Kapitel 20
Sein oder nicht sein: Graf von Gâtinais?
Als Balian wieder erwachte, saß sein Onkel auf der Kante des Lagers neben ihm und hatte gerade fühlend seine Hand auf Balians Stirn gelegt. Der junge Neffe des Grafen seufzte, schloß wieder seine Augen und ein entspanntes Lächeln um spielte seine Lippen.
"Was ist mit dir, Sohn? Fieber hast du keines. Aber dein tiefer und langer Schlaf und die Erschöpfung, die ich vorhin sah, als du dich niederlegtest, machen mir Sorgen!"
Balian öffnete seine Augen wieder, sah seinen Onkel so voller Liebe an, daß diesem warm ums Herz wurde und erwiderte:
"Ich fühle mich wohl, Onkel. Ich hatte vorhin beim Aufstehen aus einer windgeschützten Nische auf der Mauer das Bein zu sehr belastet. Seither schmerzte es immer stärker, aber jetzt spüre ich kaum mehr etwas."
Hugh du Blois blickte nachdenklich auf seinen Neffen nieder: "Und dein Seufzer? Woher kam dieser, wenn nicht vor Schmerzen?"
"Deine Hand auf meiner Stirn hat mich daran erinnert, wie sehr ich mir immer einen Vater gewünscht hatte. Nicht, um nicht mehr als Bastard angesehen zu werden, sondern einfach nur um seine Nähe zu spüren. Der Schmied war gut zu Mutter, aber er konnte nicht verwinden, daß sie ihm keine Kinder schenkte. Er duldete mich nur, während ich in ihm bis zum Tode von Mutter immer den Vater gesehen und um seine Liebe gekämpft hatte. Nach der Geburt des einzigen Nachkommens von ihm ist Mutter dann an Erschöpfung gestorben, so wie auch das kleine Geschöpf selbst. Vorher hatte sie mir noch offenbart, wer mein wahrer Vater war und bat mich, ihn nicht zu hassen."
Hugh du Blois schwieg nach diesem kurzen Blick in Balians Vergangenheit, was sollte er auch dazu sagen?
"Mit deiner Hand auf meiner Stirn war für einen Augenblick das Gefühl, der Wunsch nach einem Hort und Sicherheit wieder so präsent wie damals. Onkel, bitte glaubt mir, wenn ich Euch sage, wie viel Ihr mir mit Eurer Wärme, Fürsorge und Nähe bedeutet."
Hugh blickte lange in die rehbraunen warmen Augen seines Neffen und mit vor Gefühlen schwangeren Stimme antwortete er:
"Ich danke dir, Balian, für diese Beteuerung. Sie bedeutet mir viel. Ich sehe zwar sehr deinen Vater in dir, aber du bist es, der sich mit seinem Wesen, der Sanftmut, Ruhe und Zurückhaltung, einen Platz in meinem Herzen geschaffen hat, Balian von Ibelin, geliebter Neffe."
Balians Augen leuchteten, und das Braun seiner Augen erhielt, so schien es Hugh fast, goldene Sprenkel. An diesen Augen würde er sich nie sattsehen können, dachte er noch bei sich, als Balian, der sich mittlerweile etwas aufgesetzt hatte und bequem mit dem Rücken an der hochgezogenen Seitenlehne[1] mit einem Kissen lag, ihn mit einem ganz anderen Thema aus seinen Gedanken riß:
"Onkel, sagt, König Richard ist doch nur hier in Frankreich Philipp als Lehnsmann nachgeordnet. Ansonsten sind sie doch gleichrangige Herrscher mit eigenen Pflichten und Rechten?"
"Ja, Balian, das stimmt. Aber warum diese Frage?"
Nach einem kurzen Gedankengang erwiderte Balian mit einer Gegenfrage:
"Und ich, was bin ich?"
Hugh betrachtete seinen Neffen nachdenklich.
'Was geht in dem Jungen jetzt wieder vor? Er wird doch nicht schon wieder daran zweifeln, daß er ein gleichwertiger Ritter ist, wie alle derzeit an der Burg verweilenden Edelmänner?'
Zögerlich antwortete Hugh du Blois:
"Nimmst du den Titel an, wirst du wie Richard ein Lehnsmann hier in Frankreich und Ritter im Heer Philipps auf dem Weg ins Heilige Land. Worauf willst du hinaus, Junge?"
"Ich treffe eine Entscheidung, Onkel, aber bitte hilf mir diese nochmals zu überdenken. Ich brauche deine Weisheit."
Hugh du Blois nickte:
"Gut, wie du möchtest. Ich mache mir keine Gedanken zu deinen Fragen, sondern beantworte diese nur nach meinem besten Wissen und Gewissen und werde mich bis zu einer Erklärung von dir gedulden."
"Danke, Onkel. Nun, was bin ich im Heiligen Land, als Ritter in Philipps Heer, wenn wir dort ankommen? Ich bin immer noch ein Ritter Jerusalems und meiner Königin verpflichtet."
Hugh sinnierte bevor er antwortete:
"Nun, eigentlich kannst du nur in gleicher Weise wie König Richard den Lehnseid[2] ablegen, denn du bist bereits einer anderen Königin verpflichtet. Du bist in erster Linie Titularbaron im Heiligen Land und Heerführer von Königin Sybilla von Akkon und Askalon aus dem Hause Anjou. Erst wenn sie dich freigeben würde oder sie keine Königin mehr ist, könntest du den Treueeid König Philipp gegenüber ablegen."
Ein Lächeln erschien auf Balians Gesicht und fast schon strahlend erklärte er nun befreit:
"Ich bin mir sicher, daß Philipp von mir den Treueeid verlangen wird und stillschweigend hofft, daß Sybilla keinen Einspruch er hebt, weil sie davon ausgeht, daß sie ohnehin nach Beendigung des Kreuzzuges keine Königin mehr sein wird. Er wird darauf hoffen, daß mir auf Grund meiner Vergangenheit die Beziehungsverhältnisse von Lehnsmann zum Lehnsherrn nicht in all seinen Rechten und Pflichten bewußt sind. Das Verhältnis von König Richard und Philipp ging mir die ganze Zeit durch den Sinn und ich spürte, daß hier irgendwo die Lösung für mein Dilemma liegen muß, und du hast gerade meine Hoffnung bestätigt."
Hugh blickte seinen Neffen fragend an, denn obwohl er als sehr diplomatisch galt, verstand er nun den gedanklichen Winkelzug von Balian nicht.
Balian bemerkte am fragenden Blick, daß er wohl seine Gedan kengänge etwas mehr erläutern sollte:
"Tante Eleanor hat mir dieses Gewand zum Ankleiden bereitet, und ich vermute, sie wollte mir bedeuten, daß Philipp mich vielleicht heute auffordern wird, vor ihn zu treten. Ich werde, wenn es geht, Philipp zuvorkommen und heute Abend um den Richtspruch und die Urkunde zum Gottesurteil bitten. Ich werde aber lediglich den Lehnseid mit Hinweis auf meine Verpflichtung gegenüber Sybilla ablegen[3]. Sybilla ist klug genug, daß sie nicht von sich aus oder auf Anfrage ihres Cousins eine von mir bereits bestätigte Verpflichtung annullieren wird. Damit kann Philipp von mir zwar gemäß meiner Anerkennung seines Hoheitsanspruches die Steuerzahlungen und die Erfüllung aller an die Wirtschaftlichkeit dieses Lehens gebundenen Pflichten verlangen, aber er kann mich nicht gemäß Treueeid[4] zum auxilium et consi lium[5] verpflichten. Er wird auf den persönlichen Dienst von mir, der gleichbedeutend wäre mit der Teilnahme am Kreuzzug, verzichten müssen, oder ich werde das Lehen nicht annehmen. Ich werde im Heiligen Land an Sybillas Seite bleiben, solange sie Schutz bedarf und meine Anwesenheit als Heerführer und Ritter wünscht, aber im Heiligen Land bin ich auch mein eigener Herr."
Hugh du Blois schwieg, ließ sich die Worte Balians durch den Kopf gehen und durchdachte die ganze Überlegung.
"Ich kann keinen Fehler in deinen Überlegungen sehen, nur zwei Dinge sind es, die du dabei nicht vergessen darfst. Der Tribut, den du zahlen mußt, um als Graf von Gâtinais keine Ritter in dem Heer stellen zu müssen, wird sehr hoch sein und könnte selbst die angehäuften Güter von Seignieur Geoffroy Ferréol, die nun dir gehören, übersteigen. Wie willst du dann das Gut bewirtschaften und für die Menschen dort sorgen? Und ohne den Treueeid kann dir Philipp jederzeit deinen Titel und Hab und Gut wieder nehmen. Du bist ungeschützt! Der Eid hätte auch ihn verpflichtet dir in Not beizustehen, sowie auferlegt, dir erst eine eidbrüchige Handlung gegen die Krone oder seine Person nach zuweisen, bevor er dir das Lehen wieder nehmen könnte."
Balian blickte ihn einem Moment stumm an, dann erwiderte er:
"Das erstere wird sich zeigen und sich auch eine Lösung finden lassen, aber das Zweitere muß ich einfach riskieren, Onkel. Ich will in diesem Kreuzzug nicht selbst gegen ein Volk kämpfen, daß ich zu schätzen gelernt habe, gegen Männer, die mir Freunde geworden sind, gegen einen Herrscher, der eigentlich Frieden wünscht und keinen friedlichen Gläubigen bedroht. Aber ich will auch nicht Sybilla und unsere Liebe aufgeben, solange es noch Hoffnung gibt, daß wir doch noch einen Weg vor Gott und den Menschen zueinander finden."
Der Burgherr legte seine Hand sanft in Balians Nacken und sprach beruhigend:
"Ich weiß, Junge, und vielleicht ist Philipp nach den Geschehnissen im Gottesurteil jetzt auch nachsichtiger gestimmt und eventuell sogar einsichtiger. Es kann sein, daß er dich überrascht, in dem er nicht auf Konfrontationskurs geht und versucht dich zu Eingeständnissen zu zwingen. Wir wollen es hoffen."
Balian nickte und schloß genießerisch die Augen, aber für Hugh sah dies ganz anders aus.
"Balian? Fehlt dir etwas?"
Er hatte immer noch seine Hand am Hinterkopf seines Neffen und war sich gar nicht bewußt, was für eine fürsorgliche, ja väterliche Geste dies für Balian war, die dieser einfach nur genießen wollte.
Balian öffnete wieder seine Augen und lächelte zufrieden, wie eine Katze, die gerade von der Sahne genascht hatte und räkelte sich fast wie eine solche.
"Nein, Onkel, wirklich, mir geht es gut. Ich genieße nur einfach Eure Nähe. Es ist ein Gefühl, von dem ich fast nicht genug bekommen kann, habe ich es doch zeitlebens nicht erfahren. Ich hatte auf der Reise ins Heilige Land in dem Johanniter André einen väterlichen Freund gefunden. Mein Vater war verwundet und lag im Sterben, konnte mir nun, wo er mich endlich bei sich hatte, nicht mehr seine Liebe zeigen und dennoch weiß ich um sie. Aber vergebt, wenn dies undankbar klingen mag, eine Nähe, Unbeschwertheit und Sicherheit wie bei Euch habe ich nicht empfinden können."
"Wie auch, Junge? Die Zeit, die ihr hattet, gereichte ja gerade mal zum Erkennen, aber nicht zum Verstehen und Begreifen des anderen und das sind Voraussetzungen für Gefühle, wie du sie genannt hast. Es berührt mich sehr, macht mich glücklich, daß nach deiner unglücklichen Kindheit hier auf dem Schloß, du in der Lage bist, diese Gefühle für mich und deine Familie zuzulassen."
"Ihr werdet mir fehlen, wenn ich nach Gâtinais aufbreche oder in das Heilige Land. Aber so der Herr will, werden wir uns wieder sehen, Onkel, das verspreche ich."
"So der Herr uns gnädig ist", erwiderte Hugh dieses Versprechen und lächelte voller Milde den Sohn seines Bruders an.
'Bei allen Heiligen, Godfrey, du wärst nicht stolzer und glücklicher als ich in diesem Moment. Was für ein Geschenk des Herrn hast du dir selbst all die Jahre vergeben.'
Hugh bemerkte, wie Balian sich weiter aufrichtete und Anstalten machte aufzustehen.
"Wage es nicht, junger Mann! Du hast mir vorhin selbst gestanden, daß du es mit deinen Aktivitäten bereits übertrieben hast und dein Bein so zu schmerzen begann, daß man dir dies sogar schon ansah."
"Aber, Onkel, ich habe keine Beschwerden mehr!"
"Dabei soll es auch bleiben, Balian! Oder willst du beim Kniefall vor Philipp wahrlich in die Knie gehen? Du bleibst liegen und ich dulde keinen weiteren Widerspruch. Meine Drohung von heute Vormittag war ernst gemeint, Sohn."
Nach diesen gebieterischen Worten, aber erst nachdem Balian sich ergeben wieder zurücklehnte, stand Hugh du Blois auf, um weiter seiner Arbeit nachzugehen. Zuvor aber rief er einen Knappen zu sich, und nachdem sich dieser vor beiden Herren verbeugt hatte, beauftrage der Burgherr ihn:
"Ihr bleibt an der Seite des Grafen von Gâtinais und erfüllt ihm jeden Wunsch. Wenn er aber aufzustehen gedenkt, werdet Ihr mich augenblicklich holen lassen, aber nicht von seiner Seite weichen.
"Onkel!"
Hugh du Blois ignorierte den empörten Ausruf von Balian und stiefelte von dannen, während sich Balian mit einem Seufzer zurück in die Kissen sinken ließ. Diesmal würde er keine Gelegenheit haben, seinen Willen durchzusetzen.
Nach einigen Momenten der Ruhe. die er mit geschlossenen Augen genossen hatte, wurde seine Aufmerksamkeit von König Richard beansprucht, der leise zu der Lagerstatt getreten war:
"Ihr und Euer Onkel habt wohl ein Patt, wie man im Schach sagen würde. Jeder hat seinen kleinen Sieg gehabt."
Richard lachte, zog sich einen Schemel mit dem Fuß näher und setzte sich zu dem jungen Ritter, während der Knappe sich etwas zurückzog. Er blieb nahe genug, daß er jederzeit von dem Neffen seines Herrn mit einem Wink zu sich gerufen werden konnte, wahrte aber den respektvollen Abstand, der sich gebührte, wenn ein König zugegen war.
"Es waren Wetten abgeschlossen worden, wer sich heute Vormittag durchsetzen würde. Aus einem mir nicht verständlichen Grund hatten alle anwesenden Ritter Eures Onkels auf Euch gesetzt und anscheinend gerade zum Trotz alle anderen auf Hugh du Blois."
Richard zwinkerte dem erstaunt blickenden Ibeliner zu, bevor er fortfuhr:
"Die Kämpen Eures Onkels haben guten Reibach[6] gemacht, aber ich muß zugeben, ich hätte auch eher auf du Blois getippt, wo es doch deutlich zu sehen ist, daß Ihr bemüht seid, die Güte Eures Verwandten nicht auszunutzen, wie ich schon bemerken konnte."
Balian spürte die Anspannung des Königs und die scheinbar belanglose Erwähnung der Wette und seines Verhaltens klang in seinen Ohren längst nicht so harmlos wie Richard es darstellen wollte.
"Mein Onkel ist ein einsichtiger Mann, und ich bin nicht unvernünftig. Auch wenn man sein Gefühl und seine Wünsche nicht verleugnen sollte, muß die Vernunft nicht auf der Strecke bleiben und umgekehrt."
"Ist das so?", echote sinnend der Monarch.
"Und Ihr? Für was werdet ihr Euch entscheiden, Baron von Ibelin? Werdet ihr Graf von Gâtinais und Untertan von Philipp oder wollt ihr lieber eigener Herr ohne Land bleiben?"
Die Lippen zu einem minimalen Lächeln verzogen, stellte Balian die Gegenfrage:
"Was würdet Ihr mir raten, mein Herr? Es gibt viel zu bedenken, was in meiner Person begründet liegt, aber auch, was das Los der Menschen anbelangt, die nun von einer solchen Entscheidung betroffen sind."
"Ihr denkt an das Los der Menschen von Gâtinais, obwohl Ihr sie nicht kennt, nicht wißt, wie Ihr dort aufgenommen werden würdet?", erstaunte sich König Richard.
"Ihr seid schon schwer zu durchschauen, Balian von Ibelin. Die Menschen dort sollten Euch noch nichts bedeuten, denn noch habt ihr keine Verantwortung für sie, außer vielleicht, daß Ihr zumindest durch den Tod Seignieur Geoffroy Ferréols möglicherweise ihr Los erleichtert habt. Aber ich glaube, es sind nicht nur die Menschen von Gâtinais, an die Ihr gedacht habt. Habe ich Recht?"
"Fürwahr, mein Herr, ich dachte auch an die Menschen im Heiligen Land, die mir Freunde geworden sind, aber auch an jene, die vielleicht Schutz bedürfen, wie auch immer dieser Kreuzzug ausgehen mag."
Zum erstenmal verzog König Richard etwas unwirsch seine Miene ob dieser Bemerkung von Balian und hakte nach:
"Was wollt Ihr damit andeuten, Graf?", kam es ärgerlich von sei nen Lippen.
"Glaubt Ihr nicht an den Erfolg unseres gottgewollten Auftrages?"
"Mein Herr, Ihr wißt, daß ich diesem Kreuzzug nicht folgen werde um seines Auftrages willen. Ich weiß, daß Salah-al-Din friedliebenden Pilgern den Zugang zu den heiligen Stätten nicht verwehren wird. Was spielt es dann für eine Rolle, wer über diese, für jede Glaubensgemeinschaft wichtigen Stätten wacht? Und deshalb werden bei diesem Kreuzzug, egal wie er ausgeht, immer nur die einfachen Menschen, die nur in Frieden ihren Glauben praktizieren wollen, diejenigen sein, die des Schutzes bedürfen. Und sollte mir Ibelin wieder zufallen, werde ich, wie es mein Auftrag von Balduin V war, den Pilgerweg offen halten und die Menschen dort unter meinen Schutz stellen. Ich werde immer und in erster Linie dem Eid derer von Ibelin folgen."
Balian hatte sanft aber mit Nachdruck gesprochen und seine Augen hatten dabei dem harten, einschüchternden Blick König Richards standgehalten.
Langsam entspannte sich Richard wieder und auf seinem Gesicht erschien ein kleines Lächeln, als er antwortete:
"Das war eine gefährliche Aussage, mein Freund. Schon allein dies könnte Euch als Ketzer vor ein Kirchengericht bringen, aber ich bewundere Eure Redlichkeit und den Mut, ganz und gar dafür einzutreten. Ich wäre enttäuscht gewesen, nach allem was ich inzwischen von Euch weiß, wenn Ihr anders handeln oder denken würdet."
Der englische König schwieg einen Moment und Balian harrte dessen, was noch kommen würde, denn er hatte den Eindruck, daß ihm der bedachte Herrscher noch etwas zu sagen hatte.
"Ihr wolltet von mir geraten haben, wie Ihr euch entscheiden sollt, aber ich denke, diesen Rat habt Ihr nicht mehr nötig, denn es sieht so aus, als hättet Ihr Eure Wahl bereits getroffen. Ich denke, ich werde nicht darüber erstaunt sein", grinste Richard und fügte dann noch an:
"Dennoch will ich Euch noch sagen: Es wird nicht immer der leichteste Weg sein, den Ihr einschlagt, wenn Ihr Euch treu bleibt, mein Freund, aber Ihr werdet Hilfe und Freundschaft mancher Orts finden, von denen Ihr nichts wußtet oder sie im Leben nicht erwartet hättet. Ihr habt eine Gabe den Menschen Mut zu geben, sie Hoffnung fassen zu lassen und seid in Eurer Person so stark, daß Ihr zum Fels in der Brandung für die Leidgeprüften und Verzagten werdet."
Einen Augenblick überdachte Richard seine Worte und ergänzte dann:
"Und dennoch ist in Eurem Wesen immer eine Verletzlichkeit zu spüren, die den Menschen bewußt macht, daß Ihr auch nur ein fehlbarer und verwundbarer Mensch seid. Sorgt Euch also nicht, Ihr werdet nie von einem hohen Sockel stürzen, denn die Menschen wollen nicht zu Euch aufsehen, sondern Euch berühren, an Euch teilhaben."
Nochmals unterbrach sich der König, bevor er mehr zu sich selbst als zu Balian noch anfügte:
"Sicher nicht immer leicht, alles so an sich heranzulassen, aber mit Sicherheit der menschlichste aller Wege."
König Richard sah den verwunderten Ausdruck in Balians Gesicht, seine fragenden Augen, aber er wollte nichts weiter erklären und schüttelte nur seinen Kopf, bevor er sich von dem jungen Mann abwandte und ihn seinen eigenen Gedanken überließ.
Eleanor trat zu ihrem Neffen an das Lager heran, winkte dem Knappen, bat um Obst und Wasser und setzte sich auf einen Schemel nahe zu Balian:
"Der König hat ganz Recht, Junge. Ich habe gehört, was er dir sagte. Nein, ich habe nicht gelauscht, du brauchst gar nicht so vorwurfsvoll zu schauen. Er hatte mich bemerkt, als ich mich zu Euch gesellen wollte, mir zu verstehen gegeben zu warten, mich aber nicht fortgeschickt."
"Tante, seine Worte verstehe ich, aber ich kann ihre Aussage für mich nicht begreifen. Ich denke, handle und spreche doch nur aus meinen Gefühlen, Wissen und Erfahrenem heraus, so wie ich mir wünsche, daß mir getan wird, oder vielmehr was ich erhoffe, daß mir widerfahren mag. Was soll daran so Besonderes sein?"
Eleanor lachte leise, fuhr mit ihrer Hand Balian zärtlich über die Wange und fragte:
"Was denkst du über König Richard? Was für Empfindungen löst er in dir aus, wenn er mit dir spricht, wenn du ihn beobachtest?"
Balian runzelte die Stirn, weil er nicht verstand, was die Gegenfrage seiner Tante mit der seinen zu tun hatte, aber er antwortete ihr dennoch:
"Er ist ein starker Mann, bedacht und manchmal undurchschaubar, aber ich denke, gerecht. Man hat das Gefühl von Macht in seiner Nähe, aber auch von Sicherheit. Er strahlt Autorität aus und dennoch so viel Freundlichkeit, daß man nicht ehrerbietig ständig in weiter Entfernung zu ihm bleibt, sondern sich auch getraut näher zu treten, ihn anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Man ... ich habe das Gefühl, daß er immer in vorderster Linie stehen wird, oder zumindest bereit ist, das zu tun, was er seinen Mannen abverlangt. Seine Ruhe überträgt sich auf einen, aber man sollte ihn deshalb nicht unterschätzen, denn ich denke, er kann auch gnadenlos sein, wenn seine Interessen gefährdet oder die, die ihm lieb sind, bedroht werden."
Eleanor nickte weise lächelnd nach den Worten Balians und er widerte dann, auf die Frage des jungen Mannes zurückkehrend:
"Du hast ihn sehr gut beschrieben und ich denke, da ist nichts mehr hinzuzufügen. Und so wie du ihn beschrieben hast, aus dem was du empfindest, beobachten konntest, von ihm weißt, so hat er dir vorhin zu verstehen gegeben, wie dich die Menschen sehen, nur mit dem kleinen Unterschied zwischen Euch, daß König Richard bereits von Kindesbeinen an zum Herrscher erzogen wurde. Er hat sozusagen sein Handwerk gelernt und wie er es einsetzt, liegt in seinem Wesen begründet. Du hingegen schöpfst aus deiner eigenen natürlichen Weisheit, aus eigenem Erfahren von gut und schlecht. Dir fehlt die Autorität Richards und dennoch hast du die Gabe, Menschen zu führen, durch deine Präsenz, deine Ruhe und deine Liebe zu ihnen. Sie spüren, daß du ihnen auch nie mehr abverlangen wirst, als du selbst bereit bist zu geben. Du bist für alle ein Beispiel, und der Umstand, daß dir diese Dominanz des anerzogenen Herrschers fehlt, läßt die Liebe der Menschen dir zufliegen. Sieh dir deinen Onkel an, selbst ihn umgibt der Mantel der Autorität, weil er ihm von klein auf anerzogen wurde. Du aber hast ihn nicht nötig. So etwas ist selten, fällt deshalb besonders auf und öffnet dir die Herzen der Menschen. Aber genau dieser Umstand wird bei jenen mit Machthunger, welchen sie nur mit großem Aufwand stillen können, Neid hervorrufen, denn du erhältst wegen deines Wesens das geschenkt, was sie mit Waffengewalt einfordern müssen und dennoch nie in diesem Maße erhalten werden."
Dies war eine lange Rede seiner sonst so stillen Tante, und Balian hatte sehr genau hingehört. So fragte er nun fast schon demütig:
"Bei alledem, so dieses Geschenk des Herrn wahr ist, wäre ich dann nicht verpflichtet mich in den Dienst der Menschen zu stellen und auf Sybilla zu verzichten, um mich Gâtinais' ganz anzunehmen? Sollte ich die Königin um die Freigabe meiner Person als Ritter Jerusalems bitten?"
Die Burgherrin ließ ihre Hand auf den Arm von Balian sinken und überdachte kurz seine Worte:
"Nein, Junge, das denke ich nicht. Der Herr würde dich spüren lassen, wenn du den einfachen, geraden Weg wählen solltest. Für die Menschen da zu sein, heißt Güte zu beweisen, und dazu gehört auch sich und die eigenen Wünsche und Träume zu achten, solange sie keinem schaden. Nein, ich glaube daß dich der Herr genau für den Weg, den du gehst in diese Welt gestellt hat, mag er auch nicht leicht sein. Und an diesem Platze sind auch deine persönlichen Wünsche ein Teil deines Wesens. Du bist kein Herr im Sinne eines Herrschers, der sich nimmt, was er haben möchte, sondern ein Mensch wie jeder andere auch, mit seinen Hoffnungen, Ängsten und Wünschen. Deshalb fühlen sich die Menschen dir so nah. Was du in deinem Herzen trägst ist Güte, und dies ist die einzige Verpflichtung, die du hast, dieses Geschenk Gottes nicht für dich zu behalten."
Sie beugte sich zu ihrem Neffen, gab ihm einen liebevollen Kuß auf die Wange, stand auf und überließ ihn, wie König Richard zuvor, seinen Gedanken.
Balian ließ sich zurück in die Kissen sinken, schloß die Augen, legte einen Arm darüber, um alles um sich herum auszublenden und dachte über die Worte des Königs und seiner geliebten, stillen und doch so weisen Tante nach. Er hatte nie über sich nach gedacht. Früher hatte er oft mit seinem Schicksal gehadert und seinen Vater verwünscht. Hatte dann Buße getan, weil er es doch seiner Mutter versprochen hatte, den Mann, den sie geliebt hatte und seinen Vater nannte, nicht zu hassen. Er hatte immer zu kämpfen gehabt, aber gerade in den letzten zwei Jahren war so viel auf ihn eingestürzt, daß er selbst nicht wahrgenommen hatte, wie er sich verändert hatte. Nach den Worten des Königs und seiner Tante zwar nicht zum Schlechtesten hin, aber er hatte sich bislang nie Gedanken darüber gemacht, welche Verpflichtungen daraus für ihn erwachsen würden, oder in welcher Art und Weise er diese Ansprüche an ihn gewillt war anzunehmen und die Konsequenzen zu tragen. In Jerusalem hatte er seinem Gefühl und seinem Eid Folge geleistet, hatte die Bürde aufgenommen, weil sein Gefühl ihm sagte, daß es richtig war, aber hier und heute stand er vor einer Wahl, die nicht wie in Jerusalem gleichbedeutend mit Leben oder Tod der ihm anvertrauten Menschen war, und dennoch würde seine Entscheidung in aller erster Linie sein Gewissen betreffen.
Die Gedanken wirbelten nur so durch seinen Kopf. Balian überdachte immer wieder seine, wie der König richtig angenommen hatte, bereits getroffene Entscheidung. Und schließlich wurde ihm klar, daß, auch wenn er damit mehr auf sein Gefühl als auf sein Gewissen hörte, es recht von ihm war, an seiner Liebe zu Sybilla festzuhalten und diesen Weg zu gehen. Er würde tun was ihm möglich war, um den Menschen, die ihm fortan als Graf von Gâtinais anvertraut waren, ihr Wohl zu sichern, aber er hatte auch das Recht, sein Leben zu leben.
Balian setzte sich wieder auf, winkte dem Knappen, der für seine Bedürfnisse abgestellt war und bat um einen Becher Wein. Er fühlte sich einerseits befreit, aber andererseits auch völlig er schöpft, als hätte er den ganzen Tag hart in der Schmiede gearbeitet.
Menschen, die er achtete und liebte, lebende und inzwischen verstorbene, hatten ihm nun wiederholt zu verstehen gegeben, daß seine Sicht der Dinge ihm vielleicht nicht immer den einfachsten Weg in seinem Leben ebnen würde, aber sie deshalb noch lange nicht falsch war, sondern viel mehr, daß es darauf ankam, daß er sich selbst dabei nicht verleugnete und zu seinen Entscheidungen stand. Und auch König Richard, der machtgewohnte Mann, hatte ihm Achtung für das Einstehen zu seinen Ansichten gezollt. Es war wohl an der Zeit, daß er selbst nun auch die Vergangenheit beließ wo sie war und nach vorn blickte. Er würde von der Zu kunft annehmen, was sie ihm brachte und nicht länger immer wieder an sich zweifeln.
[1] Chaiselongue »Langstuhl«: gepolsterte Liege mit Kopflehne [Duden - Das Fremdwör terbuch, 8. Aufl. Mannheim 2005]
[2] Der Lehnseid war eine Verpflichtungsbeteuerung, die vom Belehnten, dem Vasall, sowie vom Lehnsherrn abgelegt werden mußte. Der Lehnsherr, welcher der rechtliche Eigentümer von Grund und Boden oder be stimmter Rechte war, verlieh diese dem Lehnsempfänger auf Lebenszeit. Dafür musste der Lehnsempfänger dem Lehnsherrn persönliche Dienste leisten. Der Lehns eid beinhaltet das Treueversprechen gegenüber dem Lehnsherrn und die Akzeptierung von Sanktionen bei Treuebruch. Der Lehnsherr dagegen gab ein Treue- und Schutz versprechen gegenüber seinem Vasall ab.
Seit dem 11. Jahrhundert waren die Pflichten des Vasallen mit Hilfe durch Kriegsdienst abgegolten. Diese Pflicht hatte aber Abstufungen und ging von uneingeschränktem Beistand bis zu zeitlicher, räumlicher und der Soldatenstärke, die gefordert war. Insbesondere in England wurden die Kriegsleistungen in Geldleistungen verwandelt ("adäriert") und der englische König verwandte das Geld zur Finanzierung von Söldnern.
Zu Geldzahlungen war der Vasall verpflichtet, vor allem wenn es um ein Lösegeld für kriegsgefangen Herrn ging, oder beim Ritterschlag des ältesten Sohnes, Mitgift der ältesten Tochter oder einer Pilgerfahrt ins Heilige Land.
Die Pflichten des Herren waren dagegen recht vage. Meist waren sie mit der Übergabe des Lehens abgeleistet. Dennoch war auch der Herr zu Treue verpflichtet und musste seinen Vasallen auch vor Gericht vertreten.
Mehrfachbindungen des Vasallen sind nicht möglich, aber der Vasall konnte durchaus anderen Grundbesitz haben, z.B. Allode oder kirchliche Güter in Prekarie
[3] Als Kommendation bezeichnet den Akt, durch welchen sich ein freier Mann unter das 'mundium' ('Munt') eines anderen stellt.
Die Kommendation war ein 'intuit personae', d.h. ein personengebundener Vertrag, der beim Tode erlischt und mündlich geschlossen wurde. Dieser Vertrag konnte Unterord nungsverhältnisse unterschiedlichster Art begründen. (Formulae Turonensis' (8. Jh.?))
Das Verhältnis von Philipp und Richard war ein solcher Vertrag, der auch mit erzwun genem Lehnseid bezeichnet wurde. Der Zwang lag auf einer Einigungsnotwendigkeit, weil beide Partner gleich stark oder von den Interessen so konstituiert waren, daß keiner eigentlich die Führung in dieser Partnerschaft abgeben konnte. Im Falle der beiden Könige war Philipp nicht in der Lage die Ländereien von Richard in Frankreich seinem Reich einzugliedern, Richard aber war auf die Unterstützung Philipps bei der Sicherung seines Thrones in England angewiesen. Diese Vereinbarung gab nun Richard die Unterstützung, die er brauchte, während er dennoch ohne weitere Über griffe befürchten zu müssen, sein Land behielt. Als Ausgleich trug er dafür die üblichen Pflichten eines Vasallen. Als Hintergrund hierzu sollte man auch wissen, daß Richards Liebe zu England ein Gerücht ist. Er haßte das nasse, neblige Land und war in seiner ganzen Regentschaft nur ca. 10 Monate in England. Er stammte aus einer Linie des Hauses Anjou und fühlte sich mehr als Franzose, weshalb er unbedingt, und nicht nur aus Machtgründen, sein Land auf dem Kontinent behalten wollte.
[4] Treueeid - Der Inhalt des Treueides heißt 'fidelitas' oder 'fides'. Er ist eine Anrufung Gottes und geht Hand in Hand mit der Berührung einer Reliquie einher.
Der Eid im Gegensatz zur Kommendation verstärkt die Bindung, denn ein verletzter Eid gilt als Todsünde. Ein Eid setzt zudem die Verfügungsgewalt über die eigene Person voraus und unterstreicht damit den Status des freien Mannes.
[5] Hilfe und Rat, ein Teil der ritterlichen Pflicht eines Pächters und Lehnsherrn gegenüber seinem König als obererster Lehnsgeber.
[6] Reibach hebr.-jidd. ugs. für Verdienst, Gewinn [Duden - Das Fremdwörterbuch, 8. Aufl. Mannheim 2005]
Hebräisch-jüdische Begriffe waren im Mittelalter durch die weite Verbreitung dieser Glaubensgemeinschaft nicht unüblich. Die Juden waren auch schon zu jener Zeit nicht gern gesehen, obwohl durch ihr Handelgeschick sie häufig zu Unterstützern von Lehnsherren oder in der Stadt zu Geldgebern wurden. Sie hatten durch ihre enge Ver bindung ihrer Glaubensgemeinschaft auch über weite Entfernungen hinweg immer Informationen und Mittel, die sie geschickt einsetzten und dadurch im Verhältnis zu anderen Bevölkerungsschichten nicht arm waren (nicht nur auf das Geld bezogen, sondern auch darauf, daß die Gemeinschaft Unglückliche auffing, so daß sie nie so tief sanken wie manch anderer, der mittellos wurde). Ihre Wohlfahrt in der Gemeinschaft und ihr scheinbarer Reichtum rief immer Neider hervor und man duldete sie mehr, als daß sie wirkliches Bleiberecht hatten oder gleichberechtigte Bürger in den Städten waren. Durch das ganze Mittelalter zogen sich immer wieder Judenverfolgungen und dies nicht nur aufgrund ihres Glaubens, sondern häufig wegen Neid, aber da die Reiche noch mehr einem Flickenteppich aus Hoheitsgebieten adliger Familien glichen, fanden die jüdischen Menschen dieser Zeit immer wieder Schutz unter anderen Herren, waren aber auch immer gewappnet, rasch ihre Heimstatt zu verlassen.
