„Scheiße!", sagte Draco Malfoy entgeistert und machte einen Schritt zurück. Blaise trat ebenfalls einen Schritt zurück und ließ Hermine herunter. Hermines Herz klopfte, als Malfoy sie durchdringend anstarrte. Sie zog sich rasch ihre Robe wieder über die Schultern. Merlin sei Dank war nicht mehr von ihr zu sehen. Ihr Herz raste schneller und sie spürte eine unglaubliche Hitze in ihrem Gesicht.

„Draco – was-?", begann Blaise.

„Ich dachte – seit wann bist du schwul?!", unterbrach Malfoy Blaise.

Blaise antwortete sogleich wütend: „Mein Privatleben geht dich einen Scheißdreck an, Malfoy. Ich hab dir nie eins deiner Weiber streitig gemacht, geh doch zu Astoria zurück! Was willst du jetzt? Lass mich in Frieden!" Malfoy blickte ihn nicht minder wütend an.

Für Hermine ergab die Konversation kaum Sinn. Was scherte es Malfoy…?

„Ich hätte es wissen müssen, er ist so… so…" Malfoy fluchte lautstark, warf Hermine einen hasserfüllten Blick zu und warf die Tür hinter sich zu. Hermine verlor jede Farbe im Gesicht, wo sie vorher feuerrot gewesen war. Ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen, war vielmehr in tausend Stücke zersplittert.

„Verdammt!", schimpfte Blaise und schlug mit seiner Faust an die Wand.

Hermine biss sich auf die Lippen, um nicht in Tränen auszubrechen. Sie ging an Blaise vorbei, in ihr Bad, und setzte sich an den Rand der Wanne. Sie verstand sich ja selbst nicht. Was hatte diese surreale Szene gerade eben zu bedeuten? Was war Malfoys Problem? Ihr lief es kalt den Rücken hinunter, als sie an seinen Blick dachte. Es war nicht nur hasserfüllt, sondern Malfoy litt wie ein geprügelter Hund. Wegen ihr. Und Blaise. Hermine glaubte mit einem Mal zu verstehen.

Malfoy war eifersüchtig. Und Malfoy und Blaise war schon mal ein Thema gewesen, so wie Malfoy vollkommen aus jedem Zusammenhang heraus gesagt hatte, dass Blaise nicht schwul sei. War Malfoy etwa bi?

Malfoy war verliebt in Blaise und Blaise erwiderte seine Gefühle nicht, fiel es Hermine wie Schuppen von den Augen. Konnte das sein? Und zu allem Überfluss schien sie auch mehr Gefühle für Malfoy zu haben, als sie sich selber eingestehen wollte. Ihr Herz klopfte und ihre Knie fühlten sich butterweich an. Hermine verkniff sich einen Fluch und ging zurück ins Zimmer, wo Blaise halb angezogen auf seinem Bett lag.

„Bitte geh zu ihm.", sagte Hermine leise, bevor Blaise etwas sagen konnte. Blaise warf die Arme in die Luft. „Um ihm was zu sagen?"

„Ihr seid befreundet – Malfoy – er braucht dich jetzt und ihr müsst das ausreden!", sage Hermine nachdrücklich. Sie konnten nicht die DAA und alles, was sie sich aufgebaut hatten, kompromittieren.

Seufzend stand Blaise auf, zog sich wieder an und machte sich resigniert auf zu Malfoy.

Hermine ließ sich auf ihr Bett sinken. So hatte sie sich ihren Abend ganz bestimmt nicht vorgestellt. Und was beinahe passiert wäre… es war richtig und falsch zugleich. Sie wollte es, aber nicht mit Blaise. Richtig und falsch. Und Malfoy, war er wirklich bi oder so? Und was war mit Ginny? Hermine hatte das Gefühl, sich in der Dusche ersäufen zu müssen, wenn ihre Gedanken weiter um den heutigen Tag kreisten. Stattdessen nahm sie nur ein Bad und ging schlafen.

Am nächsten Tag informierte sie zuerst Dumbledore über ihr Zwei-Wege-Pergament, dass Moses Goldstein tatsächlich der Überläufer war und dass über ihn geplant wurde, Todesser in Ausbildung bei dem Orden einzuschleusen.

Ein wesentlicher Teil ihrer Mission von Dumbledore war nun erfüllt. Hermine war gespannt, ob er sie nun abberufen würde oder ob die Scharade noch länger andauern sollte. Sie war mit dem Unbrechbaren Schwur an die DAA gebunden, das musste sie dabei nur bedenken. Und das Dunkle Mal konnte sie auch immer wieder zurück rufen, wenn sie nicht ihren Willen dagegen stählte.

Ihr Arm brannte. Das Frettchen informierte sie darüber, dass Ginny Weasley gerade verhört wurde. „Velandum rubrum!", murmelte Hermine, während sie in den großen Thronsaal huschte. Grauenhafte Schreie drangen ihr entgegen.

Sie sah Ginny und über ihr Bellatrix. Die Verrückte hatte ein Messer, mit dem sie in Ginnys Unterarm ritzte. Bei jeder Antwort, die Ginny sich weigerte zu geben, schlitzte Bellatrix ihr einen Buchstaben mehr in den Arm. Hermine sah, dass Ginnys Bein stümperhaft zusammengeflickt war. Ginny hatte nicht den Hauch einer Chance zu fliehen, wenn eines ihrer Beine dermaßen kaputt war.

Wo. Ist. Potter!", sang Bellatrix. „Ich weiß es nicht, du Miststück!", fauchte Ginny. Ihr letztes Wort ging über in ihre Schreie, als Bellatrix ihre Schnitzerei fortsetzte. R. Hermine sah, dass alle anwesend waren, die bei Ginnys Gefangennahme mit dabei gewesen waren. Um Ginny herum war eine Blutlache. Bellatrix stand auf und sagte zu Avery, Greyback und Hermine: „Sie gehört ganz euch. Wir werden sehen, wann sie spricht." Der Werwolf und Avery nahmen die Aufgabe dankbar an. Hermine war wütend und den Tränen nahe. Sie konnte kaum etwas für ihre Freundin tun.

Bellatrix schnauzte sie an. „Was ist los, Mortém? Gefühle für den kleinen Rotschopf? Ich wusste, dass ein Stück Dreck wie du dem Dunklen Mal nicht würdig ist." Hermine richtete ihren Zauberstab auf Ginny und bat sie innerlich um Vergebung. Dann sprach sie den ersten Fluch. Ginny zuckte, aber die Magie war so schwach, dass es ihr keine echten Schmerzen bereitete. Bellatrix beobachtete alles fasziniert. Ihr Vorurteil über Mercure Mortém bestätigte sich vermutlich gerade.

„Du bist genauso ein Blutsverräter. Lehren sie euch hier nichts? Man muss einen Unverzeihlichen Fluch auch so meinen.", sagte sie verächtlich. „Crucio!"

Und Hermine wand sich unter tausenden Nadelstichen und Flammen, die sie verbrannten – als das Gefühl schnell nachließ. Sie öffnete die Augen und sah, wie Draco Malfoy seine Tante weggestoßen hatte. „Ich habe mich für Mortém verbürgt, ich werde seine Strafe auf mich nehmen.", sagte er. Mit einem kalten Blick sagte Malfoy: „Crucio!" und führte die Folter aus, die Hermine hätte durchführen sollen. Ginnys Schreie gingen ihr durch Mark und Bein. Danach stellte Malfoy sich vor seine Tante hin und nahm die Strafe selbst auf sich.

Auch ein Draco Malfoy schrie schier unmenschlich, wenn ihn ein Unverzeihlicher Fluch traf.

Hermine konnte nicht glauben, dass er ihre Strafe auf sich genommen hatte. Er war für sie eingestanden und hatte nicht den geringsten Grund dazu.

Ihr Herz, das gestern noch in so viele Teile zersprungen war, pochte auf einmal wieder so laut und schnell, dass Hermines das Gefühl hatte, ihr Brustkorb sei für das Organ zu klein.

„Ihr unwürdigen Kreaturen!", sagte Bellatrix verächtlich. „Bringt die Blutsverräterin wieder in die Kerker." Zu Greyback sagte sie: „Und sie ist immer noch ein Reinblut, also haltet euch zurück. Sie kann später noch mal nützlich werden." Hermine war für den Bruchteil einer Sekunde sehr erleichtert. Sie würden Ginny nicht anrühren, wenn Bellatrix Lestrange das verboten hatte.

Sie war bei denjenigen mit dabei, die die ohnmächtige Ginny zurück in ihr Verlies brachten. Hermine schaffte es, einen Heilungszauber auszuführen und ein Döschen Murtlapessenz zwischen Ginnys Kleider zu schieben. Sie würde mit Ginny so schnell wie möglich fliehen und sie in Sicherheit bringen, beschloss Hermine.

Dann war ein Zeitpunkt gekommen, den sie fürchtete. Sie musste sich irgendwann Malfoy stellen. Erstens hatte er gerade ihre Strafe entgegengenommen. Zweitens musste sie ihm irgendwann wieder unter die Augen treten – nicht maskiert – und mit ihm das Missverständnis des gestrigen Abends ausräumen. Irgendetwas Wichtiges hatte er ihr ohnehin zu sagen gehabt. Also machte sie sich schweren und klopfenden Herzens auf den Weg zu seinem Zimmer.

Sie klopfte höflich an und trat ein. Malfoy saß an seinem Tisch und schien zu arbeiten. Er legte seine Feder mit zittrigen Fingern beiseite und stand auf.

Hermine kämpfte um Worte. „Danke, dass du das heute für mich getan hast, Malfoy."

Müde stützte er sich auf seinem Tisch ab. „Ich kann nicht mehr schreiben, ich spüre die Nachwirkungen noch.", sagte er mit hohler, teilnahmsloser Stimme. „Das tut mir so leid, ich… du hättest es nicht auf dich nehmen sollen, Malfoy!", protestierte Hermine.

„Doch, das musste ich.", widersprach er ihr sanft. „Ich weiß sonst nicht, wie ich dir mein… Vertrauen beweisen soll. Du bist aalglatt wie ein Fisch und wann immer ich versuche, dich in eine Ecke zu drängen, entkommst du mir wieder!", sagte er und verschiedene Emotionen spiegelten sich in seinem sonst so neutralen Gesicht, bevor er wieder eine indifferente Maske aufsetzte. Hermine blickte ihn wie gebannt an. „Was redest du da, Draco?", fragte sie irritiert. „Draco" schien das magische Wort zu sein, denn als er es hörte, kam er näher.

„Was ist das mit Blaise?", fragte er kühl, ein gutes Stück näher. „Nichts, es war… nichts.", stellte Hermine trocken fest. Ihre Stimme zitterte. Malfoy machte sie nervös.

„Gut.", sagte Malfoy mit einem rauen, tiefen Ton und mit einem Mal war er viel zu nahe bei ihr. „Ich halte das nämlich nicht mehr aus.", presste er hervor. Er zog sie plötzlich zu sich hin. Hermine wurde in seinen Körper gedrückt und dann berührten Malfoys Lippen ihre. Es war wie ein elektrischer Stoß, der Hermine durchfuhr. Sie öffnete ihre Lippen einen Spalt und Malfoys Zunge stieß ungeduldig dazwischen. Hermine entfuhr ein leises Stöhnen. All ihre Energie floss gerade in ihrem Magen und in ihrem Unterleib zusammen. So etwas in dieser Intensität hatte sie noch nie gespürt.

Malfoy unterbrach den Kuss und keuchte: „Ich bin nicht schwul! Aber bei dir, du…, du…", er küsste sie erneut, „Aber bei dir, du…bist…anders…du…", fuhr er fort, schob sein Bein zwischen Hermines Schenkel und zog sie noch näher heran. Seine Hände streichelten ihre Seiten. Urplötzlich stockte er. „Du… du bist ein… ein… Mädchen!" Mit einem entgeisterten Gesichtsausdruck blickte er sie an und seine Hand blieb mitten auf Hermines Brust liegen. Hermine fühlte sich wie mit einem Kübel Eiswasser übergossen. Sie wich zurück und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Was fiel ihm eigentlich ein…!?