" entfuhr es der jungen Aurorin entsetzt. „Wie sind Sie denn aus der Sache wieder rausgekommen?" Ihr Blick klebte an MacGillivrays linkem Handgelenk, das von der dunkelgrünen Robe verdeckt wurde, die sie trug. „Sind Sie doch, oder?" fügte sie nervös hinzu und kaute an der Unterlippe. Die Schottin hatte begonnen, mit bühnenreifer Dramatik den Ärmel hochzuschieben.
Nicht nur Tonks war die Erleichterung anzusehen, als nur blasse, sommersprossige Haut zum Vorschein kam.
„Bin ich", sagte MacGillivray trocken und zwinkerte der Aurorin in einer freundschaftlichen Geste zu. „Ich habe die unvergleichliche Ehre höflich abgelehnt." Ihre Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln.
„Und er hat akzeptiert?" fragte Tonks fassungslos.
Die Tränkemeisterin nickte. „Ich stehe selbstverständlich immer zur Verfügung, wenn meine Dienste erforderlich sein sollten." Sie wölbte vielsagend die kupfernen Brauen. „Ich habe großes Glück gehabt", setzte sie hinzu. „Auch wenn ich Hunters Tod bedauere – er hat uns vor einem furchtbaren Wutausbruch bewahrt."
Sie hielt Dumbledores Blick ohne ein einziges Blinzeln stand. Schließlich nickte der Alte nachdenklich.
„Ich wünschte, Derartiges wäre Ihnen erspart geblieben", sagte er ehrlich. „Sie hätten verletzt werden können – oder Schlimmeres. Danke, daß Sie sich so eingesetzt haben."
MacGillivray neigte den Kopf. „Abgesehen davon, daß jeder seinen Beitrag geleistet hat", sagte sie kühl, „wäre mir eine Sache wichtig. Malfoy und Granger sind wirklich über sich hinausgewachsen – zeichnen Sie sie dafür aus. Die beiden haben ein Potential, das man unbedingt fördern sollte."
Ein anerkennendes Lächeln erhellte McGonagalls strenges Gesicht. „Keine Sorge", versprach sie, sichtlich angetan von dem Uneigennutz in den Worten der Tränkemeisterin, „für angemessenes Lob wird gesorgt werden." Sie schenkte sich Tee nach.
„Was ist mit Ihrer Arbeit?" erkundigte sie sich ein wenig besorgt. „Haben Sie schon Kontakt zur Flamelstiftung aufgenommen?"
Catriona setzte die Brille ab und rieb sich die Augen. „Das habe ich", bestätigte sie. „Ein bißchen erschreckt mich, wie weit Voldemorts Einfluß zu reichen scheint."
„Wieso?" Snape streckte sich in seinem Stuhl.
„Ellen Tillinghast meinte lediglich, ich hätte mich in zwei Wochen in Brasilien einzufinden, um endlich meine Arbeit weiterzuführen", gab MacGillivray heiter Auskunft. „Bedenkt man, auf welche Weise ich diese unterbrechen mußte und daß sie von mir seither nichts gehört hat, ist dies mehr als ungewöhnlich."
Albus Dumbledore schenkte ihr ein väterliches Lächeln. „Der Orden hat gewisse Möglichkeiten", sagte er geheimnisvoll. „Belassen wir es dabei."
Sekundenlang war die Tränkemeisterin sprachlos, dann nickte sie knapp, ohne sich für ihr Erröten zu schämen.
Sie leerte die Teetasse und erhob sich geschmeidig. „Wenn Sie mich entschuldigen wollen", sagte sie geschäftig und lächelte ihr kühles, unverbindliches Lächeln. „Wir sehen uns morgen. Ich danke Ihnen allen."
Es bedurfte nur eines flüchtigen Blickes, um in Snapes dunklen Augen eine stille Übereinkunft zu lesen.
Tonks' sympathisches Lächeln begleitete sie, als sie das Büro verließ und seelenruhig die Treppen in die Kerker hinabstieg.
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Snape holte sie auf dem Gang vor seinem Büro ein. „Geschlossen", bemerkte er trocken und deutete mit seinem Zauberstab auf die Tür.
MacGillivray hob in gespielter Überraschung die Brauen.
„Ich würde gern deine Meinung zu meiner jüngsten Charge Alraunenwein einholen." Obwohl er die Worte völlig ernst ausgesprochen hatte, glitzerte Belustigung in seinen schwarzen Augen.
Catriona nahm graziös seinen dargebotenen Arm. „Du hast Glück", gab sie neckend zurück. „Zufällig verstehe ich mich auf Alraunenwein bestens."
Er führte sie in sein Quartier und schloß sorgsam die Tür. Eine Weile standen sie sich wortlos gegenüber – gleichzeitig nervös und überglücklich. Sie verlor sich in dem endlosen Dunkel seiner Augen; er starrte fasziniert auf die winzige Eidechse, die den Steg ihrer Brille formte.
Schließlich fielen sie sich in die Arme. Snape barg das Gesicht in ihrem kupfernen Haar und flüsterte gepreßt: „Ich bin so froh, daß du hier bist."
Sie streichelte seine Schultern. „Und ich erst!" bestätigte sie nachdrücklich und schluckte an sentimentalen Tränen. „Wenn du wüßtest, wie sehr ich mich auf diesen Moment gefreut habe."
Es gab keine Tätigkeit, kein Gespräch im Hause der Malfoys, bei dem sie nicht an ihn gedacht hatte.
„Ach Caít…"
Als seine Lippen die ihren berührten, fiel alle Anspannung der letzten Wochen von ihm ab. Sie schmeckte nach der herben Frische kanadischer Haselwurz, und an ihrem Finger, mit dem sie seine Wange liebkoste, vermeinte er, den Hauch von Perubalsam auszumachen.
Entsetzt erkannte er, wie sehr er ihrer bedurfte. Sie machte ihn glücklich; in ihrer Gegenwart verblaßten Pflicht und Ärgernisse zu Lächerlichkeiten, schreckten ihn selbst Audienzen beim Dunklen Lord kaum noch. Das Eingeständnis dessen versetzte ihn in schwindelerregende Euphorie.
„Ich liebe dich, Caít", hörte er sich sagen, bevor sie in einem berauschenden Taumel aus glückseliger Zweisamkeit versanken und Zeit jegliche Bedeutung verlor.
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Severus Snape regte sich, blinzelte und schlug verwirrt die Augen auf. Sein Quartier war in mattes Licht getaucht, wie stets am Morgen, und während er sich noch fragte, was ihn geweckt haben mochte, stützte sich neben ihm Catriona MacGillivray gerade so weit auf, daß sie ihm direkt in die Augen sehen konnte. Ihr eindringlicher Blick, voller Aufmerksamkeit und Liebe, verursachte ihm eine Gänsehaut.
„Wer könnte bei solchen Augen unbeschwert schlafen?" erkundigte er sich neckend und küßte sie.
„Wir haben nicht viel geschlafen", korrigierte sie ihn trocken. Er sah sie streng an, verfolgte, wie das Glitzern in ihren Jadeaugen zunahm und brach schließlich mit ihr in unbeschwertes, albernes Gelächter aus.
„So kenne ich dich gar nicht", sagte MacGillivray amüsiert. „Nicht, daß es mir nicht gefallen würde…"
Sie schmiegte sich an ihn und genoß für eine Weile schweigend die köstliche Nähe.
„Was wirst du mit soviel Freizeit anfangen?" erkundigte sich Snape schließlich. „Zwei ganze Wochen Urlaub…"
MacGillivray schnaubte despektierlich. „Am Montag bin ich zum großen Wohltätigkeitsdinner der Flamelstiftung eingeladen – als Repräsentantin selbstverständlich", verkündete sie, doch ihr Tonfall verriet, daß sie sich auf die Veranstaltung freute. „Ich muß Lucius Malfoy doch davon überzeugen, daß ein Teil seines Vermögens in der Förderung der Wissenschaft gut angelegt ist."
„Ich dachte, die Stiftung ist nur Veranstalterin…" warf Snape ein und setzte sich auf.
MacGillivrays melodisches Lachen entlockte ihm einen pikierten Blick. „Da kennst du Ellen und alle, die über ihr das Sagen haben, schlecht", belehrte sie ihn liebenswürdig. „Es geht immer auch darum, eine Investition in die Wissenschaft als erstrebenswerte Geldanlage darzustellen." Obgleich sie mit einer gewissen unbeteiligten Ironie darüber sprach, ahnte Snape, daß solche Überzeugungsarbeit ihren Ehrgeiz anstachelte. Vielleicht genoß sie Prunk und High Society sogar für einen Abend.
Mit einem Schwenk seines Zauberstabes erschuf er zwei Tassen verführerisch duftenden Kaffees. Catriona schnupperte genießerisch, bevor sie mit geschlossenen Augen von dem aromatischen Gebräu kostete.
„Vorzüglich", lobte sie geziert. „Mindestens so gut wie der Kaffee bei den Malfoys."
Snape verdrehte die Augen und zog sie besitzergreifend an sich, so daß sie mit dem Rücken gegen seine Brust gelehnt saß.
„Hast du von deiner Familie gehört?" erkundigte er sich höflich, ohne jedoch wirklich nachempfinden zu können, wie sehr sie das lange Schweigen gequält haben mußte. Er war früher stets dankbar gewesen, sich aus dem Staub machen zu können. Keine Nachricht von daheim bedeutete, daß alles beim Alten war.
„Meine Eltern haben uns eingeladen", erzählte Catriona in unverbindlichem Plauderton, als sei dies das Natürlichste der Welt. „Ich war schon ewig nicht mehr zu Hause."
Snape versteifte sich, und seine Hand ruhte schwer auf MacGillivrays Schulter. Wenn er ehrlich war, hatte er sich niemals gefragt, ob sie ihn ihrer Familie gegenüber erwähnt hatte. Ihr Zusammensein war ihm immer wie ein Traum erschienen, wundervoll für die kurze Zeit, in der sie vereint waren, aber flüchtig, sobald er die Augen öffnete. Zu tief der Schmerz, der ihre Abwesenheit hinterließ, um sie überhaupt herbeizusehnen.
„Du willst mich deiner Familie vorstellen?" fragte er entgeistert und nahm einen tiefen Schluck aus der Kaffeetasse.
„Severus!" Der Tonfall hätte ihn geärgert, wenn er nicht so herablassend gewesen wäre. Sie sah ihn an, als spräche sie mit einem unreifen Kind, so daß ihn gegen seinen Willen eine Welle von Scham erfaßte.
Verlegen änderte er die Taktik. „Ich kann das wirklich nicht annehmen", sagte er hastig. „Deine Eltern wollen ihre Tochter endlich wieder sehen, nicht…außerdem habe ich wirklich keine Zeit."
Über MacGillivrays feingeschnittenes Gesicht breitete sich ein Grinsen aus.
„Weißt du, was alles liegengeblieben ist, während ich…indisponiert war?" verlangte Snape anklagend zu wissen. Vor objektiven Tatsachen konnte sie unmöglich die Augen verschließen. Aber ihr Grinsen wurde nur strahlender, und nun nickte sie auch noch in einer spöttischen Imitation echten Bedauerns.
„Haben sie wirklich mich mit eingeladen?" lenkte er mißmutig ein und rieb sich verlegen die Nase.
Catriona hielt es für unter ihrer Würde, darauf zu antworten. Sie wölbte nur vielsagend die Brauen. Ohne den Blick abzuwenden, langte sie geschickt nach ihrer Brille und beförderte sie an ihren Platz.
„Aber nur ein paar Tage, vielleicht ein Wochenende", gab Snape endgültig klein bei und bewältigte das Kunststück, gleichzeitig grantig und gönnerhaft dreinzuschauen.
MacGillivray lächelte hoheitsvoll. „Ein bißchen Urlaub wird uns beiden nicht schaden", befand sie sachlich und erhob sich elegant. „Hast du heute schon etwas vor?"
Geschickt fing sie das wie ein Geschoß heransausende Kissen und schleuderte es lachend zurück. „Ich verstehe. Brauen mit dem großen Meister. Darf ich vielleicht zuerst noch frühstücken?"
Snape schwenkte majestätisch den Zauberstab, woraufhin sich sein Schreibtisch in eine gedeckte Tafel verwandelte, die Catriona überrascht durch die geöffnete Schlafzimmertür beäugte.
„Bitte sehr, Madame."
Verblüfft stellte er fest, daß ihm nicht nur das Geplänkel ein geradezu diebisches Vergnügen bereitete, sondern daß er auch zum ersten Mal seit Monaten echte Vorfreude verspürte: mit ihr den Tag zu beginnen, gemeinsam zu speisen und dann Seite an Seite im Laboratorium zu arbeiten, ohne Zwang, einzig geleitet durch ihrer beider Passion – die Braukunst. Wenn man das Glück nannte, war er im Augenblick der glücklichste Mensch auf Erden.
Hier endet Kapitel fünfundzwanzig.
Vielen Dank an J.K. Rowling für die Erfindung dieser faszinierenden Charaktere. Catriona MacGillivray gehört jedoch mir. ;-)
