21.
Was für ein frustrierender Scheißtag! Erst gefühlte hunderttausend Mal mit der Verwaltung telefoniert, nur um jedes Mal die Gelder für die studentische Hilfskraft abgelehnt zu bekommen. Dann von Big M einen Anpfiff kassiert, weil er eine Klausur verbummelt hatte! Wie eine Blöde diese Klausur gesucht und dann nicht einmal ein Danke bekommen – zumindest nicht vom Chef, nur von der überaus erleichterten Studentin, die schon geglaubt hatte, ihre Zwischenprüfung noch einmal ablegen zu müssen. „Das ist doch alles zum Kotzen!", schimpfte Theresia Jibing vor sich hin. Mit einem für ihre zierliche Figur eher ungewöhnlich lauten Puff warf sie sich auf ihr Bett. Heute Nachmittag würde sie erstmal gar nichts tun. Sie würde sich jetzt ein Stück Kuchen aus der Küche holen und das dann ganz genüsslich essen! Das klang gut, sehr gut sogar. Sia wälzte sich wieder aus ihrem Bett heraus.
„Sia-Spatz, schon Zuhause?", wollte Gisela wissen, als ihre Tochter schlecht gelaunt in die Küche schlurfte. „Du doch auch." – „Ja, aber ich arbeite von Zuhause", verteidigte Gisela sich schmunzelnd. „Was ist denn los?" – „Ach, das war einfach ein Scheißtag. Kennst du das, wenn du 101 gibt's und es dir niemand dankt? Ich erwarte ja nun nicht das Bundesverdienstkreuz, aber ein Lächeln oder ein Danke?" Vor sich hinmosernd steckte Sia den Kopf in den Kühlschrank. „Haben wir keinen Kuchen im Haus?" – „Nee, tut mir leid", bestätigte Gisela die schlimmste Befürchtung ihrer Tochter. „Aber es ist noch eine Packung Vanille-Schoko-Erdbeer-Eis im Tiefkühlfach." Sia zog besagte Packung hervor und hielt sie ihrer Mutter vorwurfvoll unter die Nase: „Wieso ist in diesem Haus niemand den Erdbeerteil?" – „Du könntest das doch machen", schlug Gisela amüsiert vor. „Ich mag aber kein Erdbeer-Eis." – „Ich kann dir ja nachher welches vom Einkaufen mitbringen", schlug Gisela besänftigend vor. „Nachher hat sich mein Frust bestimmt gelegt und dann brauche ich keine kalorienhaltigen Schweinereien mehr", gab Sia schmunzelnd zu. „Na siehst du, du kannst ja schon wieder ein bisschen lächeln. Tust du mir bitte einen Gefallen?" – „Was denn, Mama?" – „Könntest du dein Zimmer aufräumen?" – „Ist das dein Ernst? Darum hast du mich doch das letzte Mal gebeten, da war ich… sieben, oder?" – „Ja. Damals warst du aber auch noch nicht so schlampig wie heute", erwiderte Gisela. „Hör zu, gleich kommt ein Kunde von mir und ich hätte gerne, dass es hier ordentlich ist." – „Mama, du verkaufst Versicherungen. Deine Kunden haben in meinem Zimmer nichts verloren." – „Theresia", wechselte Gisela in einen strengen Tonfall. „Papa und ich haben dich wirklich gerne hier – wir wissen ja, dass du an der Uni nicht so viel verdienst und dann deine Doktorarbeit… Aber jetzt habe ich mal eine Bitte an dich und nicht einmal eine große. Du sollst ja nur aufräumen, mehr nicht. Staubsaugen kann warten." Sia seufzte. „Das empfinde ich als weniger befriedigend als Schokolade." – „Aber es baut Aggressionen ab", schmunzelte Gisela.
Deutlich besser gelaunt als noch eine Stunde zuvor betrachtete Theresia ihr Zimmer. „So sieht also mein Fußboden aus", grinste sie sich selbst zu. Ihr Blick wanderte durch den Raum. Da lag ja auch noch diese unsägliche Zeitschrift, die ihre Mutter vor knapp drei Wochen angeschleppt hatte! Sia machte ein paar Schritte dorthin und hob das Klatschblatt auf. „Mit 40 noch Jungfrau" titelte die Zeitschrift. Da blieben ihr ja noch 13 Jahre, seufzte Sia. Zumindest war sie nicht alleine, das war ja schon mal beruhigend. Erst widerwillig, dann mit zunehmendem Interesse begann Sia zu lesen.
Aha, so war das also. Sie fiel also in die Kategorie „Streber-Falle". Ihre guten Leistungen in der Schule und später an der Uni hatten also abschreckend auf das andere Geschlecht gewirkt. Nur… Rokko wusste davon doch gar nichts… Naja, was konnte eine Zeitschrift, die… die Rezepte und… was stand denn da noch alles drin? Sia begann zu blättern. Eine einseitige Diät, Modetipps, die Kolumne eines Pastors, dieser unsägliche Artikel, laut dem ihre Intelligenz an ihrer Jungfräulichkeit schuld war, Traumhochzeit bei Kerima Moda – was für eine Mischung!, schüttelte Sia den Kopf. Wobei… Traumhochzeit bei Kerima Moda? Das Klatschblatt war nicht von gestern. Ob das wohl die Hochzeit von Loretta und Lisa war? Wie Loretta wohl als Mann ausgesehen hatte? Nicht, dass sie sich das mit viel Phantasie nicht vorstellen konnte… Lorettas Züge waren ja immer noch sehr maskulin, auch wenn sie ihre Haare mittlerweile etwas länger trug. Mit Schminke und sehr femininen Kleidungsstücken war sie ja seit längerem ausgestattet. Neugierig suchte Sia die Fotos des Artikels nach jemandem ab, der aussehen könnte, als wäre er heute Loretta. Die glücklichen Eltern des Brautpaares… die Trauzeugen… die Arbeitskollegen… ha, das Brautpaar! David Seidel, aha. Sia kicherte in sich hinein – der wirkt ja nun so gar nicht wie einer, der sexuell irgendwie verwirrt war! Und wer war der da? Der da auf dem kleinen Bild in der linken, oberen Ecke. Der war so aufgerüscht, dass man ihn glatt mit dem Bräutigam hätte verwechseln können. Der so unsanft von der Braut am Altar stehen gelassene Rokko Kowalski verließ Göberitz nach der missglückten Trauung auf schnellstem Weg.
„Kowalski", meldete Rokko sich. „Hallo Sohn, hier ist deine Mutter. Kannst du dich noch erinnern?" – „Mama!", freute Rokko sich. „Oh, er erkennt mich noch." – „Mama, wirklich. Ich… Oh nein, ich habe ewig nicht angerufen, oder?" – „Ewig trifft es. Vielleicht war es auch ein bisschen länger", schmunzelte Melanie. „Störe ich gerade?" Rokko betrachtete seinen Schreibtisch. „Ehrlich gesagt, habe ich gerade viel zu tun", gab er zerknirscht zu. „Leider bin ich es leid, Stellungnahmen zu Loretta zu schreiben. Du darfst mich also ruhigen Gewissens von der Arbeit abhalten", grinste er. „Hast du in letzter Zeit mal mit deinem Bruder gesprochen?", wollte Melanie wissen. „Mit Lars? Ich rufe ihn abends immer an, um ihm eine gute Nacht zu wünschen." – „Dann hat er dir schon davon erzählt?", schlussfolgerte Melanie. „Wovon erzählt?", hakte Rokko verwirrt nach. „Vom Werkstattfest." – „Schon wieder?" – „Zwei Mal im Jahr, mein Sohn, zwei Mal im Jahr", schüttelte Melanie kaum merklich den Kopf. „Ich war schon einkaufen, um Freitagabend backen zu können." – „Diesen Freitag?" – „Ja, diesen Freitag. Das Fest ist Samstag. Ich hatte gehofft, du würdest auch kommen. Wir haben uns so lange nicht gesehen und… Lars vermisst dich auch." Rokko lächelte. „Okay, ich versuche zu kommen. Ich muss vorher nur mit Sia sprechen, für den Fall, dass sie andere Pläne hat." – „Sia?", hakte Melanie hellhörig nach. „Ächem… also eigentlich heißt sie Theresia." – „Theresia. Klingt nett." – „Das ist sie", strahlte Rokko. „Ist mir da etwa eine wichtige Entwicklung im Leben meines Jüngsten entgangen?", versuchte Melanie Rokko auszuhorchen. „Vielleicht", erwiderte Rokko geheimnisvoll. „Sie ist meine… meine Freundin." – „Freundin", wiederholte Melanie. „So wie Loretta eine Freundin ist?" – „Nein, MEINE Freundin", lachte Rokko. „Oh", seufzte Melanie. „Oh", freute sie sich, als sie verstand. „DEINE Freundin. Oh, Rokko, das freut mich so für dich! Bring sie doch mit, wenn du am Wochenende kommst." – „Daran dachte ich doch, aber ich muss sie ja vorher fragen. Nicht, dass sie wichtige Termine hat oder so." – „Gut, frag sie und vergiss nicht zu sagen, dass Lars und ich uns ganz dolle darauf freuen, sie kennen zu lernen und dass wir sehr nette Menschen sind, ja?" – „Das mache ich, Mama", amüsierte Rokko sich. „Gut, dann mach dich mal wieder an die Arbeit, damit du Freitag rechtzeitig losfahren kannst", befahl Melanie ihrem Sohn sanft.
Rokko hatte gerade aufgelegt und überlegte, ob er früher Feierabend machen und Sia in der Uni abholen oder ob er lieber normal weiterarbeiten und später zu ihr nach Hause gehen sollte, als die Tür zu seinem Büro aufflog. „Sia!", freute er sich. „Das ist ja eine Überraschung. Ich habe gerade überlegt, wie ich jetzt weitermache…" Rokko stand auf und umrundete seinen Schreibtisch. „Ich würde dich da nämlich gerne etwas fragen", gestand er. „Ich dich auch", fiel Sia ihm ins Wort. Mit verstimmtem Gesichtsausdruck hielt sie Rokko den Artikel über dessen Hochzeit unter die Nase. „Warum hast du mir nie davon erzählt?"
