Lieber spät als nie! Unser Wort zum Sonntag kommt von unserem rudeleigenen Entchen, welches sich einer Sache angenommen hat, die Hermione lange geärgert hat. Wahrsagen. Und Wahrsagen in Verbindung mit einem Gedicht ist wohl etwas Schreckliches… ;)

Ein herzliches Dankeschön geht an euch – ihr, die ihr uns unterstützt und bei Laune haltet. Danke sehr!

Noch ein Blick bei Kia gefällig?

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(Nehmt bitte die Leerzeichen nach www. und nach fanfiction. raus)

Das Rudel – Das Rudel – Das Rudel – Das Rudel

Stein oder Sein

von Kiamara

„Hermine! Es ist Freitag! Du kannst doch nicht schon wieder arbeiten!"
Hermine ließ den Stapel Bücher auf ihren Tisch im Gemeinschaftsraum fallen.
„Kann ich wohl, Lavender. Wenn es dir nichts ausmacht, könntest du mich jetzt in Ruhe lassen?"

Lavender musterte sie abschätzig.
„Du siehst zwar aus, als würdest du jeden Moment zusammen klappen, aber bitte."
Sie räumte ihre Pergamente auf den Nebentisch zu einem Stapel zusammen und verschwand nach draußen.

Hermine seufzte schwer und setzte sich an ihren Tisch, der unter den Bücherstapeln schon fast verschwand. Sie wollte es sich nicht wirklich eingestehen, aber Lavender hatte ausnahmsweise einmal wirklich ins Schwarze getroffen. Sie fühlte sich schon seit Wochen dauernd so, als könnte sie jeden Augenblick einschlafen.

Ohne den Kaffee, in den sie ihren Kürbissaft heimlich jeden Morgen verwandelte, würde sie das vermutlich auch tun – und sie brauchte mittlerweile zwei Becher, damit er wirkte. Nicht gut. Immerhin war sie erst vierzehn, da sollte sie eigentlich noch nicht koffeinabhängig werden.
Dazu noch der Stress wegen den nahenden Prüfungen und der Ärger mit Harry und Ron...

Nicht daran denken, ermahnte sie sich, als sie spürte, wie Tränen sich in ihren Augenwinkeln sammelten. Sie packte Feder und Tinte aus und dachte nur trotzig: Jungs. Sie werden schon irgendwann zur Vernunft kommen.
Sie schniefte und wischte sich rasch mit dem Robenärmel über die Augen, als sie diesen Gedanken weiterdachte. Vermutlich allerdings erst, wenn Seidenschnabel to- NEIN! Das wird nicht passieren!

Mit neuer Entschlossenheit beschloss sie, nach den Hausaufgaben noch zwei Bücher nach Fallbeispielen zu durchsuchen, die Seidenschnabel helfen konnten. Sie griff nach der Pergamentrolle mit dem angefangenen Aufsatz für Zaubertränke, las ihn noch einmal durch, zückte ihre Feder und schrieb mit drei aufgeschlagenen Büchern um sich herum weiter.

Drei Stunden später war sie mit Zaubertränke und Zauberkunst fertig und ihr Magen knurrte. Mit einem Blick auf ihre Armbanduhr stellte sie fest, dass sie das Abendessen schon fast verpasste hatte. Gamps Gesetz der elementaren Transfiguration verfluchend sprang sie auf und rannte beinahe durch das Schloss, um heute noch etwas zu essen zu bekommen.
Auf dem Weg verfluchte sie auch noch sämtliche Schüler, die sie im Gemeinschaftsraum hatten arbeiten sehen und wegen denen sie jetzt den Zeitumkehrer nicht benutzen konnte.

Vor der Großen Halle blieb sie keuchend stehen und hielt sich die schmerzende Seite. Einen Moment lang drehte sich alles um sie herum und schwarze Sterne blinken vor ihren Augen auf.
Sie presste die Lippen aufeinander und hielt sich an einer Säule fest, bis ihr Blick wieder klar wurde. Verdammt, sie konnte sich jetzt keinen Zusammenbruch leisten!

Tief durchatmend betrat sie schließlich die Große Halle und setzte sich neben Ginny, die gerade die letzten Reste ihres Tellers verputzte. Kaum hatte sie ihren eigenen Teller vollgeladen, verschwand das Essen von den Platten. Zum Glück blieb ihres da.
Hermine begann mit einer Geschwindigkeit zu essen, für die sie Ron unter anderen Umständen sicherlich gerügt hätte.

Ginny warf ihr einen besorgten Blick zu.
„Geht es dir gut? Du siehst ziemlich erledigt aus."
Hermine nickte stumm und aß weiter. Ginny musterte sie mit zweifelndem Blick.
„Du weißt, dass du nur den Mund aufmachen musst, wenn etwas ist, okay? Ich bin immer da, wenn du mich brauchst."
Hermine bekam ein schlechtes Gewissen.
„Ich weiß. Danke, Gin."

Sie zwang sich zu einem Lächeln, bevor sie die nächste Gabel voll Essen in ihren Mund schob. Es war nicht fair, Ginny so zu vernachlässigen, wie sie es momentan tat. Sie schwor sich, nach den Prüfungen einen ganzen Tag nur mit ihr zu verbringen.
Einen Moment später blickte sie erstaunt auf ihren leeren Teller. Sie war doch bestimmt noch keine zehn Minuten hier!
Ginny brach in Gelächter aus.
„Du machst Ron langsam echt Konkurrenz!"

Hermine musste auch lachen.
„Zu schade, dass er das nicht gesehen hat", gab sie zurück, ignorierte den Stich, der sie beim Gedanken an Ron jedes Mal durchfuhr, und stand auf.
„Du gehst schon?", wollte Ginny enttäuscht wissen.
„Sorry, Gin, ich hab noch viel zu tun."
„Hm", murmelte Ginny mit enttäuschter Miene und wandte sich ab.

Wieder im Gemeinschaftsraum setzte Hermine sich wieder an ihren Tisch und zog den nächsten angefangenen Aufsatz zu sich heran.
Und stöhnte.
Wahrsagen! Auch das noch!

Diesen Aufsatz hatte sie entgegen ihrer Gewohnheit tatsächlich tagelang vor sich hergeschoben, denn diesmal war Trelawney ein normaler Aufsatz nicht genug. Nein, zusätzlich wollte sie auch noch ein Gedicht haben!
Hermine zog eine Grimasse und äffte ihre Lehrerin im Flüsterton nach: „Dichten erweitert den Horizont! Dichten reinigt das innere Auge!" Sie schnaubte. „Schwachsinn."

Den Aufsatz hatte sie schnell fertig, doch das Gedicht wollte auch nach dem fünften Versuch nichts werden. Sie wusste ja nicht einmal, worüber sie dichten sollte! Frustriert knüllte sie das Pergament mit dem letzten Versuch zusammen und warf es zielsicher in den Kamin, wo schon die vier anderen Anfänge vor sich hin kokelten.

Seufzend strich sie sich die Haare aus der Stirn und ließ den Blick durch den menschenleeren Gemeinschaftsraum wandern. Ihre Mitschüler waren alle draußen an der frischen Luft, und mit einem Mal fühlte sie sich furchtbar allein. Nicht, dass es etwas Neues wäre – seit Krätze verschwunden war, hatte sie außer Ginny niemanden mehr, und die hatte sie gerade versetzt.

Ihr Blick wanderte über die Schreibtische und blieb schließlich an einem Stapel Bücher und Pergamente am Nebentisch hängen. Lavenders Hausaufgaben. Vermutlich hatte die den Aufsatz und das Gedicht schon seit Tagen fertig, und natürlich würde es von Trelawney wieder in den Himmel gelobt werden.

Neugier packte Hermine. Zu gern wüsste sie, was Lavender jedes Mal anstellte, um die komische Professorin zufrieden zu stellen. Sie biss sich auf die Lippe und sah sich noch einmal um. Sie war tatsächlich komplett alleine.
Noch bevor sie den Gedanken zu Ende denken konnte, hatte sie bereits ihre Hand ausgestreckt und Lavenders Pergamentrollen durchsucht, bis sie die für Wahrsagen gefunden hatte.

Während sie Aufsatz und Gedicht las, wurde ihr Gesicht immer länger. Manchmal starrte sie ungläubig auf die Worte, manchmal musste sie sich ein Lachen verkneifen, dann wieder schüttelte sie den Kopf. Als sie fertig war und die Rolle wieder fein säuberlich zu den anderen zurücklegte, hatte sich ein Entschluss in ihrem Kopf festgesetzt.

Sie würde nicht mehr versuchen, in Wahrsagen gut zu sein. Und nach den Prüfungen würde sie zu McGonagall gehen und sie darum bitten, das Fach nach den Sommerferien nicht mehr belegen zu müssen. Immerhin hatte sie laut all ihren Lehrern sowieso zu viele Fächer, also würde wohl keiner nein sagen.

Ein Knoten in ihrer Brust löste sich, ein Knoten, den sie überhaupt nicht bemerkt hatte. Lächelnd griff sie nach der Feder und begann zu dichten. Jetzt, wo die Würfel gefallen waren, flossen die Worte auf einmal.
Zusammen mit der Erinnerung an die Sprache, die Lavender verwendet hatte, war es nicht mehr schwer.

Nicht viel später war sie fertig und las es sich noch einmal durch. Es war zwar kein besonders gutes Gedicht, und mit Dingen wie Metrum oder Silbenzahl hatte sie gar nicht erst angefangen, aber sie war zufrieden, denn es würde Trelawney nicht schmecken.

Will ich in die Zukunft sehen,
Muss ich stets durch Wände gehen.
Wände aus Raum und Zeit,
Weder sehr hoch, noch sehr breit,
Doch sie halten die Welt in Schranken.
Ohne sie würde alles wanken,
Energie, Materie, Gedanken.
Je mehr versuchen, durch sie zu sehen,
Desto dünner werden sie.
Und ich will nicht so weit gehen,
Sie noch dünner zu machen, als sie sind,
Und das nur, weil ich es im Unterricht muss
Und nicht wirklich will.
Es geht nämlich schneller als der Wind,
Dass sie ganz verschwunden sind,
Und unsere Welt in Trümmern liegt.
Diese Wände sind aus Stein,
Und genauso soll es sein.

Sie ahnte nicht, dass sie gar nicht mehr bis zum Ende des Schuljahres warten musste. Sie ahnte nicht, dass sie schon in der nächsten Woche das Fach endgültig an den Nagel hängen würde.
Sie wusste nur, dass es ihr ohne den Leistungsdruck in diesem Fach wesentlich besser ging und dieses Gedicht die erste Hausaufgabe in Wahrsagen war, die ihr einmal Spaß gemacht hatte.

Lächelnd beschloss sie, heute endlich einmal so früh ins Bett zu gehen, dass sie Samstagmorgen aufstehen konnte, ohne sich wie gerädert zu fühlen.