Chapter Twentysix: Ein Wettlauf gegen die Zeit

Lara hatte entsetzliche Kopfschmerzen, als sie das Bewusstsein wiedererlangte und die Augen aufschlug. Es kam ihr vor, als hätte eine ganze Elefantenherde Spaß daran gefunden, auf ihrem Kopf herumzutrampeln.

Sie hörte, dass das Heulen des Windes höher geworden war und spürte den kantigen Felsboden unter sich. Mit einem Schlag wurde ihr bewusst, wo sie sich befand und was geschehen war.

Sie sprang auf und bereute es mit sofort wieder, als ihr Kopf schmerzend protestierte und sie mit einem Schwindelanfall quittierte. Sie lief zurück zu der Stelle, an der sie mit Bradek den hinteren Teil der Höhle betreten hatte. Sie schlängelte sich zwischen den Stalaktiten und Stalagmiten hindurch, kam aber nicht weit. Schon nach wenigen Schritten stieg sie in Wasser.

Erschrocken blickte sie zu Boden und musste feststellen, dass der Ausgang bereits überflutet war. Trotzdem ging sie weiter. Der Weg war abfallend und schon bald watete sie durch Knie hohes Wasser. Sie blickte frustriert nach vorne.

Bradek und das Boot waren bestimmt nicht mehr in der Grotte. Sie unterdrückte einen Wutschrei und stapfte zurück, dass das Wasser nur so spritzte.

Die Flut ist an keinem Tag so hoch wie heute, schoss ihr plötzlich Bradeks Satz durch den Kopf. Wie konnte sie nur so dumm sein? Sie hatte doch die ganze Zeit über gespürt, dass Bradek sie in eine Falle führen würde. Warum hatte sie bloß nicht genau auf ihr Gefühl gehört?

Sie lief zu den angeketteten Frauen und fröstelte, als der Wind durch ihre nasse Kleidung pfiff.

„Käthe! Käthe! Hörst du mich? Wach auf!" Lara war bei der mageren Frau angekommen und berührte sie, um sie aufzuwecken. Käthe zuckte unter der Berührung schmerzhaft zusammen. Gut, sie lebte. Die Frau schlug ihre ebenfalls braunen Augen auf. Ein fiebriger Glanz lag über ihnen, doch sie erkannte die Frau vor ihr.

„Lara..."

„Ja, Käthe. Ich helfe euch hier raus. Du wirst sehen, alles wird gut." Sie strich der Älteren sanft über die matten Haare und versuchte ihre Fesseln aufzubekommen.

„Du dummes Kind... warum… bist du gekommen? Warum... bist du auf die Falle... des Commanders... hereingefallen?", fragte Käthe schwach.

„Ich bin hier um euch zu helfen, Käthe."

Die Frau hustete. „Aber das war völlig sinnlos, Lara... Wir werden sterben... Wir werden alle sterben. Darüber hat uns der Commander freundlicherweise informiert..." Lara konnte Käthe die Bitterkeit ihrer Worte nicht verübeln.

„Das werden wir nicht. Und außerdem ist er kein Commander mehr." Sie wusste selbst nicht, warum sie das eben hinzugefügt hatte, aber es war ihr wichtig erschienen.

Käthe erwiderte nichts und blickte bloß teilnahmslos geradeaus. Lara fluchte, weil sie die Ketten nicht öffnen konnte.

„Was ist mit den anderen?"

„Sie sind alle nicht bei Bewusstsein. Vielleicht sind sie auch schon tot. Sie haben vorher schon zu wenig zu essen bekommen."

Lara blickte Käthe entsetzt an. Wie konnte sie das bloß so teilnahmslos sagen? Anscheinend hatte sie wirklich bereits alle Hoffnung verloren und wagte nicht, wieder zu hoffen. Nichts ist so grausam, wie unerfüllte Hoffnung. Lara wusste nicht, wo sie diesen Satz her hatte. Sie drängte den Gedanken zurück und trat zu den anderen Frauen. Sie weckte die Frauen auf und redete beruhigend auf sie ein.

„Was ist das für ein Rauschen?", fragte eine panisch.

„Das ist das Meer."

Eine dunkelhaarige Frau schrie erschrocken auf. „Das Wasser war aber noch nie so nahe!"

Lara warf einen Blick über die Schulter und musste entsetzt feststellen, dass das Wasser nun schon bis zum Eingang vorgedrungen war. Entschlossen hob sie einen Stein vom Boden auf und schlug gegen die Verankerung der Fesseln.

Sie sah, wie Hoffnung in den Augen der angeketteten Frau vor ihr aufglomm. Nach einigen Schlägen hatte sie es geschafft, die Kette völlig zu verbiegen. Der Stein zerbrach.

Lara fluchte und suchte sich einen neuen Stein. Die Frauen begannen zu schluchzen und das Pfeifen des Windes wurde immer höher.

„Das geht sich nie aus. Lara, verschwinde."

Lara achtete nicht auf Käthes Forderung und schlug mit dem neuen Stein gegen Käthes Fußfesseln.

„Lara versuch wenigstens hinauszutauchen. Wenn der Versuch fehlschlägt, kannst du deine Bemühungen sofort aufgeben." Lara schlug weiterhin stur auf die Verankerung der Kette ein. „Lara, hör auf! Ich will nicht, dass du weitermachst, bevor du es nicht zumindest versucht hast!"

Lara blickte Käthe unsicher an. Eine andere Frau meldete sich zu Wort und bekräftigte Käthes Aufforderung.

„Okay, okay. Ich werde es versuchen."

Lara ging zum Wasser und stand, kaum das sie einen Schritt ins kalte Nass getan hatte, bis zur Hüfte im Wasser. Die Strömung war ziemlich stark und sie zog sich an den Stalaktiten voran. Bald musste sie untertauchen, weil die Decke unter Wasser stand. Sie tauchte zwischen den Stalaktiten hindurch und zog sich an ihnen vorwärts. Die Strömung wurde immer stärker und das Vorwärtskommen wurde immer anstrengender. Zudem konnte sie nicht mehr wirklich sehen, wohin sie eigentlich tauchte, da das Wasser immer dunkler wurde.

Lara gab auf und tauchte mit der Strömung zurück. Es war unmöglich, dass die geschwächten Frauen da durch tauchen konnten. Es war viel zu anstrengend, sich gegen die Strömung vorwärts zu ziehen und zudem wusste Lara nicht, ob ihre Luft reichen würde.

Sie tauchte im letzten Teil der Grotte wieder auf und stellte fest, dass das Wasser während ihres kleinen Tauchtrips hier nun auch schon bis zu den Knöcheln stand.

„Da durch kommen wir nicht.", sagte Lara und deutete auf den Eingang hinter ihr.

Stur nahm sie den Stein auf und schlug auf Käthes Fesseln ein.

„Wir sind verloren."

„Blödsinn."

„Wir haben nicht einmal eine Fluchmöglichkeit!"

Lara stieß einen triumphierenden Laut aus, als sie die Verankerung der Kette von Käthes linkem Fuß losschlug. Sofort machte sie sich daran, die anderen Ketten zu zerschlagen.

„Doch, die haben wir schon. Hört ihr den Wind? Wind kann nur entstehen, wenn es hier ein Loch gibt, durch das sich die Luftmassen bewegen können. Durch dieses Loch werden wir hier rauskommen."

Laras Steine brachen noch zweimal, dann hatte sie alle Frauen von ihren Fußfesseln befreit. Sie machte sich nun, mit einem neuen Stein, daran sie auch von den Fesseln ihrer Hände zu befreien.

Das Wasser stand ihnen nun schon bis übers Knie.

„Lara, hast du dir schon überlegt, dass dieses Loch auch viel zu klein für einen Menschen sein kann?", flüsterte Käthe, damit die anderen nichts von ihrem Zweifel hörten.

„Ja, habe ich. Aber der Ton ist gleichmäßig, deshalb wird die Öffnung auch gleichmäßig sein. Und das Loch kann zwar für einen Menschen zu klein sein, aber das ist unsere einzige Chance. Selbst wenn das Loch klein ist, wir sind alle dünn und unsere Chancen stehen nicht schlecht, dass wir das schaffen."

Das Wasser ging ihnen nun schon bis zur Hüfte und die Frauen gerieten in Panik.

Lara schaffte es, Käthe ganz von ihren Fesseln zu befreien. Doch sie sackte kraftlos zusammen, als sie nicht mehr von den Ketten aufrechtgehalten wurde.

Lara fing sie auf, bevor sie ganz unter Wasser tauchte und stützte sie. Sie lehnte die abgemagerte Frau gegen die Wand und vergewisserte sich, dass sie alleine stehen konnte. Erst dann machte sie sich daran, auf die Fesseln der anderen einzuschlagen. Das Wasser stieg immer höher und die Frauen zerrten verzweifelt an ihren Fesseln.

Käthe fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und die Ketten an ihren Händen rasselten. Lara hoffte, dass die Ketten sie nicht allzu sehr behindern würden, denn sie hatte ja nur die Verankerungen zerstören können.

Das Wasser ging ihnen bereits bis zur Brust, als Lara die Verankerungen der Fesseln aller Frauen herausgeschlagen hatte. Die Frauen lehnten sich ebenso wie Käthe zuvor schwach gegen die Wand.

„Käthe, hast du das Loch entdeckt?", wandte sich Lara an ihre Freundin und bannte ihren Zweifel am Gelingen ihrer Flucht aus ihrer Stimme.

„Ja. Genau über uns."

Die Frauen blickten auf. „Es ist klein."

„Zu klein!"

„Nein, es wird gehen. Könnt ihr euch bewegen?"

Die Frauen bewegten sich, was durch die Ketten, die von ihren Gelenken baumelten, allerdings erschwert wurde.

Das Wasser ging Lara bis zum Kinn. „Okay, bleibt ruhig. Ich will, dass ihr jetzt ein paar Schwimmtempo versucht."

Sie versuchten es. Käthe und eine andere Frau wurden vom Gewicht der Ketten nach unten gezogen. Lara tauchte ihnen hinterher und holte die beiden zurück an die Oberfläche. Die anderen Frauen hatten es geschafft.

Sie standen nun alle auf Zehenspitzen und blickten mit furchtvollen Augen aufs Wasser.

„Ich will, dass ihr euch jetzt genau merkt, wo das Loch ist. Ich werde mit Käthe und... wie heißt du...? Lily, als erste nach oben durch das Loch tauchen. Ihr beiden anderen kommt dann hinter uns nach. Verstanden?"

„Warum hilfst du nur Käthe und Lily?"

„Ich helfe euch allen. Und außerdem habt ihr beide es geschafft zu schwimmen."

„Aber das halten wir bestimmt nicht aus! Das ist viel zu anstrengend!"

„Hört auf euch so kindisch zu verhalten. Lara kann nicht alle auf einmal mitnehmen, dafür ist das Loch zu klein."

„Ist ja klar, dass dir das nichts ausmacht, Käthe. Schließlich nimmt sie dich ja mit!"

Die kleine Lily blickte die anderen Frauen unglücklich an. „Ich kann mit euch tauschen, in Ordnung?"

Lara blickte die zarte Frau an. Wie alt war sie? 15? 17? „Schluss mit dem Blödsinn. Lily, du wirst nicht mit einer anderen tauschen. Ich werde Lily und Käthe an die Oberfläche bringen und noch einmal zurücktauchen, falls ihr beide Hilfe braucht."

Die beiden Frauen blickten sich skeptisch an.

„Wir haben keine Zeit für längere Diskussionen. Habt ihr alle die Regeln begriffen?"

„Ja", erwiderten die vier Frauen zugleich.

„Käthe, Lily, kommt her. Und jetzt, schwimmt!"

Das Wasser war zu hoch, um noch stehen zu können und gleichzeitig zu atmen. Mit einem Zischen erloschen die Flammen der Fackeln und es wurde schlagartig dunkel. „Seid ihr beiden anderen über Wasser?"

Lara hörte erleichtert beide Frauen ihre Frage bestätigen und trat fest mit den Füßen Wasser, während sie Käthe und Lily mit je einem Arm über Wasser hielt. Die beiden strampelten ebenfalls mit den Füßen, um Lara zu helfen. Das Wasser stieg jetzt immer schneller und Lara spürte den Wind nun direkt über ihrem Kopf.

„Bald ist es so weit. Macht euch bereit und atmet tief ein."

Das Loch über ihnen war von irgendeinem Pilz überzogen, der selbstständig schwach leuchtete. Sie konnte einige Steine sehen, die aus dem senkrechten Loch hervorstachen.

„Passt auf, dass ihr bei den Steinen im Loch nicht hängen bleibt! Okay, los geht's!"

Das Wasser drückte sie mit großer Macht nach oben durch die Engstelle und sie drehten sich um sich selbst. Lara hielt die beiden mageren Frauen eng an sich gepresst.

Sie stiegen immer höher und höher. Lara konnte weiter oben erkennen, dass das Loch einen Knick machte und nicht mehr senkrecht nach oben führte. Sie betete, dass dort der Ausgang war.

„Wenn ihr unter Wasser geraten solltet, dürft ihr auf keinen Fall versuchen einzuatmen!", schrie Lara gegen das Rauschen des aufsteigenden Wassers an.

Sie stiegen höher und kamen dem Knick immer näher. Plötzlich machte es einen Ruck und Käthe wurde aus Laras Arm gerissen. „Käthe!"

Sie ließ Lily kurz los, um festzustellen, ob das Wasser sie weiter nach oben drückte. Das Wasser tat es. „Lily, Käthe taucht nicht mehr auf, ich lasse dich los und du versuchst alleine nach oben zu kommen. Nicht einatmen, wenn du unter Wasser gerätst!"

Lily blickte die Abenteurerin panisch an, doch sie hatte keine Zeit mehr zu protestieren. Lara holte tief Luft, ließ Lily los und tauchte hinab. Sie zog sich an den Steinen hinunter, die aus der Seite herausstachen. Sie erreichte Käthe, die mitten im Wasserstrudel fest hing. Die anderen Frauen unter ihr wurden gegen Käthe gedrückt und blickten panisch nach oben. Ihre Luft wurde vermutlich knapp. Lara riss an Käthes Arm und es gelang ihr sogar, die Freundin loszureißen. Sie wurden weiter gedrückt und Lara hielt Käthe fest im Arm.

Dann verhackten sich Käthes Ketten erneut, als sie um die Biegung des Lochs gedrückt wurden. Verzweifelt zerrte Lara am Körper ihrer Freundin.

Die anderen Frauen konnten ebenfalls nicht weiter und versuchten Käthe vorwärts zu schieben.

Es war zwecklos. Die Fußketten hatten sich zu sehr verhangen. Käthe stieß Lara von sich, worauf diese vom Wasser weitergedrückt wurde.

Lara versuchte sich gegen die Kraft des Wassers zu wehren, doch sie hatte keine Chance. Laras Luftvorrat wurde bedenklich knapp und sie unterdrückte den Drang Luft zu holen. Sie tauchte vorwärts und riss Lily mit sich weiter, die sich mit einer Kette verhackt hatte.

Der Wasserdruck spie die beiden schließlich aus und Lara fühlte, dass sie durch die Luft flog. Sie holte Luft und kollidierte im nächsten Moment mit einem schlammigen Untergrund.

Sie hielt den dürren Körper der anderen Frau eng an sich gepresst und schleppte sie mit sich aus dem Wasserstrahl, der auf sie niederging. Erschöpft brach sie auf festem Untergrund zusammen und spürte, dass es regnete. Sie rollte sich zur Seite und blickte auf Lily, die sich nicht bewegt hatte. Die Augen des Mädchens waren glasig und weit aufgerissen, als hätte sie verzweifelt um Hilfe gerufen.

Lara drehte sich weg und übergab sich auf dem Boden neben ihr. Vermutlich hatte Lily genau das getan, um Hilfe gerufen, als sie unter Wasser geriet.

Sie hatte das Salzwasser eingeatmet und ihre Lunge war ertrunken. Sie war grausam am eiskalten Meerwasser erstickt, weil sie, Lara, sie losgelassen hatte um einer anderen zu helfen.

Lara verlor das Bewusstsein.