Ich lud mir mein Tablett mit Pizzastücken und Beagles voll, während Tanya sich mit einem mickrigen Salat zufrieden gab. Sie achtete geradezu extrem auf ihre Figur. Na ja, solch lange schlanke Beine, kamen nicht von ungefähr.

Wir setzten uns zu Em und Rose, die uns Plätze freigehalten hatten. Alice plapperte munter mit dieser scheußlichen Jessica Stanley. Die beiden hatten sich nach ihrem Streit wieder versöhnt. Bei Mädchen folgte auf den großen Knall immer die tränenreiche Versöhnung.

Ich beobachtete Mike, Taylor und Eric, die sich in ihren lächerlichen Bemühungen um Bella zu übertreffen versuchten. Ich wollte unbedingt ihre Gesichter sehen, wenn sie dem Werben eines anderen Jungens nachgab. Trotteln wie sie es waren, würde Bella bestimmt nicht ihr Herz schenkten. Was war mit meiner Ausdrucksweise los? Dieser Satz hätte auch aus einem dieser mir verhassten Highschool- Drama- Herzschmerz - Filmen stammen können, die sich Rose und Alice reihenweise reinzogen. Ich atmete tief ein und aus, um den Kopf klar zu bekommen und konzentrierte mich auf Mikes und Bellas Gespräch. "... Du musst unbedingt mal mitkommen an den Strand von La Push. Das ist so ein kleines Indianerdorf an der Küste. Perfekt zum Surfen. Ich surfe ziemlich gut musst du wissen. Ich habe schon bei mehreren Wettbewerben gewonnen. Das Meer ist mein Terrain. Dir würde es dort bestimmt gut gefallen", plapperte Mike mit stolz geschwellter Brust. So viel ich wusste, stand er nicht mehr ein paar Sekunden auf dem Brett. Ich verdrehte die Augen. Er würde wahrscheinlich so ziemlich alles tun, um Bella zu beeindrucken. Diese schien ihm jedoch nicht einmal zuzuhören. Ihr Blick ging ins Leere, die Hände waren auf der Tischplatte ineinander gekrallt. ".. Also kommst du mit?"

Bella reagierte nicht. "Bella?" Sie drehte sich zu Mike um. "Hmm?" "Ob du mitkommst?", wiederholte Mike. "Wohin?", fragte sie verständnislos. Ich grinste. "Na zum Strand?" Mike warf ihr einen beleidigten Blick zu. Bella schien zu dämmern, dass sie gerade in ein Fettnäpfchen getreten war. Fast unmerklich lehnte ich mich nach vorne, um ja kein Wort zu verpassen. "Oh, also ich denke... wir können ja alle gemeinsam Mal hingehen." Mike wirkte enttäuscht. Gut so.

Als es wenig später zum Ende der Pause klingelte, stopfte ich mir den letzten Bissen in den Mund- Mein Mittagessen hatte ich bis zum Schluss hartnäckig vor Jas und Em verteidigen müssen.

In Bio schien es Bella noch schlechter zu gehen. Von meinem Platz hinter ihr konnte ich sie gut beobachten. Sie legte den Kopf auf die Tischplatte, wurde nicht einmal rot, obwohl Tanya gerade die dritte überhebliche Bemerkung machte. Tanya wurde mit keinem richtig warm. Sie verstand sich mit anderen Menschen generell nicht gut, doch Bella hasste sie geradezu. Ihre Gefühle Bella gegenüber waren unschwer an ihren bissigen Kommentaren und ihren wütenden Blicken zu erkennen.

"Ms. Swan, ist Ihnen schlecht?", fragte Mr. Banner besorgt, der scheinbar seit dem Augenblick, indem Bella zum ersten Mal sein Klassenzimmer betreten hatte, eine väterliche Zuneigung für sie gefasst hatte. "Mir ist schwindelig", murmelte sie und rieb sich die Schläfen. "Ich bringe sie zur Krankenschwester!"

Ich musste mich nicht umdrehen um zu wissen, wer sich da gerade gemeldet hatte. Es sah Mike Newton ähnlich, Bella seine Gesellschaft aufzuzwingen, wenn sie zu wehrlos war, um ihn mit höflichen aber deutlichen Worten auf Abstand zu halten. Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Mike war bereits aufgesprungen und versuchte Bella hektisch beim Aufstehen zu helfen. Mein Blick fixierte seine Hände, die Bellas Arme umklammerten. Ich unterdrückte den Drang, aufzuspringen und ihm eine rein zuhauen.

Ich wusste nicht warum, aber ich wollte nicht, dass Mike Bella in irgendeiner Art und Weise berührte. Er kannte sie nicht. Er war nur ein durchschnittlicher, milchgesichtiger, ungeschickter Junge. Und Bella entsprach in keiner Hinsicht dem Durchschnitt. Es wurde mir erst jetzt klar, als ich Mike vor mir sah und mich gleichzeitig an die nervige Kellnerin gestern im Restaurant erinnerte. Ihre Handynummer hatte ich zuhause in den Müll geworfen. Die Kellnerin und Mike waren durchschnittlich und langweilig. Bella nicht. Vielleicht lag es daran, dass ich jetzt das Gefühl hatte, sie besser zu kennen als die anderen. Weder Alice noch Rose gegenüber hatte sie sich geöffnet. Es erfüllte mich dem Hauch von Selbstgefallen, dass ich scheinbar der einzige war, der die Chance hatte, Bellas Geheimnisse zu ergründen. Mike würde niemals dahinter kommen. Er hatte mit Sicherheit noch nicht einmal bemerkt, dass Bellas Gesichtsausdruck manchmal nicht mit dem übereinstimmte, was sie sagte. Er hatte ein ganz anderes Bild von Bella in seinem Kopf erschaffen. Eines von einem Mädchen, dass genauso oberflächlich und durchschnittlich war wie er. Und besagter Junge wankte gerade mit einer aschfahlen Bella im Arm in Richtung Tür. Sein Arm lag auf ihrer Taille. Ich suchte in Bellas Gesicht nach Anzeichen, dass ihr seine Berührung missfiel, konnte allerdings keine entdecken. Wahrscheinlich ging es ihr zu schlecht, um sich zu beklagen. Vielleicht merkte sie es nicht einmal. Trotzdem, ich wollte Mike nicht mit einer völlig wehrlosen Bella alleine lassen. Anscheinend entwickelte ich jetzt den gleichen Beschützerinstinkt für sie, wie jedes andere männliche Wesen auch.

"Vielleicht solltest du mitgehen", sagte ich zu Alice, ohne Mikes Arm, der sich an seinem Platz an Bellas Hüfte äußerst wohl zu fühlen schien, aus den Augen zu lassen. Es erfüllte mich mit heftigem Zorn, dass irgendjemand es wagte, Bellas zarten Körper an Stellen wie diesen zu berühren. Em und Jas hätten genau so reagiert. Bella war schließlich unsere Schwester.

Alice warf mir einen verständnislosen Blick zu... aber da war noch etwas, als würde sie sich über irgendwas freuen oder im positiven Sinne aufregen. "Warum? Mike hat doch alles im Griff. Sie wird ihm schon nicht auf die Füße kotzen", sagte sie schelmisch. Ich warf ihr einen bösen Blick zu. Das war bestimmt nicht der richtige Zeitpunkt für mittelmäßige Scherze. Abgesehen davon wäre es sicher ganz lustig, wenn Bella Mike vollkotzen würde. "Er steht auf sie, weiß du", sprach sie das offensichtliche aus. Als ob ich das nicht schon gewusst hätte.

"Mike steht auf alles, was lange Beine, Oberweite und ein hübsches Gesicht hat." Alice lachte. "Das tust du doch auch, oder doch nicht?" Sie grinste mich an und fuhr sich mit den knallrot lackierten Fingernägeln durch die gekonnt aufgestellten Stacheln ihres kurzen schwarzen Haars. Manchmal fragte ich mich wirklich, wie Jas es mit ihr auf engstem Raum aushielt. Jedes andere männliche Wesen hätte schon nach wenigen Minuten mit einem Quälgeist wie Alice den Verstand verloren.

"Mit dem kleinen Unterschied, dass ich in Sachen Frauen immer bekomme was ich will und Mike nicht", sagte ich trocken. Alice lachte. "Heute sind wir aber sehr unterkühlt, Eddy."

"Alice, wenn du gerade jemanden brauchst, den du nerven kannst, such dir ein anderes Opfer!" Sie stieß erneut ihr trällerndes Lachen aus. "Du bist doch nur pampig, weil Mike den Helden spielen kann." Ich warf ihr einen pikierten Blick zu. "Seit wann spiele ich gerne den Helden? Ich muss nichts tun, damit mir die Frauenherzen zufliegen, schon vergessen? Mein Aussehen und die ganz beträchtliche Portion Charme, mit denen ich gesegnet bin, regeln das für mich. Mike hat weder das eine, noch das andere."

Alice kicherte. "Mike ist ganz süß. Viele Mädchen an der Schule mögen ihn."

"Erzähl das Mal Jasper", erwiderte ich ungerührt. Seit geschlagenen drei Minuten starrte ich jetzt schon auf die Türe. Dort waren Mike und Bella eben verschwunden. Ich fragte mich unwillkürlich, ob Bellas Gefühle sich für Mike nach seiner Rettungsaktion, mangels einer besseren Bezeichnung, verändern würden. Mädchen mochten es, wenn ein Junge den Helden spielte.

Nach fünf Minuten wurde ich langsam unruhig. Es klopft und ein zerstreut wirkender Mike platzte ins Zimmer. "Sie ist auf dem Flur zusammen geklappt", rief er außer Atem. Alice stieß ein paar undamenhafte Wörter aus und sprang auf. Ich tat es ihr gleich. "Wir kümmern uns um Bella", sagte Alice zu unserem besorgten Biolehrer. Ich verkniff mir ein Grinsen. Mikes Plan, Bella zu beeindrucken war gehörig nach hinten los gegangen. Ein echter Held hätte sein Mädchen getragen. Mike hatte jedoch kaum etwas, dass man als Muskeln bezeichnen konnte. Er war ein Schwächling und würde sich wahrscheinlich beim Versuch, Bella zu tragen einen Bruch heben, obwohl sie bestimmt nicht viel wog. Alice und ich hetzten Mike hinter her, ein Stockwerk tiefer sah ich Bella schon mit dem Rücken an die Wand gelehnt sitzen. Der Kopf ruhte auf den Knien. "Bella?" Alices Stimme überschlug sich.

Bella reagierte nicht. "Ist sie bewusstlos?", fragte Alice an mich gewandt. Ich hob hilflos die Schultern. "Woher soll ich das wissen?" Das Gefühl der Machtlosigkeit machte mich wütend. Alice rüttelte an Bellas Knie, worauf diese wie eine Stoffpuppe zur Seite kippte. Ihr braunes Haar floss in sanften Wellen über das helle Laminat. Ihr Gesicht war kreidebleich, die Lippen ein kleines Bisschen geöffnet, die Augen geschlossen. Ich hatte noch nie ein Mädchen gesehen, dass so schutzbedürftig war wie sie. Ich legte vorsichtig zwei Finger an ihren Hals um ihren Puls zu fühlen. Die Tatsache, dass er relativ normal war, nahm mir meine Panik größtenteils. Nach fünf Minuten, die sich wie eine halbe Ewigkeit angefühlt hatten und in denen Alice und ich beratschlag hatten, was wir tun sollten regte sich Bella. "Wie geht es dir?", fragte Alice besorgt.

"Mir ist... nur schwindelig", murmelte Bella kaum verständlich. "Sie konnte nicht mehr weiter gehen", erklärte Mike, der sich bis jetzt aus unserem Gespräch herausgehalten hatte. Ein Blick meinerseits ließ ihn verstummen. Alice kniete sich neben Bella auf den Boden. "Nur schwindelig oder auch schlecht?", fragte sie und legte ihr eine Hand auf die Stirn, um ihre Temperatur zu prüfen. "Nur schwindelig", wiederholte Bella schleppend. Sie lehnte den Kopf gegen die Wand, ihre Augen waren geschlossen.

Mike stand da, vom einen Fuß auf den anderen tretend, wie der letzte Idiot. Die offensichtliche Begierde, mit der er Bella musterte, ging mir gehörig gegen den Strich. Sie war verdammt noch mal halb ohnmächtig und er dachte an so etwas?

"Du kannst zurück gehen, wir kümmern uns um sie", sagte ich kalt. Mike wich einen Schritt vor mir zurück. "Ich...ich bleibe noch kurz", stammelte er. Ich stieß gereizt die Luft aus. Anscheinend wollte er das Risiko eingehen, in den nächsten Minuten von mir auf die Fresse zu kriegen. "Kannst du aufstehen?" Alice strich Bella vorsichtig eine Strähne ihres mahagonifarbenen Haars aus dem Gesicht. Sie schüttelte schwach den Kopf. "Komm mal her Edward." Alice warf einen kurzen Blick in meine Richtung. "Oder Mike", fügte sie hinzu. Ich bedeutete Mike mit einer Handbewegung stehen zu bleiben. Noch mal würde ich ganz sicher nicht tatenlos zusehen, wie er meine Fast-Schwester angrabschte. Alice legte Bella vorsichtig einen Arm um die Schulter und versuchte sie hochzuziehen. Als Bella taumelnd auf die Beine kam und ihr ganzes Gewicht auf der winzigen Alice lastete, ging diese ächzend in die Knie. Reflexartig griff ich nach Bellas Taille, um sie vor einem Sturz zu bewahren. Sie stolperte gegen meine Brust, ich legte einen Arm um sie und wartete bis Alice sie auch von der anderen Seite stützte. "Du kannst jetzt wirklich zurück gehen!", sagte ich an Mike gewandt.

Als wir mit der schwankenden Bella das Gebäude verlassen hatten und das Hauptgebäude anstrebten, sah Alice mich grinsend an. "Du hättest nicht so fies zu ihm sein müssen." Ich zuckte mit den Schultern. "Ich kann ihn nicht leiden." "Das habe ich gemerkt", erwiderte sie kichernd. "Jetzt bekommst du Heldenbonus bei Bella und nicht Mike." Ich warf ihr einen abschätzenden Blick zu. "Und wenn schon? Nur weil ich nicht gern sehe, wie Mike sich an ihr aufgeilt, heißt das noch lange nicht, dass ich etwas wie Heldenbonus nötig hätte. Erinnerst du dich an unsere Gespräch eben? Wenn ich etwas will bekomme ich es auch, ich muss nur ein bisschen nett sein. "

"Ich mein ja nur", murmelte Alice. Wir trugen Bella mehr als dass sie selbst lief über den Schulhof, hinüber in den Betonbau, indem sich das Lehrerzimmer, der Empfangsraum und ein winziges Krankenzimmer befand. Drinnen sprang die dickliche Krankenschwester wie ein aufgescheuchtes Huhn auf, als wir mit ihr herein kamen. "Was ist denn passiert?"

"Ehrlich gesagt wissen wir das selber nicht genau. Bella war schon den ganzen Tag nicht gut und eben in Bio konnte sie dann kaum noch laufen", berichtete Alice aufgedreht.

Die Krankenschwester bat uns, Bella auf die Liege zu helfen. "Hast du heute schon getrunken oder etwas gegessen, Liebes?", fragte sie großmütterlich. "Ja", murmelte Bella und massierte sich die Schläfen. "Also können wir Kreislaufprobleme weit gehen ausschließen oder bist du besonders empfindlich?"