Als mit einem Mal die Gespräche um mich herum verstummten, wurden mir schlagartig zwei Dinge klar: dass es weniger spät sein musste als ich zunächst angenommen hatte – und dass ich inzwischen so betrunken war, wie schon seit langem nicht mehr. Schwerfällig drehte ich den Kopf. Doch meine Augen benötigten einige Augenblicke, bis es ihnen schließlich gelang, die schlanke Gestalt, die in der Saloontür lehnte, zu fokusieren.

„Guten Abend, Stella." Meine Zunge lag merkwürdig träge in meinem Mund und erschwerte mir das Sprechen. Ich blinzelte noch einmal, während ich schwankend ihre ungewohnte Erscheinung betrachtete. Sie trug ein dunkelgrünes Kleid mit einem dazu passenden weißen Spitzenkragen, doch schien ihr das Kleidungsstück um ein oder zwei Konfektionsgrößen zu weit zu sein. Träge erinnerte ich mich daran, dass Stella um einige Inches kleiner war als die vermutliche Besitzerin des Stückes. „Ein hübsches Kleid hat dir Mrs. Travis da ausgesucht."

Stella verschränkte die Arme vor der Brust und blickte mich regungslos an. „Schön, dass es dir gefällt, Ezra." Ihre Stimme klang ungewöhnlich kalt.

Und wenn es vermutlich nur wenig zur Sache tat, fiel mir just in diesem Moment auf, dass sie ihre Haare gewaschen und zu einem lockeren Zopf geflochten hatte.

Anders als ich es getan hatte, war Buck bereits bei Stellas Eintreten in den Saloon von seinem Stuhl aufgesprungen, und tat nun einen Schritt in ihre Richtung.

„Guten Abend, Mrs. McKinnon! Darf ich ihnen einen Sitzplatz anbieten?"

Stella schüttelte den Kopf und Wilmington blieb stehen. „Nein, vielen Dank, Buck. Ich werde nicht lange bleiben. Ich bin hergekommen, um mit Ezra zu sprechen." Sie warf mir einen zweifelnden Blick aus ihren hellen Augen zu. „Allerdings nur, wenn sich Mr. Standish auch zu einem Gespräch in der Lage sieht!"

Neben mir unterdrückte Vin ein Schmunzeln.

Chris hingegen grinste offen und zweifellos amüsiert in meine Richtung. „Du solltest die junge Dame nicht warten lassen, Ezra."

„Ich danke ihnen sehr für ihren wohl gemeinten Ratschlag, Mr. Larabee", murmelte ich, schob meinen Stuhl zurück und erhob mich schwankend. Mit Hilfe der Tischkante kam ich zum Stehen und wandte mich unsicher um. „Stella?"

Sie schüttelte leicht den Kopf, doch ich wurde das dumpfe Gefühl nicht los, dass sich ihre Laune stetig verschlechterte. „Ich werde draußen vor der Tür auf dich warten!" Sie verließ den Saloon ohne sich noch einmal nach mir umzusehen.

Ein wenig ratlos verharrte ich an meinem Platz.

Buck runzelte die Stirn. „Ihre Stimmung wird nicht besser werden, wenn du sie warten lässt", riet er.

„Das habe ich nicht vor." Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf, ließ die Tischkante los, und tat einen prüfenden Schritt ohne ihren Halt.

„Aber vielleicht brauchst du ja Hilfe, Ezra?" Am Tisch lachte Nathan leise.

Ich tat einen zweiten Schritt und vermied es sicherheitshalber mich zu meinen grinsenden Gefährten umzuwenden. „Ihr Angebot ehrt sie, Mr. Jackson. Trotzdem muss ich es ausschlagen." Da mir auch der dritte Schritt recht gut gelang, fühlte ich mich zuversichtlich, was die Folgenden betraf. „Ich benötige weder ihre Unterstützung, noch die der übrigen anwesenden Herren!"

Unter dem rauen Gelächter der sechs Männer verließ ich ungehindert, wenn auch noch ein wenig schwankend den Schankraum. In der Tür blieb ich stehen, bis sich meine Augen an die von einigen Feuern am Rande der Straße beleuchteten Nachtszenerie gewöhnt hatten. Ich entdeckte Stella einige Meter entfernt vom Eingang. Sie hockte auf dem Bürgersteig und hatte mir den Rücken zugedreht. Es kostete mich einige Mühe meinen Weg bis zu ihr langsam und vor allem stetig fortzusetzen.

Sie musste mich kommen gehört haben, denn als ich nur noch wenige Schritte entfernt war, hob sie den Kopf. „Setz dich zu mir."

Sie machte sich nicht die Mühe sich nach mir umzuschauen, also erfüllte ich stumm ihren Wunsch. Eine Welle der Erleichterung überkam mich, als ich auf den groben Holzbohlen zu sitzen kam und meinen Rücken der Unterstützung eines Dachbalkens überantworten konnte.

„Wie geht es dir?", fragte ich schließlich, um das unangenehme Schweigen zwischen uns zu beenden.

„Mrs. Travis hat mir Kleidung und etwas zu Essen gegeben", Stella starrte auf die gegenüberliegende Straßenseite, „und ein Bett, in dem ich schlafen kann. Und sie hat dafür gesorgt, dass der Schmied die Kettenglieder von meinen Händen und Füßen entfernt."

Ich nickte und massierte die wund gescheuerte Haut meiner eigenen Handgelenke, die sich ohne die metallenen Spangen seltsam nackt anfühlten.

„Mrs. Travis ist eine sehr großzügige Frau."

Ich runzelte die Stirn. „Das ist sie wohl. Mich kann sie allerdings nicht leiden!", brach es dann aus mir heraus, bevor ich mir auf die Lippen beißen konnte. Augenblicklich machte ich den Alkohol für dieses fehlende Maß an Beherrschung verantwortlich – auch wenn das nun nichts mehr ändern konnte.

Stella verschränkte die Finger ineinander, aber noch immer weigerte sie sich, mich anzusehen. „Ich denke, sie misstraut Männern deines Schlages grundsätzlich."

Ich musste nicht fragen, um zu begreifen, was Stella damit sagen wollte. Denn selbst in meinem bemitleidenswerten Zustand hatte ich im Saloon doch den mehr als nur irritierten Blick bemerkt, mit dem sie die halb leeren Gläser und die Whiskeyflasche auf dem Tisch angesehen hatte.

„Du bist ein Spieler und ein Trinker, Ezra."

„Ich trinke nur selten... so viel wie heute." Ich lehnte den Kopf gegen den Pfahl und schloss die Augen. „Als Spieler muss ich stets wachsam und darum auch leidlich nüchtern sein." Meine Worte schienen mir nicht besonders weise zu sein, aber wenigstens waren sie wahr.

Stella schnaubte leise. „Dann bist du nur betrunken, weil es keine Karten in der Hand zu halten gab, die dich vom Trinken abgehalten hätten? Ist das deine Entschuldigung?"

„Nein." Ich seufzte, während die kalte Nachtluft mein erhitztes Gesicht streichelte. „Ich habe überhaupt keine Entschuldigung für mein Verhalten."

Für eine Weile schwieg sie.

„Mein Vater hatte stets eine Entschuldigung, wenn er wieder einmal betrunken war und das Geld ausgegeben hatte, dass wir zum Leben gebraucht hätten", murmelte sie schließlich. „Es war nie seine Schuld."

Überrascht öffnete ich meine Augen und bemerkte, dass sie mich ansah.

„Stella, ich bin nicht wie dein Vater!" Nur zu gut erinnerte ich mich daran, was dieser Mann seiner ältesten Tochter angetan hatte. „Ich bin derselbe Mann, den du in der vergangenen Nacht noch gebeten hast, bei dir zu bleiben."

Sie senkte den Blick. „Vielleicht habe ich mir da nur etwas vorgemacht."

„Hast du das?"

„Vielleicht." Ihre Stimme war nur noch ein leises Flüstern.

„Sieh mich an, Stella", bat ich, „und sag mir, was du in mir siehst." Und mit einem Mal war die Wirkung des Alkohols wie weggeblasen. Ich spürte, wie mein Herz in Erwartung ihrer Antwort seinen Schlag beschleunigte. „Was siehst du?"

Sie schwieg. Doch dann, endlich, hob sie den Kopf und sah mir ins Gesicht. „Ich sehe dich, Ezra." Ihre Stimme vibrierte wie der Flügelschlag eines kleinen Vogels. „Aber ich begreife dich nicht."

„Bin ich für dich heute Abend ein anderer als in der vergangenen Nacht?"

Für einige Minuten hing meine Frage zwischen uns wie die blitzende Schneide eines Schwertes. Die Zeit verharrte und schien sich ins Endlose auszudehnen.

Da schüttelte sie endlich den Kopf. „Du bist derselbe Mann. Auch wenn ich dich heute von einer anderen Seite sehe. Trotzdem bist du immer noch du selbst."

„Und nun, da du auch die andere Seite kennst..." Ich holte tief Luft. „Habe ich dein Vertrauen verloren?"

Sie schwieg so lange, dass ich schon beinahe glaubte, dass sie mir nicht antworten würde. Als sie es schließlich doch tat, zuckte ich beklommen zusammen.

„Mein Vertrauen? Du denkst, dass ich dir jemals vertraut hätte?"

Ich blinzelte verwirrt. „Warum hättest du mir sonst all die Dinge über deine Vergangenheit anvertraut?"

Sie zuckte mit den Achseln. „Woher willst du wissen, dass ich dir die Wahrheit gesagt habe? Du weißt doch, was ich bin. Eine verurteilte Mördern! Wie kannst du mir da glauben?"

Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, dass meine alkoholgetränkten Sinne mit dieser Unterhaltung haltlos überfordert waren. Wie sonst sollte ich mir erklären, warum Stella sich plötzlich so merkwürdig verhielt und mich anscheinend dazu zwingen wollte, all das, worauf ich in den letzten Tagen vertraut hatte, in Frage zu stellen. Müde legte ich meinen Kopf gegen den Pfahl, an dem ich lehnte.

„Ich bin ein Spieler und Trinker, Stella, das hast du selbst gesagt. Mit den Schattenseiten des Lebens kenne ich mich also aus. Ich würde spüren, wenn du etwas Schlechteres wärst als ich. Aber da ist nichts."

Sie blinzelte. „Das ist ein wahrhaft seltsames Kompliment, Ezra."

Ich nickte stumm. Da sie mich offenbar für einen üblen Schurken hielt und es nur wenig gab, das ich dieser Einschätzung hätte entgegen setzen können, zog ich es vor zu schweigen. Wortlos starrte ich in das Feuer, das wenige Schritte entfernt flackerte und die staubige Hauptstraße von Four Corners beleuchtete. Es hatte wenig gemein mit dem winzigen Feuer, das Vin in der vergangenen Nacht entzündet hatte, und noch weniger mit den düsteren und doch sternenklaren Nächten unserer gemeinsamen Flucht durch die Wildnis. Es war beinahe, als würde das Licht der Zivilisation nach und nach auch die Schattenseiten meines Charakters für Stella sichtbar machen, und es schien, als wäre jede neue Nuance nicht weniger als eine maßlose Enttäuschung für sie. Aber ich war ich, und auch wenn es manches gab, das ich mir vorzuwerfen hatte, fand ich doch nichts, wofür ich mich bei ihr hätte entschuldigen müssen.

„Du hast mich gefragt, was ich in dir sehe, Ezra." Stella starrte auf ihre Stiefelspitzen, doch schon im nächsten Augenblick hob sie den Blick. „Ich schaue dich jetzt an, und ich werde dir sagen, was ich sehe."

Ich nickte, auch wenn ich nicht sicher davon überzeugt war, dass ich ihre Worte hören wollte. Aber ich fand auch keinen Weg mich ihrer zu entziehen, und darum schwieg ich, und wartete stumm darauf, dass sie zu sprechen fortfuhr.

„Ich sehe einen Mann, der sich mit aller Kraft darum bemüht, seinen wahren Kern, sein Herz, vor sich und der Welt zu verbergen. Du versteckst dich vor dir selbst, Ezra. Du ziehst dich vor den Menschen zurück, wann immer du es kannst. Und das machst du sehr gut."

„Wenn ich diese fragliche Fertigkeit tatsächlich so gut beherrschen würde, wie du beschreibst, wie kann es dann sein, dass du davon weißt?", murmelte ich, und fragte mich gleichzeitig, warum mich ihre Antwort so sehr verwirrte.

„Ich weiß, wovon ich spreche", antworte Stella knapp.

„Nicht etwa von deinem Vater, darf ich doch hoffen!", versetzte ich leicht gereizt.

„Nein. Ich spreche von mir selbst."

Erstaunt schüttelte ich den Kopf. „Du bist nicht wie ich!" Kaum waren die Worte heraus, begriff ich wie beleidigend sie in Stellas Ohren klingen mussten.

Doch anscheinend fühlte sie sich keineswegs angegriffen, denn über ihre Züge zog sich plötzlich ein leichtes Lächeln. „Ich sagte auch nicht, dass ich es wäre. Aber ich kenne deine Überlebensstrategie, Ezra, und ich weiß, dass man mit ihr gut leben kann, solange man niemanden zu nah an sich heran lässt. Aber wenn es dann doch geschieht, wenn du einem Menschen begegnest, dem du nicht ausweichen kannst, wird er hinter deine Fassaden schauen, und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst." Ihr Lächeln verschwand ebenso schnell wie es gekommen war. „Drei Tage und Nächte sind eine lange Zeit, Ezra."

„Ja, das sind sie." Ich seufzte leise. „Und wie es scheint, wiegen sie schwer."

In ihren Augen spiegelte sich das Flackern der Flammen, während sie mir ins Gesicht sah. „Und trotzdem sind es eben diese drei Tage und Nächte, in denen du dir mein Vertrauen erworben hast."

Jetzt war ich es, der lächelte. „Dann möchte ich diese drei Tage und Nächte für nichts in meinem Leben wieder hergeben." Einem plötzlichen Impuls folgend streckte ich meine Hand aus bis meine Finger ihre Wange berührten. „Um keinen Preis dieser Welt, Stella."

Ihre Hand legte sich auf die meine und die Kühle ihres Blickes hatte einem warmem Schimmern Platz gemacht. „Das musst du auch nicht."

„Gut." Mit einem Mal fühlte ich mich unendlich erleichtert.

Stella lachte leise. Ihre Finger schlangen sich um die meinen. Sanft zog sie meine Hand von ihrem Gesicht zurück, bis unsere Hände ineinander verschränkt auf dem schmutzigen Bürgersteig ruhten. „Ezra?"

„Was?"

„Ich werde morgen fortreiten, um nach Lily zu suchen." Ihre blauen Augen wanderten über meine Züge, als wollten sie in Erfahrung bringen, was ich über diese Sache dachte. „Und ich kann dir nicht versprechen, dass ich nach Four Corners zurückkehren werde."

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das wirst du nicht tun. Das wäre dumm und außerdem sehr gefährlich!"

Stella löste ihre Hand aus der meinen. „Lily braucht mich, Ezra. Ich habe schon viel zu lange an meine eigene Sicherheit gedacht."

„Stella, hör zu..."

Doch sie schüttelte den Kopf. „Versuche nicht, mich umzustimmen!"

„Morgen wird Mrs. Travis an den hiesigen Bezirksrichter telegraphieren. Oren Travis ist ein guter Mann, und ganz sicher nicht von Randall und seinen Kumpanen zu bestechen. Der Richter wird unseren Fall erneut aufnehmen, und wir werden beweisen können, dass wir unschuldig sind!"

„Solange kann Lily nicht warten", murmelte Stella und presste die Lippen zusammen. „Die Zeit läuft ihr davon, und mir ebenfalls! Ich werde mich morgen auf den Weg machen."

„Das wirst du nicht!"

Ihre Augen begannen bedrohlich zu funkeln. „Glaube ja nicht, dass du mir Vorschriften machen kannst, Ezra Standish, nur weil ich dir ein paar meiner Geheimnisse anvertraut habe! Du wirst mich nicht dazu bringen, meine Schwester im Stich zu lassen!"

„Das habe ich auch nicht vor. Hör zu, Stella. Josiah und Buck werden sich morgen Früh auf die Suche nach Randall und seinen Männern machen. Und wenn sie diese gefunden haben, werden sie nach Four Corners zurückkehren und es uns wissen lassen."

Stella blinzelte zweifelnd. „Warum sollten deine Freunde sich diese Mühe machen?"

Ich seufzte, diesmal deutlich hörbar. „Du bist nicht die einzige, die sich Sorgen um Lily macht."

„Du kennst Lily doch gar nicht! Und deine Freunde kennen sie ebenso wenig!"

„Aber ich kenne dich." Ich umfasste erneut ihre Hand. „Und ich werde nicht zusehen, wie du blind in dein Unglück rennst. Damit hilfst du weder deiner Schwester noch dir selbst!"

Stella senkte den Blick und schwieg.

„Sobald wir in Erfahrung gebracht haben, wo Randall deine Schwester gefangen hält, werden wir dich dorthin begleiten. Und wir werden erst wieder nach Four Corners zurückkehren, wenn wir Lily gefunden und in Sicherheit gebracht haben."

Stella schüttelte den Kopf. „Das ist nicht euer Kampf, Ezra."

„Aber es ist deiner, richtig?"

Sie nickte.

„Dann ist es jetzt auch der meine." Entschlossen drückte ich ihre Hand. „Und wer auch immer sonst sich uns anschließen will, trifft seine eigene Entscheidung."

Für eine Weile saß sie regungslos im Licht der Flammen. Ihre Augen starrten ins Leere, doch in ihnen glomm ein helles Feuer. Schließlich erwiderte sie meinen Händedruck und hob den Blick, um mich anzusehen.

„Dann werden wir Lily befreien?" Ihre Augen funkelten.

„Wir werden sie befreien." Meine Finger verschränkten sich mit den ihren. „Das verspreche ich dir."

Auch wenn ich noch nicht ahnte, worauf ich mich mit diesen Worten eingelassen hatte, kamen meine Worte tief aus meinem Herzen – und damit von einem Ort, den ich für gewöhnlich vor anderen Menschen zu verbergen trachtete. Es gab nur wenig Menschen, denen es gelang, diesen Ezra Standish hinter der Fassade auszumachen, die ich mit den Jahren um mich aufgebaut hatte. Die meisten sahen nicht mehr, als ich ihnen zu erkennen gestattete. Stella McKinnon jedoch war eine Ausnahme.

„Das verspreche ich dir", wiederholte ich leise.

(FORTSETZUNG FOLGT)