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In den fünf Wochen, die sie nun in Alexandria waren, hatte Daryl jede Chance genutzt der Mauer zu entfliehen. Er trieb sich im Wald herum und sah sich um, so wie immer. Dort hatte er Aaron angetroffen und ihn kurzerhand mitgenommen.

Sie standen an einer Lichtung und sahen wie Buttons gerade von einer Gruppe Beißer angegriffen wurde. Noch bevor sie eingreifen konnten, fielen zwei der Beißer zu Boden, Schüsse hatten ihre Gesichter zerfetzt. Jemand musste ihnen gefolgt sein. Aaron und Daryl kümmerten sich um den Rest der Biester und wurden weiterhin gedeckt, denn die Streuner aus dem Wald fielen direkt zu Boden, sobald sie aus dem Dickicht heraustraten. Daryl sah zu Aaron, der sein Gewehr ebenfalls schussbereit hielt.

Für ihn war es nicht so offensichtlich, wer ihnen nachgelaufen war, doch Daryl konnte sich schon denken, wer es war. Er bedeutete Aaron das Gewehr zu senken und streckte selbst die Hände in die Luft.

„Was machen Sie da?" fragte Aaron ungläubig und runzelte verärgert die Stirn. „Wir werden angegriffen!"

„Stehen wir noch hier oder nicht?"

Aaron kam Daryls Bitte nach, doch war er sichtlich unzufrieden mit der Entscheidung des Neuen. Daryl holte Luft und pfiff. Dann sahen sie jemanden aus dem Wald treten. Seine Vorahnung war bestätigt worden: Maskiert und schwerbewaffnet. Natürlich. Er ließ die Hände wieder sinken und deutete mit dem Finger auf Judiths verdecktes Gesicht. „Du kannst es nicht lassen, stimmt's?"

Aaron blickte zwischen ihnen hin und her. „Wer ist das?"

Judith drehte den Kopf zu Daryl und wartete auf einen Hinweis.

„Er ist ok, er wird nichts sagen."

„Was werde ich nicht sagen? Kann mir mal jemand erklären, was hier los ist?"

Judith zog die Maske über den Kopf und Aaron riss die Augen auf. „Sie?"

„Ich hoffe, Sie können Geheimnisse für sich behalten", sagte Judith zur Begrüßung.

„Ja, sicher, nur weiß ich nicht, wozu das gut sein soll?!"

Sie kam auf die Männer zu und sah Aaron mit ihrem Blick an. Daryl hasste es, wenn er das abgrundtief Böse in ihr aufsteigen sehen konnte.

„Tun Sie's einfach", sagte sie mit dem Tonfall, den Daryl ebenfalls nicht ausstehen konnte. Er fragte sich, ob es ihm deshalb nicht passte, weil er sie noch ganz anders in Erinnerung hatte. Oder eher ein Ideal von ihr. In der Zeit ohne sie hatte er sie offenbar glorifiziert und sie in seinen Gedanken heilig gesprochen.

Die Enttäuschung über das Gegenteil war anscheinend zu unerträglich, jetzt schoss sie mindestens genau so gut wie er. Nein, sie schoss besser. Und nicht, weil er es ihr beigebracht hatte, sondern sie sich selbst. Das Gefühl von Nutzlosigkeit machte sich in ihm breit.

„Wir sollten zurückgehen. Es ist zu gefährlich", sagte Aaron und Daryl kam mit seinem Bewusstsein zurück ins Jetzt. Sein Blick wanderte über Judiths Gestalt: klein, mager, mit Messern behangen. Sie brauchte ihn nicht. Die Erkenntnis war nicht die beste Art sich Mut zu machen. /

„Ja, los geht's", murmelte Daryl und setzte sich in Bewegung. Judith folgte ihm und Aaron blieb einen Augenblick stehen, um die beiden zu betrachten. Sie liefen nicht nebeneinander, sondern hintereinander. Jeder hatte eine feste Aufgabe und sie kommunizierten ohne ein Wort. Er fragte sich, was die beiden für eine Geschichte hatten. Und warum Deanna diese Frau zum Wäschewaschen eingeteilt hatte. Ihre Qualitäten lagen offenbar in einem völlig anderen Bereich.

xxx

(Inspiriert von 'Messiahbolical', Whitechapel)

Nachmittags hatte Judith sich zurück nach Alexandria geschlichen, um nicht mit Daryl und Aaron zusammen reingehen zu müssen. Ihre Abwesenheit war nicht bemerkt worden und das sollte so bleiben. Aaron wollte, dass sie auf die Party von Deanna gingen, doch Judith würde sich lieber an einen Baum ketten und dann von Beißern zerfleischen lassen als sich den ganzen Abend verzweifelt an einem Plastikbecher mit schalem Bier festzuklammern.

In ihrer Waschküche versteckte sie ihre Kleidung und zog die Sachen an, die man ihr gegeben hatte. Sie hatte seit einer Ewigkeit keine Jeans mehr getragen oder Schuhe, die weniger als ein gefühltes Kilogramm wogen. Verkleidung, Maskerade – es war grotesk. Egal, wohin sie kam, sie war nie sie selbst. Außer vor wenigen Stunden, da war sie frei gewesen.

Die Überlegung einfach abzuhauen stand immer noch im Raum. Daryl wäre ohne sie besser dran. Sie sah ihm an, dass es ihn quälte sie jeden Tag zu ertragen.

Kurz vor Einbruch der Nacht ging sie zu der Villa, in der ihr Teil der Gruppe lebte und schloss sich im Bad ein. Die Party würde sie nicht besuchen, aber die Zeit nutzen, anderen Verpflichtungen nachzugehen. Ihr Kopfhaar musste dringend geschoren werden, diese Friseurin wollte sie aber nicht an sich heranlassen. Jemand Fremdes mit einer Schere an ihrem Kopf... Das war definitiv nicht die Art von menschlichem Kontakt, den sie sich gerade wünschte.

Waschen wollte sie sich auch. Achtlos warf sie die Kleidung auf den Boden und sah wieder in den Spiegel. Mit nichts an als einer Shorts und einem Bustier stand sie da und betrachtete ihren ausgemergelten und vernarbten Körper. Ein Anflug von Ekel beschlich sie, doch wurde sie abgelenkt.

Sie hörte wie die Haustür aufging und griff sofort nach dem Jagdmesser, das sie an das Waschbecken gelegt hatte. Leise lehnte sie sich gegen die Badezimmertür und horchte. Schritte. Jemand schlich durch das Untergeschoss auf die Tür zu, hinter der sie sich gerade befand. Dummerweise hatte sie das Licht nicht sofort ausgemacht. Es klopfte.

„Ich weiß, dass du da drin bist", lallte Aiden auf der anderen Seite. Erschrocken fuhr sie zurück in die Mitte des Raums. Er war betrunken, ein Ergebnis der Willkommensparty. Judith schluckte ihre Angst sofort herunter und umklammerte das Messer noch fester.

„Mach schon auf, ich will nur mit dir reden!"

Sie sah sich um und überlegte, ob sie einfach durch das Fenster verschwinden sollte. Von außen warf sich Aiden mit voller Wucht gegen die Tür. „Mach die Tür auf!" brüllte er und Panik überrollte sie. Hastig entriegelte sie das Fensterschloss und schob es nach oben.

In dem Moment krachte die Badezimmertür hinter ihr auf und Aiden flog auf den Boden. Judith drehte sich um, damit sie ihn im Auge hatte. In seiner Hand war eine Schusswaffe und sie erstarrte. Er sollte erst aufstehen und auf sie zukommen, dann könnte sie ihm die Waffe abnehmen und ihm eine Kugel durch den Kopf blasen... Aiden rappelte sich bedrohlich schwankend auf und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Er fuchtelte auffällig mit der Waffe herum, sie sollte sich wohl unterlegen fühlen.

„Komm schon, Süße... Ich will wirklich nichts Böses, nur ein wenig Zeit mit dir verbringen", lallte er weiter. Sie wollte schreien und ihm das Gesicht zerstechen, doch musste er noch näher kommen. Ihr Atem ging so flach, dass sie kaum Luft bekam. Die Erinnerungen an die Schmerzen von früher ließen sie zittern. Aiden taumelte weiter auf sie zu und stand nun direkt vor ihr. „Ich will wirklich nichts Schlimmes von dir, mein kleines Mädchen..."

Der Geruch von Schnaps stieg ihr in die Nase und ihr wurde schlagartig schlecht. Dann merkte sie wie seine freie Hand in ihren Schritt glitt. Judith kniff die Augen zusammen und ließ es einen Moment über sich ergehen.

„So ist's gut", brachte er hervor, er war abgelenkt genug.

Ruckartig rammte sie ihm ihr Knie in die Eier und Aiden ließ von ihr ab. Er trat einen Schritt zurück und sah sie mit schmerzverzerrtem Gesicht an, während seine Hände in seine Körpermitte wanderten.

Mit aller Kraft schlug sie ihm ins Gesicht, seine Nase brach unter ihrer Faust und Blut lief über sein Gesicht. Vor Schmerz stöhnend betastete er sein Gesicht und betrachtete danach das Blut an seinen Fingern. Sie sah Wut in seinem Blick und er schien alle Schmerzen plötzlich zu vergessen, denn er riss die Waffe hoch und zielte auf sie.

Judith schlug seine Hand weg und die Waffe zerschmetterte den Spiegel, der sofort in eine große Menge Scherben zersprang und sich auf dem Boden verteilte. Aiden versuchte sie zu packen und zu sich zu zerren, doch er bekam sie nur an ihrem Handgelenk zu fassen.

Mit ihrer freien Hand versuchte sie die Waffe im Waschbecken zu erwischen, doch sie konnte sie nicht erreichen. Am Handgelenk umklammert wurde sie zurückgezogen und fiel zu Boden. Die Scherben schnitten ihr in die Beine. Aiden kauerte jetzt über ihr und drückte ihre Schultern mit seinen Händen nach unten.

Er versuchte unaufhörlich sie auf die Fliesen zu pressen, doch sie wehrte sich weiter, bis sie das Knie in seinen Bauch drücken konnte. Mit Schwung schubste sie ihn von sich, rollte sich seitlich weg und bekam das Jagdmesser in die Hand, was ihr am Fenster heruntergefallen war.

Aiden versuchte gerade sich am Schrank unter dem Waschbecken hochzuziehen, aber sie lief über die Scherben zu ihm und drehte ihn mit dem Rücken zum Schrank. Ohne zu zögern stach sie ihm das Messer direkt unter dem Schlüsselbein in die Schulter.

Einen Moment lang blieb sie vor ihm in der Hocke und sah zufrieden, wie das Blut aus der Wunde lief. Schreiend vor Schmerzen wand er sich und schnitt sich die Hose an den Scherben auf. Judith stand auf, schnappte sich die Waffe und richtete sie auf den Kopf des Mannes, der vor ihr saß. Er hatte sie nicht einmal entsichert.

„Erschieß' mich nicht, bitte!" flehte er wieder lallend und sie hielt inne. Hier war die Grenze. Tötete sie nur Mörder und Vergewaltiger oder auch Menschen, die 'nur' Arschlöcher waren?

Aiden war eins, keine Frage, aber er war dumm und hatte keine Ahnung von dem was er tat. Außerdem hatte sie sich verteidigen können, bevor er etwas anderes Dummes hätte tun können. Das war bei Randall allerdings auch der Fall gewesen... Während er schluchzend vor ihr saß und sich vor und zurück wiegte, fasste sie einen Entschluss.

„Steh auf und hör auf zu heulen", befahl sie Aiden und hielt ihm seine Waffe vor die Nase. „Na los."

Er gehorchte widerwillig und stand blutüberströmt vor ihr. „Und jetzt gehst du vor, ganz ruhig. Du tust was ich sage, sonst hast du eine Kugel im Kopf. Verstanden?" Er nickte. „Wie schön. Geh!"

Die Scherben des Spiegels knirschten unter seinen Schuhen und selbst auf den Fliesen der Villa hörte man ein Kratzen. Unsicher drehte er sich um und blickte sie an. Aiden fragte sich wohl, was sie als nächstes vorhatte. „Weiter, raus auf die Straße. Und nicht umdrehen."

Sie trieb ihn durch die kühle Abendluft. Dabei sah sie, dass die Messerspitze auf seinem Rücken wieder herausschaute. Die Klinge war also durch sein Fleisch gegangen. Sie hoffte, dass er die Schmerzen unerträglich fand und eine besonders hässliche Narbe behalten würde. Eigentlich hätte sie ihm noch sein ach so hübsches Gesicht zerschneiden sollen, damit der selbsternannte Weiberheld ein nettes Andenken an sie hatte. Doch die Wunde musste reichen für Judiths Genugtuung. „Weitergehen, zum Haus deiner Mutter."

„Was? Du kannst doch nicht...?" Wieder drehte er sich um und blickte sie an.

„Klappe halten und gehorchen. Mir ist es egal, wenn du stirbst. Deiner Mutter bestimmt nicht, oder?" Wütend und betont langsam entsicherte sie die Waffe und zielte genau auf seine Stirn. „Was hatte ich zum Umdrehen gesagt?" Er ging weiter und hielt sich die Schulter.

Die Party war in vollem Gange, sehr gut. Sie traten auf die Veranda und Judith stellte sich neben Aiden. Mit der geballten Faust klopfte sie zwei Mal an die Tür. Aidens Bruder Spencer öffnete und sie drückte ihre Begleitung in den Eingangsbereich.

„Wo ist Deanna?" fragte sie unvermittelt und Spencer deutete verängstigt und alarmiert Richtung Wohnzimmer. „Danke", erwiderte Judith übertrieben freundlich und drängte Aiden weiter. Im Durchgang zum Wohnzimmer trat sie Aiden mit dem Fuß in sein Hinterteil und er fiel vorwärts auf das Parkett, wo er winselnd liegen blieb. Die anderen Partygäste verstummten und starrten sie an. Rick kam herein und wollte eingreifen, doch hielt sie ihn zurück, indem sie mit der Waffe auf ihn zielte. „Warte", zischte sie.

Deanna kam in Judiths Blickfeld und wollte sich zu ihrem Sohn herunterbeugen. „Stehenbleiben", herrschte Judith sie an.

„Was haben Sie getan?" schrie Deanna aufgebracht.

„Erklären Sie mir das", sagte Judith laut und machte eine wirre Handbewegung in Aidens Richtung. „Was soll ich Ihnen erklären?" Deanna war verzweifelt.

„Wie es sein kann, dass Sie mir vor nur wenigen Wochen die sicherste Umgebung versprachen und Ihr beschissener Sohn hier", Judith wurde lauter, „heute eine abgeschlossene Tür eintritt, um mich anzugreifen!?"

„Er hat was...?" seufzte Deanna entrüstet und sah auf Aiden, der immer noch am Boden lag.

„Erklären Sie's mir. Erstaunen Sie mich, Deanna", knurrte Judith, die ganz vergessen hatte, dass sie halb nackt war.

„Was ist da passiert? Aiden, was hast du getan?"

„Ja, Aiden, was haben Sie getan?" fragte Rick bedrohlich. Er hatte sich genähert und den Verletzten im Auge behalten.

Aiden lallte: „Es ist wie sie gesagt hat... Ich... ich..."

Deanna hockte sich neben ihren Sohn und sah ihn entsetzt an. Dann blickte sie zu Judith.

„Bringen Sie ihrem Liebling hier Manieren bei. Und tun Sie es schnell, denn das hier ist die einzige Warnung, die ich aussprechen werde. Das nächste Mal schmeiße ich Ihnen nämlich nur seinen Kopf vor die Füße", spuckte Judith verächtlich aus und ließ die Waffe sinken.

Sie schritt auf Aiden zu, drehte ihn mit dem Fuß auf den Rücken, drückte denselben unterhalb der Wunde auf seine Brust und packte den Griff des Messers.

„Das gehört mir", säuselte sie ihm zu und zog es mit einem Ruck aus seiner Schulter. Er schrie auf und sie fixierte ihn mit einem Blick, der ihm deutlich machte, sich nicht wieder zu nähern.

„Ach ja, die hier behalte ich, falls ich im sicheren Alexandria doch mal nachts durch die Straßen laufen sollte. Man kann ja nie wissen", fügte sie hinzu und hielt die Waffe so, dass jeder sie sehen konnte. Da der Schock und das Adrenalin abflauten, ging sie humpelnd zurück zur Haustür und schlug sie fest hinter sich zu. Rick lief ihr sofort hinterher und folgte ihr auf die Straße.

„Judith! Warte! Bleib stehen", rief er und holte sie ein. /

„Verschwinde, Rick", sagte sie und ging unbeirrt weiter.

„Nein, du bleibst jetzt stehen und sagst mir was genau passiert ist", sagte er und fasste sie am Arm.

„FASS MICH NICHT AN!" brüllte sie völlig außer sich und hielt die Waffe erneut auf ihn gerichtet. Im Haus neben ihnen nahm Rick eine Bewegung im Fenster wahr, sah aber ununterbrochen zu Judith. Die Tür öffnete sich und Daryl kam auf sie zu.

„Und du verschwinde auch!" schrie sie Daryl an, der vermutlich nur den Lärm auf der Straße gehört hatte. Aaron stand verwundert im Türrahmen, sein Freund hinter ihm.

„Seht ihr das denn nicht? Es ist völlig egal, was da gerade passiert ist. Diese Menschen hier werden es nicht verstehen. Deanna denkt, sie wird alles in den Griff bekommen. Aber das wird sie nicht, niemals. Nicht solange ich hier bin... Ich bin nicht besser als all die Menschen dort draußen, vor denen wir geflohen sind... Ich hätte niemals mit euch herkommen sollen", schluchzte sie plötzlich unkontrolliert und ließ kraftlos die Hände sinken. Sie hatte Schnitte an den Beinen und Füßen. Klirrend fielen Waffe und Messer auf den Boden und sie sank auf ihre Knie. /

Daryl kam herbei und sah Rick von der Seite an. Judith weinte und starrte dabei ins Nichts. Ihr Schluchzen zerriss Daryl innerlich. Die Stärke, die sie nach außen zeigte, war also doch nicht alles, was von der alten Judith übrig geblieben war. Er ging vor ihr in die Hocke und drückte mit einem Finger ihr Kinn nach oben, sodass sie ihn ansehen musste.

„Judith, ich bin es. Sieh mich an... Sieh mich an. Ich werde deine Sachen kurz an mich nehmen, ok?" flüsterte er ruhig, steckte Waffe und Messer ein und betrachtete weiter ihr Gesicht.

Als sie keine Reaktion zeigte, erhob er sich und fasste sie mit einem Arm unter den Achseln, dann schob er seinen anderen Arm unter ihre Kniekehlen und hob sie hoch. Sie verlor das Bewusstsein. „Ich bringe sie ins Haus und werde mich um sie kümmern. Du regelst das da drin", verkündete er und Rick nickte.

Daryl ging los und trug sie ohne Mühe vor sich her. Sie wog kaum etwas und nun sah er auch wieso: Sie war halb tot gehungert.

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In der Villa legte er sie auf eins der Betten im Obergeschoss und suchte nach dem Erste-Hilfe-Schrank im Untergeschoss. Der Arzt sollte sie nicht anfassen, er würde es nicht zulassen. Auf seinem Weg zurück nach oben sah er die Badezimmertür, die eingetreten worden sein musste. Überall lagen Scherben und Blut. Viel Blut.

Ein Schauder lief ihm den Rücken herunter und er stieg die Treppen hoch. Was auch immer hier passiert war, sie lebte noch und das war die Hauptsache. Er tupfte die Wunden an den Knien und unteren Beinen ab. Dabei betrachtete er sie von Kopf bis Fuß, auch wenn er versuchte es nicht zu tun.

Ihr Körper war eine Ansammlung von dicken und wulstigen Narben, kein Körperteil war verschont geblieben. Sie sahen dennoch geordnet aus und ihm schoss George durch den Kopf; er war höchstwahrscheinlich die Ursache dafür, genau wie er es schon damals vermutet hatte, als er einen der Schnitte versehentlich sehr frisch hatte betrachten dürfen.

In all der Ordnung fiel ihm eine Anomalie auf, es war eine chaotische und großflächige Narbe im unteren Bauchbereich. Dort wo es zuerst sichtbar wurde, wenn eine Frau ein Kind in sich trug. Er hatte es bei Lori beobachtet, als sie mit der kleinen Nervensäge schwanger gewesen war.

Diese Frau vor ihm hatte wohl noch Schlimmeres durchgemacht, als er sich vorstellen konnte. Daryl sagte sich, dass es ihn nichts anginge und begann die Wunden mit Kompressen zu bedecken und zu bandagieren. Kurze Zeit später trat Rick ein und betrachtete Judith, die tief zu schlafen schien.

„Irgendetwas muss sie zu Tode erschreckt haben", begann Daryl gedankenverloren. „...Oder irgendjemand. Es braucht eine Menge, um diese Frau so sehr ins Mark zu erschüttern, dass sie einfach zusammenklappt und nicht direkt wieder wach wird. Rick, wer war das?"

„Damit wirst du wohl Recht haben... Aber sie hat ihn nicht getötet und dann wirst du es erst recht nicht tun. Verstanden? Sie wird ihre Gründe dafür gehabt haben und die will ich erst erfahren, bevor wir tätig werden. Wenn ich diese Gründe als unzureichend befinde, dann kannst du ihn haben. Er ist ohnehin ein Problem."

„Es war dieser Aiden, stimmt's?" murmelte Daryl und starrte Judith an. „Er hat sie vor ein paar Wochen schon einmal bedrängt, direkt nach dem Streit mit Glenn. Ist zu ihr in diese verfluchte Waschküche stolziert. Sie hat ihn dort reingelockt, ich dachte schon, sie würde ihn direkt abschlachten und als Dekoration an die Veranda hängen. Ich hielt sie für ein Monster, so wie sie sich selbst für eins hält... Vielleicht wegen des Typen, der dich geschnappt hatte, den sie nachher an die Wand genagelt hat, vielleicht auch wegen ihres zerhackten Vaters, ich weiß es nicht."

„Dass das hier passiert ist, ist nicht deine Schuld, Daryl", widersprach Rick heftig.

Daryl stand plötzlich auf und wollte den Raum verlassen, doch Rick hielt ihn zurück. „Wo willst du hin?"

„Na wohin wohl? Halt mich ja nicht auf, Sheriff."

„Du bleibst hier. Er wird gerade zusammengeflickt, sie hat ihm das Messer durch die Schulter gerammt, dass es auf der anderen Seite wieder rauskam. Ich denke, er hat gekriegt was er verdient."

„Woher willst du das wissen? Du hast doch gar keine Ahnung, was er ihr angetan hat!"

„Doch, ich weiß, dass er nichts getan hat, was in ihren Augen seinen Tod rechtfertigt. Sie hatte die Wahl und hat es nicht getan. Sie hat Deanna gesagt, dass sie es heute nicht tun würde. Und diese Frau da", er zeigte auf Judith, „tut nichts ohne vorher gut zu überlegen. Beruhige dich und kümmere dich um sie, das hat sie verdient. Und keine Rache, die sie vielleicht gar nicht braucht, weil sie irgendwas bezwecken will. Hast du darüber mal nachgedacht?"

Daryl schüttelte den Kopf und lief auf und ab. Dann wandte er sich dem Bett zu und setzte sich wieder neben Judith.

„Verschwinde jetzt", sagte er mit fester Stimme. Rick verließ daraufhin das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Auch der Sheriff hatte beim Anblick der Narben schlucken müssen. Es war ein Wunder, dass Judith überhaupt noch lebte.