25. Bordeaux

Man könnte, wenn man denn wollte oder müsste, die Woche in Bordeaux mit wenigen, knappen Worten beschreiben: Herrlich, entspannend, erhellend und anregend. Aber leider würde man dadurch den Einzelheiten und kleinen Begebenheiten dieser Reise nicht im Mindesten gerecht.

Da waren zum einen diese wohltuenden Tage im Bassin d´Arcachon, die sie völlig unspektakulär an oder im nahen Meer und auf der geschützten Terrasse ihres kleinen, aber feinen Gärtnerhauses verbrachten. Dieses umgebaute Muggelferienhaus, war Teil eines beeindruckenden Câteauxs, das auf einem Plateau inmitten von Weinbergen gebettet lag. Dabei waren es nur wenige 100 Meter bis zum schlosseigenen Sandstrand, an den der Atlantik mit tosendem Brausen spülte.

Sie unternahmen jeden Tag längere Spaziergänge und Wanderungen, zur Abwechslung mal ohne eine einzige Zutat mit nach Hause zu bringen und besuchten an einem Tag Bordeaux selbst. Die Sonne blieb ihnen die gesamte Woche über treu und brannte trotzdem nie erbarmungslos vom Himmel. Wie gesagt, sehr angenehm. Hermine bekam tausende von neuen Sommersprossen und er tatsächlich etwas Farbe, sie schmeckte nach dem Salz des Meeres und er roch nach Sonnencreme.

Gleich am ersten Tag kauften sie auf dem Wochenmarkt im nahegelegenen Dorf Vorräte für die gesamte Woche ein und vergaßen auch nicht, einige Flaschen erstklassigen, heimischen Weins mitzubringen.

Die Arbeitsverteilung hatte sich wie von selbst ergeben, Severus sorgte für das leibliche Wohl und Hermine plante die Tagesaktivitäten. Beides wurde zur gegenseitigen Zufriedenheit ausgezeichnet erledigt. Er musste es immer wieder verwundert feststellen, sie ergänzten sich in ihrer Unterschiedlichkeit hervorragend und hatten dennoch genug Gemeinsamkeiten, um sich nie fremd zu sein.

Am Abend saßen sie meist auf der kleinen Terrasse, nippten an einem hervorragenden Glas Wein und taten das, was sie am liebsten taten, diskutieren und philosophieren, laut über dies und das nachdenken und sich dabei neue Trankideen ausdenken, deren Gelingen natürlich sofort gründlichst durchdacht werden musste. Mit anderen Worten, sie hielten Lagerfeuerabende ab und Severus war sich sicher, nie im Leben so entspannt und glücklich gewesen zu sein, wie in dieser Woche Bordeaux.

Dabei waren auch die Nächte wahrlich nicht zu verachten. Ganz und gar nicht! Bei Merlin, er konnte einfach nicht genug von ihr bekommen! Und was noch verwunderlicher war, sie anscheinend auch nicht von ihm.

Aber noch etwas geschah in dieser Woche, er bemerkte es fast gar nicht, es war auch eher unspektakulär, doch im Nachhinein betrachtet von unschätzbarem Wert.

Sie begann damit, ihn in ihre Vergangenheit mitzunehmen, ihn an ihrem Leben, bevor es Hogwarts gab, teilhaben zu lassen. Sie erzählte, wie es gewesen war, als sie klein und ohne Freunde aufwuchs, umringt von liebenden und zugewandten Erwachsenen, die aber leider kein Ersatz für Gleichaltrige waren. Und sie berichtete leise davon, wie sie ihre Magie entdeckte, wie verwirrend es war, herrlich und gleichzeitig schmerzhaft, denn jetzt war sie mehr als ein Außenseiter, jetzt war sie definitiv anders, eine Erkenntnis, die sie mehrere Monate lang völlig aus der Bahn geworfen hatte. Natürlich ohne, dass dies irgendwer mitbekommen hatte versteht sich, solche Sachen machte eine Hermine Granger lieber mit sich alleine aus.

Sie erzählte ihm in dieser Woche viele kleine Episoden ihres Lebens, die ihm halfen, die Frau, die er heiraten wollte, besser verstehen zu können, ihr Handeln und ihren Charakter besser einordnen zu können. Sie tat das meist im Dunkeln, wenn sie in ihrem bequemen, französischen Bett lagen, engumschlungen und noch ganz gefangen von den Eindrücken der gerade erlebten Umarmung. Sie tat das, wenn sie Rast einlegten, bei ihren Wanderungen und Spaziergängen und sie tat das, wenn die Sonne hinterm Horizont verschwand und nur noch das Zirpen der Grillen übrig blieb, wenn er nur noch das schwache Glitzern ihrer Augen wahrnehmen konnte und ihr leises, gleichmäßiges Atmen hörte. Dann begann sie sachte und wie zu sich selbst redend, zu erzählen.

Mal waren es schöne Erinnerungen, mal recht schmerzhafte, mal musste er lachen und einmal, da hatte er sie auch tröstend in seine Arme ziehen müssen.

Er hörte ihr aufmerksam zu, fragte wenig, gab fast keine Kommentare oder Bemerkungen ab, hielt sich sogar mit beißenden Kommentaren und Anmerkungen zurück, auch wenn es ihm ab und an mehr als schwer fiel, denn er merkte intuitiv, dass dies unpassend sein würde.

Bordeaux offenbarte ihm eine Hermine Granger, die ihm seltsam vertraut war und doch auch völlig neue Seiten offenbarte.

Am Tag vor ihrer Abreise, nach einem durchaus sehr gelungenen Mittagessen schaute sie ihn lange nachdenklich an.

„War es schlimm für Dich, dass ich Dich in dieser Woche so zugetextet habe?"

„Du textest mich doch immer zu und das schon so lange, wie ich Dich kenne", entgegnete er spöttisch.

„Du weißt genau, was ich meine!", sagte sie leise.

„Ja, das weiß ich", er griff über den schmalen Tisch nach ihrer Hand und zog sie an seine Lippen.

„Ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht, ob Du das hören willst", fuhr Hermine fort, „und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass Du es hören musst."

„So?", er hob fragend eine Augenbraue in die Höhe und zog sie vom Stuhl hoch und zu sich heran, bis dass sie auf seinem Schoß saß.

„Ich wollte auch wissen, ob Du damit umgehen kannst, ob Du mich auslachst oder ob Du alles nur über Dich ergehen lässt, nach dem Motto, ‚Sie hört schon irgendwann wieder damit auf'."

Sie nestelte an seinem Kragen herum, ohne ihm in die Augen zu blicken und nagte nun auch noch an ihrer Unterlippe herum.

„Ich habe Dir sehr genau zugehört, Hermine", sagte er leise und wartete geduldig auf ihre Reaktion.

„Ich weiß und das bedeutet mir sehr viel", ihr Blick schnellte kurz zu ihm hoch, „ich wollte Dir dafür danken, Severus."

„Ich habe eher den Eindruck, dass ich Dir danken müsste", entgegnete ihr Verlobter und hob ihr Kinn sanft an.

„Warum?", fragte Hermine erstaunt.

„Wie vielen Menschen hast Du das bis heute erzählt?"

„Nun, eigentlich nur meinen Eltern und Harry und Ron und Ginny, wobei keiner alles weiß", überlegte Hermine.

„Siehst Du, es ist ein Vertrauensbeweis oder etwa nicht?"

Hermine lächelte ihn an und nickte still, dann küsste sie ihn zärtlich und flüsterte in sein Ohr, „Ja, mein Freund das ist es", sie küsste ihn wieder, „und ich wollte Dich nicht heiraten, ohne dass Du mich wirklich kennst."

„Glaubst Du denn, dass ich Dich nicht richtig kenne, Hermine?", fragte er verwundert.

„Ich weiß nicht, ich bin mir zwar bewusst, dass man einen Menschen nie ganz kennt, dass man sich selbst wahrscheinlich nie ganz kennt, aber ich hatte schon den Eindruck, dass Du diese Seite, neben der nervigen Besserwisserin, der recht passablen Wissenschaftlerin, der verrückten Geliebten und der stressigen Freundin auch kennen solltest."

„Gut", befand Severus, „dann sollte ich Dir jetzt sagen, dass ich diese Seite an Dir genau so liebe wie die außergewöhnliche Wissenschaftlerin, den besten Freund, den ich je hatte und die begehrenswerteste Frau die ich mir vorstellen kann!", er grinste süffisant, „nur die nervige Besserwisserin, die nehme ich gerne in Kauf, vor allem, weil Du auch mich mit meinen vielen schlechten Eigenschaften verflixt gut kennst und mich trotzdem willst."

„Ach, Severus", seufzte sie lächelnd und schlang ihre Arme um seinen Hals, „manchmal will ich Dich so sehr, dass mir ganz schwindlig wird vor Verlangen.

„Schön, dass es Dir auch so geht!", brummte er glücklich und küsste sie verlangend.

„Müssen wir wirklich morgen wieder zurück?", murmelte sie bedauernd, als sie nach einer Weile gemeinsam den Tisch abräumten und das Geschirr abspülten.

„Ja, auf alle Fälle, denn wie Sie wissen, wartet eine ganze Menge Arbeit auf uns, Miss Granger!"

„Schade, hier war es sehr schön!"

„Fand ich auch, aber wenn wir noch länger durch die Welt reisen, uns auf Familienfeiern vergnügen und Urlaub machen, dauert Ihre Meisterzeit wesentlich länger als bis zum 2. Januar!"

„Das geht natürlich nicht, Professor, denn ich käme niemals auf den Gedanken, meinen Tränkemeister zu heiraten!"

„Gut, dass Sie es einsehen, Miss Granger, denn ich werde ein sehr genaues Augenmerk darauf haben, dass ihre Meisterzeit keine Minute länger dauert, als vorgesehen, immerhin haben Sie sich diese Meisterzeit ergaunert!"

„Oh, ja", nickte Hermine selig, „das war die beste Straftat, die ich je begangen habe!"

Na, da konnte er ihr doch nur zustimmen!