Kapitel 26

Er hatte schon schlimme Tage gehabt. Jedes Mal, wenn Harry Potter den verdammten Schnatz vor ihm in der Hand gehalten hatte. Jedes Mal, wenn er Punktabzug bekommen hatte, obwohl es die Schuld von jemand anderem gewesen war.

Jedes Mal, wenn irgendwer in Zaubertränke wieder einmal besser gewesen war als er, und Snape es als persönliche Beleidigung aufgefasst hatte.

Jedes Mal, wenn sein Vater von ihm enttäuscht war – was jeden Tag passierte.

Und heute war bestimmt keine Ausnahme.

Sein Blick wanderte finster über die versammelte Gesellschaft. Nicht nur, dass er Blaise verabscheute, dafür, dass er Narzissa wie ein frühreifer Welpe begaffte, nein. Dumbledore, McGonagall, Snape und ein Haufen Gryffindors standen in seinem Garten und warteten.

Nicht einmal auf ihn. Nein, er war hier. Demütig ergeben wartete er ebenfalls. Auf sein Todesurteil. Seine persönliche Hölle. Ihm war schlecht. Er hatte so wenig geschlafen und so viel getrunken, dass die Zauber für sein Gesicht und seinen Magen ewig gedauert hatten, bis sie ihre Wirkung zeigten.

Der schwarze Anzug war exquisit, saß wie eine zweite Haut, und die letzten Wochen steckten schwer in seinen Gliedern. Er war jung und verarbeitete Stress wahrscheinlich schneller als ältere, aber selbst für ihn war es anstrengend gewesen.

Er entdeckte auch Madame Lestrange in der Menge. Zu dumm, dass sie gar nicht so war wie seine Tante gewesen war, dachte er bitter. Ansonsten hätte er wenigstens auch ein bisschen Spaß an dem Tanzkurs gehabt.

Sein Blick fiel auf Weasley, der neben Potter mit in der ersten Reihe, neben ihren Eltern stand. Ihm war aufgefallen, dass Grangers Mutter ihn mit demselben forschen Blick betrachtete wie ihre Tochter es tat. Dieselben schlammigen Augen.

Ansonsten war – Merlin sei Dank – kein Muggel auf ihrer Rasenfläche.

Aber nein.

Es war kein Rasen mehr, dachte er dumpf, während er sich umsah. Schnee.

Schnee häufte sich auf dem Rasen. Die gesamte Wiese war voll damit. Und es schneite immer noch verhalten. Es wurde eine weiße Weihnacht, wie er es seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. Ob seine Mutter nachgeholfen hatte, wusste er nicht mit Sicherheit.

Überall standen magische Heizsäulen, die die Gesellschaft wärmten, ohne den Schnee zu zerstören. Neben ihm erstreckte sich eine Eisfläche, beleuchtet, spiegelglatt, auch wenn er noch nicht wusste, wozu es gut sein sollte.

Die Luft kondensierte vor seinem Mund, aber er spürte die Kälte nicht. Seine Mutter hatte etwas mit seinem Anzug angestellt.

Die Pferde vor der weißen Kutsche mit Kufen schüttelten träge ihre dunklen Mähnen.

Es war ein Aufwand, als käme der russische Zar höchstpersönlich angereist.

Die Dekoration ging eher ins hellblaue. Silberschellen bewegten sich sanft in den Bäumen, erfüllten die Fläche vor dem Haus mit konstanten Geräuschen, während Streicher, Posaunen und Flöten sich bereits am Rand einstimmten.

Er merkte, dass sich alle erhoben hatten. Er konnte schon gar nicht mehr die Veranda des Hauses erkennen, so viele Menschen hatten sich davor versammelt.

„Aufgeregt?", murmelte Blaise neben ihm. Aber Draco antwortete nicht. Er war starr vor Angst.

Anscheinend ging es los. Das nächste Lied, was angestimmt wurde, war nichts Traditionelles, was Draco mit Namen benennen konnte. Die Harfe zupfte moderne Klänge, eine Sängerin begann ein gälisches Lied, und Dracos Magen krampfte sich zusammen.

Er hatte sich die Wochen und Monate gewehrt, ignoriert, was passieren würde – und jetzt… war es soweit.

Er hatte es nicht verhindern können.

Pansy schritt voran, in einem kurzen Kleid, sehr eng, sehr figurbetont.

Es folgten namenlose Gryffindors, die ihm scheiß egal waren. Die ganze Prozedur dauerte ewig. Und er nahm an, alle Brautjungfern sahen besser aus, als das Schlammblut, was folgen würde. Fast würde er lieber einer dieser namenlosen Gestalten heiraten müssen, als den größten Fehler seines Lebens zu machen, und auf seine Mutter zu hören.

Dann erschien die kleine Weasley, bei der das blaue Kleid gar nicht mal übel aussah, aber Draco machte sich nichts aus Blutsverrätern.

Richtig. Sein Garten war voller Weasleys….

Aber die kleine Weasley blieb auf Mitte des tiefblauen Teppichs stehen, der sich zwischen den Bänken durch den Garten zog. Sie hatte sich umgewandt, mit einem auffordernden Blick. Kurz herrschte angespanntes Schweigen. Die Musik spielte weiter, aber niemand folgte der kleinen Weasley.

Dracos Gehirn erwachte. War sie abgehauen? Das wäre großartig! Dann wäre sein Trauertag zu seinem Glückstag geworden!

Sein Herz schlug eine wilde verzweifelte Sekunde schneller in seiner Brust – aber nein.

Die Musik änderte sich.

Sie kam.

Es waren tausend Leute, müsste sie schätzen! Sie war so aufgeregt!

Sie hatte Angst um das Kleid, die Schuhe, ihr Makeup, ihre Haare.

Und wenn es immer so war, wenn man so aussah, dann wollte sie so einen Aufwand nie mehr betreiben. Sie hatte gar keine Zeit, das Winterwunderland um sich herum wahrzunehmen, bei der ganzen Vorsicht, die sie aufwenden musste, ihre Erscheinung nicht zu zerstören, dass sie sich ärgerte.

Aber ihr entging nicht, wie warm es draußen war.

Wie die Magie des Kleides plötzlich anfing zu wirken, wie es ihrem Körper erschien, als wäre laues Frühlingswetter. Die Leute starrten sie an und sie kannte kein Gesicht in der Menge.

Ihr Herzschlag flachte ab, vor Angst. Sie blieb stehen.

Schnee fiel sanft. Das Grundstück war so weit und weiß. Weiß wie eine Wüste.

Ihre Brust hob und senkte sich unregelmäßig, während sie das Bouquet an stahlblauen Rosen verkrampft umklammert hielt.

Ginny hatte angehalten und sich umgewandt. Sie hatte die Augenbrauen gehoben, und Hermine dachte, dass der Brautvater die Braut führen musste, oder war es so nicht? Scheinbar nicht. Sie ging allein. Als letzte.

Ob er überhaupt gekommen war? Sie nahm es an, denn sonst würde sie hier entlanglaufen, ohne dass jemand sie darüber aufklärte, dass sie eine Demütigung erwartete.

Aber die erwartete sie wahrscheinlich sowieso.

Sie atmete aus.

Sie musste das jetzt tun. Es gab jetzt keinen Weg zurück. Es gab keine andere Möglichkeit, die sie auf die Schnelle, in Glasschuhen, entwerfen und ausführen könnte. Sie hatte nicht einmal ihren Zauberstab bei sich!

Und deshalb schritt sie weiter.

Kaum hatte sie den blauen Teppich betreten, änderte sich das Lied. Eine Geige begann eine süße Melodie zu spielen, die Sängerin sang anbetungswürdig in einer Sprache, die sie nicht verstand.

Und tapfer, als wäre es ihr letzter Gang in ewige Dunkelheit, folgte sie Ginny. Sie wollte weinen, aber dann hätte sie drei Stunden umsonst steif auf dem Sessel gehockt, während drei Hexen ihr Gesicht und ihre Haare bearbeitet hatten.

Sie hob den Blick zum Ende des Gangs.

Die süße Musik erfüllte ihre Ohren, als sie ihn sah.

Sein helles Haar hob sich von der Menge ab. Er trug einen dunklen Anzug, wohl den, den sie ausgesucht hatten.

Sie hatte seinen Bund nicht gebunden, fiel ihr auf. Brachte es Unglück? Aber wie viel mehr Unglück sollte sie noch haben? Immerhin war er aufgetaucht. Ob er vollkommen betrunken war?

Sie brachte es nicht über sich, zu lächeln, denn sie glaubte, dann würde sie schreien vor Schmerz. Also blieb sie ernst, gab vor, ernsthaft berührt und ehrfürchtig zu sein.

Was sie von der Dekoration auch war. Ihr Blick fiel auf die riesige Eisfläche, die Pferde, das Streicherorchester am Rand…. Sie hatte Angst.

Sie erreichte die erste Reihe, während sie alle Blicke ignorierte. Und der erste Blick, den sie erwiderte war Harrys. Sein Mund stand halb offen, und sie fragte sich, ob sie so widerlich aussah, oder ob er sie noch in einem Kleid gesehen hatte und einfach verblüfft war. Ron trug einen ähnlichen Ausdruck im Gesicht, und Dumbledore daneben lächelte vergnügt, zwinkerte ihr zu, während McGonagall bereits ein Taschentuch gezückt hatte.

Selbst Snape wirkte nicht vollkommen schlecht gelaunt wie sonst, nein. Seine Mundwinkel zuckten, stellte sie verwundert fest.

Molly Weasley und ihre Mutter standen nebeneinander und weinten überglückliche Tränen, während auch ihr Vater nicht so standhaft wirkte, wie sie ihn kannte. Er hatte die Lippen aufeinandergepresst, und fast wollte sie auch weinen. Wenn auch aus anderen Gründen. Narzissa und Lucius standen auf der anderen Seite, gefasst, wenn auch wohlwollend.

Obwohl sie bei Lucius annehmen musste, sein prüfender Blick war eher wie ein persönlicher Test. Ein Test, ob sie es wirklich durchziehen würde.

Ihr Blick wandte sich stur wieder nach vorne. Wahrscheinlich gehörte es sich nicht ein Blickduell mit seinem Schwiegervater zu beginnen, dachte sie dumpf, während das Wort einen furchtbaren Nachgeschmack in ihrem Mund hinterließ. Die Musik hatte aufgehört. Sie sah ihn nicht an, schritt bis zum Ende des Teppichs und blieb neben ihm stehen.

Aber sie musste ihn wohl oder übel ansehen.

Und tatsächlich erwiderte er ihren Blick, nicht ganz so verdattert und geschockt wie Harry und Ron es getan hatten, aber definitiv hatte sein Gesicht heute nicht den verächtlichen Zug um den Mund, den sie bereits gewöhnt war. Nein, sein Ausdruck zeigte keine Spur von Hass oder Abscheu. Seltsam. Und er wirkte… so ausgeschlafen. Aber das konnte nicht sein, richtig? Wahrscheinlich hatte er einige Aufputsch-Zauber erhalten. Sie wusste, wie wenig er geschlafen hatte und wie betrunken er gewesen war.

Und dass er versuchte hatte, noch nachts in ihr Zimmer zu kommen.

Und ihr war nicht aufgefallen, dass der Pfarrer vor ihnen wohl auf ihre Aufmerksamkeit wartete, denn sie betrachtete ihn immer noch. Er war, trotz ihrer hohen Schuhe, größer als sie, füllte das Jackett komplett aus und machte eine gute Figur neben ihr. Das ärgerte sie. Es ärgerte sie, wie gut er aussah. Wie lächerlich gut er tatsächlich aussah.

Es wunderte sie nicht wirklich, denn sie wusste ja, wie er aussah.

Auch sein Blick schien noch immer auf ihrem Gesicht gefangen zu sein.

„Chrm", machte der Pfarrer beflissen, und Malfoy wandte tatsächlich ertappt den Blick als erster nach vorne, als hätte er vollkommen vergessen, wo er gerade eben war. Auch sie hatte kurz alle Leute um sich herum vergessen, bei dem Gedanken, wie unmöglich er sich verhielt, und wie dreist es von der Natur doch war, ihn gut aussehen zu lassen dabei.

Sie senkte hastig den Blick auf die tausend Schichten ihres funkelnden Kleides.

„Wir sind heute hier versammelt, um diese beiden junge Menschen im Bund magischer Verbundenheit zu vereinen und als vollwertige Mitglieder des Gesellschaft willkommen zu heißen", begann der Pfarrer, während Hermine die Stirn kraus zog. Vollwertige Mitglieder der Gesellschaft? Und was war sie vorher gewesen? Eine halbe Muggel, die zufällig im Kampf gegen Voldemort gesiegt hatte? Gott, sie hasste Reinblüter.

Dennoch schlug ihr Herz ungewöhnlich schnell, obwohl sie sich versicherte, es war ja alles nur zum Schein. Nur ein Projekt. Eine Befreiungsaktion. Aber es war schwer, diesen Gedanken streng fortzuführen, wenn es niemand wusste, während sie alle diese Leute hier, die sich ehrlich für sie freuten, nur täuschte.

Hermine hatte auf Durchzug geschaltet, während der Pfarrer irgendetwas vom reinen Blut, Traditionen und dem großartigen Geschenk, Reinblüter zu sein, erzählte.

„…- wollen Sie, Draco Lucius Malfoy, Hermine Jean Granger zu ihrer Ehefrau nehmen, mit ihr im magischen Bund der Gesellschaft eine Einheit bilden, die Traditionen der Reinblüter schätzen und fortführen, in Ehren halten und als Gesetze befolgen, bis dass der Tod Sie scheide?", fragte er schließlich, und Hermine hob den Blick, ernsthaft gespannt, was er sagen würde, aber sie kannte die Antwort ja bereits. Sonst wäre er hier nicht aufgetaucht, denn sie half ihm nur, sein Gold zu behalten. Merlin…. Was für eine verlogene Gesellschaft.

Und sie glaubte, Muggel heirateten unter einer anderen Prämisse. War es nicht: Ihre Frau lieben und ehren, in Krankheit und Gesundheit, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheide?

Und fast glaubte sie, er würde es tun. Er wirkte so gequält. Ihr Mund öffnete sich einen Spalt, als sie glaubte, er würde Nein sagen. Für eine Sekunde, sah sie es in seinen Augen.

Und dann war es verschwunden. Sein Blick wurde stumpf, und stoisch, ohne jedes Gefühl, nickte er nur.

„Ich will", sagte er, und hätte auch nach der Uhrzeit fragen können, so gleichgültig klang er. Hermine seufzte auf. Ok. Damit hatte sie ja gerechnet.

„Miss Granger", fuhr der Pfarrer fort, und Hermine hörte nicht weiter zu. Ihr Blick glitt zur Seite, und fast spürte sie wieder Tränen des Zorns in ihren Augen. Jetzt wäre ein denkbar schlechter Zeitpunkt für eine Szene, überlegte sie ärgerlich.

„Miss Granger?", bemerkte der Pfarrer argwöhnisch einige Sekunden später, als er wohl seine Frage bereits gestellt hatte. Ihr Blick hob sich beschämt.

„Ich will", sagte sie hastig, denn sie nahm an, danach hatte er gefragt.

„Damit erkläre ich Sie zu Mann und Frau vor dem magischen Gesetz", rief er zufrieden über die Menge. Und kurz erfasste Hermine eine unglaubliche Panik, denn Malfoy würde sie jetzt küssen oder nicht? Kam es nicht jetzt? Wo war der Ring? Aber der Pfarrer sagte nichts, die Menge applaudierte lediglich, und plötzlich änderte sich das Licht.

„Wenn ich Sie zum Hochzeitstanz bitten darf?", sagte der Pfarrer abschließend und Hermine war verwirrt. Bedankte man sich nicht erst bei allen Leuten, dass sie gekommen waren? Ging man nicht den Gang wieder hinunter, seinen Bräutigam an seiner Seite? Tat man nicht ungefähr alles andere, als ausgerechnet jetzt zu tanzen?!

Sie starrte den Pfarrer panisch an, denn sie konnte nicht tanzen! Und in den Schuhen ohnehin nicht. Im Tanzkurs war sie grottenschlecht gewesen. Und war es nicht ein Gruppentanz? Und wo sollten sie tanzen? Und bekam sie nicht noch einen Ring aufgesetzt?

Aber der Pfarrer war ihr keine weitere Hilfe und sie wandte sich verwirrt an Malfoy, der bereits zur Eisfläche gegangen war. Hastig lief sie hinter ihm her. Es musste furchtbar aussehen, wie sie vollkommen unfähig hinter ihm her dackelte.

„Malfoy", zischte sie böse, damit er anhielt. „Nein!", entfuhr es ihr, als er einfach die Eisfläche betrat. Er wandte sich um, und schiere Verständnislosigkeit löste seinen verzweifelten Blick ab.

„Was?", fuhr er sie tonlos an. Und sie hörte es. Sie hörte, wovon sie ausging, dass es von nun an immer in seiner Stimme sein würde. Unterdrückter Abscheu, gemischt mit Hohn und ewiger Enttäuschung. Das hieß wohl, es lief alles nach Plan. Immerhin etwas, aber… was nun folgte war unmöglich. Sie blickte hinab auf das spiegelnde Eis. Und… es war… wie ein Muster aus kristallenen Schneeflocken unter dem Eis. Er verdrehte tatsächlich die Augen. Was dachte er? Dass sie mit Schuhen aus Glas die Fläche betreten würde?

Sie spürte einen Schatten neben sich.

„Deine Schuhe sind imprägniert. Dracos auch. Es wird sich anfühlen wie… Parkett", wisperte Narzissa mit Tränen in den Augen neben ihr. Hermines Mund öffnete sich in stummem Verständnis. Hastig wandte sie den Blick.

„Was müssen wir tanzen? Ich kann keinen-"

„-lass dich führen", flüsterte Narzissa wohlwollend. Das wollte Hermine nicht. Dann wollte sie lieber mit Ron eröffnen. Sie entschied, sie hatte schon zu oft mit Malfoy getanzt. In ihrem Leben wollte sie es nicht noch einmal tun müssen. Sie sah zu Narzissa auf, die ein wenig verblüfft wirkte. „Es ist Tradition", wisperte sie mit Nachdruck. Hermine hörte bereits Getuschel.

Oh, Merlin noch mal! Wie oft musste sie tanzen?

Vorsichtig, wie auf Eierschalen betrat sie das spiegelnde Eis.

Aber… Narzisa hatte Recht. Es war… nicht glatt.

„Verflucht, Merlin, beweg dich endlich!", knurrte er zwischen den Zähnen hindurch, und sie hob den Blick.

Das waren also die ersten echten Worte, die er zu ihr sagte?

„Wag es nicht so mit mir zu reden, Malfoy!", zischte sie zornig und überfordert mit dem Eis, den Schuhen und dem furchtbaren Tanz, der folgen würde. Kurz tauschten sie Blicke, die geeignet waren einander umzubringen. Und tatsächlich gab er nach. Das erste Mal in ihrer gemeinsamen Geschichte, stellte sie fest. Er kam zu ihr und reichte ihr – wenn auch zornig – seine Hand. Sie hasste es. Jetzt musste sie handeln.

Lustlos streckte sie ihm ihre Hand entgegen, die er grob nahm. Sie legte die Hand auf seine Schulter, sah ihn nicht an, und mit dem ersten Takt der Musik begann er den Tanz.

Oh Gott! Hätte er nicht ein paar Takte warten können?!

Niemand folgte ihnen auf die Tanzfläche. Sie spürte, wie angespannt er war. Sie wollte nur nicht fallen, wollte alles, nur nicht fallen, und krallte sich praktisch in seine Schulter.

Er wollte sie scheinbar in eine Pirouette drehen, aber sie klammerte sich praktisch an ihn. Sein Blick fiel.

Ein wenig verwirrt, ein wenig überrumpelt.

„Was soll das?", fragte er tatsächlich, als wäre er abhängig davon, dass er sie drehte. Sie atmete angestrengt aus. Sie schüttelte einfach nur stumm den Kopf.

„Nicht", sagte sie einfach nur. „Ich will nicht mehr tanzen, Malfoy", flüsterte sie. „Ich habe genug vom Tanzen, wirklich", sprach sie zitternd, obwohl es nicht kalt war. Er hatte innegehalten, und die Gespräche wurden lauter. Als hätte sie soeben Hochverrat begangen. Zuerst dachte sie, er wolle nach seiner Mutter rufen, aber dann sanken seine Hände von ihrem Körper, er atmete aus, und blickte kurz zur Seite, als müsse er nachdenken.

Die Musik war nach und nach verstummt.

Dann löste er sich von ihr und ging vor ihr auf die Knie.

Verdattert zog sich ihre Stirn in krause Falten, als sie auf seinen hellen Schopf blicken konnte. Gereizt hob sich schließlich sein Blick.

„Fuß, Granger", knurrte er tatsächlich und sie zuckte vor Schreck zusammen. Fahrig hielt sie sich an seiner Schulter fest und hob den linken Fuß. Und geschickt zog er den Glasschuh von ihrem Fuß, nahm ihren anderen Knöchel in die Hand und befreite sie auch von diesem Schuh. Sie war wieder klein.

Er erhob sich zu seiner vollen Größe, und ihr Kopf lag nun in ihrem Nacken, um ihn anzusehen. „Besser?", erkundigte er sich mit einem Hauch von Spott in der kühlen Stimme.

„Du hältst dich für besonders witzig, oder?", murrte sie beschämt, während einige der Gäste lachten.

„Nein, ich halte mich für überhaupt nichts mehr", erklärte er ruhig, fast tonlos, ohne jede Emotion. Er beobachtete sie, aber sie spürte die Röte in den Wangen, denn die Menge hatte sich näher an die Eisfläche gestellt. Sie spürte einen Hauch von Kälte unter ihren Füßen.

„Ok, fein", gab sie schließlich entnervt nach, legte ihm die Hand auf die Schulter, während er ausatmete und den Arm um ihre Taille legte.

„Das ist zu eng", wisperte sie hastig. Er atmete angestrengt aus.

„Das ist ein verfluchter Hochzeitstanz, Granger", erwiderte er gereizt. Gerne wollte sie ihn daran erinnern, dass sie jetzt Malfoy hieß, nur um ihn zu ärgern, aber sie tat es nicht.

Sie hielt sich einfach an ihm fest.

Er wirbelte sie anschließend über die Fläche, hielt sie fest an sich gepresst, so dass sie niemals würde fallen können, und sie betete nur, dass es aufhören würde. Diese traditionellen Tänze waren so erschöpfend.

Und dann verstummte die Musik und er war mit ihr stehen geblieben.

Es hatte nicht lange gedauert.

Es war ein guter Tanz gewesen, denn sie war ihm nicht auf die Zehen gestiegen, war nicht gefallen, und nun suchte er ihren Blick, und kaum hatte er ihre Aufmerksamkeit zog er den Ring aus seiner Jackettasche.

Er unterschied sich zu ihrem Verlobungsring in Größe, Gewicht und wahrscheinlich dem Preis immens. Er war vierreihig. Abwechselnd eine Reihe Diamanten, folgend von einer Reihe glänzendem Platin. An Schmuck wurde wohl nicht gespart. Verblüfft ließ sie es über sich ergehen, dass er den Ring auf ihren Finger schob. Er passte, als wäre er für sie angefertigt.

Und jetzt klopfte ihr Herz schneller, denn die Leute hatten aufgehört zu reden. Stumme Erwartung hing in der Luft.

Und ein Blick in seine grauen Augen bestätigte ihr, dass etwas Erhebliches folgte.

„Du bist verdammt anstrengend", sagte er schließlich, als sie sich nicht bewegte.

„Was?", flüsterte sie geschockt. „Was ist eigentlich dein Problem?", brachte sie gepresst hervor. „Du hast die gesamte Zeit beschissene Laune, und-" Er hatte sie stehen gelassen, war zu der Stelle gegangen, wo ihre Schuhe standen, kam wieder und sprach, während er wieder auf die Knie ging.

„Du bist zu klein, Granger. Und wenn ich dich schon nicht küssen will, weil du ein Schlammblut bist, will ich dich auch nicht küssen, weil du verdammt noch mal zu klein bist für mich. Es ist unbequem", schloss er, und erhob sich, nachdem er ihr umstandslos die Schuhe wieder angezogen hatte, und sie wackelige zehn Zentimeter höher vor ihm stand.

„Küssen…", sagte sie verständnislos, und wäre Narzissa dankbar gewesen, wenn sie sie wenigstens über zwei, drei Traditionen hier aufgeklärt hätte.

„Ja, ich finde es auch widerlich", bestätigte er ihre Worte, und seine Mundwinkel hoben sich zu einem freudlosen Lächeln. Sie stellte fest, dass sie ihn noch nie hatte lächeln sehen. Es war so offensichtlich, wie unwohl er sich fühlte, wie unerwünscht sie in seinen Augen war, wie sehr er sich quälte mit dieser Hochzeit. Es war kein ehrliches, aufrichtiges Lächeln.

Aber es war gut so. Sie wollte auch niemals ein aufrichtiges Lächeln von ihm sehen. Er musste durch dieses dunkle Kapitel gehen, bevor er befreit werden konnte. Es sollte die unglücklichste Hochzeit in der Geschichte aller Hochzeiten werden. Und es schadete ihm überhaupt nicht, wenn ihm mal nicht alles zu Füßen gelegt wurde!

Sie schluckte schwer, denn auch ihr war nicht nach Lachen zu Mute. Nicht nach Freudentränen, nicht nach Liebe bis zum Lebensende.

Sie dachte an Ron. Und sie würde alles geben, was sie noch hatte, würde sie Malfoy jetzt nicht küssen müssen. Und würde es Ron nicht sehen müssen. Präventiv fuhr sie sich mit den Fingern über die Wange.

Kurz verschwamm er vor ihren Augen. Oh nein! Sie durfte nicht weinen. Ihr Körper schmerzte bereits, weil sie sich so sehr zusammen reißen musste. Die Zeit tickte zäh dahin, Sekunden wurden immer länger, und sie wusste, es musste jetzt sein oder es würde nur noch unangenehmer werden.

Fast zwang sie ihn mit ihrem Blick, es endlich zu tun. Diese lästige Kleinigkeit hinter sich zu bringen. Sie hoffte, ihre Eltern und Narzissa und Lucius taten es als Nervosität ab, als… kleine Angst. Zitternd reckte sie ihr Kinn in die Höhe.

Und sie hasste nichts mehr, als den Gedanken, dass sie ihn auch noch dazu nötigen musste, sie zu küssen.

„Merlin, tu es einfach, Malfoy!", knurrte sie, als er sich scheinbar nicht entschließen konnte. „Die Leute müssen schon denken, wir sind vollkommen unfähig", entfuhr es ihr, denn plötzlich war sie sich wieder im Klaren, dass sie von tausend Leuten beobachtet wurden. Er kam näher.

„Na und? Mir ist es scheiß egal, was die Leute denken", sagte er nur, und sie glaubte nicht, dass es in der nächsten Zukunft passieren würde, dass er sie tatsächlich küsste. Merlin, er war so anstrengend!

„Malfoy!", ermahnte sie ihn gepresst.

„Was?", fuhr er sie an, aber sie verdrehte die Augen. Schön, dann musste sie es eben tun! Sie griff in seine Jackettaufschläge. Kurz trat Überraschung in seine grauen Augen, aber sie ließ ihm keine Zeit, zu verdauen, zog ihn einfach näher, und ignorierte ihrer beider Abscheu.

Mit ihrer Überwindung brach sie auch den Abstand, und sie verschloss seine überrascht geöffneten Lippen, während sie fast auf Zehenspitzen stand. Kühl war das Gefühl, und sie spürte er, wie er einatmete.

Unbeholfen schlossen sich ihre Augen, und sie würde ihn einfach umbringen, wenn er weiter wie eine Salzsäule vor ihr stehen würde! Es war so bezeichnend, dass er sie nicht einmal küssen wollte.

Sie hoffte, sie konnte nach drei Sekunden wieder von ihm ablassen, und die Leute würden es noch für glaubhaft halten. Ja, das waren ihre Gedanken.

Und nicht für sie, aber für alle anderen sollte dies ja der schönste Tag ihres Lebens sein. Es war fast traurig. Noch immer waren ihre Finger in sein Jackett gekrallt. Wahrscheinlich wäre es netter, würde sie die Arme um seinen Nacken legen, und ihn nicht gerade dazu zwingen, sie zu küssen, aber solche Gedanken waren lächerlich. Sie wollte hier keine perfekte Show hinlegen. Sie fühlte sich ohnehin nicht wohl, wenn fremde Menschen sie beobachteten.

Es war das dritte Mal, dass sie Draco Malfoy küsste.

Und tatsächlich zog er fast grob den Kopf zurück, aber Hermine glaubte nicht, dass die Leute es würden erkennen können. Sein Blick war fast schockiert, als er sie ansah.

Und sie glaubte, er würde sie beleidigen. Sie nahm es wirklich an!

Dann brach er den Blickkontakt und ließ sie stehen. Er ließ sie auf der Fläche zurück, und sie wusste, sie musste ihm schnell folgen, denn sonst stand sie alleine auf der Tanzfläche.

Verhalten klatschte die Menge, und sie sah, die Leute waren aufrichtig gerührt.

Merlin, die Leute mussten alle blind sein, dachte sie bitter.

Er hatte tausend Hände geschüttelt – nicht Potters, darauf hatte er geachtet. Jetzt standen die Leute im Garten quer verteilt, einige tanzten, einige lachten und tranken, und die Kellner achteten darauf, dass sein Glas Scotch immer voll war. Er war bereits betrunken. Und es fiel scheinbar auf.

„Vielleicht solltest du auf dein Limit achten." Lucius hatte sich neben ihn gestellt, nippte ebenfalls an einem Kristallglas, gefüllt mit goldener Flüssigkeit, und Draco sah ihn nicht an. „Du hast Glück, dass deine Mutter deine Gäste so gut unterhält."

„Sie hat sie auch eingeladen", knurrte er Draco bloß.

Lucius seufzte lediglich, als wäre Draco eine große Bürde. „Wo ist deine Braut?", fragte er schließlich. Und es war noch eine weitere langweilige Frage, die Draco nicht beantworten konnte oder wollte. Es war ihm egal, wo sie war. Er zuckte die Achseln. Aber der Blick seines Vaters war erbarmungslos. „Dann such sie!", befahl er kalt.

Draco tat nichts lieber, als sich von ihm zu entfernen. Er hatte sich abgewandt und war wieder verschwunden. Kurz blickte er über die Menge, konnte sie aber nicht entdecken, also ließ er sich ein volles Glas geben und schritt hinüber zu Blaise und Goyle.

Je länger sie weg war, umso weniger musste er von ihr sehen, zog er dumpf den Umkehrschluss.

Noch immer war er angewidert von ihrem Kuss. Sie hatte diese Hochzeit bisher abgehandelt wie eine lästige Hausarbeit, die erledigt werden musste.

Er hatte ein Schlammblut geküsst. Er musste diesen Nachgeschmack loswerden.

Blaise sprach mit einer hübschen Blondine, die sein Interesse schon vor einigen Minuten geweckt hatte.

Und er hatte sich eine Ablenkung verdient. Denn er hatte heute alles getan. Er hatte geheiratet und sein Vermögen war sicher.

Jetzt musste er nur noch Grangers Leben zur Hölle machen.

Bitter leerte er das Glas und bekam sofort ein volles gereicht.

Grimmig trank er auch davon, beinahe gierig, den ersten Schluck.

Blaise winkte ihm bereits zu. Draco erwiderte den Gruß mit einem Nicken, schüttelte vom Alkohol kurz benebelt den Kopf, und ging zu seinen Freunden, um ein unverfängliches Gespräch mit seiner nächsten Eroberung anzufangen.