Kapitel 18: Oberflächlich

Die Zeit mag wie im Flug vergehen, wenn man Spaß hat, aber sie vergeht nur schleppend, wenn man besorgt ist. Ginny war mehr als nur besorgt. Wie lange war er nun weg? 35 Minuten?

Sie machte sich zu viele Sorgen und hatte zu viel Angst, um sich auf etwas konzentrieren zu können und sie konnte es nicht ertragen, jemanden um sich herum zu haben. Sie wusste, sie wäre zu durchschaubar, aber mehr als das, sie wollte im Moment keinen Kontakt zu anderen haben. Sie wusste, dass es sehr wahrscheinlich war, dass sie bei der einfachsten Provokation aufbrausen würde und sie lief Gefahr, alles als eine Provokation anzusehen.

Sie hatte absolut nichts, das ihr half, die Zeit vergehen zu lassen, außer sich Sorgen zu machen und zu warten. Warten war nicht etwas, was Ginny Weasley gerne tat. Sie wusste, dass sie ein wenig ungeduldig war, aber sie konnte nicht ändern, was sie fühlte. Sie hatte in Harrys Büro Zuflucht gesucht, dort musste sie sich zumindest keine Sorgen darüber machen, den Anschein zu wahren. Sie setzte sich auf das Sofa, stand wieder auf, ging vor dem Kamin hin und her, war dann von sich selbst frustriert, ließ sich auf das Sofa fallen und wiederholte dann den ganzen Vorgang wieder. Und so wartete sie.

Sie blickte auf ihre Armbanduhr: 45 Minuten waren vergangen, seit Harry gegangen war. „Ugh", rief sie aus und ließ sich auf das Sofa plumpsen. Sie konnte es nicht länger ertragen. Sie musste etwas tun, also nahm sie sich ein Beispiel an Harry. Ginny riss die Bürotür auf und überwand schnell die Flure und Treppen, die zum Flur auf der siebten Etage mit dem Porträt von Barnabas dem Bekloppten führten. Ungeduldig wanderte sie vor dem Zimmer auf und ab, öffnete energiegeladen die Tür, die gegenüber von dem Porträt auftauchte und schlug sie hinter sich zu. Bevor sie das Geräusch der zufallenden Tür überhaupt hören konnte, war Ginnys Zauberstab in ihrer Hand.

„Lacerus", rief sie und machte eine diagonale Bewegung mit dem Zauberstab vor ihrem Körper. Ein Lichtstrahl brach inmitten der Bewegung aus ihrem Zauberstab und flog nach vorne. Sie schaute zu, wie der Zauber den Dummy, der mehrere Meter vor ihr erschien, auf halber Höhe traf. Mit grimmiger Zufriedenheit sah sie, wie der Fluch den Dummy in zwei Hälften teilte. Ginny drehte sich bereits um, um ihr nächstes Ziel ins Auge zu fassen und sah nicht mehr, wie der erste Dummy verschwand, sobald er den Boden berührte.

Brand-, Explosions-, Knüppel- und Schneidezauber waren ihre bevorzugten Methoden, um Anspannungen abzubauen. Von all den Flüchen, die sie kannte, waren diese die offensichtlich brutalsten. Zuerst blieben ihre Ziele bewegungslos und akzeptierten ihren Angriff, aber nach kurzer Zeit begannen sie, sich zu bewegen und zu kämpfen. Ginny fand, dass es viel zufriedenstellender war, etwas zu zerstören, das in der Lage war, sich zu wehren und sie sogar verhexen konnte. Diejenigen, die einen Zauber hinter ihre Verteidigung schmuggelten - alles Basiszauber -, blieben nicht lange stehen.

Während sie damit beschäftigt war, einen Zauber von einem Dummy zu ihrer Rechten abzuwehren, schaffte es einer, sie mit einem besonders lästigen Versengungszauber auf ihrer linken Seite zu treffen. Nicht nachdenkend stieß sie ihre linke Hand in Richtung des angreifenden Dummys. Als sie den Dummy zu ihrer Rechten außer Gefecht gesetzt hatte, drehte sie sich in der Absicht, den Angriff von links abzuwehren. Stattdessen sah sie, wie der Dummy von Feuer verzehrt und zu Asche wurde. Keine neuen Dummies erschienen, als sie fasziniert zuschaute. Sie schaute auf ihre Hand, dann wieder auf den Aschehaufen.

In diesem Moment der Ruhe begann ihr Adrenalin abzuklingen und die Müdigkeit holte sie ein. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie gekämpft hatte, noch konnte sie sich erinnern, wieviele Dummies sie erledigt hatte. Ginny starte einen Moment lang auf ihre linke Hand hinunter, bevor ihre Sinne wieder etwas wahrnahmen. Sie bemerkte die Rauigkeit ihrer Hand zuerst. Das Gefühl eines Schweißtropfens, dass an ihrem Gesicht hinunterrann folgte. Sie wischte sich den Schweiß mit ihrem Ärmel aus dem Gesicht, bevor sie sich umwandte und eine Tür vorfand, die zum Duschraum führte, genau das, was sie brauchte.

Sie versuchte an nichts zu denken und unter der heißen Dusche begann sie sich körperlich und geistig zu entspannen. Nach dem Training, das sie gerade absolviert hatte, fühlte sich die Wärme wunderbar für ihre Muskeln an. Die Pause war allerdings nur von kurzer Dauer, da sie schon bald die Realität wieder einholte. Sie beendete die Dusche eher als ihr lieb war, da sie zurück zu Harrys Büro wollte, um sicherzugehen, dass sie ihn nicht verpasste.

Sobald sie ankam, ließ sie sich auf Harrys Sofa sinken und schloss ihre Augen, unbesorgt, dass sie einschlafen könnte. Sie war viel zu aufgewühlt, um jetzt einschlafen zu können, auch wenn ihr Körper erschöpft war. Sie hoffte, dass Harry bald kommen würde. Der Trainingskampf und die darauffolgende Dusche hatten viel getan, um ihre Nerven zu beruhigen, aber sie war noch immer um ihn besorgt.

Sie weigerte sich, auf ihre Armbanduhr zu schauen, während sie wartete. Es schien, als seien Stunden vergangen, bis sie endlich Schritte vor der Tür hörte. Sie riss abrupt die Augen auf und sah, wie die Türklinke sich bewegte und die Tür sich scheinbar von alleine öffnete. Sie war bereits aufgestanden, als die Tür sich wieder schloss. Sobald Harrys Füße zu sehen waren, als er seinen Tarnumhang auszog, durchquerte sie den Raum, um zu ihm zu gelangen.

Als sein Gesicht erschien und er sich zu ihr wandte, hielt er eine Hand hoch, um sie aufzuhalten. Sie blieb abrupt stehen und war von der einfachen Geste verwirrt, verletzt und besorgt, alles auf einmal. Ihre Gefühle mussten auf ihrem Gesicht zu lesen gewesen sein, denn er antwortete auf die Frage, die ihr durch den Kopf ging.

„Mein Oberkörper wurde - ähm - von einem Fluch getroffen", erklärte er unbeholfen.

„Was meinst du damit, von einem Fluch getroffen?", wollte sie wissen und fühlte, wie ein kalter Angstschauer durch sie hindurchlief. Sie musterte ihn schnell von oben bis unten, um sich zu vergewissern, dass er in Ordnung war.

Er antwortete nicht. Stattdessen nahm er seine Roben und zog sie sich über den Kopf.

Sie übersah nicht, wie er vor Schmerz zusammenzuckte, noch konnte sie verhindern, schockiert aufzujapsen, als der Blick auf seine Brust freiwurde. Sein Oberteil war zerrissen und angesengt und so konnte sie die offene, verkohlte Haut auf seinem Oberkörper sehen.

Sie trat ein paar Schritte näher zu ihm und überwand die Distanz zwischen ihnen. Sie hielt eine Hand aus, als würde sie seinen Oberkörper berühren wollen, aber zog sie lange bevor sie die Brust berühren konnte zurück. Ihre Gedanken richteten sich wieder auf den Dummy, der im Raum der Wünsche von Flammen verzehrt worden war. Dann veränderte sich die Szene. Die Flammen gingen nie aus, doch dieses Mal war es nicht ein Dummy, sondern Harry. Sie schüttelte sofort ihren Kopf, um die Szene aus ihrem Kopf zu bekommen, von ihrer Intensität aus der Fassung gebracht.

„Alles okay?", fragte er und legte eine Hand auf ihren Arm.

Sie öffnete ihre Augen. Sie hatte nicht einmal realisiert, dass sie sie geschlossen hatte. Sie sah, wie Harry besorgt auf sie hinunterschaute. Sie konnte beinahe über die Ironie lachen ... beinahe. „Ja, mir geht es gut", erwiderte sie fest. Sie schaute ihm tief in die Augen und ihre Stimme wurde weicher, als sie fortfuhr: „Die Frage ist, geht es dir gut?"

Er zuckte mit den Schultern. „Ich werde überleben", sagte er. „Aber im Moment schmerzt meine Brust wie die Hölle."

„Wenigstens lernst du, ehrlich zu sein", antwortete sie, während sie ihre Fassung wiedererlangte. Sie wollte von dem Kampf hören, aber sie musste sichergehen, dass er versorgt war, bevor sie ihrer Neugier erlag. „Weißt du, von was du getroffen wurdest oder wie es behandelt werden muss?"

„Remus sagte ..."

„Du hast mit Remus geredet?", unterbrach Ginny ihn überrascht.

„In Verkleidung", erklärte Harry. „Er war heute Nacht dort und wir haben uns am Ende gegenseitig geholfen. Er sagte, dass er glaubt, es könnte ein Fluch namens „Teufelsfeuer" oder so etwas in der Art sein. Ich weiß nicht wirklich etwas darüber oder wie man es behandelt."

„Großartig", schäumte Ginny innerlich. Ein Teil von ihr wollte ihn anschreien, dafür, dass er solche Risiken einging und so verwundet wurde, aber sie wusste, dass das nichts lösen würde. Es war nicht einmal rationale Wut. Sie war nicht wütend auf ihn. Sie war auf die Todesser und die Situation wütend. Er sollte nicht gezwungen sein, solche Risiken einzugehen, aber sie sah die Notwendigkeit dafür. Niemand sonst tat wirklich etwas. Schließlich trainierte sie, so dass sie die selben dummen Risiken mit ihm zusammen eingehen konnte.

Sie holte einige Male tief Luft, um sich zu beruhigen, bevor sie die Situation noch einmal überdachte. Sie dankte ihrer Mutter in Gedanken dafür, dass sie sie anders als ihre Brüder behandelt und sie gezwungen hatte, Dinge zu lernen, die eine gute Hexe wissen sollte, wenn sie einmal einen eigenen Haushalt haben wollte. Sie wusste, dass Harry sich weigern würde, zu einem Heiler zu gehen, außer wenn es keine andere Option gab und das bedeutete, dass er den Fluch und alle möglichen Heilmethoden recherchieren würde, bevor er es überhaupt als Möglichkeit in Betracht ziehen würde.

„Mum hat mich gezwungen, ihr mit ein paar Salben für Charlie zu helfen, als er im Training war, bevor er nach Rumänien gezogen ist", sagte Ginny ihm. „Ich bin mir nicht sicher, wieviel sie helfen werden, aber sie sind relativ einfach herzustellen und benötigen nichts außer normale Zaubertränkezutaten."

„Das wäre wundervoll", sagte Harry offensichtlich erleichtert. „Wie lange wird es brauchen?"

Ginny zuckte mit den Schultern. „Ich denke etwa eine halbe Stunde."

Harry nickte, holte seinen Koffer aus seiner Hosentasche und entfernte den Verkleinerungszauber. „Zaubertrankzutaten und Extrakessel sind im Büro. Nimm dir, was auch immer du brauchst."

Sie nickte ihm kurz zu und ging in den Koffer. Er hatte sie bereits herumgeführt und so ging sie direkt zum Büro und packte schnell alles zusammen, was sie benötigen würde. Sie kam wenige Minuten später ins Büro und sah Harry auf dem Rücken auf dem Sofa liegen, seine Beine über der Sofalehne. Er drehte seinen Kopf, um zu ihr zu schauen und sie lächelte ihn an, bevor sie zu seinem Schreibtisch ging, den Kessel hinstellte und die Zutaten vorbereitete.

„Erzähl mir, was passiert ist", sagte Ginny als sie begann.

Sie hörte Harry hinter sich seufzen, aber ließ sich nicht von ihrer Tätigkeit ablenken. Nach einem Moment begann er zu sprechen: „Nun, dem Orden wurden falsche Informationen gegeben. Oder eher, ihnen wurden unvollständige Informationen gegeben. Es waren fünf Mitglieder von Voldemorts Inneren Zirkel anwesend und zwanzig weitere Todesser."

Sie hantierte ungeschickt mit dem Messer, das sie in der Hand hielt und schnitt sich beinahe selber. 25 Todesser? Fünf vom Inneren Zirkel? Sie drehte sich um und schaute Harry an, auch wenn dieser, so wie er lag, sie nicht sehen konnte und dankte stumm Merlin, dem Schicksal und welche Gottheit auch immer es gab, dass Harry nur mit einer Verbrennung an der Brust davongekommen war, so schlimm diese auch war.

Harry redete weiter und schien Ginnys Reaktion nicht mitbekommen zu haben. „Sie waren auch ein wenig früh dran. Als ich ankam, hatte der Kampf bereits begonnen. Sechs Ordensmitglieder waren um das Haus herum verteilt und alle sechs waren umzingelt. Die Todesser hatten die besseren Positionen und die Ordensmitglieder konnten sich nicht befreien. Ich umkreiste die Gegend als Eule und zählte zwanzig Todesser und sechs Ordensmitglieder."

„Warte", unterbrach Ginny und schaute zu ihm: „Ich dachte, du sagtest, es wären 25 Todesser da gewesen."

Harry bewegte sich, als wollte er zu ihr schauen, zuckte dabei aber zusammen und sagte nur: „So war es, aber zu dem Zeitpunkt zählte ich nur zwanzig. Du wirst gleich sehen warum."

Sie schnaubte und drehte sich wieder um, um wieder an der Salbe für Harry zu arbeiten. Nach einer kurzen Pause fuhr er mit der Geschichte fort. Er erzählte von den Todessern unter den Tarnumhängen und wie er ständig von hinten von unsichtbaren Gegnern angegriffen worden war. „Selbst nachdem ich die unsichtbaren Todesser entdeckt hatte, war es unmöglich, sie alle im Auge zu haben, während ich gegen die anderen kämpfte, was der Grund ist, warum ich so endete."

Ginny drehte sich nicht zu ihm um, da sie wusste, dass Harry über die Verbrennung an seiner Brust redete. Angesichts der Geschichte, die er ihr erzählte, wusste sie, dass er Glück hatte, noch am Leben zu sein. Die Verbrennung sah schlimm aus, aber verglichen mit den Alternativen war sie dankbar, dass dies alles war, was er erlitten hatte. Sie war froh, dass sie sich auf die Salbe konzentrieren konnte, als er seine Geschichte erzählte. Es hielt sie davon ab, sich Gedanken über seine Worte zu machen und sich die Szenen vorzustellen, in denen Harry um sein Leben kämpfte, während er hoffnungslos zahlenmäßig unterlegen war.

Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, die Zutaten zu zerkleinern und diese zu schneiden, sie zur Mixtur hinzuzufügen und dreimal im Uhrzeigersinn zu rühren. Es war nicht der komplizierteste Vorgang, aber es war genug, um ihre Aufmerksamkeit zu fordern. Der Gedanke, dass es Harry helfen könnte, ließ sie sich auf ihre Aufgabe konzentrieren.

Er war mit der Erzählung fertig, bevor sie die Salbe beendet hatte und im Raum wurde es still, nur unterbrochen von den Geräuschen ihrer Arbeit. Nach etwa fünf weiteren Minuten war die Salbe fertig. Sie transferierte die Creme in ein Glasgefäß und ging hinüber zum Sofa, wo sie sich vor ihm auf den Boden hinkniete.

„Hey", sagte sie sanft. Ihre Augen waren kurz auf seinen Oberkörper gerichtet, bevor sie ihm ins Gesicht schaute.

„Hi", erwiderte er. „Fertig?"

„Jepp". Sie hielt das Gefäß so, dass er es sehen konnte. „Nun, das erste, was wir tun müssen, ist, dich von dem Oberteil zu befreien." Sie hielt kurz inne, bevor sie vorschlug: „Es wäre vielleicht einfacher, es einfach aufzuschneiden."

Harry schaute auf sein Shirt hinunter und schien einen Moment lang seine Optionen abzuwägen, bevor er zustimmte. „Das Shirt ist sowieso ruiniert", meinte er.

Sie nickte und schaute sich dann nach etwas um, mit dem sie das Oberteil aufschneiden könnte. Sie gab sich beinahe selbst einen Schlag gegen die Stirn, als sie schließlich daran dachte, nach ihrem Zauberstab zu greifen. Ein einfacher Trennungszauber würde die Sache erledigen. Sie konzentrierte sich darauf, durch den Stoff zu schneiden, ohne die Haut zu berühren und war besonders im Bereich seiner Verbrennung vorsichtig. Das Letzte, was sie wollte, war, seine Verletzung zu verschlimmern.

Als sie fertig war, entfernte sie den Stoff und erlaubte ihrem Blick, über seinen Bauch und Oberkörper zu schweifen. Nach einem Moment wanderte ihr Blick hoch zu seinem und sah, dass er sie beobachtete. Sie musste ein Erröten unterdrücken, als sie fühlte, wie Hitze in ihr Gesicht stieg. Sobald sie wieder Kontrolle über sich hatte, streckte sie ihre Hand aus und strich gerade unter der Verbrennung über seine Haut.

„Ein paar Hemdfetzen kleben an deiner Haut", sagte sie schließlich. „Wir werden sie entfernen müssen." Sie schaute von seinem Oberkörper hoch in sein Gesicht. „Es wird wahrscheinlich weh tun."

„Wie?"

„Ich weiß nicht", erwiderte sie. „Ich habe es noch nie gemacht. Mum hat mich nie gezwungen, Charlie zu behandeln. Ich habe nur geholfen, die Salbe zu machen. Ich weiß so viel wie du."

Harry nickte verstehend und beschwor eine Pinzette herauf, welche er ihr reichte. Sie nahm sie und schaute auf seine Brust hinunter. Sie fragte sich, wo sie beginnen sollte. Seine Stimme lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn.

„Ich werde einen Betäubungszauber über die Stelle legen, um den Schmerz zu mindern." Als er dies sagte, ließ er seine Hand bereits über seinen Oberkörper fahren und sie sah, wie ein sanftes blaues Licht über der betroffenen Stelle leuchtete. Sie schaute ihm in die Augen, als das Licht verschwand. „Fang an", ermunterte er sie.

Sie nickte und begann. Selbst in dem Wissen, dass er eigentlich keine Schmerzen fühlen sollte, war sie sehr umsichtig und vorsichtig, als sie die Kleidungsfetzen entfernte, die mit seiner verbrannten Haut verschmolzen waren. Sie wollte den Oberkörper nicht noch mehr verletzen als er es bereits war, und sie wusste, auch wenn Harry es jetzt nicht fühlen würde, würde er es wahrscheinlich später fühlen, wenn sie zu grob war.

Nach einigen Minuten war sie schließlich zufrieden und lehnte sich auf dem Sofa zurück. Sie drehte ihren Oberkörper und legte die Pinzette auf den Tisch hinter sich. Als sie sich wieder umwandte, sah sie, wie Harrys Blick auf ihr lag. Ein kleines Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus und sie wusste irgendwie, was er versuchte, zu sagen. Dieses Lächeln zeigte seine Dankbarkeit besser als es Worte jemals könnten. Sie lächelte ebenfalls und hob das Gefäß in die Höhe. „Ich denke, du bist endlich bereit für das gute Zeug", informierte sie ihn. „Möchtest du selber die Ehre haben oder wäre es dir lieber, wenn ich es auftrage?"

„Wenn es dir nichts ausmachen würde", antwortete Harry ohne Zögern.

„Natürlich nicht", erwiderte Ginny. „Wenn ich schon nicht mit dir zusammen kämpfen kann, kann ich mich wenigstens um dich kümmern, wenn du zurückkommst."

Sie griff mit ihrer rechten Hand in das Glasgefäß und nahm eine ordentliche Menge der Creme auf ihre Finger. Sie setzte das Glas ab, lehnte sich auf ihre linke Hand und begann die Salbe über die Verbrennung zu verteilen. Sie war darauf bedacht, ihn nur sanft zu berühren und schaute öfters in sein Gesicht, um sicherzugehen, dass er okay war. Jedesmal, wenn sie hochschaute, zuckten seine Mundwinkel nach oben und sie konzentrierte sich sofort wieder auf ihre Aufgabe.

Als sie zufrieden war, lehnte sie sich zurück und schaute sich nach etwas um, an dem sie ihre Hände abwischen konnte. Harry löste das Dilemma, indem er mit seiner Hand ein Handtuch heraufbeschwor und es ihr anbot.

„Danke", sagte sie. „Ich glaube, du solltest ein wenig liegenbleiben, um der Salbe Zeit zu geben, einzuwirken, aber ich bin mir nicht sicher, wie lange." Als sie fertig war, warf sie das Handtuch auf den Tisch. Harry hob kaum seine Hand und lies es damit sofort zusammen mit der Pinzette verschwinden. Sie stand auf und schaute auf ihn herunter. „Du bleibst einfach da liegen und ich werde aufräumen."

Sie brauchte nur ein paar Minuten, um das Durcheinander auf seinem Schreibtisch aufzuräumen. Sobald sie die Aufgabe beendet hatte, setzte sie sich auf den Tisch vor dem Sofa, die Ellbogen auf den Knien, um auf seine Augenhöhe zu kommen.

Die beiden waren einige Zeit lang still. Ginny merkte, wie ihre Gedanken gegen ihren Willen zu seinem Bericht der nächtlichen Geschehnisse wanderten. Sie stellte sich Szenen mit einem kämpfenden Harry vor. Sie musste hilflos zusehen, wie er um sein Überleben kämpfte, als der Fluch auf seinen Oberkörper traf. Sein dummes Ehrgefühl ließ ihn selbst mit seinen offensichtlichen Schmerzen weiterkämpfen. Sie war so in ihrer Vorstellung verloren, dass sie beinahe vom Tisch stürzte, als Harry die Stille brach. „Ginny?" fragte er.

„Ja, Harry?", fragte sie nach einem Moment, nachdem sie sich wieder gesammelt hatte.

„Kannst du mir den Tarnumhang bringen?", bat Harry.

„Sicher", erwiderte sie und stand auf, um das Kleidungsstück zu holen. Als sie sich wieder auf den Tisch setzte, hielt sie ihm den Umhang hin.

„Nein", sagte Harry und schüttelte leicht den Kopf. „Ich möchte, dass du ihn behältst."

„Was?", fragte Ginny und ihre Stimme verriet ihre Überraschung. „Das kann ich nicht. Er gehörte deinem Vater. Es ist deiner."

Harry gluckste leicht, stöhnte dann jedoch und legte eine Hand auf seinen Oberkörper neben seine Verbrennung.

„Ruhig", beruhigte Ginny. „Du musst vorsichtig sein, während das heilt."

Harry nickte, um seine Akzeptanz zu signalisieren, bevor er wieder auf das Thema zurückkam. „Das ist nicht der Umhang meines Vaters. Ich habe ihn heute Nacht bekommen und möchte, dass du ihn hast."

Sie schaute auf den Umhang in ihren Händen hinunter. Sie ließ das seidene Material durch ihre Finger gleiten und hielt ihn in die Höhe, um ihn genauer inspizieren zu können. „Er hat einem der Todesser gehört?", fragte sie zögernd.

„Ja. Er könnte sogar dem Mann gehört haben, der für das hier verantwortlich ist." Er machte eine Kopfbewegung zu seinem Oberkörper.

Ginny starrte nur auf den Stoff in ihren Händen. Objektiv gesehen wusste sie, dass sie den Umhang akzeptieren und dankbar sein sollte. Tarnumhänge waren selten und teuer; sie hatte sich niemals vorgestellt, dass sie jemals einen besitzen würde. Zur gleichen Zeit fragte sie sich, ob es eine ständige Erinnerung für sie sein würde, in welcher Gefahr Harry schwebte oder wie nahe er gewesen war, schlimmer verletzt zu werden. Entschlossen weigerte sie sich, ihre Sorgen und Ängste sie kontrollieren zu lassen.

„Danke", sagte sie schließlich leise. „Noch irgendwelche Überraschungen für mich?"

Harry schien eine Sekunde darüber nachzudenken: „Nein, ich glaube nicht."

„Gut. Ich denke, das ist alles, was ich heute verarbeiten kann."

Harry seufzte müde. „Wir sollten wahrscheinlich zurück zum Gryffindorturm gehen. Wir sind bereits zu spät für den Zapfenstreich."

Ginny fluchte leise. „Ich hoffe, Hermine wartet nicht auf uns."

Harry zuckte mit den Schultern: „Wir können nichts dagegen tun, aber umso länger wir warten, umso eher wird sie etwas sagen."

„Ja, du hast Recht."

„Natürlich", erwiderte er mit einem großspurigen Lächeln. Er nahm seinen Koffer und öffnete das Abteil, in denen seine Kleidung aufbewahrt war und nahm sich ein sauberes, ganzes Oberteil und eine Robe. „Äh - glaubst du, es geht in Ordnung, etwas darüber zu tragen?" Er deutete unnötigerweise auf seinen Oberkörper.

„Ich habe keine Ahnung", erwiderte Ginny mit einem Schulterzucken. „Du hast so oder so keine Wahl, oder?"

„Ich schätze, du hast Recht." Als er damit kämpfte, das Kleidungsstück über seinen Kopf zu ziehen, ohne seinen Oberkörper zu sehr zu dehnen, trat Ginny zu ihm und half ihm. Es brauchte ein wenig, aber sie konnten schließlich seine Kleidung wie normal aussehen lassen. Das getan, machten sie sich auf den Weg zum Gryffindorturm. Glücklicherweise war Hermine darin vertieft, einen Aufsatz zu schreiben und bemerkte nicht, wie spät sie ankamen. Sie gingen sofort zu Bett, beide zu erschöpft, um überhaupt in Erwägung zu ziehen, Hausaufgaben zu machen oder Zeit mit ihren Freunden im Gemeinschaftsraum zu verbringen.

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Am nächsten Morgen zwang Harry sich aus dem Bett. Sein Oberkörper war noch immer ziemlich offen und jede Bewegung unterstrich den Schmerz. Er rief seine Magie zu sich und fühlte, wie eine kühle Taubheit sich über den Bereich ausbreitete. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Jedes Atemholen fühlte sich sonderbar an, aber er tat sein Bestes, es zu ignorieren. Der Zauber ließ den Schmerz beinahe unmerklich werden und so konnte er mit allen Merkwürdigkeiten umgehen.

Ausnahmsweise war Ginny vor ihm im Gemeinschaftsraum und war gezwungen gewesen, auf ihn zu warten, auch wenn er sich sicher war, dass sie nicht sehr lange gewartet hatte. Er hatte nur ein paar Minuten länger gebraucht, um sich fertig zu machen. Die Sorge in ihren Augen war deutlich von dem Moment an, als er ihr Gesicht sehen konnte und er lächelte ihr in der Hoffnung zu, ihre Sorgen zu mindern.

„Guten Morgen", sagte er, als er von der Treppe hinuntertrat und sich ihr näherte. Er lehnte sich zu ihr, um ihr einen Kuss auf den Mundwinkel zu geben. Als er sich wieder zurücklehnte, sah er, wie sie den Mundwinkel, den er geküsst hatte, zu einem Lächeln hochzog.

„Guten Morgen, Harry", erwiderte sie, kaum lauter als in einem Flüsterton. „Wie geht es dir?"

An jedem anderen Tag wäre die Frage harmlos gewesen, aber an diesem Morgen steckte viel hinter der Frage. Ein Teil von ihm wollte ihr sagen, dass es ihm gut ging, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte, aber er wusste, dass sie hinter die Täuschung sehen würde. Er könnte ihr sagen, dass es ihm ein wenig besser ging, oder er könnte ihr die Wahrheit sagen: „Ich musste einen Betäubungszauber verwenden."

„Ich wünschte wirklich, dass du einen Heiler danach sehen lassen würdest", sagte sie mit niedergeschlagener Stimme, ihren Kopf gesenkt. Sie schaute hoch in seine Augen, als sie fragte: „Glaubst du, das es wenigstens heilt?"

Harry zuckte hilflos mit den Schultern und wünschte, dass er ihr etwas Zustimmendes sagen könnte. „Es ist noch zu früh, um es sagen zu können. Ich werde die nächsten Abende weiterhin die Salbe verwenden und werde dann hoffentlich wissen, ob es funktioniert."

„Wirst du wenigstens in Betracht ziehen, es für ein paar Tage ruhig angehen zu lassen?", fragte sie hoffnungslos. „Du wirst es nur schlimmer machen, wenn du dich bewegst."

„Ich verspreche dir, dass ich es langsam angehen werde, aber ich muss den Schein wahren, was bedeutet, das unser morgendlicher Lauf stattfinden muss", erwiderte Harry geduldig. „Jetzt komm. Selbst wenn ich heute kein volles Workout absolvieren muss, du musst, also sollten wir besser loslegen."

Sie streckte ihm die Zunge heraus, sagte aber nichts. Stattdessen nahm sie seine Hand in ihre und ging an seiner Seite die Korridore von Hogwarts entlang durch die Eingangshalle und hinaus auf die Ländereien.

Harry war bei seinen Dehnübungen sehr vorsichtig und absolvierte nur die Übungen, welche seinen Oberkörper überhaupt nicht belasten würden. Als er begann zu laufen, waren die Schmerzen minimal, aber als die Zeit verging, begann die Verbrennung mehr und mehr zu schmerzen. Es war niemals unerträglich, auch wenn es schwierig war, richtig Luft zu holen, was ihn ungewohnt außer Atem kommen ließ.

Er wurde daher langsamer. Er war mit seinem verringerten Tempo noch immer schneller als Ginny, aber er war nicht gewillt, sich so sehr anzutreiben, wie er es normalerweise tun würde. Er war frustriert von der Situation, aber er wusste, dass es unklug wäre, zu riskieren, sich noch mehr zu verletzen.

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Remus war erschöpft. Als ob der Kampf und das Treffen in der vorigen Nacht nicht genug gewesen wären, hatte er schlecht geschlafen, nicht in der Lage, seinen Kopf abzuschalten. Er hatte sich stundenlang im Bett hin- und hergedreht, während er über die Informationen nachdachte, die er erfahren hatte und was es alles vielleicht bedeutete. Es war beinahe unvorstellbar zu glauben, dass Harry und ihr geheimnisvoller Retter ein und der selbe sein könnten und dennoch konnte er die Beweise nicht verleugnen.

Die Pantheranimagusgestalt konnte einfach kein Zufall sein. Wenn man hinzunahm, dass Ginny die einzige von Harrys Freunden war, die von dieser Fähigkeit wusste, dann begann alles Sinn zu machen. Harry hatte sogar gesagt, dass Ginny „es alleine herausgefunden hatte". Was, wenn er seine Identität verraten hatte, als er Ginny rettete? Oder vielleicht hatte sie die Puzzleteile danach zu einem ganzen zusammensetzen können.

Selbst mit all den Hinweisen, die auf Harry deuteten, gab es Probleme mit der Theorie. Zuerst einmal: wie hatte Harry im Sommer in der Winkelgasse sein können, um Ginny zu retten? Wie hatte er sich an Halloween aus Hogwarts nach Hogsmeade schleichen können? Und wie hatte er am vorigen Abend am Haus von Amelia Bones sein können? Die Frage war nicht nur, wie er es geschafft hatte, diese Orte zu erreichen, sondern auch, wie er davon wissen konnte. Ihre Informationen in der letzten Nacht waren direkt von Severus gekommen. Harry hatte keine Möglichkeit, an diese Information zu gelangen - außer er hatte eine Vision. Aber Remus wollte glauben, das Harry nicht so unbekümmert sein würde, in die Schlacht zu ziehen, ohne Dumbledore oder ein anderes Ordensmitglied zu informieren.

Dann wiederum: Wenn es doch Harry war, stellte sich die Frage, wo er seine Informationen herbekam. Hatte er seine eigene Quelle unter den Todessern? Oder war seine Quelle vielleicht im Orden? Und was war sein Motiv? Warum half er ihnen? Hatte er andere Kämpfe mit Todessern gehabt, von denen sie nichts wussten?

Dann war da noch die offensichtliche Frage, wie Harry außerhalb Hogwarts überhaupt Magie anwenden könnte, ohne in Schwierigkeiten mit dem Ministerium zu kommen. Selbst wenn Fudge nicht länger so eifrig war, Harry als labil darzustellen, würde er dennoch ohne Zweifel eine Zuwiderhandlung für seinen politischen Vorteil verwenden.

Selbst wenn Harry irgendwie einen Weg um all diese Hindernisse finden würde, Tatsache war, dass dieser Junge kämpfen konnte. Harry war ein mächtiger Zauberer, aber Remus kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht annähernd dieses Können hatte, welches der junge Mann, den er am vorigen Abend getroffen hatte, gezeigt hatte. Den einzigen Hinweis, der dagegensprach, war ein Traum, in dem Sirius ihm etwas erzählte. Der Traum hatte sich echt angefühlt, aber er war sehr skeptisch. Es überstieg beinahe das Vorstellungsvermögen, sich vorzustellen, dass der Traum wahr war, das Sirius ihn wirklich besucht hatte. Dann wiederum war es ein zu großer Zufall, als das man es ignorieren konnte.

Remus war daher angespannt und nervös, aber vor allem neugierig, als Dumbledore Tonks und ihn in sein Büro in Hogwarts rief, um einige neue Informationen zu besprechen, die über den Fremden aufgetaucht waren. Er war sich nicht ganz sicher, was er hoffte, herauszufinden. Tief in sich drinnen hoffte er, dass seine Vermutungen, was Harry anging, falsch waren. Er wollte sich nicht vorstellen, wie Harry sich in solche Gefahr begab. Er war noch immer nur ein Junge - sicherlich kein gewöhnlicher, aber dennoch ein Junge. Er war 16 Jahre alt, noch nicht erwachsen und noch immer in der Schule. Er gehörte nicht aufs Schlachtfeld.

Wenn diese neue Information seine Vermutung bestätigte, würde er eine schwierige Position haben. Seine Pflicht dem Orden gegenüber würde von ihm verlangen, Harrys Taten zu enthüllen, doch seine Pflicht gegenüber Harry würde von ihm verlangen, nichts zu sagen - zumindest bis er die Chance hatte, zuerst mit Harry zu reden. Er war sich nicht sicher, ob es gut wäre, wenn Dumbledore Bescheid wusste. Wenn es wirklich Harry war, war er offensichtlich viel erfahrener als irgendjemand von ihnen vermutete. Sollten sie versuchen, ihn hinter Schloss und Riegel zu halten, könnte er sich an ihnen vorbeischleichen und alleine verschwinden. Remus wusste, wie Harry darüber fühlte, jeden Sommer dazu gezwungen zu werden, bei seinen Verwandten zu leben. Er würde es ihm zutrauen, zu rebellieren, wenn ihm noch mehr Freiheiten genommen werden würden. Sein Traum hatte ihn genau davor gewarnt. Ob der Traum wahr war oder nur ein Produkt seines Unterbewusstseins: Remus konnte den Wahrheitsgehalt von Sirius Warnung nicht leugnen.

Auf was es für Remus - zumindest im Moment - hinauslief, waren Kopfschmerzen. Tonks trat vor ihm in den Kamin und er folgte ihr sofort. Als er im Büro des Schulleiters eintraf, setzte sich Tonks bereits in einen der zwei Sessel vor dem Tisch des Schulleiters. Albus saß in seinem Schreibtischstuhl, seine Fingerspitzen aneinander gelegt und die Ellbogen auf den Tisch gestellt. Er deutete mit einer Hand zu der anderen Sitzgelegenheit, bevor er seine Finger wieder aneinanderlegte. Remus setzte sich auf den Sessel und schaute zu Tonks hinüber, bevor er seine Aufmerksamkeit dem Schulleiter zuwandte.

„Du sagtest, du hättest neue Informationen über unsere mysteriösen Verbündeten, die du besprechen wolltest?", fragte Remus, der das Treffen hinter sich bringen wollte.

„So ist es", erwiderte der Schulleiter. „Severus wurde eher am Abend gerufen und er hat interessante Informationen über diese jungen Männer erfahren, welche - wenn es wahr ist - einige unserer Vermutungen bestätigen würde."

Eine von Remus' Augenbraue berührte seinen Haaransatz, als er in das ungerührte Gesicht des Schulleiters schaute: „Oh?"

„Ich habe mich gefragt,", fuhr Albus im Plauderton fort, „ob einer von euch irgendwann während eurer Zeit am Bones' Haus einen einzelnen dunkelgefiederten Vogel bemerkt hat."

Remus durchforstete seine Erinnerungen nach irgendwelchen Vögeln. Er erinnerte sich nicht daran, welche gesehen zu haben und schüttelte daher seinen Kopf. „Ich kann mich nicht daran erinnern, irgendwelche Vögel gesehen zu haben." Er schaute zu Tonks hinüber, die ebenfalls den Kopf schüttelte.

„Ich auch nicht", sagte sie. „Wir hatten nicht viel Zeit, das Gebiet zuvor zu erkunden und als der Kampf begann, waren wir zu beschäftigt, um irgendetwas anderes als die Zauber, die auf uns zuflogen, zu bemerken."

Remus nickte zustimmend. Er wandte sich zum Schulleiter und sah, wie dieser nickte, als hätte er diese Antworten erwartet.

„Voldemort war nicht sehr glücklich, zu erfahren, dass seine Pläne gescheitert sind und als er informiert wurde, dass dieser junge Mann wieder beinahe im Alleingang so eine große Truppe seiner Gefolgsleute bekämpft hatte, war er um so wütender. Als Voldemort alles über den jungen Mann wissen wollte, behauptete ein Todesser, einen Vogel zum Boden fliegen gesehen zu haben, dort wo der junge Mann zuerst erschienen war. Er sah nicht, wie der Vogel sich in den jungen Mann verwandelte, aber er sah nie, dass der Vogel wieder wegflog. Man kann also vermuten, dass einer der jungen Männer ein Vogelanimagus ist, während der andere bekannterweise ein Panther ist."

Remus saß geschockt da und starrte den Schulleiter stumm an. Er hatte die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass sie tatsächlich Recht hatten, das es zwei Menschen waren und er hatte angenommen, dass - wenn Harry einer war - Ginny die andere sein musste. Es war schließlich die einzige logische Schlussfolgerung, wenn man in Betracht zog, dass Harry ihr beigebracht hatte, ein Animagus zu werden, während er das Geheimnis vor Ron und Hermine geheim hielt. Es wäre allerdings typisch für Harry, sie wenn möglich nicht in Gefahr bringen zu wollen. Zu denken, dass er sie versteckt halten würde und sie ihn dennoch schützen zu lassen, war sicherlich nicht undenkbar.

Diese neuen Informationen jedoch machten alle seine Theorien zunichte. Wenn einer von ihnen wirklich ein Vogelanimagus war, dann war der Pantheranimagus vielleicht nur ein Zufall. Vielleicht hatte Ginny Harrys Animagusgestalt zufällig herausgefunden in dem Glauben, das sie ihrem Retter auf der Spur war.

Ein Geräusch an seiner Seite riss ihn aus seinen Gedanken. Tonks rutschte auf ihrem Platz hin und her, als der Schulleiter sie beide ansah. „Es tut mir leid, Schulleiter", sagte Remus. „Ich wünschte, ich könnte die Information bestätigen, aber ich kann mich ehrlich nicht daran erinnern, einen Vogel gesehen zu haben. Wenn sie aber wirklich Zwillinge sind, wäre es logisch, dass - wenn einer ein Animagus ist - der andere dies auch ist."

„Ja, ich bin ebenfalls der Meinung", erwiderte Albus. „Diese Jungs bleiben ein Rätsel. Wir können froh sein, dass sie für den Moment auf unserer Seite zu sein scheinen, aber etwas macht mir Sorgen. Sie scheinen bemüht zu sein, soviel Kontakt wie möglich mit dem Orden zu vermeiden. Welchen Grund könnten sie haben, uns zu vermeiden? Sicherlich könnten wir mehr bewegen, wenn wir gemeinsam arbeiten würden. Besonders das abweisende Verhalten von Jim in der letzten Nacht macht mir Sorgen."

„Um fair zu bleiben", meinte Remus, „hatte er schon viel mitgemacht, als wir schließlich mit ihm sprachen. Er war nicht unbedingt abweisend, er war direkt und redete nicht um den heißen Brei. Er hat die Rolle eines Anführers angenommen und sich so verhalten. Man könnte sagen, dass er kein Recht hatte, diese Rolle anzunehmen. Er war höchstwahrscheinlich die jüngste Person, die anwesend war, aber er war eindeutig die fähigste. Ich hatte nicht vor, ihm seinen Tonfall vorzuwerfen, wenn er gerade erst unsere Leben gerettet hatte. Und - wie ich letzte Nacht schon sagte - schien er es eilig zu haben und mit den Gedanken woanders zu sein. Wenn sein Bruder oder ein Freund oder ein Partner verletzt war, könnte das erklären, warum er schlechte Laune hatte."

„Du hast Recht, Remus", gab Dumbledore zu. „Wir wissen nicht genug über diese Jungs, um uns ein Urteil zu erlauben. Ich bin nur ...vorsichtig im Moment. Der Feind meines Feindes ist mein Freund, aber nur so lange, wie unsere Interessen sich überschneiden."

Remus nickte verstehend. Sie würden nicht annehmen, dass sie immer auf der selben Seite sein würden, bis sie mit Sicherheit wüssten, wo diese jungen Männer in diesem Konflikt standen. Sie wurden kurz darauf entlassen und gingen zurück zum Hauptquartier. In dieser Nacht konnte Remus wieder nicht schlafen, als das Rätsel sich nur zu verdichten schien. Vor dem Treffen war er so gut wie überzeugt gewesen, dass Harry wenigstens einer, wenn nicht sogar beide junge Männer sei. Nun jedoch war er sich nicht mehr sicher.

Es gab jedoch nichts, das er tun konnte. Es dauerte noch mehrere Wochen bis zum nächsten Vollmond, wo er Harry wiedersehen würde. Wenn er mit dem Teufelsfeuer Recht hatte, dann würde die Verbrennung nicht verschwinden. Vielleicht könnte er das zu seinem Vorteil nutzen.

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„Hey, Kumpel", brach Rons Stimme Harrys Konzentration, als dieser an einem Zaubertrankaufsatz schrieb.

Harry legte seinen Federkiel nieder und schaute zu seinem Freund hoch, der sich auf die Rückenlehne des Stuhles gegenüber von Harry lehnte. „Was ist los?", fragte er.

„Ich dachte, dass wir darüber nachdenken sollten, das Quidditchtraining wieder zu beginnen", sagte Ron, während er mit seinen Händen gestikulierte, seine Ellbogen auf den Stuhl gelehnt. „Das neue Semester hat bereits begonnen, es wird also Zeit, dass wir an unser nächstes Spiel denken."

Quidditch. Harry hatte gar nicht daran gedacht, aber er fragte sich, wie sein Oberkörper seine Fähigkeit zu spielen beeinträchtigen würde. Seine Beweglichkeit war im Moment eingeschränkt und er wusste nicht, wie lange das so bleiben würde.

Er schob diese Gedanken schnell beiseite, als er merkte, dass Ron auf eine Antwort wartete. „Das macht Sinn", stimmte Harry zu. „Ich habe noch nicht meinen neuen Besen, aber ich schätze, er wird nächste oder übernächste Woche kommen. Wenn er nicht rechtzeitig für unser Training da ist, kann ich einfach einen Schulbesen verwenden oder so."

Ron lehnte sich zurück und hielt sich an der Stuhllehne fest: „Möchtest du, dass ich den Trainingsplan zusammenstelle oder ..."

„Ja, das ist gut", erwiderte Harry. „solange du sie nicht während meines Unterrichtes legst, sind alle Zeiten für mich okay."

"Äh - ja", antwortete Ron unbehaglich. „Ich werde mit Hooch reden und das Spielfeld reservieren und werde den Trainingsplan dem Team verkünden."

„Hört sich gut an. Danke Ron", sagte Harry.

„Kein Problem." Ron schaute auf das Pergament hinunter, auf das Harry geschrieben hatte. „An was arbeitest du?"

„Zaubertränke", erwiderte Harry säuerlich.

„Ich kann nicht sagen, dass ich den Unterricht vermisse", sagte Ron ein wenig zu selbstzufrieden. „Eine Aurorenkarriere mag für mich nicht mehr in Frage kommen, aber ich denke, das ist es wert, um den Bastard nicht mehr ertragen zu müssen."

„Weißt du", meinte Harry. „Ich glaube, du könntest Recht haben."

Ron blieb noch eine Weile, bevor er ging und Harry alleine ließ. Harry schaute wieder auf das Pergament, auf das er geschrieben hatte. So sehr er auch versuchte, seinen früheren Gedankengang wieder aufzunehmen, er konnte nicht aufhören, über Quidditch nachzudenken. Es war lange her, dass er gespielt hatte. Er freute sich darauf, wieder zu spielen, aber er freute sich nicht darauf, in naher Zukunft auf einem Besen zu steigen, nicht bei dem Zustand seines Oberkörpers.

Er klopfte mit der Feder seines Federkiels gegen seine Lippen, als er darüber nachdachte, wie er die Situation handhaben sollte. Es war nicht so, als könnte er so tun, als wäre er nicht an Quidditch interessiert. Jeder wusste, wie sehr er das Spiel liebte. Er konnte nicht einmal die Tatsache verwenden, dass Ron ihn aus dem Team geworfen hatte, da er bereits wieder im Team aufgenommen und sogar zum Co-kapitän ernannt worden war.

Kurz gesagt: Es gab keinen einfachen Weg aus der Situation. Er konnte es sich nicht leisten, seine Geheimnisse zu verraten, indem er die Verbrennung preisgab. Nach all der Arbeit, die er gehabt hatte - die Opfer und die Geheimniskrämerei -, konnte er das nicht alles aufgeben. Er würde spielen müssen. Seine Betäubungszauber halfen eine Menge; er konnte nur hoffen, dass der Sport die Heilung seines Oberkörpers nicht behindern würde.

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Die nächsten Tage waren angespannt. Auch wenn Harry es hasste, es sich selbst gegenüber zuzugeben - ganz zu schweigen davon, es zu zeigen -, war er ziemlich über seine Oberkörperwunde besorgt. Ginny machte sich jedoch genug Sorgen für sie beide und das letzte, was er wollte, war, dies zu verstärken. Er hatte gesehen, wie sich dunkle Ringe unter ihren Augen bildeten und konfrontierte sie damit. Sie gab schnell zu, dass sie in letzter Zeit Probleme hatte zu schlafen; es war für sie nicht so einfach, darüber zu reden, warum sie solche Schwierigkeiten hatte. Harry hörte zu, als sie von ihrer Erfahrung im Raum der Wünsche in der besagten Nacht erzählte und von ihrem Ausbruch zauberstabloser Magie.

Sie beschrieb ihm die Szene, die sie in ihren Träumen verfolgte und sie aufweckte. Sie begannen im Raum der Wünsche, wo sie gegen die Dummies kämpfte, wie sie es auch in der besagten Nacht getan hatte. Sie sah zu, wie der Dummy in den Flammen ihres Zaubers aufging, aber die Szene veränderte sich. Die Flammen vergingen nicht und der Dummy verwandelte sich. Er bekam Gesichtszüge, Haare sprossen ihm aus dem Kopf. Sie musste zuschauen, wie Harry von den Flammen verzehrt wurde. In der Dunkelheit konnte sie die Gestalt eines Todessers ausmachen, den Zauberstab auf sein Opfer gerichtet und über die Qualen, welche er Harry antat, lachen.

Harry hatte nicht gewusst, was er machen sollte, nachdem er die Beschreibung ihres Albtraumes gehört hatte. Alles, was er tun konnte, war, sie zu halten und ihr zu versichern, dass alles in Ordnung war. Er hatte sich Sorgen über Ginnys Reaktion nach der Verbrennung gemacht. Seine größte Sorge war gewesen, dass sie versuchen würde, ihn dazu zu bringen, weniger Risiken einzugehen und den Krieg Dumbledore und dem Orden zu überlassen. Selbst mit ihren Albträumen hatte sie nichts in diese Richtung gesagt. Sicher, sie machte sich Sorgen um ihn, aber sie tat dennoch ihr Bestes, um sich um ihn zu kümmern.

Wenn es nach Ginny ginge, würde er in sein Bett verbannt sein, bis sein Oberkörper wenigstens auf dem besten Wege wäre, zu verheilen, wenn nicht sogar ganz verheilt, aber sie drängte ihn nicht. Sie hörte auf seine Beweggründe und respektierte ihn genug, um ihn seine eigenen Entscheidungen treffen zu lassen. Das war eines der Dinge, die er an ihr mochte. Sie stimmte manchmal nicht mit ihm überein und sagte ihre Meinung, ohne ihn zu drängen. Im Gegenzug war sie dazu bereit, seinen Standpunkt zu akzeptieren und erlaubte ihm seine eigenen Entscheidungen, was sein Leben anging, zu machen.

Es war merkwürdig, überlegte er, sie so besorgt über sein Wohlergehen zu sehen. Wann immer sie zusammen waren, bestand sie darauf, Dinge für ihn zu tun, um ihn davon abzuhalten, einen Muskel zu bewegen. Bei ihren täglichen Untersuchungen berührte sie ihn auf eine Weise, die Harry völlig unbekannt war. Ihre Berührungen waren so sanft.

Harry war es nicht ganz unbekannt, dass sich jemand um ihn kümmerte. Er hatte mehr als genug Zeit in einem Bett im Krankenflügel als Madame Pomfreys' Schützling verbracht, aber die Heilerin war immer forsch und unterkühlt und fordernd gewesen. Es war klar, dass sie ihn heilen wollte, aber sie war nicht sehr persönlich in ihrer Behandlung.

Von Ginny behandelt zu werden war ganz anders und fremd, wenn auch nicht unwillkommen. Sie lehnte sich über seinen Körper, ihr Blick suchte seine Brust nach Zeichen der Heilung ab, ihre Hände glitten an der verbrannten Seite sanft über seine Haut. Ihre besondere Behandlung machte es beinahe lohnenswert.

Beinahe.

Leider schien die Salbe, die Ginny für ihn zubereitet hatte, auch nach mehreren Tagen des Gebrauchs keine Auswirkungen zu haben. Am Mittwoch hatte sich die Verbrennung nicht verbessert, noch hatte der Schmerz nachgelassen. Er schätzte, er sollte froh sein, dass die Wunde sich nicht verschlimmerte.

Am Montag hatte er begonnen, in der Bücherei nach dem Fluch zu forschen und suchte in Büchern der Dunklen Künste und der Heilkunst nach ihm. Der Fluch wurde mehrmals erwähnt, aber er konnte nichts finden, das ihm helfen könnte, ihn zu behandeln. Tatsächlich versprachen die wenigen Informationen, die er fand, nichts Gutes für ihn. Es gab nicht viele Überlebende des Fluches. Von denen er las hatte keiner die verletzte Haut vollständig heilen können. Der Schmerz verklang irgendwann, aber die Haut blieb für immer gezeichnet.

Eine weitere Narbe - eine entsetzliche, hässliche Erinnerung an den Krieg und was dieser ihn kostete. Er fürchtete sich davor, Ginny von seiner Entdeckung zu erzählen. Er machte sich Sorgen, wie sie auf dieses Wissen reagieren würde. Sie kannte den Weg, den er gewählt hatte, aber er wusste nicht, wie sehr sie darüber nachgedacht hatte. Hatte sie wirklich alle Risiken, die er einging, in Betracht gezogen? Hatte sie der Möglichkeit ins Gesicht gesehen, dass er eines Tages nicht mehr zurückkehren könnte? Wenn sie es nicht bereits getan hatte, würde die Narbe eine ständige Erinnerung an das Risiko sein. Er machte sich Sorgen, was ihr das antun würde - ihnen antun würde. Und so durchforstete er die unterschiedlichsten Bücher und suchte nach einem Hoffnungsschimmer, den er ihr verkünden konnte - oder sich selbst.

Als Ginny ihre Untersuchung beendete, lehnte sie sich zurück. Sie saß in seinem Büro auf dem Boden vor dem Sofa, ihren Rücken gegen den Tisch gelehnt. Ihr Blick suchte einen Moment lang sein Gesicht ab, bevor sie fragte: „Wie laufen deine Nachforschungen?"

Harry schaute nach unten und vermied ihren Blick.

Er hörte sie tief einatmen, bevor ihre Stimme wieder die Stille durchbrach: „Ich glaube, du musst zu einem Heiler gehen."

Er schloss seine Augen und schaute noch immer nach unten. Er hatte befürchtet, dass es dazu kommen würde und er wusste, dass er ihr seine Funde mitteilen musste. „Ich glaube nicht, dass das helfen wird", sagte er leise, nicht nach oben schauend.

„Harry, schau mich an", forderte sie. Er folgte und hob langsam seinen Kopf bis sein Blick auf ihren traf. „Die Verbrennung sieht so schlimm wie in der ersten Nacht aus. Nichts, das wir tun, scheint auch nur im Geringsten zu helfen. Du musst jemanden danach sehenlassen."

„Sie werden nichts dagegen tun können", sagte er ihr niedergeschlagen.

„Was meinst du?", fragte Ginny leicht atemlos.

„Es gibt keine Behandlung", beichtete er ihr. „Es gibt nicht viele Menschen, die den Fluch überhaupt überlebt haben. Die Verbrennungen von allen, die überlebt haben, konnten nicht geheilt werden. Die Schmerzen sollten irgendwann verblassen, aber die Haut ist irreparabel beschädigt."

Stille folgte seiner Aussage. Ihr Blick wanderte von seinem Gesicht zu seiner Brust und er fragte sich, was sie dachte. Stellte sie sich ihn vor, Jahre später mit seinem Oberkörper noch immer furchtbar entstellt, möglicherweise bis dahin sogar noch mit mehr Narben? Könnte sie ihn so attraktiv finden? Würde sie ihn so wollen?

Ihr Blick war weiterhin auf seine nackte Haut gerichtet und Harry begann sich unter ihrem forschenden Blick unwohl zu fühlen. Er wünschte sich, sie würde etwas sagen oder tun - irgendwas. Alles wäre besser als diese unangenehme Stille. Es nicht länger ertragend sagte er: „Sag etwas."

Sie schreckte überrascht hoch und ihr Blick traf auf seinen. Ihr Gesicht nahm einen entschuldigenden Ausdruck an, als sie sagte: „Entschuldigung. Ich war in Gedanken."

„Über was hast du nachgedacht?", fragte er gespannt, die Antwort jedoch auch fürchtend.

„Über dich", antwortete sie einfach.

Harry schaute ihr nur in die Augen, unsicher, was er sagen oder wie er reagieren sollte.

Sie seufzte nach einem Moment und richtete sich auf ihre Knie auf, um auf seiner Augenhöhe zu sein. Sie lehnte sich leicht zu ihm und legte eine Hand an seine Wange. Er lehnte sich in ihre Berührung und genoss die Wärme ihrer Hand und die Geschmeidigkeit ihrer Haut. „Du machst dir Sorgen", meinte sie und Harry schaute ihr daraufhin in die Augen. Er nickte langsam. „Über was?"

Er schaute kurz weg, bevor er wieder zu ihr schaute und antwortete: „Über viele Dinge." Er hielt inne, unsicher, wie er fortfahren sollte. Sie drängte ihn nicht, fragte ihn nicht. Sie begann mit ihrem Daumen über seine Wange zu fahren und schaute weiter auf ihn hinunter. Er genoss einen Moment lang das Gefühl, das ihre sanfte Berührung auslöste, bevor er sich wieder auf das Thema konzentrierte. „Ich mache mir Sorgen darüber, was passieren wird. Es gab einige Momente, in denen ich im Kampf hätte sterben können - müssen. Ich hatte öfters Glück als ich zählen kann und ich sollte dankbar sein, dass ich nur mit dem hier davongekommen bin." Er deutete auf seinen Oberkörper und musterte eine Zeitlang die Verunstaltung.

„Bedauerst du die Entscheidungen, die du getroffen hast?", fragte Ginny plötzlich.

Harry hob seinen Kopf, um ihren Blick zu erwidern, bevor er den Kopf an ihrer Hand leicht verneinend hin- und her bewegte: „Nein."

„Du weißt nicht, wie schwer es ist, hier am Seitenrand zu sitzen, während du da draußen bist, um in diesem Krieg zu kämpfen", sagte sie. „Ein Teil von mir möchte dich überzeugen, nicht zu gehen und ein anderer Teil von mir will dich davon überzeugen, mich mit dir gehen zu lassen. Ich weiß, dass ich keine dieser Diskussionen gewinnen würde - zumindest noch nicht. Ich möchte glauben, dass - wenn ich hart genug trainiere - du mich mit dir gehen lässt, wenn ich soweit bin. Bis dahin bin ich dazu gezwungen, in diesen Nächten hier zu warten und zu hoffen, dass du zu mir zurückkommst."

Harry drehte seinen Kopf in ihrer Hand und küsste ihre Handinnenfläche. Er wusste, dass es schwer für sie sein musste, zurückgelassen zu werden, aber er hatte nie inne gehalten, um zu erkennen, wie anstrengend es sein könnte. Indem er darüber nachdachte und die Auswirkungen sah, die es offensichtlich auf sie hatte, hatte er plötzlich eine neue Anerkennung für sie und für alles, was sie tat, um ihn zu unterstützen. Er nahm ihre freie Hand und drückte sie leicht, bevor sie fortfuhr:

„Was du tust ist wichtig, Harry, dass weiß ich besser als die meisten. Ich weiß nicht, warum immer alles an dir hängen bleibt, aber du meisterst die Herausforderungen immer. Ob es Glück oder Talent oder eine Kombination davon ist; du hast eine Gabe dafür, solche Situationen zu überstehen. Ich habe dich trainieren sehen. Ich habe gesehen, wieviel Anstrengungen du hineinsteckst. Ich habe gesehen, wieviel du lernst. Niemand bereitet sich so wie du auf den Krieg vor, und es gibt nichts, dass du mehr hättest tun können, um dich vorzubereiten."

Sie holte zur Beruhigung tief Luft, bevor sie fortfuhr - ihren Blick fest auf ihn gerichtet: „Wenn du Glück hattest, den letzten Kampf überlebt zu haben, dann danke welcher Gottheit du auch immer vorziehst und benutze die Erfahrung, um dich zu verbessern. Lerne aus deinen Fehlern und werde stärker. Lass dies nicht", sie deutete mit ihren verschränkten Händen auf seinen Oberkörper „dich von deinem Weg abhalten. Wenn es sein muss, benutze es als Motivation, um besser zu werden."

Harrys Blick blieb auf seinen Oberkörper gerichtet, als sie endete. Die Verbrennung würde sicherlich ein Ansporn sein, um sein Training aufrecht zu erhalten. Sie würde auch als ständige Erinnerung dienen, dass er - egal, wie weit er gekommen war - noch einen langen Weg vor sich hatte. Wenn er eines Tages Voldemort besiegen wollte, würde er viel stärker und gewandter sein müssen.

Es war jedoch nicht sein gewählter Weg, der ihm Sorgen bereitete. Wie schön es auch war, von Ginny Bestätigung zu bekommen, war es eine andere Bestätigung, eine andere Art der Akzeptanz, die er von ihr brauchte, auch wenn er sich nicht sicher war, ob sie sie ihm geben konnte.

Sie musste seinen inneren Kampf gespürt haben, denn sie drehte ihm ein weiteres Mal seinen Kopf zu ihr und fragte: „Was beschäftigt dich wirklich?"

Er atmete tief aus. „Schau mich an", sagte er. „Schau mich genau an. Ich werde immer so aussehen."

„Du bist mir nie als jemand vorgekommen, der sich über sein Aussehen Gedanken macht", meinte sie neckend, während sie ihre Hand von seiner Wange nahm.

Er schaute zu ihr hoch. Kein Lächeln lag auf seinen Lippen und das ließ ihr Lächeln verschwinden. „Du verdienst mehr, als ich dir bieten kann. Du verdienst ein normales Leben, wo du nicht zu Hause sitzen und dich fragen musst, ob ich die Nacht überleben werde. Du verdienst jemanden, der ganz und unversehrt ist, jemanden, den du attraktiv finden kannst."

„Du hast Angst, dass ich dich verlassen könnte", fragte sie. „Deswegen?"

Harry konnte ihren Blick nicht erwidern. Er hatte seinen Kopf zurückgelegt und schaute hoch zur Decke. Er konnte hören, wie sie sich bewegte, aber er schaute nicht zu ihr - nicht bevor er nicht etwas wirklich Merkwürdiges spürte. Er schaute nach unten und sah Ginny, die über ihm gebeugt war, ihre Augen auf sein Gesicht gerichtet, ihre Lippen sanft auf seinen Oberkörper gepresst.

Sie hielt den Kontakt einen Moment lang aufrecht, bevor sie sich löste, ihren Blick unverwandt auf ihn gerichtet: „Ich sehe viele Dinge, wenn ich auf deinen Oberkörper schaue. Ich sehe deine Kämpfe. Das Leben war niemals gut zu dir gewesen und dennoch stehst du jeden Morgen auf, bereit, anzugehen, was auch immer dir auf deinem Weg begegnet. Ich sehe deinen Mut und deine Tapferkeit. Ich habe niemals gesehen, wie du deine Ängste dich hast überwältigen lassen. Ich habe niemals gesehen, wie du aufgibst oder nachgibst. Egal wie die Chancen stehen: Du entscheidest dich immer dafür, für das zu kämpfen, was richtig ist. Ich sehe deine Opfer. Ich sehe alle diese Eigenschaften an dir, die ich bewundere, die Eigenschaften, die dich für mich attraktiv machen.

Ich möchte, dass du mir zuhörst, Harry, weil ich möchte, dass du nie daran zweifelst. Ich finde dich wegen einer Menge Gründe attraktiv. Ja, dein Körper ist ein Teil davon und ist es immer noch. Es ist mir egal, wie viele Narben du hast, ich werde dich immer attraktiv finden."

Harry schloss seine Augen, als er ihren Worten lauschte. Obwohl er dagegen ankämpfte, fühlte er, wie eine einzelne Träne seine Wange hinunterrann. Er hatte nicht realisiert, wie besorgt er über ihre Reaktion gewesen war. Er und Ginny waren erst vor kurzem zusammengekommen und dennoch konnte er sich nun ein Leben ohne sie nur noch schwer vorstellen.

Als die Träne sich seinem Kinn näherte, fühlte er, wie Ginny sie mit dem Daumen wegwischte. Harry öffnete seine Augen und sah, dass sie sich vor ihn hingekniet hatte. Er streckte seine Hand aus, um ihre Wange zu umfassen. Er hätte sich gerne vorgebeugt, um sie zu küssen, aber er konnte mit seiner Brust diese Bewegung nicht ausführen. Sie schien jedoch seine Gedanken gelesen zu haben - oder vielleicht hatte sie nur den gleichen Gedanken - denn sie lehnte sich zu ihm und fing seine Lippen in einem Kuss.

Harrys Hand fand ihren Weg in ihre Haare und er fuhr mit seinen Fingern durch ihre feuerroten Locken, während seine Lippen sich zusammen mit ihren bewegten. Sie bewegten sich langsam und nahmen sich die Zeit, den Kuss zu genießen. Als sie sich ein paar Minuten später zurücklehnte, wandte Harry seinen Kopf, um ihrer Bewegung zu folgen. Sie blieb dort, ihr Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem weg und er hatte den Drang, etwas zu sagen. „Ginny, ich ..." Er ließ den Satz unbeendet in der Luft hängen und versuchte zu formulieren, was er sagen wollte. Als er seinen Mund öffnete, um weiterzureden, hielt sie einen Finger an seine Lippen.

„Schh", sagte sie leise. „Du musst nichts sagen, Harry." Sie legte ihre Hände um seine Hand und brachte sie an ihre Lippen, wo sie seinen Handrücken küsste. „Komm, lass uns dein Oberteil und deine Roben wieder anziehen."

OoOoOoOoOoOoOoO

Harry saß am nächsten morgen neben Ginny beim Frühstück. Er hatte die Stunde davor damit verbracht, abwechselnd ein Buch über Heilungszauber zu lesen und Ginny zu beobachten, während diese trainierte, wobei die letztere Tätigkeit mehr Zeit in Anspruch nahm als er es gerne gehabt hätte. Er entdeckte schnell, dass jegliche Übungen, die Ginny auf und ab hüpfen ließ, viel zu ablenkend war. Da er normalerweise in dieser Zeit nicht las, warf es ihn nicht wirklich zurück, aber er wünschte sich dennoch, das er mehr geschafft bekommen hätte - nicht, dass er dachte, das die Zeit verschwendet gewesen war.

Kurz darauf kamen Hermine, Ron und Neville dazu. Neville setzte sich neben Harry, während die anderen beiden sich den zwei Jungs gegenüber hinsetzten. Nachdem Harry sie gegrüßt hatte, begann er hungrig seinen Teller voll Schinken und Ei zu essen, während die Neuankömmlinge ihre Teller füllten. Hermine hatte ein Buch offen vor ihr liegen, bevor sie überhaupt einen Bissen gegessen hatte. Sie hatten an dem Nachmittag einen Test in Verwandlung. Harry machte sich deswegen keine Sorgen, aber Hermine war niemand, die eine Möglichkeit verschwendete, ein wenig mehr zu lernen.

Neville musste gesehen haben, worauf sein Blick gerichtet war, denn er fragte: „Bereit für den Test heute?"

„Ja, er sollte nicht zu schlimm werden", antwortete Harry. „Was ist mit dir?"

„Ich bin so bereit, wie ich sein kann, denke ich", erwiderte Neville.

„Du wirst dich gut schlagen", sagte Harry. „Du warst in den letzten Wochen sehr gut im Unterricht."

„Es hilft, wenn du die meiste deiner Zeit damit verbringst mir zu helfen", witzelte Neville. „Danke übrigens dafür."

Harry winkte ab. „Nichts zu danken." Als er seinen Satz beendet hatte, fühlte er einen Stups an der Seite. Er drehte sich zur Seite und sah, dass Ginny ihn anschaute.

„Du musst wirklich lernen, einfach ein Kompliment anzunehmen", meinte sie.

Harry streckte ihr die Zunge raus und wandte sich wieder zu Neville. „Was ich gerade sagen wollte, bevor ich so rüde unterbrochen wurde." Er fühlte, wie Ginnys Fuß auf seinem landete. Es tat überhaupt nicht weh, aber er konnte ihr schlecht das letzte Wort lassen. „Du hast alles selber herausgefunden. Ich habe dich nur in die richtige Richtung gelenkt." Als er dies sagte, positionierte er sein Bein hinter ihres, schlang seinen Fuß um ihr Bein und als er seinen Fuß zu sich zog, ließ er Ginny beinahe auf die Seite fallen. Er kämpfte damit, ein bewegungsloses Gesicht beizubehalten, als er ihr überraschtes „Ufff" hörte.

Er drehte sich zu ihr, um sie anzugrinsen, gerade in dem Moment, als Ginny sich bewegte, um ihm einen spielerischen Schubs zu geben. Sein Umdrehen überraschte sie und sie konnte ihre Bewegung nicht aufhalten, um zu vermeiden, ihn am Oberkörper zu erwischen. Er holte überrascht scharf Luft, als er den Schmerz spürte, als sie ihn traf. Er hatte natürlich früher am Morgen einen Betäubungszauber aufgetragen, aber dessen Effekt hatte begonnen, zu verschwinden. Ginnys Lächeln verschwand abrupt von ihrem Gesicht und wurde von einem besorgten und reuevollen Ausdruck abgelöst.

Ein oder zwei Augenblicke lang schauten die beiden sich einfach nur hilflos an. Keiner von ihnen konnte reagieren, aus Angst, es könnte Argwohn erregen. Nach einem kurzen Moment lächelte Harry sie leicht an und versuchte damit zu zeigen, dass er in Ordnung war und ihr keine Schuld gab. Sie schien davon wenig getröstet zu sein, aber tat ihr Bestes, wieder ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Währenddessen tat er sein Bestes, den Schmerz zu verbergen und so zu tun, als wäre nichts passiert.

Als er sich wieder Neville zuwandte, legte Ron lautstark seine Gabel auf seinen nun leeren Teller und sagte: „Ich habe heute Morgen den Quidditchtrainingsplan aufgehängt." Harry fühlte Ginnys Hand oberhalb seines Knies liegen. Er langte nach unten und legte seine Hand über ihre. Er drückte ihre Hand tröstend, während er seine Aufmerksamkeit auf Ron gerichtet hielt. „Wir beginnen nächste Woche mit dem Training, bereite dich also darauf vor."

Harry nickte und seine Gedanken wanderten wieder zum Quidditch. Bedenkend, was er nun über seinen Oberkörper wusste, war er besorgt, dass er nicht in der Lage sein würde, zu spielen. Er musste flexibel und agil in seinen Bewegungen sein, um als Sucher spielen zu können und er war sich nicht sicher, ob sein Oberkörper den Stress durchhalten würde. Er machte sich Sorgen, dass er seine Position nicht ausfüllen könnte und - schlimmer noch - dass seine Verletzungen für sein Team und möglicherweise für die ganze Schule ersichtlich werden könnten.

Harry hörte ein Rauschen, welches das Eintreffen der Eulen für die morgendliche Post signalisierte. Zwei Eulen landeten vorsichtig vor ihm. Sie trugen ein längliches Paket zwischen sich. Sie ließen das Päckchen vor ihm auf den Tisch fallen, ohne auf die Teller voller Essen zu achten, die im Weg standen. Harry hatte wenig Zweifel, um was es sich handelte, und es tat wenig, um seine Laune zu verbessern. Er zwang ein breites Lächeln auf sein Gesicht, während er sich innerlich fühlte, als hätte er einen Treiberschläger in den Magen bekommen.

Harry schaute sich um und sah die Gesichter um ihn herum. Ron hatte einen Ausdruck der reinen Freude auf dem Gesicht. Neville und Hermine sahen beide interessiert und ein wenig begeistert aus. Ginny schien ähnlich wie er zu denken, denn sie lächelte ihm nur leicht zu und drückte seine Hand. Er bemerkte, dass er viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, denn einige hatten das Paket bemerkt.

„Komm Kumpel, öffne es", drängte Ron mit ungebändigter Begeisterung.

Harry tat sein bestes, sich so begeistert zu verhalten, wie er gewesen sein würde, wenn der Besen eine Woche zuvor angekommen wäre. Er entzog Ginny seine Hand und begann das Paket zu öffnen. Ron musste das Gefühl haben, das dies zu lange dauerte. Er streckte eine Hand aus, um zu helfen, aber Hermine schlug ihm auf die Hand, bevor er überhaupt etwas berühren konnte. Harry fuhr mit seinem gemächlichen Tempo fort, bis er den Besen ausgepackt hatte, ein brandneuer Nimbus 2050. Anscheinend hatten sie sich entschieden, die Modelle 2002-2049 auszulassen.

Er nahm den Besen in seine Hand und drehte ihn hin und her, während sein Blick den Stiel auf und abwanderte bis hinunter zu den präzise ausgerichteten Reisigzweigen.

„Abgefahren", sagte Ron andächtig.

Im Stillen stimmte Harry ihm zu, auch wenn er kaum in der Stimmung war, diese Tatsache zu feiern. Nichtsdestotrotz atmete er tief aus und sagte im Flüsterton: „Brillant."

„Kann ich ihn ausprobieren, Kumpel?", fragte Ron und stieß dann ein überraschtes „Uff" aus. Harry schaute nach unten und sah, wie Ron sich über seinen Bauch rieb, während er zur Seite schaute und Hermine kurz anfunkelte. Hermine schaute ihn bedeutungsvoll an und ohne dass Worte gesprochen wurden wandte Ron sich wieder zu Harry. „Nach dir natürlich."

„Ich kann heute Abend nicht", sagte Harry. „Ich treffe mich nach dem Abendessen mit Dumbledore für unseren wöchentlichen Unterricht und ich habe jede Menge andere Sachen zu tun. Vielleicht am Wochenende oder so", meinte Harry vage. Er wusste, dass er es nicht ewig vor sich her schieben konnte, aber er nahm an, dass es am besten sei, seinem Oberkörper so viel Zeit wie möglich für die Heilung zu geben.

Ginny, deren Hand nie Harrys Bein verlassen hatte, drückte ein weiteres Mal sein Bein oberhalb seines Knies. Warum hatte der Besen jetzt ankommen müssen? Es war, als würde man Salz in eine offene Wunde streuen. Die Vorstellung, seinen neuen Besen auszuprobieren, sollte ihn begeistern. Stattdessen wünschte er sich, dass der Besen nie angekommen wäre. Alles zusammengenommen war es nicht der beste Start in seinen Tag. Er drehte sich zu Ginny, lächelte ihr leicht und traurig zu in dem Wissen, das sie dasselbe wie er dachte. Es war nicht fair, aber er - sie - würden einen Weg finden, es zu überstehen.

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An diesem Abend saß Harry dem Schulleiter während ihrer wöchentlichen Okklumentikstunde gegenüber. Er war ausgesprochen abgelenkt, aber versuchte sein Bestes, es nicht zu zeigen. Er hatte vor dem Unterricht Betäubungszauber auf seine Brust gelegt, so dass sein Oberkörper ihm keine Scherereien machte, auch wenn er sich des fehlenden Gefühls in diesem Bereich mehr als nur bewusst war. Er konzentrierte sich beinahe zu sehr darauf, keine Hinweise auf seine Verletzung zu geben. Aus diesem Grund machte er keine Fortschritte, was seine Okklumentikfähigkeiten anging, auch wenn er das Gefühl hatte, dass er sich gut genug schlug, um keinen Argwohn zu erregen.

Seine Brust war jedoch nicht die einzige Ablenkung für ihn. Die andere Ablenkung war überraschenderweise Fawkes. Es war merkwürdig, aber Harry merkte, wie seine Aufmerksamkeit regelmäßig auf den Phönix gezogen wurde. Wann immer er zu der Vogelstange schaute, schaute Fawkes ihm immer in die Augen, aber dann wanderte sein Blick leicht. Harry hatte das unbestimmte Gefühl, dass Fawkes ihm irgendetwas mitteilen wollte, auch wenn Harry sich nicht sicher war, was.

Er tat sein Bestes, sich die Sache aus dem Kopf zu schlagen und konnte die Unterrichtsstunde hinter sich bringen, ohne dass der Schulleiter begann, ihn zu verdächtigen. Dennoch fühlte er immer noch, als würde Fawkes ihn rufen. Nicht in der Lage zu widerstehen stand Harry von seinem Platz auf und ging zu Fawkes Vogelstange. „Gute Nacht, Professor", sagte Harry, während er zum Schulleiter schaute. Er drehte sich wieder Fawkes zu, streckte seine Hand aus und sagte: „Gute Nacht, Fawkes."

Der Phönix lehnte seinen Kopf gegen Harrys Hand und Harry fühlte, wie sich eine nasse Substanz auf seiner Hand ausbreitete. Als Harry seine Hand wegzog, machte er eine Bewegung, als wollte er sie an seinen Roben abwischen, als plötzlich etwas in seinem Kopf klickte und ihn stoppte. Fawkes merkwürdige Blicke. Phönixtränen. Er wandte sich zur Tür und ging hindurch, bedacht darauf, dass seine rechte Hand nichts berührte. Er drehte den Türknauf mit seiner linken Hand, ging zur Wendeltreppe und zog die Tür mit seiner linken Hand hinter sich zu.

Sobald die Tür geschlossen war, schaute Harry auf seine Roben hinunter. Sie waren im Weg. Mit kaum einem Gedanken erschien ein Riss an seiner Vorderseite und öffnete die Roben für ihn. Harry trug ein Hemd und er nahm sich nicht die Zeit, jeden einzelnen Knopf ordentlich aufzuknöpfen. Stattdessen riss er das Oberteil mit seiner linken Hand auf. Sobald sein Oberkörper bloßlag, legte er seine noch immer feuchte rechte Hand auf seine Brust und fuhr mit ihr über seine verunstaltete Haut. Die Auswirkungen waren augenblicklich zu sehen. Sobald seine Hand über seine Brust fuhr, konnte Harry sehen, wie die verbrannte Haut verschwand. Innerhalb weniger Sekunden gab es keinen Hinweis mehr auf seine frühere Wunde. Harry beendete den Betäubungszauber, der noch auf seinem Oberkörper lag und fühlte keinen Schmerz. Er atmete tief ein und badete in dem wunderbaren Gefühl, die diese einfache Tat in ihm auslöste.

Ein breites Lächeln tauchte auf seinem Gesicht auf und er drehte sich zur Tür zurück. Harry benutzte Gedankenreden und schickte ein „Danke Fawkes." Er erhielt keine Antwort, aber er fühlte, wie ein warmes Gefühl ihn kurz durchfuhr. Harry wandte sich wieder um und schaute an sich hinunter, wobei er den Zustand seiner Kleidung registrierte. Er untersuchte sein Hemd und sah, dass alle Knöpfe bis auf einen noch vorhanden waren. Er knöpfte alle anderen zu und mit einem einfachen Aufrufezauber fand er auch den fehlenden Knopf.

Harry schaute auf seine Roben hinunter und benutzte einen einfachen Reparozauber, woraufhin sich der Stoff selbst wieder zusammenfügte, wenn auch ein wenig grob. Er konnte die Linie sehen, wo der Riss gewesen war, aber er war darüber nicht besorgt, nicht im Moment. Zufrieden eilte er die Treppen hinunter, seine Füße kaum schnell genug und trat in den Flur. Harry verlor keine Zeit und ging die Treppen hoch und die Flure entlang, die zu seinem Büro führten.

Er aktivierte die Karte an der Wand und seine Augen suchten sofort die beiden Orte ab, wo er sie am wahrscheinlichsten finden konnte. Die Bibliothek.

Innerhalb von Sekunden war er durch die Tür verschwunden und rannte bereits um die Ecke und hörte erst dann das Echo der zuschlagenden Tür auf dem Flur. Er flog die Treppen förmlich hinunter und ging auf direktem Weg zur Bücherei. Er öffnete die Tür und sein Blick fand ihr feuerrotes Haar. Er schritt zielstrebig zu ihr, seine Aufmerksamkeit niemals von ihr nehmend.

Er trat hinter sie und legte einen Arm über ihre Schulter, als er sich zu ihr beugte und ihr ins Ohr flüsterte: „Komm mit mir."

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Ginny war überrascht, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte und sie eine Präsenz nahe hinter sich spürte. Ihre Sorgen legten sich, als sie Harrys Stimme hörte und seinen Geruch aufschnappte. Das Gefühl seines warmen Atems an ihrem Ohr war genug, um einen Schauer ihren Rücken herunterlaufen zu spüren. Sie drehte ihren Kopf, um ihn anzuschauen und sah sein breites Lächeln und die funkelnden Augen. Sie wandte sich wieder um und bemerkte schnell, dass alle Blicke am Tisch auf sie gerichtet waren. Einige hatten einen überraschten Ausdruck auf dem Gesicht, während andere wissend schauten. Sie errötete bei der Musterung der anderen.

Sie konnte nicht glauben, dass Harry sie mit so vielen Menschen um sie herum so ansprach. Er war so vorsichtig und verschlossen gewesen, seit sie zusammengekommen waren und nun war er hier und verkündete ihre Beziehung praktisch der gesamten Bibliothek - oder zumindest dem gesamten Tisch. Zu ihrem Glück war keiner der Freunde, mit denen sie lernte, für ihr Tratschen bekannt.

Sie klappte das Sachbuch zu und stopfte es in ihre Tasche. Dann stand sie von ihrem Platz auf und wandte sich Harry zu. Er wippte auf seinen Fußballen auf und ab und machte wirklich den Eindruck, als könnte er nicht aufhören, sich zu bewegen. „Komm", sagte er, packte sie an ihrer Hand und zog sie zum Ausgang.

Sie drehte sich um, um ihren Freunden zu winken, während sie ihm erlaubte, sie aus der Bücherei und die Treppen hoch zu seinem Büro zu führen. Ihr Blick war unverwandt auf Harry gerichtet, der sein breites Lächeln unbeirrt aufrechterhielt, auch wenn er absolut nichts sagte. Er ließ sie zuerst das Büro betreten und folgte ihr dann. Sie hörte die Tür zufallen und wandte sich um, um ihn anzuschauen.

Als sie sich umwandte, stieß sie gegen Harrys Oberkörper. Sie schaute in sein Gesicht hoch und sah ihn sie anlächeln, aber sein Lächeln hatte sich verändert. Es war nicht mehr so breit und war nun verschmitzter. Er legte seine Hand an ihre Wange und drückte ihren Kopf leicht nach oben. Seine Lippen fingen ihre in einen tiefen, versengenden Kuss. Sie war zuerst überrascht, aber verlor sich schnell in dem Kuss. Nach einem langen Moment löste er den Kuss, umarmte sie fest, hob sie hoch und wirbelte sie herum.

„Harry", rief sie. Sie hatte keine Ahnung, was in ihn gefahren war. Über die letzten Tage war er merklich missmutig gewesen, als seine Verbrennung nicht verheilen wollte. Urplötzlich dachte sie an etwas. Sie löste die Umarmung und trat von ihm weg. „Harry, dein Oberkörper", rief sie aus. „Was machst du? Du könntest es schlimmer machen!"

Sein verdammtes Lächeln war wieder in voller Stärke zurück und das ließ sie zögern. „Was ist los?", fragte sie in etwas ruhigerem Tonfall.

Er sagte nichts. Stattdessen zog er sich seine Roben über den Kopf und knöpfte dann langsam sein Oberteil auf. Als er es öffnete, merkte sie, wie sie seine Brust anstarrte, aber sein Oberkörper sah überhaupt nicht so aus wie jeden anderen Abend in dieser Woche, als sie ihn untersucht hatte. Keine Spur von einer Narbe war zu sehen.

Sie fühlte seine glatte Haut unter ihren Fingern und die gestählten Muskeln unter ihrer Hand und dennoch hatte sie keine Erinnerung daran, ihre Hand überhaupt ausgestreckt gehabt zu haben. Ihr Blick wanderte ihren Arm hoch zu Harrys Brust und schließlich hoch zu seinen Augen. „Wie ist das möglich?"

Harry lächelte dann, ein vergnügtes Funkeln in seinen Augen, als er seinen Kopf senkte, um ihre Lippen wieder in einem Kuss zu fangen. Ihre Augen hatten sich geschlossen und als sie sie wieder öffnete, sah sie Harrys Gesicht vor sich, seine Augen auf ihrer Augenhöhe. Seine Zunge verließ seinen Mund für einem Moment und lenkte ihren Blick auf seine Lippen und sie sah, wie diese sich bewegten, als er nur ein Wort sagte: „Fawkes."

„Fawkes?", wiederholte sie unbewusst, als ihr Gehirn schnell die Verbindung zu Phönixtränen herstellte. Dann machte ihr Gehirn eine weitere Verbindung: „Dumbledore!?"

Harry schüttelte seinen Kopf und lachte leise. „Hat keine Ahnung", gab er an.

Sie versuchte, diese neue Information zu verarbeiten, kämpfte aber damit, sie zu verstehen. Harry hatte Mitleid mit ihr, trat hinter sie, packte sie an der Taille und zog sie auf seinen Schoß, als er sich in einen nahestehenden Sessel setzte. Er erklärte ihr dann die Ereignisse des Abends.

Nachdem er mit seiner Erklärung fertig war, waren sie lange Zeit still. Mit einer ihrer Hände streichelte sie gemächlich über seine Brust. Harrys rechte Hand lag auf seinem Oberkörper, gleich neben ihrer, sein linker Arm war um Ginny geschlungen, seine Hand lag über ihrer Hüfte. Ginny hatte ihren Kopf in Harrys Halsbeuge gelegt und schaute auf seinen Oberkörper hinunter.

Sie hatte Schwierigkeiten alles zu verarbeiten. Die ganze Woche war stressig gewesen. Sie war ständig um Harry besorgt gewesen - über seinen Oberkörper und wie er damit umging. Es war schwer zu akzeptieren, dass es einfach so vorbei war. Die ganzen Sorgen und der ganze Stress verschwanden einfach in einem Augenblick.

Sie fuhr fort, über seinen Oberkörper zu streicheln und löste ihren Kopf von seiner Schulter. Sie hatte ihren anderen Arm um seinen Nacken geschlungen und sie benutzte diese Hand, um seinen Kopf zu ihr herunterzuziehen und seine Lippen mit ihren zu bedecken. Der Kuss war ruhig und träge - ein starker Kontrast zu ihrem letzten Kuss, aber es gab keinen Grund zur Eile. Sie wollte sich Zeit nehmen und es genießen. Sie fühlte, wie Harry sie fest an sich presste. Ihre Hand strich nicht länger ziellos über seinen Oberkörper, sie fuhr mit ihren Händen die Muskeln entlang und genoss das Gefühl seines Körpers.

Sie verbrachten den restlichen Abend kuschelnd in seinem Sessel, sich gelegentlich küssend, aber größtenteils nur die Chance genießend, einander zu halten. Es fühlte sich gut an, in seinen Armen zu sein - Harry gesund und munter und ganz zu sehen. Und wirklich: Es gab keine bessere Art, einen Abend zu verbringen als in Harrys Umarmung.

Ende Kapitel 18

Vielen lieben Dank an guest, annette-ella und anno für die Reviews!