Wieder zu Haus

"Wie geht's ihr", fragte Logan Hank, als er nach der Einsatzbesprechung im Xaviers Büro ins Medlab kam, wo der blaue Arzt Rogue nochmals gründlich untersucht und verarztet hatte.

"Die kleine Kämpferin wird in ein, zwei Tagen wieder unser gewohnter Wirbelwind sein", antwortete dieser. Wolverine atmete erleichtert durch. Sein Wirbelwind, korrigierte er den Arzt in Gedanken. Wie gut das doch klang. Sein Wirbelwind. Seine Marie. In den letzten Tagen war ihm erst erneut so richtig klar geworden, welch große Rolle Rogue doch in seinem Leben spielte. Obwohl nun von Shadow keine Gefahr mehr drohte, wollte Logan Marie nicht allein lassen. Vorsorglich hatte er Handschuhe aus seinem Zimmer geholt, bevor er zu ihr gekommen war.

"Ich seh morgen früh wieder rein", verabschiedete sich Hank lächelnd und schloss die Tür leise hinter sich. Logan sank auf den Stuhl neben dem Bett und griff vorsichtig nach Rogues verbundener Hand. Langsam bekamen ihre Wangen wieder Farbe, stellte er zufrieden fest, obwohl sie noch sehr erschöpft aussah, und strich sanft über ihren Handrücken. Sie war wieder zu Haus, wo sie hingehörte. Sie war wieder bei ihm, und nichts und niemand würde sie ihm wieder wegnehmen. Das würde er nicht zu lassen.

Jetzt musste er ihr nur noch beweisen, dass sie zu ihm gehörte und nicht zu einem Langweiler wie Jeremy. Dann könnte er ihr endlich zeigen, was sie ihm bedeutete und wie sehr sie sein Leben zum Besseren verändert hatte, ohne auch ihn ein einziges Mal zu etwas zu zwingen. Es hatte schon viel zu lange gedauert, bis er sich eingestanden hatte, was er wirklich für Marie empfand. Und als er es endlich wusste, war sie damals schon ihre kindliche Verliebtheit überkommen und nichts lies eindeutig darauf schließen, was sie für ihn fühlte. Als sie dann mit diesem Erol zusammen war, dachte er, das wäre wohl wirklich etwas Ernstes. Schon allein der Geruch von diesem Mann an ihr, ließ ihn beinah die Wände hoch gehen, und vor allem, dass sie ihm nicht mehr alles erzählt hatte, was Erol betraf. Bei ihren vorigen Freunden wusste er meist, was Sache war. Erst vor einigen Tagen aber hatte er ja erfahren, dass auch mit Erol nichts gelaufen war. Er wusste nicht einmal selbst, wie erleichtert er war, als er das bei Jubilees Geburtstag gehört hatte. Als Rogue ihre Freunde hatte, redete er sich immer ein, dass es gut für sie war, und sie einen "netten" Mann wirklich verdient hatte, doch gänzlich überzeugen konnte er sich selbst nie, egal wie sehr er es sich auch einredete. Wie auch, wenn er jeden Einzelnen des Öfteren dabei gesehen hatte, wie er vor ihren Berührungen zurück gezuckt war. Und über kurz oder lang gestanden sich alle ein, dass es für sie nicht genug war, Rogue nicht wirklich "fühlen" zu können, geschweige denn sie ohne Barriere zu küssen.

Eines Nachts nach dem Ende mit Erol hatte sie an seiner Seite gekuschelt festgestellt, dass es so wohl auch das Beste wäre, dass sie allein sei, denn sie hatte keinem so vertraut, um den nächsten Schritt zu tun. Sie könne es doch auch keinem Mann zumuten, mit ihr sein Leben zu verbringen, wenn er doch eine Frau haben konnte, die sich nicht unter Schichten von Kleidern verstecken musste, oder die er nur durch dünne Schals küssen konnte. Noch bevor Logan ihr sagen konnte, dass dem richtigen Mann all dies nichts im Mindesten ausmachen würde, sagte sie: "Ich hab doch Alles was ich brauche", und grinste zu ihm hoch. "Ein zu Hause, gute, nein die besten Freunde, und meinen eigenen Wolverine." Ihr plötzliches Bekenntnis und ihre Ehrlichkeit überraschten ihn so, dass er ihr Zwinkern nicht wahrnahm. Er war also eine Extrakathegorie. Doch was er nicht ahnte, war, dass er für sie alles in sich verkörperte: ein zu Haus, Freund und Mann.

Logan wusste nicht, wie lange er Rogue einfach nur ansah und lächelnd nachdachte. Gott sei Dank war niemand hier, um sie zu beobachten, denn er würde wohl im Moment jedem Weichei Konkurrenz machen, sogar Scooter.

Irgendwann musste er eingeschlafen sein, denn plötzlich spürte er Finger sanft durch seine Haare streichen, und sein Kopf lag auf Maries Unterkörper. Die Berührung genießend bewegte er sich nicht, sondern öffnete langsam seine Augen. Da war es, direkt vor ihm. Das Strahlen in grünen Augen, die ihn scheinbar anlächelten. Maries Finger strichen noch ein Mal durch seine Haare, bevor sie langsam ihre Hand wegzog.

"Guten Morgen, Suga." Ihre Stimme war sanft, und man konnte förmlich das Lächeln in ihr hören.

"Hey, Darlin", erwiderte er und setzte sich auf. Sofort vermisste er die Wärme, die von ihr ausgegangen war. "Muss wohl eingeschlafen sein", murmelte er und strich sich mit beiden Händen übers Gesicht.

"Was du nicht sagst", grinste sie.

"Kaum munter und schon wieder aufsässig", erwiderte er gespielt empört.

"Du liebst mich dafür", lachte sie leise.

Wie Recht du doch hast, dachte er und zwinkerte ihr zu. "Wie fühlst du dich", fragte er, als er ihr ein Glas Wasser reichte.

"Prima", antwortete sie ohne zu zögern. Er zog eine Augenbraue hoch. "Ok", lenkte sie ein, "vielleicht nicht prima, aber eigentlich ganz gut. Zwar so als hätte ich tagelang im Danger Room trainiert, aber sonst gut." Sie war wirklich erschöpft, aber das Gefühl wieder zu Hause zu sein, gab ihr Kraft und ließ sie sich endlich wieder wohl fühlen.

"Guten Morgen ihr beiden Schlafmützen", begrüßte Hank sie, als er in den Raum trat.

"Hey Fellball", grinste Logan und Marie lachte leise. "Morgen Hank"

"Wie geht's meiner Patientin heute", fragte der Arzt, der lächeln musste, als er sie endlich wieder lachen hörte.

"Wenn ich sage, mir geht's prima, kann ich hier raus", grinste Marie ihn an. Lachend schüttelte Hank den Kopf. Rogue hatten den Medizintrakt des Mansion noch nie gemocht und hatte ihn nicht nur einmal gefragt, wie er denn manchmal tagelang hier arbeiten konnte.

"Ich nehm noch eine Blutprobe und dann kannst du, denk ich, raus hier", entgegnete er und holte seine Utensilien.

"Schon wieder Blut? Man könnte meinen du bist ein Vampir", neckte sie ihn, als sie sich langsam aufsetzte. "Irgendwann hab ich keines mehr und du musst dir einen anderen Dealer suchen."

Lachend machte sich der Arzt an die Arbeit. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie Logan zufrieden lächelte und sich scheinbar mit jeder Minute weiter entspannte.

"Ich lass dich hier nur raus, wenn du heute und morgen wirklich noch Ruhe gibst", bedingte er ihre Entlassung mit ernster Stimme, als er fertig war. "Das heißt drei Mal täglich Verband an den Handgelenken wechseln und vor allem keine körperliche Anstrengung", mahnte er. Marie nickte artig, und sah ihn verblüfft an, als wäre es das Abstruseste der Welt, dass er dachte, sie würde sich nicht an seine Vorschriften halten. Ihr scheinheiliger Blick brachte Logan zum Lächeln hinter ihr. Wenn sie etwas unbedingt wollte, wusste sie genau, wie sie es am sichersten Wege und schnellstens erreichen konnte.

"Ok, kann losgehen Logan", sagte sie plötzlich und streckte ihm ihre Arme entgegen. Dieser sah sie verständnislos an. Was konnte losgehen? Was führte sie jetzt bloß wieder im Schilde? Hank war offensichtlich genauso ratlos wie er.

"Ich darf mich doch nicht überanstrengen, du hast den Arzt gehört", grinste sie schelmisch, "also los." Jetzt endlich fiel der Groschen bei den beiden Männern und Hank lachte laut los.

Logan zog eine Augenbraue hoch und schenkte ihr seinen "bist du verrückt" Blick. Diesen Blick hatte sie im Laufe der Jahre schon zu oft gesehen, und er zeigte keine Wirkung mehr bei ihr, so streckte sie einfach wieder ihre Hände aus. Nichts wollte er lieber als sie hoch zu heben und in ihr Zimmer zu tragen, doch so einfach würde er es ihr nicht machen.

"Zuerst das Glöckchen, dann die Aushilfskontrolle und jetzt auch noch Sklave, das würde dir so gefallen", knurrte er.

"Definitiv, Suga", lächelte sie und zwinkerte ihm zu. Diese kleine Hexe, dachte er.

"Und was springt für mich dabei raus?"

"Das unsagbare Vergnügen, mich in mein Zimmer zu tragen und mich auf mein Ruhegestade zu betten, sollte ausreichen", gab sie hoheitsvoll zurück und warf ihre Locken zurück. Lächelnd schüttelte er den Kopf und sagte zu Hank, als er sie vorsichtig hochhob und an sich drückte: "Bist du sicher, dass du ihr keine bewusstseinsverändernden Drogen gegeben hast?" Der Arzt gluckste amüsiert vor sich hin und sah ihnen nach, während er Rogue noch sagen hörte: "Und ein Bad mit Milch und Honig einlassen, und Hummer..." bevor sie verschwanden. Kopfschüttelnd ging er ins Labor. Die beiden blieben sich aber auch wirklich nichts schuldig.

"Ich denke nicht, dass du schon baden solltest", sagte Logan, als er Marie aufs Bett setzte.

"Ich muss aber diesen grauenhaften Geruch und Schmutz von Kemano los werden", murmelte sie plötzlich angespannt. Sie fühlte sich so unsagbar benutzt und dreckig. In den Tagen, als Shadow sie gefangen gehalten hatte, zeigte er sich nur einmal in seiner wirklichen Gestalt, sonst sprach er als Kemano zu ihr, auch als er ihr das Antiserum injizierte.

"Willst du mir erzählen, was..." begann Logan besorgt, doch sie sah ihn tapfer lächelnd an.

"Zuerst duschen", sagte sie und war auch schon bei der Badezimmertür. "Würde dir auch nicht schaden", grinste sie frech.

"Da verbringt man die Nacht auf dem verfluchten harten Stuhl und das ist der Dank dafür", erwiderte er gespielt empört, doch er musste zugeben, dass er nachts zuvor nur an Rogue gedacht hatte und nicht ans duschen nach der Besprechung.

Er bemühte sich sie beleidigt anzusehen, als Marie plötzlich neben ihm war und ihn auf die Wange küsste. "Danke", flüsterte sie und ging ins Bad. Wie vom Blitz getroffen stand er regungslos da und konnte nur daran denken, dass sie ihn gerade geküsst hatte. Erst später fiel ihm auf, dass er auch nicht den kleinsten Sog ihrer Mutation gefühlt hatte. Nach einigen Augenblicken riss er sich aus seiner Erstarrung und ging lächelnd hinunter um zu duschen.

Als sie im Pyjama aus dem Bad kam, nahm sie Logans Gegenwart nicht im Geringsten wahr, denn sie hatte nur Augen für ihr Zimmer. Ihr Blick tanzte von dem alten Schrank zur Kommoden zu ihrem Schreibtisch und dann zu den Bildern der Kinder und den Fotos ihrer Freunde. Ihr Lächeln schien bei jedem Gegenstand, den sie bewusst betrachtete, größer zu werden.

Endlich fiel ihr Blick auf Logan, der auf ihrer Couch saß, und nun erstrahlte ihr Lächeln ihr ganzes Gesicht. Ihr Besucher konnte und wollte nicht anders und erwiderte es. Er klopfte auf den Platz neben sich, doch sie sagte: "Moment noch, Suga", und kramte aus ihrer Kommode ein paar Handschuhe. Obwohl er selbst welche für sich mitgenommen hatte, wusste er instinktiv, dass sie die Sicherheit von ihren eigenen an diesem Tag brauchte.

Nachdem sie sie übergestreift hatte, spürte er sie nun endlich an seiner Seite. Ohne zu zögern legte er seinen Arm um sie und zog sie an sich. Er im Gegenzug brauchte die Berührung und ihre Nähe als Beweis, dass sie wirklich wieder bei ihm war. Schweigend nahm sie seine andere Hand in die ihren und strich langsam über jeden einzelnen Finger, dann den Handrücken und folgte ihren Bewegungen mit den Augen. "Ich hab vergessen, wie groß sie sind", murmelte sie gedankenverloren und atmete tief ein. Er roch so gut. Niemandem sollte erlaubt sein so gut zu riechen, dachte sie. Noch bevor er etwas erwidern konnte, machte sich ihr Magen lautstark bemerkbar.

"Hungrig", fragte er schlicht, und ihre grünen Augen sahen zu ihm lächelnd auf, während sie nickte.

"Hab wohl die letzten Tage nicht viel gegessen." Sofort schnellte unsagbare Wut in ihm hoch. Hatte sie überhaupt etwas zu sich genommen, während Shadow sie gefangen gehalten hatte? "Hat er dich...", begann er, doch sie hob abwehrend die Hand.

"Zuerst Frühstück", forderte sie grinsend, doch er konnte sehen, dass sie sich dazu zwingen musste. Er wusste, dass sie es ihm erzählen würde, wenn sie soweit war, und er sie nicht dazu drängen durfte, denn sonst würde sie ihm rein gar nichts sagen. Also nickte er und marschierte in die Küche im Erdgeschoß.

Kaum war Logan gegangen, klopfte es an ihrer Tür, und Jubes steckte ihren Kopf herein.

"Na kommt schon rein", lachte Rogue, und gleich darauf fielen ihr Jubilee und Kitty um den Hals und umarmten sie fest. Lächelnd erwiderte Marie ihre Umarmungen und drückte ihre Freundinnen an sich.

"Wie viel Finger halte ich hoch", fragte Jubilee sie neckend, doch hielt ihre Hand hinter ihrem Rücken.

"Süßes ich kann zwar wieder sehen, aber hellsehen noch immer nicht", antwortete Rogue grinsend. Ihre Freundinnen lachten herzlich los und umarmten sie nochmals.

"Schön dass du wieder da bist", murmelte Kitty an ihrer Schulter.

"Vor allem, dass du noch auf unserer Seite bist", fügte Jubes hinzu, die zugeben musste, dass sie besorgt gewesen war, wie alle anderen, dass Shadow vielleicht doch Recht behalten könnte. Marie lächelte ihre Freundinnen nur an, und war erleichtert, als Logan wieder im Zimmer erschien mit einem Tablett voller Essen, und Jubilee und Kitty so wohl nicht nachfragen würden, was geschehen war.

"Wow, seit wann gibt's hier denn Room Service", fragte Jubes und verschränkte ihre Arme vor der Brust. "Ich glaub, ich zieh zu dir, Chica."

"Du hast deinen Service schon heut Nacht von dem Cajun bekommen", entgegnete Logan trocken, und die Asiatin stieß einen überraschten Laut aus.

"Dein Gehör ist ein Fluch", murmelte sie, und Marie und Kitty begannen zu Lachen, als sie sahen, dass Jubilee rot wurde.

"Da bin ich einmal ganz deiner Meinung, Sparky", stimmte er ihr zu und rollte kurz mit seinen Augen.

"Pfff Wolfie. Erstens, nenn mich nicht so! Zweitens bist du doch nur neidisch, weil ich solchen Service bekomme und du nicht", gab sie zurück und zwinkerte ihn herausfordernd an.

"Ich bezweifle, dass er an Remys Service Freude hätte", schaltete sich nun Rogue grinsend ein, während Kitty alle Hände voll zu tun hatte, nach Luft zu schnappen zwischen ihren Lachausbrüchen.

"Dann brauch ich wenigstens keine Angst haben, dass er ihn mir wegschnappt. Obwohl er ja nicht weiß, was er versäumt", entgegnete Jubes so ernst wie möglich.

"In diesem Fall versäum ich garantiert nichts! Ich hab genug gehört. Ihr solltet euch wirklich mal über eine Schalldämpfung in eurem Zimmer unterhalten", erwiderte Logan und stellte das Tablett auf Rogues Schreibtisch ab, bevor er sich wie selbstverständlich wieder neben sie auf die Couch fallen ließ. Genauso selbstverständlich griff er nach Maries Hand und strich sanft darüber. Jubilee stand mit offenem Mund vor ihnen und suchte fieberhaft nach Worten. Dies geschah nun wirklich nicht oft, aber wenn, dann war es ein umso mehr amüsierendes Bild für die Zuseher. Kitty bog sich mittlerweile beinah vor Lachen und hielt sich den Bauch. Nachdem sie sich gefangen hatte, sagte sie: "Eigentlich wollten wir ja nur fragen, ob du mit zum Frühstück kommst, aber das hat sich ja erledigt. Also sehen wir dich später, ja?"

"Definitiv, Süße. Ich lauf nicht weg", erwiderte Rogue lächelnd.

"Gut, denn wir lassen dich auch nicht mehr weg", rief Jubilee über ihre Schulter, als Kitty sie aus dem Zimmer zerrte. Diesmal musste Logan zugeben, dass er mit Sparky einer Meinung war.