Sheppard sprang instinktiv zurück und prallte fast gegen Tarik. Sein Herzschlag dröhnte in seinen Ohren, und eine Sekunde später schämte er sich schon für seine heftige Reaktion.
McKay, der ebenfalls zusammengezuckt war, warf im einen leicht panischen Blick zu. Der Colonel blickte zurück, sich ratlos fühlend, und musste dann alle Konzentration, die er hatte, aufbieten um sich wieder zu beruhigen und die Situation wieder klar im Kopf zu haben.
"Was zum Teufel… " Schon hatte McKays Neugier die Oberhand über seine Furcht gewonnen. Er hatte wieder den Vorwärtsgang eingelegt und schob sich jetzt, zögerlich doch ebenso unvermeidlich von dem leuchtenden Bildschirm angezogen, in den Raum, auf den Computer zu. Ein bisschen erinnerte er Sheppard an eine sehr große, menschliche Motte, die sich von dem plötzlichen Licht angezogen fühlte.
"McKay!", zischte er. Er wusste selbst nicht, warum er flüsterte.
McKay verlangsamte sein Schneckentempo ein wenig und kam fast ganz zum Stehen.
"Was?", flüsterte er zurück. "Meinst du, da greift gleich eine Hand aus dem Bildschirm?"
Sheppard schnappte nach Luft. "McKay!", fauchte er wieder. "Du hast keine Ahnung, was das bedeutet! Komm wieder zurück!" Und was tue ich eigentlich hier?, fragte sich der Colonel plötzlich. Ich muss McKay doch ohnehin immer vor sich selbst beschützen, und nun stehe ich hier an der Tür und rufe nach ihm wie eine Mutter nach einem unartigen Kind - so nicht mit mir.
"Hey! Lass mich los!" McKay wand sich protestierend, als Sheppard ihm am Kragen packte und wieder von dem knisternden Bildschirm wegzog, zurück zu Tarik, der an der Tür stand und so aussah, als wäre er immer noch nicht über die Vorstellung von Händen, die aus dem Bildschirm kamen, um jemanden zu packen, hinweg.
"Was soll das?", fragte ihn Sheppard, mit dem Kopf in die Richtung des schwarz-weiß flimmernden Bildschirms weisend. Tarik starrte ihn nur mit großen Augen an, und hob schließlich die Schultern.
"K-keine Ahnung"
"Großartig" Vielleicht passierte dies ja alle volle Stunde, und es war überhaupt kein Grund zur Beunruhigung - oder…
Mit einer so plötzlichen Bewegung drehte sich Sheppard um, dass diesmal McKay und Tarik zur Seite sprangen.
"Was ist denn nun schon wieder?", quiekte McKay, der es schaffte, dabei noch ärgerlich zu klingen.
"Du - dein Vater!" Sheppard beugte sich ein Stückchen zu Tarik runter. "Hat das - hat das irgendwas mit ihm zu tun?"
Der Junge schüttelte stumm den Kopf, hob dann die Schultern, hilflos. Mit einem Mal fiel Sheppard auf, wie ungesund er aussah. Mehr als bleich- eher…
Ein lauteres Knacken ließ abermals alle drei herumfahren, und Sheppard konnte nicht anders, als zu denken: Langsam reicht es aber, was der Situation zwar recht unangemessen schien, sich aber nicht verhindern ließ.
Das Flimmern des Bildschirm hatte sich verändert. Sie alle verharrten, mit einem Mal angespannt. Vielleicht sollten sie rennen. Vielleicht sollten sie rasch diesen Keller verlassen. Vielleicht…
"Oh!" Wie ein Kind wies McKay mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf den leuchtenden Bildschirm, doch das war gar nicht nötig, Sheppard hatte seine Augen nicht von den schwarz-weißen Schlieren abgewandt, die sich nun in ein kränkliches, durchgehendes Grau verwandelten. Dann, schwarz und in einer so schnellen Abfolge, dass es wie ein Zucken von Organismen unter einem Mikroskop wirkte, erschienen schwarze Zeichen. Eine unbekannte Schrift - und eine unangenehm vertraut erscheinende. Schemata, so rasch alles, das Sheppard allein beim Hinsehen Kopfschmerzen bekam. Schließlich, nach einer unglaublichen Abfolge von Mustern, wurde der Bildschirm für einen kurzen Moment wieder grau, um sich dann mit einem Knacken wieder auszuschalten.
Seiner Lichtquelle beraubt, schien der Keller mit einem Mal um ein Vielfaches dunkler. Niemand rührte sich. War es vorbei? Hatte das letzte Geräusch etwas anderes, Unheil bringendes eingeläutet?
Staub schien sich in Sheppards Kehle festgesetzt zu haben - er wollte husten, doch bevor er die Hand zum Mund gehoben hatte, sprach hinter ihm jemand anderes, ein raue, von Grauen erfüllte Stimme, die kaum noch zu erkennen war und ihm die Nackenhaare zu Berge stehen ließ.
"Sie kommen. Sie kommen wieder. Sie kommen - sie holen sich-" Tarik würgte stumm, seine blassen Augen traten hervor. Einen Moment lang verharrte er auf der Stelle, drehte sich dann um, beugte sich vor und übergab sich in eine Ecke.
Niemand trat zu ihm hin. Sheppard und McKay blieben stehen wo sie waren, die Blick auf den zitternden Jungen gerichtet. Die Taschenlampe flackerte etwas, und schließlich richtete sich Tarik halb wieder auf und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund. Schon begann sich Gestank im Keller auszubreiten.
"Gehen wir nach oben", sagte Sheppard. Keiner schien etwas sagen zu wollen, und aller Widerstand schien mit einem Mal aus Tarik verschwunden zu sein. "Kommt"
Nachlässig schob Sheppard den Teppich über die Luke, als sie oben waren. Niemand von ihnen hatte daran gedacht, sich um das Erbrochene zu kümmern, doch Sheppard hatte das dumpfe Gefühl, dass das eh keine Rolle spielte - sie würden ihre Spuren nicht mehr verwischen können.
Tarik weinte. Es war fast mehr peinlich als mitleid erregend, ein erbärmliches, stummes Weinen, unterbrochen nur von gelegentlichen Schluchzern. Der Junge hatte sich auf das Sofa gesetzt, die Beine an den Körper gezogen und die Arme darum gelegt. McKay hatte sich in einen der Sessel gesetzt und beobachtete ihn von da aus mit einem schwer zu deutenden Gesichtsausdruck.
"Aber ihr wusstet es doch", sagte er schließlich. "Ihr wusstet es doch die ganze Zeit" Er schien keine Antwort zu erwarten.
"Wissen!", brach es aus Tarik heraus. Es war beinahe ein Schrei. "Wissen!" Er holte Atem, tief und zitternd. "Niemand - niemand spricht darüber! Niemand! Wir schweigen und schweigen und schweigen!" Er hatte sich halb aufgerichtet, die Beine waren vom Sofa gerutscht. Sheppard erkannte, dass er etwas sagen wollte, etwas zum Ausdruck bringen wollte, dass er selbst nicht in Worte fassen konnte.
"Niemand sagt etwas!", heulte Tarik. "Es existiert nicht, niemand weiß wirklich etwas - es gibt nur SIE! Ich weiß nicht - wenn ich nur wüsste - LEUTE VERSCHWINDEN! Wir sind - wir sind nicht sicher, nie sind wir sicher - ich weiß nicht, was sie mit ihnen machen - aber es gibt Vermutungen - es gibt Gerüchte-" Er lachte, es klang laut und falsch und grell in Sheppards Ohren. "Es sind alles Lügen! Was sind das - was sind das für Dinger- " Tarik deutete mit dem Finger auf den Boden, dort wo der Keller war. "Was holt sich diese Leute? Wann holt es uns? Was macht es mit ihnen? Und wir - oh, wir geben ihnen die anderen, nicht? Das tun wir doch?" Er verstummte kurz, und Sheppard antwortete, nicht ganz sicher, ob es das war, was der Junge von ihm verlangte.
"J-ja." Um euch zu schützen, hätte er beinahe hinzugefügt, doch jetzt schien die Zeit für ungeschminkte Wahrheiten gekommen zu sein.
"Dann töten wir sie, nicht wahr? Wir sind - wir sind - NIEMAND WILL ETWAS ÄNDERN!", schrie er wieder auf, als versucht sich ein letztes Mal zu verteidigen, gegen einen Gegner, der niemand anders als er selbst war. Tarik starrte Sheppard und McKay an, die sich beide nicht rührten, beinahe erstarrt dasaßen. Sein Gesicht war eine weiße Maske.
"Niemand spricht darüber", flüsterte er. "Aber es ist da, die ganze Zeit. In unserem Haus - in meinem eigenen Haus-" Er legte beide Hände über den Mund, die hellen Augen unnatürlich groß. Er verharrte, nichts war zu hören außer Tariks heftigen, ruckartigen Atem.
"Ich habe Angst", sagte er schließlich. Es klang unerwartet kindlich, und mit einer beinahe verlegenen Geste ließ er die Hände in den Schoß sinken.
Sheppard nickte. Er konnte keine Wut auf Tarik empfinden, und ein Seitenblick auf McKay verriet ihm, dass der Wissenschaftler auch nicht die Absicht hatte, dem Jungen Vorwürde zu machen. Tatsächlich sah er ihn nicht einmal an, starrte stattdessen auf den Teppich.
"Willst du ein paar Antworten?", fragte Sheppard nach einem Augenblick. Tariks Mund zuckte, doch er antwortete nicht, und Sheppard verzog sein Gesicht zu einem schiefen Lächeln und fügte hinzu: "Ich verspreche dir, einige von ihnen werden vielleicht genauso unheimlich wie deine Fragen sein" Wenn auch nicht so schmerzhaft…
Auch wenn es merkwürdig schien, diese nicht gerade Hoffnungen erweckende Antwort schien Tarik die nötige Entschlossenheit gegeben zu haben. Er nickte erst, und begann dann zu sprechen.
"Ihr seid nicht von hier, oder?"
Sheppard schüttelte den Kopf. "Wir kommen vom einem anderen Planeten, sehr weit weg von hier"
Tarik starrte ihn an, machte dann aber wundersamerweise weiter: "Wie seit ihr hier hingekommen?"
"Es gibt eine Vorrichtung, die sich Stargate nennt - mit ihrer Hilfe kann man von Planet zu Planet reisen."
"Und… und…" Der Junge schien nicht die richtigen Worte zu finden, zögerte, setzte dann noch einmal an. "Diese - Sie - die die Leute holen - sind sie - was sind sie?"
"Du meinst die Wraith. Das ist - nun, es ist eine andere intelligente Spezies" Hinter Sheppard schnaufte McKay unterdrückt, und auch Sheppard konnte die Komik der Situation verstehen, auch wenn er Tarik zu liebe ein ernstes Gesicht wahrte.
Dieser starrte ihn immer noch großäugig an. "Diese Wraith - sie - sie reisen von Planet zu Planet?"
"Ja. Sie benutzen zum Teil das Stargate, doch sie können auch in riesigen Schiffen durch den Weltraum reisen."
Tarik nickte, langsam. Dann schien er die schwerste Frage zu stellen: "Und sie… sie… sie brauchen die Menschen wozu?"
"Sie ernähren sich von ihnen"
Einen Augenblick lang war es ganz still. Auch McKay schien wieder vollkommen ernst zu sein. Dann brach Tarik das Schweigen.
"Was?"
"Sie ernähren sich-"
"Sie essen sie?"
McKay schnaubte verächtlich. "So könnte man es ausdrücken, ja. Sehr vereinfacht. Eine etwas bessere sehr vereinfachte Darstellung wäre, dass sie deine Lebenskraft aussaugen, um zu leben"
"Aber das-" Tarik brach ab, unsicher. McKays und Sheppards Mienen waren immer noch vollkommen ernst. "Das ist Wahnsinn", flüsterte er.
"Scheint so, oder?", sagte McKay. Seine Stimme war wieder scharf und schneidend. "Menschen verschwinden lassen, unbekannte Signale empfangen, einen geheimen Keller zu haben…"
"Aber ihr - ihr-"
"Wir sehen aus wie zwei flüchtige Sträflinge, die beide einen ernsthaften Sprung in der Schüssel haben?" Tarik blickte ihn verwirrt an, und Sheppard korrigierte sich rasch. "Als wären wir verrückt?"
"Nun ja…"
"Du wolltest die Wahrheit hören. Das ist die Wahrheit. Ich kann dir leider keine biologischen Fakten liefern, ich bin Soldat. Aber ich kenne diese Wraith, das kannst du mir glauben. Ich habe gegen sie gekämpft"
"Man kann gegen sie kämpfen?"
"Natürlich kann man das", schnappte McKay, doch Sheppard hob rasch die Hand und sprach selber weiter.
"Ja, das ist möglich. Es muss nicht so sein wie bei euch. Hör mal, ich bin mir sicher- ich weiß, das ist sehr schwer zu glauben, doch wir können es dir am Ende beweisen. Nicht hier, nicht jetzt, wir haben keine unserer ursprünglichen Sachen bei uns, aber…" Etwas abrupt verstummte er.
"Wenn ich euch helfe", führte Tarik den Satz weiter. "Dann könntet ihr es mir zeigen? Wenn ich euch helfe, dahin zurückzukehren, wo ihr hergekommen seid?"
"Ja", antwortete Sheppard schlicht.
Kein ganzes Jahr mehr bis zum Abi. Stress. Keine Zeit. Tschuldigung... ich hätte sitzen bleiben sollen, dann wäre ich sicher etwas relaxter...
